Skip to main content

Full text of "Hundert Jahre : Bilder aus der Geschichte der Stadt Zürich in der Zeit von 1814-1914"

See other formats


p^.i 

^n 

^f 

1 

^ 

•« 

y 

w 

i 

i^ 

1 

5i-  '  -V     '--y  -i  ■ 


4-:y.i<'-' 


<i'<- 


''''  N, 


>t(V',i;i< 


..-ät-,,,_-*_. 


1 

s 

I 


HUNDERT  JAHRE 

BILDER  AUS  DER  GESCHICHTE  DER 

STADT  ZÜRICH 

IN  DER  ZEIT  VON 
1814-1914 


ie-n 


IL  BAND 


ZÜRICH  1915 
DRUCK  UND  VERLAG  DER  BUCHDRUCKEREI  BERICHTHAUS 

(VORMALS  ULRICH  &  Co.) 


♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ 


INHALT  DES  ZWEITEN  BANDES 


Inhaltsübersicht Seite  III 

Verzeichnis  der  Illustrationen XI 

Benutzte   Quellen 431 

Alphabetisches  Namen-  und   Sachregister 433 

V.  TEIL:    DIE  DEMOKRATEN 

26.  Kapitel:    Die  Freiherren  von  Regensberg 

Die  Pamphletbewegung,  Seite  3;  falsche  Sicherheit  des  „Systems"  5;  der 
Prokurator  Dr.  Friedrich  Lrocher  5;  der  Prozess  Härlin-Ulmer  6;  Locher 
und  die  „Freitagszeitung"  7;  die  „Freiherren  von  Regensberg",  I.  und 
II.  Teil  8;  Lochers  Vorgehen  gegen  Obergerichtspräsident  Dr.  Ulmer  9; 
der  III.  Teil  der  „Freiherren"  10;  die  Wirkungen  des  Pamphlets  11;  Re- 
volver-Affäre des  Obergerichtsschreibers;  Rechtfertigung  des  Obergerichts 
12;  Ulmers  Rücktritt  13;  Stelhmg  der  Demokraten  14;  die  Schützenhaus- 
Versammlimgen  Dr.  Lochers  15;  der  Fackelzug  17;  Treunimg  Lochers  von 
den  Demokraten  19;  1^2  Tage  Verfassungsrat  20;  weitere  Pamphlete  21; 
Locher  wandert  aus;  Dubs  über  die  Pamphletbewegung  23. 

27.  Kapitel:    Die  Dezember-Landsgemeinden 

Dezemberfeier,  Ustertag,  Novemberfeier  25;  Bedeutung  der  Dezember- 
Landsgemeinden  25;  die  Fehler  des  Repräsentativ- Systems  26;  Johannes 
Scherr  über  ,,  Staatsmännischkeit  und  Gründertum"  27;  Volksstim- 
mungen 29;  die  Ziele  der  Revisionsbewegung  31;  die  Führer  der  Demo- 
kraten Bleuler-Hausheer,  Friedrich  Albert  Lange  32;  Stadtpräsident  Dr. 
J .  J .  Sulzer  von  Winterthur,  Gottheb  Ziegler,  Stadtschreiber  Theodor 
Ziegler,  Rudolf  Zangger,  Ludwig  Forrer,  Kommandant  Karl  Walder,  Karl 
Bürkh,  Greulich ;  gemässigte  Demokraten  Grunholzer,  Regierungsrat  Dr. 
Suter,  Widmer-Hüni;  Pfarrer  Salomon  Vögehn,  ,, Bankvater"  Keller  ^^i 
Fritz  Scheuchzer,  Walter  Hauser,  Reinhold  Rüegg,  Dr.  Fran^ois  Wille  34; 
erste  Oppositionsversammlung  in  Uster  am  7.  Oktober  1860;  Gottfried 
Keller  Staatsschreiber  34;  Bundesratswahl  Dubs;  Partialrevision  von  1865 
(10,000  Unterschriften)  35;  Akademische  Mittwochgesellschaft;  erste  Er- 
folge der  Opposition  36;  der  Ustertag  1867,  Aufgebot  zur  Landsgemeinde  39; 
die  Landsgemeinden  vom  15.  Dezember  1867  in  Zürich,  Winterthur,  Bülach, 
LTster  40;  die  26,349  Unterschriften  und  die  Volksabstimmimg  vom  26.  Jan. 
1868;  ,,PoHtischer  Gemeindeverein",  liberaler  ,, Stadtverein"  44;  Dr.  Eugen 
Escher  Redaktor  der  ,,N.  Z.  Z.",  Verfassungsratswahlen  März  1868  45; 
die  Konservativen  und  die  Bewegung,  die  Brüder  Georg  imd  Friedrich 
von  Wyss  45;  die  ,, Stillen  im  Lande"  46;  Annahme  der  neuen  Verfassung 
vom  18.  April  1869  47;  die  ,, neuesten  Freiherren"  Lochers  48;  Würdigung 
der  demokratischen   Bewegung  durch  Ulrich  Meister  50. 


IV 

28.  Kapitel:    Die  Herrschaft  der  Demokraten 

Die  Anfänge  der  reinen  Demokratie  52 ;  demokxatische  Ausschliesslichkeit 5 5 ; 
die  Jungliberalen,  Siebers  Sturz  und  Wiederwahl  56;  Rücktritt  von  Bun- 
desrat Dubs  57;  die  Bewegung  für  die  neue  Bundesverfassung  58;  Winter- 
thurer  Eisenbahupolitik  60;  der  „Dettenbergkrieg"  61;  Dubs  und  seine 
Schmalspurbahngesellschaft  62;  finanzielle  Sch\vierigkeiten  der  National- 
bahn 63;  die  Nordostbahnkrisis  64;  der  pohtische  Umschwung  65;  der 
Konkurs  der  Nationalbahn  67;  Gründung  der  „Züricher  Post"  68;  Rück- 
tritt imd  Tod  von  Bleuler-Hausheer  69. 

29.  Kapitel:    Die  Arbeiterbewegung 

Demokraten  und  „Soziahsten"  71;  Treichler  und  der  Kommunismus  72; 
Gründimg  des  Konsumvereins  und  des  GrütHvereins  Ji;  Treichler  Re- 
gierungsrat 74;  Karl  BürkHs  Expedition  nach  Texas  76;  seine  Verdienste 
als  Historiker  etc.  jj;  erste  Streikbewegungen  -JT,  der  Schlosserstreik  von 
1886  78;  die  erste  Internationale  80;  die  zweite  Internationale  81;  die 
deutsche  Sozialdemokratie  vmd  die  Schweizer  Arbeiterbewegung  82 ;  Her- 
man  Greuhch  83;  Gründung  der  „Tagwacht"  85;  Gründung  des  („alten") 
Arbeiterbimdes  85;  Verhinderimg  seines  Kongresses  1874  in  Zürich  86; 
Zwiespalt  zwischen  Demokraten  imd  Sozialdemokraten  86;  das  eidgenös- 
sische Fabrikgesetz  87;  der  „Eidgenössische  Verein"  87;  die  schweizerische 
sozialdemokratische  Partei  87;  das  Ende  der  „Tagwacht"  88;  die  Nord- 
ostbahn-Initiative, das  Getreidemonopol  und  Robert  Seidel  89;  der  ver- 
hinderte Soziaüstenkongress  von  1881  90;  der  neue  Arbeiterbund  und  das 
schweizerische  Arbeitersekretariat  91. 

VI.  TEIL:    DAS  AUFBLÜHEN  DER  STADT 

30.  Kapitel:    Stadtpräsident  Mousson  (1863 — 1869) 

Biographie  95;  die  Schulreform  von  1860  98;  die  Gleichstellung  von  Bür- 
gern und  Niedergelassenen  98;  die  neue  Stadtverfassung  1866  mit  Ein- 
führung der  Einwolinergemeinde  99;  die  letzte  Hinrichtimg  99;  der  „Würt- 
tembergische Staatsschatz"  in  Zürich  1866  99;  das  eidgenössische  Musikfest 
und  die  alte  Tonhalle  1867  100;  Wilhelm  Baumgartners  Tod  100;  der  Um- 
zug des  alten  Spitals  nach  Rheinau  loi;  die  Cholera  101/103;  Besuch  der 
Kaiserin  Elisabeth  von  Österreich  102;  Wechsel  im  Stadtschreiberamt  1868 
beim  Rücktritt  von  Dr.  Eugen  Escher  104;  Stadtschreiber  Bernhard  Spyri, 
Frau  Johanna  Spyri,  die  Famiüe  Mousson  105. 

31.  Kapitel:    Die  grosse  Bauperiode 

Stadtingenieur  Dr.  Arnold  Bürkli  106;  Arnold  Vögeü-Bodmer  108;  Alfred 
Escher  und  die  zürcherischen  Eisenbahnbestrebuugen  109;  Gotthardsub- 
vention,  Reppischtalbahn,  Neubau  des  Bahnhofs  Zürich,  Linksufrige 
Zürichseebalin  iio;  Rechtsufrige  Zürichseebahn,  das  Projekt  WetH,  Ütü- 
bergbahn  1 1 1 ;  Brand  des  Ütliberg-Hotels  112;  Kloakenreform,  Riesel- 
felder im  Ivimmattal  113;  Wasserversorgung,  Typhusepidemie  (1884)  114; 
Niederleguug    des    Renuwegtors,    der    „Rain",    der    Baugartenhügel    115; 


V 

Baugartengesellschaft,  Börsenbau,  Kratzturm  ii6;  Stadthausanlagen  und 
angrenzende  Bauten,  Hotels  und  Privatbauten  Bahnhofplatz  und  Bahn- 
hofstrasse  117;  Leu  &  Co.,  Kantonalbank,  Schweiz.  Kreditanstalt,  Zentral- 
hof, Kappelerhof,  Kratzquartier,  altes  Stadthaus  118;  Verwaltungsgebäude 
im  Fraumünsteramt,  Stadthausquai,  ,, Trümpierturm",  Belle  vue  119; 
Zähringerquartier,  Ketzerturm,  Limmatquai,  neues  Schlachthaus  120; 
die  Gesellschaft  der  Schildner  zum  Schneggen,  die  Museumsgesellschaft, 
die  Schipfekorrektion  121;  Quaibauten  122;  Quaibrücke  123;  Hafen  Ries- 
bach luid  Zürichhom,  Rathausbrücke,  Sihlbrücke  und  übrige  Brücken- 
bauten 124;  Industriequartier,  Kaserne  und  Zeughäuser  125;  Rämistrasse, 
Pfauen,  Judenfriedhof,  Friedhof  Rehalp,  St.  Anna-Friedhof,  Zentralfried- 
hof, Krematorium,  Leichen  Verbrennungsverein  126;  Friedhöfe  bei  St.  Jakob, 
katholischer  Friedhof,  Annexanstalten  zum  Polytechnikum,  Burghölzli, 
Bürgerasyl,  Annexanstalten  der  Hochschule  127;  St.  Anna-Kapelle,  Kirche 
Unterstrass,  Friedenskirche,  Restaiu-ation  von  Kirchengebäuden,  Ober- 
gerichtsgebäude u.  a.  Hochbauten  128;  Evang.  Seminar,  Freie  Schule 
Zürich  I,  Anstalt  für  Epileptische,  Krankenhaus  Neumünster,  Kinder- 
spital, ,, Rotes  Kreuz",  kath.  Gesellenhaus  129;  Orell  Füssh  (Bärengasse), 
Berichthaus  (,, Grünes  Schloss")  130;  Pferdebahn  131;  Oberst  Huber- 
Werdmüller  132;  Telephon  133;  elektrische  Uhren,  elektrische  Haus- 
glocken, Seegefrörne  134/135. 

32.  Kapitel:    Grenzbesetzung  1870/71 

Der  deutsch-französische  Krieg  136;  die  Schweizer  Expedition  nach  Strass- 
bturg  137;  Strassburgs  Dank  138;  Sympathien  in  der  Schweiz  139;  die 
deutsche  Presse  gegen  die  Schweiz  140/141;  zweites  Truppenaufgebot, 
die  Zürcher  Truppen  an  der  Grenze  142;  der  Übertritt  der  Bourbaki- Armee 
in  die  Schweiz  143/144;  die  Internierten  in  Zürich  145/146;  der  deutsche 
Kommers  in  Zürich  imd  der  Tonhallekrawall  (am  9.  März  1871)  I47ff. ; 
Sympathie-Kundgebungen  für  die  Deutschen  155;  Krawall  vor  der  Straf- 
anstalt (am  10.  März)  156;  Anrufung  der  eidgenössischen  Intervention  157; 
beim  Rathaus  158;  der  Sturm  auf  das  Zuchthaus  (11.  März)  159;  die  eid- 
genössischen Truppen  xmd  der  eidgenössische  Kommissär,  Abreise  der  In- 
ternierten 160;  das  Franzosendenkmal,  die  Verhandlungen  im  Kantons- 
rat 161  ff. ;  Verstimmung  der  Deutschen  163;  die  deutsche  Presse  gegen 
den  ,,Deutschenhass"  der  Schweiz  164/165;  Kriegsgericht  und  eidgenös- 
sische Assisen   166;   Gottfried  Kellers  deutschfreundlicher  Toast   167. 

33.  Kapitel:    Der  letzte  Antistes 

Die  zürcherischen  Antistes  168;  Antistes  Diethekn  Georg  Finsler  168  ff. ; 
Jugend,  Bildimgsgang,  Pfarrer  von  Berg  a.  I.,  literarische  Tätigkeit  169; 
Kirchenrat  und  Antistes,  Pfarrer  in  Wipkingen  170;  Pfarrer  am  Gross- 
münster, Pfarrer  Ludwig  Heinrich  Pestalozzi  171;  Finslers  kirchliche  Wirk- 
samkeit 172;  weitere  VeröffentHchungen  173;  Zwinglifeier  und  Zwingli- 
deukmal-Einweihung  (15.  August  1885)  174;  die  beiden  Jubiläen  Finslers 
175/176;  Lebensende;  Pfarrer  Rud.  Finsler  am  Grossmünster;  die  stadt- 
zürcherischen  Kirchgemeinden  176;  kirchliche  Zentralkasse;  zürcherische 
Geisthche:  Prof.  Alex.  Schweizer,  Dekan  G.  R.  Zimmermann  177;  Pfarrer 
Adolf  Ritter,  Helfer  Heinrich  Hirzel,  Pfarrer  Heinrich  Lang,   Jak.  Wiss- 


VI 

mann,  Prof.  Dr.  Furrer  178;  Pfarrer  und  Schulpräsident  Paul  Hirzel,  Pfar- 
rer Walter  Bion,  Pfarrer  Edmund  Fröhlich ;  die  religiös-soziale  Bewegung, 
Pfarrer  Propst,  Lic.  Hermann  Kutter  179;  Prof.  Leonhard  Ragaz  180; 
neue  Bibelübersetzung   181. 

34.  Kapitel:    Landesausstellung  1883 

Der  Durchschlag  des  Gotthardtunnels,  Organisation  der  Landesausstellvmg 
182;  die  Männer  der  Landesausstellung  183;  die  Ausstellungsbauten  184/185; 
Eröffnimgsfeier  186/187;  Verlauf  der  Ausstellung  188;  Schluss  189. 

35.  Kapitel:    Gottfried  Keller 

Einleitung  190;  die  Eltern  191;  Jugendjahre  192/193;  Regula  Keller,  letzte 
Schuljahre  193;  Anfänge  der  Malerei  und  Schriftstellerei,  die  Münchener 
Lehrjahre  i94ff. ;  wieder  in  Zürich  1842 — 1846,  Anfänge  des  ,, Grünen 
Heinrich",  Erwachen  der  Dichtkimst,  politische  Gedichte  196;  der  An- 
schluss  an  Jiilius  Fröbel  und  Ludwig  Folien,  ,,0  mein  Heimatland"  197; 
aktive  Politik,  Freischarenzug,  Gottfried  Kellers  ,, Lieder  eines  Autodidak- 
ten" 198;  erste  Sammlmig  ,, Gedichte"  (1846)  199;  staatliches  Stipendium, 
Reise  nach  Heidelberg  200;  Heidelberg  imd  Berhn,  der  ,,  Grüne  Heinrich" 
201/202;  ,,Neue  Gedichte",  letztes  Stipendium,  ,, Leute  von  Seldwyla"  202; 
die  Not  in  Berlin  203/204;  Heimkehr,  die  Zürcher  Jahre  1855 — 1861  204; 
der  Staatsschreiber  205;  50.  Geburtstag,  ,, Sieben  Legenden",  ,, Züricher  No- 
vellen" 206;  Ehrenbürger  der  Stadt,  60.  Gebiirtstag,  nach  dem  Rücktritt 
als  Staatsschreiber,  Umarbeitvmg  des  ,, Grünen  Heinrich"  207;  ,, Sinn- 
gedicht", ,, Gesammelte  Gedichte",  ,, Martin  Salander",  Gottfried  Keller 
und  C.  F.  Meyer  208;  Lebensabend  im  ,, Thaleck",  Arnold  Böckhn,  70.  Ge- 
burtstag 209;  Gottfried  Kellers  Testament,  Krankheit,  Tod  und  Begräb- 
nis 210;  Gottfried  Keller-Büste,  Gottfried  Keller-Zimmer,  Gottfried  Keller- 
Denkmal,   C.   F.   Meyer  über  Kellers  Bedeutung  211. 

36.  Kapitel:    Stadtpräsident  Römer  (1869 — 1889) 

Herkunft  der  Famihe  Römer,  Eltern  des  Stadtpräsidenten  Römer  212; 
Jugend  und  Bildimgsgang  213;  Eintritt  in  den  öffentlichen  Dienst,  Wahl 
zimi  Stadtrat  und  Grossratsmitglied  214;  der  Stadtrat  imd  Pohzeipräsi- 
dent  215;  Gleichstellung  der  Niedergelassenen  mit  den  Bürgern;  Wahl 
zum  Stadtpräsidenten  (22.  Aug.  1869)  216;  Römer  als  Stadtpräsident, 
Verfassungsrat  imd  Kantonsrat  217;  Jahresmessen,  Strassengesetz,  eidg. 
Schützenfest  1872;  Mitglied  des  Nationalrates,  Abschaffung  der  Waisen- 
hauspfarrei 218;  eidg.  Turnfest  1874,  Gründung  und  Geschichte  der  Höhern 
Töchterschule  219;  Erleichterung  der  Einbürgerung,  Neubürgerfeier,  Ein- 
führung der  Stimmurne,  Zunftpräsident  Römer  220;  Gewerbemuseum, 
5ojähriges  Jubiläum  des  Sängervereins  vom  Zürichsee  1876,  Waisenvater 
Moritz  Hofer,  Gemeindeordnung  1877,  Abschaffung  des  Bürgernutzens, 
eidg.  Sängerfest  1880  221;  25J ähriges  Jubiläum  des  Polytechnikums, 
Dr.  Ferdinand  Keller  und  die  Antiquarische  Gesellschaft,  Prof.  Dr.  Gerold 
Meyer  von  Knonau  222;  Prof.  Dr.  J.  R.  Rahn,  allg.  deutsches  Musikfest 
1882,  Hochschul- Jubiläum  1883  223;  Zwinglifeier  1884,  Stadtschreiber 
Dr.  Paul  Usteri,  25jähriges  Jubiläum  Dr.  Römers,  Einzug  der  Heilsarmee 
in  Zürich  224;  Krankheit  vmd  Tod  von  Stadtpräsident  Römer  226;  Römers 
Art  und  Wesen  227. 


VII 

^y.  Kapitel:    Die  Stadtvereinigung 

Bedeutung  der  Stadt  Vereinigung,  erste  Versuche,  Dr.  med.  Emanuel 
Hauser  228;  ablehnende  Haltung  der  Stadt,  die  „Gemeindekommission 
der  Stadt  Zürich  und  Ausgemeinden"  229;  Waffenplatzvertrag,  Quai- 
kommission, Strassenbahneii,  Dr.  Conrad  Escher  Vorkämpfer  der  Ver- 
einigung 230;  Stadtschreiber  Dr.  Paul  Usteri  231/232;  die  Vereinigungs- 
broschüre von  Dr.  C.  Escher  233;  die  „Dumme  Frage"  im  „Tagblatt"  von 
Karl  Fierz-Landis  234;  Benjamin  Fritschi-Zinggeler,  der  „Vereinigungs- 
Diktator"  235;  der  „Verein  der  Gemeinderäte  von  Zürich  und  Ausgemein- 
den", Vorarbeiten  für  die  Vereinigung  236;  die  Aussersihler  Petition  vom 
I.  Nov.  1885  237/238;  die  Petition  vor  dem  Kantonsrat,  Vorträge  für  die 
Vereinigung  239;  Stellvmg  der  Stadtbehörde,  Denkschrift  der  „Vereini- 
gung der  Kantonsräte  vmd  Gemeindebehörden  von  Zürich  imd  Umge- 
bvmg"  240;  Kantonsratsverhandlimgen  241;  die  „Vorbehalte"  der  Stadt 
Zürich  242;  Hauptbestimmungen  des  Zuteilmigsgesetzes  243/244;  An- 
nahme im  Kantonsrat  und  Agitation  für  die  Volksabstimmung  245;  Dr. 
Paul  Usteri  für  die  Erhaltung  des  Sihlwaldes  als  Stadteigentum  246;  das 
Gutachten  von  Prof.  Andreas  Heusler  247;  die  Volksabstimmung  vom 
9.  August  1891  248;  der  Rekurs  von  Wollishofen,  die  Abgeordneten  Ver- 
sammlung, Annahme  der  neuen  Gemeindeordnung  249;  Schlussfeier  der 
Abgeorduetenversammlung  auf  dem  Ütliberg  249/250. 

VII.  TEII.:    DIE  GROSSTADT 
38.  Kapitel:    Stadtpräsident  Pestalozzi  (1889— 1909) 

Vaterhaus  und  Jugend,  Lehr-  und  Wanderjahre  253;  Wahl  in  den  Stadtrat 
1881,  Wahl  zum  Stadtpräsidenten  254;  Stellung  zur  Stadtvereinigung,  Be- 
stätigung als  Stadtpräsident  für  Gross-Zürich,  letzte  Wahl  der  alten  Stadt- 
behörden, erste  Wahl  der  neuen  Stadtbehörden,  die  MitgHeder  des  Stadt- 
rates 1892— 1914,  Stadtingenieur  vmd  Stadtrat  Süss,  Dr.  Heinrich  Mous- 
son  255;  Dr.  Arnold  Bosshardt,  August  Koller,  Robert  Welti,  Dr.  Klöti  256; 
Johannes  Schneider,  Jakob  Lutz,  Heinrich  Walcher,  E.  J.  MüUer,  Hein- 
rich Wyss  257;  Paul  Pflüger,  Joh.  Caspar  Grob  258;  Dr.  Erismann  259; 
Elias  Hasler,  Hans  Naegeli  260;  Hans  Kern,  Oberst  Emil  Schneebeli, 
Dr.  Adolf  StreuU  261;  Jakob  Vogelsanger  262;  die  zürcherischen  Stadt- 
schreiber,  Dr.  R.  Bollinger  263 ;  Beginn  der  neuen  Stadtverwaltung,  das  letzte 
Knabenschiessen  im  alten  Zürich ;  das  erste  Sechseläuteu  im  neuen  Zürich 
264;  die  Entwicklung  der  vereinigten  Stadt  Zürich  265;  Jubiläum  Pestalozzis 
als  Stadtrat,  Tätigkeit  im  Kantonsrat  tmd  Nationabrat,  Eröffnung  des 
Landesmuseiims,  Wirken  im  Schweiz.  Verein  für  das  Rote  Kreuz  266; 
Hans  Pestalozzis  Hinschied  und  Leichenbegängnis  267;  der  Tessiner  Pro- 
zess  1891,  die  erste  Bundesfeier,  das  „Tagblatt"  wiederum  städtisches 
Amtsblatt,  ItalienerkrawaU  1896  in  Aussersihl  268;  Armenierkundgebimg, 
internat.  Arbeiterschutzkongress  1897,  Dr.  Cramer-Frey,  Dr.  Alfred  Frey, 
der  Burengeneral  Delarey  1902  in  Zürich  269;  Besuch  englischer  Bürger- 
meister, die  Katastrophe  am  Piz  Blas  1903,  drei  eidgenössische  Feste  1903, 
1905,  1907,  Re\dsion  des  Zuteilungsgesetzes  1903,  die  „Gemeinde-Initia- 
tive"   von    Dr.    Wettstein,    Gemeindeordntmg    1907     270;    Schularzt    imd 


VIII 

Schulzahuarzt,  Erleichterung  der  Einbürgerung  verworfen;  50jähriges 
Jubiläxun  des  Eidg.  Polytechnikums  1905,  die  Festschrift  von  Prof.  Wil- 
helm Oechsli,  der  schweizerische  Geschichtschreiber  Wilhelm  Oechsli  271; 
Namensänderimg  des  Polytechnikums  („Eidg.  Techn.  Hochschule"),  Volks- 
tag bei  der  Mihtärorganisation,  Pressetag  1908  imd  erster  Besuch  eines 
Zeppehn-Luftschiffs  in  Zürich  272. 

39.  Kapitel:    Kunst  und  Literatur 

„Limmat- Athen"  273;  Theaterbrand  i.  Jan.  1890,  Einweihung  des  Stadt- 
theaters 273;  Direktor  Alfred  Reucker,  Lothar  Kempter,  Gründung  und 
Geschichte  des  Dramatischen  Vereins,  Gerold  Vogel  274;  Bau  und  Ein- 
weihung der  neuen  Tonhalle  275;  Zürich  als  Wiege  des  Volksgesangs,  Hans 
Georg  Nägeli  und  sein  Stadtsängerverein,  Wehrli,  Abt,  Heim,  Baumgartner, . 
Gründung  von  Harmonie  und  Männerchor  276;  Carl  Attenhofers  Bildimgs- 
gang und  Aufstieg  277;  Attenhofers  Wirksamkeit,  Tod  und  Begräbnis  278; 
Der  Sängerverein  ,, Harmonie  Zürich"  imd  seine  Dirigenten,  Ignaz  Heim, 
Gustav  Weber,  Gottfried  Angerer  279;  Angerers  Hinschied,  Sängerfahrten 
der  ,, Harmonie",  der  ,, Gemischte  Chor"  Zürich,  seine  Dirigenten  und 
Präsidenten  280;  Friedrich  Hegars  Wirksamkeit  in  Zürich,  Gründung  des 
Konservatoriums  für  Musik  281 ;  Hegar  und  Attenhofer,  Hegars  Werke  282; 
Hegars  Rücktritt  und  Abschiedsfeier,  VoUunar  Andreae  283;  Andreae  als 
Hegars  und  Attenhofers  Nachfolger,  Othmar  Schoeck  284;  Gründung  der 
Künstlergesellschaft,  Künstlergütli  284 ;  vom  Künstlerhaus  zum  Kunsthaus 
und  zur  Kunstgesellschaft  285;  Kunsthausbau  im  ,,I,indentar'  286;  Ab- 
schied vom  ,,Künstlergüth",  Prof.  Joh.  Jak.  Ulrich,  Tiermaler  Rudolf 
Koller  287;  Kollerfeier  1898,  Albert  Welti  288;  Richard  KissHng,  der 
Schöpfer  des  TeUdenkmals,  der  Tierfreund  und  Künstler  Urs  Eggenschwyler, 
Gottfried  Semper  289;  Prof.  Dr.  Alfred  Friedrich  Bluntschli,  Prof.  Dr.  Karl 
Moser  290;  Stadtrat  C.  C.  Ulrich-Näf,  Stadtbaumeister  und  Professor 
Dr.  Gustav  Gull  291;  Gulls  Schöpfungen  292;  Geschichtschreibung  und 
Altertumsforschung,  Meyer  v.  Knonau,  Oechsü,  Georg  v.  Wyss,  Rahn, 
Paul  Schweizer  292;  Oberrichtcr  Dr.  J.  Escher-Bodmer,  Karl  Dändliker, 
Walter  Wettstein,  Heinrich  Zeller-Werdmüller  293 ;  Zeller  und  das  Landes- 
museum, Jakob  Heierli  294;  Heinrich  Leuthold,  Adolf  Frey  295;  J.  C.  Heer, 
Fritz  Marti,  Ed.  Korrodi,  Jakob  Bosshart  296;  Adolf  VögtUn,  Meinrad 
Lienert,  Ernst  Zahn,  Heinrich  Federer,  Emil  Ermatinger,  Konrad  Falke, 
Ernst  Eschmann,  Robert  Faesi,  Hans  RoeUi,  Max  Geilinger,  J.  Hardmeyer- 
Jenny,  die  Zeitschrift  ,, Wissen  und  Leben"  von  Prof.  Dr.  Ernst  Bovet  297; 
Schriftstellerinnen  und  Dichterinnen:  Johanna  Spyri,  Nanny  v.  Escher, 
Clara  Forrer,  Olga  Amberger,  Hedwig  Bleuler- Waser,  Maria  Waser  298; 
JugendschriftsteUcrinnen,  die  Gründung  des  Lesezirkels  Hottingen,  die 
Pestalozzigesellschaft  299;  Feste,  ,, Kränzchen"  und  Uterarische  Abende  des 
Lesezirkels  300;  der  hterarische  Klub,  Pubhkationen  des  Lesezirkels,  das 
Gottfried  Keller-Haus,  die  Schweizerische  Schillerstiftung  301. 

40.  Kapitel:    Conrad  Ferdinand  Meyer 

Die  Eltern  302;  die  Schwester  Betsy  Meyer  303;  Schulzeit  und  Welsch- 
land 304;  bei  Louis  VuUiemin  304;  erste  Übersetzungsarbeit,  Tod  der 
Mutter  306;  Reisejahre  307;  das  erste  Werk,  die  ,, Zwanzig  Balladen",  der 
Namensvetter   Conrad  Meyer,   Übersiedlung  nach   Küsnacht  und  Meilen, 


IX 

Fran9ois  Wille  und  seine  Tafelrunde  308;  „Romanzen  imd  Bilder",  „Hut- 
tens  letzte  Tage"  309;  „Engelberg",  ,, Amulett",  ,,Jürg  Jenatsch",  Ver- 
heiratung, die  Werke  der  Vollendungszeit  310;  letzte  Arbeiten,  das  Schaffen 
des  Dichters  311;  Gottfried  Keller  und  Conrad  Ferdinand  Meyer  312; 
Leidenszeit  und  Lebensabend  313;  „Requiem"  314. 

41.  Kapitel:  Zürich  III  sozialistisch 

Wachstum  der  sozialdemokratischen  Partei  315;  Obergerichtspräsident  Otto 
Lang  316;  Robert  Seidel  und  die  Gründvmg  des  ,, Volksrechts",  sozial- 
demokratische und  antisozialistische  Presse,  die  Demokraten  von  Ausser- 
sihl  317;  die  Erobervmg  des  III.  Kreises  diu-ch  die  Soziahsten  am  27.  April 
igo2  318;  der  Wahlrekurs,  die  Kassation  imd  der  zweite,  noch  grössere 
Wahlsieg  am  31.  August  1902;  ausschliessliche  sozialdemokratische  Ver- 
tretung im  Grossen  Stadtrat,  Greulich,  der  erste  soz.  Präsident  des  Grossen 
Stadtrates  imd  Vizepräsident  des  Kantonsrates  319;  Grexüichs  70.  Geburts- 
tag; die  wirtschafthchen  Kämpfe  320;  schwierige  Stellimg  der  Behörden  321 ; 
Theodor  Sourbeck,  der  ,,Eisenbahnergenerar'  321;  der  drohende  Nordost- 
bahnstreik von  1896,  neuer  KonfUkt  1897  322;  Nordostbahnstreik  vom  12. 
imd  13.  März  1897  323;  bundesrätHche  Intervention  324;  Gründung  und 
Zweck  des  Bürgerverbandes  325;  Bürgerverband  und  pohtische  Parteien, 
erste  und  zweite  Streikinitiative,  die  Konflikte  im  Gaswerk  1905  326; 
drohender  Generalstreik,  der  Albisriederstreik  1906;  Generalstreiktheorien 
327;  der  Maler-  und  Schlosserstreik  191 2,  soziahstische  gegen  ,, christliche" 
(kathohsche)  Gewerkschaften,  energischer  Beschluss  des  Kantonsrates  328; 
der  Generalstreikbeschluss  329;  Verlauf  des  Generalstreiks  vom  12.  Juh 
191 2  330;  der  Vormittag  des  12.  Juli  331 ;  Fritz  Platten  332;  die  Belagerung 
des  Gaswerks  333;  Ausschreitungen,  Abholung  der  eidg.  Sängerfahne  334; 
die  Aussperrung  und  das  Truppenaufgebot  335;  Einrücken  des  Mihtärs  336; 
Petitionen,  Haussuchung  im  Volkshaus,  Verhaftungen  337;  die  Protest- 
versammlung des  Bürgerverbandes,  die  städtischen  Arbeiter,  Protest- 
versammlimgen  der  Arbeiterunion  338;  die  parlamentarische  Erledigung  des 
Generalstreiks  und  das  gerichtliche  Nachspiel  339. 

42.  Kapitel:   Politische  Fülirer 

Ulrich  Meisters  Jugendzeit  und  Bildungsgang,  der  Sihlwald  und  sein  Forst- 
meister 340;  die  Erschhessung  des  Sihlwaldes,  Meisters  Tätigkeit  und  Mono- 
graphie ,,Die  Stadtwaldimgen  von  Zürich"  341;  Ehrendoktor  tmd  Ehren- 
bürger, mihtärische  Karriere,  parlamentarische  Wirksamkeit,  Erziehungs- 
rat 342;  Führer  der  Kberalen  Partei,  Kompromissbestrebungen  343;  Tren- 
nimg der  Liberalen  von  den  Konservativen  324;  Konservatismus  bei  den 
anderen  Parteien  345;  der  Sieg  von  Meisters  Kompromisspolitik  346; 
die  Nachfolger  Meisters  in  der  Parteileitung,  die  ,,Neue  Zürcher  Zeitung", 
Dr.  Walter  Bissegger  347;  Dr.  Oscar  Wettstein  348;  Wettstein,  der  erste 
Dozent  für  Journahstik  an  der  Universität  350;  die  stadtzürcherischen 
Konservativen  351;  der  ,, Eidgenössische  Verein"  352;  die  Auflösung  der 
konservativen  Verbände,  das  Ende  der  ,, Freitagszeitung"  353;  Professor 
Dr.  Georg  von  Wyss,  sein  Leben  und  seine  Bedeutung  354 ;  Friedrich  Otto 
Pestalozzi- Junghans  355;  die  ,, Schweizerblätter"  356;  Pestalozzis  Tätig- 
keit in  der  Kunstgesellschaft  usw.,  Oberst  Eduard  Usteri- Pestalozzi  357; 
Georg  Baumberger  und  die  Katholiken  in  Zürich  358. 


43-  Kapitel:   Das  Stadtbild  1914 

\'orsclirifteu  für  offene  Bebauung  360;  Universität  und  benachbarte  Staats- 
bauten 361;  die  Polytechnikumsbauten  362;  Erdbebenwarte  363;  Zentral- 
bibhothek  364;  Kantonsschule,  Frauenklinik,  Stadthaus  Fraumünster- 
amt  365;  die  neuen  städtischen  Amtshäuser  366;  Urania  367;  Waisen- 
häuser 368;  das  künftige  zentrale  Stadthaus  nach  Projekt  Gull  369;  das 
Landesmuseum  370;  Einweihungsfeier  371;  Höhere  Töchterschule  373; 
weitere  Schulhausbauten  374;  Privatschuleu,  Architekten  375;  Pflegerinnen- 
schule, die  erste  Ärztin  Frau  Dr.  Heim,  Frl.  Dr.  Heer  376;  Haushaltimgs- 
schule, Frau  Coradi-Stahl  m;  die  alkoholfreien  Wirtschaften  378;  das 
Volkshaus  380;  Frau  Oberst  Huber-Werdmüller,  Frau  Prof.  OreUi,  der 
Kinderspital  381;  neuere  Anstaltsbauten  382;  kirchliche  Bauten  383  ff.; 
Friedhöfe,  Krematorimn  385;  Gaswerk  Schheren,  Wasserversorgung  386; 
Elektrizitätswerk  Letten  und  Albula  387;  Strassenb ahnen  388;  Schlacht- 
hof, Bezirksgebäude  390;  städtischer  Wohnungsbau  391;  der  Hauptbahn- 
hof, Adolf  Guyer-Zeller  392;  Verlegung  der  Linksufrigen  Zürichseebahn  393; 
Dampfschiffahrt,  Post  imd  Metropol  394;  Telephon,  Bahnhofstrasse  395; 
neuere  Bankgebäude,  Handels-  und  Industrie- Verein  396;  Versicherungs- 
anstalten, Escher  Wyss  &  Co.,  Papierfabrik  an  der  Sihl,  Denzlerhäuser  397  ; 
Bauten  am  Alpenquai,  Brückenbauten  398;  neuere  Zeitungsgebäude, 
Denkmäler  399;  AlbisgütU,  Zürichhorn,  Waid,  Rigiviertel,  Sonnenberg, 
Dolderquartier  400;  Ernst  v.  Wildenbruchs  Huldigungsgedicht  401. 

44.  Kapitel:   Stadtpräsident  Billeter  (seit  1909) 

Robert  Billeters  Lebens-  und  Bildungsgang  402;  Eintritt  in  die  Stadt- 
verwaltimg,  Wirksamkeit  als  Stadtrat  403 ;  städtische  Bau-  und  Boden- 
pohtik  404;  Billeter  als  Stadtpräsident  405;  das  Gordon  Bennett-Wett- 
fliegen,  ,,Parseval  VI",  Zeppehn-Luftschiff  ,, Schwaben",  das  erste  Schau- 
fhegen in  Dübendorf  405;  Wassernot  1910,  Prof.  Krönlein  f,  Kinderhilfstag, 
Erdbeben  191 1,  der  Besuch  des  Kaisers  Wilhelm  II.  406;  Empfang  des 
Kaisers  407;  Seenachtfest  408;  der  Kaiser  im  Manöver  410;  auf  dem  Öl- 
berg  bei  Wil  41 1 ;  Abschied  des  Kaisers  413;  das  neue  Gemeindeorganisations- 
gesetz für  Zürich,  neue  Kreiseinteilung  413;  die  Verhältniswahl  in  Zürich, 
die  neue  L^niversität  414;  Baugeschichte  der  Universität  415;  die  Univer- 
sitätsfeier 417;  Sechseläuten  1912,  Landesausstellung  in  Bern  1914,  Tagblatt- 
Jubiläum   I.   Juh   1914  419. 

45.  Kapitel:  Zur  Zeit  des  Weltkrieges 

Europäischer  Krieg  am  Anfang  und  am  Ende  der  ,,Himdert  Jahre"  420; 
,, Einheit  der  Menschen",  Interessengemeinschaft  der  Völker,  das  Attentat 
von  Serajewo  421;  der  Kriegsfuror,  Wirkungen  des  Kriegs  auf  unser 
Land  422;  die  Panik  in  Zürich,  Sturm  auf  die  Lebensmittelgeschäfte,  Run 
auf  die  Sparkassen,  Geldknappheit  423;  Abwanderimg  der  fremden  Dienst- 
pfhchtigen,  Mobiüsation  der  Schweizer  Armee,  General  Wille  424;  Kriegs- 
notuuterstützung  425;  Verkehrshemmungen,  Kriegsfahrplan,  Kriegs- 
stundenplan 426;  Wahrung  der  Neutralität  auf  der  Strasse  und  in  der 
Schule  427;  Polizeistimde,  Rückgang  der  Bevölkerungszahl  428;  Schluss429. 

>♦♦♦♦♦♦♦♦»♦»»♦♦♦♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ »♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ 


»♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ ♦♦♦♦♦♦♦»»»»♦♦»♦< 


ILLUSTRATIONEN 

1.  Auf  der  Hohen  Promenade  (1830).   Von  S.  Corrodi    .    .        Titelbild 

2.  „Altes   Schützenhaus",  Restaurant,  abgebrochen  1899       Seite  16/17 

3.  Der  Fröschengraben   1860.    Von  Carl  Toeche Seite  24/25 

hnks  das  Haus  zur  „TrüUe",  in  der  Mitte  die  Bastei  des 
Rennwegtors  vuid  das  Brückengewölbe. 

4.  Salomon  Bleuler-Hausheer Seite  32/33 

Führer  der  demokratischen  Bewegimg. 

5.  Mittlerer  Fröschengraben   1860.    Von  Carl  Toeche.    .        Seite  52/53 

in  der  Mitte  die  Augustinerbrücke,  im  Hintergrund  der 
Kratzturm.  Das  Gebäude  hnks  mit  dem  Türmchen  ist 
das  Haus  Paur-Usteri  (von  1903 — 19 15  Bankhaus  Leu 
&  Co.),  rechts  von  den  Pappehi  das  ,,Schinzen-Haus", 
jetzt  Neubau  der  Schweiz.  Bankgesellschaft,  davor  (mit 
flachem  Dach)   Arnoldsches  Haus,  jetzt  Mercatorium. 

6.  Aussicht  von  der  Waid   1875,  von  H.  Siegfried  .    .    .    .        Seite  56/57 

im  Vordergrimd  das  (jetzt  städtische)  Waid- Gut  und  die 
Wirtschaftsterrasse;  in  der  Mitte  hnks  der  alte  Eisen- 
bahndamm der  Winterthurer  Linie. 

7.  Zürcherische  Arbeiterführer Seite  70/71 

Kantonsrat  Karl  Bürkli.  —  Prof.  Dr.  Joh.  Jak. 
Treichler.  —  Nationalrat  Herman  Greulich.  — 
Nationahat  Robert  Seidel. 

8.  An  der  Schipfe  in  Zürich Seite  92 

Zeichnung  von  E.  E.  Schlatter,  verkleinerte  Illustrations- 
probe aus  der  Jubiläums-Sondernummer  des  ,, Tagblattes" 
vom  I.   Juü  191 4. 

9.  Heinrich  Mousson,   Stadtpräsident Seite  94/95 

10.  Prediger- Quartier  und  Ketzerturm  (abgebrochen  1878)       Seite  98/99 

mitten  am  Rande  hnks  die  Dachfirst  des  alten   Spitals. 

11.  Der  Hof  des  alten  Spitals.     Gez.  von  J.  C.  WerdmüUer       Seite  loo/ioi 

bei  der  Predigerkirche,  Versorgungsanstalt  bis   1867. 

12.  Hotels  du  Lac  et  de  la  Couronne  1860.  Von  C.  Burk- 

hardt Seite  104/105 

rechts  das  Bauschänzh  mit  Dampfschifflände,  hnks  der 
Hafen,  dasTrümpler-Haus  (sog.  „Trümpler-Turm" ) ,  Hotel 
de  la  Couronne  (jetzt  ,, Zürcher  Hof"),  Hotel  du  Lac  (Ge- 
schäftshaus Sequin,  vormals  Gysler-Wunderh)  und  an- 
stossendes  Haus  „zur  Sonne"   (Albert  Müller). 

13.  Aus  Zürichs  grosser  Bauperiode Seite  106/107 

Oberst  Arnold  Vögeli- Bodmer,  „Bauherr".  —  Dr. 
Arnold  Bürkli-Ziegler,  Stadtingenieur.  —  Oberst 
P.  E.  Huber-Werdmüller,  Gemeindepräsident  von 
Riesbach. 


XII 

14-   übersicbtsplan  der  Stadt  Zürich   1880 Seite   iio/iii 

entworfen  und  gezeichnet  von   J.  J.  Hof  er. 

15.    Das   alte   Hotel  auf  dem   Ütliberg,  von  H.  Siegfried        Seite  112/113 

j6.  Oberer  Mühlesteg  191  i Seite   114/115 

jetzt  Uraniabrücke;  Durchblick  durch  die  Mühlegasse 
nach  dem  Zähriugerplatz  bei  der  Prediger kirche ;  rechts 
von  der  Mühlegasse  bis  ziu:  Preiergasse  der  jetzt  nieder- 
gelegte Häuserblock,  an  dessen  Stelle  das  Rudolf  Mosse- 
Haus  steht. 

17.    Der  Baugarten  mit  dem  Kratzturm   1878 Seite   116/117 

Seeseite,  Terrasse  der  Gartenwirtschaft. 

iS.    Stadthausplatz   und  Kratzquartier   1878 Seite   118/119 

rechts  das  Kaufhaus,  gegenüber  dem  Musiksaal,  links 
die  Häuser  des  Kratzquartiers   am  alten  Stadthausplatz. 

19.  Schipfe  und  Ötenbachkirche   1902 Seite   120/121 

rechts  am  Rand  das  Waisenhaus,  am  Obern  Mühlesteg 
das  Pestalozzianum  im  alten  Escherschen  ,, Wollenhof". 
Das  Pestalozzianum  ist  eine  unter  der  Leitung  von  Na- 
tionalrat Friedr.  Fritsclii  stehende  schweizerische  perma- 
nente Schulausstellimg.  Sämthche  Häuser  an  der  Schipfe 
sind  Eigentum  der  Stadt  und  zum  Abbruch  bestimmt. 

20.  Die   Quaianlagen  in  Zürich  1887.    Hof  er  &  Burger      .        Seite  122/123 

21.  Alte  Kaserne  im  Talacker.   Von  H.  Siegfried     ....        Seite  124/125 

abgebrannt  am  9.  Juni  1871. 

22.  Der  alte  Kartoffelmarkt  (bis   1885) Seite   126/127 

an  der  untern  Rämistrasse,  jetzt  Anlagen. 

23.  St.  Anna-Kapelle  (Matliilde  Escher-Stiftung) Seite   128/129 

24.  Der  Paradeplatz  mit  der  Pferdebahn   1895     ....  Seite   132/133 

25.  Das  Eisfest  bei  Zürich,  von  J.  Nieriker Seite   134/135 

„Seegefrörne",  Sonntag  den  8.  Februar  1880. 

26.  Die  Schweizer  Hilfsexpeditiou  vor  Strassburg  1870     Seite   136/137 

von  Th.  Schuler,  Strassburg. 

27.  Die    alte    Tonhalle    in    Zürich,  abgebrochen  1896      .    .        Seite   146/147 

Haupteingang  Stadtseite. 

28.  Strafanstalt  am  ötenbach   1902 Seite   158/159 

Hauptportal. 

29.  Diethelm  Georg  Finsler,  Antistes Seite   168/169 

30.  Ausblick  vom  Petersturm  nach  dem  See   1880      .    .    .        Seite   172/173 

beim  Hotel  Bellevue  der  Hafen;  links  unten  das  erste 
Haus:  Zunfthaus  zu  ,, Zimmer leuten". 

31.  Schweizerische   Landesausstellung  in  Zürich    1883       Seite  182/183 

nach  der  Natur  gezeichnet  von  J.  Weber. 

32.  Gottfried  Keller,  nachdem  Gemälde  von  Karl  Stauffer- 

Bem  August   1886 Seite  190/191 

Dieses  Bild  wird  mit  gütiger  —  ausschliesslich  für  das 
Werk  ,, Hundert  Jahre"  erteilter  —  Erlaubnis  des  Be- 
sitzers hier  zum  erstenmal  veröffentlicht. 

33.  Dr.  Melchior  Römer,  Stadtpräsident Seite  212/213 

34.  Das  Haus  ,,zur  TrüUe"   am  Fröschengraben Seite  214/215 

Jvlteruhaus  von  Stadtpräsident  Römer,  gezeichnet  D.  K. 
1853. 


xni 

35.  Zürich  vom  Polytechnikum  aus Seite  216/217 

Hirschengraben  mit  Messbuden,  abgeschafft  1878;  Mitte 
links  Obmanuamt;  rechts  Prediger kirche  mit  angebautem 
„altem  Spital". 

36.  Altes  Stadthaus   1865 Seite  218/219 

Stadthaus  mit  Treppengiebel,  angebaute, , Bauhütte",  hnks 
das  BauschänzU;  auf  dem  Stadthausplatz  Wochenmarkt. 

l-j.    Vorkämpfer  der  Stadtvereinigung Seite  228/229 

Dr.  Conrad  Escher.  —  Ständerat  Dr.  Paul  Usteri.  — 
Stadtrat  Benjamin  Fritschi. 

38.  Neu-Zürich.    Aquarell  von  W.  F.  Burger Seite  250/251 

39.  Hans  Pestalozzi,   Stadtpräsident Seite  252/253 

40.  Stadträte  I Seite  258/259 

Jakob  Vogels  anger.  — Dr.  F.  Er  is  mann.  — Dr.  Emil 
Klöti.  —  Haus  Naegeli. 

41.  Stadtschreiber  von  Zürich Seite  262/263 

Johann    Bernhard    Spyri.*)  — Dr.  Eugen  Escher. 

—  Heinrich  Wyss.    —   Dr.  Rudolf  BoUinger. 

42.  Stadthaus  Fraumünsteramt Seite  264/265 

erbaut  von  Gustav  Gull  1898 — 1899. 

43.  Faumünsteramt,  alter  Musiksaal Seite  280/281 

links  das  alte  ,,Fraimiünsteramt"  mit  Schulzimmern, 
Amtsräiomen  etc.,  in  der  Mitte  das  Haus  mit  dem  Musik- 
saal im  I.  Stock,  rechts  die  Eisenhandlung  J.  D.  Wiser. 

44.  Friedrich  Hegar.  —  Carl  Attenhofer Seite  282/283 

45.  Das  Künstlergütli,  abgebrochen  1910 Seite  284/285 

rechts  das  Sammlimgsgebäude. 

46.  Zürcherische  Künstler Seite  286/287 

Prof.  J.  J.  Ulrich.  —  Rudolf  Koller.  —  Albert 
Welti.  —  Richard  Kissling. 

47.  Architekten Seite  290/291 

Prof.  Friedrich  Bluntschli.  —  Bauherr  C.  C.  Ulrich. 
Prof.  Gottfried  Semper.  —  Prof.  Dr.  Gustav  Gull. 
Prof.  Dr.  Karl  Moser. 

48.  Zürcherische    Historiker    und    Altertumsforscher  .        Seite  292/293 

Prof.  Dr.  K.  Dändliker.  —  Prof.  Dr.  J.  R.  Rahn.  — 
Dr.  H.  Zeller-Werdmüller.  —  Prof.  Dr.  W.  Oechsli. 

—  Prof.  Dr.  G.  Meyer  von  Knonau.  —  Prof.  Dr.  Paul 
Schweizer. 

49.  Zürcherische  Dichterinnen Seite  298/299 

Nanny  von  Escher.  —  Johanna  Spyri.  —  Clara 
Forrer. 

50.  Conrad  Ferdinand  Meyer.    Nach  einer  Radierung  von 

Karl  Stauf fer  -  Bern  1887 Seite  302/303 

mit  Erlaubnis  der  Kunsthandlxmg  Amsler  &  Ruthardt  in 
Berhn. 

51.  Der  Sihlwald  mit  dem  Forsthaus Seite  340/341 

Von  J.  Aschmann,  f   1809. 

52.  Oberst  Ulrich  Meister,  Stadtforstmeister Seite  342/343 


*)  Stadtschreiber  Dr.  Paul  Usteri  s.  Tafel  Nr.  37. 


XIV 


So- 


da- 


O.  Pestalozzi-Junghans. 
—  Walter  Bissegger. 


56. 
57- 


58. 


59- 


Politische  Führer     .... 

Oscar  Wettstein.  —  F. 

—  Georg  Baumberger. 

Georg  von  Wyss 

Die  neue   Universität   und  ihre   Umgebung    .... 

Das  Bild  reigt  in  der  Mitte  die  Universität  mit  dem  Kollegiengebäude 
rechts  und  dem  Biologischen  Institut  links  vom  Turra.  —  Hinter  der 
Eidg.  Technischen  Hochschule  (Polytechnikum)  sieht  man  das  Eidg. 
Landwirtschaftliche  Institut  (mit  flachem  Dach),  daneben  das  Eidg. 
Chemiegebäude  (mit  Kamin) ;  das  zweite  Kamin  links  gehört  zum  Eidg. 
Maschinenlaboratorium.  Zu  oberst  am  Rand  links  die  beiden  Häuser 
der  Kant.  Frauenklinik ;  rechts  davon  die  Sternwarte  an  der  Schmelz- 
bergstrasse ;  das  unterste  Haus  an  dieser  Strasse  ist  die  Kant.  Poliklinik, 
das  zweitunterste  das  Laboratorium  des  Kanlonschemikers,  ganz  oben, 
rechts  von  der  Strasse,  das  Eidg.  Physikgebäude,  rechts  davon  das  Kant. 
Hygiene-  und  Pharmakol.  Institut  an  der  Gloriastrasse.  Unterhalb  der 
Gloriastrasse  steht  das  Pathologische  Institut,  noch  etwas  weiter  unten 
rechts  die  Anatomie,  in  der  gleichen  Flucht  mit  dem  Kantonsspital 
(gegenüber  der  Universität),  zwischen  diesem  und  dem  Eidg.  Physikge- 
bäude das  Absonderungshaus  des  Kantonsspitals.  Links  vom  Univer- 
sitätsturm, dicht  anschliessend,  ist  noch  ein  Vorsprung  der  Kant.  Augen- 
klinik an  der  Rämistrasse  zu  sehen.  Rechts  vom  Kollegiengebäude,  von 
Bäumen  umgeben,  steht  noch  das  alte  Bodmerhaus  «zum  obern  Schönen- 
berg», hinter  demselben  an  der  Rämistrasse  das  Kant.  Physik-  und 
Physiologiegebäude.  Die  Rämistrasse  kreuzt  rechts  die  Zürichbergstrasse. 
Im  obern  Winkel  zwischen  beiden  steht  der  Neubau  der  Kantonsschule 
mit  dem  Kant.  Chemiegebäude  (zusammengebaut),  im  untern  Winkel 
das  Mietshaus  «Schanzenberg»,  daneben  links  der  «kleine  Schanzen- 
berg» ;  das  Haus  hinter  diesem,  an  der  Rämistrasse,  gegenüber  dem 
Kant  Chemiegebäude,  ist  das  «Belmont»  mit  der  psychiatrischen  Poli- 
klinik. An  der  Zürichbergstrasse  oben  rechts  das  gerichtsärztliche  und 
zahnärztliche  Institut  (ehemals  Geschäftshaus  Theodor  Fierz),  unten  die 
alte  Kantonsschule ;  an  der  Künstlergasse  zu  unterst  rechts  der  Rech- 
berg, noch  weiter  rechts  (mit  den  4  Säulen)  das  Konservatorium  für  Musik. 
Das  zweite  (hohe)  Haus  links  vun  der  Künstlergasse  ist  das  Hirschen- 
grabenschulhaus.  Das  Haus  mit  dem  Doppelgiebel  unterhalb  dem  Bio- 
logischen Institut  gehört  zum  ehemaligen  Stockarg^t  und  beherbergt 
ietzt  das  Kant.  Hochbauamt.  Unterhalb  desselben,  am  Hirschengraben, 
steht  die  Friedenskirche.  Bei  der  Predigerkirche  (unten  links)  sieht  man 
den  künftigen  Anbau  der  Zentralbibiiothek. 

Das  Kaufhaus  beim  Fraumünster 

Im   neuen    Stadthaus-Viertel,  Phot.  Ph.  &  E.  Linck 

a)  Blick  nach  Osten:  Uraniastrasse  (künftige  ,, Stadt- 
hausstrasse"), Uraniabrücke  (ehemahger  Oberer  Mühle- 
steg), Bhck  in  die  verbreiterte  Mühlegasse  mit  Rudolf 
Mosse-Haus  (rechts).  Die  Uraniastrasse  wird  gekreuzt  von 
der  übergeführten  Lindenhofstrasse  zwischen  den  Amts- 
häusern III  links  und  IV  rechts  im  Vordergrimd.  Links, 
an  der  Limm'ät,  Amtshaus  I,  ehemaliges  Waisenhaus. 
Auf   der  Höhe  Universität  tmd  Technische  Hochschule. 

b)  Blick  nach  Westen:  links  Amtshaus  IV,  dahinter  die 
Urania,  rechts  Amtshaus  III,  dahinter  Bodenkreditan- 
stalt am  Werdmühleplatz. 

Schweizerisches  Landesmuseum  in  Zürich     .... 

erbaut  von  Gustav  Gull,  Front  an  der  Museumsstrasse, 

rechts  Eingang  zur  Platzpromenade. 
Im  Dienste  des  Gemeinwohls 

■\  Frau  E.  Coradi- Stahl,  Präsidentin  der  Kommission 

der    Haushaltungsschule.     —     Frau     Prof.     S.     Orelli, 


Seite  348/349 


Seite  354/355 
Seite  360/361 


Seite  364/365 
Seite  368/369 


Seite  370/371 
Seite  376/377 


XV 

Leiterin  der  alkoholfreien  Wirtschaften  des  Frauenvereins. 
—  Fräulein  Dr.  med.  Anna  Heer,  Gründerin  und  Chef- 
ärztin der  Pflegerinnenschule. 

60.  Gedecktes  Brückli,   „Grünes  Hüsli",   Bollwerk  und 

Waisenhaus   1900 Seite  390/391 

Im  „Grünen  Hüsli",  links  neben  dem  Brückli,  befand  sich 
längere  Zeit  das  Bureau  des  FreiwilHgen  Armenvereins. 

61.  Der  hintere   Neuenhof  am  Paradeplatz Seite  394/395 

62.  Vertreter  von  Handel  und  Industrie Seite  396/397 

t  Dr.  Konrad  Cramer-Frey  (s.  S.  269,  397).  —  Hans 
Wunderly-von  Muralt  (s.  S.  397)-  —  Carl  Abegg- 
Arter,  Präsident  der  Schweiz.  Kreditanstalt,  einer  der 
bedeutendsten  Vertreter  des  schweizerischen  Bankwesens, 
t  23.  August  1912.  —  Robert  Schwär zenbach- 
Z  e  u  n  e  r ,  hervorragender  Seidenindustrieller  und  Kunst- 
freund, t  I-  Juli  1904. 
6}.  Alte  „Neumühle"  bei  der  Bahnhof  brücke  1864.  .  Seite  398/399 
Die  Fabrikanlagen  von  Escher  Wyss  &  Co.  reichten  bis 
an  die  Bahnhof  brücke  und  früher  noch  darüber  hinaus; 
auf  der  Höhe  Polytechnikum  und  Pfrundhaus,  rechts 
am  Rand  ,,Papierwerd". 

64.  Robert  Billeter,   Stadtpräsident Seite  402/403 

65.  Stadträte  II Seite  404/405 

Paul  Pflüger.  —  Dr.  Arnold  Bosshardt.  — 
Hans  Kern.    —    Dr.  Adolf  Streuli. 

66.  Empfang  des   Kaisers  Wilhelm  II.   in   Zürich  .    .    .        Seite  406/407 

Dienstag  den  3.  September  191 4.  Der  Kaiser  schreitet  mit 
Bxmdespräsideiit  Forrer  die  Front  der  Ehrenkompagnie  ab. 

67.  Kaiser   Wilhelm   II.    bei   den    Schweizer   Manövern       Seite  410/411 

Der  Kaiser  im  Gespräch  mit  Oberstk. -Kommandant  Wille. 

68.  Die  alte  Hochschule  im,, Hinteramtsgebäude"  1838-1864       Seite  414/415 

vorn  der  ,, Fröschengraben". 

69.  Die  neue  Universität Seite  416/417 

erbaut  von  Karl  Moser,  eingeweiht  am  18.  April  1914. 
An  der  Künstlergasse  steht  noch  das  Tor  vom  alten 
Künstlergüth. 

70.  Aufruf   des   Stadtrates  vom   i.  August  1914 Seite  422/423 

zur  Beruhigung  der  Bevölkerung,  und  vom  19.  November 
191 4  für  die  Kriegsnotunterstützung.  Verkleinerte  Re- 
produktion der  ersten  Tagblatt-Seite. 

71.  Ulrich  Wille,    General  der  schweizerischen   Armee;   nach 

dem  Gemälde  von  Ferdinand  Hodler  1915 Seite  424/425 

Oberst-Divisionär  Hermann  Steinbuch,  Kommandant 
der  5.  Division;  nach  einer  Zeichnung  von  R.Weningi9i5. 

* 

Eine  grössere  Zahl  der  Stadtbilde?  aus  den  letzten  Jahrzehnten  sind  uns  in  ver- 
dankenswerter Weise   von   der    Stadtbibhothek  Zürich,    sowie    von   den   Herren 
F.  Ivandolt-Arbenz  und  A.  Moser  zur  Verfügung  gestellt  worden. 

»♦♦♦♦♦♦»»♦♦♦♦♦♦♦ »♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ 


FÜNFTER  TEIL 


DIE  DEMOKRATEN 


SECHSUNDZWANZIGSTES  KAPITEL 


DIE  FREIHERREN  VON  REGENSBERG 

Ein  grosser  Sumpf  liegt  auf  unserem  Wege.  Ihn  zu  umgehen, 
ist  unmögHch.  So  lasst  uns  denn  vorsichtig,  doch  furcht- 
los das  trügerische,  morastige  Vorgelände  der  Demagogie  durch- 
schreiten, den  Blick  auf  das  jenseits  winkende  Ziel  gerichtet: 
den  haltbaren  und  verlässlichen  Grund  und  Boden  der  reinen 
Demokratie.  Sonst  wohl  bezeichnen  Blutlachen  und  rauchende 
Trümmerhaufen  den  Übergang  von  einer  politischen  Entwick- 
limgsstufe  zur  andern.  Hier  sind  es  statt  der  Barrikaden  nur 
Schlamm  und  Pfützen,  zwischen  denen  eine  grosse  politische 
Tragödie  sich  abspielt.  Gottfried  Keller  schildert  im  ,, Verlorenen 
Lachen"  diese  ,, dämonisch  seltsame  Bewegung,  welche  mehr 
Schrecken  und  Verfolgungsqualen  in  sich  barg  als  manche  blutige 
Revolution,  obgleich  nicht  ein  Haar  gekrümmt  wurde  und  kein 
einziger  Backenstreich  fiel".  Ein  ,, grosser  Reichstag  der  Ver- 
leumdung" ward  abgehalten,  zu  dem  aus  allen  Ritzen  und  Schlupf- 
winkeln die  Teilnehmer  herbeieilten,  und  es  stieg  ans  Licht  empor 
,,die  unterirdische  Schicht  der  Niedertracht,  die  in  keinem  Lande 
fehlt",  um  die  verhasste  Ehrbarkeit  ausplündern  zu  helfen. 
,, Personen,  deren  eigene  physiognomische  Beschaffenheit,  Lebens- 
arten und  Taten  sie  selbst  zum  Gegenstande  der  Schilderung, 
des  Unwillens  und  des  Spottes  zu  machen  geeignet  waren,  stellten 
sich  gerade  in  die  vorderste  Reihe  und  erhoben  als  rechte  Her- 
zoge der  Schm.ähsucht  und  der  Verleumdung  ihre  Stimme. 
. . .  Oder  es  fielen  ein  paar  der  Herzoge  unter  den  reissenden 
Tieren  einander  selbst  an  auf  irgend  einem  besondern  Wechsel- 
platz, kehrten  aber  mit  zerbissenen  und  blutigen  Schnauzen 
zum  allgemeinen  Reichstage  zurück,  ohne  dass  es  ihnen  dort 
etwas  geschadet  hätte.  Sie  beleckten  sich  die  zerzausten  Bälge 
und  nahmen  frech  wieder  das  Wort." 

Die  vSatire  des  Dichters  bleibt  hinter  der  Wirklichkeit  noch 
zurück.     Mitten   in   der  hereingebrochenen   Verwüstung   schrieb 


4  XXVI.  KAPITEL:  DIE  FREIHERREN  VON  REGENSBERG  o 

• 

die  „Freitagszeituiig"  im  November  1867:  „Wenn  es  erst  Partei- 
manöver und  Regierungsmaxime  bei  uns  werden  wird,  ins  In- 
nerste des  Familienlebens  einzugreifen,  schonungslos  alle  Pie- 
tätsverhältnisse  zu  zerstören,  Kinder  zu  Entehrung  der  Eltern 
vorzuführen,  Eltern  wegen  der  Kinder  im  Grabe  zu  schänden, 
Geschwister  zur  moralischen  Vernichtung  der  Geschwister  zu 
missbrauchen,  den  einen  Ehegatten  wegen  des  andern  dem 
öffentlichen  Hohne  preiszugeben,  auf  das  Zeugnis  verworfenster 
Personen  hin  die  schwersten  Anklagen  gegen  bisher  allgemein 
geehrte,  als  tüchtig  anerkannte  Gegner  zu  schleudern,  selbst 
aus  körperlichen  Mängeln  und  Gebrechen  ein  Verbrechen  zu 
machen,  die  geringste  moralische  Verirrung  aber  als  zuchthaus- 
würdiges Verbrechen  auszumalen,  eine  falsche  Meinung  als  mora- 
hsche  Schlechtigkeit,  eine  widersprechende  politische  Ansicht 
als  Hochverrat  am  Volke  darzustellen,  und  wenn  man  diese  neue 
Ära  dann  als  die  Ära  der  wahren  Freiheit  begrüssen  und  ihre 
Vertreter  als  siegreiche  Märtyrer  des  Rechts  belohnen  und  krönen 
muss,  —  ja  dann  würden  wir  diesem  moralischen  oder  vielmehr 
unmoraHschen  Schreckensregiment  das  der  wirklichen  Guil- 
lotine weit  vorziehen,  —  diese  kann  doch  nur  den  Körper  töten, 
jenes  würde  die  Seelen  morden,  wenn  es  sich  hielte." 

Es  ist  indessen  wohl  zu  unterscheiden  zwischen  der  eigent- 
lichen demokratischen  Revisionsbewegung,  die  das  nächste 
Kapitel  behandeln  soll,  und  dem  Verleumdungsfeldzug  des 
Pamphletärs  Dr.  Friedrich  Locher.  Allerdings  flössen  beide  Be- 
wegungen eine  Zeitlang  vollständig  ineinander  über  und  es  täusch- 
ten sich  anfangs  auch  ehrenwerte  demokratische  Führer  über 
die  wahre  Natur  ihres  gefährhchen  Bundesgenossen.  Gemein- 
sam war  ja  das  Ziel:  der  Sturz  des  Alfred  Escherschen  ,, Systems" 
(eine  aus  dem  Frankreich  Guizots  herübergenommene  Be- 
zeichnung). Während  jedoch  die  Organisation  einer  demokrati- 
schen Partei  schon  Jahre  vor  dem  Auftreten  Lochers  eingesetzt 
hatte  und  im  Gegensatz  zu  der  kurzlebigen  herostratischen  Be- 
rühmtheit des  Pamphletärs  dem  Staat  ein  neues  und  soHdes 
Gefüge  gab,  stellte  sich  die  gänzHche  Unbrauchbarkeit  Lochers 
zu  ernsthafter  politischer  Arbeit  sehr  bald  heraus.  Ihm  waren 
seine  Pamphlete,  bei  denen  gemeine  persönHche  Rachgier,  Selbst- 
gefälligkeit und    Grossmannssucht  die  Hauptrolle  spielten,   vor 


o    .        XXVI.  KAPITEL:  DIE  FREIHERREN  VON  REGENSBERG  5 

allen  Dingen  Selbstzweck  und  die  Politik,  soweit  man  von  einer 
solchen  bei  seiner  demagogischen  Phraseologie  überhaupt  reden 
kann,  nur  das  Mittel  zum  Zweck,  seine  Verleumdungen  unter 
die  Leute  zu  bringen.  Die  Demokraten  aber  Hessen  sich  seine 
freiwillige  Mitarbeit  vorerst  gefallen,  weil  ihnen  alles  recht  war, 
was  dazu  beitragen  konnte,  das  ,, System"   zu  untergraben. 

Noch  war  das  ,, System"  unerschüttert,  unangreifbar  fast. 
Als  schützende  Mauern,  Türme  und  Zinnen  umgaben  es  das  hohe 
Ansehen,  das  es  sich  durch  seine  Leistungen  und  Schöpfungen 
erworben,  die  materielle  Prosperität  des  Kantons,  seine  einfluss- 
reiche Stellung  in  der  Eidgenosserischaft,  die  im  allgemeinen 
nicht  bezweifelte  Rechtlichkeit  seiner  Verwaltung  und  Justiz, 
die  Noblesse  der  Gesinnung,  die  sich  seine  Grossen  gern  nach- 
rühmen Hessen,  und  ihr  häufig  betontes  Wohlwollen  für  die  untern 
Klassen.  Indessen  fand  mit  der  Zeit  das  Volk  und  wurde  auch 
darauf  aufmerksam  gemacht,  dass  die  nicht  geringen  ideellen 
und  materiellen  Vorteile,  welche  die  Regierungsgewalt  für  ihre 
Inhaber  und  deren  ergebene  Anhänger  mit  sich  bringt,  auf  einen 
gar  zu  engen  Kreis  beschränkt  bHeben.  Wünsche  nach  etwelchen 
Änderungen  und  vermehrter  Anteilnahme  des  Volkes  an  den 
Regierungsgeschäften  fanden  zuständigen  Orts  kein  Gehör.  Wozu 
auch  ändern?  Das  Land  war  ja  treffHch  regiert  und  gedieh  zu- 
sehends. Das  ,, System"  bHeb  also  bei  seinem  Grundsatz:  für 
uns  die  Macht,  die  Stellen,  die  Ämter  und  Ehren,  für  euch  unsere 
noble  Gesinnung,  unser  Wohlwollen,  das  nicht  verscherzt  werden 
sollte!  Bei  denen,  die  auch  nicht  dumm  zu  sein  glaubten,  frass 
die  Verbitterung  um  sich,  und  der  Masse  bemächtigte  sich  stumpfe 
Gleichgültigkeit  den  öffentlichen  Dingen  gegenüber.  Zu  den  Ab- 
stimmungen fanden  sich  noch  etwa  zwanzig  Prozent  der  Bürger 
ein.  Mit  Noblesse,  die  nicht  verpfHchtet,  und  Wohlwollen,  das 
nichts  kostet,  hält  man  das  Volk  nicht  warm.  Neugierig  wird  es 
zusehen,  was  aus  der  Regierung  werden  mag,  wenn  der  Sturm 
gegen  sie  losbricht,  aber  nicht  den  Finger  für  sie  rühren. 

Ein  kleiner  Advokat,  Dr.  Friedrich  Locher  von  Zürich,  geb. 
1820,  machte  sich  schon  anfangs  der  sechziger  Jahre  unangenehm 
bemerkHch  bei  aUerhand  Prozessen  vor  dem  Bezirksgericht  Regens- 
berg. Lochers  juristische  Befähigung  hat  bei  Kundigen  nie  viel 
gegolten,  und  als  er,  der  bisher  nur  Prokurator  gewesen,  das  Für- 


XXVI.  KAPITEL:  DIE  FREIHERREN  VON  REGENSBERG 


o 


Sprecherexamen  machen  wollte,  Hess  ihn  die  Kommission  durch- 
fallen. Um  so  mehr  brillierte  er  als  Revolver- JournaHst.  Üppige 
Phantasie,  stilistische  Gewandtheit  und  absolute  Skrupellosigkeit 
in  der  Wahl  der  Mittel  machten  ihn  zu  einem  Meister  der  Ver- 
drehung. Die  Richter,  vor  denen  er  seine  zahlreichen  faulen  Pro- 
zesse verlor,  mussten  stets  gew^ärtig  sein,  ihr  nicht  geschmeicheltes 
Porträt  von  Lochers  Hand  in  der  ,, Freitagszeitung"  oder  in  einem 
ausserkantonalen  Blatt  zu  finden.  Hie  und  da  war  etwas  Wahres 
an  den  Locherschen  ,, Justiz-Skandalen",  und  ,,wenn  auch  nur 
der  zehnte  Teil  wahr  ist",  dachten  dann  die  Leute,  so  —  glauben 
wir  gern  auch  alles  übrige.  Auf  der  ,,Burg",  dem  Städtchen 
Regensberg,  das  bis  1870  Sitz  der  Bezirksverwaltung  war,  wusste 
man  dem  Prokurator  Locher  wenig  Dank  dafür,  dass  er  gerade 
ihren  Ort  in  der  Leute  Mäuler  brachte,  und  als  er  später  einmal 
in  Geschäften  dorthin  kam,  wurde  er  mit  Steinwürfen  verfolgt 
und  langte  atemlos  auf  der  Station  Dielsdorf  wieder  an.  Statt- 
halter Ryffel,  Gerichtsschreiber  Bucher,  Bezirksrichter  Bader 
und  andere  Regensberger  Matadoren  waren  die  ersten  Opfer 
Lochers,  und  aus  seinen  Angriffen  entwickelte  sich  ein  Ratten- 
könig von  Prozessen  gegen  die  ,, Freitagszeitung"  oder  Locher 
persönlich,  die  nicht  alle  glücklich  für  die  Regensberger  endeten. 
Daneben  verfolgte  Locher  Jahre  hindurch  mit  zähem  Hasse 
den  Obergerichtspräsidenten  Dr.  Eduard  Ulmer,  der  auch  als 
Fachschriftsteller  sich  einen  geachteten  Namen  gemacht  hatte. 
Die  Beschreibung  einer  Reise  Lochers  nach  der  Oase  Laghuat 
im  Jahre  1864  schien  nur  zu  dem  Zweck  veröffentlicht  worden 
zu  sein,  um  darin  eine  perfide  Anspielung  auf  Ulmers  Familien- 
leben als  ersten  vergifteten  Pfeil  abzuschiessen.  Fatalerweise 
hatte  schon  im  Jahr  1858  ein  Prozess,  der  seitdem  immer  und 
immer  wieder  aufgewärmt  wurde,  Anlass  gegeben,  das  Vertrauen 
weiterer  Kreise  in  Ulmer  und  in  die  UnparteiHchkeit  der  zürche- 
rischen Justizpflege  zu  erschüttern.  Während  einer  Schwurgerichts- 
session in  Pfäffikon  hatte  Ulmer  beim  Mittagessen  in  der  ,, Krone" 
auf  den  Redaktor  des  ,,Intenigenzblattes",  Dr.  Härlin,  einen 
deutschen  Flüchthng,  geschimpft  und  behauptet,  dass  ,, dieser 
hergelaufene  fremde  Fötzel"  vom  Bankhaus  Schulthess  Rech- 
berg mit  einer  Pension  von  1200  Fr.  ausgehalten  werde,  um  gegen 
Escher   und    die   Xordostbahn   zu   schreiben.     Von   HärHn   beim 


o  XXVI.  KAPITEL:  DIE  FREIHERREN  VON  REGENSBERG  7 

Abendessen  in  der  ,,Post"  Pfäffikon  zur  Rede  gestellt,  berief  sich 
der  Schwurgerichtspräsident  auf  die  Nationalräte  Hüni  und  Fierz 
als  seine  Gewährsmänner.  Diese  aber,  im  ,, Intelligenzblatt" 
als  gemeine  Verleumder  hingestellt,  bestritten  die  Tatsache  ener- 
gisch und  verklagten  Härlin  beim  Bezirksgericht  Zürich,  worauf 
Härlin  mit  der  Klage  gegen  Ulmer  antwortete.  Das  Bezirks- 
gericht Zürich  trennte  die  beiden  Klagen,  wies  Härhn  als  Kläger 
vor  das  Kreisgericht  Wiedikon  und  verurteilte  ihn  sodann  wegen 
Beschimpfung  der  beiden  Nationalräte  zu  Geldbusse.  Seine  Klage 
gegen  Ulmer  jedoch  wurde  vom  Kreisgericht  Wiedikon  und  vom 
Bezirksgericht  in  zweiter  Instanz  abgewiesen.  Härlin  war  somit 
wehrlos  verleumdet  und  noch  gebüsst  dazu,  und  es  war  nicht 
die  glückhchste  Verteidigung  Ulmers  und  der  zürcherischen  Justiz, 
als  der  erste  Obergerichtsschreiber  Leonhard  Tobler  in  seinem 
Pamphlet  gegen  Dr.  Friedrich  Locher  (1867)  schrieb:  ,,Wir  möch- 
ten gar  nicht  bestreiten,  dass  die  soziale  Stellung  der  Parteien 
das  Gericht  mehr  oder  minder  beeinflusst  haben  könnte.  Herr 
Härlin  . .  .  war  damals  ein  in  Zürich  sehr  wenig  bekannter  armer 
Flüchtling.  Ihm  gegenüber  stund  der  Präsident  des  Obergerichts. 
Dass  derartige  Unterschiede  mit  in  die  Wagschale  fallen,  ist  ein- 
fach menschlich  und  wird  so  sein,  so  lange  die  Welt  steht".  .  . 

,,Wenn  der  Schuss  losgeht,  so  wird's  um  die  Lagern  herum 
krachen,  dass  manchem  die  Ohren  weh  tun  werden."  So  hatte 
die  ,, Freitagszeitung"  schon  am  21.  November  1862  verkündet. 
Ihrer  bediente  sich  Locher  mit  Vorliebe  in  den  ersten  Jahren 
seines  ,, Wirkens",  aber  auch  später  immer  wieder,  ohne  sich  da- 
durch stören  zu  lassen,  dass  die  ,, Freitagszeitung"  gelegentlich 
zwischenhinein  gegen  ihn  schrieb  und  händeringend  das  Unheil 
beklagte,  das  er  über  das  Vaterland  brachte.  Ohne  politischen 
Kompass,  bot  die  ,, Freitagszeitung"  nach  bewährter  Geschäfts- 
maxime dem  Publikum  stets  das,  was  seinem  jeweiligen  Geschmack 
entsprach.  An  ihren  Klatschereien  konnte  sich  ein  politisches 
Urteil  nicht  bilden ;  wohl  aber  bereitete  sie  damit  bei  ihrem  grossen 
Leserkreis  den  Boden  vor,  der  zur  Aufnahme  der  Locherschen 
Pamphlete  geeignet  war.  Am  13.  April  1866  brachte  die  ,, Frei- 
tagszeitung" die  kurze  Notiz:  ,,In  einer  bei  Haller  in  Bern  er- 
schienenen, 12  Bogen  starken  Schrift,  die  , .Freiherren  von  Regens- 
berg",  werden  die   Regensberger   Geschichten  witzig  geschildert 


8  XXVI.  KAPITEL:  DIE  FREIHERREN  VON  REGENSBERG  o 

und  beissend  kritisiert."    Das  Buch  erschien  anonym  unter  dem 
Titel 

Die  Freiherren  von   Regensberg 
Pamphlet  eines  schweizerischen  Juristen. 

Es  umfasste  zwei  Teile:  ,,I.  Einst",  eine  historisch-antiqua- 
rische Abhandlung  über  Regensberg  imd  sein  altes  Freiherren- 
geschlecht, ohne  Sinn  und  Zusammenhang  mit  dem  Zweck  des 
Pamphlets;  ,,II.  Jetzt",  die  Regensberger  Prozesse  und  die  für 
die  Gescliichte  ebenso  belanglosen  Rümlanger  Dorfwirren  ver- 
arbeitend. Schonungslos  wurden  darin  die  Regensberger  Macht- 
haber als  die  modernen  ,, Freiherren"  an  den  Pranger  gestellt, 
dem  Spott  und  der  Verachtung  preisgegeben,  nach  dem  Leitsatz 
pag.  153:  ,,Exempla  sunt  odiosa,  allein  wir  haben  beschlossen, 
uns  nötigenfalls  unangenehm  zu  machen."  Das  Buch  fand  reissen- 
den Absatz.  In  fünf  Tagen  w^ar  die  erste  Auflage  vergriffen.  Das 
Sechseläuten  1866  stand  im  Zeichen  der ,, Freiherren";  sie  bildeten 
das  ausschHessliche  Tagesgespräch.  Nie  hätte  man  es  für  möglich 
gehalten,  dass  jemand  es  wagen  würde,  mit  so  unerhörter  Kühn- 
heit gegen  hochangesehene  Beamte  und  Stützen  des  ,, Systems" 
vorzugehen. 

Mit  den  ,, Freiherren",  I.  und  II.  Teil,  wurde  eine  Serie  von 
sieben  Pamphleten  Lochers  eröffnet,  und  es  machte  dem  Ver- 
fasser allemal  besondern  Spass,  während  der  Prozessverhand- 
lungen wegen  des  einen  Pamphlets,  am  liebsten  noch  vor  den 
Gerichtsschranken,  anzukündigen,  dass  das  nächste  Pamphlet 
bereits  geschrieben  sei  oder  schon  unter  der  Presse  liege.  Vom 
Obergerichtspräsidenten  Ulmer  war  im  ersten  Pamphlet  noch 
nicht  die  Rede.  ,,Herr  Ulmer,"  sagte  Locher  in  einer  spätem 
Verteidigung  vor  Obergericht,  ,, hatte  für  mich  in  kantonaler  Be- 
ziehung ganz  dieselbe  Bedeutung  wie  Herr  Bezirks-  und  Verhör- 
richter Bader  für  den  Bezirk  Regensberg.  Mit  der  Person  des 
Herrn  Ulmer  getraute  ich  mir,  das  S5^stem  auseinanderzusprengen, 
natürhch  alles  zu  seiner  Zeit.  Ich  sparte  also  Herrn  Ulmer  sorg- 
fältig auf,  ich  trug  zu  ihm  Sorge  wie  zu  meinem  Augapfel,  und  sein 
Rücktritt  hätte  mich  ganz  unglücklich  gemacht."  Ulmer  aber, 
ohne  Ahnung  von  der  ihm  widerfahrenden  liebevollen  Schonung, 
schrieb  für  die  ,, Sonntagspost"  eine  sehr  abschätzige  Rezension 
der   ,, Freiherren",   deren   Verfasser   niemand    anders   sei   als   der 


o  XXVI.  KAPITEL:  DIE  FREIHERREN  VON  REGENSBERG  9 

Prokurator  Locher,  ein  Ehrabschneider  von  Profession,  den  die 
angegriffenen  Behörden  einer  Antwort  nicht  zu  würdigen  brauchten. 

Einstweilen  taten  die  ,, Freiherren"  ihre  Wirkung.  Bei  den 
Grossrats-,  Bezirks-  und  Nationalrats  wählen  des  Jahres  1866 
erlebten  die  Gouvernementalen  des  Bezirks  Regensberg  Nieder- 
lage auf  Niederlage.  Locher,  in  Wiesendangen  nominiert,  drang 
bei  den  Grossratswahlen  nicht  durch,  noch  weniger  natürlich 
bei  den  indirekten  Wahlen  im  Grossen  Rat  am  28.  Mai,  wo  ihn 
die  demokratische  Opposition  ganz  verschämt  am  Schluss  ihrer 
Liste  aufführte. 

Um  jeiie  Zeit  lag  vor  den  eidgenössischen  Räten  in  Bern  der 
Rekurs  Guex-Perey,  eine  totlangweilige  Prozesströlerei  Lochers 
ohne  alles  Interesse  für  die  Nachwelt.  Bei  den  Akten  lag  auch 
ein  Gutachten  des  Obergerichts  Zürich.  Nun  bemerkte  der  Refe- 
rent des  Ständerats,  Häberlin,  dass  dieses  Gutachten  mit  einer 
Bleistift-Notiz  am  Rande  ,,0  Ulmer,  Schurke!"  versehen  war, 
und  erwähnte  mit  Indignation  dieses  Vorkommnisses  in  seinem 
Referate.  Man  war  sofort  im  klaren,  dass  diese  Frechheit  gegen 
den  zürcherischen  Obergerichtspräsidenten  nur  Locher  verübt 
haben  konnte,  als  er  in  Bern  die  Akten  einsah.  Locher  leugnete 
und  musste  erst  durch  eine  umständliche  gerichtliche  Schrift- 
expertise zum  Geständnis  gebracht  werden,  worauf  er  seine  Taktik 
änderte  und  den  Wahrheitsbeweis  dafür  anerbot,  dass  der  zürche- 
rische Obergerichtspräsident  Dr.  Eduard  Ulmer  tatsächlich  ein 
Schurke  sei.  Das  Bezirksgericht  trat  auf  diesen  Wahrheitsbeweis 
nicht  ein  und  verurteilte  am  14.  September  1867  Locher  wegen 
des  „Schurken"  zu  vier  Tagen  Gefängnis,  100  Fr.  Busse  imd 
30  Fr.  Entschädigung  an  den  Kläger  Ulmer,  der  diese  30  Fr. 
dem  ,,  Schutzauf  Sichtsverein  für  entlassene  Sträflinge"  schenkte 
(s.  Verdankung  im  ,, Tagblatt"  vom  20.  Dez.  1867).  Die  Appel- 
lationskammer des  Obergerichts  erhöhte  im  Oktober  1867  die 
Gefängnisstrafe  für  Locher  auf  acht  Tage,  welche  der  viel- 
beschäftigte Volkstribun  jedoch  erst  im  Februar  des  folgenden 
Jahres  abzusitzen  Lust  und  Müsse  fand. 

Seinen  ,, Wahrheitsbeweis"  hatte  Locher  dem  Bezirksgericht 
in  einem  ausführhchen  Memorial  anerboten,  das  an  Hand  von 
,, dreizehn  Erlebnissen"  den  Obergerichtspräsidenten  der  grössten 
Schandtaten  und  Verbrechen  bezichtigte.    Für  das  meiste  wollte 


lo  XXVI.  KAPITEL:  DIE  FREIHERREN  VON  REGENSBERG  o 

Locher  vollgiltige  Beweise  haben,  für  das  übrige  „hohe  Wahr- 
scheinlichkeit". Ulmer  reichte  gegen  Locher  dreizehn  neue  Klagen 
ein,  die  den  Beklagten  nicht  davon  abhielten,  geheimnisvoll  an- 
zukündigen, dass  der  Inhalt  des  einstweilen  nur  in  der  Gerichts- 
kanzlei bekannten  Memorials  demnächst  in  einem  III.  Teil  der 
,, Freiherren"  der  breitesten  Öffentlichkeit  zugänghch  gemacht 
werden  solle.  Die  Cholera  des  Herbstes  1867  Hess  auch  in  diesem 
Kampfe  eine  notgedrungene  Pause  eintreten,  und  auch  sie  schien 
nur  die  Empfänghchkeit  des  Volkes  für  die  unmittelbar  nachher 
ausbrechende  Pamphletseuche  zu  steigern. 

Der  III.  Teil  der  ,, Freiherren  von  Regensberg"  erschien  Ende 
Oktober  1867,  gleichzeitig  mit  der  Pubhkation  des  obergericht- 
hchen  Urteils  im  ,,Schurken"-Prozess.  Das  Buch  führte  die  Unter- 
titel: ,,Die  Freiherren  vor  Schwurgericht.  —  Die  Grossen  der 
Krone  Zürich."  Der  Inhalt  ist  grauenhaft,  entsetzlich.  Wie  eine 
böse  Dogge  fällt  das  Pamphlet  den  Obergerichtspräsidenten  an, 
und  je  mehr  er  sich  gegen  die  Bestie  wehrt,  um  so  fester  packt 
sie  zu.  Er  flieht,  bluttriefend  und  mit  zerfetzten  Kleidern,  ver- 
folgt bis  ins  Innerste  seiner  Gemächer,  wo  das  Vieh  auch  noch 
Frau  und  Kind  des  Verfolgten  zuschanden  beisst.  Der  Herr  des 
Hundes  steht  mit  den  Händen  in  den  Hüften  und  lacht  aus  vollem 
Halse.  Um  ihn  her  stehen  seine  Freunde,  mit  den  Zügen  bekannter 
Staatsmänner,  von  ihm  wie  zu  einem  besondern  Spass  geladen; 
sie  lachen  auch,  etwas  gezwungen  zwar.  Gebt  nur  acht,  Ihr  Herren, 
dass  der  Hund  nicht  auch  Euch  noch  anfällt! 

In  Zürich  ward  der  kleine,  über  die  Achseln  angesehene  Pro- 
kurator Locher  mit  einem  Schlage  der  populärste  Mann.  Das 
ungeheure  Interesse,  welches  sein  Pamphlet  erweckte,  zeigt  die 
dem  ,, Landboten"  gemeldete  Tatsache,  dass  die  Zürcher  darob 
sogar  den  Jass  vergassen.  Mürrisch  stieg  der  Droschkier  vom 
Bock  herab,  wenn  ein  Fremder  seine  Dienste  verlangte;  hatte  er 
ihn  doch  in  der  Lektüre  der  ,, Freiherren"  unterbrochen,  als  sie 
,,am  schönsten"  zu  werden  versprach.  Kein  Haus,  wo  nicht  von 
Herrschaft  oder  Dienstboten  —  oder  beiden  —  die  ,, Freiherren" 
gierig  gelesen  w^urden.  Keine  Schneiderwerkstatt,  keine  Schuster- 
boutique, in  der  nicht  Lochers  Bildnis  an  der  Wand  prangte,  ge- 
ziert mit  dem  Facsimile  seines  Motto  und  seiner  Unterschrift: 
,,Fort  mit  dem  Nimbus!    Nieder  mit  dem  Respekt.    Dr.  Friedrich 


o  XXVI.  KAPITEL:   DIE  FREIHERREN  VON  REGENSBERG  ii 

Locher."    Und   die    Gespräche!     „Also  so   schaut's   aus   bei   den 
Herren?  —  Und  da  redet  man  noch  vom  gemeinen  Volk!" 

Von  der  Wirkung  der  Pamphlete  Lochers  auf  das  „System" 
macht  man  sich  nicht  leicht  einen  Begriff.  Vielleicht  Hessen  sich 
etwa  die  42  cm-Mörser  von  Lüttich  zum  Vergleich  heranziehen. 
Das  Aussenfort  Regensberg  war  gefallen ;  nun  lag  auch  eine  Haupt- 
bastion der  Zitadelle  schon  in  Trümmern.  Die  besten  Männer  des 
Systems  eilten  zur  Abwehr  auf  die  Zinnen,  Regierungsrat  Prof. 
Dr.  Rüttimann  mit  einer  umfangreichen,  vornehm  gehaltenen 
Gegenschrift,  L.  Tobler  mehr  im  Pamphletstil.  Aber  was  half  das 
alles!  Von  unten  klang  das  diaboHsche  Lachen:  ,,Das  System  hat 
Unglück  mit  seinen  Stützen :  Man  durchsägt  ihm  eine  Krücke  nach 
der  andern,  man  nimmt  ihm  seinen  Bader,  seinen  Bucher,  seinen 
Häberhn,  nun  auch  noch  gar  seinen  Ulmer.  Bald  hopst  es  nur 
noch  auf  einem  Bein.  —  Noch  ein  kräftiger  Stoss,  und  es  fällt. 
Ha,  ha,  ha !  —  Rule  Britannia !  Wie  der  Vogel  Strauss,  steht  es 
nicht  mehr  auf."  („Freiherren"  III,  pag.  163).  Und  unverweilt 
folgten  zwei  weitere  Ladungen:  ,,IV.  Othello,  der  Justizmohr  von 
Venedig.  —  Der  Prinzeps  und  sein  Hof."  Am  ghmpflichsten  kam 
noch  Alfred  Escher  weg  im  ,, Prinzeps",  während  Ulmer  im ,, Othello" 
als  „Justizmohr  von  Venedig"  (er  wohnte  in  der  Nähe  des  „Vene- 
digh"  in  Enge)  noch  die  Folter  vierten  Grades  auszuhalten  hatte. 

Schrecken  und  Bestürzung  herrschte  unter  den  Zelten  des 
„Systems".  Von  den  ,, Freiherren",  III.  Teil,  schrieb  die  „Lim- 
mat":  ,,Der  Schlag  wird  so  geführt,  als  ob,  wie  in  jenen  schauer- 
lichen amerikanischen  Duellen,  beide  Kämpfer  im  dunkehi  Zimmer 
mit  offenem  Messer  einander  ans  Leben  gingen.  Wir  würden  uns 
gar  nicht  wundern,  wenn  aus  der  Broschüre  noch  Blut  tröpfelte." 
Der  ,, Landbote",  der  im  Gegenteil  von  dem  Buch  den  Eindruck 
einer  ,,poHtischen  Tat"  hatte,  beruhigte:  „Die  Sache  ist  nicht  halb 
so  gefährhch;  die  Dinge  laufen  bei  den  zahmen  Grössen  Limmat- 
Athens  viel  glatter  ab  als  bei  den  amerikanischen  Hinterwäld- 
lern .  .  .  Ein  Kampf  ist  allerdings  da,  ein  Kampf  der  IntelHgenz 
gegen  die  Gewalt;  aber  Blut  wird  keines  fHessen,  so  hochtragisch 
ist  die  Geschichte  und  das  Geschlecht,  mit  dem  sie  sich  befasst, 
noch  lange  nicht,  eher  lächerlich!"  Der  dies  schrieb,  ahnte  nicht, 
dass  ihm  eines  Tages  eine  jener  ,, zahmen  Grössen"  an  seinem 
Redaktionspult  den  Revolver  vor  die  Nase  halten  und  eine  Er- 


12  XXVI.  KAPITEL:  DIE  FREIHERREN  VON  REGENSBERG  o 

kläning  in  die  Feder  diktieren  werde,  in  der  er  sich  selber  als  „fei- 
gen, ehrlosen  Schuft"  bezeichnen  und  unterschreiben  musste.  Er- 
innert man  sich  der  Szene  im  ,, Verlorenen  Lachen",  wo  Jukundus 
unter  der  X'erleumderclique  sitzt,  welche  rätig  wird,  ,, wieder  ein- 
mal über  einen  Volksfeind  imd  Unterdrücker  Gericht  zu  halten 
und  eine  lustige  Jagd  nach  einem  solchen  einzuleiten"  ?  Nun,  das 
Urbild  jener  Szene  mag  eine  Zusammenkunft  in  der  ,,Häfelei"  an 
der  Schoffelgasse  gewesen  sein,  von  der  die  ,, Freitagszeitung" 
(1869,  Nr.  41)  berichtet.  Die  Herren,  ein  Regierungsrat  unter  ihnen, 
Hessen  sich  vom  Wirt  Papier,  Federn  und  ein  Lineal  geben,  zeichne- 
ten Sargdeckel  und  sandten  sie  mit  erläuternden  Inschriften  an 
verschiedene  Zeitungen.  Auch  ein  Gespräch,  im  rohesten  Fuhr- 
mannston, kam  zu  Papier,  in  dem  ,, Lümmel  H."  den  „Lümm.el  T." 
fragt,  ob  er  gern  Spinat  esse  ?  Durch  Vermittlung  des  Herrn  Re- 
gierungsrats kam  das  Gespräch  in  den  ,,Züri-Heiri",  die  humo- 
ristische Beilage  des  ,, Landboten".  Unsere  Zeit  versteht  die  in 
diesen  Anspielungen  Hegende  Infamie  glückHchen\^eise  nicht,  der 
Getroffene  aber,  es  war  der  Obergerichtsschreiber,  verstand  und 
reiste  mit  dem  nächsten  Zuge  nach  Winterthur.  Die  Erklärung 
des  ,,Landboten"-Redaktors,  welche  er  heimbrachte,  erschien  in 
der  ,,N.  Z.  Z.";  zweien  Herren  —  der  eine  Regierungsrat,  der 
andere  Stadtrat  —  die  ihn  in  der  Obergerichtskanzlei  auf- 
suchten, wies  er  mit  dem  Revolver  die  Türe.  Als  er  seine  vier 
Wochen  Gefängnis  für  die  Revolveraffäre  abgesessen  hatte,  be- 
stätigte ihn  das  Obergericht  für  eine  neue  Amtsdauer  als  Ober- 
schreiber.   

Das  Obergericht  war  durch  die  Angriffe  Lochers  zu  einer  Ein- 
gabe an  den  Grossen  Rat  veranlasst  worden,  in  welcher  es  Unter- 
suchung seiner  Rechtspflege  verlangte.  Die  Mehrheit  der  bestellten 
Kommission  mit  Dr.  Fr.  v.  Wyss  an  der  Spitze,  fand,  dass  dem 
Obergericht  entschieden  Unrecht  geschehen  sei  und  in  zehn  Jahren 
nicht  ein  einziger  Fall  angeführt  werden  könne,  in  welchem  für 
Annahme  von  Befangenheit  und  Parteilichkeit  irgend  etwas  Be- 
stimmtes vorHegen  würde.  Die  IVIinderheit,  Zangger  und  Scheuch- 
zer,  stimmte  diesem  Urteil  anfängHch  bei;  dann  wurden  aber 
die  beiden  Demokraten  von  Dr.  Locher  und  Fürsprech  Spillmann 
doch  noch  veranlasst,  ein  Minderheitsgutachten  abzugeben.  Die- 
ses  leimte   den  allgemeinen  Vorwurf  der  Korruption    gegen  die 


o  XXVI.  KAPITEL:  DIE  FREIHERREN  VON  REGENSBERG  13 

zürcherischen  Gerichte  ebenfalls  ab,  nannte  jedoch  vier  Fälle 
(darunter  Härlin-Ulnier) ,  in  denen  nicht  unparteiisch  geurteilt 
worden  sei.  Obergerichtspräsident  Ulmer  hatte  sich  bis  zur  Be- 
endigung der  Untersuchung  seiner  Strafklagen  gegen  Locher,  die 
inzwischen  auf  21  angewachsen  waren,  beurlauben  lassen.  Der 
Fall  sollte  in  der  Schwurgerichtssession  vom  5.  Februar  1868  (Präsi- 
dent Oberrichter  Dr.  Albert  Schneider)  zur  Aburteilung  kommen. 
Locher  machte  sich  nach  seiner  Ankündigung  im  Schützenhaus 
auf  eine  längere  Gefängnisstrafe  gefasst  (,,wir  werden  Sie  dann 
aus  dem  Gefängnis  abholen,"  schrie  der  Populus) ;  seine  Sache 
stand  schlecht. 

Da  —  ein  Donnerschlag !  Ulmer  zieht  alle  seine  Klagen  zurück 
und  bezahlt  auch  die  aufgelaufenen  Kosten  von  1000  Fr.  Nun 
ist  der  Mann  ganz  am  Boden,  und  mit  satanischer  Freude  trampelt 
Locher  auf  ihm  herum.  Er  halst  ihm  im  Handumdrehen  drei 
weitere  uneheliche  Buben  auf,  schimpft,  dass  ihm  die  Gelegenheit 
genommen  sei,  die  von  ihm  für  das  Schwurgericht  aufgesparten 
Hauptbeschuldigungen  gegen  Ulmer  vorzubringen,  und  verlangt 
Entschädigung  für  seine  Umtriebe!  Ulmer  reicht  dem  Grossen 
Rat  seine  Demission  als  Mitglied  und  Präsident  des  Obergerichtes 
ein.    Er  schreibt: 

,, Während  30  Jahren  habe  ich  als  Beamter  gearbeitet  wie 
wenige.  Daneben  habe  ich  mich  trotz  harter  Jugendzeit  und 
nicht  voller  Universitätsbildung  zum  verdienstvollen  juristischen 
Schriftsteller  emporgeschwungen,  und  doch  war  eine  Schand- 
schrift genügend,  mich  moralisch  zu  ächten.  Man  hat  mich  ver- 
urteilt, ohne  die  Beweise  nur  hören  zu  wollen.  —  Schlimmeres 
kann  mir  nicht  mehr  widerfahren.  Ich  bin  mir  mehr  wert,  als 
dass  ich  mich  auch  noch  zum  Schauspiel  hergebe.  Ich  bin  quitt 
mit  Euch,  verlasse  Euer  Land  und  erwarte  mein  Urteil  von  einer 
spätem  billigeren  Zeit,  wenn  die  Leidenschaften  des  Tages  ver- 
stummt. Euern  Locher  mögt  Ihr  haben  und  an  ihn  glauben,  so 
lange  es  Euch  gefällt." 

Über  dieses  Rücktrittsgesuch  wurde  im  Grossen  Rat  am  10. 
und  II.  Februar  1868  debattiert.  Die  Redner  der  Opposition  fan- 
den seinen  Ton  ungehörig  und  Zangger  drohte  mit  einem  Antrag 
auf  Versetzung  Ulmers  in  den  Anklagezustand,  wenn  man  es  wage, 
ihm  noch  die  ,, Verdankung  der  geleisteten  Dienste"  auszusprechen. 


14  XXVI.  KAPITEL:  DIE  FREIHERREN  VON  REGENSBERG  o 

Dennoch  wurde  die  Entlassung  schliesslich  mit  der  üblichen  Ver- 
dankung gewährt.  Dr.  Schneider  beklagte  in  der  ,,N.Z.Z."  den 
Klagerückzug  aufs  tiefste,  weil  Ulmer  damit  alles  preisgegeben 
habe,  für  immer!  Und  doch  war  der  Schritt,  zu  dem  auch  Re- 
gierungsrat Huber  (Ulmers  Verwandter) ,  Fürsprech  Dr.  Sulzberger, 
Alfred  Escher  u.  a.  rieten,  psychologisch  verständlich.  In  den 
Prozessverhandlungen,  welche  im  Grossratssal  stattfinden  sollten, 
wäre  Ulmer  das  Ziel  der  abgefeimtesten  Angriffe  Lochers  und 
der  Gegenstand  öffentlichen  Hohnes  geworden,  ohne  auch  nur 
einer  Verurteilung  des  Angeklagten  sicher  zu  sein,  da  Locher  mit 
der  Rekusation  von  zwölf  Geschworenen  das  Gericht  aller  selb- 
ständigen Köpfe  beraubt  hatte.  Ulmers  Name  begegnet  uns  später 
nur  noch  einmal,  im  Jahre  1880,  als  die  Gemeinde  Enge  auf  den 
Antrag  des  alt  Obergerichtspräsidenten  einen  Steuerrekurs  ein- 
reichte, und  dann  bei  seinem  Tod  (28.  Juli  1886),  der  den  Blättern 
Veranlassmig  zur  Hervorhebung  von  Ulmers  Verdiensten  um  die 
zürcherische  Rechtsprechung  bot.  —  — 

Der  demokratischen  Bew^egung  leisteten  die  Pamphlete 
Lochers  mächtigen  Vorschub.  Sie  bildeten  die  artilleristische  Vor- 
bereitung, nach  welcher  dann  die  Infanteriemassen  der  Dezember- 
Landsgemeinden  in  die  Linie  rücken  konnten.  Mit  Locher  selbst 
ergab  sich  freiHch  von  Anfang  an  kein  rechtes  Zusammenarbeiten, 
und  ein  Vertrauensverhältnis  zwischen  ihm  und  den  demokrati- 
schen Führern  hat  nie  bestanden.  Am  5.  November  1867  fand 
auf  Betreiben  von  Bleuler-Hausheer,  der  sich  vorerst  von  dem 
Bestehen  und  der  Aktionsfähigkeit  der  Locherschen  Gefolgschaft 
in  Zürich  überzeugen  wollte,  eine  Versammlung  von  Demokraten 
unter  Dr.  Lochers  Vorsitz  in  Zürich  statt.  Es  nahmen  u.  a.  Teil 
Karl  Bürkli,  Polizeileutnant  Ludwig  Forrer,  dem  schon  damals 
nachgesagt  wurde,  dass  er  einmal  Bundesrat  werden  wolle,  Dr. 
Fran^ois  Wille  in  Meilen,  Zigarrenmacher  Frey,  Stadtrat  Schnurren- 
berger,  Literat  Honegger,  Postdirektor  Peter,  Tierarzneischul- 
direktor  Zangger,  Kommandant  Karl  Walder,  der  spätere  Regie- 
rungsrat. Bleuler  war  vom  Ergebnis  dieser  Besprechung  nicht 
befriedigt.  Sein  nach  der  Heimkehr  noch  um  Mitternacht  an 
Locher  geschriebenes  Billett  enthält  für  dessen  Person  Kompli- 
mente, drückt  aber  grosse  Skepsis  aus  ,,über  die  Verfassung  der 
zürcherischen  Zentrumkompagnie". 


o  XXVI.  KAPITEL:  DIE  FREIHERREN  VON  REGENSBERG  15 

Noch  viel  weniger  erbaut  war  Dr.  Locher;  besonders  hatte 
ihn  Zanggers  ablehnende  Haltung  gegen  eine  sofortige  Aktion  ver- 
stimmt. Man  war  ohne  Beschluss  auseinander  gegangen  und  wollte 
am  folgenden  Abend,  6.  November,  die  Beratung  fortsetzen.  Es 
kam  aber  ausser  Locher  und  drei  von  seinen  Freunden  niemand. 
Das  Kleeblatt  fand,  auf  die  „Führer"  sei  kein  Verlass;  Dr.  Locher 
müsse  selbst  nun  auch  die  politische  Führung  übernehmen.  Nichts 
konnte  ihm  erwünschter  sein.  ,,Ein  Zentnergewicht  war  dem  Ver- 
fasser vom  Herzen  gefallen,  seit  er  auf  eigenen  Füssen  stand." 
Er  lud  im  ,, Tagblatt"  auf  Sonntag  den  17.  Novem.ber  zu  einer 
„Versammlung  unabhängiger  Männer  zur  Besprechung  der  Situa- 
tion" ins  alte  Schützenhaus  ein,  wohin  er  fortan  noch  öfter  seine 
Gefolgschaft  aufbot,  die  Parole  ausgab  und  die  Bewegung  ,, lei- 
tete". Der  Zudrang  war. grossartig,  der  Jubel  grenzenlos.  Selbst- 
verständhch  ernannte  die  Versammlung  Locher  zum  Tagespräsi- 
denten, womit  für  ihn  auch  die  Frage  der  Führerschaft  der  Bewe- 
gungspartei gelöst  und  ein-  für  allemal  erledigt  war.  Seine  Pam- 
phlete wurden  von  der  Versammlung  ausdrücklich  sanktioniert 
als  das  einzige  Mittel,  dem  System  beizukommen.  Schon  am 
22.  November  kam  man  im  Schützenhaus  wieder  zusammen  zur 
Feier  des  Ustertages.  Zangger  war  auch  gekommen,  hatte  aber 
mit  seinen  Warnungen  vor  ,, Überstürzung"  usw.  kein  Glück.  Bei 
der  demokratischen  Delegierten  Versammlung  vom  26.  November 
im  alten  Schützenhaus,  welche  das  i5gHedrige  Zentralkomitee  für 
die  grossen  Volksversammlungen  bestellen  sollte,  war  Locher  be- 
reits darüber  orientiert,  dass  bei  den  Demokraten  ausgesprochene 
Antipathien  gegen  ihn  bestanden.  Er  hatte  ein  Billett  Walders 
gesehen,  in  dem  es  hiess,  Locher  kompromittiere  die  Partei;  er 
(Walder)  werde  sich  von  diesem  unlautern  Treiben  fernhalten.  Im 
Begriff,  die  Delegiertenversammlung  zu  eröffnen,  ward  er  von 
Bleuler-Hausheer  überrascht  mit  der  Bemerkung,  ,,Karl  Bürkli 
habe  ihn  ersucht,  das  Präsidium  zu  übernehmen".  In  der  Ver- 
sammlung zirkulierte  ein  Brief  des  Lehrers  Schäppi  von  Horgen, 
der  vor  Locher  warnte.  Zangger  bot  diesen  Brief  herum  und 
nahm  einen  um  den  andern  auf  die  Seite,  mit  ihm  zu  tuscheln. 
Aber  auch  in  der  Diskussion  ging  Zangger  geradewegs  gegen  Locher 
vor  und  bezeichnete  seine  Pamphlete  als  ,,bewusste  Verleumdungen 
und   persönHchen    Schmutz".     Unter  solchen   Umständen   lehnte 


i6  XXVI.  KAPITEL:  DIE  FREIHERREN  VON  REGENSBERG  o 

Locher  eine  Wahl  ins  Zentralkomitee  ab.  Zwischen  ihm  und 
Zangger  bestand  schon  jetzt  töthche  Feindschaft,  die  in  einem 
nächthchen  Rendez-vous  in  der  Wirtschaft  Karl  Bürklis  an  der 
Eselgasse  beinahe  zu  Tätlichkeiten  geführt  hätte.  Locher  machte 
sich  selbst  Vorwürfe:  „den  Prinzeps,  den  Millionär,  den  Mann  der 
Ordnung  hätte  er  glückhch  verdrängt,  um  ein  wildes  Tier  an  seine 
Stelle  zu  setzen!  Und  die  andern,  die  er  aus  dem  Kot  gezogen, 
standen  dabei  und  Hessen  ihn  beschimpfen"  (,, Freiherren"  VI,  39). 
Diese  Szene  spielte  sich  ab  noch  bevor  das  Pamphlet  ,,Der  Prin- 
zeps und  sein  Hof",  mit  dem  Locher  Alfred  Eschers  Sturz  be- 
siegeln wollte,  die  Presse  verlassen  hatte! 

Bei  alledem  fühlte  Locher  sich  als  Abgott  des  Volkes  den 
,,missgüastigen"  demokratischen  Führern  bei  weitem  überlegen. 
Sie  konnten  ihm  nach  seiner  Meinung  nichts  anhaben  und  kamen 
ihm  vor  ,,wie  die  Ratten  und  Mäuse,  die  den  steinernen  Elephan- 
ten  fressen  wollen"  (,, Freiherren"  V,  89).  Er  fand  Gelegenheit,  sich 
in  seiner  Popularität  zu  sonnen  bei  der  am  8.  Dezember  abgehal- 
tenen Schützenhausversammlung,  in  deren  Physiognomie  der  Be- 
richterstatter der  ,,N.Z.Z."  eine  ,, sozialistisch-kommunistische  Fär- 
bung" wahrzunehmen  glaubte.  Bei  der  Dezember-Landsgemeinde 
in  Zürich  figurierte  Locher  nicht  auf  der  offiziellen  Rednerliste, 
aber  das  Volk  rief  stürmisch  nach  ihm,  und  als  der  Held  des  Tages 
stieg  er  zur  Tribüne  herauf,  theatralisch  den  Mantel  zurückschla- 
gend und  in  Handschuhen  gestikulierend,  was  dem  ,, Republikaner" 
genügte,  um  in  ihm  den  ,,T3^us  des  Aristokraten"  zu  erkennen. 
Den  Eindruck  der  Effekthascherei  machte  auch  seine  verspätete 
Entree  in  einer  grossen  Versammlung  im  ,, Ochsen"  am  Kreuzplatz 
am  22.  Dezember,  wo  seine  Ankunft  donnernden  Applaus  aus- 
löste, wofür  er  sich  durch  einen  demagogisch-soziaHstischen  Galli- 
matliias  revanchierte.  Weniger  Verständnis  hatte  man  für  seine 
hohe  Mission  in  Aussersihl;  er  fühlte  sich  in  einer  Versammlung 
des  dortigen  Gemeindevereins  durch  Sticheleien  auf  ,, politische 
commis-vo3^ageurs"  verletzt  und  vermochte  die  Anw^esenden  nicht 
zu  seinen  Gunsten  umzustimmen. 

Mitte  Februar  1868  hatte  Locher  seine  acht  Tage  Gefängnis 
für  den  ,, Schurken"  abzusitzen.  Umfassende  Vorbereitungen  wur- 
den getroffen  zu  einer  gloriosen  Begleitung  durch  das  Volk  bei 
der  Entlassung  am  vSonntag  Abend  den  23.  Februar.    Eine  Depu- 


v<3 


Ol 

«3 


o  XXVI.  KAPITEL:  DIE  FREIHERREN  VON  REGENSBERG  17 

tation  erbat  vom  Stadtrat  Winterthur  Kanonen,  die  jedoch  ver- 
weigert wurden,  ,,um  eine  befreundete  Stadt  nicht  zu  kränken"; 
man  musste  sich  mit  zürcherischen  ,, Katzenköpfen"  begnügen. 
In  der  Zelle  im  Selnau  ging's  wie  in  einem  Taubenschlag.  Karl 
Bürkli  überbrachte  Locher  die  Meldung  von  dem  ihm  zugedachten 
Fackelzug,  bei  dem  BürkH  selbst  die  Regie  übernehmen  sollte. 
Locher  war  einverstanden;  ,,nur  eines  muss  ich  zur  Bedingung 
machen :  die  Sache  muss  gross  und  gut  organisiert  sein.  Mit  2 — 300 
Fackeln  ist  mir  nicht  gedient,  ich  will  wenigstens  tausend  haben. 
Der  Wille  ist  da,  das  Übrige  ist  Sache  der  Führer!"  („Frei- 
herren" VI,  81).  Begeisterte  Besucher,  die  nicht  genug  die 
Pracht  und  Grösse  des  bevorstehenden  Triumphzuges  rühmen 
konnten,  wechselten  ab  mit  falschen  Freunden,  die  miter  nichtigen 
Vorwänden  ihr  Wegbleiben  zum  voraus  entschuldigten  oder  gar 
dem  Gefangenen  die  Zumutung  machten,  auf  den  Fackelzug  zu 
verzichten.  Den  schHmmsten  Streich  spielte  ihm  Karl  Bürkli, 
der  sich  eine  halbe  Stunde  vor  der  festgesetzten  Zeit  krank  mel- 
dete. Beim  Austritt  aus  dem  Gefängnis  sah  Locher  zwei  Pferde 
im  Hofe  stehen;  nach  den  ihm  gemachten  Versprechungen  hatte 
er  zum  mindesten  das  gesamte  Studentenkorps  ,,Helvetia"  zu 
Pferd  erwartet.  Mit  trüben  Ahnungen  trabte  er  zur  Seite  des 
Schuhmachers  und  Hühneraugenoperateurs  Diezinger  zum  Sam.- 
melplatz  bei  der  Kaserne;  dort  traf  er  grenzenlose  Verwirrung, 
Tumult,  lauernden  Verrat  an  allen  Ecken.    Locher  erzählt: 

„Wie  sich  der  Verfasser  plötzHch  umwendet,  bemerkt  er,  dass 
ein  Fackelträger  seinem  Pferd  die  brennende  Fackel  unter  den 
Schweif  hält,  und  ein  paar  andere  sich  dazu  Zeichen  machen  und 
lachen.  Jetzt,  auf  einmal,  wurde  ihm  die  Sachlage  klar.  Also 
darauf  war  es  abgesehen !  Das  war  die  ihm  bereitete  Ovation !  — 
Der  Gefeierte  kämpfte  für  sein  Leben,  beschloss  aber  augenblick- 
lich, es  so  teuer  als  möglich  zu  verkaufen.  Jede  Minute  war  kost- 
bar. Er  musste  dem  Pack  Furcht  und  Entsetzen  einjagen,  sonst 
war  er  verloren.  Er  nahm  seinen  Gaul  zusammen,  Hess  ihn  tanzen, 
warf  ihn  ein  paarmal  herum,  und  nachdem  er  sich  Platz  verschafft, 
ritt  er  hart  an  die  Kerls  heran:  ,,Wenn  Du  noch  einmal  muckst, 
so  zerschmettere  ich  Dir  den  Schädel,  dass  Euch  das  Hirn  ins  Ge- 
sicht spritzt.  Glaubt  Ihr,  mit  dem  Locher  so  leicht  fertig  zu  wer- 
den ?  Ich  will  Euch  mores  lehren,  Ihr  Millionsschufte !  Was  kömmt 


iS  XXVI.  KAPITEL:  DIE  FREIHERREN  VON  REGENSBERG  o 

mir  auf  Eure  Köpfe  an!"  —  Mit  gedämpfter,  vor  Wut  erstickter 
Stimme  hatte  er  in  dem  furchtbaren  Tumult  gesprochen,  aber  er 
war  verstanden  worden.  ,, Nehmt  Euch  in  acht,  er  hat  einen  Re- 
volver!" flüsterte  es  um  ihn  herum.  Der  Verfasser  besass  keine 
Waffe,  aber  es  gab  Ruhe.  Man  hielt  Distanz.  Er  ritt  an  die  Spitze 
des  Zuges,  übernahm  selbst  das  Kommando,  rief  einzelne  seiner 
Freunde  zu  sich  heran,  ersuchte  sie,  für  Handhabung  der  Ordnung 
zu  sorgen,  und  Hess  sich  im  übrigen  nichts  merken.  ,,Gebt  alle 
acht,  es  sind  Störefriede  unter  uns.  Wer  muxt,  wird  niederge- 
schlagen, es  ist  keine  Zeit  zum  Spassen!"   (,, Freiherren"  VI,  92.) 

Der  Zug  zählte  etwa  140  Fackeln,  meist  von  Knaben  und 
Dienstmännern  getragen.  Er  bewegte  sich  durch  den  Talacker, 
über  den  Paradeplatz,  die  Münsterbrücke,  den  Limmatquai  ab- 
wärts, durch  den  Hirschengraben  zum  ,, Mohrenkopf",  der  Woh- 
nung Lochers  am  Neumarkt,  und  dann  vor  das  Obmannamt.  Den 
vornehmsten  Teil  von  Lochers  Gefolge  bildeten  zwanzig  ,,Hel- 
veter"  zu  Fuss;  in  den  Strassen  drängte  sich  das  Volk  in  Massen, 
es  rief  Hurrah  und  Hoch,  aber  auch  Pfeifen,  Hailoh  und  Ge- 
lächter begleiteten  den  ,,Triumphator".  Er  konnte  sich  unmöglich 
darüber  täuschen,  dass  die  grosse  Ovation  zu  einem  grossen  Jux 
für  das  Volk  geworden.  Vor  dem  Obmannamt  rednerte  ihn  der 
Präses  der  ,,Helveter"  an;  Locher  antwortete,  während  ein  her- 
beibefohlener Dienstbeflissener  seinen  schlotternden  Schimmel 
hielt,  da  seltsamerweise  ,,zwei  der  ersten  Fackeln  anfingen,  sich 
in  feuerspeiende  Berge  zu  verwandeln,  so  dass  die  Pferde  neuer- 
dings unruhig  wurden;  also  war  der  Verfasser  doch  nicht  sicher, 
zwang  sich  aber  zu  einem  leichten,  sorglosen  Ton"  (a.  a.  O.  95). 
Die  Nachfeier  im  Schützenhaus,  wo  Locher  noch  dreimal  sprechen 
musste,  hob  jedoch  alsbald  das  etwas  gedämpfte  Selbstvertrauen 
zur  alten  Höhe.  Seine  Feinde  und  Neider  glaubte  er  zu  kennen; 
das  nächste  Kapitel  der  ,, Freiherren"  trägt  die  Überschrift  ,,Die 
Verschwörung". 

Nach  und  nach  kam  er  nämlich  dahinter,  dass  ein  ,, falsches 
Spiel"  mit  ihm  getrieben  wurde  und  dass  man  ihn  hinauszudrängen 
versuchte.  Im  ,, Tagblatt"  erst  musste  er  lesen,  dass  ein  ,, Demo- 
kraten verein  in  Zürich"  (Direktor  Zangger,  Aktuar  Forrer)  ent- 
standen war,  der  sein  Stammlokal  in  der  Walderschen  Wirtschaft 
in  Unterstrass  hatte.   An  seinem  Fackelzug  hatte  er  zu  einer  Ver- 


o  XXVI.  KAPITEL:  DIE)  FREIHERREN  VON  REGENSBERG  19 

Sammlung  für  die  Verfassungsratswahlen  auf  den  i.  März  in  die 
Reitschule  eingeladen.  Bei  einem  Besuch  im  Konsumverein  in 
der  Woche  vorher  sah  er  dort  zufällig  den  Entwurf  eines  Tag- 
blattinserates Hegen,  der  eine  Versammlung  auf  den  29.  Februar 
ins  Schützenhaus  einlud,  unterzeichnet  ,,Die  Delegierten  in  Zürich". 
Was  soll  nun  das  heissen  ?  ,, Unterdessen  war  Karl  Bürkli  ein- 
getreten. Als  er  sah,  dass  wir  den  Zettel  schon  in  der  Hand  hatten, 
bekam  er  einen  Anfall  seines  fatalen  Hustens:  ,Aha,  Sie  haben 
die  Einladung  schon  gesehen;  wir  haben  gefunden,  es  sei  besser 
im  Schützenhaus  als  in  der  Reitschule,  welche  vielleicht  nicht 
einmal  voll  geworden  wäre;  Sie  werden  doch  auch  kommen?'  — 
Der  Verfasser  hatte  alle  Versammlungen  präsidiert,  einberufen, 
und  jetzt  fragte  man  ihn,  ob  er  auch  hinkommen  werde?"  (,,Frei- 
herren"  VI,  108).  Locher  antwortete  kurz:  ,,Ich  werde  sehen, 
vielleicht!"  Er  kam,  sah,  siegte.  Das  Volk  verlangte  ihn  stür- 
misch als  Vorsitzenden.  Er  machte  sich  erst  kostbar.  Die  Ver- 
sammlung sei  ohne  sein  Wissen  von  ,, Delegierten"  einberufen, 
die  sollen  jetzt  präsidieren,  er  wolle  ihnen  nicht  ins  Handwerk 
pfuschen,  aber  als  Repräsentanten  der  zürcherischen  Wähler 
könne  er  die  heutige  Versammlung  nicht  ansehen  usw.  Zangger 
suchte  umsonst  zu  beschwichtigen;  Locher  lief  weg  und  die  Ver- 
sammlung löste  sich  auf.  Zu  der  sodann  von  Locher  im  ,, Tag- 
blatt" auf  den  5.  März  ins  Schützenhaus  einberufenen  Versamm- 
lung erschienen  600  Mann.  Da  ward  mit  Zangger  und  den  Sepa- 
ratisten abgerechnet.  Bis  jetzt,  sagte  Locher,  habe  das  ,, Schützen- 
haus" regiert,  imd  zwar  mit  Glück  und  Erfolg.  Jedenfalls  sei  die 
Sache  nicht  ganz  klar;  denn  als  Präsident  vom  Schützenhause 
hätte  er,  Locher,  zu  befehlen  gehabt,  er  habe  die  Exekutivgewalt 
in  den  Händen  (Bravo!).  ,,Doch  wir  wollen  Eintracht,  keinen 
Streit;  aber  wissen  will  ich,  wer  zu  befehlen  hat."  —  ,,Wir  wollen 
Locher  und  keinen  andern,"  erklärte  einstimmig  das  Volk.  Es 
gab  noch  eine  erregte  Szene  auf  der  Tribüne  zwischen  Polizei- 
leutnant Forrer  und  Locher,  dem  jener  eine  Unwahrheit  vorwarf; 
dann  wurde  die  Wahlliste  aufgestellt.  Im  ,, Tagblatt"  (7.  März) 
erschienen  zwei  getrennte  Wahllisten:  Vorschläge  der  Schützen- 
hausversammlung mit  Dr.  Friedrich  Locher  an  erster  Stelle  und 
,, unabhängige  demokratische  WahUiste"  mit  Zangger  an  der 
Spitze.    Die  Wege  gingen  endgültig  auseinander. 


20  XXVI.  KAPITEL:  DIE  FREIHERREN  VON  REGENSBERG  o 

In  der  Stadt  unterlag  Locher  im  ersten  Wahlgang  (8.  März), 
wurde  aber  dann  in  Wiedikon  im  zweiten  Wahlgang  gewählt. 
Doch  das  eigenthche  Plebiszit  über  ihn  erging  am  29.  März  1868, 
als  das  Volk  Alfred  Escher  das  von  ihm  niedergelegte  National- 
ratsmandat mit  10,307  Stimmen  zurückgab  und  Locher  mit  4232 
Stimmen  einen  ,, Achtungserfolg"  gönnte.  (Es  ist  wohl  überflüssig, 
zu  bemerken,  dass  Zangger  bei  den  Demokraten  für  Escher  und 
gegen  Locher  ,,weibelte".)  Im  Verfassungsrat  verursachte  Lochers 
Erscheinen  einiges  Gewisper.  Mit  kalter  Neugier  ward  der  Pam- 
phletär  gemustert,  und  auch  demokratische  Nasen  rüm.pften  sich. 
Der  Kloakenreiniger  mag  nützHche  Arbeit  verrichten,  aber  in  den 
Ratssaal  gehört  er  nicht.  Locher,  der  sich  in  seiner  bestimmten 
Erw^artung,  mindestens  als  Vizepräsident  des  Verfassungsrates 
vorgeschlagen  zu  werden,  getäuscht  sah,  sprach  am  4.  und  5.  Mai 
zweimal:  in  der  unerquicklichen  zweistündigen  Debatte  über  das 
Eröffnungsgebet  und  zur  Begründung  eines  unmöglichen  Ordnungs- 
antrags. ,,Wir  erwarteten,  dass  die  Mehrheit  sich  wie  Ein  Mann 
für  unsern  Antrag  erheben  werde.  Dem  war  aber  nicht  so.  Als 
wir  ims  umsahen,  erhoben  sich  für  unsere  Ansicht  kaum  40  Mann. 
Die  Herren  Zangger,  Bürkh,  Schnurrenberger,  Krebser  und  wie 
sie  alle  heissen,  blieben  an  ihren  Sitzen  kleben"  (,, Freiherren" 
VI,  139).  Es  folgte  die  Wahl  der  15er  Kommission  für  die  Vor- 
bereitung der  Art  und  Weise  der  Verfassungsberatung.  Mit  kon- 
stanter Bosheit,  wie  es  Locher  vorkam,  schlug  der  hinter  ihm 
sitzende  Bleuler-Hausheer  ihn  für  jeden  Wahlgang  vor,  um  seine 
Niederlage  möglichst  eklatant  zu  machen,  bis  er  schliesslich  mit 
kümmerUchen  sechs  Stimmen  ganz  aus  der  Wahl  fiel.  Locher 
hatte  genug.  Er  verHess  den  Saal,  um  nicht  mehr  zurückzukehren. 
,, Der  Frosch  hüpft  wieder  in  den  Pfuhl  ..." 

Genau  anderthalb  Tage  hatte  Lochers  eigenthche  poHtische 
Rolle,  als  Mitglied  des  Verfassungsrates,  gedauert.  Jetzt  aber 
war  das  Wildwasser  der  Pamphlet-Bewegung  glücklich  abgelenkt; 
im  Schützenhaus  mochte  es  sich  unschädhch  austoben.  Diese 
Schützenhausversammlungen  wurden  immer  turbulenter,  das 
Pubhkum  immer  fragwürdiger.  Locher  aber  schnob  Rache.  Die 
Nadelstiche,  die  er  durch  zwanzig  Jahre  vom  System  habe  er- 
dulden müssen,  sagte  er  am  17.  Mai  im  Schützenhaus,  seien  rein 
nichts  gegen  die  Dolchstiche,  die  ihm  in  diesen  acht  Wochen  von 


o  XXVI.  KAPiTBIy:  DIE  FREIHERREN  VON  REGENSBERG  21 

seinen  eigenen  Leuten  versetzt  worden  seien.  Er  protestiere  gegen 
eine  sich  bildende,  wohlgeschlossene  Clique,  die  entstanden,  kaum 
dass  er  jene  andere  über  den  Haufen  geworfen  habe  (Bravo!), 
Er  dulde  keine  neue,  ,,noch  verflüechtere"  CUque.  Das  sollen  und 
werden  diese  Herren  merken.  Er  trete  jetzt  als  echter  Repu- 
blikaner, der  sich  der  Mehrheit  füge,  zurück,  komme  aber  seiner- 
zeit wieder! 

Aber  auch  mit  seinem  Volk  war  Dr.  Locher  nicht  zufrieden, 
ganz  und  gar  nicht  zufrieden.  War  das  auch  eine  mattherzige 
Art,  ihn  zu  unterstützen,  seiner  Autorität  aufzuhelfen!  Die  Ent- 
täuschung des  Volksfreundes  kam  insbesondere  im  V.  Pamphlet, 
,,Die  Prozesshexe"  (August  1868)  deutlich  zum  Ausdruck.  „Am 
Sonntag  riefen  sie  Vivat,  am  Donnerstag :  Nieder  mit  dem  zweiten 
Prinzeps !  . .  . .  Die  Cameraderie  wurde  Meister.    Ein  allgemeines 

Schmolhs   umschlang   alle,   nur  uns  nicht Was  wollten  wir 

machen?    Sie  hatten  die  Mehrheit.    Das  Volk  schwieg Um 

aber  Grosses  zu  leisten,  bedarf  es  der  Autorität.  Was  nützen  uns 
Sympathien,  was  nützen  uns  Demonstrationen  ?  Warum  hat  das 
Volk  uns  nicht  in  jeder  Gemeinde  gewählt  und  uns  dadurch 
Ansehen  verheben  ?  ...  Sind  wir  Sklave  des  Volkes,  verpfhchtet, 
uns  für  sein  Wohl  abschlachten  zu  lassen?  Gegen  unsern  Willen 
sind  wir,  zum  Besten  unserer  Gesundheit  und  Existenz,  auf  den 
Standpunkt  des  Egoismus  zurückgeschleudert  worden Ge- 
habt Euch  wohl !  Wir  gehen  ins  Zuchthaus !  (Es  waren  vier  Tage 
für  Verleumdung  des  Oberrichters  Salzmann  abzusitzen.) 

„Wer  wird  künftig  Eure  Kleinen  lehren, 
,, Speere  werfen  und  die  Götter  ehren, 
„Wenn  der  finstre  Orkus  uns  verschlingt  ?  " 

Im  VI.  Pamphlet  geht  das  EllageHed  weiter  (pag.  158 ff.): 
,, Keiner  der  Demokratenführer  hat  unser  Haus  wieder  betreten  .  .  . 
Einer  unserer  auswärtigen  Freunde,  welcher  zur  Zeit  unserer 
Quasi-Diktatur  uns  besuchte,  erzählte,  es  sei  doch  merkwürdig, 
jetzt  habe  er  diesen  Morgen  schon  sieben  Personen  getroffen,  welche 
alle  mit  dem  Verfasser  in  die  Schule  gegangen  sein  wollten.  Nach 
unserm  Austritt  wollte  kein  Mensch  mehr  mit  uns  in  die  Schule 
gegangen  sein."  Tiefsinnig  wird  philosophiert:  ,,Wir  haben  mm 
aus  eigener  bitterer  Erfahrung  gefunden,  dass  die  untern  Schichten 


22  XXVI.  KAPITEL:  DIE  FREIHERREN  VON  REGENSBERG  a 

des  \'olkes  zwar  nicht  schlechter  als  die  obern,  aber  doch  infolge 
ihrer  mangelliaften  Bildung  und  prekären  Lebensstellung  durch- 
aus nicht  zum  Regieren  geschaffen  sind,  Sie  sind  zu  unwissend, 
zu  leichtgläubig.  Gute  und  schlechte  Leidenschaften  reissen  sie 
jeden  Augenbhck  mit  sich  fort.  Von  Verfolgung  eines  festen  poli- 
tischen oder  sozialen  Zieles  kann  da  nicht  die  Rede  sein.  Von 
Charakter  keine  Spur!  Jeder  Schwindler  und  Gaukler  kann  sie 
betören."  Und  im  VII.  Pamphlet,  pag.  81/82,  wird  das  treulose 
Volk  apostrophiert:  ,,Habt  Ihr  mich  nicht  dreissigtausend  Mann 
stark  aus  dem  Gefängnis  geholt,  mich  auf  ein  Pferd  gesetzt,  mit 
Fackeln,  Fahnen  und  Musik  nach  Hause  begleitet,  die  Nacht 
durchschwärmt  und  acht  Tage  später  —  meine  Gegner  gewählt? 

—  Wo  waren  sie,  diese  Zanggere,  Schärere,  Schnurrenbergere, 
Zieglere,  Alt-Pfarrere,  Schulmeistere,  als  es  einen  grossen  un- 
gleichen Kampf  galt?  Nachdem  dann  der  Sieg  entschieden  war, 
da  krochen  sie  überall  hervor  aus  den  Zwingern  und  Hunde- 
behältern der  Tierarzneischule,  wie  die  Engerhnge  aus  dem  feuch- 
ten Boden,  und  behaupteten,  sie  haben  die  Sache  gemacht!  Ihr 
glaubtet  ihnen  imd  gäbet  mir  den  Tritt.  Um  solche  Persönlich- 
keiten herum  kristalHsiert  sich  der  Janhagel,  und  das  nennt  man 

—  eine  Regierung!  Ihr  seid  dazu  bestimmt,  wie  die  Stiere  mit 
dem  Kopf  an  den  Boden  gebunden  zu  werden.  Sucht  Euch  einen 
andern  Narren  oder  seht  selbst,  wie  Ihr  mit  Euren  Herren  fertig 
werdet!" 

Es  muss  einer  schon  ein  närrischer  Kauz  sein  tmd  das  Volk 
herzUch  schlecht  kennen,  wenn  er  glaubt,  es  genüge,  die  Herren 
mit  Kot  zu  bewerfen  und  die  Parole  ,, Nieder  mit  dem  Respekt!" 
auszugeben,  damit  das  Volk  seinen  Respekt  dann  ihm  zuwende. 
Dass  das  Volk  nicht  jedem  poHtischen  Gaukler  nachläuft  —  oder 
dann  nur,  um  sich  über  ihn  lustig  zu  machen  — ,  hat  ja  niemand 
schmerzlicher  erfahren  als  Dr.  Friedrich  Locher.  Nach  der  ersten 
Verblüffung  war  es  überraschend  schnell  darüber  im  klaren,  wen 
es  in  dem  Pamphletär  vor  sich  habe.  Es  ist  mit  aller  wünschbaren 
Entschiedenheit  zu  konstatieren,  dass  das  Volk  den  Verleumdungs- 
feldzug Lochers  abgelehnt  und  verurteilt,  der  demokratischen 
Bewegung  aber  zugestimmt  hat.  Sie  wäre  zum  Durchbruch  ge- 
langt auch  olme  die  Pamphlete,  langsamer  zwar,  aber  um  so 
sicherer  imd  geordneter.   So  aber,  in  dem  von  Locher  aufgewühlten 


o  XXVI.  KAPITEL:  DIE  FREIHERREN  VON  REGENSBERG  23 

wüsten  Taumel  der  lyeidenschaften,  vollzog  sich  der  Umschwung 
nur  zu  unvermittelt,  und  rückläufige  Bewegungen  in  den  nächsten 
Jahren  sorgten  für  die  Wiederherstellung  des  Gleichgewichts. 
Auch  im  politischen  Leben  lässt  sich  ein  Gesetz  der  Entwicklung 
erkennen,  das  Versäumnisse  straft  und  Übereilungen  korrigiert. 

Der  Leser  verhert  nichts,  wenn  wir  auf  die  Schilderung  der 
weitern  Wirksamkeit  Lochers  verzichten.  Sie  kommt  für  die  Ge- 
schichte der  Stadt  Zürich  nicht  mehr  in  Betracht.  Es  handelt  sich 
um  einen  Unglücklichen,  der  in  seiner  unverbesserlichen,  krank- 
haften Verleumdungssucht  noch  manchem  Staatsmann  und  Politiker 
schwere  oder  doch  verdriessHche  Tage  bereitete,  ohne  ihnen  ernst- 
lich etwas  anhaben  zu  können.  Der  ,, Freiherren  von  Regensberg" 
VI.  Teil,  ,,Die  neuesten  Freiherren",  an  ScheussHchkeit,  besonders 
Zangger  gegenüber,  alles  Denkbare  überbietend,  und  der  VII. Teil, 
,,Die  kommunen  Freiherren"  waren  in  der  Hauptsache  ehemaHgen 
demokratischen  ,,Freimden"  gewidmet.  Das  Volk  nahm  den 
Dr.  Locher  längst  nicht  mehr  ernst.  Sein  Anerbieten  in  der  Ulk- 
Versammlung  im  Kasino  am  20.  April  1872,  ,,gebt  mir  sechs 
Monate  Zeit,  und  ich  werde  die  Regierung  stürzen",  beantwortete 
helles  Gelächter.  Seine  allerletzte  Schützenhausversammlung  hielt 
der  alte  Mann  am  10.  Dezember  1898,  wozu  ihm  der  „BolHger- 
Handel"  Anlass  bieten  musste.  Das  Obergericht  hatte  ihm  am 
16.  November  1898  die  Erneuerung  seines  Fürsprecherpatentes 
verweigert  ,, wegen  schlechten  Leumunds",  und  der  Bundesrat, 
an  den  Locher  rekurrierte,  bestätigte  den  Entscheid.  So  ent- 
schloss  er  sich  denn,  ,,dies  kleine  Land  der  Korruption  zu  ver- 
lassen", wie  er  einem  Bezirksblatt  schrieb,  und  siedelte  nach  Paris 
über.  Aber  auch  von  Paris  her  kamen  noch  Pamphlete,  ,, Republi- 
kanische Wandelbilder  und  Porträts"  (1901),  deren  II.  Band 
jedoch  die  Polizei  in  der  Druckerei  in  Zürich  beschlagnahmte 
und  vernichtete.  Locher  starb  infolge  eines  Unfalls,  gi jährig, 
im  April  1911  in  Paris. 

In  seiner  Broschüre  ,,Die  schweizerische  Demokratie  in  ihrer 
Fortentwicklung"  hatte  Jakob  Dubs  1868  klug  und  vorsichtig 
geschrieben:  ,,Die  Wasser  haben  das  ganze  Land  überflutet  und 
es  kann  dermalen  noch  kein  Sterblicher  sagen,  was  ihr  Nieder- 
schlag sein  wird.  Möglicherweise  hat  die  Bewegung  die  Wirkung 
eines  reissenden  Bergstroms,  der  mit  seinem  Schutte  die  Kultur 


24 


XXVI.  KAPITEL:  DIE  FREIHERREN  VON  REGENSBERG 


des  Landes  verwüstet,  möglicherweise  gleicht  sie  auch  der  Ueber- 
schwemmung  des  Nils,  welche  die  Erde  für  eine  neue  reiche  Ernte 
vorbereitet.  Einzehie  unliebsame  Erscheinungen  beweisen  der- 
malen weder  für  noch  gegen,  denn  auch  der  Segen  spendende  Nil 
hat  ja  seine  Krokodile." 


I 


^li 


CS 


SIEBENUNDZWANZIGSTES  KAPITEL 


DIE  DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN 

Mit  dem  Jahre  1867  ist  unserm  republikanischen  Kalender  ein 
neuer  Gedenktag  eingefügt  worden:  die  „Dezemberfeier" 
der  Zürcher  Demokraten,  welche  alljährHch  die  Erinnerung  an 
die  vier  grossen  Landsgemeinden  in  Zürich,  Winterthur,  Uster 
und  Bülach  am  15.  Dezember  1867  auffrischt.  Allerdings  ist  die 
Dezemberfeier  ausschliessHch  demokratische  Parteiveranstaltung 
geblieben,  während  der  Tag  von  Uster  —  22.  November  1830  — 
gelegentlich  in  getrennten  liberalen  und  demokratischen  Ver- 
sammlungen gefeiert  wurde;  die  ,, Novemberfeier"  der  GrütHaner 
aber  galt  dem  Schwur  im  Rütli,  den  der  praktisch  veranlagte 
Chronist  Ägidius  Tschudi  auf  den  8.  November  1307  fixiert  hatte, 
um  der  schwankenden  Tradition  einen  festen  Halt  zu  geben. 

Der  Ustertag  brach  das  ausschliessliche  Stadtregiment;  er 
verschaffte  der  Landschaft  die  Gleichberechtigung  und  machte 
den  Grossen  Rat  zum  eigentlichen  Träger  der  Staatsgewalt.  Die 
Dezember-Landsgemeinden  bezeichnen  eine  weitere  —  und  vor- 
läufig letzte!  —  Etappe  in  der  Entwicklung  des  demokratischen 
Gedankens  im  Kanton  Zürich.  Ihre  Hauptforderungen  hiessen: 
Referendum  und  Initiative;  ihr  Werk  war  die  Verfassung  vom 
18.  April  1869,  deren  grundlegender  erster  Artikel  lautet:  ,,Die 
Staatsgewalt  beruht  auf  der  Gesamtheit  des  Volkes.  Sie  wird 
unmittelbar  durch  die  Aktivbürger  und  mittelbar  durch  die  Be- 
hörden und  Beamten  ausgeübt."  Dass  die  Verfassung  von  1869 
in  ihren  wesentlichen  Grundlagen  bis  heute  unangetastet  blieb, 
spricht  für  die  Weitsicht  ihrer  Schöpfer.  Immerhin  sind  wir  auch 
damit  noch  nicht  am  Ende  der  Entwicklung  angelangt.  Noch 
besteht  —  um  nur  eines  zu  nennen  —  im  Kanton  Zürich  die  Herr- 
schaft des  absoluten  Mehrs,  die  unter  Umständen  die  Hälfte  der 
Aktivbürger  ihrer  Souveränitätsrechte  beraubt;  noch  sind  die 
Frauen  von  der  Aktivbürgerschaft  überhaupt  und  vollständig 
ausgeschlossen.   Ein  Abschluss  für  alle  Zeiten  wird  ja  auch  niemals 


26  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN  o 

ZU  erreichen  sein,  weil  nicht  nur  immer  neue  Bedürfnisse  ent- 
stehen, sondern  auch  trotz  aller  vermeintlichen  Sicherstellung 
des  gleichen  Rechts  für  alle  immer  wieder  neue  Vorrechte  auf  der 
einen,  poUtische  Abhängigkeit  auf  der  andern  Seite  sich  ausbilden. 
Der  Grundirrtum  des  in  Alfred  Escher  und  seiner  Gefolg- 
schaft verkörperten  ,, Systems"  bestand  darin,  dass  es  sich  als 
die  letzte  und  vollkommenste  Blüte  des  demokratischen  Ge- 
dankens, als  die  einzig  mögliche  und  unübertreffliche  republi- 
kanische Staatsform  betrachtete.  In  guten  Treuen'  konnte  das 
„System"  diese  Ansicht  vertreten,  denn  dass  es  Grosses  geleistet 
und  für  des  Landes  Wohl  redlich  und  fleissig  gearbeitet  hat,  ist 
nicht  zu  bestreiten.  Aber  es  wollte  alles  in  der  Hand  haben  und 
alles  allein  machen.  Im  Bewusstsein  bester  Absicht  und  Einsicht 
hielten  die  Männer  des  ,, Systems"  es  nicht  für  nötig  und  hatten 
auch  keine  Zeit,  mit  dem  Volk  unmittelbar  zu  verkehren.  Was 
aber  ausserhalb  des  Kreises  von  Freunden  und  Auserwählten  an 
Wünschen  oder  Forderungen  sich  regte,  das  ward  als  persönliches 
Übelwollen  empfunden,  als  rivalisierender  Ehrgeiz  oder  auch  nur 
plebejischer  Hass  und  Neid  gedeutet.  ,,Die  Männer  des  Systems 
wollten  herrschen  und  herrschten  auch,  durch  Dorfmagnaten  ge- 
stützt, die  ihrerseits  wiederum,  nach  oben  devot  und  von  oben 
geschützt,  nach  unten  eben  auch  wie  Magnaten  regierten" 
(Scheuclizer).  Nun  lässt  sich  aber  ein  intelligentes  Volk,  für 
dessen  soziale  Hebung  und  geistige  Bildung  man  nach  Kräften 
sorgt,  wie  dies  auch  von  Seiten  des  ,, Systems"  geschah,  nicht 
auf  die  Dauer  bevormunden.  Die  Bildung  hebt  die  Standes- 
vmterschiede  auf  und  verlangt  gebieterisch  die  poUtische  Gleich- 
berechtigung. Der  Sturz  des  „Systems"  war  unvermeidlich,  so- 
bald es  einmal  einem  genügend  grossen  Kreise  von  Intellektuellen 
und  begabten  Männern  des  Volkes  zum  Bewusstsein  gekommen 
war,  dass  auch  der  Tag  von  Uster  noch  nicht  die  wahre  Freiheit 
gebracht,  sondern  mit  der  repräsentativen  Demokratie  nur  wieder 
eine  neue,  wenn  auch  gegen  früher  erheblich  erweiterte  Klasse 
von  Bevorrechteten  geschaffen  hatte.  Jakob  Dubs  nannte  die 
von  der  1830er  Bewegung  herbeigeführte  Souverän-Stellvertretung 
durch  den  Grossen  Rat  geradezu  eine  politische  Monstruosität. 
,,Unsre  Grossen  Räte  haben  mittelst  derselben  eine  Allmacht 
erlangt,   wie  sie  jedenfalls   kein  einziger  konstitutioneller  Fürst 


o  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN  27 

Europas  hat;  sie  beherrschen  die  Gesetzgebung,  die  Regierung 
und  die  Justiz  und  disponieren  mit  souveränster  Befugnis  über 
alle  Kräfte  des  Staates  zu  ganz  beliebigen  Zwecken."  Im  Grossen 
Rat  von  Zürich  aber  besassen  die  Systemgetreuen  die  grosse  und 
unbedingt  ergebene  Mehrheit.  Sie  waren  mit  ihrem  alle  über- 
ragenden Haupte  Alfred  Escher  die  wahren  Inhaber  der  Macht, 
von  deren  Gunst  und  Wohlwollen  alles  abhing.  Und  in  diesen 
Kreis  von  Bevorrechteten  gelangte  nur,  wer  entweder  durch  Vor- 
züge der  Geburt  oder  des  Geldes  hiezu  prädestiniert  und  befähigt 
schien  oder  dann  wenigstens  über  jene  Biegsamkeit  des  Charakters 
verfügte,  die  der  Umgang  mit  den  Herren  erforderte. 

Zu  der  politischen  Machtfülle,  welche  die  repräsentative 
Demokratie  der  herrschenden  Partei  verbürgte,  gesellte  sich  die 
wirtschaftliche  Vorherrschaft,  die  Alfred  Eschers  Eisenbahn-  und 
Bankgründungen  zur  Folge  hatten.  Einer  seiner  aufrichtigsten 
Freunde,  Dr.  Johannes  Scherr,  der  Bruder  des  Seminardirektors 
Thomas  Scherr,  hat  es  bedauert,  ,,dass  sich  Escher  von  den  Wegen 
des  Staatsmannes  ab  und  auf  die  des  Gründers  hinüber  hatte 
führen  lassen.  Oder  wenigstens  hätte  er  sich  nicht  zutrauen  sollen, 
beiderlei  Geschäfte  zugleich  zu  betreiben  und  so  eine  Arbeitslast 
auf  sich  zu  nehmen,  welcher  Ein  Mann  unmöglich  auf  die  Dauer 
gewachsen  sein  konnte  und  welcher  auch  Escher  trotz  seiner  un- 
ermüdUchen  Arbeitslust  und  seines  wunderbaren  Fleisses  in  die 
Länge  nicht  gewachsen  war.  So  musste  er  die  Dinge  nicht  selten 
gehen  lassen,  wie  sie  gehen  mochten,  und  die  Folge  war,  dass  sie 
bergab  gingen.  Herrisches  Eingreifen  von  seiner  Seite  ab  und  zu 
machte  die  Sache  nicht  besser.  Aber  auch  abgesehen  hiervon, 
tat  die  Verquickung  von  Staatsmännischkeit  und  Gründertum 
nicht  gut.  Sie  war,  vom  politischen  Standpunkt  aus  angesehen, 
für  die  Schweiz  jedenfalls  kein  Glück.  Es  geschah  gewiss  in  der 
besten  Absicht,  wenn  Stämpfli  und  Genossen  in  Bern  die  Eid- 
genössische Bank  und  Escher  und  Genossen  in  Zürich  1856  die 
Schweizerische  Kreditanstalt  gründeten,  und  es  ist  zweifelsohne 
wahr,  wenn  Escher  von  der  letzteren  sagt:  ,Diese  Anstalt  hat 
dem  Platze  Zürich  eine  finanzielle  Bedeutung  gegeben,  die  er 
vorher  entfernt  nicht  hatte;  sie  hat  auch  zur  Befruchtung  der 
Industrie  und  Gewerbetätigkeit  in  Zürich  und  in  der  ganzen  Ost- 
schweiz wesenthch  beigetragen.'    Wohl  und  gut.    Aber  das  hätten 


28  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN  o 

andere  auch  zuwege  bringen  können.  An  kaufmännischen  Talenten, 
an  grossen  sogar  und  in  jedem  Zweige  des  Geschäftslebens  er- 
fahrenen und  gewandten,  ist  bekanntlich  in  der  Schweiz  kein 
Mangel.  An  staatsmännischen  Kapazitäten  dagegen  ist  hier  so 
wenig  Überfluss  wie  irgendwo."  Der  ,, Landbote"  hat  denn  auch 
nicht  verfehlt,  auf  den  bedenklichen  Umstand  hinzuweisen,  ,,dass 
der  alles  leitende  Staatsmann  an  die  Spitze  von  zwei  Gesellschaften 
getreten  ist,  die  ihre  besondern  Interessen  haben  und  über  die 
mächtigsten  Mittel  gebieten  können.  Die  Staatspolitik  ist  damit 
allmählich  so  enge  mit  der  Finanz-  und  Eisenbahnpolitik  ver- 
bunden worden,  dass  es  bisweilen  den  Anschein  hat  gewinnen 
müssen,  als  sei  der  Zürcher  Staat  nur  der  Appendix  der  Nordost- 
bahn und  Kreditanstalt  und  als  richte  sich  der  öffentliche  Baro- 
meter nach  dem  Kurszettel  dieser  beiden  Anstalten." 

In  erhebhchem  Masse  haben  jedenfalls  die  grosskapitalisti- 
schen Unternehmungen  Alfred  Eschers  dazu  beigetragen,  zu  der 
politischen  noch  eine  soziale  Strömung  gegen  das  ,, System"  im 
Volke  zu  erzeugen.  Gerade  in  den  kritischen  Jahren  des  Um- 
schwunges stellten  sich  Misswachs,  Arbeitslosigkeit,  Stockung  in 
Handel  und  Industrie  ein  und  schufen  ein  allgemeines  Gefühl 
des  Unbehagens.  Die  Krise  wurde  verschärft  durch  die  von  den 
Eisenbahn-  und  Bankgewaltigen  auf  dem  Geldmarkt  geschaffenen 
Verhältnisse.  Die  Handwerker  hatten  Mühe,  das  für  ihre  Betriebe 
nötige  Geld  zu  erhalten,  die  Zinsen  waren  ausserordentlich  hoch 
und  die  kleinen  Meister  gerieten  in  arge  Verlegenheit.  Nicht 
besser  erging  es  den  Bauern,  denen  man  Hypotheken  kündete, 
um  das  Geld  in  rentableren  grosskapitahstischen  Unternehmungen 
anzulegen.  Eine  Bank  für  die  Bauern  gab  es  nicht.  In  der  von 
der  Krise  hervorgerufenen  düstern  Stimmung  erschienen  dem 
Volke  auch  die  glänzenden  Schöpfungen  des  ,, Systems",  seine 
Luxusbauten,  seine  Anstalten  usw.  in  einem  andern  Lichte.  Sie 
sollten,  hiess  es,  in  erster  Linie  den  Ruhm  der  Regierenden  weit- 
hin verkünden;  die  Fürsorge  für  die  kleinen  Leute  kam  dabei 
nur  nebenbei  in  Betracht.  Die  Verheerungen  der  Cholera  im 
Herbst  1867  offenbarten  neben  der  bestechenden  Pracht  einzelner 
verschönerten  Stadtteile  eine  krasse  Rückständigkeit  in  der  sani- 
tären Vorsorge  für  die  Quartiere  der  Armen.  Aber  bei  allen  diesen, 
den  Umschwung  fördernden  äussern  Umständen  behält  doch  der 


o  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-IvANDSGEMEINDEN  29 

Ausspruch  Zanggers  seine  Richtigkeit:  ,,Der  Hauptgrund  der  Be- 
wegung lag  darin,  dass  eine  Gruppe  hervorragender  PersönHch- 
keiten  nur  unter  sich  verkehrte  und  die  Bedürfnisse  des  Volkes 
nicht  kannte." 

Wer  die  Richtigkeit  dieses  Satzes  bezweifelt,  unterschätzt  die 
Bedeutung  der  Imponderabilien  in  der  Politik.  So  konnte  auch 
die  ,,Neue  Zürcher  Zeitung"  das  , »unüberwindliche  Misstrauen" 
sich  nicht  erklären,  das  ihren  sachlichen  und  gründHchen  Wider- 
legungen der  gegen  das  ,, System"  erhobenen  Anklagen  überall 
entgegentrat.  Die  Gründe  des  Misserfolges  aller  noch  so  berech- 
tigten Verteidigung  des  ,, Systems"  lagen  eben  nicht  im  Bereiche 
messbarer  und  wägbarer  Argumente.  Sie  wurzelten  im  Gefühl 
der  Missachtung,  die  der  kleine  Mann  ohne  Namen  und  Geld  von 
selten  der  Herren  zu  erdulden  hatte,  und  es  war  —  davon  zeugt 
sozusagen  jedes  Blatt  der  Revisionsliteratur  —  der  lang  verhaltene 
Groll  über  diese  Behandlung,  der  nun  mit  elementarer  Wucht 
zum  Ausbruch  kam.  Nicht  dass  dem  Mann  des  Volkes  die  Gering- 
schätzung etwa  immer  in  groben  Worten  ausgedrückt  worden  wäre, 
aber  gelegentlich  bekam  er  es  doch  immer  wieder  zu  spüren,  dass 
er,  mochten  seine  Ansichten  noch  so  vernünftig  und  berechtigt  sein, 
nicht  eigentlich  zählte  und  nichts  galt.  Auch  ohne  Worte  spürte 
er  wohl  den  unübersteiglichen  Zaun  der  Standesvorurteile,  der 
ihn  von  den  Herren  trennte,  und  die  dann  und  wann  über  den 
Zaun  hinüber  bezeugte  ,, wohlwollende"  und  ,, freundliche"  Ge- 
sinnung konnte  ihn  über  das  Vorhandensein  der  bewussten  und 
gewollten  Schranke  nicht  täuschen.  Nicht  die  wirklich  Vornehmen, 
deren  Adel  der  Seele  sich  niemals  und  am  wenigsten  dem  kleinen 
Mann  gegenüber  verleugnete,  waren  der  Gegenstand  der  heftigsten 
Angriffe  der  Revisionisten,  sondern  die  sich  vornehm  dünkenden 
Geldaristokraten,  die  nicht  imstande  waren,  Argum^ente  der  ver- 
meintlich unter  ihnen  Stehenden  überhaupt  sachlich  zu  würdigen, 
sondern  in  erster  Linie  fragten :  wess'  Sohn  ist  er  ?  woher  kommt 
er  ?  was  hat  er  ?  Und  nicht  durchweg  dürfen  solche  Klagen  der 
revisionistischen  Presse  nur  als  Karrikatur  und  Übertreibung 
abgetan  werden.  Wenn  sogar  der  erste  Obergerichtsschreiber  in 
einer  ernsthaften  Druckschrift  es  als  beinahe  selbstverständHch 
erklärte,  dass  Frau  Justitia  im  Kanton  Zürich,  ehe  sie  die  Wage 
handhabte,  etwas  die  Binde  vor  den  Augen  lüftete  und  sich  die 


30  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN  o 

Parteien  besah  (vgl.  oben  pag.  7),  dann  ist  der  Verdacht  nicht 
ganz  abzuweisen,  dass  bei  der  herrschenden  Partei  die  allzu  hohe 
Bewertung  der  Standes-  und  Vermögensunterschiede  das  gesunde 
Urteil  trübte  und  den  pohtischen  Horizont  verengte. 

Das  zeigte  sich  denn  auch  unverkennbar  bei  der  im  Kampfe 
gegen  die  Re\'ision  befolgten  Taktik.  Sie  war  von  Anfang  an  ver- 
fehlt, auf  einen  falschen  Ton  gestimmt.  Hatte  man  früher  Un- 
bequeme imd  Unzufriedene  in  den  eigenen  Reihen  kalt  beseitigt, 
nicht  achtend  ihres  hoffnungslosen  Widerstandes  gegen  die  hoch- 
angesehenen Herren  imd  Gewaltigen,  nicht  achtend  der  gebro- 
chenen namenlosen  Existenzen  und  ihrer  verborgenen  Tränen, 
hatte  man  eine  wohlmeinende  und  freundliche  Opposition  durch 
beharrliches  Ignorieren  zum  Verstummen  gebracht,  so  glaubte 
man  nun  auch  die  ersten  Anzeichen  einer  feindseligen,  gefähr- 
Hchen  und  böswilHgen  Opposition  durch  vornehme  Nichtachtung 
imschädlich  machen  zu  können.  Da  dies  nicht  gelang  und  der 
Anhang  der  demokratischen  Führer  sich  täglich  mehrte,  während 
doch  die  ,, elementarste  Personenkenntnis"  den  Leuten  hätte 
sagen  müssen,  auf  wen  sie  in  diesem  Kampfe  zu  hören  hätten, 
wollte  man  dem  Volk  ,,den  Verstand  machen".  Seht  ihr  denn 
nicht,  fragte  man  halb  unwillig,  halb  angstbedrückt,  dass  diese 
Bewegungsmänner  lauter  staatsgefährliche  Sozialisten  und  Um- 
stürzler sind,  katihnarische  Existenzen  mit  dunkler  Vergangenheit, 
ehrgeizige  Streber  und  Sesseljäger?  Und  diese  Mitglieder  des 
demokratischen  Zentralkomitees,  was  sind  sie  anders  als  ,, abge- 
brannte Häuser",  Männer,  die  ihren  Beruf  verfehlt,  die  in  ihrem 
Fach  samt  und  sonders  nichts  ordentliches  geleistet  haben  ?  Der 
ebenfalls  nicht  geschonte  Bleuler-Hausheer  beklagte  sich  besonders 
über  ,,das  unaufhörliche  Gekrächz  des  Nachtlieuels  Freitags- 
zeitung, der  den  Stadtzürchern  eine  Art  von  Diebsfeldzug  gegen 
die  Hauptstadt,  Verödung,  Ruin  der  höhern  Kulturgebiete,  Raub 
und  Kommunismus  in  Aussicht  stellte."  Die  geheime,  mit  Furcht 
gemischte  Verachtung  der  Besitzlosen  klingt  auch  mit  in  dem 
Aufruf  ,,Zur  Sammlung"  (Beilage  zum  Tagblatt  1868,  Nr.  49), 
der  —  von  den  ,, besten  Kreisen"  ausgehend  —  in  Sperrdruck 
mahnte:  ,, Wählt  keinen  von  den  Schreiern  und  Wühlern,  die 
selber  nichts  haben  und  nun  auf  andrer  Leute  Kosten  die  Gross- 
mütigen  machen  und  meinen,  man  dürfe  den  Reichen  gewaltsam 


o  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN  31 

nehmen,  was  sie  nicht  gutwillig  geben."  Am  wenigsten  aber  war 
für  die  Antirevisionisten  der  Gedanke  zu  ertragen,  dass  das  Volk 
nun  über  alle  Gesetze  und  Kantonsratsbeschlüsse  von  finanzieller 
Tragweite  sollte  abstimmen  können.  Die  liberale  Partei  hatte 
nichts  gelernt  und  nichts  vergessen  und  stand  noch  immer  auf 
dem  gleichen  Punkt  wie  1842,  als  sie  das  sogar  von  den  Konser- 
vativen warm  befürwortete  Veto  (fakultative  Referendum)  be- 
bekämpft hatte.  Die  Mängel  des  Repräsentativsystems,  bemerkte 
damals  die  ,,Neue  Zürcher  Zeitung",  könnten  nicht  durch  das 
Veto,  sondern  nur  durch  die  Weisheit  und  Würde  der  Regierenden 
und  die  Einsicht  des  Volkes  gehoben  werden.  So  tönte  es  auch 
jetzt  noch  bei  den  Liberalen:  solche  demokratische  Liebhabereien 
mögen  gepasst  haben  für  Griechen  und  Römer,  die  sich  Sklaven 
hielten ;  das  Zürcher  Volk  aber  sei  ein  arbeitsames  und  hausliches 
Volk;  es  wünsche  nicht,  das  zeitraubende  Geschäft  vieler  Wahlen 
imd  Abstimmungen  zu  übernehmen,  und  masse  sich  auch  nicht 
an,  selber  den  Gesetzgeber  spielen  zu  wollen.  Auf  ,, Zimmerleuten" 
wurden  Witze  gerissen  über  die  Revisionisten  und  ihre  gutgläubige 
Herde.  Eine  Zunftberühmtheit,  ihres  Zeichens  Metzger,  spielte 
unter  dröhnendem  Gelächter  und  Beifall  der  Versammelten  dar- 
auf an,  dass  die  Anhänger  der  Revision  wohl  in  ihrer  grossen  Mehr- 
heit Patienten  des  Tierarztes  Zangger  sein  möchten.  Das  hörte 
sich  im  Zunftsaal  ganz  lustig  an,  aber  draussen,  am  entscheiden- 
den Tage,  konnte  ein  solcher  Metzgerwitz  ein  paar  tausend 
Stimmen  kosten,  gerade  genug,  um  das  ,, System"  über  den  Haufen 
zu  werfen. 

Das  Ziel  der  Revisionsbewegung  war,  das  Repräsentativ- 
prinzip der  31er  Verfassung  durch  den  Grundsatz  der  direkten 
Volksgesetzgebung  zu  ersetzen,  damit  nicht  mehr  der  Einzelwille 
weniger  Hervorragender,  sondern  der  Gesamtwille  des  Volkes  die 
Geschicke  des  Kantons  bestimme.  ,, Unser  ausgesprochenes  Ziel 
ist",  sagte  der  die  Bewegung  leitende  ,,Winterthurer  Landbote", 
,,die  Koterieherrschaft  zu  beseitigen,  die  neue  Geldaristokratie 
zu  stürzen  und  an  ihre  Stelle  die  wahre  und  ehrliche  Volksherr- 
schaft zu  setzen,  die  Demokratie  im  besten  Sinne  des  Wortes,  bei 
welcher  alles  für,  aber  auch  alles  durch  das  Volk  geschieht."  In 
ihren  Aufrufen  und  Flugscliriften  hoben  die  Demokraten  herv^or, 
wie  sehr  das  Volk  sich  selber  überlassen  worden  sei,  den  poli- 


32  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN  c 

tischen  Sinn  verloren  habe  und  seine  wahren  Bedürfnisse  nicht 
mehr  kenne.  Die  Volksgesetzgebung  werde  das  Volk  den  Staat 
wieder  kennen  lehren,  seine  Vertreter  aber  abhalten,  sich  auf 
un volkstümliche  Bahnen  zu  verirren.  Das  Referendum  werde 
gegen  die  Begehungssünden,  die  Initiative  gegen  die  Unter- 
lassmigssünden  des  Rates  helfen. 

Und  hinter  dieser  Bewegung  standen  Männer!  Wir  nennen 
an  erster  Stelle  Salomon  Bleuler-Hausheer,  den  selbstlosen,  un- 
ermüdlichen Organisator  der  demokratischen  Partei.  Er  war 
Bürger  der  Stadt  Zürich,  geboren  im  Januar  1829  als  Sohn  des 
Salzfaktors  Bleuler  am  Zeltweg,  vor  seinem  Eintritt  ins  politische 
Leben  Pfarrer,  zuletzt  in  Glattfelden.  Dank  einem  Missgriff  von 
Jakob  Dubs  kam  Bleuler  1859  ^^^  ganz  kurze  Zeit  als  Redaktor 
an  die  ,,Neue  Zürcher  Zeitung"  und  wurde  dann  1860  Eigentümer 
und  Redaktor  des  ,,Winterthurer  Landboten".  Bleuler  war  nicht 
eigentUch  Chef  der  demokratischen  Partei,  nur  Erster  unter 
Gleichen,  persönlich  integer,  von  etwas  ungeschliffenen  Manieren 
und  nicht  auf  den  ersten  Blick  für  sich  einnehmend,  als  Politiker 
eher  eine  tragische  Gestalt.  Sein  vertrautester  Freund  und  Be- 
rater war  der  arbeiterfreundHche  Philosoph  Friedrich  Albert  Lange 
von  Duisburg,  der  Sohn  des  von  der  Septemberregierung  auf  den 
verwaisten  Lehrstuhl  von  D.  Fr.  Strauss  berufenen  Theologen 
Lange.  Er  kam  1866  als  Gymnasialprofessor  nach  Winterthur 
und  trat  im  Dezember  in  die  Redaktion  des  ,, Landboten"  ein. 
1870 — 1872  war  Lange  Professor  der  induktiven  Philosophie  an 
der  Universität  Zürich;  er  wurde  dann  nach  Marburg  berufen, 
wo  er  aber  schon  1875  starb.  Sein  Hauptwerk  ist  die  berühmte 
,, Geschichte  des  Materialismus".  Lange  war  wohl  der  bedeutendste 
publizistische  Vorkämpfer  der  demokratischen  Bewegung  und 
einer  der  populärsten  Führer  und  Sprecher  des  Zürchervolkes, 
was  nur  mit  seiner  in  Zürich  verbrachten  Jugendzeit  zu  erklären 
ist.  Er  gehörte  auch  dem  Verfassungsrat,  Erziehungsrat  und 
Bankrat  an. 

Um  die  Freunde  Bleuler  und  Lange  gruppierte  sich  in  Winter- 
thur ein  Kreis  schöpferisch  begabter  Pohtiker,  der  den  Herd  der 
demokratischen  Bewegung  darstellte.  Durch  sie  geriet  Winterthur 
für  längere  Zeit  in  einen  scharfen  Gegensatz  zur  Hauptstadt,  dem 
eine  gewisse  feindsehge  Eifersucht  zugrunde  lag.    Diese  scheint 


ofafomon  ^[eufer=^ausßeer 


o  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN  33 

hauptsächlich  vom  Stadtpräsidenten  Dr.  J.  J.  Sulzer,  dem  glän- 
zenden Antipoden  Alfred  Eschers,  ausgegangen  zu  sein,  der  seine 
Stadt  zu  hoher  Blüte  emporführte,  aber  auch  ihren  jähen  Sturz 
von  der  eingebildeten  Höhe  herab  vorbereiten  half.  Winterthur 
hatte  von  Sempers  Meisterhand  ein  Stadthaus  in  einer  den  Zürchern 
beinahe  verdächtig  scheinenden  Pracht  erstellen  lassen,  und  als 
nun  Sulzer,  der  Präsident  des  Verfassungsrates,  die  Kommissions- 
beratungen hie  und  da  nach  Winterthur  verlegte,  war  es  für  viele 
eine  ausgemachte  Sache,  dass  Winterthur  an  Stelle  Zürichs  ,, Resi- 
denz" werden  wolle.  Zum  Winterthurer  Kreis  gehörten  ferner: 
Pfarrer  Gottlieb  Ziegler,  Gymnasiallehrer  und  dann  Redaktor 
des  ,, Landboten",  der  Schwager  Bleulers  und  spätere  Regierungs- 
rat und  Nationalrat,  und  Advokat  Theodor  Ziegler,  nachmaliger 
Stadtschreiber,  Stadtpräsident  und  Nationalbahndirektor.  Aus 
Zürich  führte  Tierarzneischuldirektor  Rudolf  Zangger  den  Demo- 
kraten eine  stattHche  Kohorte  zu,  und  diesem  stadtzürcherischen 
Sukkurs  ist  es  zu  danken,  dass  die  Revisionssache  aufhörte,  eine 
reine  Winterthurer  Bewegung  mit  der  Spitze  gegen  Zürich  zu  sein. 
Im  Gefolge  Zanggers  befanden  sich  u.  a.  Ludwig  Forrer,  den 
Treichler  ermuntert  hatte,  die  Stelle  des  Polizeileutnants  anzu- 
nehmen, die  schon  für  manchen  die  erste  Stufe  zur  republika- 
nischen Ehrenleiter  geworden  sei,  und  in  der  Tat  machte  — 
Bundesrat  Forrer  hievon  keine  Ausnahme;  sodann  Kommandant 
Karl  Walder,  später  Regierungsrat,  Karl  Bürkli,  Herman  Greuhch 
und  die  übrigen  Arbeitervertrauensmänner,  nicht  zu  vergessen 
den  Freischärler  und  Terroristen  Dr.  Friedrich  Locher,  dessen 
ganze  politische  Weisheit,  wie  wir  ja  bereits  gesehen  haben,  sich 
auf  das  Rezept  reduzierte:  ,, Schrecken  muss  man  und  von  d.er 
Feigheit  profitieren !"  (vgl.  Brief  an  Karl  Walder  vom  19.  Mai  1866). 
Eine  Mittelstellung,  die  in  der  Folge  zum  gänzlichen  Anschluss 
an  das  System  fülirte,  nahmen  Nationalrat  Grunholzer  in  Uster, 
Regierungsrat  Dr.  Suter  in  Zürich,  Widmer-Hüni  u.  a.  ein,  wogegen 
der  geniale  Pfarrer  Salomon  Vögehn  in  Uster,  gegen  dessen  allzu 
radikale  Theologie  78  Kollegen  der  Landeskirche  mit  einer  öffent- 
lichen Erklärung  protestierten,  Feuer  und  Flamme  für  die  Revision 
war,  ebenso  wie  Sekundarlehrer  Caspar  Sieber  in  Uster,  nachmaliger 
Erziehungsdirektor.  Von  Fischental  war  der  spätere  ,, Bankvater" 
Keller,  von  Bülach  der  populäre,  witzige  Bezirksarzt,  Bezirksgerichts- 

3 


34  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN  o 

Präsident  und  Nationalrat  Fritz  Scheuchzer  mit  von  der  Partie. 
Aus  Wädenswl  ist  der  Gerbereibesitzer  und  spätere  Bundesrat 
Walter  Hauser  anzuführen.  Sekundarlehrer  Reinhold  Rüegg  von 
Wyla,  der  1879  mit  Theodor  Curti  die  „Züricher  Post"  gegründet 
hat,  trug  als  Mitarbeiter  und  sodann  als  Redaktor  des  „Land- 
boten" mit  seiner  geistreichen,  humorvollen  Feder  vieles  zur  stei- 
genden Beliebtheit  und  Bedeutung  des  demokratischen  Haupt- 
organs bei.  Auch  der  vielseitige  und  regsame  Dr.  Fran9ois  Wille 
in  Meilen,  der  Vater  des  Generals  Wille,  hatte  sich  unter  die 
Demokraten  verirrt,  aber  dann  im  Verfassungsrat  bald  einmal 
die  Wahrnehmung  gemacht,  dass  er  in  den  unrichtigen  Zug  ein- 
gestiegen war  und  nicht  in  die  Gesellschaft  gehörte.  Indem  er 
es  eine  vollständige  Mystik,  eine  Schwärmerei,  einen  Schwindel 
nannte,  wenn  man  jetzt  von  einer  Ära  der  unmittelbaren  Volks - 
gesetzgebung  spreche,  trennte  er  sich  für  immer  von  seinen  bis- 
herigen Gefährten. 

Zum  erstenmal  trat  eine  geschlossene  demokratische  Oppo- 
sition gegen  die  herrschende  liberale  Partei  in  die  Erscheinung, 
als  Bleuler-Hausheer  auf  den  7.  Oktober  1860  eine  Versammlung 
in  Uster  veranstaltete,  zu  welcher  Gottfried  Keller  den  Aufruf 
schrieb,  und  es  ist  bemerkenswert,  dass  dieser  Aufruf  dem  Kanton 
Zürich  das  Zeugnis  gewissenhafter  und  geschickter  Verwaltung 
im  Innern  ausstellte,  wogegen  aber  seinen  Vertretern  in  der  Bun- 
desversammlung ,, teilweise  Unselbständigkeit  der  Gesinnung  in 
den  Angelegenheiten  des  Gesamtvaterlandes,  teilweise  Mark- 
losigkeit  und  Verschilf fenheit  der  Grundsätze"  vorgeworfen  wurde. 
Die  von  etwa  100  Mann  besuchte  Versammlung  in  Uster  beschloss 
daher,  auf  die  bevorstehenden  Nationalratswahlen  eine  lebhafte 
Agitation  zu  entfalten,  um  Vertreter  von  ,, männlicherem,  ent- 
schiedenerem. Charakter"  nach  Bern  senden  zu  können.  Der 
Erfolg  war  nicht  grossartig;  im  ganzen  Kanton  brachte  es  die 
Opposition  auf  kaum  1800  Stimmen.  Schon  im  folgenden  Jahr 
ging  Gottfried  Keller  der  im  Entstehen  begriffenen  ,, Bewegungs- 
partei" verloren,  obwohl  er  am  15.  Dezember  1861  im  Wahlkreis 
Bülach  gegen  einen  gouvernementalen  Kandidaten  in  den  Grossen 
Rat  gewählt  wurde.  Das  ,, System"  hatte  sich  den  schon  berühmten 
Dichter- Politiker  gefischt  und  ihn  auf  den  Kanzleistuhl  des  Staats- 
schreibers  gesetzt,    womit    Gottfried    Keller   politisch   ein   stiller 


o  XXVII.  KAPITEI.:  DIE  DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN  35 

Mann  wurde,  der  fleissig  seine  Akten  ausfertigte  und  sauber 
gedrechselte  Bettags-Mandate  verfasste,  bis  dann  im  Jahr  1873 
die  Regierung  richtigerweise  diese  Bettagsansprachen  dem  Kirchen- 
rat überliess.  Als  Erfolg  der  Opposition  galt  dagegen  die  am 
28.  Oktober  1861  vorgenommene  Regierungsratswahl  von  Dr. 
Eduard  Suter,  den  seine  Kollegen  zunächst  mit  eisiger  Kälte 
empfingen.  Die  Wahl  von  Jakob  Dubs  (Regierungsrat  seit 
31.  Mai  1854)  zum  Bundesrat  an  Stelle  von  Jonas  Furrer  am 
30.  Juli  1861  entzog  der  liberalen  Partei  des  Kantons  Zürich  eine 
bedeutende  Kraft;  doch  behielt  Dubs  auch  von  Bern  aus  die 
politischen  Vorgänge  in  seinem  Heimatkanton  scharf  im  Auge 
und  griff  nicht  selten  mit  einem  gewichtigen  Wort  in  den  Lauf 
der  Dinge  ein. 

Als  am  25.  Januar  1864  Alfred  Escher,  vom  Präsidentenstuhl 
des  Grossen  Rates  herab,  in  stolzer  Selbstzufriedenheit,  ,,mit  der 
heitern  Ruhe  eines  Jupiter,  der  die  Wolken  zerteilt",  eine  glän- 
zende Lobrede  auf  seinen  Kanton  Zürich  hielt,  da  dachte  noch 
niemand  daran,  dass  drei  Jahre  genügen  würden,  um  dieser  ganzen 
Systemsherrlichkeit  ein  Ende  zu  machen.  Und  doch  war  der 
Umsturz  bereits  am  Werk.  Die  Regierung  selber  hatte  eingesehen, 
dass  etwas  geschehen  müsse,  wenn  nicht  alles  in  Gefahr  kommen 
sollte,  und  eine  Verfassungsrevision  in  die  Wege  geleitet.  Der 
Grosse  Rat  entschloss  sich  zu  einer  Partialrevision  in  sieben 
Punkten  und  legte  der  Volksabstimmung  vom  15.  Oktober  1865 
sieben  Verfassungsgesetze  vor,  darunter  als  das  wichtigste  eine 
Revision  der  Art.  93  und  94,  wonach  künftighin  10,000  Unter- 
schriften eine  Volksabstimmung  über  die  Frage  einer  Verfassungs- 
revision verlangen  konnten.  Das  Volk  griff  mit  beiden  Händen 
zu  und  nahm  sämtliche  sieben  Vorlagen  an,  mit  der  grössten 
Stimmenzahl  aber  (19,057  gegen  1595)  die  genannte  Revisions- 
bestimmung, welche  ihm  die  Waffe  zur  Erkämpf ung  seines  Selbst- 
bestimmungsrechtes überantwortete . 

Es  versteht  sich,  dass  die  Opposition  die  Eroberung  des  15.  Ok- 
tober 1865  nur  als  Abschlagszahlung  betrachtete  und  nun  erst 
recht  mit  ihren  Forderungen  (Salzpreisherabsetzung,  Kantonal- 
bank, unentgeltHche  Militärausrüstung  usw.)  aufrückte.  Auf 
Revisionsversammlungen  im  ganzen  Lande  herum  wurde  unab- 
lässig die  Werbetrommel  gerührt.   Auf  der  liberalen  Seite  mehrten 


36  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN  o 

sich  die  Stimmen,  welche  vor  Vertrauenssehgkeit  warnten  und 
auf  eine  Reorganisation  der  Partei  hindrängten.  Davon  sprach 
man  auch  lebhaft  in  der  ,, Akademischen  Mittwochgesellschaft", 
einer  im  Jahre  1842  gegründeten  freien  Vereinigung  von  Studien- 
genossen, an  deren  Spitze  Alfred  Escher  als  princeps  juventutis 
stand,  weshalb  Dr.  Friedrich  Locher  sie  als  die  ,, Inkarnation  des 
Sj'stems",  als  den  geheimen  Kabinettsrat  der  ,, Grossen  der  Krone 
Zürich"  dem  Volke  denunzierte.  Von  der  Akademischen  Mittwoch- 
gesellschaft  angeregt,  fand  im  November  1865  im  ,,Zürcherhof" 
eine  liberale  Versammlung  statt,  an  w^elcher  Dr.  Eugen  Escher 
präsidierte  und  der  junge  Stadtforstmeister  Ulrich  Meister  als 
Aktuar  debütierte.  Zweck  der  Zusammenkunft  war:  Sammlung 
der  liberalen  Elemente  behufs  regerer  politischer  Betätigung  mit 
Hülfe  besserer  Unterstützung  durch  die  Presse,  eventuell  Grün- 
dung eines  eigenen  Organs  oder  Ankauf  der  ,, Neuen  Zürcher 
Zeitung". 

Ihre  ersten  praktischen  Erfolge  bei  den  Grossrats-,  Bezirks- 
und Nationalrats  wählen  des  Jahres  1866  verdankte  die  Opposition 
ohne  Frage  zu  einem  guten  Teil  der  Wirkung  des  ersten  Bandes 
der  ,, Freiherren  von  Regensberg".  Im  ersten  Nationalrats  Wahlkreis 
triumphierte  Zangger  über  den  Nordostbahndirektor  Stoll.  Das 
Jahr  1867  brachte  die  entscheidende  Wendung.  Die  herrschende 
Partei  sah  sich  ,,zur  Zeit"  nicht  veranlasst,  auf  die  Petitionen  für 
Salzpreisherabsetzung,  Errichtung  einer  Kantonalbank  usw.  ein- 
zutreten. Leute,  die  von  Jugend  auf  in  Watte  gewickelt  waren 
und  keine  Ahnung  hatten,  was  es  heisst,  für  Nahrung  und  Ob- 
dach selber  sorgen  zu  müssen,  wiesen  es  als  entwürdigend  zurück, 
dass  der  Wehrmann  seine  Ausrüstung,  für  die  das  arme  Bauern- 
knechtlein  den  fünften  Teil  seines  Einkommens  zu  opfern  hatte, 
gratis  erhalten  und  dadurch  ,,zum  Taglöhner  des  Staates"  er- 
niedrigt werden  sollte.  Die  Sprache  der  Oppositionspresse  wurde 
heftiger  und  nahm  besonders  die  ,, Bankverhinderungskommission", 
die  ,,Nasführungskommission"  des  Grossen  Rates,  aufs  Korn.  Es 
mehrten  und  erweiterten  sich  die  Vorschläge  für  eine  Änderung 
der  Verfassungsgrundlagen.  Kurz  und  bündig  lautete  Scheuchzers 
Programm:  ,, Initiative  und  Referendum  für  das  Volk!  Mittel 
dazu:  Volksversammlungen,  10,000  Unterschriften  und  Ver- 
fassungsrat, und  zwar  lieber  heute  als  morgen!"    Ein  ausführ- 


o  XXVII.  KAPITEI.:  DIE  DEZEMBER-I^ANDSGEMEINDEN  -^j 

licheres  Programm  veröffentlichte  der  ,, Landbote";  überdies  ver- 
fasste  Bleuler  eine  vorzügliche  kleine  Agitationsbroschüre  unter 
dem  Titel  „Warum?"  —  „Wir  wollen  also  sondieren,"  schrieb  er 
am  15.  November,  ,,und  wenn  wir  den  Boden  gut  finden:  Vor- 
wärts in  geschlossenen  Kolonnen!  Feuer  auf  der  ganzen  Linie!" 
Am  18.  November,  nachdem  Tags  zuvor  die  erste  Lochersche 
Schützenhausversammlung  stattgefunden,  versammelte  sich  der 
Grosse  Rat,  und  auf  den  Abend  lud  Regierungsrat  Dr.  Suter  die 
liberalen  Grossräte  zu  einer  Besprechung  in  den  ,,Zürcherhof"  ein. 
Die  Versammlung  bestellte  ein  Abwehrkomitee  von  17  Mitgliedern; 
aber  es  blieb  natürlich  im  gegnerischen  Lager  nicht  unbemerkt, 
dass  nun  hier  von  der  Wünschbarkeit  eines  ,, gesunden  Fort- 
schrittes" und  von  der  Bereitwilhgkeit,  notwendige  Reformen 
durchzuführen,  gesprochen  wurde,  nachdem  man  bisher  alle  und 
jede  Reformbedürftigkeit  des  Staatsorganismus  schlankweg  be- 
stritten hatte. 

Der  Ustertag  (22.  November  1867)  zeigte  nach  langer  Dürre 
ein  kräftiges  Wiedererwachen  des  politischen  Lebens.  Von  der 
Feier  in  Uster  schrieb  Grunholzer:  ,,Sie  war  eine  der  schönsten 
seit  langer  Zeit,  ganz  getragen  vom  reinen  Geiste  des  wirklichen 
Tages  von  Uster,  mit  grosser  Entschiedenheit  dem  demokratischen 
Fortschritt  geweiht,  aber  auch  ebenso  entschieden  in  der  Zurück- 
weisung aller  unlautern  Mittel."  Während  aber  in  Uster  unter 
Grunholzers  zurückhaltender  Leitung  eine  Resolution  nicht  ge- 
fasst  und  eine  Abstimmung  nicht  vorgenommen  wurde,  gestaltete 
sich  der  Ustertag  an  verschiedenen  andern  Orten  zu  einer  ent- 
schiedenen Stellungnahme  für  oder  gegen  die  Revisionsbewegung. 
Auf  der  ,, Platte"  in  Fluntern  versammelten  sich  die  Gouverne- 
mentalen;  Redner  waren  u.  a.  die  Regierungsräte  Treichler,  Suter 
und  Hagenbuch,  Grund  ton  der  Toaste:  Das  System  ist  kein 
Sumpf,  seine  herrlichen  Schöpfungen  sind  keine  Sumpfblüten!  — 
Im  „Ochsen"  am  Kreuzplatz  kamen  Vertreter  beider  Richtungen 
zum  Wort,  als  Fortschrittsmann  insbesondere  Dr.  med.  Frei.  Pfarrer 
Spyri  tat  den  für  gewisse  ,, prinzipiell"  fortschrittlich  gesinnte, 
„zurzeit"  aber  allemal  konservative  Liberale  charakteristischen 
Ausspruch:  Am  Tage  von  Uster  habe  es  sich  um  die  heihgsten 
Güter  gehandelt,  jetzt  aber  nur  um  formale  Fragen,  in  denen  er 
das  Glück  des  Volkes  nicht  erblicken  könne.  —  Im  Schützenhaus 


38  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN  o 

haranguierte  Dr.  Friedrich  Locher  die  Menge;  der  „Dilettanten- 
Musila-erein",  den  der  Dilettanten-PoHtiker  auch  aufgeboten  hatte, 
vermochte  nicht  einmal  in  den  überfüllten  Saal  einzudringen. 
Literat  Honegger  donnerte  gegen  das  „Haus  mit  den  vier  Türmen" 
(Bahnhof,  Residenz  Alfred  Eschers).  —  Winterthur  hatte  eine 
glänzende  Kasino  Versammlung ;  ,, Millionär  und  Arbeiter  sassen 
einträchtig  nebeneinander" ;  jubelnd  wurde  das  Programm  des 
,, Landboten"  angenommen,  das  in  erster  Linie  Sammlung  der 
10,000  Unterschriften  und  Herbeiführung  der  Revision  mit  allen 
gesetzlichen  Mitteln  verlangte.  Die  Versammlung  des  neugegrün- 
deten liberalen  Vereins  unter  Oberst  Fenner  stach  gegen  das 
Kasino  sehr  ab.  —  Im  ,,Kopf"  zu  Bülach  klopften  die  Systems- 
grössen  ihren  Jass,  imbekümmert  um  die  grosse  Versammlung  im 
,, Kreuz",  wo  für  Referendum  und  Initiative  demonstriert  und 
,,die  Sonne  und  der  Tag  von  Uster"  gepriesen  wurden.  —  Hinwil 
proklamierte:  Vorwärts,  aber  gegen  das  Pamphlet!  —  In  Horgen 
brachten  Dr.  J.  Ryf  imd  Widmer-Hüni,  beide  sonst  eher  zur  Oppo- 
sition neigend,  aber  jetzt  regierungstreu,  ein  Pereat  auf  das 
,, System  der  Verleumdung"  aus.  —  Alle  Grossen  von  Wald  such- 
ten durch  das  Gewicht  ihrer  Anwesenheit  die  dortige  Versamm- 
lung zu  einer  Kundgebung  für  die  Regierung  zu  bestimmen; 
allein  das  von  Pfarrer  Menzi  vorgeschlagene  Zutrauens votum 
wurde  mit  allen  gegen  5 — 7  Stimmen  abgelehnt.  —  Die  einzige 
Ergebenheitsadresse  für  das  ,, System"  kam  aus  Stäfa,  was  in 
anbetracht  der  von  jener  Gemeinde  gepflegten  revolutionären  Er- 
innerungen in  Regierungskreisen  besondere  Genugtuung  erweckte. - 
Die  Resolution  von  Stäfa  wendet  sich  gegen  das  ,, wühlerische 
Treiben  einer  sogenannten  demokratischen  Partei",  spricht  im 
allgemeinen  die  Zufriedenheit  mit  den  staatlichen  Zuständen  aus 
und  verlangt  Abhilfe,  wo  solche  nötig,  mit  andern  als  verwerf- 
lichen Mitteln. 

Über  den  Stand  der  Bewegung  hatte  der  Ustertag  1867  hoff- 
nungsreiche Abklärung  gebracht.  Die  von  34  Mann  besuchte 
Delegiertenversammlung  der  Demokraten  im  alten  Schützenhaus 
am  26.  November  bestellte  ein  Zentralkomitee  von  15  Mitgliedern 
und  nahm  neben  der  Unterschriftensammlung  die  Anberaumung 
von  Volksversammlungen  in  Aussicht.  Grunholzer,  ein  ent- 
schiedener Gegner  dieser  Veranstaltung,  trennte  sich  hier  von  der 


o  XXVII.  KAPITBI.:  DIE  DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN  39 

Bewegung  und  lehnte  eine  Wahl  ins  Komitee  ab.  Aber  auch 
Bleuler-Hausheer  war  vom  Gelingen  der  Volksversammlungen 
noch  keineswegs  überzeugt  und  wurde  von  den  Ereignissen  fast 
wider  Willen  vorwärtsgetrieben.  Nach  dem  Erscheinen  des  dritten 
Teils  der  „Freiherren"  schrieb  er:  „Locher  hat  wieder  einen  Salto 
mortale  gemacht,  und  jetzt  müssen  wir  entweder  absatteln  oder 
alles  wagen,  allenfalls  auch  das,  dass  man  mit  Locher  abrechnet 
und  seinen  Zürchern  überlässt,  zu  marschieren  oder  nicht.  Meine 
Stellung  in  diesem  Spiel  ist  nicht  rosig."  Aber  noch  viel  weniger 
rosig  sah  es  auf  der  liberalen  Seite  aus.  ,,Am  29.  November  ver- 
sammelte der  Präsident  (Hans  Roth  von  Hirslanden)  die  Dele- 
gierten aus  allen  Bezirken  in  Zürich,  um  die  Stellung  der  einzelnen 
Landesteile  kennen  zu  lernen.  Das  Bild,  das  sich  aus  den  ein- 
zelnen Berichterstattungen  entrollte,  war  trostlos.  Die  Bezirke 
Winterthur,  Hinwil,  Uster,  Pfäffikon  und  Bülach,  mithin  die 
Hälfte  des  Kantons,  waren  für  die  Regierungspartei  so  gut  wde  ver- 
loren. Wo  noch,  wie  in  Zürich  und  Winterthur,  Versammlungen 
stattfanden  und  die  Bezirksorganisation  an  die  Hand  genommen 
wurde,  machte  man  bald  die  Erfahrung,  dass  man  jede  Fühlung 
mit  dem  Volke  verloren  hatte.  Männer,  die  sich  früher  einer  ge- 
wissen VolkstümHchkeit  erfreuten,  entbehrten  gleichsam  über 
Nacht  jedes  Einflusses  auf  die  Massen."    (Koller). 

Vom  8.  Dezember  1867  ist  das  Manifest  der  Demokraten  da- 
tiert, das  —  von  Sieber  verfasst  —  in  seiner  Leitartikelbreite  und 
trockenen  Lehrhaftigkeit  alles  andere  eher  war  als  ein  ,, zün- 
dender Aufruf"  und  doch  als  solcher  wirkte.  Von  dem  unver- 
äusserlichen Recht  freier  Männer,  unter  freiem  Himmel  zu  tagen 
und  die  Landesangelegenheiten  zu  besprechen,  erklärten  die  fünf- 
zehn Unterzeichner  Gebrauch  machen  zu  wollen,  indem  sie  das 
Volk  zur  Landsgemeinde  aufboten,  die  am  Sonntag  den  15.  De- 
zember, nachmittags  punkt  i  Uhr,  in  Zürich,  Uster,  Winterthur 
und  Bülach  stattfinden  werde.  Eine  Revision  der  kantonalen  Ver- 
fassung sollte  verlangt  werden,  da  das  reine  Repräsentativsystein 
der  dreissiger  Verfassung  überwunden  sei  und  der  Satz:  „alles 
für  das  Volk"  ergänzt  werden  müsse  durch  den  ebenso  berech- 
tigten: ,, alles  durch  das  Volk".  Die  Unterzeichner  protestierten 
gegen  die  Herabwürdigung  des  Zürcher  Volkes,  welche  darin  liege, 
dass  man  es  für  unfähig  erkläre,  den  wahren  Fortschritt  zu  er- 


40  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN  o 

kennen  und  dafür  Opfer  zu  bringen.  „Wir  erblicken  in  dieser 
falschen  Beurteilung  des  Zürcher  Volkes  den  hauptsächlichsten 
Keim  der  gegenwärtigen  Bewegung!"  Unter  den  aufzustellenden 
Forderungen  nennt  das  Programm  des  Manifests  in  erster  Linie: 
„Schwächung  des  Einflusses  der  Regierungsgewalt,  der  Beamten- 
imd  Geldherrschaft  auf  die  Gesetzgebung  durch  Erweiterung  der 
Volksrechte.  Zu  diesem  Ende:  das  Recht,  den  Grossen  Rat  ab- 
zuberufen, oder  die  .zweijährige  Amtsdauer.  Das  Referendum, 
d.  h.  das  Recht  der  Gemeinden,  über  die  Gesetze  abzustimmen. 
Das  Initiativ-Recht,  wonach  5000  Bürger  eine  Gesetzesvorlage 
machen  können  und  der  Grosse  Rat  alsdann  gehalten  ist,  sie  in 
Erwägung  zu  ziehen."  Ebenfalls  am  8.  Dezember  erschien,  aus 
der  Feder  von  Regierungsrat  Dr.  Suter,  ,,Ein  offenes  Wort  an  das 
Zürcher  Volk",  von  46  Liberalen  unterzeichnet.  Auch  diese 
Kundgebung,  welche  die  von  einer  Schmähschrift  ihren  Ausgang 
nehmende  Bewegung  und  das  Begehren  nach  Verfassungsrevision 
ablehnte,  kargte  mit  Versprechungen  nicht  und  sprach  von  gründ- 
licher und  entschiedener  Anhandnahme  zeitgemässer  Reformen, 
Fortschritt  auf  allen  Gebieten  des  öffentlichen  Lebens,  ,,aber  Fort- 
schritt mit  Überlegung  und  Fortschritt  mit  Gebrauch  ehrenhafter 
Mittel".  Die  Liberalen  ,, setzen  das  volle  Vertrauen  in  den  ge- 
sunden Sinn  unseres  Volkes"  und  sind  auch  überzeugt,  ,,dass 
unsere  obersten  Staatsbehörden  nichts  versäumen  werden,  um  be- 
rechtigten Volkswünschen  möghchst  baldigen  Durchbruch  zu  ver- 
schaffen". 

Als  am  Sonntag  morgen,  den  15.  Dezember,  ein  Unwetter 
erster  Güte  um  die  Häuser  pfiff  und  der  Regen  an  die  Scheiben 
klatschte,  telegraphierte  Oberst  Rieter  in  Winterthur  an  Alfred 
Escher  in  Bern  die  unsterblichen  Worte,  die  auch  an  dieser  Stelle 
nicht  fehlen  dürfen: 

,,Der  Himmel  ist  voll  Sympathie, 
,,Es  schneit  und  regnet  wie  noch  nie!" 

Von  der  Versammlung  auf  dem  neuen  Exerzierplatz  beim 
Zeughaus  in  Zürich  erzählt  Greulich:  ,,Es  schneite,  regnete  und 
stürmte  derart,  dass  nur  ein  bedenklich  kleines  Häuflein  sich  beim 
damaligen  Salzhaus,  an  der  heutigen  Theaterstrasse,  einfand.  Es 
war  eine  kleine  Musik  dabei.  Der  Grütliverein  war  mit  der  Fahne 
erschienen,  und  dann  sah  man  noch  einige  Helveterstudenten  mit 


o  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DE;ZEMBE;R-I.ANDSGEMEINDE;N  41 

roten  Mützen.  Die  Situation  war  so  bedenklich,  dass  Karl  Bürkli 
abstimmen  liess,  ob  wir  bei  diesem  Sauwetter  überhaupt  eine 
Versammlung  abhalten  wollten.  Begeistert  schrien  die  Anwesen- 
den, es  müsse  marschiert  werden,  und  so  zog  man  denn  der  Limmat 
entlang  hinunter.  Aber  jetzt  ström.ten  die  Menschen  aus  den 
Gässlein  des  Niederdorfs  nur  so  herunter.  Beim  alten  Schützen- 
haus wurden  Katzenköpfe  losgelassen,  und  als  der  Zug  beim  Zeug- 
haus ankam  —  die  Kaserne  stand  damals  noch  nicht  —  da  waren 
mindestens  6000  Mann  beisammen."  Nun  in  Sturm  und  Graus 
neue  Beratung  der  Führer,  ob  man  anfangen  wolle,  und  Anfrage 
an  das  Volk.  ,, Eintreten!  Wir  halten  aus!"  war  die  Antwort. 
Kommandant  Karl  Walder  eröffnete  die  Tagung.  In  seinem 
Militärmantel  und  verwitterten  Scheitel  machte  er  nicht  übel 
Figur.  Nach  der  Gastrolle  Friedrich  Lochers  und  einer  Rede  von 
Dr.  Honegger  sprach  Karl  Bürkli :  Solches  Wetter  wie  heute  sei  es 
gewesen,  als  die  Zürcher  vor  400  Jahren  zur  Murtenschlacht  aus- 
zogen. ,,Nun  stehn  wir  auch  im  Kampf,  durchnässt  bis  auf  die 
Haut,  und  hoffen  unsern  Herzog,  den  Prinzeps,  zu  schlagen.  Wir 
können  den  neuen  Exerzierplatz  nicht  besser  einweihen,  als  indem 
wir  einmal  mit  dem  System  gründlich  und  im  Feuer  exerzieren. 
Das  System  ist  wie  die  Cholera,  nicht  mit  Händen  zu  greifen, 
aber  man  spürt  es  in  allen  Gliedern.  Schon  lange  sagt  der  Volks- 
mund, die  Kantonsräte  ab  dem  Lande  müssen  zuerst  im  Bahnhof 
unten,  wo  die  Regierung  Nr.  i  thront,  ja  sagen,  und  dann  im  Rat- 
haus, wo  die  Regierung  Nr.  2  vom  System  noch  geduldet  wird, 
noch  einmal  ja !"  —  Das  Programm  wurde  einstimmig  angenommen 
und  dann  bei  einer  Nachfeier  im  Schützenhaus  gehörig  ,, ver- 
schwellt". 

In  Winterthur  war  Bleuler-Hausheer  Tagespräsident.  Ausser 
ihm  sprachen  Lehrer  Fluck,  Nationalrat  Fehr,  Stadtschreiber 
Ziegler,  Kantonsrat  Elias  Süsstrunk,  ,,Salz-EHas"  genannt  wegen 
seines  Eifers  um  die  Salzpreisherabsetzung.  —  Bülach  war  der 
einzige  Ort,  wo  die  Landsgemeinde  im  geschlossenen  Raum,  in 
der  Kirche,  stattfand.  Die  Rafzer  waren  besonders  zahlreich  auf- 
gezogen; von  ihren  Wagen  trug  jeder  eine  besondere  Inschrift: 
,, Referendum", ,, Staatsbank"  usw.  Der  bewegliche  Scheuchzer,  der 
das  Volk  wie  nicht  bald  einer  kannte  und  zu  behandeln  wusste,  be- 
tonte auch  hier  wieder  als  Hauptsache  Referendum  und  Initiative. 


42  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN  o 

Als  die  Abschaffung  der  Todesstrafe  besprochen  wurde,  Hess  eine 
Grabesstimme  sich  vernehmen:  „Wer  Menschenblut  vergiesst, 
dess'  Blut  soll  wieder  vergossen  werden!"  Prompt  replizierte  ein 
bibelfester  Neuerer:  „Geht  uns  nichts  an!  Das  steht  im  Alten 
Testament!" 

Den  kühnen  Griff  in  die  Sterne,  aus  denen  von  Zeit  zu  Zeit 
die  ewigen  Menschenrechte  wieder  heruntergeholt  werden  müssen, 
tat  Rudolf  Zangger  in  Uster,  das  wohl  die  stärkste  Versammlung, 
auf  dem  geweihten  Boden  des  Zimiker,  sah.  Zangger  schilderte, - 
manches  übertreibend,  die  herrschenden  Zustände;  ,,alle  imsre 
Gerechtigkeit  ist  wie  ein  unflätig  Kleid,"  sagte  er  zur  Justiz  im 
Kanton  Zürich.  Mit  Emphase  wies  er,  wie  andere  Landsgemeinde- 
redner, das  den  Bewegungsmännern  vorgehaltene  Streben  nach 
einem  Sessel  zurück,  ,,imd  von  euch  —  hier  Versammelte,"  fuhr 
er  fort,  ,,vom  ganzen  Volke  behaupten  eure  Gegner,  ihr  verstehet 
noch  nicht,  eure  Interessen  selbst  zu  wahren  (stürmisches  Hohn- 
gelächter). Die  Vormmidschaft  müsse  noch  länger  andauern,  als 
wären  37  Jahre  der  Bildung  spurlos  an  euch  vorübergegangen 
(Stimme  aus  dem  Volk:  ,me  cha's  ja  emal  probiere!')".  Nicht 
weniger  Beifall  ernteten  Sieber,  sowie  Keller  von  Fischental  in 
seinem  gemüthchen  Zürichdeutsch.  Am  Bankett,  das  nach  der 
Landsgemeinde  improvisiert  wurde,  brachte  Salomon  Vögelin  sein 
Hoch  den  Männern,  die  vom  Feuer  des  Tages  von  Uster  durch- 
glüht, trotz  Sturm,  und  Unwetter  nach  Uster  gekommen  waren, 
,,und  5000  Stimmen,  abgegeben  in  Sturm  und  Unwetter,  wiegen 
mehr  als  10,000  Stimmen  im  Sonnenschein!" 

Der  ,, Landbote"  schätzte  die  Gesamtbeteiligung  an  den  vier 
Landsgemeinden  auf  rund  20,000  Mann.  Die  ,,Neue  Zürcher 
Zeitung"  hatte  anfänglich  an  den  Zahlen  zu  markten  versucht, 
musste  es  aber  bald  aufgeben.  Klüger  schrieb  die  ,, Freitagszeitung" : 
„Die  Versammlungen  sind  nun  einmal  nicht  misslungen,  und  über 
etwas  Mehr  oder  etwas  Weniger  hinsichtlich  ihrer  Bedeutsamkeit 
ist  es  unnütz,  viele  Worte  zu  verlieren.  Ihr  Zweck,  die  Petitionen 
und  das  Programm  zu  unterstützen,  ist  erreicht."  Die  ,,St.  Galler 
Zeitung"  aber  urteilte:  „Dieser  Tag  darf  ohne  Übertreibung  ein 
zweiter  Tag  von  Uster  genannt  werden.  Er  wird  für  die  Geschicke 
des  Kantons  und  für  die  Erringung  der  Volksrechte  in  der  ganzen 
Schweiz  von  der  grössten  Bedeutung  sein." 


o  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-LANDS  GEMEINDEN  43 

Am  Tage  vor  Weihnachten  präsentierten  sich  vor  dem  Gross- 
ratspräsidenten  Regierungsrat  Treichler  drei  seiner  alten  Konsum- 
vereinsfreunde:  Karl  Bürkli,  Schneider  Krebser  und  Schuster 
Boli.  Sie  waren  mit  Paketen  beschwert,  welche  die  ersten  19,410 
Unterschriften  für  eine  Verfassungsrevision  enthielten,  und  Bürkli 
sagte  bloss:  ,,Do  bringet  mer  der  Regierig  's  gut  Jahr!"  Insgesamt 
gingen  449  Hingaben  mit  26,349  Unterschriften  ein,  und  die  Re- 
gierung ordnete  die  Volksabstimmtmg  auf  den  26.  Januar  1868 
an.  Dem  Volksentscheid  ging  eine  lebhafte  Agitation  von  beiden 
Seiten  voraus,  und  vielfach  spitzte  der  Kampf  sich  persönlich  zu. 
Dem  Stadtrat  Dr.  Römer  wurde  es  von  seinen  liberalen  Freunden 
verübelt,  dass  er  noch  immer  mit  seinem  demokratischen  Kollegen 
Schnurrenberger  verkehrte,  und  er  war  genötigt,  durch  die  ,, Frei- 
tagszeitung" erklären  zu  lassen,  diese  Freundschaft  habe  mit 
Politik  nichts  zu  tun  und  beruhe  darauf,  dass  er  und  Kollege 
Schnurrenberger  während  der  Cholerazeit  Tag  und  Nacht  treue 
Waffengefährten  waren.  Handwerker,  welche  die  Kühnheit  hatten, 
etwa  eine  Schützenhausversammlung  zu  besuchen,  wurden  von 
liberalen  Kunden  mit  der  Aufforderung,  die  Rechnung  zu  schicken, 
bestraft.  Das  ,, System"  stellte  sich  auf  den  Standpunkt  der 
reinen  Negation  und  empfahl  Verwerfung  der  Hauptfrage  (Ver- 
fassungsrevision) und  der  Nebenfrage  (Revision  durch  einen  Ver- 
fassungsrat).  Nur  die  zweite,  eventuelle  Nebenfrage,  Revision 
durch  den  Grossen  Rat,  sollte  bejaht  werden.  Immer  dringlicher, 
immer  ängstlicher  und  erregter  klang  der  Unterton  in  allen  Zei- 
tungsartikeln, Broschüren  und  Flugblättern:  Ist  es  denn  mög- 
Hch,  ihr  wolltet  den  Pamphletären  nachlaufen,  den  Zangger, 
lyocher,  Bleuler  mehr  Vertrauen  schenken  als  uns!  Ihr  wolltet 
euch  getrauen,  die  Regierung  selber  in  die  Hand  zu  nehmen  ? 
Und  die  Antwort  des  Volkes:  fünfzigtausendmal  Ja!  Bei  einer 
Beteiligung  von  90%  der  Stimmberechtigten  (59,125  von  65,382) 
wurden  am  26.  Januar  1868  abgegeben  für  die  Verfassungsrevision 
50,786  Ja  und  nur  7374  Nein.  Mit  47,864  gegen  10,060  Stimmten 
wurde  die  Revision  einem  Verfassungsrat  übertragen.  Und  auch 
die  Stadt  Zürich  befand  sich  unter  den  annehmenden  Gemeinden ; 
sie  stimmte  mit  2109  gegen  1361  Stimmen  der  Revision,  mit 
1966  gegen  1502  Stimmen  dem  Verfassungsrat  zu!  Im  ganzen 
Kanton  hatten  überhaupt  nur  zwei  Gemeinden  die  Revision  ver- 


44  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN  o 

worfen:  neben  dem  gründlich  vergrämten  Regensberg  noch 
Boppelsen. 

Mit  vollem  Rechte  durfte  nach  einer  solchen  Abstimmung  der 
„Landbote"  schreiben:  ,,Das  Volk  hat  gesprochen,  das  ganze  Volk 
hat  gesprochen!"  Auch  die  „Neue  Zürcher  Zeitung"  machte  sich 
keine  Illusionen  mehr;  man  wolle  im  Kanton  Zürich  etwas  Neues. 
Die  ,,St.  Galler  Zeitung"  schrieb:  „Vor  diesem  einmütigen  Volks- 
spruch verstummt  jede  Markterei  und  kleinliche  Deutelei,  ver- 
stummt das  Geschrei  über  Demagogentum,  Pamphletisterpartei 
usw.  Es  ist  keine  Partei,  die  hier  spricht,  es  ist  das  Volk  in  seiner 
ganzen  Grösse,  es  ist  die  Seele  der  Repubhk,  mit  aller  Kraft  ihrer 
Intelligenz,  mit  aller  Menschenwürde,  die  sie  besitzt."  In  der 
,, Sonntagspost"  urteilte  Grunholzer:  ,,Das  Resultat  ist  weniger 
eine  Desavouierung  der  bisherigen  Regenten,  als  eine  Verurteilung 
des  absoluten  Repräsentativsystems.  Die  grössere  Beteiligung  des 
Volkes  am  aktiven  Staatsleben  ist  das  Losungswort  der  Zeit  ge- 
worden. Der  Souverän  hat  gesprochen;  sein  Wille  geschehe." 
Bei  der  Eröffnung  des  Grossen  Rates  am  lo.  Februar  sprach  Alfred 
Escher  als  Präsident  die  Überzeugung  aus,  dass  schon  eine  nähere, 
ruhig  prüfende  Zukunft,  vollends  aber  die  unparteiische  Geschichte 
die  Frage,  ob  der  Kanton  Zürich  in  den  beiden  letzten  Dezennien 
sich  auf  der  Bahn  des  Fortschrittes  in  geistiger  und  materieller 
Hinsicht  bewegt  habe,  auf  eine  Weise  beantworten  werde,  welche 
denen,  in  deren  Händen  sich  die  Leitung  der  öffentlichen  An- 
gelegenheiten bis  anhin  befunden  habe,  kaum  zum  Vorwurf  ge- 
reichen dürfte. 

Der  Klagerückzug  Ulmers  (s.  oben  pag.  13)  vollendete  die 
Niederlage  des  ,, Systems",  weckte  aber  zugleich  in  seinen  tüch- 
tigen und  ehrenwerten  Anhängern  den  entschlossenen  Mut,  sich 
kräftig  wieder  aufzuraffen,  neu  zu  organisieren  und  auf  die  kom- 
menden Verfassungsratswahlen  hin  den  Kampf  mit  aller  Energie 
wieder  aufzunehmen,  um  auf  die  Gestaltung  der  neuen  Verfassung 
den  grösstmöglichen  Einfluss  zu  gewinnen.  In  der  Stadt  diente 
zunächst  der  ,, Politische  Gemeindeverein"  den  Liberalen  zur 
Sammlung.  Er  war  am  13.  April  1866  als  ,, Stadtverein"  unter 
dem  Präsidium  von  Stadtschreiber  Dr.  Eugen  Escher  gegründet 
worden,  nachdem  das  neue  Gemeindeorganisationsgesetz  vom 
15.  Oktober  1865  die  Niedergelassenen  gemeinsam  mit  den  Bürgern 


o  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN  45 

zur  Führung  des  Gemeinwesens  berufen  hatte.  Im  ,, Stadtverein" 
sollten  Bürger  und  Niedergelassene  zur  freien  Aussprache  der 
Gemeindeangelegenheiten  sich  zusammenfinden.  Die  Revisions- 
bewegung sprengte  den  Stadtverein,  aus  dem  die  demokratischen 
Mitglieder  ausschieden;  die  Zurückbleibenden  konstituierten  sich 
als  „Politischer  Gemeinde  verein" ,  und  im  Schosse  des  letztern 
wurde  der  schon  seit  längerer  Zeit  bestehende  Wunsch,  die  ,,Neue 
Zürcher  Zeitung"  für  die  liberale  Sache  zu  erwerben,  zur  Reife  ge- 
bracht. Eine  Abordnung  des  Gemeindevereins  ersuchte  Dr.  Eugen 
Escher,  die  Redaktion  und  geschäftliche  Leitung  der  ,, Neuen 
Zürcher  Zeitung"  zu  übernehmen ;  als  Mitarbeiter  hatte  er  ihr  schon 
seit  Jahren  angehört.  Der  Kaufvertrag  mit  Orell  Füssli,  den  bis- 
herigen Besitzern  der  ,, Neuen  Zürcher  Zeitung",  kam  zustande, 
Eugen  Escher  sagte  am  17.  Februar  1868  zu,  und  am  6.  März  1868 
konstituierte  sich  die  Aktiengesellschaft  der  ,, Neuen  Zürcher 
Zeitung". 

Die  Wahlen  in  den  Verfassungsrat  am  8.,  22.  und  29.  März 
1868  brachten  den  Demokraten  die  grosse  Mehrheit.  Von  222  Ver- 
fassungsräten zählte  man  147  demokratische  und  75  liberale.  In 
der  Stadt  entstieg  als  erster  der  Urne  Dr.  Eugen  Escher;  dann 
aber  folgten  unmittelbar  Zangger,  Schnurrenberger  und  Georg 
V.  Wyss.  Es  ist  nicht  ohne  Interesse,  bei  dieser  Gelegenheit  die 
Stellung  der  Konservativen  zur  Revisionsbewegung  kennen  zu 
lernen.  Dass  Georg  v.  Wyss  von  Alfred  Escher  schlecht  behandelt 
worden  war,  haben  wir  bereits  erfahren.  Nicht  besser  erging  es 
seinem  Bruder  Friedrich,  dessen  Grossratskandidatur  schon  1866 
von  Alfred  und  Eugen  Escher  bekämpft  worden  war  wegen  seiner 
Mitgliedschaft  im  Vorstand  der  Evangelischen  Gesellschaft,  wäh- 
rend das  ,, System"  einen  Ulmer  ohne  Beschwerde  ertrug.  Die 
Brüder  Georg  und  Friedrich  v.  Wyss  waren  hochachtbare  Ver- 
treter einer  wahrhaft  vornehmen  konservativen  Richtung,  die  bei 
aller  Verehrung  für  das  gute  Alte  doch  oft  genug  für  das  notwendige 
Neue  ein  rascheres  Verständnis  und  namentlich  eine  grössere 
Opferbereitschaft  an  den  Tag  legte  als  der  Durchschnittsliberalis- 
mus. Die  Wünschbarkeit  des  fakultativen  Referendums  war  von 
den  Konservativen  längst  eingesehen  worden,  als  die  ganze  liberale 
Partei  noch  dagegen  kämpfte.  Die  amtliche  Inventarisation  in 
allen  Todesfällen,  manchen  Liberalen  ein  Greuel,  wurde  von  den 


46  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN  o 

Brüdern  Georg  und  Friedrich  v.  Wyss  rückhaltlos  befürwortet. 
Charakteristisch  ist  folgende  Äusserung  von  Friedrich  v.  Wyss 
aus  dem  Jahre  1869:  ,,Mit  unsern  beiden  (jetzt  besonders  einfluss- 
reichen) Ziegler  —  Regierungsrat  G.  Ziegler  und  Stadtschreiber 
Th.  Ziegler  —  so  grob  sie  sind,  möchte  ich  noch  lieber  verkehren 
als  mit  Alfred  Escher;  es  ist  doch  offener  Sinn  und  Verständnis  da, 
nicht  diese  höchst  selbstgefällige,  abgeschlossene,  gescheite  und 
doch  bornierte  Weisheit.  Der  sogenannte  liberale  Schnürleib,  den 
wir  so  manches  Jahr  getragen,  ist  zersprungen,  und  nun  läuft  alles 
durcheinander,  Rohes  und  Gemeines  sehr  gewöhnlich  obenauf, 
aber  doch  auch  noch  anderes,  dem  nur  die  rechte  Sprache  und  die 
rechten  Organe  fehlen.  Wer  die  Gabe  hätte,  den  rechten  tiefen 
Volkston  zu  treffen,  könnte  jetzt  mehr  Einfluss  haben  als  früher  . . . 
Man  muss  freilich  lernen,  Opfer  auf  sich  zu  nehmen  und  mit  dem 
Verzicht  auf  privilegierte  Stellungen,  Vorteile  und  Genüsse  mehr 
Ernst  zu  machen  als  früher,  sonst  bleibt  alles  ohne  Wirkung." 

Dass  die  Brüder  v.  Wyss  und  ihre  nähern  Freunde  und  Ge- 
sinnungsgenossen keine  Veranlassung  hatten,  dem  ,, System"  in 
seinem  Existenzkampf  mit  besonderer  Wärme  und  Hingabe  bei- 
zustehen, leuchtet  ein;  ihre  Haltung  der  kühlen  Neutralität  war 
gegeben.  Um  so  lebhafter  scheinen  sich  weitere  Kreise  von  Kon- 
servativen, Vertrauensleute  der  sogenannten  ,, Stillen  im  I^ande", 
am  Kampf  um  den  Verfassungsrat  und  die  neue  Verfassung  be- 
teiligt zu  haben.  Die  Taktik  dieser  unsichtbaren,  aber  einfluss- 
reichen Partei  erregte  ebensowohl  Bewunderung  als  Unwillen. 
Ihre  Operationen  erfolgten  von  guter  Deckung  aus.  Die  Wahl- 
Hsten  dieser  Richtung  für  den  ganzen  Kanton  in  dem  schon  er- 
wähnten Aufruf  ,,Zur  Sammlung"  waren  die  einzigen,  welche 
anonym  erschienen.  Und  ihre  Bemühungen  waren  nicht  vergeb- 
lich. Der  Biograph  Grunholzers  konstatiert,  dass  die  konservativ- 
pietistische  Liste,  die  geschickt  zwischen  demokratischen  und 
liberalen  Namen  ihre  Kandidaten  einstreute,  in  mehreren  Wahl- 
kreisen ganz  überraschende  Erfolge  errang.  Die  ,, Freitagszeitung" 
glaubte  zum  Aufsehen  mahnen  zu  sollen:  ,,Es  scheint  sich  zu  be- 
stätigen, dass  nach  dem  Kampfe  zwischen  den  Liberalen  und  den 
Demokraten  die  Frommen  auf  das  Schlachtfeld  der  Erschöpften 
treten  und  das  Kreuz  des  Glaubens  wieder  wie  1839  ^^^  demselben 
aufpflanzen  könnten."    Jedenfalls  konnte  man  es  auf  dieser  Seite 


o  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN  47 

nicht  gut  vertragen,  dass  manche  Herren  vom  „System"  sich  aus 
den  Frommen  nichts  machten,  weshalb  sie  dann  in  den  reHgiösen 
Blättern  als  solche  hingestellt  wurden,  die  ,,den  Herrn  und  sein 
Wort  nicht  achten"  und  über  die  nun  ein  ,, gerechtes  Gericht 
Gottes"  hereingebrochen  sei.  Allerdings  war  es  auch  mit  der 
Frömmigkeit  der  Demokraten  nicht  gerade  weit  her.  Beide  Par- 
teien, las  man  deshalb  irgendwo,  gehen  in  nichts  einig,  als  in  der 
gleichinässigen  Verwerfung  des  Evangeliums,  und  keine  von  beiden 
könne  deshalb  für  die  tiefern  Bedürfnisse  der  untern  Volksklassen 
Befriedigung  gewähren.  Doch  scheint  mit  der  Zeit  die  Hin- 
neigung auf  die  demokratische  Seite  die  Oberhand  gewonnen  zu 
haben.  Das  hatte  insbesondere  die  in  ihrer  Mehrheit  systemstreue 
GeistHchkeitssynode  verschuldet,  welche  ein  neues  Kirchenbuch 
mit  einigen,  den  Frommen  missfallenden  Gebeten  eingeführt  hatte, 
was  einen  bekannten  Wortführer  der  ,, Stillen  im  Lande"  zu  fol- 
gender öffentlicher  Erklärung  veranlasste:  ,, Meine  Stellung  ist 
noch  bewusster  und  sicherer  geworden  durch  den  unglücklichen 
Sieg  des  Systems  in  der  sogenannten  Geistlichkeitssynode,  welcher 
Belial  als  gleichberechtigt  mit  Christus  in  unsern  Kirchen  und 
Schulen  erklärt  hat.  Hoffenthch  ist  es  jetzt  keinem  Gläubigen 
mehr  zweifelhaft,  ob  er  sich  auf  Seite  eines  solchen  Systems  oder 
auf  die  der  vollen  Volksfreiheit  zu  stellen  habe." 

Die  Beratungen  des  Verfassungsrates,  der  sich  am  4.  Mai  1868 
konstituierte  —  mit  Dr.  J.  J.  Sulzer  als  Vorsitzendem,  Ludwig 
Forrer  und  Gottfried  Keller  als  Sekretären  —  zogen  sich  hinaus 
bis  zum  31.  März  1869,  an  welchem  Tage  die  neue  Verfassung  mit 
164  Ja  gegen  56  Nein  bei  13  Enthaltungen  angenommen  wurde. 
Unter  den  Annehmenden  befanden  sich  nur  zwei  Liberale:  Abegg 
von  Küsnacht  und  Pfarrer  Wolff  von  Weiningen.  Die  Verfassung 
brachte  als  Hauptneuerungen:  Volkswahl  der  Regierungs-  und 
Ständeräte,  obligatorisches  Finanzreferendum,  Gesetzes-Initiative, 
Kantonalbankartikel,  Abschaffung  der  Todes-  und  Kettenstrafe. 
Die  Volksabstimmung  vom  18.  April  1869  beendete  einen  Kampf 
der  Meinungen,  der  an  Hitze  und  Leidenschaft  nicht  mehr  zu 
überbieten  war.  Von  beiden  Seiten  wurde  das  gröbste  Geschütz 
aufgefahren.  Dr.  Friedrich  Locher,  der  extra  von  Bern  herkam, 
um  sein  Nein  abzugeben,  hatte  ,,Die  neuesten  Freiherren"  ins  Volk 
geworfen,    für   welche   die    ,, Freitagszeitung"    gewaltig    Reklame 


48  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN  o 

machte.  Das  Buch  wurde  in  12,000  Exemplaren  gedruckt  und 
als  Agitationsschrift  gegen  die  Verfassung  massenhaft  verbreitet; 
Unbemittelte  konnten  es  gratis  beziehen.  Es  ist  eine  hauptsäch- 
lich auf  Zangger  vmd  einige  andere  Demokratenführer  gemünzte 
Schandschrift  unbeschreiblich  ekelhaften  Inhalts.  Und  nicht  genug 
damit,  dass  sich  diese  Kloake  —  in  Form  von  ,,Wehr"  und  ,, Wider- 
wehr" Beteihgter  —  Wochen  lang,  das  Land  verpestend,  durch  die 
Spalten  der  ,, Freitagszeitung"  ergoss:  dieser  Greuel  wurde  auch 
noch  dramatisiert  und  unter  dem  Titel  ,,Die  Braut  von  Zürich",  ab- 
wechselnd mit  der  Lokalposse  ,, Zürich,  wie  es  weint  und  lacht", 
im  Sommertheater  zum  ,, Weissen  Kreuz"  in  Unterstrass  öffent- 
lich aufgeführt!  Die  Art  und  Weise,  wie  man  sich  nun  liberaler- 
seits  Lochers  und  seines  scheusslichsten  Werkes  gegen  die  Demo- 
kraten bediente,  wog  die  anfängliche  Verbindung  der  Demokraten 
mit  dem  Pamphletär  reichlich  auf.  Man  hatte  sich  in  dieser  Hin- 
sicht gegenseitig  nun  wirklich  nichts  mehr  vorzuwerfen.  Im 
übrigen  waren  Fritz  Bürkh  und  seine  ,, Freitagszeitung"  in  diesem 
Kampf  wieder  einmal  ganz  auf  der  Höhe.  Er  setzte  Himmel  und 
Hölle  gegen  die  neue  Verfassung  in  Bewegung.  Den  sozialisti- 
schen Kladderadatsch  (ohne  freilich  das  Wort  selbst  schon  zu 
kennen) ,  den  Untergang  der  alten  Eidgenossenschaft  malte  er 
gruselich  an  die  Wand.  Über  so  \äel  Register  wie  der  Zeitungs- 
schreiber an  der  Schipfe  verfügte  die  ,,Neue  Zürcher  Zeitung" 
nicht,  aber  massiv  werden  konnte  sie  auch.  Noch  an  den  beiden 
letzten  Tagen  sprach  sie  von  Karrikaturen  von  Volksrechten, 
barem  Unsinn,  Verschleuderung  der  Staatsmittel,  Ruin  und  Ver- 
nichtung des  bisher  so  glücklichen  Staatslebens.  ,,Mit  Nein 
sichern  wir  uns  die  Ruhe  gegen  die  permanente  Wühlerei,  die  Un- 
sicherheit aller  Gesetze  und  die  Wucherpflanzen  der  Demagogie; 
mit  Ja  organisieren  wir  die  permanente  Demagogie  in  noch  nir- 
gends gesehener  Form." 

Wenn  aber  alle  Stricke  reissen,  dann  schwingt  man  sich  noch 
bhtzgeschwind  auf  den  Boden  des  Gegners  hinüber  und  sucht 
ihn  mit  seinen  eigenen  Waffen  zu  schlagen.  Plötzlich  erhob  sich 
bei  den  Liberalen  die  laute  und  resolute  Forderung,  es  sei  über 
die  Verfassung  artikelweise  abzustimmen.  Nicht  einmal,  sondern 
fünfundsechzigmal,  zu  jedem  einzelnen  Artikel,  habe  das  Volk 
Ja  oder  Nein  zu  schreiben.   Im  Namen  der  Demokratie,  im  Namen 


o  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN  49 

des  Volks  und  seiner  geheiligten  Rechte  wurde  das  verlangt,  und 
es  war  „schändlicher  Volksbetrug,  Fälschung  der  Volksrechte, 
Verrat  an  der  Demokratie",  als  der  Verfassungsrat  trotz  allem 
Abstimmung  in  globo  beschloss!  Immerhin  waren  alle  diese  ver- 
zweifelten Anstrengungen  nicht  nutzlos  und  die  Abstimmung  vom 
18.  April  1869  bot  schon  ein  wesentHch  anderes  Bild  als  diejenige 
vom  26.  Januar  1868,  was  sich  aber  ganz  natürlich  auch  daraus 
erklärt,  dass  einzelne  Bestimmungen  der  neuen  Verfassung  ihr 
zahlreiche  Gegner  schufen,  die  den  Grundsatz  der  Verfassungs- 
änderung selbst  unbedenklich  bejaht  hatten.  Die  neue  Verfassung 
wurde  bei  einer  Beteiligung  von  91%  (58,896  Votanten  von 
64,737  Stimmberechtigten)  mit  35,458  Ja  gegen  22,366  Nein 
angenommen.  Von  den  11  Bezirken  verwarfen  vier:  Zürich, 
Affoltern,  Horgen  und  Meilen;  die  ,,Neue  Zürcher  Zeitung"  nannte 
sie  die  ,, intelligenten  Bezirke".  Die  Stadt  Zürich  lehnte  die  Ver- 
fassung ab  mit  1983  Nein  gegen  937  Ja. 

Am  26.  April  1869  trat  der  Verfassungsrat  nochmals  zur 
Erwahrung  der  Abstimmungsergebnisse  zusammen.  „Mit  diesem 
Tage",  schreibt  Scheuchzer,  ,, waren  sämtliche  Zwanzigjährige 
volljährig  und  die  seit  zehn  Jahren  Falliierten  stimmberechtigt. 
Die  Ketten  der  Sträflinge  fielen,  der  Henker  überlieferte  das 
blutige  Schwert  dem  Altertümler;  die  Tore  des  Schuld turms 
öffneten  sich  für  immer."  Der  ,, Landbote"  pries  die  neue  Ver- 
fassung als  den  ersten  konsequenten  Versuch,  die  Idee  der  reinen 
Volksherrschaft  in  einer  den  modernen  Kulturverhältnissen  ent- 
sprechenden Form  durchzuführen  und  die  ehrwürdige,  aber 
schwerfällige  und  nur  für  kleine  Verhältnisse  geeignete  Lands- 
gemeinde durch  eine  Einrichtung  zu  ersetzen,  deren  Eckstein  die 
Abstimmung  durch  die  Urne  in  den  Gemeinden  ist.  Der  „Freie 
Rhätier"  schrieb:  ,,Die  Schweiz  ist  damit  für  die  Selbstregierung 
des  Volkes  erobert  und  wird  hiefür  in  noch  wirksamerer  Weise 
als  bisher  den  Samen  repubHkanischer  Ideen  auch  in  die  übrigen 
Völker  ausstreuen." 

Und  was  ist  aus  allen  den  düstern  Prophezeiungen  geworden, 
die  man  an  die  neue  Verfassung  knüpfte  ?  Sie  haben  sich  nicht 
erfüllt.  Der  Kanton  Zürich  hat  mit  der  direkten  Volksgesetz- 
gebung im  grossen  und  ganzen  gute  Erfahrungen  gemacht,  und 
am  überzeugendsten  in  dieser  Hinsicht  muss  die  unbestreitbare 


50  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-I/ANDSGEMEINDEN  o 

Tatsache  wirken,  dass  eine  Änderung  heute  nicht  etwa  im  Sinne 
ihrer  Abschaffung,  sondern  nur  ihrer  Erleichterung  denkbar  wäre. 
Zwar  hat  sich  Karl  Bürkli  getäuscht,  als  er  in  der  direkten  Gesetz- 
gebung das  Hauptwerkzeug  zur  allgemeinen  Ivösung  der  sozialen 
Frage  erbhckte.  Georg  v.  Wyss  behielt  recht,  der  das  Referendum 
als  eine  konservative  Einrichtung  bezeichnete.  Schon  die  Vor- 
liebe der  Konservativen  gerade  für  dieses  Instrument  der  Volks- 
herrschaft bestätigt  diese  Annahme,  und  wie  oft  musste  man  die 
schmerzhche  Erfahrung  machen,  dass  es  leichter  ist,  ein  Parlament 
als  ein  ganzes  Volk  von  der  Notwendigkeit  und  Nützlichkeit  eines 
politischen  oder  sozialen  Fortschrittes  zu  überzeugen !  Gleichwohl 
darf  das  Referendum  nicht  als  kultur-  und  fortschrittsfeindlich 
betrachtet  werden;  nur  rund  ein  Viertel  der  Gesetzesvorlagen 
sind  ihm  bisher  zum  Opfer  gefallen.  Und  andrerseits  hat  sich 
die  Initiative  bei  weitem  nicht  in  dem  gefürchteten  Masse  als 
umstürzlerisch  erwiesen:  das  Volk  verwirft  drei  Viertel  aller 
Initiativvorschläge.  Das  Volk  des  Kantons  Zürich  ist  im  Grund 
des  Herzens  konserv^ativ,  viel  konservativer  als  man  denkt,  und 
könnte  noch  ein  bedeutend  grösseres  Mass  von  Volksrechten  ver- 
tragen, olme  deswegen  die  Selbstbesinnung  und  den  vernünftigen 
Gebrauch  seiner  Freiheit  einzubüssen.  Der  vieljährige  Chef  der 
kantonalen  Hberalen  Partei,  Oberst  Ulrich  Meister,  hat  sich  als 
Alterspräsident  des  Kantonsrats  am  25.  Mai  1914  folgendermassen 
über  seine  persönHchen  Erfahrungen  ausgesprochen: 

,, Ehedem  ein  eifriger  und  rühriger  Gegner  der  Verfassung 
von  1869  und  ein  überzeugter  Verfechter  des  Repräsentativ- 
systems, muss  ich  heute  unumwunden  erklären:  Die  Befürch- 
tungen, die  dazumal  meine  oppositionelle  Stellung  gegenüber  der 
reinen  Demokratie  bedingten,  sind  durch  den  Gang  der  Ereignisse 
zum  Glück  nicht  bestätigt  worden.  In  einer  längern  Dauer,  als 
irgend  einer  frühern  Verfassungsperiode  des  19.  Jahrhunderts 
beschieden  war,  ist  die  so  hartnäckig  bekämpfte  Verfassung  zu 
fruchtbringender  Wirkung  gelangt.  Die  Organisation  der  neu 
eingeführten  Volksrechte,  Referendum,  Initiative  und  Wahl  der 
Regierung  durch  das  Volk,  hat  sich  zwar  nicht  als  schlechthin 
vollkommene  Einrichtung  erwiesen,  aber  sie  hat  den  Kanton 
Zürich  vorwärts  gebracht  und  den  pohtischen  Sinn  des  Zürcher 
Volkes  erweitert.   Neue,  von  den  Ideen  des  Jahres  1869  zum  Teil 


o  XXVII.  KAPITEL:  DIE  DEZEMBER-IvANDSGEMEINDEN  51 

abweichende  Zeitströmungen,  deren  umgestaltende  Kraft  in  wirt- 
schaftlicher und  sozialer  Richtung  sich  vielfach  heute  schon  nach- 
drücklich bemerkbar  macht,  erhielten  freie  Bahn  und  finden  zu- 
gleich weise  Einschränkung  durch  den  in  Art,  i  der  Verfassung 
niedergelegten  Grundsatz:  ,,Die  Staatsgewalt  beruht  auf  der 
Gesamtheit  des  Volkes."  Die  elementare  Krisis,  die  zurzeit  die 
Völker  auf  dem  weiten  Erdenrund  in  Bewegung  hält,  wird  sich 
im  Kanton  Zürich  wegen  der  demokratischen  Grundlage  seines 
Staatswesens  ohne  eruptive  Erscheinungen  vollziehen  und  lösen 
lassen.  Dabei  sehe  ich  voraus,  dass  einerseits  viele  zu  einer  vor- 
urteilsloseren Beurteilung  berechtigter  Neuerungen  gelangen,  und 
dass  anderseits  bei  denen,  welche  diese  Neuerungen  im  Sturm- 
schritt verwirklichen  möchten,  eine  wirklich  demokratische  Auf- 
fassung sich  durchringe.  Die  Mehrheit  des  Volkes,  die  in  der 
Demokratie  entscheidet,  lässt  sich  nur  für  ausgereifte  Ideen  be- 
geistern. Das  ist  eine  geschichtliche  Erfahrung,  die  man  nie  ver- 
gessen und  stets  beherzigen  sollte." 


> ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ 


♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦♦♦♦»♦♦♦♦♦»♦»»»♦ »♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦»»»»»»♦♦♦♦ 

ACHTUNDZWANZIGSTES  KAPITEL 


DIE  HERRSCHAFT  DER  DEMOKRATEN 

Zürich  hatte  für  einige  Jahre  die  politische  Führung  im  Kanton 
an  Winterthur  abzutreten.  Es  war  keine  glückhche  Zeit  für 
unsern  Staat,  und  die  reine  Demokratie,  zur  Herrschaft  gelangt, 
musste  schweres  Lehrgeld  bezahlen.  Warum?  Weil  die  Männer, 
die  das  ,, System"  gestürzt,  nun  in  dieselben  Fehler  verfielen,  die 
das  ,, System"  zu  Fall  gebracht.  Weil  sie,  die  den  Grundsatz  auf- 
gestellt: ,,Die  Staatsgewalt  beruht  auf  der  Gesamtheit  des  Volkes", 
vom  ersten  Tage  an  gegen  diesen  Grundsatz  sündigten  und  an 
Stelle  der  wahren  Demokratie  nur  wieder  ein  ausschliessHches 
Parteiregiment  aufzurichten  trachteten.  Weil  sie,  die  nicht  genug 
die  Verquickung  von  Staatsgeschäften  und  Eisenbahninteressen 
bei  Alfred  Escher  hatten  tadeln  können,  sich  jetzt  Hals  über  Kopf 
ebenfalls  in  die  gewagteste  Eisenbahngründerei  stürzten  und  Auf- 
gaben übernahmen,  denen  sie,  die  NeuHnge,  in  keiner  Weise  ge- 
wachsen waren.  Konnte  doch  in  Winterthur  die  Idee  aufkommen 
und  in  allem  Ernst  ins  Werk  gesetzt  werden,  eine  schweizerische 
Eisenbahn  ,,Leman-Bodan"  zu  bauen  und  diese  in  einigen  Kilo- 
metern Entfernung  an  der  Hauptstadt  vorbeizuführen,  mit  dem 
ausgesprochenen  Zweck,  Zürich,  das  wichtigste  Verkehrszentrum 
der  Ostschweiz,  ,, abzufahren",  es  verkelirspolitisch  kaltzustellen 
und  dadurch  den  politischen  Einfluss  Alfred  Eschers  und  seines 
Anhangs  vollends  abzutöten !  —  Aber  ist  es  denn  eigentUch  hoff- 
nungslos mit  den  Menschen  und  werden  sie  ewig  nichts  lernen  ? 
Wird  auch  die  Geschichte  der  reinen  Demokratie  nur  immer  das- 
selbe Schauspiel  bald  obsiegender,  bald  unterhegender  herrsch- 
süchtiger Streber,  ein  fortwährendes  und  eintöniges  Auf  und  Nieder 
zeigen  ?  Der  Schein  spricht  dafür,  aber  er  trügt  und  verbirgt  dem 
oberflächlichen  Beschauer  den  gewaltigen  Fortschritt,  der  sich  in 
allen  diesen  Kämpfen  und  Niederlagen  fast  unvermerkt  vollzieht 
und  der  erst  beim  Rückbhck  auf  einige  Jahrzehnte  imd  beim  Ver- 
gleich des  erreichten  und  gesicherten  Besitzstandes  an  demokra- 


?5 


I 


^ 


o  XXVIII.  KAPITEL:  DIE  HERRSCHAFT  DER  DEMOKRATEN        53 

tischen    Freiheiten    und    Rechten    mit   dem   Ausgangspunld;   des 
Kampfes  um  dieselben  klar  in  die  Erscheinung  tritt. 

Zwar  ist  ohne  weiteres  zuzugeben,  dass  es  ein  Leichtes  wäre, 
eine  Karrikatur  der  reinen  Demokratie  auf  Grund  der  Periode 
demokratischer  Alleinherrschaft  in  den  siebziger  Jahren  zu  zeich- 
nen, und  es  haben  sich  denn  auch  die  Gegner  der  Demokratie 
diese  Gelegenheit  nicht  entgehen  lassen.  In  den  Salons  und  an 
den  Stammtischen  wusste  man  allerhand  erbauhche  Beispiele  auf- 
zuzählen von  unwürdigen  Erkorenen  des  Volkes,  und  an  ihnen 
wurde  beflissen  demonstriert,  ,, wohin  wir  kommen  mit  unserer 
Demokratie".  Und  nun  gar  die  mit  der  Nationalbahn  durchge- 
brachten 30  Millionen,  darunter  3  MilHonen  guter  zürcherischer 
Staatsgelder,  musste  man  da  nicht  die  Frage  erwarten:  Haben 
wir  es  euch  nicht  gesagt,  dass  ihr  zur  Selbstregierung  nicht  taugt 
und  nur  den  Staat  ruinieren  werdet  ?  War  es  zu  verwundern, 
wenn  die  „N.  Z.  Z."  (im  August  1882)  schrieb:  ,,Das  sind  die 
Früchte  des  zur  Zeit  der  Revisionsperiode  so  warm  befürworteten 
Satzes,  dass  jede  Beschränkung  der  sogenannten  Gemeindefreiheit 
aufhören  müsse  und  die  zürcherischen  Gemeinden  ohne  irgend- 
welche Kontrolle  von  oben  ihre  Verhältnisse  ordnen  dürfen.  Die 
Geschicke  haben  sich  nun  erfüllt  ....  Welche  Idee  muss  man  von 
der  Mehrheit  der  Stimmberechtigten  bekommen,  die  den  ganzen 
Jammer  mitansehen  imd  demungeachtet  fortwährend  diejenigen 
auf  den  Schild  erheben  und  deren  volkswirtschaftHche  Einsicht 
be weihrauchen,  welche  die  Urheber  und  Förderer  dieser  trostlosen 
Zustände  sind?  Wird  es  nicht  jedem  allmählich  klar,  dass  solche 
Zustände  nur  in  Gemeinden  mögHch  sind,  wo  die  am  Gemeinwohl 
zunächst  Interessierten  und  am  meisten  finanziell  Mitgenommenen 
in  der  Minderheit  sind,  dagegen  diejenigen  zu  befehlen  haben,  die 
entweder  gar  nichts  oder  wenig  bezahlen  ?  Ist  es  nicht  PfHcht  der 
Gesetzgebung,  solch  unnatürHchen  Zuständen  ein  schnelles  Ende 
zu  bereiten;  oder  soll  das  Krebsübel  noch  weiter  um  sich  greifen 
und  die  Grundlagen  des  Staates  der  vollständigen  Zersetzung 
entgegenführen  ?" 

Davon  ist  soviel  richtig,  dass  die  reine  Demokratie  gerade  in 
ihren  jungen  Jahren  die  schwerste  Belastimgsprobe  auszuhalten, 
die  gefährlichsten  Kinderkrankheiten  durchzumachen  hatte.  Aber 
sie  ist  davongekommen,  gesund  und  stark  geworden  und  —  nicht 


54         XXVIII.  KAPITEL:  DIE  HERRSCHAFT  DER  DEMOKRATEN  o 

mehr  umzubringen.  So  sehr  es  auch  gelegentlich  einen  poHtischen 
Streber  gelüsten  könnte,  mit  skrupelloser  Ausnützung  gerade  vor- 
handener reaktionärer  Strömungen  im  Volk  seinen  Einfluss  zu 
befestigen,  es  wird  keiner  wagen,  etwa  mit  einem  Vorschlag  zu 
kommen,  der  hinter  die  Verfassimg  von  1869  zurückginge  und  die 
Volkswahl  der  Regierung,  Referendum  und  Initiative  wieder  ab- 
schaffen wollte.  Die  antidemokratische  Taktik  der  Gegenwart, 
an  der  sich  auch  gesättigte  und  nichts  mehr  wünschende  Demo- 
kraten von  1869  beteiHgen,  beschränkt  sich  auf  die  Abwehr  eines 
weiteren  Ausbaues  der  reinen  Demokratie.  Was  die  abschrecken- 
den Beispiele  von  Missgriffen  des  Volks  bei  der  Wahl  seiner  Be- 
amten und  Vertreter  betrifft,  so  braucht  man  nur  zu  konstatieren, 
dass  nach  vierzigjähriger  Dauer  der  Volksherrschaft  die  Partei- 
komitees und  die  Wähler  selbst  nicht  etwa  laxer  geworden  sind 
in  ihren  Ansprüchen  an  die  Ehrenhaftigkeit  der  Kandidaten,  dass 
vielmehr  Vorkommnisse,  wie  sie  aus  der  ersten  Zeit  der  demo- 
kratischen Ära  berichtet  werden,  heute  undenkbar  wären.  Die 
Nationalbahn  aber  —  nun,  wir  werden  sogleich  davon  sprechen; 
für  einstw^eilen  nur  soviel,  dass  an  ihrem  Untergang  nicht  die 
PoHtik  allein  schuld  war.  Es  krachte  und  kriselte  an  allen  Ecken 
und  Enden;  ,, demokratische"  und  ,,Hberale"  Eisenbahnaktien 
sanken  um  die  Wette,  imd  auch  die  Nordostbahn  stand  vor  dem 
Konkurs.  Sei  man  also  gerecht  und  dessen  eingedenk,  dass  die 
reine  Demokratie  tatsächhch  ein  neugebornes  Kind  war,  zur  Welt 
gekommen  am  18.  April  1869  im  Kanton  Zürich;  was  vorher  Demo- 
kratie genannt  wurde  im  Schweizerland,  verdiente  diesen  Namen 
nur  bedingt  oder  auch  gar  nicht,  und  die  Schweiz  selbst  war  darum, 
dass  sie  keinen  König  hatte,  noch  lange  keine  Demokratie.  Wie 
es  vollends  vor  1830  oder  gar  vor  der  französischen  Revolution 
ausgesehen  hat  mit  der  berühmten  ,,SchweizerfTeiheit"  unter  allen 
diesen  Geburts-  und  Zunftaristokratien  und  selbst  in  den  ,, ur- 
demokratischen" Landsgemeindekantonen  mit  ihrer  Geschlechter- 
herrschaft, das  lehrt  kurz  imd  klar  Wilhelm  ÖchsHs  fesselnde  Ein- 
leitung zu  seiner  ,, Geschichte  der  Schweiz  im  XIX.  Jahrhundert". 
Nur  wer  sich  über  das  Einst  und  Jetzt  einigermassen  Rechenschaft 
gibt,  versteht,  was  wir  den  Zürcher  Demokraten  von  1830  und  1869 
schulden,  und  dankt  ihnen  deswegen  nicht  minder,  weil  sie  selber 
nicht  durchweg  den  von  ihnen  verkündeten  Idealen  entsprachen. 


o  XXVIII.  KAPITEL:  DIE  HERRSCHAFT  DER  DEMOKRATEN        55 

Die  Ausfülirung  der  Verfassung  von  1869  durch  die  Gesetz- 
gebung gehört  nicht  in  den  Rahmen  dieser  Darstellung,  der  Ver- 
lauf der  Parteikämpfe  nur  insoweit,  als  dadurch  der  Anteil  der 
Stadt  Zürich  und  ihrer  führenden  Männer  daran  beleuchtet  wird. 
„Vor  den  neuen  Wagen  gehört  ein  neues  Gespann",  hiess  es  auf 
demokratischer  Seite,  weshalb  für  die  erste  direkte  Volkswahl  der 
Regierung  am  9.  Mai  1869  eine  ausschliessUche  demokratische 
lyiste  aufgestellt  und  mit  einer  Mehrheit  von  10,000  Stimmen  auch 
durchgedrückt  wurde.  Das  geistige  Haupt  der  neuen  Regierung 
war  Gottheb  Ziegler  von  Winterthur.  Im  neuen  Kantonsrat,  wie 
jetzt  der  Grosse  Rat  genannt  wurde,  zählte  man  124  Demokraten, 
91  Liberale  und  7  ,, Unbestimmte".  Bei  der  konstituierenden 
Sitzimg  am  14.  Juni  1869  wurde  Dr.  J.  J.  Sulzer  von  Winterthur 
Präsident,  Zangger  im  6.  Wahlgang  genau  mit  dem  absoluten 
Mehr  von  104  Stimmen  Vizepräsident ;  der  Hberale  Gegenkandidat 
Treichler  erhielt  loi  Stimmen  (der  Vorgang  wiederholte  sich  am 
12.  Januar  1874,  als  Zangger  wiederum  genau  mit  dem  absoluten 
Mehr  von  103  Stimmen  —  gegen  Dr.  Conrad  Escher  —  Vize- 
präsident wurde).  Verstärkt  wurde  auch  die  demokratische 
Zürcher  Vertretung  in  der  Bundesversammlung;  die  Ständeräte 
Rüttimann  und  Dr.  Eugen  Escher  hatten  gleich  bei  der  ersten 
Volkswahl  zwei  Demokraten  Platz  zu  machen.  Sogar  bis  in  den 
Kirchenrat  hinein  erstreckte  sich  die  demokratische  ,, Säuberungs- 
arbeit", indem  der  Kantonsrat  am  18.  November  1869  Professor 
Alexander  Schweizer,  den  ,,Prinzeps  der  Kirche",  als  staatlichen 
Vertreter  durch  Sieber  ersetzte,  worauf  dann  die  Kirchensynode 
Schweizer  als  ihren  Vertreter  wählte.  Am  17.  Mai  1870  schlug 
Stadtpräsident  Dr.  Römer  die  Wahl  zum  Vizepräsidenten  des 
Kantonsrates  aus  mit  der  Begründung:  ,,Die  Parteien  stehen 
sich  gegenwärtig  noch  so  schroff  gegenüber,  —  ja  viel  zu  schroff, 
als  ich  es  für  das  Wohl  unseres  Staates  zuträgHch  erachte  — , 
dass  ich  es  nicht  für  mögHch  halte,  die  vermittelnde  Rolle, 
welche  ein  an  diese  Stelle  tretendes  Mitghed  der  Minderheit 
nach  meiner  Ansicht  übernehmen  sollte,  durchzuführen;  viel- 
mehr müsste  ich  auch  bei  aufrichtigstem  Willen,  das  Gegenteil 
zu  bewirken,  besorgen,  bald  nach  der  einen,  bald  nach  der 
andern  Seite  vielfachen  Anstoss  zu  geben."  Erst  am  17.  Juli 
1872    Hess  sich  dann   Römer  zum  Vizepräsidenten  wählen    und 


56        XXVIII.  KAPITEL:  DIE  HERRSCHAFT  DER  DEMOKRATEN  o 

er  eröffnete  am  17.  Februar  1873  als  Präsident  den  Kantonsrat 
mit  einer  bemerkenswerten  Rede,  in  welcher  er  erklärte,  dass 
die  neue  Verfassung  nun  nicht  mehr  in  Frage  gestellt  werden 
dürfe  und  dass  man  jetzt  allmählich  aus  den  Stürmen  des 
Parteilebens  herauskommen  und  den  Kampf  nur  noch  um  sach- 
liche Differenzen  führen  sollte. 

Innerhalb  der  liberalen  Partei  war  schon  bald  nach  der  Ver- 
fassmigsre\äsion  eine  Spaltung  eingetreten.  Der  linke  Flügel  der 
Partei,  die  ,,Junghberalen"  oder  ,, Neusilbernen"  genannt,  denen 
die  ,, Zürcher  Presse"  als  Organ  diente,  proklamierte  eine  fort- 
schrittliche Politik  auf  Grund  der  neuen  Verfassung,  während  die 
Altliberalen  sich  vollständig  mit  den  Konservativen  im  ,, Politi- 
schen Gemeindeverein"  associerten.  Es  kam  wiederholt  vor,  dass 
Kandidaten  des  Gemeindevereins  von  Jungliberalen  und  Demo- 
kraten gemeinsam  bekämpft  wurden.  Zum  völligen  Bruch  kam 
es  infolge  der  Bewegung  für  die  Revision  der  Bundesverfassung 
im  Jahre  1872.  Der  mehrheitHch  konservativ-föderalistische 
,,PoHtische  Gemeindeverein",  der  sich  am  20.  März  1872  neu 
konstituierte,  bekämpfte  die  Revision;  die  revisionsfreundlichen 
JimgHberalen  dagegen  gaben  sich  im  liberalen  Stadt  verein  eine 
neue  Organisation.  In  der  kantonalen  liberalen  Partei  bekamen 
die  Junghberalen  Oberwasser.  Im.  ,,Zürcherhof"  beschloss  am  4.  Fe- 
bruar 1872  eine  Versammlung  von  80  Mann  unter  dem  Vorsitz 
von  Dr.  J.  Ryf  eine  Reorganisation  der  Hberalen  Partei,  die  sich 
nun  rückhaltlos  auf  den  Boden  der  Verfassung  von  1869  stellen 
solle.  Fast  einstimmig  wurde  in  der  kantonalen  Partei  Versamm- 
lung im  Kasino  am  25.  Februar  1872  das  Programm  der  Jungen, 
besonders  auf  die  Empfehlung  Grunholzers  hin,  angenommen  und 
ihnen  auch  die  Leitung  der  Wahlkampagne  für  den  Regierungsrat 
übertragen,  wobei  sich  freilich  nicht  alle  Hoffnungen  erfüllten. 
Zwar  gelang  es  am  14.  April,  das  Siebersche  Schulgesetz  zu  Falle 
zu  bringen,  das  ohne  Vermittlung  eine  ganze  Reihe  bedeutender 
und  teilweise  tief  einschneidender  Neuerungen  auf  einmal  ein- 
führen wollte,  und  bei  den  Regierungsrats  wählen  am  12.  Mai  1872 
wurde  auch  Sieber  nicht  mehr  bestätigt,  sondern  im  3.  Wahlgang 
am  9.  JuU  durch  den  Liberalen  Hertenstein  ersetzt.  Aber  schon 
am  22.  September  1872  zog  Sieber  wieder  in  den  Regierungsrat 
ein  an  Stelle  des  am  12.  Juli  zum  Bundesrat  gewählten  Scherer; 


I 


o  XXVIII.  KAPITEL:  DIE  HERRSCHAFT  DER  DEMOKRATEN        57 

Sieber  hatte  bei  seiner  Wiederwahl  im  zweiten  Wahlgang  28,412, 
sein   Gegenkandidat  Dr.   Römer  27,913   Stimmen  erhalten. 

Die  Ivücke  im  Bundesrat  war  entstanden  durch  den  Rück- 
tritt von  Jakob  Dubs  am  28.  Mai  1872.  Dubs,  welcher  neben 
Emil  Welti  im  Bundesrat  nicht  mehr  genügend  Platz  zu  haben 
glaubte,  hatte  sich  an  die  Spitze  der  föderalistischen  Gegner  der 
revidierten  Bundesverfassung  gestellt  und  unter  dem  29.  April  1872 
auch  ein  ,, Offenes  Wort  an  das  Zürcher  Volk"  mit  der  Aufforderung 
zur  Verwerfung  gerichtet.  Er  scheint  gehofft  zu  haben,  als  Führer 
der  siegreichen  antirevisionistischen  Strömung,  die  am  12.  Mai  1872 
die  Revision  und  damit  auch  die  Verwirklichung  einiger  neuer 
Volksrechte  im  Bund  vereitelte,  später  wieder  in  den  Bundesrat 
zurückkehren  zu  können.  Einstweilen  siedelte  er  nach  Zürich 
über  und  Hess  sich  hier  in  den  Kantonsrat  wählen,  wo  er  gelegent- 
lich wegen  seiner  föderalistischen  Anschauungen  mit  Forrer  scharf 
zusammenstiess.  Auch  mit  Alfred  Escher  hatte  sich  Dubs  gänz- 
lich überworfen,  und  der  Bruch  zwischen  den  beiden  früher  be- 
freundeten Staatsmännern  war  besonders  peinlich  in  die  Erschei- 
nung getreten,  als  im  deutsch-französischen  Krieg  die  Frage  einer 
Besetzung  Savoyens  durch  die  Schweiz  plötzhch  wieder  akut 
wurde.  Während  Dubs  noch  1859  im  Einverständnis  mit  Escher 
die  Geltendmachung  des  der  Schweiz  nach  den  Verträgen  von 
1815  zustehenden  Besetzungsrechts  als  eitle  und  gefährhche  Gross- 
tuerei bekämpft  hatte,  stellte  er  nun  überraschenderweise  am 
4.  November  1870  im  Bundesrat  als  Vorsteher  des  Politischen 
Departements  den  Antrag,  im  Falle  eines  weitern  Vordringens  der 
deutschen  Armee  nach  Südfrankreich  Savoyen  sofort  zu  besetzen. 
Escher  war  entrüstet  über  diesen  Antrag,  der  allerdings  durch 
die  Ereignisse  unausführbar  gemacht  wurde,  und  trat  im  National- 
rat mit  grösster  Schärfe  gegen  den  Bundesrat  auf.  Seine  födera- 
listischen Verdienste  empfahlen  Dubs  dem  Politischen  Gemeinde- 
verein als  Nationalratskandidaten  für  die  Wahlen  vom  27.  Ok- 
tober 1872 ;  er  drang  indessen  im  ersten  eidgenössischen  Wahlkreis 
nicht  durch ;  dafür  übertrug  ihm  die  Waadt  das  gewünschte  Mandat. 

Die  Frage  der  Revision  der  Bundesverfassung  wurde  jedoch 
durch  den  neugegründeten  radikalen  ,, Schweizerischen  Volks- 
verein" in  Fluss  gehalten.  Eine  Sektion  Zürich  dieses  Vereins 
konstituierte  sich  am  18.  Mai  1873  im  alten  Schützenhaus  und 


58        XXVIII.  KAPITEL:  DIE  HERRSCHAFT  DER  DEMOKRATEN  o 

es  fülirten  die  Anstrengungen  desselben  zu  einer  Annäherung  der 
Liberalen  und  Demokraten  auf  eidgenössischem  Boden.  Ein  ge- 
meinsamer Aufruf  beider  Parteien  forderte  anfangs  Juli  zum 
Anschluss  an  den  Volksverein  auf,  nachdem  der  liberale  Stadt- 
verein schon  am  ii.  Juni  beschlossen  hatte,  der  kantonalen 
Schützenfahne  auf  der  Fahrt  zum  schweizerischen  Volkstag  in 
Solothurn  am  15.  Juli  1873  ein  starkes  Geleite  zu  geben.  Auch 
die  ,,Neue  Zürcher  Zeitung"  schrieb:  ,,Wir  müssen  aufs  Rütli. 
Das  ist  unsere  Pflicht,  so  wahr  wir  es  mit  der  Zukunft  unseres 
schweizerischen  \^aterlandes  ernst  meinen."  Der  von  30,000  Eid- 
genossen besuchte  Volkstag  in  Solothurn  stimmte  dem  demo- 
kratisch-zentrahstischen  Revisionsprogramm  mit  einigen  Kon- 
zessionen an  die  föderalistischen  Welschen  einstimmig  zu  und  am 
19.  April  1874  wurde  die  neue  Bundesverfassung  angenommen. 
Der  ,,Lägernbote"  schilderte  den  AnbÜck,  der  ihm  am  Verfassungs- 
abend auf  seiner  Hochwacht  zuteil  wurde:  ,,So  weit  und  wohin 
das  Auge  reichte,  vom  Randen  bis  zum  Rigi,  vom  Hörnli  bis  zum 
Weissenstein,  loderten  in  unzählbarer  Menge  die  Feuer  empor. 
Der  ganze  Nordosten  des  Kantons,  Schaffhausen  und  Thurgau, 
besonders  Zürich  und  Umgebung,  die  Ufer  imd  Anhöhen  des 
Zürichsees,  boten  ein  wahrhaft  bezauberndes  Bild.  Der  Einblick- 
nach  Zug,  Luzern  und  den  Aargau  Hess  auch  keine  schwarzen 
Punkte  mehr  erkennen.  Auch  da  wars  hell  geworden,  und  ver- 
gessen wir  nicht  die  Nachbarn  jenseits  des  Rheins,  im  Gross- 
herzogtum Baden;  auch  sie  hatten  bis  Waldshut  hinunter  mit 
zahlreichen  Freudenfeuern  ihre  Teilnahme  zu  erkennen  gegeben." 
Die  kantonale  demokratische  Partei  empfand  in  ihrer  Winter- 
thurer  Tagung  vom  13.  Dezember  1874  das  dringende  Bedürf- 
nis, sich  durch  die  Schaffung  eines  23-gliedrigen  Zentralkomitees 
eine  straffere  Organisation  zu  geben,  imd  es  wurde  sodann  im 
März  1875  ein  neues  Programm  angenommen  und  veröffentlicht; 
bei  dieser  Gelegenheit  entstand  in  Zürich  auch  ein  demokratischer 
Stadtverein,  der  einer  alten  Tradition  zuliebe  das  Cafe  litteraire 
zu  seinem  Stammlokal  erkor.  Bei  den  Regierungsratswahlen  vom 
2.  Mai  1875  siegte  die  demokratische  Liste  mit  Staatsanwalt  Dr. 
J.  Stössel  als  neuem  Mitglied.  Die  von  hüben  und  drüben  ge- 
legentlich laut  werdenden  Stimmen  nach  einer  Aussöhnimg  der 
Gegensätze    und    Einstellung    des    Parteikampfes    fanden    wenig 


o  XXVIII.  KAPITEL:  DIE  HERRSCHAFT  DER  DEMOKRATEN        59 

Beachtung,  und  im  Sommer  1875  sandten  die  Winterthurer  keine 
Gabe  an  das  kantonale  Schützenfest  in  Zürich,  die  Zürcher  keine 
Fahne  an  das  Schützenfest  in  Winterthur.  Als  Prediger  der  Ver- 
söhnung auf  demokratischer  Seite  hatte  sich  Fritz  Scheuchzer  in 
Bülach  hervorgetan.  Im  November  1872  sprach  er  von  einem 
neuen  eigenen  Programm,  das  dem  kantonalen  Parteihader  ein 
Ende  machen  sollte;  fünf  Sechstel  des  Zürcher  Volks,  meinte  er, 
seien  dafür,  dass  man  die  ,,Brüeler"  auf  beiden  Seiten  ,,brüelen" 
lasse,  bis  sie  vom  Volk  ,, geschweiget"  werden,  das  schon  lange 
an  ihrem  Treiben  steinhart  genug  habe.  Es  ist  jedoch  zu  beachten, 
dass  die  Absage  Scheuchzers  an  die  Winterthurer  Demokraten, 
wie  wir  noch  sehen  werden,  ganz  andere  Gründe  hatte  als  sein 
Friedensbedürfnis.  Eine  fragwürdige  Politik  aber  ist  es ,  den 
Parteikampf,  mit  dessen  Hilfe  man  eine  beherrschende  Position 
erobert  und  erlangt  hat,  was  man  will,  dann  auf  einmal  als  „ödes 
Parteigezänk",  als  etwas  Verwerfliches  und  Schädliches  zu  be- 
zeichnen. Der  Parteikampf  ist  niemals  zu  entbehren  und  darf 
niemals  aufhören,  wenn  nicht  das  poHtische  Leben  vollständig 
versumpfen  soll.  Solche  Versöhnungs-  und  Friedensschalmeien 
spekuheren  nur  auf  die  Bequemlichkeit  und  Kampfesimlust  der 
Bürger,  die,  zur  Selbstregierung  berufen,  diese  mehr  nur  als  lästige 
Pflicht  empfinden  und  herzHch  gerne  andern  überlassen,  für  sie 
politisch  zu  denken  und  zu  handeln.  Allerdings  finden  sich  auch 
immer  wieder  schlaue  und  interessierte  Streber,  die  sich  ein  Ver- 
gnügen daraus  machen,  für  die  Massen  zu  denken  und  sie  ent- 
sprechend zu  lenken,  doch  das  ist  dann  keine  Demokratie  mehr. 
Parteikampf  soll  sein  und  muss  sein,  aber  er  braucht  nicht  not- 
wendig mit  schlechten  Mitteln  und  auf  gemeine  Weise  geführt  zu 
werden,  er  braucht  kein  ödes  Parteigezänk  zu  sein.  Richtig  ver- 
standen und  nobel  aufgefasst,  dient  er  der  Charakterbildung,  der 
geistigen  Erziehung  und  dem  öffenthchen  Wohl  im  allgemeinen 
zur  nachhaltigsten  Förderung. 

Die  schwersten  Verheerungen  in  der  zürcherischen  PoHtik 
der  siebziger  Jahre  hat  das  Eisenbahnfieber  angerichtet,  das  in 
der  ganzen  Schweiz  durch  die  Aussicht  auf  die  baldige  Verwirk- 
lichung einer  Alpenbahn  entstanden  war.  Das  Bundesgesetz 
vom  23.  Dezember  1872  über  den  Bau  und  Betrieb  von  Eisen- 
bahnen, das  die  Konzessionserteilung  einheitlich  dem  Bund  über- 


6o        XXVIII.  KAPITEL:  DIE  HERRSCHAFT  DER  DEMOKRATEN  o 

trug,  rief  einem  wahren  Wettlauf  um  Konzessionen.  Im  Kanton 
Zürich  hatte  ein  solcher  Wettlauf  schon  eingesetzt  mit  dem  vom 
Volk  am  14.  April  1872  angenommenen  Gesetz,  das  den  neuen 
Eisenbahnen  unter  gewissen  Bedingungen  eine  Staatssubvention 
von  50,000  Fr.  per  Kilometer  zusicherte.  Bei  diesen  Bestrebungen 
stand  Winterthur  an  erster  Stelle.  Seine  günstige  geographische 
Lage  und  sein  wirtschaftHclier  Aufschwung  berechtigten  es  voll- 
auf zu  den  Bemüliungen,  sich  möglichst  günstige  Eisenbahnver- 
bindungen zu  sichern.  Sein  Fehler  und  sein  Unglück  war,  dass 
es  zu  hoch  hinaus  wollte,  seine  Kräfte  überschätzte  und  mit  I^eiden- 
schaft  die  von  ihm  gewünschte  Lösung  einer  Verkehrsfrage  zur 
pohtischen  Parteisache  machte,  für  welche  imter  ungebührHcher 
Ausnützung  der  Macht  und  Stellung  der  herrschenden  Partei 
und  Hintansetzung  anderer,  ebenso  berechtigter  Eisenbahnbe- 
strebungen die  IVIittel  des  Staates  in  Anspruch  genommen  wurden. 
Es  fehlte  nicht  an  warnenden  Stimmen.  Abgesehen  von  Fritz 
Scheuchzer,  der  schon  anfangs  der  siebziger  Jahre  —  freihch 
nicht  ganz  uninteressiert  —  die  Winterthurer  Eisenbahnpolitik 
als  ein  Unglück  und  als  den  Ruin  der  demokratischen  Partei  be- 
zeichnet hatte,  war  auch  Bleuler-Hausheer  ein  ganz  entschiedener 
Gegner  dieser  grossartigen  Eisenbahnpläne  und  wehrte  sich  lange, 
bevor  er  ihnen  den  ,, Landboten"  zur  Verfügung  stellte.  Es  ist 
sehr  zu  beklagen,  dass  er  schliesslich  doch  nachgab  und  der  Partei 
das  Opfer  seines  Intellekts  brachte,  und  er  vor  allen  andern  hat 
es  schwer  büssen  müssen.  So  erschien  denn,  Ende  Februar  1872, 
auf  Veranlassung  von  Stadtpräsident  Dr.  J.  J.  Sulzer  im  ,, Land- 
boten" zum  erstenmal  das  gross  angelegte  Projekt  einer  schweize- 
rischen ,,  Volksbahn",  die  als  einheitliche  Schienen  Verbindung  die 
ganze  Schweiz  vom  Genfersee  bis  zum  Bodensee  durchziehen 
sollte.  Diese  ,, Schweizerische  Nationalbahn  Leman-Bodan"  setzte 
das  Einvernehmen  mit  den  daran  interessierten  Kantonen  Thur- 
gau,  Aargau,  Bern,  Solothum  voraus,  und  anfangs  schien  auch 
die  Verständigung  und  begeisterte  Mitarbeit  derselben  auf  bestem 
Wege  zu  sein.  Allein  noch  früher  als  die  Winterthurer  waren  die 
alten  mächtigen  Eisenbahngesellschaften  —  Nordostbahn,  Schwei- 
zerische Zentralbahn  —  aufgestanden,  und  sie  brachten  es  zuwege, 
durch  Geltendmachung  ihrer  Prioritätsrechte  und  Ausspielen  der 
einen  Lokalinteressen  gegen  die  andern  der  Nationalbahn  nach 


o  XXVIII.  KAPITEL:  DIE  HERRSCHAFT  DER  DEMOKRATEN        6i 

allen  Richtungen,  besonders  aber  nach  der  Westschweiz,  den 
Weg  zu  verlegen,  sie  auf  ein  ungünstigeres  Trasse  abzudrängen 
und  die  notwendigen  Verbindungsglieder  von  ihr  abzutrennen. 
Es  war  ein  erster  schwerer  Schlag  für  die  Gründer  der  National- 
bahn, als  infolge  des  Konkurses  der  Bern-Luzern-Bahn  die  ber- 
nische Eisenbahnpohtik  vollständig  von  den  eigenen  Sorgen  in 
Anspruch  genommen  wurde  und  an  eine  Beteiligung  an  der  Natio- 
nalbahn nicht  mehr  denken  konnte.  Dann  fiel  auch  Solothurn 
ab,  weil  es  durch  die  Gäubahn  befriedigt  worden  war.  Im  Kanton 
Aargau  aber  blieben  nur  die  Städte  Baden,  Lenzburg  und  Zofingen 
der  Nationalbahnidee  treu,  nachdem  durch  den  Südbahnvertrag 
und  den  Bötzbergvertrag  der  übrige  Kanton  für  den  Interessen- 
kreis der  Nordostbahn  und  Schweizerischen  Zentralbahn  gewon- 
nen war. 

Von  dem  wilden  Interessenkampf  auf  dem  Boden  des  Kantons  • 
Zürich  gewinnt  man  ein  Bild  durch  den  ,,Dettenbergkrieg",  in 
welchem  sogar  mit  Kanonen  geschossen  wurde  (wenn  auch  blind). 
Erst  zogen  die  Rorbaser  und  Glattfelder  mit  Geschützen  auf  die 
Höhen,  als  ein  Entscheid  des  Regierungsrates  die  Nationalbahn- 
hnie  Winterthur-Wagenbreche-Glattfelden  begünstigte;  dann  aber, 
als  im  August  1873  die  Nordostbahn  endgültig  siegte  und  die  Zu- 
fahrtshnie  zum  Rhein  von  Winterthur  über  Pfungen-Dettenberg- 
tunnel-Bülach-Eghsau  gesichert  war,  veranstalteten  die  Bülacher 
auf  dem  Dettenberg  eine  Kanonade  und  die  EgHsauer  zogen  mit 
ihren  Katzenköpfen  bis  an  die  Dorfgrenze  Glattfeldens.  Fritz 
Scheuchzer  hatte  sich  in  diesem  Krieg  auf  die  Seite  der  Nordost- 
bahn geschlagen,  da  ihre  Interessen  mit  denen  der  Bezirke  Bülach 
und  Dielsdorf  sich  deckten.  Das  führte  zu  einer  jahrelangen  Ver- 
stimmung zwischen  Bülach  und  Winterthur  und  bitterbösen 
Zeitungsfehden.  Seinem  Freund  Lange  schrieb  Bleuler-Hausheer 
am  28.  Januar  1873:  ,, Politik.  Wüstenei  weit  herum.  Ich  mag 
kaum  davon  reden.  Scheuchzer  hat  sich  illoyal  und  bübehg  be- 
nommen. FreiHch  tat  die  Winterthurer  Prahlhanserei  das  ihrige. 
Mein  Teil  ist  wie  immer,  die  Prügel  für  andere  einzukassieren 
und  zwischen  Hammer  imd  Amboss  zu  stecken.  Nüchtern  über- 
legt, hätte  eine  massvolle  Haltung  des  Stadthauses  manche  Spitze 
abstumpfen  können.  Scheuchzer  alHiert  sich  mit  der  Nordostbahn. 
Wohl   bekomms.     Ich   denke,   wenn   das   Stadthaus   Winterthur 


62         XXVIII.  KAPITEL:  DIE  HERRSCHAFT  DER  DEMOKRATEN  o 

einmal  etwas  bescheidener  wird  und  werden  muss,  so  kommen 
wir  andere  Leute  wieder  zu  Ehren  und  wird  die  poHtische  Zer- 
klüftimg  sicli  korrigieren."  Noch  in  manchem  andern  Privatbrief 
Bleulers  Idingt  ein  bitterer  Sarkasmus  über  die  Winterthurer 
Eisenbahngrössen  —  namentHch  den  Stadtschreiber  Th.  Ziegler  — 
durch.  Als  Dr.  J.  J.  Sulzer  mit  dem  Stadtschreiber  auseinander- 
kam und  deshalb  zurücktrat,  wurde  Th.  Ziegler  (September  1873) 
Stadtpräsident,  Bleuler  Stadtschreiber,  und  nachdem  Ziegler  als 
Direktor  an  die  Spitze  der  Nationalbahn  getreten  war,  avancierte 
der  Stadtzürcher  Bleuler,  allerdings  contre-coeur,  am  13.  Juni 
1875  zum  Stadtpräsidenten  von  Winterthur. 

Um  die  Verwirrung  im  Kanton  Zürich  zu  vollenden,  war 
auch  Jakob  Dubs  mit  einer  grossen  Eisenbahnimternehmung  auf 
den  Plan  getreten,  mit  deren  Hilfe  er  Macht  und  Einfluss  zu  ge- 
winnen und  Alfred  Escher  Schach  zu  bieten  hoffte.  Dubs  gründete 
mit  dem  Beistand  des  Basler  Bankvereins  die  schweizerische 
Aktiengesellschaft  für  schmalspurige  Lokalbahnen,  welche  nach 
seiner  Idee  nach  und  nach  vollständig  an  die  Stelle  der  Strassen 
zweiter  EUasse  treten  sollten.  Und  so  sehen  wir  denn  auch  ihn, 
den  klugen  und  vorsichtigen  Staatsmann,  auf  diesem  nicht  mehr 
ungewöhnlichen  Wege  mit  Eifer  und  Erfolg  bemüht,  sein  und 
anderer  Leute  Geld  loszuwerden.  Seinen  Schmalspurbahnen  zuUebe 
setzte  Dubs  im  Kantonsrat  eine  Interpretation  des  Eisenbahn- 
gesetzes vom  14.  April  1872  durch,  welche  keineswegs  in  der  Ab- 
sicht der  Gesetzgeber  gelegen  hatte  (in  dem  Sinne  nämhch,  dass 
die  Eisenbahnpapiere  jeweilen  vom  Staate  verkauft  und  abermals 
zu  Subventionen  verwendet  werden  dürfen).  Trotzdem  blülite 
auch  für  Dubs  kein  Weizen ;  seine  Gesellschaft  musste  mit  schweren 
Verlusten  hquidieren,  nachdem  sie  einzig  und  allein  die  Linie 
Herisau-Winkeln  zustande  gebracht  hatte.  Dubs  Uess  sich  dann, 
Ende  1875,  nicht  ungern  ins  Bundesgericht  nach  Lausanne  ver- 
setzen. In  dem  unsinnigen  Kampf  der  Interessen,  der  zwischen 
Nordostbahn,  Nationalbahn  und  Schmalspurbahngesellschaft  im 
Kanton  Zürich  ausgefochten  wurde,  verloren  alle  miteinander 
imd  niemand  kam  auf  seine  Rechnung  als  der  kleine,  schlaue 
Fritz  Scheuchzer  in  Bülach. 

Unter  viel  ungünstigeren  Bedingungen  als  zu  Beginn  der 
Unternehmung  mussten  die  Nationalbahn-Interessenten  eine  neue 


o  XXVIII.  KAPITEI.:  DIE  HERRSCHAFT  DER  DEMOKRATEN        63 

Verbindung  mit  der  Westschweiz  herzustellen  suchen,  die  über 
Baden  und  Lenzburg  nach  Zofingen  führen  und  dann  in  der  Rich- 
tung Lyss  eine  (nie  ausgeführte)  Fortsetztmg  finden  sollte.  In 
aller  Hast  war  mit  dem  Bau  der  „Ostsektion"  begonnen  worden, 
deren  einzehie  Linien  Winterthur-Singen,  Etzwilen-Konstanz 
und  Emmishof en-Kreuzlingen  am  17.  Juli  1875  dem  Betrieb 
übergeben  werden  konnten,  für  deren  Ausführung  aber  bereits 
auch  die  für  den  Bau  der  Westsektion  bestimmten  Gelder  hatten 
verwendet  werden  müssen.  Von  der  ,, Westsektion"  sind,  um 
dies  hier  vorauszunehmen,  die  Linien  Baden-Lenzburg-Zofingen 
und  Suhr-Aarau  am  6.  September  1877,  die  Linie  Winterthur- 
Ef  f  r etikon  -  B assersdorf  -  Kloten  -  Seebach  - Otelf  ingen  -Wettingen- 
Baden  am  15.  Oktober  1877  eröffnet  worden. 

Um  den  Bau  der  Westsektion  zu  ermögHchen,  hatten  im  Jahre 
1874  die  Städte  Winterthur,  Baden,  Lenzburg  und  Zofingen  zu- 
handen der  Nationalbahn  unter  Sohdargarantie  ein  9  MilUonen- 
Anleihen  kontrahiert.  Für  den  Fall,  dass  die  Nationalbahn  ihren 
Verpfhchtungen  nicht  sollte  nachkommen  können,  war  bestimmt, 
dass  von  diesen  Winterthur  sieben  Achtzehntel,  die  aargauischen 
Städte  elf  Achtzehntel  zu  übernehmen  hätten.  Auf  Grimd  dieser 
Abmachungen  wurde  die  Fusion  zwischen  Ost-  und  Westsektion 
vollzogen  und  am  5.  April  1875  die  Gesellschaft  der  Schweizerischen 
Nationalbahn  förmlich  konstituiert.  AUein  das  9  MiUionen-Anleihen 
machte  trotz  der  Garantie  der  vier  Städte  vollständig  Fiasko. 
Schon  zeigte  sich  am  Horizont  das  Gespenst  des  Konkurses. 
Im  Frühjahr  1876  hätte  Winterthur  noch  Gelegenheit  gehabt, 
sich  mit  Schaden  aus  der  Sache  zu  ziehen  und  weitere  Opfer  zu 
vermeiden,  indem  es  von  der  Garantie  zurücktrat;  noch  war  die 
Westsektion  nicht  gebaut  und  kein  Rappen  von  dem  garantierten 
Obhgationenkapital  ausgegeben.  Allein  die  Stadt  Winterthur 
hielt  sich  ehrenhalber  für  verpflichtet,  den  aargauischen  Gemeinden 
Treue  zu  halten.  ,,Wie  der  einzelne,  so  hat  auch  die  Gemeinde 
ein  gegebenes  Wort  einzulösen,"  sagte  an  der  Gemeindeversamm- 
lung vom  23.  April  1876  Kommandant  Schäppi,  und  die  Gemeinde 
beschloss,  zur  Abwendung  des  Konkurses  der  Nationalbahn  mit 
einer  weitern  Subvention  von  600,000  Fr.  zu  intervenieren.  Da 
aber  die  aargauischen  Gemeinden  selber,  für  die  doch  die  West- 
sektion in  erster  Linie  gebaut  werden  sollte,  während  Winterthur 


64        XXVIII.  KAPITEL:  DIE  HERRSCHAFT  DER  DEMOKRATEN  o 

mit  der  Ostsektion  vorläufig  hatte,  was  es  bedurfte,  nicht  dieselbe 
ausdauernde  Opferwilligkeit  zeigten,  war  das  Unheil  nicht  mehr 
abzuwenden.  Das  Anerbieten  der  Nordostbahn,  die  Ostsektion 
zu  übernehmen,  war  von  Winterthur  abgelehnt  und  damit  die 
Nordostbahn  nunmehr  zum  Kampf  auf  Leben  und  Tod  heraus- 
gefordert worden.  Zu  spät  hatte  man  in  Winterthur  auch  einge- 
sehen, welche  fatalen  Folgen  die  sublime  Idee,  Zürich  ,, abzu- 
fahren", haben  musste,  und  dann  gesucht,  wenigstens  durch 
eine  Zweighnie  den  Anschluss  Zürichs  an  die  Nationalbahn  zu 
gewinnen.  Zuerst  war  dafür  ein  Projekt  Kloten-Zürichbergtunnel— 
Tonhalle  in  Aussicht  genommen  worden,  und  als  sich  dies  als 
unausführbar  erwies,  erwarb  ein  Konsortium  von  ,, Freunden  der 
Nationalbahn"  am  4.  Juli  1876  die  Konzession  für  eine  Zweig- 
lirüe  Seebach-Unterstrass-Hirschengraben,  mit  der  Absicht,  wenn 
nicht  Zürich,  so  doch  den  Nordostbahnhof  zu  umgehen  und  in 
einem  neuen  Bahnhof  im  ,,Berg"  am  Hirschengraben  den  Freunden 
vom  rechten  Seeufer  die  Hand  zu  reichen.  Das  Privatkapital 
verhielt  sich  jedoch  feindselig  und  ablehnend  gegen  diese  Unter- 
nehmung, deren  Finanzierung  gänzHch  misslang,  womit  nun 
wirkHch  die  Lebensader  der  Nationalbahn  unterbunden  war. 

Aber  auch  für  die  Nordostbahn  waren  jetzt  schlimme  Zeiten 
angebrochen.  Noch  unter  der  Direktion  von  Alfred  Escher  hatte 
sie,  um  die  Winterthurer  Konkurrenz  zu  bodigen,  eine  ganze 
Menge  neuer  BauverpfHchtungen  übernommen.  Die  Gesamtlänge 
dieser  neuen  Linien  betrug  346  Kilometer  gegenüber  einem  Stamm- 
netz von  213  Kilometer,  ihre  Baukosten  waren  auf  120  Milhonen 
veranschlagt  gegenüber  76  Milhonen  Anlagekapital  der  alten 
Linie.  Alfred  Escher  war  Ende  1871  zur  Gotthardbahn  überge- 
gangen und  hatte  dieser  fortan  sein  Hauptaugenmerk  zuzuwenden 
(es  sind,  nebenbei  bemerkt,  zu  dem  schon  bestehenden  Eisenbahn- 
Wirrwarr  der  siebziger  Jahre  im  Kanton  Zürich  immer  noch  die 
Aufregungen  und  Kämpfe  für  die  Gotthardsubventionen  hinzu- 
zudenken, auf  die  aber  hier  nicht  eingetreten  werden  kann).  Mit 
der  Nordostbahn  bheb  Alfred  Escher  als  Präsident  des  Verwal- 
tungsrates in  Verbindung.  An  seiner  Stelle  war  Dr.  Eugen  Escher, 
bisher  Redaktor  der  , .Neuen  Zürcher  Zeitung",  am  i.  März  1872 
in  die  Nordostbahndirektion  eingetreten  und  hatte  nun  hier  die 
undankbare  Aufgabe,  mit  unzulänglichen  Mitteln  eine  Einlösung 


o  XXVIII.  KAPITEL:  DIE  HERRSCHAFT  DER  DEMOKRATEN        65 

der  eingegangenen  Verpflichtungen  zu  suchen  und,  als  dies  un- 
möglich war,  den  Ingrimm  der  Aktionäre  und  der  enttäuschten 
Landesgegenden  auszubaden.  Den  grössten  Unwillen  in  den 
Aktionärkreisen  erregte  es,  als  pro  1876  nur  3%  Dividende  aus- 
bezahlt wurden,  und  es  verbesserte  die  Stimmung  nicht,  als  be- 
kannt wurde,  dass  das  thurgauische  Mitglied  der  Direktion,  unter 
Benutzung  seiner  frühern  Kenntnis  der  Sachlage,  gleich  nach  der 
betreffenden  Sitzung  durch  ein  Billett  der  Kantonalbank  den  Auf- 
trag zu  einem  Aktienverkauf  ä  decouvert,  d.  h.  auf  blosse  Diffe- 
renz hin,  erteilt  und  mit  dieser  Spekulation  ä  la  baisse  12,000  Fr. 
eingesteckt  hatte.  Die  Nordostbahn  geriet  in  die  schlimmste 
Situation;  lehrreichen  Aufschluss  über  ihre  ganze  Finanzmisere 
gibt  namentlich  Eugen  Eschers  ,, Lebenslauf  in  ruhigen  und  be- 
wegten Zeiten".  Als  Salomon  Bleuler  gestorben  war,  las  man  im 
Nekrolog  der  ,, Neuen  Zürcher  Zeitung"  folgende  Worte:  ,, . .  .Eben- 
so wird  man  hüben  und  drüben  mit  Erstaunen  hören,  dass  ihm 
die  Nordostbahn  ihre  Rettung  vor  dem  Konkurs  verdankt.  i\.ls 
diese  in  einem  Augenblick  höchster  Bedrängnis  den  Stadtrat 
Winterthur  ersuchte,  ihr  die  benötigte  Summe  vorzustrecken, 
beschloss  derselbe  mit  Stichentscheid  Bleulers,  ihr  zu  willfahren." 
Ein  Bundesbeschluss  vom  14.  Februar  1878  erstreckte  sodann 
für  die  Nordostbahn  die  VerpfHchtung  zum  Baubeginn  für  eine 
Anzahl  Linien  (die  sog.  Moratoriumslinien  Thalwil-Zug,  Etzwilen- 
Schaffhausen,  Bülach-Schaffhausen,  Rechtsufrige  Zürichseebahn, 
Dielsdorf-Niederweningen)  um  acht  Jahre  und  ermöglichte  der 
Gesellschaft  damit  das  allmähliche  Wiedererstarken. 

Die  Eisenbahnkalamitäten  führten  einen  poHtischen  Um- 
schwung herbei  und  stellten  nach  und  nach  das  Gleichgewicht 
zwischen  den  beiden  grossen  Parteien  her.  Eine  entscheidende 
Wendung  trat  ein  bei  zwei  Ersatzwahlen  in  den  Regierungsrat 
am  15.  April  1877.  Das  eine  der  zurückgetretenen  MitgHeder  war 
Gottlieb  Ziegler,  der  als  Kollege  seines  Schwagers  Bleuler  in  die 
Redaktion  des  Winterthurer  ,, Landboten"  eintrat.  Bei  der  Er- 
satzwahl unterlagen  die  demokratischen  Kandidaten  Zangger 
und  Scheuchzer  gegen  die  Liberalen  Zollinger  und  Hafter,  und  als 
Ziegler,  der  auch  das  Nationalratsmandat  niedergelegt  hatte, 
sich  von  seinen  Freunden  überreden  Hess,  wenigstens  diese  Stelle 
zu  behalten  und  sich  für  die  Ersatzwahl  in  den  Nationalrat  wieder 


66        XXVIII.  KAPITEL:  DIE  HERRSCHAFT  DER  DEMOKRATEN  o 

portieren  zu  lassen,  zog  ihm  die  Wählerschaft  den  Liberalen  Boss- 
hard  vor.  Am  22.  Januar  1878  starb  Regierungsrat  Sieber.  Die 
Gesamtemeuerungswahlen  für  Regierungsrat  und  Kantonsrat 
am  19.  Mai  1878  hatten  das  Resultat,  dass  für  den  Regierungsrat 
die  Demokraten,  für  den  Kantonsrat  die  Liberalen  siegten;  es 
wurden  11 1  liberale  und  "]"]  demokratische  Kantonsräte  gewählt; 
Zangger,  Karl  Bürkh,  der  Riesbacher  Ring  und  einige  Winter- 
thurer  Demokraten  waren  beseitigt,  von  der  eigentlichen  sozia- 
listischen Richtung  nicht  ein  einziger  gewählt.  Bei  den  Regierungs- 
ratswahlen entspann  sich  der  Hauptkampf  zwischen  Dr.  Stössel 
und  dem  von  den  Liberalen  portierten  Bundesrichter  Dubs,  der 
jedoch  für  den  zweiten  Wahlgang  seine  Kandidatur  zurückzog. 
Die  Wahlen  für  die  Bundesversammlung  im  Oktober  1878  ergaben 
7  liberale  und  7  demokratische  Vertreter  des  Kantons  Zürich. 
Mit  dem  liberalen  Vormarsch  im  Kanton  Zürich  ging  ein  solcher 
in  der  Eidgenossenschaft  parallel :  den  Präsidentenstuhl  des  Natio- 
nalrates bestieg  der  liberale  Stadtpräsident  Dr.  Melchior  Römer 
von  Zürich;  der  radikale  Bundesrat  Schenk  wurde  mit  nur  einer 
Stimme  über  dem  absoluten  Mehr  bestätigt. 

Auch  in  Winterthur  war  ein  gründlicher  Stimmungsumschlag 
eingetreten,  obwohl  dort  die  Nationalbahn  durchaus  nicht  nur 
demokratische  Parteisache,  sondern  mehr  noch  Gemeindeange- 
legenheit  gewesen  war.  Hatte  doch  Bleuler  am  12.  September  1871 
an  den  damals  in  London  weilenden  Reinhold  Rüegg  geschrieben: 
,,Wir  leben  überhaupt  hier  in  patriarchalischem  Frieden,  die 
Büliler,  Ziegler,  Bleuler,  Keller-Blum  etc.  einträchtig  an  einem 
Tisch.  Das  Tösstalbähnh  ist  gesichert,  Winterthur-Waldshut 
olme  Zweifel  dito,  die  Seebahnen  dito,  ein  wahres  Eisenbahnen- 
Paradies."  An  Lange  schrieb  er  am  6.  April  1873:  ,,Zur  National- 
bahnfrage: Man  konnte  am  Vorabend  der  Obhgationengemeinde 
ganz  gemütlich  mit  allen  Leuten  reden,  und  was  mich  am  meisten 
frappierte :  die  runde  Erklärung  von  wohlliabenden  Burgern :  wenn 
die  Milhonäre  sich  widersetzen,  dann  stimmen  wir  zum  voraus 
mit  dem  Stadtrat."  Ganz  anders  nun  ein  (allerdings  gegnerischer) 
Zeitungsbericht  über  die  Gemeindeversammlung  vom  Dezember 
1877,  an  welcher  eine  ,, allerletzte"  Subvention  von  200,000  Fr. 
an  das  Projekt  Seebach-Zürich  bewilligt  wurde:  ,, Während  sonst 
die  demokratische  Mehrheit  alles  niederschrie,  was  gegen  solche 


o  XXVIII.  KAPITEL:  DIE  HERRSCHAFT  DER  DEMOKRATEN        67 

Subventionen  sprach,  wurde  jetzt  der  aus  der  Gemeinde  gestellte 
Antrag  auf  Nichteintreten  und  Einsetzung  einer  Untersuchungs- 
kommission nicht  durch  Schimpfen,  Scharren  und  Stampfen  be- 
kämpft. Man  liess  es  vielmehr  geschehen,  dass  in  offener  Ge- 
meinde gesagt  wurde,  die  Stimmberechtigten  seien  hintergangen 
und  belogen  worden.  I,ug  und  Trug  habe  die  Nationalbahn  ge- 
boren, in  Lug  und  Trug  endige  sie  nun."  Bei  den  Stadtrats- 
wahlen vom  7.  April  1878  siegte  die  liberale  Opposition;  Stadt- 
präsident wurde  J.  J.  Spiller,  der  nachmalige  Regierungsrat. 

Und  die  Erklärung  hiefür  ?  Der  Konkurs  der  Nationalbahn. 
Am  18.  Februar  1878  hatte  das  Bundesgericht  ihre  ZwangsHqui- 
dation  verfügt.  vSie  konnte  den  per  i.  Mai  1878  fälligen  Coupon 
des  9  Millionen-Anleihens  nicht  einlösen,  und  es  sollte  daher  die 
Garantie  der  vier  Städte  in  Wirksamkeit  treten.  Winterthur 
machte  auch  sofort  seine  Quote  bereit,  aber  die  aargauischen 
Städte  weigerten  sich,  das  gleiche  zu  tun.  Die  Inhaber  der  Obli- 
gationen hielten  sich  —  die  Solidargarantie  berechtigte  sie  hiezu 
—  an  Winterthur,  und  mit  Hilfe  eines  dort  am  12.  Dezember  1878 
von  gemeinnützigen  und  opferbereiten  Männern,  vorwiegend 
Demokraten,  gegründeten  Kreditvereins  war  es  möglich,  den  Cou- 
pon einzulösen.  Aber  Winterthur  musste  auch  noch  1879  und  1880 
für  die  aargauischen  Städte  einspringen  und  überdies  dieTösstal- 
bahn  über  Wasser  halten,  die  ohne  das  Geschick  ihres  Anwaltes 
Ludwig  Forrer  (der  seit  i.  Juli  1873  als  Anwalt  in  Winterthur 
praktizierte)  ebenfalls  dem  Konkurs  verfallen  wäre.  Die  National- 
bahn kam  im  März  1880  zur  öffentlichen  Versteigerung.  Sie  fiel 
der  Nordostbahn  anheim,  welche  die  Ostsektion  als  Ganzes  weiter 
betrieb,  die  Westsektion  aber  in  Stücke  zerschlug  und  als  Lokal- 
bahnlinien teilweise  selber  betrieb,  teilweise  sie  der  Zentralbahn 
überliess.  Alle  an  dem  Unternehmen  zum  Teil  mit  sehr  grossen 
Summen  beteiligten  Gemeinden  von  Kreuzungen  bis  Zofingen 
erUtten  schwere  Verluste.  Ungefähr  30  Millionen  an  Aktien  und 
ObHgationen,  von  denen  sich  der  weitaus  grösste  Teil  in  den  Händen 
der  Gemeinden  befand,  gingen  verloren.  Winterthur  kämpfte 
heldenmütig,  um  seinen  Schild  blank  zu  erhalten  und  allen  seinen 
Verpflichtungen  nachzukommen.  Hatte  man  Fehler  gemacht, 
so  trug  man  nun  auch  tapfer  die  Folgen,  und  es  waren  diejenigen, 
die  in  erster  Linie  für  das  Unternehmen  verantwortlich  gemacht 


68        XXVIII.  KAPITEL:  DIE  HERRSCHAFT  DER  DEMOKRATEN  o 

wurdcD,  die  Führer  der  demokratischen  Partei  in  Winterthur, 
nun  auch  die  ersten,  welche  mit  Hab  und  Gut  für  die  Stadt  ein- 
standen. Die  Haltung  Winterthurs  in  den  Tagen  der  Not  und 
Drangsal  verdient  höchste  Achtung  und  Bewunderung,  die  Akten 
des  Kreditvereins  bilden  ein  Ruhmesblatt  seiner  Geschichte. 

Aber  die  Leiden  der  Stadt  Winterthur  waren  damit,  dass 
sie  ihren  Anteil  an  den  Schuldverpflichtungen  des  9  Mllionen- 
Anleihens  in  ihre  Hand  brachte  und  am  4.  Juni  1881  feierHch 
verbrennen  lassen  konnte,  noch  nicht  zu  Ende.  Noch  dauerte  die 
unlieilvolle  Solidargarantie  für  die  aargauischen  Städte,  und  es 
gab  Gläubiger,  welche  sie  rücksichtslos  geltend  m.achten.  Winter- 
tliur  wurde  hart  bedrängt  und  bis  zur  Pfändung  von  Gemeinde- 
gut und  Konkursansage  getrieben.  Als  sogar  Anstalten  getroffen 
wurden,  die  gepfändeten  Objekte  nach  Zürich  überzuführen  und 
hier  versteigern  zu  lassen,  weil  an  eine  Versilberung  in  Winterthur 
nicht  zu  denken  war,  fand  am  2.  Oktober  1883  in  Winterthur  eine 
gewaltige  Protestversammlung  statt,  die  \"on  Advokat  Forrer 
mit  Mühe  zur  Ruhe  und  Besonnenheit  gebracht  wurde.  Der 
Regienmgsrat  hatte  bereits  die  Inter^^ention  des  Bundes  ange- 
rufen. Am  13.  Dezember  1883  kam  die  Vorlage,  welche  den  Kan- 
tonen Zürich  und  Aargau  ein  Darlehen  von  2,400,000  Fr.  für  die 
Garantiestädte  zusicherte,  im  Nationalrat  zur  Behandlung,  und 
da  hielt  nun  Ludwig  Forrer  eine  so  gewaltige  Rede,  dass  sich 
ihrem  Eindruck  niemand  entziehen  konnte,  die  aargauischen  Ver- 
treter aber  errötend  zugehört  haben  werden.  Der  Bundesbeschluss 
datiert  vom  20.  Dezember  1883.  Von  dem  Anleihen  hatte  Winter- 
thur ein  Drittel  zu  übernehmen,  was  ihm  dadurch  ermöglicht 
wurde,  dass  der  Kantonsrat  ihm  am  19.  Februar  1884,  nach  einer 
warm  befürwortenden  Rede  von  Oberst  Meister,  ein  Anleihen 
von  I  MiUion  zusicherte. 

Der  demokratischen  Partei  war  im  Jahre  1879  eine  tüchtige 
neue  Kraft  gewonnen  worden  in  der  Person  von  Theodor  Curti, 
der  mit  Reinhold  Rüegg  Ende  März  die  , .Züricher  Post"  gründete. 
Curti,  geboren  am  24.  Dezember  1848  zu  Rapperswil,  war  seit 
1873  Redaktor  an  der  ,, Frankfurter  Zeitung".  In  Zürich  griff  er 
sofort  energisch  in  die  Tagespohtik  ein  und  unterstützte  lebhaft 
die  von  Dr.  Joos  in  Schaff  hausen  eingeleitete  Bewegung  für  das 
Banknotenmonopol.     In   einer  in   Neumünster  gehaltenen    Rede 


o  XXVIII.  KAPITEL:  DIE)  HERRSCHAFT  DER  DEMOKRATEN        69 

fügte  Curti  dieser  Initiative  noch  die  Forderung  nach  einer  Staats- 
bank und  nach  der  Volksinitiative  für  Partialrevisionen  der  Ver- 
fassung bei.  Von  dem  Missbehagen,  das  sein  Auftreten  bei  der 
herrschenden  radikalen  Partei  der  Schweiz  erregte,  zeugt  Simon 
Kaisers  Schrift  gegen  den  ,, Tribun  von  Neumünster"  und  den 
,,Banknotenspektaker'.  Die  hberale  Partei  hielt  am  17.  Oktober 
1880  unter  der  L<eitung  von  Oberst  Meister  im  Sihlhölzli  eine  Ver- 
sammlung gegen  die  Verfassungsrevision  ab.  Stadtpräsident 
Dr.  Römer  referierte  und  eine  Resolution  von  Alfred  Escher 
empfahl  dem  Volk  die  Verwerfung  des  Banknotenmonopols.  Es 
wurde  in  der  Volksabstimmung  vom  31.  Oktober  1880  mit  grossem 
Mehr  abgelehnt.  In  diesem  Jahr  feierte  man  auch  das  50jährige 
Jubiläum  des  Tages  von  Uster:  die  Liberalen  in  der  Tonhalle  in 
Zürich,  die  Demokraten  in  Uster  mit  Zug  in  die  Kirche. 

Der  Regierungsrat  hatte  am  18.  Mai  1879  durch  die  Wahl 
von  Eschmann  und  Stadtpräsident  Spiller  von  Winterthur  — 
gegen  die  demokratischen  Kandidaten  Stüssi  und  Knüsli  —  eine 
starke  liberale  Mehrheit  erhalten.  Hertenstein,  der  am  21.  März 
1879  an  Stelle  Scherers  (f  23.  Dezember  1878)  zum  Bundesrat 
gewählt  worden  war,  wurde  im  Ständerat  ersetzt  durch  Walter 
Hauser  von  Wädenswil.  Am  13.  Januar  1879  starb  in  Lausanne 
Jakob  Dubs,  der  ,, grosse  Sohn  des  Amtes"  (Affoltern);  sein  Denk- 
mal auf  dem  Ütliberg  wurde  am  20.  September  1880  enthüllt. 
Salomon  Bleuler  in  Winterthur  hatte  in  seiner  politischen  Tätig- 
keit noch  viele  Bitternisse  auszukosten.  Auch  die  Grütlianer, 
deren  Vertrauensmann  und  Führer  er  lange  Jahre  gewesen,  fielen 
von  ihm  ab,  als  er  in  der  Frage  des  Getreidemonopols  nicht  mit 
ihnen  gehen  konnte.  Er  gab  daher  am  28.  April  1879  sein  Kan- 
tonsratsmandat den  Wählern  in  Töss  zurück,  die  an  seiner  Stelle 
Pfarrer  Albert  Locher  in  WülfUngen,  später  Redaktor  des  , .Land- 
boten" und  Regierungsrat,  in  den  Kantonsrat  sandten.  Das 
Bitterste  traf  Bleuler  im  Jahre  1884.  Nachdem  er  das  Menschen- 
mögliche getan,  um  die  Verständigung  über  das  Millionenanleihen 
des  Kantonsrates  herbeizuführen,  nachdem  er  persönlich  Opfer 
über  Opfer  gebracht  und  hundertmal,  ohne  mit  der  Wimper  zu 
zucken,  Tadel  und  Vorwürfe  eingesteckt  hatte,  die  ganz  andere 
verdienten,  erhielt  er  durch  die  ,,Neue  Zürcher  Zeitung"  die  bru- 
tale  Aufforderung,    sein   Mandat   als   Nationalrat   niederzulegen, 


yo        XXVIII.  KAPITEL:  DIE  HERRSCHAFT  DER  DEMOKRATEN  o 

und  man  Hess  durchblicken,  dass  nur,  wenn  der  ,, Hauptschuldige" 
mit  Niederlegung  seiner  Stelle  als  Nationalrat  eine  ,, etwelche 
Süluie"  biete,  die  Hilfe  für  Winterthur  mögHch  sein  werde.  Bleuler 
war  auf  der  Stelle  bereit,  der  Sommation  nachzukommen.  Er 
erklärte  im  , .Landboten"  am  25.  Januar  1884:  ,,Mit  Bezug  auf 
das  öffentlich  gestellte  Begehren,  ich  möchte  meine  Demission 
nehmen,  erkläre  ich  unumwunden,  dass  ich  ein  solches  Kampf- 
mittel, einen  politischen  Gegner  niederzustrecken,  für  illoyal  halte, 
allein  die  Wohlfahrt  von  Winterthur  ist  mir  zu  teuer  und  der 
Wunsch  nach  einer  endlichen  und  guten  Lösung  der  Garantie- 
schuldfrage zu  sehr  Herzenssache,  als  dass  ich  zögern  könnte,  das  zu 
tun,  was  nach  Ansicht  meiner  Gegner  zum  Frieden  und  zur  Lösung 
beitragen  kann."  Salomon  Bleuler-Hausheer  starb  am  12.  Februar 
1886.  Seit  dem  Tode  seiner  Gattin  (9.  September  1885)  war  er 
ein  gebrochener  Mann.  Noch  am  26.  November  1885  hatte  er 
seinem  Freunde  Stephan  Born  in  Basel  geschrieben:  ,,Das  Leben 
hat  für  mich  keine  Freude  und  die  Pohtik  kein  Interesse  mehr; 
ich  sehe  nur  noch  den  Schein  und  die  Heuchelei  und  den  Inter- 
essenmarkt, der  darin  steckt."  Der  kranke,  müde  Mann  täuschte 
sich;  was  er  in  trüben  Sinnen  niederschrieb,  war  nicht  die  Bilanz 
seines  Lebens  und  nicht  das  Fazit  der  Politik.  Er  selbst  vermochte 
das  Bleibende  und  Grosse  nicht  mehr  zu  sehen,  an  dem  er  redlich 
mitgeholfen,  aber  die  andern  sahen  es  und  anerkennen  es  dankbar 
noch  heute.  Und  die  Politik  ist  nicht  nur  Schein  und  Heuchelei 
und  Interessenmarkt.  Gewiss  ist  von  dem  allem  ein  gut  Stück 
darin,  weil  Menschen  die  Politik  machen;  aber  es  überwiegt  auch 
in  der  Politik  das  Edle,  Grosse  und  Ideale,  so  wahr  als  in  den 
Menschen  mehr  des  Guten  als  des  Bösen  und  Gemeinen  ist,  — 
sonst  wäre  die  Welt  schon  längst  zugrunde  gegangen. 


►♦♦♦♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ 


öQirf  mM 


cjoß.  ßaf^.  ^re/cßfer 


Oferman  Qreufiefi  <T{oberf  Seidel 

S^rbefferfäßrer 


NEUNUNDZWANZIGSTES  KAPITEL 


DIE  ARBEITERBEWEGUNG 

Wenn  hier  die  Arbeiterbewegung  unter  der  Ägide  der  Demo- 
kraten erscheint,  so  hat  das  nicht  den  Sinn,  dass  sie  erst  aus 
der  demokratischen  Bewegung  herausgewachsen  sei.  Sie  ist  altern 
Datums.  Wohl  aber  waren  zur  Revisionszeit  und  noch  bei  manchen 
spätem  Gelegenheiten  Demokraten  und  Arbeiter  eng  verbündete 
Waffengefährten  und  haben  einander  viel  zu  verdanken.  Es  konnte 
sogar  eine  Zeitlang  scheinen,  dass  die  demokratische  Partei  die 
Arbeiterbewegung  vollständig  in  sich  aufnehmen  werde  und  auch 
zugleich  eine  ,, Arbeiterpartei"  sein  wolle.  Das  wenigstens  be- 
hauptete die  liberale  und  konservative  Presse,  die  für  Ludwig 
Forrer,  Reinhold  Rüegg,  Bleuler-Hausheer  und  andere  Demo- 
kratenführer mit  Vorliebe  das  Stigma  ,, Sozialisten"  gebrauchte. 
Allerdings  bekannten  sich  auch  mehrere  dieser  Demokratenführer 
selber  als  ,, Sozialisten",  womit  sie  aber  mehr  nur  eine  prinzipielle 
Zustimmung  zu  den  sozialen  Forderungen  der  Arbeiter  ausdrücken 
wollten.  Sie  waren  auch  der  aufrichtigen  Meinung,  dass  die  Ar- 
beiterinteressen in  ihrer  Obhut  wohl  aufgehoben  seien  und  Mass 
und  Tempo  der  Arbeiterbewegung  am  besten  von  ihnen  bestimmt 
werde.  Ohne  so  weit  zu  gehen  wie  Traugott  Koller,  der  (in  der 
Biographie  Grunholzers,  pag.  751)  schreibt:  ,, Nichts  ist  ungerecht- 
fertigter, unsittlicher  und  verwerflicher,  als  in  einer  Republik  eine 
besondere  Arbeiterpartei  zu  gründen",  empfanden  doch  auch  sie 
es  als  unangebracht,  ja  als  schwarzen  Undank,  als  die  Arbeiter 
sich  mit  dem  Sozialismus  des  demokratischen  Programms  nicht 
mehr  begnügen  wollten  und  auf  die  Bildung  einer  eigenen  Partei 
hinarbeiteten. 

Die  Arbeiterbewegung  ist  im  Kanton  Zürich  zuerst  in  der  Ge- 
stalt des  Kommunismus  aufgetreten.  Die  einfachste  Auslegung 
des  Kommunismus  gaben  damals  die  Gassenbuben,  welche  in 
Scharen  dem  ,, berüchtigten"  Agitator  Johann  Jakob  Treichler 
nachliefen  und  im  Takt  riefen:  ,,Dä  wott  teile!    Da  wott  teile!" 


72  XXIX.  KAPITEL:  DIE  ARBEITERBEWEGUNG  o 

Es  ist  schon  in  unserm  ersten  Band  (pag.  3i4ff.)  von  Weitling, 
Treichler  und  Karl  Bürkli,  den  ersten  Verkündigern  des  Kommu- 
nismus und  Sozialismus  in  unserer  Stadt,  die  Rede  gewesen.  Noch 
nicht  so  klar  wie  heute  wurde  zu  jener  Zeit  der  Sozialismus,  der 
die  Verstaatlichimg  des  Bodens  und  der  Produktionsmittel,  sowie 
die  gemeinsame  Produktionsweise  anstrebt,  definiert  imd  unter- 
schieden vom  Kommunismus,  welcher  darüber  hinaus  auch  das 
Privateigentum  an  den  Gebrauchsgegenständen  abschaffen  will. 
Sicher  ist  aber,  dass  der  Kommunismus  in  seinen  zürcherischen 
Verkündigern  eine  im  ganzen  sehr  massvolle  Vertretung  gefunden 
hat  und  dass  namentlich  die  sinnlose  Teilerei,  welche  Treichler 
zugeschrieben  wurde,  nur  auf  Missverständnis  tmd  Unterschiebung 
beruhte.  Aber  auch  von  der  Sozialdemokratie,  die  man  als  ,, an- 
gewandten Soziahsmus"  bezeichnet  hat,  lässt  sich  sagen,  dass  ihr 
der  utopistisch-revolutionäre  Charakter  ihres  deutschen  Vorbildes 
fast  gänzlich  fehlte,  was  hauptsächhch  davon  herrührt,  dass  die 
bessere  Hälfte  des  Programms  der  Sozial-Demokratie,  nämlich 
die  Demokratie,  bei  uns  zu  Recht  besteht  und  die  Arbeiter  sich 
im  Besitz  der  pohtischen  Rechte  befinden.  Bei  all  ihrer  Harm- 
losigkeit flössten  aber  die  zürcherischen  Kommunisten  ihren  Mit- 
bürgern doch  nicht  geringen  Schrecken  ein,  und  der  Staat  glaubte 
sich  gegen  ihre  Umtriebe  durch  gesetzgeberische  Massnahmen 
schützen  zu  müssen;  er  erHess  das  Koalitionsgesetz  betreffend  die 
Handwerksburschen  vom  Jahre  1844  und  das  ganz  speziell  auf 
Treichler  gemünzte  sogenannte  ,,Maulkrattengesetz"  vom  26.  März 
1846.  Bei  Wiederaufnahme  seiner  politischen  Tätigkeit  im  Kanton 
Zürich  drängte  Treichler  nun  besonders  auf  die  Selbsthilfe  der 
Arbeiter.  Als  im  Jahr  1851  im  Grütliverein  Karl  Bürkli  die  Er- 
richtung von  staatlichen  Lebensmittelhallen  empfahl,  durch  welche 
der  Zwischenhandel  ausgeschaltet  werden  sollte,  wies  Treichler 
darauf  hin,  dass  die  Arbeiterschaft  jedenfalls  noch  lange  warten 
könne,  bis  die  Zürcher  Regierung  sich  zu  solchen  Massnahmen 
entschhessen  werde;  übrigens  brauchten  die  Arbeiter  dazu  die 
Regierung  gar  nicht,  sondern  könnten  sich  selber  zusammen- 
schliessen,  einen  Verein  bilden,  durch  diesen  gemeinsame  Einkäufe 
machen  und  einen  Laden  für  den  Verkauf  einrichten.  Das  schlug 
ein,  und  mit  einem  Kapital  von  75  Fr.  wurde  unverzüglich  ein 
solcher  Verein  gegründet,   dem  man  den  vom  Publikum  viel  be- 


o  XXIX.  KAPITEL:  DIE  ARBEITERBEWEGUNG  73 

lachten  und  bewitzelten  Namen  „Konsum- Verein"  gab.  Mit 
Zigarren  wurde  der  Anfang  gemacht,  und  da  man  im  Konsumverein 
für  das  gleiche  Geld  5  bis  7  statt  nur  3  bis  4  Zigarren  bekam,  be- 
griffen die  Arbeiter  schnell  den  Vorteil,  und  in  kurzer  Frist  konnte 
man  schon  zum  Hemdentuch  übergehen.  Der  Konsumverein 
nahm  einen  fabelhaften  Aufschwung.  Im  dritten  Jahr  seines  Be- 
stehens hatte  er  schon  einen  Umsatz  von  600,000  Fr.  und  ent- 
wickelte sich  unter  dem  umsichtigen  Präsidiimi  Treichlers  zur 
ersten  bedeutenden  Konsumgenossenschaft  auf  dem  Kontinent. 
Am  21.  und  22.  Juli  1851  feierten  die  Grütlivereine  ihr  Zentral- 
fest in  Zürich.  Die  ,, Freitagszeitung"  berichtete  darüber:  ,,Wer 
das  stolze  Selbstbewusstsein  an  diesen  Leuten,  meist  blutjungen 
Handwerkern,  zu  beobachten  Gelegenheit  hatte,  musste  sich 
sagen,  dass  hier  ein  Keim  in  der  Entwicklung  liege,  der,  je  nach- 
dem diese  Entwicklung  geleitet  wird,  schöne  oder  schlimme  Früchte 
tragen  muss  .  .  .  Das  alte  Schützenhaus  wurde  von  den  Fest- 
feiernden mit  farbigen  Gläsern  illuminiert ;  die  roten  Gläser  walte- 
ten vor."  Der  Grütliverein  ist  1838  in  Genf  entstanden,  imd  die 
Sektion  Zürich  wurde  zehn  Jahre  später  gegründet.  Von  Kom- 
munismus wollte  der  Grütliverein  nichts  wissen ;  um  so  mehr  lag 
ihm  das  Bildungsbedürfnis  seiner  Mitglieder  am  Herzen.  In 
politischer  Hinsicht  beabsichtigte  er,  ,,in  Wort  und  Tat  die  frei- 
sinnigen Bestrebungen  des  Vaterlandes  zu  unterstützen".  Er 
galt  lange  Zeit  als  die  Avantgarde  der  radikalen  Partei  und  zählte 
in  seinen  Reihen  nicht  nur  Arbeiter,  sondern  auch  eine  grosse  Zahl 
von  Kleinmeistem.  Im  Kanton  Zürich  bildeten  die  Grütlivereine 
das  Bindeglied  zwischen  Demokraten  und  Arbeitern.  Karl  Bürkli 
war  nach  seiner  Heimkehr  aus  Paris  im  Jahre  1848  un verweilt 
in  den  Grütliverein  eingetreten.  Im  Grossen  Rat  kämpfte  er  an 
der  Seite  Treichlers  mit  Begeisterung  für  die  sozialen  und  demo- 
kratischen Postulate,  aber  die  Zeit  war  dafür  nicht  günstig.  Als 
auf  die  Maiwahlen  1854  hüi  Dubs  im  ,, Landboten"  die  verschiede- 
nen Programme  Treichlers  kritisch  sezierte  und  mit  Benutzung 
ihrer  schwachen  Seiten  journalistisch  geschickt  widerlegte,  galt 
der  Sozialismus  weit  herum  als  abgetan.  Die  Grossratswahlen 
standen  ganz  im  Zeichen  dieser  Polemik  und  brachten  der  Re- 
gierungspartei einen  glänzenden  Sieg.  Dubs  ward  als  ein  wahrer 
Ritter  Georg  gefeiert  und  bestieg  zur  Belohnung  für  seine  Leistung 


74 


XXIX.  KAPITEL:  DIE  ARBEITERBEWEGUNG 


den  Regierungsratssessel.  Er  liess  sich  nicht  träumen,  dass  schon 
zwei  Jahre  darauf  der  so  gründUch  „erledigte"  Treichler  ihm 
auf  demselben  Wege  nachfolgen  werde. 

Die  Annahme  des  ihm  von  Alfred  Escher  angebotenen  Re- 
gienmgsratsstulils  gab  dem  Leben  Treichlers  die  tragische  Wen- 
dmig  und  war  für  die  Arbeiterbe wegimg  ein  Verhängnis.  Treichler 
schien  vom  Schicksal  dazu  ausersehen,  der  geistesmächtige  Führer 
einer  Arbeiterbewegung  von  bodenständigem  schweizerischem 
Charakter  zu  werden  und  sich  in  der  Geschichte  der  Demokratie 
und  des  Sozialismus  einen  grossen  Namen  zu  erwerben.  Durch 
seine  Wahl  zum  Regierungsrat  wurde  er  aus  der  verheissimgsvoll 
begonnenen  Laufbahn  hinausgeworfen  imd  geriet  in  eine  falsche 
Stellmig.  Wäre  die  Arbeiterpartei  nach  ihrer  Stärke  zum  An- 
spruch auf  einen  Sitz  im  Regierungsrat  berechtigt  gewesen,  dann 
hätte  diese  Wahl  nichts  Bedenkliches  gehabt,  sondern  der  Ge- 
rechtigkeitsHebe  der  liberalen  Grossratsmehrheit  nur  zur  Ehre  ge- 
reicht. Aber  sie  war  nur  ein  poHtischer  Schachzug  oder  eine  Laune 
Alfred  Eschers,  aus  dessen  Hand  Treichler  sein  Mandat  gewisser- 
massen  als  Geschenk  erhielt,  und  wenn  auch  einige  Genossen  ihm 
zur  Annahme  rieten,  so  stand  eben  doch  keine  Partei  hinter  ihm, 
und  es  dauerte  denn  auch  nicht  zwei  Jahre,  so  wurde  er  von 
früliem  Freunden  als  Renegat  und  Apostat  verketzert.  Treichler 
verdiente  diese  Bezeichniuig  nicht.  Er  hatte  mit  seiner  Wahl 
keinen  Glaubenswechsel  vollzogen  und  keine  Grundsätze  abge- 
schworen, vielmehr  bei  ihrer  Annahme  im  Grossen  Rat  erklärt: 
„Ich  werde  nach  wie  vor  meiner  Überzeugung  imd  meinen  Grund- 
sätzen treu  bleiben  und  ich  sehe  namentlich  in  der  mir  zuteil  ge- 
wordenen Ehre  eine  Aufforderung  hiezu."  Und  man  kann  auch 
tatsächlich  nicht  sagen,  dass  er  an  verantwortlicher  Stelle  seinen 
frühem  Grundsätzen  zuwider  gehandelt  hätte,  nur  war  er  als  libe- 
raler Regierungsrat  auch  nicht  mehr  in  der  Lage,  für  die  Ideale 
seiner  Jugend  nachhaltig  zu  wirken.  So  blieb  die  Kluft  zwischen 
ihm  und  seinen  frühern  Kampfgenossen  unüberbrückbar.  Karl 
Bürkü,  mit  dem  er  sich  auch  im  Konsumverein  überwarf  und 
sogar  vor  den  Gerichten  herumstreiten  musste,  hegte  gegen  Treichler 
einen  lebenslängHchen  tiefen  Groll  und  war  auch  der  einzige  von 
seinen  Bekannten,  der  ihn  nie  mehr  grüsste.  Treichler  litt  unter 
dieser  Unversöhnlichkeit ;  von  weicherem  Gemüt,  als  es  die  scharf 


o  XXIX.  KAPITEL:  DIE  ARBEITERBEWEGUNG  .  75 

geschnittenen  Züge  seines  Charakterkopfes  vermuten  Hessen,  hatte 
er  das  Bedürfnis,  verstanden  zu  werden.  Die  Revisionsbewegung 
machte  seiner  poHtischen  Wirksamkeit  ein  Ende.  Als  nmi  die 
Demokraten  und  Arbeiter  stark  genug  gewesen  wären,  um  ihn 
aus  eigener  Kraft  zu  wählen,  übergingen  sie  ihn.  Von  seinem 
47.  Jahre  an  lag  der  Schwerpunkt  seiner  Arbeit  auf  dem  Gebiete 
akademischer  Lehrt ätigkeit.  ,, Nachdem  er  einige  Jahre  als  Mit- 
glied des  Obergerichts  amtiert  hatte,  wurde  er  1872  zum  Pro- 
fessor der  Rechtswissenschaften  an  der  Zürcher  Universität  er- 
nannt, die  ihm  schon  1866  für  seine  Verdienste  um  die  kantonale 
Gesetzgebung  den  Doctor  juris  honoris  causa  verliehen  hatte. 
Seinen  akademischen  Pflichten  widmete  sich  Treichler  mit  grossem 
Eifer,  aber  seine  bedeutendsten  Talente,  seine  hohen  organisatori- 
schen Fähigkeiten,  sowie  seine  bei  Behandlung  grosser  politischer 
Fragen  hinreissende  Beredsamkeit  vermochte  er  doch  in  der  Enge 
des  Hörsaales  nicht  zu  betätigen;  ein  gefangener  Adler,  der  resig- 
niert auf  den  Gebrauch  seiner  Schwingen  verzichtet,  auf  denen 
er  sich  in  stolzem  Fluge  zur  Sonne  hätte  erheben  können,  ein  Mann, 
den  die  Kleinheit  und  Rückständigkeit  der  Verhältnisse  imd  der 
Zeit,  in  denen  er  lebte,  sein  Bestes  zu  geben  hinderte."  (Dr.  Hans 
Müller.)  —  Treichler  starb  am  7.  September  1906.  — 

Als  im  Jahre  1854  Dubs  den  Sozialismus  im  Kanton  Zürich 
besiegt  hatte  und  an  eine  gedeüiliche  Arbeiterpolitik  hier  vor- 
läufig nicht  zu  denken  war,  warf  sich  Karl  Bürkli  mit  der  ihm 
eigenen  Zähigkeit  auf  ein  Auswanderungsprojekt,  das  ihm  imd 
seinen  Anhängern  imter  einem,  günstigeren  Himmelsstrich  eine 
Verwirklichung  seiner  sozialistischen  Träume  bringen  sollte.  Von 
dem  mit  ihm  befreundeten  französischen  Sozialisten  Victor  Con- 
siderant  war  der  Plan  ausgegangen,  in  Hoch-Texas  eine  sozia- 
listische Kolonie  zu  gründen,  deren  Mitglieder  in  Phalansterien 
nach  Fourierscher  Idee  zusammenwohnen  und  ein  glückliches, 
sorgenfreies  Dasein  führen  sollten.  Karl  Bürkli  warb  in  Zürich 
Anhänger  für  diesen  Plan  und  hielt  Propagandaversammlungen 
im  alten  Schützenhaus,  wo  prächtige  Stahlstiche  an  der  Wand 
die  lycute  für  den  sozialistischen  Himmel  auf  Erden  begeisterten; 
sie  stellten  solche  Phalansterien  dar,  grosse  palastähnliche  Ge- 
bäude mit  gemeinsamen  Haushaltvmgsanstalten,  Vergnügimgs- 
räumen.  Schulen  usw.,  welche  für  je  eine  Assoziation  oder  Phalanx 


76  XXIX.  KAPITEL:  DIE  ARBEITERBEWEGUNG  o 

bestimmt  waren.  Bürkli  und  Lehrer  Kaspar  Bär  übersetzten  und 
verbreiteten  auch  die  lockende  Propagandabroschüre  Considerants. 
Am  Soimtag  den  25.  März  1855  reiste  die  erste  Kolonne  der  zürche- 
rischen Phalansterianer  vom  Paradeplatz  in  Zürich  nach  Texas 
ab.  Eine  grosse  Menge  Zuschauer  hatte  sich  eingefunden  und  viele 
gaben  den  Auswanderern  das  Geleite  bis  Baden,  wo  noch  ein 
zweites  Abschiedsmahl  stattfand.  Karl  Bürkli,  ausgerüstet  mit 
einer  ilini  vom  Konsumverein  zum  Abschied  geschenkten  schönen 
Jagdflinte,  war  bereits  im  Januar  über  Brüssel,  wo  ein  Kongress 
der  Fourieristen  stattfand,  vorausgereist.  Leider  gingen  die 
schlimmen  Prophezeiungen,  mit  denen  die  ,, Freitagszeitung"  das 
Unternehmen  begrüsst  hatte,  nur  zu  bald  in  Erfüllung.  Die  Kolo- 
nisten gerieten  in  das  tiefste  Elend  und  m-anche  erlagen  dem  Klima. 
Schon  Ende  1855  befand  sich  die  Kolonie  in  völliger  Auflösung. 
Der  letzte  der  zürcherischen  Phalansterianer,  Erwin  Bär,  lebt 
heute  noch  im  National  Military  Home  in  Kansas.  Bürkli  wurde 
dann  zur  Teilnahme  an  dem  Freischarenzug  eines  gewissen  Walker 
nach  den  mittelamerikanischen  Staaten  gepresst,  wobei  es  ihm 
leicht  hätte  schlimm  ergehen  können ;  Walker  büsste  das  Unterneh- 
men mit  dem  Tode.  Nach  vielen  Gefahren  und  Abenteuern,  doch 
guten  Mutes,  traf  Bürkli  im  Somm-cr  1858  wieder  in  Zürich  ein. 
Bei  Karl  BürkH,  den  man  auch  schon  ,,den  Vater  der  schweize- 
rischen .  Sozialdemokratie"  genannt  hat,  war  die  kritische  Ader 
besonders  stark  ausgebildet,  und  als  Kritiker  betätigte  er  sich 
denn  auch  auf  den  verschiedensten  Gebieten.  Er  brachte  eine  Be- 
wegung in  Fluss  für  die  Abschaffung  der  schweren,  imbequemen 
!Mihtäruniform  und  ihre  Ersetzung  durch  ein  gefälliges  bürger- 
liches Wehrkleid.  ,,Dem  Repräsentativsystem  rückte  er  auf  den 
Leib  und  verkündete  das  Evangeüum  der  Volksrechte.  Den  Ban- 
ken fhckte  er  am  Zeug  und  redete  der  Verstaatlichimg  des  Kredit- 
wesens das  Wort.  Den  Ingenieuren  wies  er  nach,  dass  ihr  Tun 
ein  halbbatziges  sei;  die  Architekten  kanzelte  er  ab  und  sagte 
ihnen,  es  sei  nichts  mit  üiren  Baus^'stemen."  (,, Freie  Jugend".) 
Über  das  Wasserbauwesen  machte  Bürkli  viele  Studien  und  ver- 
öffenthchte  Vorschläge  für  die  Sihlablenkung,  die  noch  bis  Ende 
derXeunzigerjahre  den  Grossen  Stadtrat  beschäftigten.  Dasgrösste 
Aufsehen  aber  erregte  er  als  historischer  Kritiker,  welcher  ,, Unsere 
fingierten   Helden"   TeU,   Winkelried,    Rudolf   von   Erlach   rück- 


o  XXIX.  KAPITEL:  DIE  ARBEITERBEWEGUNG  jj 

sichtslos  ins  Fabelreich  verwies  und  die  Schlachten  von  Morgarten 
und  Sempach  in  ganz  neuer  Beleuchtung  darstellte.  Diese  histo- 
rischen Schriften  verrieten  so  viele  gründliche  Sachkenntnisse, 
dass  Vetter  Fritz  Bürkli  an  der  Schipfe  an  die  Autorschaft  Karl 
Bürklis  gar  nicht  glauben  wollte  und  ein  freches  Plagiat  vermutete. 
Aber  er  irrte  sich;  Karl  Bürkli  war  wirklich  der  Verfasser,  und  er 
hatte  die  Genugtuung,  dass  ein  Historiker  wie  Delbrück  seine 
Schrift  ,,Der  wahre  Winkelried"  einen  Beitrag  ersten  Ranges  zur 
Kriegsgeschichte  nannte,  und  das  zugerische  Komitee  für  das 
Morgartendenkmal  ihn  einlud,  seine  Forschungen  in  einer  offi- 
ziellen Publikation  wiederzugeben.  Als  Vorkämpfer  für  die  Ver- 
hältniswahl machte  er  mit  seiner  ,, Proporz-Perle",  dem  eigen- 
sinnig festgehaltenen  einzigen  Wahlkreis  für  den  ganzen  Kanton, 
den  Gegnern  der  Verhältniswahl  ebenso  viel  Vergnügen  wüe  ihren 
Freunden  Verdruss.  Am  höchsten  anzurechnen  ist  ihm  sein  un- 
entwegtes und  konsequentes  Eintreten  für  die  Volksrechte.  ,,In 
der  wahren  oder  Volksrepubhk,"  schrieb  er,  ,,befasst  sich  das 
Volk  nicht  nur  mit  den  Personen  —  Ratswahlen  — ,  sondern  auch 
und  vor  allem  mit  den  Sachen  —  Gesetzen.  Der  gewalttätige 
Sozialismus  und  Kommunismus  wird  durch  diese  Einrichtung  in 
sein  Nichts  geschleudert,  seine  Zähne  und  Klauen  sind  ihm  ge- 
nommen." In  seinem  Auftreten  oft  von  einer  etwas  gesuchten 
Derbheit  — ,  er  sprach  im  Kantonsrat  nur  Dialekt,  und  oft  was  für 
einen!  —  bewahrte  er  doch  seinem  väterlichen  Hause  eine  schöne 
Pietät  und  erinnerte  sich  nicht  ungern  seiner  ruhmreichen  Vor- 
fahren, der  Inhaber  eines  Reichsritter-  und  Freiherrendiplomes, 
,, deren  Ahnen  auf  den  Schlachtfeldern  von  Marignano  und  Kappel 
sich  ihres  angesehenen  Geschlechtes  würdig  erwiesen". 

In  den  Zürcher  Blättern  vom  Jahre  1857  lesen  wir  zum  ersten- 
mal etwas  von  Umzügen  streikender  Schuster,  und  in  den  spä- 
tem Jahren  tritt  diese  Form  der  wirtschaftlichen  Kämpfe  immer 
häufiger  auf.  Das  Jahr  1872  sah  einen  grossen  und  siegreichen 
Streik  der  Schreinergesellen.  Ein  Gesuch  der  Meister  an  die  Re- 
gierung um  Einschreiten  war  abgewiesen  worden  mit  der  Begrün- 
dung, dass  die  Streiker  bis  jetzt  nur  von  ihrem  Rechte  Gebrauch 
gemacht  hätten  und  nur  dann  gegen  sie  eingeschritten  werden 
könne,  wenn  sie  sich  Ungesetzlichkeiten  und  Gewalttaten  zu- 
schulden kommen  Hessen.   Diese  Erfahrungen  gaben  den  Gewerbe- 


78  XXIX.  KAPITEL:  DIE  ARBEITERBEWEGUNG  o 

treibenden  des  Bezirkes  Zürich  Veranlassung,  eine  Unterstützungs- 
kasse der  Gewerbetreibenden  und  Arbeitgeber  zu  gründen,  mit 
welcher  jeweilen  den  von  einem  Streik  betroffenen  Gewerben  Hilfe 
gebracht  werden  sollte.  Weniger  Glück  als  die  Schreiner  hatten 
im  Herbst  des  gleichen  Jahres  die  streikenden  Schmiede  und 
Wagner,  die  sich  mancherlei  Ausschreitungen  erlaubten.  Nach 
acht  Wochen  endete  der  Streik  mit  einer  Niederlage  der  Arbeiter, 
die  auf  die  ,,Landtölper'  schimpften,  welche  sich  als  ,, Streik- 
brecher" hatten  gebrauchen  lassen.  Einige  der  Skandalmacher 
waren  am  9.  September  verhaftet  imd  vor  den  Polizeipräsidenten 
Dr.  Römer  geführt  worden,  der  sie  jedoch  mit  einer  ernsten  Er- 
mahnung wieder  entliess.  Im  Schützenhaus  fanden  stürmische 
Protest^^ersammlungen  gegen  die  Polizei  statt.  Auch  das  Jahr 
1873  brachte  verschiedene  Arbeitseinstellungen;  ihre  Ursache  war 
bei  den  Bauarbeitern  die  Abschaffung  des  ,,Znüni  imd  Zabig", 
wofür  die  Meister  fortan  50  Rappen  Entschädigung  pro  Tag  be- 
zahlten. Im  Jahr  1878  kam  ein  Spenglerstreik  usw.  Infolge  eines 
Demonstrationszuges  deutscher  und  italienischer  Arbeiter  am 
II.  August  erhess  die  Stadtpolizei  im  ,, Tagblatt"  vom  16.  August 
1878  ein  Verbot  von  Umzügen  mit  der  roten  Fahne  für  das  lau- 
fende Jahr. 

Einen  bösartigen  Verlauf  nahm  der  Schlosserstreik  vom  Jahre 
1886.  Bald  nach  seinem  Ausbruch  hatte  der  Stadtrat  ein  Verbot 
des  Streikpostenstehens  erlassen,  das  von  einer  Protestversamm- 
lung im  alten  Schützenhaus  als  ein  Gewaltakt  und  eine  arbeiter- 
feindliche Einmischung  bezeichnet  wurde.  Da  sich  diese  Mass- 
regel als  unwirksam  erwies,  verbot  der  kantonale  Justizdirektor 
Spiller  das  Belagern  der  Werkstätten  und  Begleiten  nichtstreiken- 
der  Arbeiter  unter  Androhung  strafrechtlicher  Ahndung.  Eine  von 
Conzett  geleitete  grosse  Versammlung  im  Schützenhaus  am  12.  Juni 
verpfHchtete  sich  darauf,  alles  zu  tun,  ,,um  den  schmähüchen, 
das  Proletariat  des  ganzen  Kantons  knechtenden  Erlass  aufzu- 
heben und  die  Genossen,  welche  verhaftet  wurden,  durch  Zitieren 
der  schuldigen  Beamten  vor  Gericht  zu  rächen.  Indem  wir  den 
Erlass  als  Verfassungsbruch  und  Missbrauch  der  Amtsgewalt  be- 
zeichnen, empfehlen  wir  den  Regierungsrat  Spiller  der  gebühren- 
den Hochachtung."  Am  Pfingstsonntag  verteilten  die  Streiken- 
den massenhaft  Protest-Flugblätter  unter  das  Publikum,  welche 


■o  XXIX.  KAPITEL:  DIE  ARBEITERBEWEGUNG  79 

die  Anwendung  von  Gewalt  in  Aussicht  stellten,  wenn  die  fried- 
lichen Mittel  nichts  nützen  sollten.  Dienstag  den  15.  Juni  gab  es 
einen  Krawall  vor  der  Hauptwache.  Die  Schlosser  wollten  einen 
verhafteten  Genossen  befreien,  wurden  aber  beim  Eindringen  ins 
Gebäude  von  den  lyandjägern  mit  aufgepflanztem.  Bajonett  ab- 
gewehrt. Trotzdem  musste  wegen  des  wachsenden  Tumults  der 
Verhaftete  freigegeben  werden.  Am  Abend  wiederholten  sich  die 
Demonstrationen;  einige  Leute  wurden  abgefasst  und  ins  Selnau 
abgeführt,  gefolgt  von  einer  johlenden  Menge.  Vor  dem  Gerichts- 
gebäude wurde  die  Polizei  mit  Steinen  beworfen;  sie  gab  einige 
Revolverschüsse  ab  und  eine  ricochettierende  Kugel  traf  den 
Parkettleger  Fischer  in  die  Brust.  (Es  war  jedoch  keine  tödliche 
Verletzung;  Fischer  stand  am  6.  Oktober  mit  andern  Genossen 
vor  den  Gerichtsschranken  im  Selnau  und  erhielt  noch  zwei  Monate 
Gefängnis  dazu.)  Sonntag  den  20.  Juni  wurde  auf  dem  Platz  bei 
der  alten  Tonhalle  mit  Fahnen  und  Musik  eine  grosse  Volksver- 
sammlung abgehalten  und  eine  Resolution  angenomm.en,  welche 
den  ,, Amtsmissbrauch"  der  Polizeidirektion  und  das  ,,Blutver- 
giessen"  verurteilte  und  gerichthche  Klage  in  Aussicht  stellte. 
Die  Resolution  war  der  Versammlung  vorgelegt  und  em.pfohlen 
worden  von  alt  Pfarrer  Albert  Locher,  Redaktor  des  ,, Landboten", 
Stadtbürger  und  Bruder  des  Schlossermeisters  Locher,  was  in 
Zürich  besonders  betont  wurde.  Andrerseits  ging  bei  der  Bürger- 
schaft eine  Sympathieadresse  um  für  Regierungsrat  Spiller,  welche 
sich  rasch  mit  Unterschriften  bedeckte.  Am  8.  Juli  wurde  im 
Kantonsrat  von  Dr.  Zuftpinger  über  die  Streikaffäre  interpelliert 
und  mit  133  gegen  49  Stimmen  das  Vorgehen  der  Justizdirektion 
gebilligt.  Dr.  Amsler  hatte  unter  scharfem  Tadel  Übergang  zur 
Tagesordnung  beantragt.. 

In  vielen  von  diesen  Kämpfen  hatten  die  Demokraten  leb- 
haft für  die  Arbeiter  Partei  genommen  und  sich  zu  ihren  Wort- 
führern in  der  Presse  und  im  Ratssaal  gemacht.  Der  grossen  Mehr- 
zahl der  Bevölkerung  aber  war  das  aus  England  herübergekom- 
mene Streiken  von  allem  Anfang  an  zuwider.  Sie  erblickte  darin 
nur  eine  Gesetzwidrigkeit,  eine  strafbare  Störung  der  öffentlichen 
Ordnung,  bestenfalls  einen  Vorwand  zum  Faullenzen.  Am  mei- 
sten tadelte  sie  die  Beteiligung  der  fremden  Elemente,  denen  sie 
auch  die  Schuld  daran  zuschrieb,  dass  die  zürcherischen  Arbeiter 


8o  XXIX.  KAPITEL:  DIE  ARBEITERBEWEGUNG     .  o 

sich  der  ,, Internationalen  Arbeiter- Assoziation"  anschlössen  und 
von  ihr  alles  Heil  erwarteten.  Für  die  liberale  „Zürcher  Presse"" 
war  diese  Veremigung  nichts  anderes  als  eine  „internationale 
Schwefelbande",  für  die  „Freitagszeitung"  eine  Gesellschaft  reli- 
gions-  und  vaterlandsloser  Tagediebe  und  Taugenichtse.  Von 
der  Internationale  war  —  wie  diese  Blätter  entrüstet  feststellten  — 
den  zürcherischen  Arbeitern  die  Idee  gekommen,  dass  sie  als  Prole- 
tarier —  proles,  Nachkommen,  nannte  man  im  alten  Rom  eine 
Klasse  von  Bürgern,  die  dem  Staat  nur  durch  ihre  Nachkommen 
nütze  —  eine  ganz  besondere  Klasse  bilden  und  sich  als  solche 
im  Gegensatz  zu  allen  andern  Klassen  fühlen  sollten.  —  Der  Vor- 
läufer der  Arbeiter-Internationale  war  der  ,,Bund  der  Kommu- 
nisten" gewesen,  der  als  Geheim  verband  schon  seit  1836  bestanden, 
hatte  und  in  dessen  Auftrag  Marx  imd  Engels  im  November  1847 
das  ,, Kommunistische  Manifest"  verfassten,  das  mit  den  bekann- 
ten Worten  schliesst:  ,, Proletarier  aller  Länder,  vereinigt  euch!" 
Der  ,,Bund  der  Kommimisten",  welcher  zuerst  den  internatio- 
nalen Charakter  der  Arbeiterbewegung  betont  hat,  verlief  jedoch 
im  Sande.  An  seine  Stelle  trat  die  ,, Internationale  Arbeiter- 
Association",  zu  welcher  eine  Verbrüderung  englischer  und  fran- 
zösischer Arbeiter  auf  der  Londoner  Weltausstellimg  von  1862 
den  Anstoss  gab.  Ihre  förmliche  Konstituierung  erfolgte  am  28.  Sep- 
tember 1864  zu  St.  Martinshall  in  London.  Von  den  Kongressen, 
welche  die  ,,rote  Internationale"  in  den  nächsten  Jahren  veran- 
staltete, fanden  drei  auf  Schweizerboden  statt:  vom  3. — 10.  Sep- 
tember 1866  in  Genf,  vom  2. — 8.  September  1867  m  Lausanne, 
vom  8. — 9.  September  1869  in  Basel.  Dieser  Basler  Kongress  be- 
schloss  u.  a.  die  Abschaffung  des  Privateigentums  an  Grund  und 
Boden.  Karl  Bürkli  hielt  einen  Vortrag  über  die  unmittelbare 
Volksgesetzgebimg,  Referendum  und  Initiative.  Bakunm  meinte 
aber,  diese  Volksrechte  seien  nur  im  Interesse  der  Bourgeoisie; 
die  Arbeiterschaft  solle  sich  überhaupt  nicht  mit  Politik  befassen, 
sondern  nur  suchen,  sich  auf  dem  Wege  der  Revolution  der  Herr- 
schaft zu  bemächtigen  und  alles  niederzuschlagen,  wogegen  Lieb- 
knecht durchblicken  Hess,  ein  solcher  Radikalismus,  wie  ihn  Ba- 
kunin  verkünde,  arbeite  nur  der  Reaktion  in  die  Hände;  ohne 
die  politischen  Freiheiten  und  ohne  die  Beteihgung  der  Bürger  an 
der  Gesetzgebung  könne  die  soziale  Frage  gar  nicht  gelöst  werden. 


o  XXIX.  KAPITEL:  DIE  ARBEITERBEWEGUNG  8i 

Das  Haupt  der  Internationale  war  der  Rheinländer  Karl 
Marx,  Abkömmling  einer  reichen  jüdischen  Familie.  Er  hat  den 
modernen  Sozialismus  wissenschaftlich  begründet  in  seinem  Haupt- 
werk ,,Das  Kapital",  das  ,,die  Bibel  der  Sozialdemokratie"  ge- 
nannt worden  ist.  Es  ist  eine  Bibel,  die  auch  von  ihren  Verehrern 
nicht  gelesen  wird,  denn  das  Evangelium,  das  sie  verkündet,  ist 
von  einer  trostlosen  Dürre,  ein  öder  Materialismus  und  Atheismus. 
Marx  hat  in  die  Arbeiterbewegung  den  Hass  und  den  Hohn  hinein- 
getragen. Durch  ihn  wurde  die  deutsche  Sozialdemokratie,  die 
eine  radikale,  aber  nützHche  Fortschrittspartei  hätte  werden  kön- 
nen, eine  fanatische  und  intolerante  Sekte.  Von  einer  Begegnung 
mit  Marx  im  Jahre  1848  berichtet  Karl  Schurz  u.  a. :  ,,Ich  erinnere 
mich  noch  sehr  wohl  des  schneidend  höhnischen,  ich  möchte  sagen, 
des  ausspuckenden  Tones,  mit  welchem  er  das  Wort  ,  Bourgeois' 
aussprach,  und  als  , Bourgeois',  das  heisst  als  ein  unverkennbares 
Beispiel  einer  tiefen  geistigen  Versumpfung,  denimzierte  er  jeden, 
der  seinen  Meinungen  zu  widersprechen  wagte." 

Karl  Marx  verursachte  mit  seinem  herrischen,  diktatorischen 
Wesen,  gegen  das  sich  besonders  die  französischen  und  west- 
schweizerischen Sektionen  empörten,  den  Zusammenbruch  der 
ersten  Internationale  im  Jahre  1873;  sie  fiel  in  eine  gemässigte 
tmd  eine  radikale  Richtung  auseinander,  die  fortan  ihre  Tagungen 
getrennt  abhielten.  Eine  zweite  Internationale  entstand  aus  An- 
lass  der  hundertjährigen  Gedächtnisfeier  der  französischen  Re- 
volution durch  den  internationalen  Arbeiterkongress  in  Paris  vom 
14.  bis  20.  Juli  1889.  Der  Kongress  von  Brüssel  im  Jahre  1891 
erklärte,  dass  er  auf  dem  Standpunkt  des  Klassenkampfes  stehe 
und  dass  die  Arbeiter  der  ganzen  Erde  ihre  Kräfte  vereinigen 
sollen,  um  den  Widerstand  der  kapitalistischen  Klassen  zu  über- 
winden und  sich  die  poHtischen  Rechte  zur  Erlangung  der  po- 
litischen Macht  zu  erringen.  In  Brüssel  schon  und  dann  auch  im 
Jahre  1893  in  Zürich  wurden  die  Anarchisten  von  den  Verhand- 
lungen ausgeschlossen.  In  den  alle  zwei  Jahre  stattfindenden 
Arbeiterkongressen  erblickte  die  ,, internationale  revolutionäre 
Sozialdemokratie"  ihre  offizielle  Vertretung.  Nim  aber  ist  im 
Jahre  1914  auch  diese  zweite  Internationale  jammervoll  zusammen- 
gebrochen. Als  der  Augenblick  gekommen  war,  da  die  inter- 
nationale Verbrüderung  der  Arbeiter  hätte  zur  Wahrheit  werden 

6 


82  XXIX.  KAPITEL:  DIE  ARBEITERBEWEGUNG  o 

sollen,  als  die  Proletarier  allerorten  klopfenden  Herzens  der  Er- 
füllung der  grossen  Verheissiingen  entgegensahen,  dass  die  inter- 
nationale revolutionäre  Sozialdemokratie  jeden  weitern  Krieg  un- 
möglich machen  könne  und  werde,  da  ward  auf  einmal  das  andere 
Transparent  aufgesteckt:  ,, Proletarier  aller  Länder,  tötet  euch!" 
Die  Pariser  Genossen  revolutionierten  nicht  und  die  deutschen 
Genossen  im  Reichstag,  iio  Mann  stark,  übernahmen  bereitwillig 
auch  ihrerseits  die  Verantw-ortung  für  die  Entfesselimg  des  Welt- 
krieges. 

Der  zürcherischen  und  schweizerischen  Arbeiterbewegung  ge- 
reichte ihre  Verbindung  mit  der  Internationale  zum  schweren 
Schaden  und  zur  fortwährenden  Hemmimg.  Die  Grimdsätze  der 
Internationale  wirkten  auf  die  Bevölkerung  abstossend,  und  da 
die  Anhänger  der  Internationale,  getreu  des  Meisters  Lehre, 
keineswegs  darauf  ausgingen,  für  sich  imd  ihre  Sache  die  Sympa- 
thien des  Volkes  zu  gewinnen,  sondern  sich  vom  übrigen  Volke 
möglichst  abzusondern  imd  sich  in  einen  feindseügen  Gegensatz 
zu  allen  andern  Klassen  zu  stellen,  ist  es  auch  nicht  zu  verwundem, 
dass  ihnen  die  Sympathien  des  Volkes  sich  nicht  zuwandten.  In 
einer  demokratischen  Republik  aber,  in  welcher  das  Volk  selbst 
der  Souverän  ist,  braucht  jede  Partei,  die  etwas  erreichen  will, 
den  guten  Willen  imd  das  Vertrauen  des  Volkes.  Es  ist  zwar  nicht 
zu  bestreiten,  dass  speziell  die  deutsche  Sozialdemokratie  der 
zürcherischen  Arbeiterbewegung  auch  vorzügHche  und  achtungs- 
werte Führer  gegeben  hat,  die,  wie  Greuhch,  Seidel,  Manz-Schäppi, 
vollständige  Schweizer  geworden  sind,  selbst  wenn  der  eine  oder 
andere  von  ihnen  noch  kein  vollkommen  reines  Schweizerdeutsch 
sprechen  sollte.  Von  Greuhch  sagte  August  Bebel,  er  sei  ,,ganz 
verschweizert",  und  wie  oft  hat  Seidel  in  Arbeiterversammlungen 
leuchtenden  Auges  unsre  herrlichen  Schweizer  Freiheiten  und 
Rechte  gepriesen  und  die  Genossen  aufgefordert,  sich  ihrer  zu 
freuen  und  sie  zu  gebrauchen!  Die  schönsten  seiner  Lieder  wid- 
mete Seidel,  der  gefeierte  Arbeitersänger,  seiner  zweiten  Heimat, 
unserm  Schweizerland.  Diese  und  andere  Genossen  aus  dem 
Deutschen  Reiche  haben  die  nicht  geringe  Mühe  auf  sich  genom- 
men, sich  ganz  in  unsre  Schweizerart  hineinzuleben,  sie  verstehen 
zu  lernen  und  sich  zu  eigen  zu  machen.  Das  bringen  nur  die 
wenigsten  der  von  draussen  hereinkommenden  Genossen  fertig, 


o  XXIX.  KAPITEL:  DIE)  ARBEITERBEWEGUNG  83 

und  für  die  kurze  Zeit,  die  sie  bei  uns  zuzubringen  gedenken, 
wollen  sie  sich  damit  auch  gar  nicht  erst  plagen.  So  bleiben  sie 
uns  wie  wir  ihnen  fremd,  beteiligen  sich  aber  gleichwohl  gelegent- 
lich sehr  lebhaft  an  unsern  wirtschaftlichen  und  selbst  an  po- 
litischen Kämpfen.  Dadurch  schädigen  und  kompromittieren  sie 
aber  nicht  selten  die  vielleicht  sonst  gute  Sache  der  einheimischen 
Arbeiter ;  denn  so  wenig  wie  anderswo  lässt  man  sich  bei  uns  gerne 
von  Fremden  in  die  eigenen  Landesangelegenheiten  hineinreden. 
Dazu  kommt  der  bei  uns  besonders  spürbare  Einfluss  des  doktri- 
nären deutschen  Sozialismus,  der  mit  aller  Gewalt  und  im  Wider- 
spruch mit  dem  ganzen  Geist  und  Wesen  unsrer  Demokratie,  die 
wohl  herrschende  Parteien,  aber  keine  herrschenden  Klassen  kennt, 
auch  unsern  Staat  zum  reinen  ,, Klassenstaat"  stempeln  will.  Re- 
volution imd  Klassenkampf  haben  aber  in  der  reinen  Demo- 
kratie keinen  Sinn,  und  nicht  dazu  hat  imser  Volk  in  jahrhundert- 
langen Kämpfen  die  reine  Demokratie  errimgen,  alle  Klassen- 
vorrechte abgeschafft  und  die  Gleichheit  aller  Bürger  vor  dem 
Gesetz  durchgeführt,  um  schliesslich  die  politische  Macht  wieder 
einer  einzelnen  Klasse,  diesmal  dem  Proletariat,  zu  übertragen. 
Der  Name  Greulichs  taucht  zum  erstenmal  auf  im  Protokoll 
des  (am  10.  März  1840  als  Gesangverein  gegründeten)  deutschen 
Arbeitervereins  ,, Eintracht"  im  Jahre  1865.  Die  Eintragung  be- 
sagt, dass  der  jvmge,  eben  aus  Deutschland  zugereiste  Genosse  den 
Antrag  stellte,  man  möchte  ihm  die  Vereinsvioline  zur  Benutzung 
überlassen,  was  ihm  zugestanden  wurde.  Herman  Greulich  ist 
am  9.  April  1842  in  Breslau  geboren.  Sein  Vater  war  Kutscher 
imd  Transportarbeiter.  Greulich  machte  eine  fünfjährige  Lehrzeit 
als  Buchbinder  durch  und  begab  sich  im  September  1862  auf  die 
Wanderschaft.  Als  Abgeordneter  des  Arbeitervereins  Reutlingen 
besuchte  er  1865  den  dritten  Veremstag  deutscher  Arbeiter- 
vereine in  Stuttgart  und  machte  dort  die  Bekanntschaft  von 
Bebel,  F.  A.  Lange  u.  a.  In  Stuttgart  riet  man  ihm:  ,,Sie  müssen 
nach  der  Schweiz,  dort  werden  Sie  erst  lernen!"  Greulich  Hess 
sich  das  gesagt  sein  tmd  war  einige  Wochen  später  in  Zürich,  zu- 
erst als  Buchbinder,  dann  als  Angestellter  in  einem  photogra- 
phischen Atelier  und  schliesslich  als  Kaffeeröster  im  Konsum- 
verein arbeitend.  Im  August  1867  wurde  die  Sektion  Zürich  der 
,, Internationale"   gegründet  mit  Karl  Bürkli  als  Präsident  imd 


84  XXIX.  KAPITEL:  DIE  ARBEITERBEWEGUNG  o 

Greulich  als  Sekretär.  In  den  Arbeiterversammlungen  im  Schützen- 
haus im  Frülijahr  1868  trat  Greulich  öfters  als  Redner  auf  imd  ver- 
focht den  Anspruch  der  ausländischen  Genossen,  auch  in  Ver- 
fassungs-  und  Gesetzesfragen  in  solchen  Arbeiterversammlimgen 
mitzusprechen.  Eine  gewisse  Rolle  spielte  in  diesen  Schützenhaus- 
Zusammenkünften  der  „Gottist"  Clement,  halb  Sozialist,  halb 
reHgiöser  Schwärmer,  dem  Greulich  entgegentrat,  indem  er  sagte, 
er  habe  dessen  grünes  Büchlein  gelesen,  aber  auch  nicht  einen 
gesimden  Gedanken  darin  gefunden.  Es  war  aber  immerhin  nicht 
so  ungeschickt,  dass  Clement  in  einer  Versammlung  des  ,,Po- 
htischen  Gemeindevereins"  zur  Besprechung  der  sozialen  Frage 
den  Vorschlag  machte,  dass  an  imsrer  Hochschule  die  ,, kompara- 
tive Nationalökonomie"  eingeführt  werden  möchte.  Im  Gegen- 
satz zu  den  ,, Internationalen"  im  Schützenhaus  verkündete  der 
GrütHverein  öffenthch,  dass  er  nicht  in  Sozialismus  mache  und 
gegen  die  Ideen  Clements  und  seiner  Genossen  sei.  Eine  ähnliche 
Stellung  nahm  (1868)  der  ,, allgemeine  Arbeiterverein  des  Kantons 
Zürich"  ein,  welcher  in  einem  Aufruf  zur  genossenschaftlichen  Or- 
ganisation sagte:  ,,Im  Gegensatz  zu  denen,  welche  alles  Heil  von 
der  Staatshilfe  erwarten,  ist  ein  Teil  eurer  Genossen  zusammen- 
getreteji,  um  sich  selbst  zu  helfen.  Der  Kommunismus,  den  man 
ims  von  einigen  Seiten  predigt,  bedroht  ims  mit  dem  Verlust 
unsrer  Selbständigkeit  und  mit  der  Vernichtung  unserer  eigenen 
wenigen  Ersparnisse.  Die  Anklagen  gegen  das  Kapital  haben  ims 
bisher  um  keinen  Schritt  vorwärts  gebracht  imd  können  auf  die 
Dauer  uns  nur  schaden  und  in  den  Strudel  schwerer  Krisen  stürzen. 
Lasst  ims  daher  die  allgemeinen  Redensarten  und  unfruchtbaren 
Hirngespinste  mit  gesunden  Schöpfungen  genossenschaftlicher 
Selbsthilfe  vertauschen."  Die  vom  Verfassungsrat  getroffenen 
Kommissionswahlen  gaben  der  ,, Freitagszeitung"  die  Beruhigung, 
dass  der  Rat  sich  von  den  Schützenhausversammlungen  der  Inter- 
nationale nicht  imponieren  lassen  und  den  Kanton  Zürich  nicht 
dem  Sozialismus  entgegenführen  werde ;  es  sei  bloss  zu  gewärtigen, 
dass  die  bisherige  radikale  Opposition  des  Grossen  Rates  ,,auch 
wieder  System  werde,  sobald  sie  auf  die  ersehnten  Sessel  ge- 
stiegen, dass  sie  die  sozialistische  Partei,  auf  deren  Rücken  sie 
emporgestiegen,  unter  den  Füssen  werde  zu  behalten  suchen,  und 
schliessüch,  dass  sie  zu  dem  Ende  hin  lieber  mit  den  I^iberalen 


o  XXIX.  KAPITEI.:  DIE  ARBEITERBEWE^GUNG  85 

wieder  Friede  machen  werde,  um  gemeinsam  den  Sozialismus  zu 
bekämpfen,  statt  dessen  Diktaten  sich  zu  fügen". 

Auf  Betreiben  GreuHchs  wurde  Ende  1869  eine  Probenummer 
der  ,, Tagwacht",  des  ersten  sozialdemokratischen  Blattes  der 
Schweiz,  herausgegeben.  Sie  erschien  von  1870  an  zweimal 
wöchentlich  unter  der  Redaktion  GreuHchs  und  brachte  schon 
gleich  anfangs  ziemlich  heftige  Artikel  wegen  der  Verwerfung 
des  neuen  kantonalen  Fabrikgesetzes  am  24.  April  1870,  obgleich 
ein  grosser  Teil  der  Arbeiterschaft  selber  das  Gesetz  verworfen 
hatte,  weil  es  ihren  Forderungen  zu  wenig  entsprach.  Der  deutsche 
Arbeiterverein  ,, Eintracht"  ergab  sich  1870/71  dem  Patriotismus, 
holte  seine  Fahne  hervor  und  zog  in  die  Tonhalle,  um  mit  den  All- 
deutschen Sedan  zu  feiern;  den  Genossen  Greulich  wollten  die 
,, Einträchtler"  hinauswerfen,  weil  er  ihren  Hurrahpatriotismus 
bekämpfte.  Am.  4.  Februar  1872  beschloss  eine  Arbeiterversamm.- 
lung  im  alten  Schützenhaus,  einen  Zentralausschuss  der  Kranken- 
kassen und  Gewerkschaften  als  ,, oberste  leitende  Behörde  der 
sozialdemokratischen  Partei"  zu  betrachten  und  ihn  mit  den 
nötigen  Anordnungen  zu  beauftragen,  um  für  die  Schweiz  eine 
grosse,  tatkräftige,  aber  selbständige,  d.  h.  wohl  von  der  Inter- 
nationale unabhängige  sozialdemokratische  Partei  zu  schaffen. 
Etwas  Derartiges  entstand  dann  auch  wirkhch  im  Jahre  darauf. 
Grosses  Aufsehen  erregte  im  Jahre  1872  die  Auslieferung  des  am 
14.  Mai  in  Neumünster  verhafteten  russischen  Revolutionärs 
Netschajeff,  welcher  am  27.  Oktober  geschlossen  abgeführt  wurde, 
sich  aber  dann  auf  dem  Transport  nach  Sibirien  erschoss.  Im 
Kantonsrat  stellte  darüber  am  i.  November  Professor  Gustav 
Vogt  eine  Interpellation. 

Es  ist  zu  einem  guten  Teile  das  Verdienst  GreuHchs  und  seiner 
,, Tagwacht",  dass  am  i. — 3.  Jimi  1873  in  Ölten  der  (alte)  schweize- 
rische Arbeiterbund  gegründet  wurde  als  die  erste  grosse  zentrale 
Organisation  der  Arbeiterschaft  unseres  lyandes,  die  zugleich 
politischer  imd  gewerkschaftlicher  Sammelpunkt  der  schweize- 
rischen Lohnarbeiter  war  und  sich  äusserlich  unabhängig  zur 
Internationale  stellte,  obgleich  er  ihre  grundsätzlichen  Anschau- 
ungen vertrat.  Der  Grütliverein  schloss  sich  dem  Arbeiterbund 
nicht  an,  begrüsste  aber  seine  Gründung  ,,als  im  Interesse  des 
Arbeiterstandes  liegend" ;  dagegen  war  er  dem  bürgerlich-radikalen 


86  XXIX.  KAPITEL:  DIE  ARBEITERBEWEGUNG  o 

„Volksverein"  beigetreten.  Im  Frühling  1874  wollte  der  schweize- 
rische Arbeiterbund  seine  Delegiertenversammlung  in  Zürich  ab- 
halten; er  ersuchte  den  Regierungsrat  um  Überlassung  des  Rat- 
haussaales zu  diesem  Zwecke,  was  auf  Antrag  Gottlieb  Zieglers 
olme  w^eiteres  gestattet  wurde.  Im  Publikum  machte  diese  Er- 
laubnis böses  Blut,  und  eine  mit  10,675  Unterschriften  bedeckte 
Petition  an  den  Kantonsrat  verlangte  ihre  Zurücknahme.  Nach 
lebhafter  Debatte  überwies  am  11.  Mai  der  Kantonsrat  auf  den 
Antrag  von  Forstmeister  Ulrich  Meister  mit  98  gegen  94  Stimmen 
die  Petition  dem  Regierungsrat  zur  Berücksichtigung.  Der  Ar- 
beiterbund tagte  dann  auf  die  Einladung  des  Stadtrates  von 
Winterthur  im  dortigen  Stadthaus;  der  Regierungsrat  aber  erliess 
am  26.  Mai  eine  Verfügung,  wonach  der  Rathaussaal  künftig  keiner 
privaten  Veranstaltung  mehr  einzuräumen,  sondern  einzig  den 
Sitzungen  von  Behörden  zu  reservieren  sei.  Von  diesem  Verbot 
wurden  für  einige  Jahre  auch  die  akademischen  Rathausvorträge 
betroffen.  Im  Grütliverein  war  eine  Spaltung  entstanden  über  der 
Frage  der  Stellung  zum  Volksverein  und  Arbeiterbund.  Während 
die  eine  Richtung  —  hauptsächlich  vertreten  durch  Bleuler-Haus- 
heer,  der  seit  1873  Redaktor  und  Verleger  des  , ,  Grütlianer"  war 
—  den  Grütliverein  ohne  Preisgabe  seines  nationalen  Charakters 
auf  den  Boden  des  modernen  Sozialismus  und  einer  entschiedenen 
Sozialreform-  stellen  wollte,  bekämpfte  dagegen  die  ,, nationale" 
Richtung,  welcher  das  Zentralkomitee  in  Bern  und  der  Zentral- 
präsident Redaktor  Arnold  Lang  das  Panier  vorantrug,  die  Ziele 
und  Grundsätze  der  Internationale.  Der  Streit  endete  mit  dem 
Sturz  des  Zentralkomitees  im  August  1875;  aber  schon  auf  Ende 
1877  legte  Bleuler  Redaktion  und  Verlag  des  ,,Grütlianer"  nieder. 
Dass  bei  ihm  und  wohl  auch  manchen  andern  Demokraten  die 
S3^mpathie  für  die  Internationale  mehr  platonischer  Art  gewesen 
war,  zeigt  seine  scharfe  Stellungnahme  gegen  Greulich,  den  er  noch 
im  Jahr  1874  in  einem  Brief  an  Lange  einen  ,, genialen  Burschen" 
genannt  hatte,  und  die  Tatsache,  dass  er  bereits  im  Februar  1878 
zwischen  sich  und  den  ehemaligen  Genossen  von  der  ,, Tagwacht" 
das  Tafeltuch  ein-  für  allemal  feierlich  zerschnitt.  Im  Mai  1879 
folgte  dann  noch  eine  weitere  scharfe  Absage  im  ,, Landboten". 
Der  gewaltige  Kampf  um  das  eidgenössische  Fabrikgesetz, 
welcher  im  vSpätjahr  1876  einsetzte,  gibt  Gelegenheit,  auch  einer 


o  XXIX.  KAPITEL:  DIE  ARBEITERBEWEGUNG  87 

neuen  politischen  Organisation  der  Konservativen  Erwähnung  zu 
tun:  es  ist  dies  der  „Eidgenössische  Verein",  in  dessen  lebhaft 
bewegter  Sitzung  am  27.  November  1876  auf  der  „Waag"  in 
kontradiktorischem  Verfahren  das  eidgenössische  Fabrikgesetz 
behandelt  wurde.  In  schöner  Vorurteilslosigkeit  hatte  man  auch 
den  Sozialdemokraten  Greulich,  Karl  Biirkli,  Rudolf  Morf  u.  a. 
Zutritt  imd  Teilnahme  an  der  Diskussion  gestattet.  Der  ,, Eid- 
genössische Verein"  war  am  6.  Mai  1875  in  Ölten  gegründet 
worden,  die  Sektion  Zürich  hatte  sich  am  8.  März  1876  konsti- 
tuiert. Unter  den  Mitgliedern  des  ,, Eidgenössischen  Vereins" 
finden  wir  eine  Reihe  von  Trägern  glänzender  Namen  aus  Basel, 
Zürich,  der  Westschweiz.  Das  reichste  und  anregendste  Leben 
in  der  Sektion  Zürich  entfaltete  sich  zu  der  Zeit,  als  Prof.  Dr.  Georg 
V.  Wyss  das  Präsidium,  Friedrich  Otto  Pestalozzi  das  Sekretariat 
inne  hatte  und  der  Bruder  des  letztern,  der  geistvolle  Pfarrer  am 
Grossmünster,  Ludwig  Pestalozzi,  mit  seinen  häufigen  Vorträgen 
das  Vereinsleben  bereicherte.  Eine  imposante  Arbeiter-Lands- 
gemeinde fand  am  13.  Mai  1877  in  Zürich  statt,  die  nach  Reden 
von  Vogelsanger,  Salomon  Vögelin,  Morf  und  Greulich  begeistertes 
Eintreten  für  das  Fabrikgesetz  beschloss.  Demselben  Zweck,  der 
Agitation  für  das  Fabrikgesetz,  diente  auch  der  gemeinsame 
Pfingstkongress  des  Grütlivereins  und  des  Arbeiterbundes  in 
Neuenburg.  Es  war  eine  Bewegung,  wie  sie  gleich  mächtig  in  der 
schweizerischen  Arbeiterschaft  nicht  mehr  vorgekommen  ist,  und 
ihr  war  denn  auch  die  Annahme  des  Fabrikgesetzes  am  21.  Ok- 
tober 1877  zu  verdanken.  Auf  dem  Neuenburger  Kongress  (19.  bis 
22.  Mai  1877)  wurde  auch  die  Gründung  einer  geschlossenen 
sozialdemokratischen  Partei  der  Schweiz  beschlossen;  allein  der 
Allianzvertrag  zwischen  Arbeiterbund  und  Grütliverein,  welcher 
dazu  hätte  führen  sollen,  wurde  vom  Grütliverein  in  seiner  Luzerner 
Delegiertentagung  1878  abgelehnt,  obwohl  der  Verein  gleich- 
zeitig das  von  der  Berner  Sektion  ausgearbeitete  Programm  der 
sozialdemokratischen  Partei  der  Schweiz  annahm.  Die  sozial- 
demokratische Partei  der  Schweiz  konnte  tatsächlich  erst  ins 
Leben  treten,  als  der  Arbeiterbund  sich  im  Jahre  1880  auflöste, 
da  die  Erfahrung  gezeigt  hatte,  dass  eine  und  dieselbe  Organi- 
sation der  gewerkschaftlichen  und  der  politischen  Bewegung 
nicht  gerecht  zu  werden  vermochte.    An  die  Stelle  des  Arbeiter- 


88  XXIX.  KAPITEL:  DIE  ARBEITERBEWEGUNG  o 

bundes  trat  der  schweizerische  Gewerkschaftsbund  einerseits  (mit 
der  ,, Arbeiterstimme"  als  Organ)  und  die  schweizerische  sozial- 
demokratische Partei  andrerseits,  die  aber  noch  Jahre  lang  nicht 
zu  einer  eigentlichen  Entfaltung  kam. 

Die  „Tagwacht"  ging  Ende  1880  ein.  Greulich  war  ver- 
dienstlos und  behalf  sich  einstweilen  mit  journalistischer  Tätig- 
keit für  demokratische  Blätter.  Er  hatte  1876  ein  Heimwesen  in 
Hirslanden  erwerben  können  imd  war  1879  ^^  Stichentscheid 
des  Präsidenten  Gattiker  in  das  Bürgerrecht  von  Hirslanden 
aufgenommen  worden.  Noch  in  der  „Tagwacht"  luid  dann  auch 
in  dem  neuen,  seit  i.  Oktober  1879  ^  Zürich  erschienenen  Blatt 
,,Der  Sozialdemokrat"  trat  GreuHch  der  anarchistischen  Richtung 
Bakrmins  energisch  entgegen.  Der  ,, Sozialdemokrat"  war  haupt- 
sächlich für  die  Genossen  in  Deutschland  bestimmt,  welche  durch 
das  am  21.  Oktober  1878  erlassene  Sozialistengesetz  in  ihrer 
freien  Bewegung  schwer  gehemmt  waren  imd  deshalb  die  Zentral- 
stelle für  ihre  agitatorische  Tätigkeit  nach  Zürich  verlegt  hatten. 
Von  hier  aus  versorgte  ,,der  rote  Postmeister"  (Motteier)  auf 
hundert  Schleichwegen  und  mit  Schmuggelkniffen  aller  Art  die 
Genossen  im  Reich  mit  verbotener  Literatur.  Am  20. — 23.  August 
1880  imd  ebenso  am  21.  August  1881  tagte  auf  Schloss  W^^den 
bei  Ossingen  ein  hauptsächlich  von  Deutschen  besuchter  inter- 
nationaler Kongress.  Die  letzte  Lebenszeit  der  ,, Tagwacht" 
kennzeichnete  ein  leidenschaftlicher  Kampf  des  Mitarbeiters 
Herter  gegen  das  Offizierskorps,  das  in  einer  Versammlung  am 
27.  Oktober  1880  auf  ,,Zim.merleuten"  unter  dem  Vorsitz  von 
Oberst  Meister  eine  Eingabe  an  den  Bundesrat  beschloss,  aber 
den  Bescheid  erhielt,  dass  bedauerlicherweise  nach  gegenwärtigem 
Gesetz  gegen  die  „Tagwacht"  nicht  eingeschritten  werden  könne. 

Zwischen  den  Demokraten  und  den  Arbeitern  war  allmählich 
eine  ziemHch  tiefe  Entfremdimg  eingetreten.  Ernüchternd  hatte 
es  schon  gewirkt,  als  auf  dem  Arbeitertag  in  Uster  am  28.  Januar 
1877  Regierungsrat  Sieber  erklärt  hatte,  dass  er  ,,im  Prinzip" 
ganz  einverstanden  sei  mit  den  gewünschten  sozialistischen  Neue- 
rungen (unentgeltliche  Krankenpflege  usw.),  dass  aber  der  Staat 
zu  ihrer  Ausführung  kein  Geld  habe.  Als  am  18.  Juni  1877  Karl 
Bürkli  im  Kantonsrat  gegen  die  Nordostbahn  vorging  und  unter 
schärfsten    persönUchen    Ausfällen    auf    den    anwesenden    Alfred 


o  XXIX.  KAPITEL:  DIE  ARBEITERBEWEGUNG  89 

Escher  strafrechtliche  Untersuchung  ihrer  ,, Misswirtschaft"  ver- 
langte, erhoben  sich  für  seine  Motion  nur  drei  Mitglieder,  imd  die 
daraufhin  inszenierte  Volksinitiative  gegen  die  Nordostbahn  er- 
zielte nicht  die  nötige  Unterschriftenzahl.  Auf  dem  Arbeitertag 
in  Winterthur  am  20.  Januar  1878  machte  Greulich  die  Dem.o- 
kraten  für  diese  Niederlage  verantwortlich  und  warf  ihnen  vor, 
sie  hätten  die  Revisionsbewegung  nur  benutzt,  um  sich  gute 
Plätze  imd  ihren  Unternehmungen,  die  jetzt  vor  dem  Zusammen- 
bruch ständen,  die  staatliche  Unterstützung  zu  sichern.  Auch  in 
der  Frage  des  staatlichen  Getreidehandels,  dessen  Einführung 
der  Arbeitertag  auf  die  Initiative  des  Arbeitervereins  Töss  hin  an- 
zustreben beschloss,  gingen  Demokraten  und  Arbeiter  auseinander, 
und  bei  den  Regierungs-  und  Kantonsratswahlen  vom  14.  Mai 
1878  traten  die  Arbeiter  zum  erstenmal  als  sozialdemokratische 
Partei  selbständig  auf,  was  ümen  aber  schlecht  bekam,  da  sie 
keine  Eroberungen  machten  und  noch  verloren,  was  sie  hatten. 
Auch  Karl  Bürkli  wurde ,, gesprengt"  und  erst  später  in  Töss  wieder- 
gewählt. Die  von  der  Partei  ins  Werk  gesetzte  Getreidemonopol- 
Initiative,  für  welche  6072  Unterschriften  eingingen,  w^urde  vom 
Kantonsrat  am  19.  Februar  1879  ablehnend  begutachtet  und  am 
4.  Mai  1879  vom  Volk  verworfen. 

Als  Hauptträger  und  Förderer  der  Idee  des  Getreidemonopols 
in  der  Schweiz  ist  Robert  Seidel  anzusehen.  Schon  auf  dem 
Winterthurer  Arbeitertag  vom  Januar  1878  wurde  auf  seinen  An- 
trag die  Zustimmung  zu  der  Anregung  des  Arbeiter^^ereins  Töss 
beschlossen,  und  seitdem  hat  vSeidel  wiederholt  den  Gedanken 
des  Getreidemonopols  wieder  aufgegriffen  und  in  zahllosen  Vor- 
trägen, in  Broschüren  und  Zeitungsartikeln  dafür  Propaganda  ge- 
macht. Es  bedurfte  aber  des  europäischen  Krieges  von  1914/15,  um 
ihm  zum  Durchbruch  zu  verhelfen,  und  am  7.  April  1915  hatte 
Seidel  die  Genugtuung,  im  Nationalrat  den  Vertreter  des  Bundes- 
rates die  Gedanken  und  Anschauungen  entwickeln  zu  hören,  die 
er  seit  Jahrzehnten  verfochten  hatte.  Robert  Seidel  ist  geboren  am 
23.  November  1850  zu  Kirchberg  in  Sachsen.  Er  wurde  Buckskin- 
weber  in  Crimmitschau  und  entfaltete  im  Arbeiterbildungsverein, 
im  Volksverein  usw.  eine  reiche  Tätigkeit  als  Vorstandsmitglied, 
Sekretär  und  Lehrer.  In  einem  Alter,  da  andere  noch  erzogen 
werden,  mit  19  Jahren,  hielt  Seidel  bereits  öffentliche  Vorträge 


90  XXIX.  KAPITEL:  DIE  ARBEITERBEWEGUNG  o 

Über  Erziehung.  \^on  1870  an  arbeitete  er  als  Weber  und  später 
als  kaufmännischer  Angestellter  in  verschiedenen  Fabriken  im 
Kanton  Zürich  und  übernahm  sodann  am  i.  November  1876  die 
Stelle  des  Zentralbuchhalters  bei  den  sogenannten  „Bundesinsti- 
tuten" des  schweizerischen  Arbeiterbmides  in  Zürich  (Druckerei, 
Buchhandlmig,  Expedition  der  „Tagwacht").  1880  erwarb  Seidel 
nach  nur  einjährigem  Besuch  des  Seminars  Küsnacht  das  Primar- 
lehrerpatent,  später  auch  das  Sekundarlehrerpatent.  Seidel  nahm 
lebhaften  Anteil  an  den  Verhandlungen  des  sozialistischen  Welt- 
kongresses in  Chur  vom  2. — 4.  Oktober  1881.  Dieser  Kongress, 
der  vom  Generalrat  der  sozialistischen  Partei  Belgiens  einberufen 
worden  war,  hat  seine  Vorgeschichte.  Er  hätte  in  Zürich  statt- 
finden sollen;  es  stellten  sich  aber  die  Herren  vom  ,, Eidgenös- 
sischen Verein"  (Oberst  Eduard  Ziegler,  Georg  v.  W^yss,  Oberst 
Pestalozzi  u.  a.)  an  die  Spitze  einer  mächtigen  Volksbewegung, 
welche  in  kürzester  Frist  über  30,000  Unterschriften  für  eine 
Petition  gegen  die  Abhaltung  des  Kongresses  in  Zürich  zusammen- 
brachte. Die  Erregung  ist  zu  verstehen,  wenn  man  liest,  in  welcher 
rohen  Weise  in  der  internationalen  Presse  der  Zarenmord  vom 
13.  März  1881  in  Petersburg  (Alexander  II.)  verherrlicht  tmd  das 
wüste  Treiben  der  Anarchisten  in  Schutz  genommen  wurde.  Der 
Regierungsrat  gab  am  12.  Juni  der  Petition  Folge;  die  Regierungs- 
räte Hauser  und  Stössel  protestierten  dagegen  zu  Protokoll  als 
gegen  eine  Verletziuig  der  verfassungsmässigen  Versammlungs- 
freiheit. Am  12.  Juli  wies  der  Kantonsrat  nach  zweitägiger  Be- 
ratung unter  Namensaufruf  mit  120  gegen  69  Stimmen  den  Re- 
kurs ab,  den  Karl  Bürkli,  Herter  und  Obrist  gegen  den  Regierungs- 
beschluss  eingereicht  hatten.  Die  demokratische  Minderheit  des 
Kantonsrats  rekurrierte  ohne  Erfolg  an  das  Bimdesgericht.  So 
lebhaft  sich  aber  die  Demokraten  für  das  Recht  der  Versammlimgs- 
freiheit  wehrten,  missbilligten  doch  auch  sie  den  verhetzenden 
und  verletzenden  Ton  der  sozialistischen  Presse.  Salomon  Vögelin 
sagte  im  Kantonsrat  einmal,  es  komme  dem  mit  ruhigem  Tem- 
perament ausgestatteten  Zürcher  Bürger  widerlich  vor,  sich  in 
der  ,, Tagwacht"  allwöchentlich  vor  die  Alternative  gestellt  zu 
sehen,  er  sei,  wenn  er  sich  dem  neuen  sozialdemokratischen  Evan- 
gelium nicht  anschliesse,  entweder  ein  Blödsinniger,  an  Gehirn- 
erweichimg Leidender,  oder  aber  ein  Schurke.    Für  den  GrütH- 


o  XXIX.  KAPITEL:  DIE  ARBEITERBEWEGUNG  91 

verein  bot  diese  Kongressaffäre  den  Anlass,  sich  am  21.  August 
1881  von  den  ,, Internationalen"  zu  trennen  und  einen  Verband 
der  Grütlivereine  des  Kantons  Zürich  zu  bilden.  Aber  schon  1883 
fand  wieder  eine  Annäherung  statt,  und  es  wurde  ein  gemeinsames 
Komitee  der  Grütli-  und  Arbeitervereine  eingesetzt. 

Im  Jahre  1884  wurde  Greulich  Angestellter  und  dann  Chef 
des  kantonalen  statistischen  Bureaus.  Kurze  Zeit  darauf  trat  er 
wieder  vollständig  in  den  Dienst  der  Arbeiterbewegung.  Vom 
schweizerischen  Grütliverein  war  nämlich  die  Anregimg  zur  Grün- 
dung eines  neuen  schweizerischen  Arbeiterbundes  auf  neutraler 
Grundlage  und  mit  einem  ständigen  Sekretariat  ausgegangen.  In 
einer  Eingabe  an  das  eidgenössische  Handels-  und  Landwirtschafts- 
departement vom  28.  August  1886  ersuchte  der  Grütliverein  um 
eine  Bundessubvention  für  ein  solches  Sekretariat.  Das  Gesuch 
fand  gute  Aufnahme  und  am  10.  April  1887  konnte  in  Aarau  der 
neue  schweizerische  Arbeiterbund  konstituiert  werden,  dessen 
Zweck  die  gemeinsame  Vertretung  der  wirtschaftlichen  Interessen 
der  Arbeiterklasse  ist.  Zum  schweizerischen  Arbeitersekretär 
wurde  am  genannten  Tage  Herman  Greulich  gewählt;  der  eben- 
falls vorgeschlagene  Seidel  blieb  in  Minderheit.  Das  schweize- 
rische Arbeitersekretariat,  das  seinen  Hauptsitz  in  Zürich  hat, 
wird  vom  Bunde  mit  25,000  Franken  jährlich  subventioniert,  ein 
Beweis,  zu  welcher  Bedeutung  und  Anerkennung  es  die  Arbeiter- 
bewegtuig  in  der  Schweiz  gebracht  hat.  Das  Verhältnis  zwischen 
den  zürcherischen  Demokraten  und  den  Sozialdemokraten  machte 
noch  mancherlei  Wandlungen  durch  und  wechselte  zwischen  ge- 
legentlichen Bündnissen  und  heftiger  Fehde.  Besonders  ver- 
übelte man  es  bei  den  Arbeitern  den  Demokraten,  dass  sie  nach 
dem  Schlosserstreik  von  1886  den  Justizdirektor  Spiller  wieder 
wählen  halfen.  Nach  und  nach  bildete  sich  dann  der  Zustand 
heraus,  den  Reinhold  Rüegg  mit  dem  gemütlichen  Ausspruch 
kennzeichnete:  ,,Die  Demokratie  denkt  noch  keineswegs  ans 
Einpacken.  Sie  hat  ein  bescheidenes  Vermögen,  bewegt  sich  in 
bürgerlich  geordneten  Verhältnissen,  geniesst  die  Achtung  der 
freisinnigen  Kreise  und  lässt  die  Sozialdemokraten  höhnen;  das 
tut  nicht  weh." 

►♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ 


E.  E.  ScUlatter 


^n  der  ofcßjpfe  in  Züricß 


SECHSTER  TEIL 


DAS  AUFBLÜHEN  DER  STADT 


S¥e/nr/c6  ^7T(pusson 

Stadtpräsident 


DREISSIGSTES  KAPITEL 


STADTPRÄSIDENT  MOUSSON 

Johann  Heinrich  Emanuel  Mousson  war  der  ältere  Sohn  des 
eidgenössischen  Kanzlers  Johann  Marcus  Samuel  Mousson 
(t  22.  Juni  1861).  Er  wurde  geboren  am  29.  September  1803  im 
Hause  seines  Grossvaters,  des  damaUgen  Pfarrers  von  Lonay  bei 
Morges.  Zwei  Monate  vor  seiner  Geburt  war  sein  Vater  im  Alter 
von  erst  27  Jahren  zum  eidgenössischen  Kanzler  ernannt  worden, 
und  er  führte  dieses  wichtige  Amt  mit  solcher  Auszeichnung,  dass 
ihn  die  Regierungen  von  Zürich  (1816)  und  Bern  (1821)  mit  dem 
Landrecht,  die  beiden  Hauptstädte  mit  dem  erblichen  Bürger- 
recht beschenkten.  Der  mit  dem  Wechsel  des  Vororts  verbundene 
mehrmahge  Wohnsitzwechsel  des  Kanzlers  legte  den  Grund  zur 
künftigen  Bestimmimg  seines  Sohnes  und  bedingte  dessen  Bil- 
dungsgang. Heinrich  Emanuel  Mousson  erhielt  seinen  Unterricht 
am  Schochschen  Institut  in  Zürich  und  an  der  Akademie  in  Bern. 
Nach  einem  Aufenthalt  in  Genf  bezog  er  1824  die  Universität 
Göttingen  als  Studierender  der  Rechte,  brachte  den  Winter 
1827/28  in  Paris  zu  und  trat  sodann  als  FreiwilHger  unter  den 
Augen  seines  Vaters  in  den  Dienst  der  eidgenössischen  Kanzlei. 
Noch  im  Jahre  1828  wurde  er  zum  Privatsekretär  seines  Vaters 
befördert.  Nach  dessen  Rücktritt  avancierte  der  bisherige  eid- 
genössische Staatsschreiber  Amrhyn  zum  Kanzler  und  Heinrich 
Mousson  wurde  Staatsschreiber.  Das  Amt  entsprach  der  sorg- 
fältigen Vorbildung,  die  er  dazu  erhalten  hatte,  seinen  Fähig- 
keiten und  Neigungen.  In  Charakter,  Überzeugungen  tmd  Talent 
war  er  dem  Vater  ähnlich,  doch  von  weicherer  Gemütsart.  Als 
die  Wirren  von  Schwyz  imd  Basel  1833  die  Schweiz  erschütterten 
und  die  Mehrheit  der  Stände  mit  Waffengewalt  gegen  die  Minder- 
heit einschritt,  fühlte  er  sich  gedrungen,  sein  Amt  als  eidgenös- 
sischer Staatsschreiber  niederzulegen  (5.  August  1833),  da  er  die 
Fortführung  desselben  mit  seinem  der  Eidgenossenschaft  als 
Ganzes  geleisteten  Eide  für  unverträglich  hielt. 


96  XXX.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  MOUSSON  o 

Mousson  Hess  sich  nunmehr  in  Zürich  nieder,  wo  er  das  Bürger- 
recht besass,  und  wurde  alsbald  zum  MitgHed  des  Grossen  Rates 
gewählt.  1834  übernahm  er  das  Sekretariat  des  kaufmännischen 
Direktoriums,  dem  jetzt  nach  den  zwischen  Staat  und  Stadt 
geschlossenen  Verträgen  die  Ausführung  wichtiger  Bauten  über- 
tragen war.  Im  Jahr  1836  wurde  Mousson  MitgHed  des  Grossen 
Stadtrates  und  des  Bezirksgerichts  Zürich.  Die  konservative 
Staatsumwälzung  von  1839  verschaffte  Mousson  den  Eintritt  in 
die  Regierimg  (20.  September).  Schon  im  folgenden  Jahre  wurde 
er  als  Nachfolger  von  J.  J.  Hess  Bürgermeister  und  damit  Amts- 
genosse des  weit  altem,  aber  mit  ihm  befreundeten  C.  v.  Muralt. 
Doch  auch  hier  musste  nach  einigen  Jahren  eine  eidgenössische 
Frage  Veranlassimg  zu  seinem  Rücktritt  werden.  Was  Mousson 
im  Jahre  1833  bewogen  hatte,  seiner  damahgen  eidgenössischen 
Laufbahn  zu  entsagen,  wiederholte  sich  jetzt  in  viel  grösserem 
Masstabe  gerade  in  dem  AugenbUck,  als  ihn  sein  Amt  als  Haupt 
des  Vorortes  an  die  Spitze  der  Eidgenossenschaft  rief.  Unter  dem 
Einfluss  der  Jesuiten-  und  Klosterfrage  war  ein  gänzHcher  po- 
litischer Umschwung  im  Kanton  Zürich  erfolgt  imd  hatte  auch 
eine  andere  Zusammensetzimg  des  Regierungsrates  imd  Grossen 
Rates  herbeigeführt,  welche  dem  Bürgermeister  als  Tagsatzimgs- 
präsidenten  die  Fortsetzung  seiner  vermittelnden  Politik  unmög- 
Hch  machte.  Mousson  eröffnete  zwar  noch  die  Tagsatzung  vom 
20.  Februar  1845  in  Zürich  und  nahm  die  Gelegenheit  wahr,  die 
Ehre  und  Unabhängigkeit  der  Eidgenossenschaft  gegen  die  un- 
gebührHche  Einmischung  Frankreichs  in  ihre  inneren  Angelegen- 
heiten nachdrückhch  zu  verteidigen.  Aber  am  3.  April  trat  er  so- 
dann mit  Bluntschli  aus  dem  Regierimgsrat  zurück,  bUeb  zwar 
MitgUed  des  Grossen  Rates,  hatte  jedoch  nun  bis  1847  eine  ge- 
wisse Mussezeit. 

Ein  neuer,  ihm  voll  zusagender  Wirkungskreis  eröffnete  sich 
ihm,  als  die  Stadtgemeinde  Zürich  ihn  am  17.  Mai  1847  zum  Mit- 
gHed des  engern  Stadtrates  berief  und  im  Herbst  1848  auch  zum 
Vizepräsidenten  des  Stadtrates  beförderte.  Mit  rüstiger  Tätigkeit 
und  mit  der  wohltuenden  Empfindung,  PfHchten  obzuHegen,  von 
denen  das  Wohl  des  Ganzen  und  vieler  Einzelner  oft  weit  mehr 
abhängt  als  vom  Ausgang  poHtischer  Parteikämpfe,  mag  auch  ihr 
Gebiet  vom  lauten  Treiben  des  Tages  oft  weit  abHegen,  widmete 


o  XXX.  KAPITBL:  STADTPRÄSIDENT  MOUSSON  97 

sich  Mousson  nun  den  wichtigsten  Zweigen  der  städtischen  Ver- 
waltung. Als  ihm  am  i.  Juni  1863  das  Amt  des  Stadtpräsidenten 
übertragen  wurde,  sah  er  sich  in  einflussreicher  Stellung  auch  an 
einer  Aufgabe  beteiligt,  die  ihn  an  eine  frühere  vielfach  erinnern 
musste.  Denn  an  die  städtischen  Bauten  von  1834/40  schlössen 
sich  nun  die  Anfänge  einer  weit  umfassenderen  baulichen  Ent- 
wicklung der  Stadt  an,  die  neben  Umgestaltungen  auf  allen  andern 
Gebieten  des  Gemeindelebens  einhergingen  und  Mousson  voll  in 
Anspruch  nahmen.  Sein  Wirken,  seine  Leitung  des  städtischen 
Gemeinwesens  fand  allgemeine  Anerkennung.  Alle  amtUche  Arbeit 
hinderte  ihn  nicht,  in  mannigfachen  Kreisen  freiwilhger  Art  für 
Zwecke  der  Wohltätigkeit  und  rehgiöse  Bestrebungen  tätig  zu 
sein.  Als  Mitghed  des  Konsistoriums  der  französischen  Kirche  in 
Zürich,  einer  1685  für  die  aus  Frankreich  flüchtenden  Protestanten 
errichteten  Stiftung,  nahm  er  einen  ihm  durch  FamiHenerinne- 
rungen  und  ernsten  eigenen  Glauben  nahe  liegenden  Anteil  an  der 
Leitung  ihrer  Gemeinde.  Er  behielt  auch  bis  1868  seine  Stelle 
eines  Mitgliedes  des  Grossen  Rates  unter  den  Vertretern  der  Stadt 
bei.  Indessen  hatte  ihn  schon  1867  ein  körperliches  Leiden  er- 
griffen, welches  sich  zuletzt  auf  die  Stimm.organe  warf,  ihm  all- 
mählich sehr  hemmend  entgegentrat,  und  nur  die  Zuvorkommen- 
heit seiner  Amtsgenossen,  die  auf  sein  Verbleiben  in  den  Ge- 
schäften grossen  Wert  legten  und  seine  Aufgabe  zu  erleichtern 
suchten,  bewog  ihn,  noch  auszuharren.  Als  aber  ein  längerer  Auf- 
enthalt im  Süden  im  Frühjahr  1869  das  Übel  nicht  zu  heben 
vermochte  und  er  wenige  Tage  nach  seiner  Heimkehr  von  einer 
zweiten  schweren  Prüfung  heimgesucht  wurde,  indem  er  plötzHch 
nahezu  erbhndete,  während  Stimmlosigkeit  ihn  des  Gesprächs  mit 
andern  beraubte,  legte  er  am  3.  Juli  1869  alle  seine  Stellen  nieder. 
Als  die  städtischen  Behörden  in  einer  von  der  goldenen  Verdienst- 
medaille begleiteten  Urkunde,  die  er  nicht  selbst  zu  lesen  im- 
stande war,  ihren  Dank  für  seine  zweiundzwanzigj  ährige  Wirk- 
samkeit aussprachen,  lehnte  er  das  ihm  erteilte  Lob  ab.  In  stiller 
Ergebung  trug  er  die  Heimsuchung,  bis  ihm  am  Tage  nach  der 
Weihnacht,  die  noch  einmal  die  Seinigen  um  ihn  versammelte,  die 
ersehnte  Erlösung  zuteil  wurde.  Dritthalb  Wochen  früher  war 
ihm  sein  einstiger  Amtsgenosse  v.  Muralt  als  90 jähriger  Greis  im 
Tode  vorangegangen.    (Nach  den  Nekrologen  von  Georg  v.  Wyss^ 


98  XXX.  KAPITEL:  STADTPRÄSIDENT  MOUSSON  o 

dem  Schwager  Moussons,  in  der  Allg.  deutschen  Biographie  und 
der  „N.Z.Z.")-  * 

In  die  Amtsjahre  des  Stadtpräsidenten  Mousson  fällt  eine 
wichtige  rechtliche  und  organisatorische  Änderung  der  Stadt- 
verwaltung: die  völlige  Rechtsgleichheit  zwischen  Bürgern  und 
Niedergelassenen  in  Gemeindeangelegenheiten.  Zuerst  brach  sich 
das  Prinzip  Bahn  auf  dem  Gebiete  der  Schule,  etwas  früher  auf 
dem  Lande,  etwas  später  in  der  Stadt,  die  in  dieser  Beziehung 
infolge  eines  besondern  Gesetzes  noch  eine  bevorzugte  Stellung 
inne  hatte.  Noch  in  den  fünfziger  Jahren  hatten  —  wie  Treichler 
in  einem  Rathausvortrag  am  lo.  Januar  1884  über  ,, Politische 
Wandlungen  in  der  Stadt  Zürich"  ausführte  —  die  Nieder- 
gelassenen zum  städtischen  Schulwesen  rein  nichts  zu  sagen.  Die 
städtischen  Schulen  waren  ihren  Kindern  zwar  nicht  verschlossen, 
aber  wenn  sie  das  hohe  Schulgeld  von  12  bis  20  Fr.  für  einen 
Primarschüler  nicht  bezahlen  konnten  oder  wollten,  so  mochten 
sie  ihre  Kinder  in  die  von  mildtätiger  Hand  gestiftete  Armen- 
schule zum  Brunnenturm  schicken.  Eine  Knabensekundarschule 
gab  es  nicht.  Endlich  verlangten  die  Niedergelassenen,  im  Schul- 
wesen in  der  Stadt  nicht  schlechtem  Rechtes  zu  sein  als  in  jeder 
Landgemeinde.  In  der  Bürgerschaft  hegte  man  dagegen  die 
grössten  Bedenken,  da  die  Niedergelassenen  bereits  die  Mehrheit 
bildeten.  ,,War  es  da,"  sagte  man,  ,, nicht  eine  Pflicht  der  Be- 
hörde gegen  die  vorangegangene  und  die  kommende  Generation, 
wenigstens  die  hergebrachten  bürgerlichen  Schulen  gegen  die 
Fluktuationen  einer  so  zahlreichen,  allen  Zufälligkeiten  preis- 
gegebenen Gemeindeversammlung  sicher  zu  stellen?"  Daher  ver- 
langten die,  welche  so  sprachen,  einen  doppelten  Schulorganismus 
für  die  Stadt  Zürich :  bürgerliche  Schulen  unter  einer  bürgerlichen 
Behörde  und  Gemeindeschulen  unter  einer  besondern  Gemeinde- 
schulpflege. Doch  siegte  auch  hier  schliesslich  der  Einheits-  und 
Solidaritätsgedanke:  nur  eine  städtische  Schulgemeinde,  nur 
eine  Stadtschulpflege,  nur  ein  Schulfond.  Ja,  die  neue,  nun- 
mehr aus  Bürgern  und  Niedergelassenen  bestehende  Schulgemeinde 
geht  noch  einen  Schritt  weiter:  Einstimmig  beschliesst  sie  1860 
auf  Antrag  der  neuen  Stadtschulpflege,  dass  in  Zukunft  in  Zürich 
wie  in  allen  andern  Gemeinden  des  Kantons  nur  noch   eine,  die 


5^ 


Ö 


o  XXX.  KAPITEL:  STADTPRÄSIDENT  MOUSSON  gg 

Kinder  aller  Volksklassen  umfassende  Primarschule  bestehen  soll; 
daher  seien  die  beiden  Schulanstalten,  in  welche  die  Primar- 
schule der  Stadt  Zürich  bis  anhin  zerfiel,  nämlich  die  städtische 
KJnaben-  und  Mädchenschule  und  die  sogenannte  Gemeindeschule 
im  Brunnenturm,  in  eine  Primarschule  zu  verschmelzen. 

Unter  den  sieben  Verfassungsgesetzen,  welche  das  Volk  am 
15.  Oktober  1865  mit  wuchtigem  Mehr  annahm,  befand  sich  auch 
das  Gesetz  über  die  Organisation  der  Gemeindebehörden,  welches 
die  Vertretung  der  Niedergelassenen  regelte,  und  dann  folgte, 
vom  Grossen  Rat  am  25.  April  1866  erlassen,  das  neue  Gemeinde- 
gesetz. Dasselbe  brachte  die  Einfühnmg  der  ,,  Einwohner- 
gemeinde", innerhalb  welcher  die  Bürgerschaft  als  besondere 
Sektion  ihre  eigenen  Angelegenheiten  ordnen  sollte.  Auf  dieses 
Gesetz  stützte  sich  die  neue  Stadtverfassung:  die  städtische 
Gemeindeordnung  vom  i.  Juli  1866.  Die  bisher  den  13  Zünften 
zustehende  Wahl  des  Grossen  Stadtrates,  der  mit  Einschluss  des 
engern  siebengliedrigen  Stadtrates  60  Mitglieder  zählen  sollte, 
ging  auf  den  einheitlichen  Wahlkörper  der  Gesamtgemeinde  über, 
und  als  eine  bezeichnende  Wirkung  dieser  Änderung  wurde  es 
u.  a.  angesehen,  dass  bei  einer  Wahl  in  den  Grossen  Stadtrat  am 
5.  August  1866  Karl  Bürkh  über  den  greisen  Führer  der  Alt- 
Konservativen,  Oberst  Nüscheler,  siegte.  Als  erster  Vertreter  der 
Niedergelassenen  im  engern  Stadtrat  wurde  am  29.  Juli  1866 
Spenglermeister  Schnurrenberger-Dickenmann,  der  spätere  Ver- 
walter des  BurghölzH,  gewählt.  Auf  dem  Stadthaus  in  Zürich  war 
damit  die  rein  bürgerliche  Fahne  niedergeholt. 

Am  IG.  Mai  1865  wohnten  in  Zürich  15,000  Menschen  der 
Hinrichtung  des  Mörders  Götti  bei.  Es  war  dies  die  letzte  öffent- 
liche und  überhaupt  die  letzte  Hinrichtung  im  Kanton  Zürich.  — 
Am  Dienstag  den  24.  Juli  1866  fuhren  vier  zweispännige  Wagen 
in  den  Posthof  von  Zürich  ein.  Sie  brachten  Fässchen  mit  der 
Aufschrift  „Württembergische  Staatskasse".  Ihr  Inhalt  bestand 
aus  gemünztem  Gold,  total  1,800,000  Gulden,  die  vor  den  Preussen 
geflüchtet  wurden.  Der  württembergische  Finanzminister  be- 
gleitete persönlich  den  Transport  und  deponierte  den  Staatsschatz 
bei  der  Kreditanstalt.  Auch  die  Frankfurter  hatten  einen  grossen 
Teil  ihrer  Gelder  und  Wertpapiere  nach  Zürich  gesandt.  —  Im 
Jahre  1867  sollte  in  unserer  Stadt  das  eidgenössische  Musikfest 


loo  XXX.  KAPITEL:   STADTPR.\SIDENT  MOUSSON  o 

stattfinden;  man  war  aber  in  Verlegenheit  um  ein  geeignetes 
Lokal.  Da  kam  Professor  Karl  Keller  auf  den  glücklichen  Ge- 
danken, das  alte  Kornhaus  am  Sei  zu  diesem  Zwecke  herzustellen, 
imd  es  gelang  ihm,  den  Stadtrat  mid  dann  auch  die  Gemeinde  für 
diese  Idee  zu  gewinnen.  Das  Gebäude  wurde  seit  dem  Bezug 
des  neuen  Kornhauses  beim.  Bahnhof  im  Jahre  1860  zu  allen  mög- 
lichen Zwecken  benützt.  Neben  der  S^magoge  der  Israehten  hatten 
darin  die  Musensöhne  ihren  Fechtboden;  zur  Seite  einer  Dienst- 
männeranstalt tönte  das  Gepolter  einer  Schreinerwerkstäl te,  wäh- 
rend in  einer  andern  E'^ke  um  Trödelkram  und  alte  Möbel  ge- 
feilscht wurde  und  Ratten  mid  Mäuse  überall  herumhuschten. 
Nun  sollte  dieses  alte  Kornhaus  ausgehöhlt  und  in  eine  Tonhalle 
umgewandelt  werden,  die  zugleich  auch  andern  öffentlichen 
Zwecken,  wie  namentlich  der  Gemeindeversammlung,  dienen 
konnte;  hatte  doch  die  Kirchenpflege  St.  Peter  schon  zu  ver- 
stehen gegeben,  dass  die  Abhaltung  der  Gemeindeversammlungen 
in  ihrem  Gotteshaus  an  Sonntagvormittagen  ihr  nicht  mehr  passe. 
Nun  fand  freilich  die  städtische  Baukommission,  dass  die  Lage 
des  alten  Kornhauses  für  Gesellschafts-  und  öffentliche  Zwecke 
imgünstig  sei,  und  beantragte  deshalb,  den  Kredit  für  den  Umbau 
auf  das  im  Hinblick  auf  das  eidgenössische  Musikfest  durchaus 
erforderliche  Mass  zu  beschränken.  In  diesem  Sinne  fasste  auch 
die  Gemeinde  am  3.  März  1867  Beschluss.  An  der  Gemeinde- 
versammlung zu  St.  Peter,  die  wegen  anderer  wichtiger  Trak- 
tanden den  ganzen  Tag  dauerte,  nahm  auch  Musikdirektor  Wil- 
helm Baumgartner  teil,  der  allen  Schweizern  lieb  und  wert  ist 
allein  schon  wegen  seiner  Komposition  von  Gottfried  Kellers  ,,0 
mein  Heimatland"  und  dessen  Denkmal  in  der  Platzpromenade 
am  15.  November  1891  enthüllt  wurde.  Baumgartner  hielt  den 
ganzen  Tag  in  der  ungeheizten  Kirche  aus,  um  nur  ja  den  Augen- 
blick nicht  zu  versäumen,  da  die  Tonhalleangelegenheit  zur  Ab- 
stimmung kommen  würde,  und  mit  seiner  Stimme  zur  Annahme 
mitzuhelfen.  Er  zog  sich,  bereits  leidend,  eine  schlimme  Er- 
kältung zu,  an  deren  Folgen  er  am  Abend  des  17.  März  starb. 
Die  Kornliaus-Tonhalle  aber,  welche  bequem  700  Sänger  und  Mu- 
siker und  3600  Zuhörer  fasste,  bestand  am  eidgenössischen  Musik- 
fest, Mitte  Juli  1867,  die  Probe  aufs  glänzendste,  und  nament- 
lich die  Akustik  war  tadellos.    Noch  niemals  seien  Zürich,  meinte 


?s 

g 
I 

«5 


I 


^ 


Ol 

I 


R 


^ 


o  XXX.  KAPITEI,:  STADTPRÄSIDENT  MOUSSON  loi 

die  „Freitagszeitung",  solche  musikalische  Genüsse  geboten 
worden,  und  der  Wunsch  setzte  sich  fest,  dass  die  Darbietungen 
der  Musik,  die  —  ausser  den  in  den  Kirchen  abgehaltenen  Chor- 
aufführungen —  im  Kasino  nur  einem  kleinen  Kreise  zugänglich 
waren,  zum  Gemeingut  der  ganzen  kunstliebenden  Bevölkerung 
gemacht  werden  möchten.  Das  war  nur  möglich  durch  den  voll- 
ständigen Ausbau  der  Tonhalle,  zu  welchem  Zweck  sich  anfangs 
1868  eine  Gesellschaft  bildete,  die  mit  dem  Stadtrat  einen  Ver- 
trag über  den  von  der  Stadt  auszuführenden  Ausbau  und  die 
von  der  Gesellschaft  zu  übernehmende  Miete  abschloss.  In  der 
Gemeindeversammlung  vom  3.  Mai  1868  wurde  dieser  Vertrag 
genehmigt.  ,,Und  zu  was  allem,"  schrieb  die  ,, Ausstellungs- 
zeitung" 1883,  ,,hat  im  Laufe  der  Jahre  der  Tonhallesaal  und  der 
Pavillon  schon  dienen  müssen!  Die  grossen  Aufführungen  des 
Gemischten  Chores,  Männergesangfeste,  Totenfeiern,  bewegte  Ge- 
meindeversammlungen, politische  Meetings,  religiöse  und  sozia- 
listische Feste,  Ledermessen,  Maskenbälle  und  Tanzfeste,  alles 
hat  die  gastliche  Tonhalle  beherbergt,  und  der  anstossende  Pa- 
villon, infolge  des  künstlerischen  Sinnes  des  rührigen  und  stets 
erfinderischen  Tonhallepächters,  Herrn  Krug,  in  einen  Palmen- 
garten umgewandelt,  diente  und  dient  bis  zur  Stimde  geselligen 
Vereinigimgen  jeder  Art." 

Vom  Mai  bis  August  1867  vollzog  sich  etappenweise  der  Um- 
zug der  Insassen  des  alten  Spitals  bei  der  Predigerkirche  in  die 
Räume  des  aufgehobenen  Klosters  Rheinau.  ,, Transport  um 
Transport  ging  zu  Fuss  und  im  Wagen  durchs  Niederdorf  nach 
dem  Bahnhof,  die  Kräftigen  zuerst,  die  Kranken  und  Schwachen 
nachher.  Die  Bewohner  des  Niederdorfs  winkten  den  Scheidenden 
mit  Tüchern  zu  und  riefen  ihnen  ein  Lebewohl  nach."  Diesen  selbst, 
an  sorgsame  Pflege  im  Spital  gewohnt,  kam  es  vor,  als  müssten 
sie  nach  Sibirien.  Nur  die  Irren  bheben  in  Zürich  zurück  und 
warteten  auf  die  Vollendung  der  Anstalt  Burghölzli,  welche  — • 
bereits  unter  Dach  —  einen  imponierenden  Eindruck  machte. 
Ende  Juli  1867  wurde  in  Zürich  die  Cholera  eingeschleppt.  Zu- 
erst erkrankte  und  starb  ein  von  Rom  gekommenes  Kind  des 
Kunstmalers  Müller  aus  Basel,  das  sich  im  ,, Schwarzen  Weggen" 
im  Niederdorf  in  Pflege  befand.  Dort  holten  dann  eine  Wäscherin 
von  Hottingen  und  ein  im  Haus  verkehrender  Postkommis  den 


I02  XXX.  KAPITEL:  STADTPRÄSIDENT  MOUSSON  o 

Todeskeim.  Gleich  nach  den  ersten  Fällen  wurde  eine  Sanitäts- 
kommission mit  Polizeipräsident  Dr.  Römer  an  der  Spitze  ein- 
gesetzt, welche  das  Menschenmögliche  zur  Lokalisierung  der  Seuche 
vorkehrte,  und  als  einige  Tage  lang  keine  neuen  Erkrankungen 
erfolgten,  glaubte  man  sie  bereits  erloschen.  Aber  am  12.  August 
brach  sie  mit  neuer  Heftigkeit  aus.  Stadtschreiber  Dr.  Eugen  Escher 
berichtet  in  seinem  ,, Lebenslauf":  „Im  ganzen  erkrankten  in 
Zürich  und  Umgebmig  von  etwa  55,000  Einwohnern  bis  Ende  Ok- 
tober, wo  die  Seuche  erlosch,  771  und  starben  499 ;  die  heimgesuch- 
teste Woche  war  diejenige  vom  15.  bis  21.  September  mit  231  Er- 
krankungen und  153  Todesfällen;  am  schlimmsten  war  der  17.  Sep- 
tember, an  welchem  die  Zahl  der  Erkrankungen  gegenüber  dem 
vorhergehenden  Tag  von  43  auf  60  sprang.  Es  war  eine  eigentüm- 
lich schwere  Zeit,  welche  damals  die  Bevölkerung  durchlebte,  nur 
zu  vergleichen  mit  dem  Aufenthalt  in  einer  von  der  Aussenwelt 
abgesperrten,  vereinsamten,  zu  jeder  Stunde  des  Tages  und  der 
Nacht  von  unberechenbaren  Geschossen  heimgesuchten  Festung. 
Dieser  Eindruck  musste  sich  namentHch  auch  mir  aufdrängen, 
weil  ich  bei  den  Gegen  vorkehren  gegen  den  unsichtbaren  Feind, 
über  dessen  Verheerungen  fast  stündlich  Bericht  ins  Stadthaus 
kam,  selbstverständlich  auch  Anteil  hatte  und  eines  Morgens  direkt 
an  die  nahe  Gefahr  erinnert  wurde,  da  man  mir  meldete,  dass 
der  nebenanwohnende  Stadtratsweibel,  welchen  ich  noch  spät 
abends  in  gutem  Befinden  gesprochen,  von  der  Krankheit  ergriffen 
sei  und  bereits  am  Sterben  Hege.  Mit  dem  Gedanken,  des  kommen- 
den Tages  ungewiss  zu  sein,  pflegte  man  sich  abends  zu  trennen, 
und  in  meiner  Haushaltung  war  stets  alles  für  den  schhmmeren 
Fall  vorgesehen.  Glücklicherweise  blieben  wir  alle  verschont,  ob- 
schon  oder  weil  wir  unser  gewohntes,  allerdings  sehr  regelmässiges 
Leben  unverändert  fortführten  und  ich  allabendlich  auch  mit 
meiner  bisherigen  Gesellschaft  beim  Bier  zusammentraf.  Recht  un- 
heimlich war  über  die  ganze  Zeit  die  schauerUche  Öde  der  Strassen, 
und  noch  schwebt  mir  vom  damahgen  Bettag  (der  in  die  schlimmste 
Zeit  fiel)  ein  Abendspaziergang  im  Gedächtnis,  den  ich  bei  herr- 
hchem  Wetter  und  wundervoller  Gebirgsaussicht  mit  meiner  Frau 
nach  Enge  machte,  fast  ohne  einem  lebenden  Wesen  zu  begegnen. 
,,Es  wäre  jedoch  irrig,  anzunehmen,  dass  die  Leute  sich  angst- 
erfüllt in  ihre  Häuser  verkrochen  hätten.   Wer  geblieben  war  (und 


o  XXX.  KAPITEL:  STADTPRÄSIDENT  MOUSSON  103 

es  waren  darunter  viele,  die  ganz  wohl  sich  hätten  flüchten  können, 
ohne  eine  Pflicht  zu  verletzen),  stellte  ausnahmslos  seinen  Mann: 
der  Geistliche  wie  der  Arzt,  der  vStadtrat  wie  der  Polizeiangestellte, 
der  Kaufmann  wie  der  Handwerker  und  Taglöhner.  Alles  war  be- 
müht, dem  Übel  nach  Möglichkeit  zu  steuern,  eingetretenes  Elend 
zu  mildern  und  jeder  Anwandlung  unwürdiger  Entmutigimg  vor- 
zubeugen. Aus  der  ganzen  Ostschweiz  kamen  nach  Zürich  anerken- 
nende und  ermunternde  Worte  für  diese  Haltung,  und  unter 
anderem  suchten  befreundete  Glamer  ihren  Dank  für  Zürichs 
Hilfe  beim  grossen  Brand  werktätig  zu  beweisen,  zuerst  durch 
eine  grössere  Sendung  von  Veltlinerwein,  welcher  an  die  Kranken 
und  die  am  meisten  exponierten  Hilfspersonen  (Ärzte,  PoHzei- 
angestellte  und  Cholerawäscherinnen)  abgegeben  wurde,  und  daran 
anschliessend  durch  eine  Geldkollekte,  welche  man  anfänglich, 
um  nicht  etwa  zu  verletzen,  vermieden  hatte.  Es  traten  ferner  in 
Zürich  Männer  aus  den  verschiedensten  Ständen  zur  Beratung 
zusammen,  ob  nicht  zur  Verbesserung  der  während  der  Seuche 
bei  den  unbemittelten  Klassen  zutage  getretenen  Misstände 
weiteres  geschehen  und  zunächst  eine  Volksküche  (Speiseanstalt) 
an  Stelle  der  während  der  Seuche  in  der  Kaserne  improvisierten 
Suppenanstalt  bleibend  eingerichtet  werden  solle.  Durch  Aufruf 
vom  8.  Oktober  1867  wurde  dann  auf  den  11.  gl.  Monats  ins  alte 
Schützenhaus  eine  öffentliche  Versammlung  einberufen,  um  hierfür 
eine  Gesellschaft  zu  bilden  und  die  Vorsteherschaft  zu  wählen, 
deren  Präsidium  mir  übertragen  wurde;  als  Gesellschaftskapital 
wurden  24,880  Fr.  beigebracht,  statt  des  verlangten  Maximums  von 
10,000  Fr.  Mit  Energie  wurde  zur  Einrichtung  der  Speiseanstalt 
in  einem  damals  noch  an  der  Löwengasse  stehenden,  seither  be- 
hufs Anlage  des  Bahnhof quartiers  beseitigten  Zeughaus  geschritten, 
so  dass  dieselbe  schon  am  21.  Oktober  eröffnet  werden  konnte.  Im 
Anfang  war  der  Besuch  recht  befriedigend,  über  500  Personen  täg- 
Hch,  sank  aber  vom  folgenden  Frühjahr  an  immer  mehr,  so  dass 
im  Frühjahr  1869  die  mit  grossen  Hoffnungen  begonnene  Anstalt 
eingestellt  wurde ;  ein  erheblicher  Teil  des  Kapitals  blieb  immerhin 
gerettet  und  wurde  dem  damals  in  Ausführung  genommenen 
Kinderspital  in  Hottingen   zugewendet." 

Recht  übel  traf  es  in  dieser  Cholerazeit  mit  ihrem  Besuch  in 
Zürich  die  Kaiserin  Elisabeth  von  Österreich,  welche  am  Samstag 


I04  XXX.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  MOUSSON  o 

den  24.  August  hier  eintraf  tmd  bei  strömendem  Regen  von  einer 
grossen  Volksmenge  erwartet  wurde.  Sie  stieg  im  ,,Baur  au  lac" 
ab.  Der  Zweck  ihrer  Reise  nach  Zürich  war  der  Besuch  ihrer 
hier  weilenden  Schwestern,  von  denen  die  eine,  die  Gräfin  Trani, 
im  ,,Venedigli"  in  der  Enge,  die  Exkönigin  von  Neapel  aber  im 
Seefeld  woluite.  Schon  nach  wenigen  Tagen  verreisten  die  drei 
Schwestern  an  den  Rheinfall,  um  dort  den  Kaiser  Franz  Joseph 
zu  erwarten,  mit  dem  sich  die  Kaiserin  nach  Paris  begab.  Beim 
Abschied  von  Zürich  hatte  die  Kaiserin  versprochen  wieder- 
zukommen, imd  sie  kam  wieder,  aber  —  im  Sarge!  Am  Freitag 
den  9.  September  1898  stiess  ihr  in  Genf  Luigi  Luccheni  seine 
spitzige  Feile  ins  Herz.  Der  Hofzug  mit  der  Leiche  passierte 
Zürich  am  ]\Iittwoch  den  14.  September,  nachmittags  nach  4  Uhr. 
,,Fast  lautlos  fuhr  er  in  die  Bahnhofhalle  ein.  Er  zählte  sieben 
Wagen;  im  dritten  lag  die  Kaiserin.  Durch  die  Fenster  sahen  wir 
von  einem  danebenstehenden  leeren  Eisenbahnzug  aus  den  braunen 
Eichensarg,  mit  einigen  Kränzen  bedeckt.  Den  reichsten  Blumen- 
schm.uck  fülirte  der  zweite  Wagen  mit  sich.  Einige  Kranzspenden 
der  versammelten  Österreicher  Zürichs  wurden  noch  in  den  Wagen 
untergebracht,  eine  neue  Lokom-otive  vorgespannt,  und  dann  rollte 
der  Zug  in  geisterhafter  Geräuschlosigkeit  wieder  fort." 

In  dem  wichtigen  Amt  des  Stadtschreibers  trat  im  Frühjahr 
1868  ein  Wechsel  ein  infolge  des  Übertritts  von  Dr.  Eugen  Escher 
zur  ,, Neuen  Zürcher  Zeitimg".  Der  letztere  hatte  seine  Stelle  als 
Nachfolger  von  Stadtschreiber  Heinrich  Gysi-Schinz  (f  1878)  am 
I.  Februar  1857  angetreten.  Dr.  jur.  Eugen  Escher,  geb.  1831,  be- 
gann seine  Laufbahn  im  Jahre  1854  als  Kommissionssekretär  beim 
Bezirksgericht  Zürich  und  wurde  dann  Ende  1855  zum  Mitglied 
des  Bezirksgerichts  gewählt.  Als  Stadtschreiber  wurde  er  sogleich 
Mitghed  einer  schon  1855  eingesetzten  Kommission  für  Revision 
der  sogenannten  ,, Stadtverfassung"  und  erhielt  dadurch  Ge- 
legenheit, auf  diejenigen  Änderungen  in  der  städtischen  Ver- 
waltungsorganisation hinzuwirken,  welche  durch  das  auf  den 
20.  Juni  1855  in  Kraft  getretene  Gemeindegesetz  oder  sonst  durch 
die  veränderten  Zeitverhältnisse  und  mit  Rücksicht  auf  die  an 
die  vStadtbehörden  herantretenden  gesteigerten  Anforderungen 
angezeigt  schienen.  ,,Vor  allem  bemülite  ich  mich,  die  noch  immer 
sich  zeigende,   aus  altern  Zeiten  überkommene   Geheimnistuerei 


o  XXX.  KAPITEL:  STADTPRÄSIDBNT  MOUSSON  105 

Über  die  Vorgänge  und  Bestrebungen  in  der  Stadtverwaltung  zu 
beseitigen  und  an  deren  Stelle  eine  regelmässige,  sich  gegenseitig 
stützende  und  fördernde  Wechselwirkung  zwischen  Behörden  und 
Bevölkerung  zu  setzen.  Zu  diesem  Ende  kamen  jährliche  Ge- 
schäftsberichte der  Stadtbehörden  an  den  Grossen  Stadtrat  und 
die  Gemeinde,  sowie  Jahresvoranschläge  und  Rechnungsübersich- 
ten zur  Einführung.  Aus  den  stadträtlichen  Verhandlimgen,  so- 
weit dieselben  sich  zur  Veröffentlichung  eigneten,  erhielten  die 
öffentlichen  Blätter  regelmässige  Mitteilungen.  Die  Sitzungen  des 
Grossen  Stadtrates  wurden  öffentlich  erklärt." 

Zum  Stadtschreiber  an  Stelle  von  Dr.  Eugen  Escher  wurde 
im  April  1868  gewählt  Johann  Bernhard  Spyri,  der  bisherige 
Rechtskonsulent  der  Stadt  Zürich.  Spyri  war  1821  geboren  imd 
hat  als  Fürsprech  und  Redaktor  der  konservativen  ,, Eidgenös- 
sischen Zeitung",  ganz  besonders  aber  durch  seine  treffliche  Amts- 
führimg  als  Stadtschreiber  sich  einen  sehr  geachteten  Namen  ge- 
macht. Noch  bekannter  als  er  war  seine  Gattin,  die  liebens- 
würdige, geistvolle,  sinnige  Jugendschriftstellerin  Johanna  Spyri, 
Verfasserin  des  ,, Heidi"  usw.  (f  7-  Juli  1901).  Von  ihrer  ersten 
Erzählung  schrieb  Widmann:  ,,Wie  eine  feine  Musik  läuten,  der 
Seele  nur  hörbar,  die  Glocken  von  Peschiera  am  Gardasee  bis 
hinauf  zu  den  blumigen  Matten  Sils  und  Maloja.  Es  war  nicht 
berechnende  Kunst,  die  das  erreicht.  Es  war  das  echte  Talent, 
das  Johanna  Spyri  von  ihrer  Mutter  Meta  Heusser,  der  Dichterin 
schöner  geisthcher  Lieder,  geerbt  hatte".  —  Spyris  Nachfolger 
als  Rechtskonsulent  der  Stadt  Zürich  wurde  Fürsprech  Dr. 
Georg  Mousson,  der  dritte  Sohn  des  Stadtpräsidenten  (Rechts- 
konsulent bis  1903,  1 1905)-  Ein  Enkel  des  Stadtpräsidenten,  Sohn 
des  Bankiers  Rud.  Em.  Heinrich  Mousson-v.  May,  ist  Regierungs- 
rat Dr.  H.  Mousson,  und  ein  jüngerer  Bruder  des  Stadtpräsidenten 
(geb.  1805,  t  1890)  war  der  ausgezeichnete  Professor  der  Physik 
Joh.  Rud.  Albert  Mousson.  Stadtschreiber  Bernhard  Spyri  starb 
im  Amte  am  19.  Dezember  1884.  Sein  Konkurrent  bei  der  Be- 
werbung um  das  Stadtschreiberamt  im  Jahre  1868  war  Dr.  Römer 
gewesen,  dem  dann  jedoch  —  am  22.  August  1869  —  die  Ehre 
der  Wahl  zum  Stadtpräsidenten  vorbehalten  blieb. 

* ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦♦♦♦» 


♦♦♦♦♦»♦♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦»♦♦ ♦♦♦♦♦♦♦♦< 


EINUNDDREISSIGSTES  KAPITEL 


DIE  GROSSE  BAUPERIODE 

Von  einer  ,, grossen"  Bauperiode  wird  man  sprechen  dürfen, 
wenn  in  wenigen  Jahrzehnten,  1860  — 1889,  sechs  neue 
Stadtquartiere  entstehen,  zwei  neue  Brücken  über  die  Limmat 
geschlagen  werden,  der  See  sich  mit  den  Quaianlagen  umsäumt, 
mit  Wasserversorgung  und  ,, Kloakenreform"  den  sanitären  An- 
forderungen Genüge  geleistet  wird  und  durch  neue  Eisenbahn- 
verbindungen, Tram  und  Telephon  der  Verkehr  eine  ungeahnte 
Ausdehnmig  gewinnt. 

Mit  der  baulichen  Entwicklung  Zürichs  in  dieser  Zeit  ist  vor 
allem  der  Name  von  Dr.  Arnold  Bürkli-Ziegler  verknüpft,  dessen 
Lebensbild  Dr.  J.  Escher-Bürkli  im  Neujahrsblatt  des  Waisenhauses 
1905  gezeichnet  hat.  Stadtingenieur  Arnold  Bürkli  war  der  Sohn 
von  Rittmeister  und  Stadtpräsident  Georg  Konrad  Bürkli.  Als 
er  am  2.  Februar  1833  geboren  wurde,  bewohnten  seine  Eltern  den 
sog.  ,, hintern  Tiefenhof"  (an  dessen  Stelle  sich  heute  der  Neubau 
der  Eidgenössischen  Bank  erhebt),  siedelten  aber  bald  in  den 
Neuen  Seidenhof  über.  Bürkli  absolvierte  die  Industrieschule 
mit  glänzenden  Zeugnissen,  praktizierte  sodann  als  Ingenieur- 
gehilfe beim  städtischen  Strassen-  und  Wasserbauwesen  und,  im 
Jahre  1853,  '^^  Dienst  der  Nordostbahn  beim  Bau  der  Eisenbahn 
Zürich-Winterthur.  Nach  weiterer  Ausbildung  auf  der  Bau- 
akademie in  Berlin  trat  er  1858  in  den  Dienst  der  Veremigten 
Schweizerbahnen  in  St.  Gallen  und  wurde  am  4.  Dezember  1860 
an  die  neugeschaffene  Stelle  eines  Stadtingenieurs  von  Zürich  ge- 
wählt. Am  21.  Mai  1860  war  vom  Grossen  Stadtrat  ein  ,, Bau- 
kollegium" bestellt  worden,  das  dem  Stadtrat  in  allen  wichtigen 
Baufragen  an  die  Hand  zu  gehen  hatte,  und  eine  der  ersten  Auf- 
gaben, die  es  dem,  Stadtingenieur  zuwies,  war  die  Vermessung 
der  Stadt.  Dann  bemühte  es  sich  auch,  bei  den  kantonalen  Be- 
hörden den  Erlass  eines  Baugesetzes  für  städtische  Verhältnisse 
auszuwirken,  und  auf  seinen  Antrag  beschloss  die  Gemeinde  am 


Jij 


0 


o 
.10 

I 

.c; 


^ 

^ 


^ 
Ö 


•^ 


=s 

5^ 

fo 

k 

<^ 

bl 

."ü 

<o 

^ 

5 

»0 

0 

0 

.c; 

;^ 

.5 

^ 

I 

IS 


K 

I 


<! 


•^        ^ 
» 


o  XXXI.  KAPITEIv:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  107 

21.  November  1861,  an  den  Kantonsrat  eine  Petition  in  diesem 
Sinne  zu  richten.  Das  Gesetz  wurde  entworfen  und  trat  am 
30.  Jimi  1863  in  Kraft.  Auf  Grund  desselben  arbeitete  Bürkli 
eine  allgemeine  Bauordnung  und  spezielle  Baureglemente  für  die 
neuen  Quartiere  aus.  Kloakenreform  und  Wasserversorgung 
waren  Bürklis  Meisterwerk.  Sein  organisatorisches  Talent,  sein 
technisches  Geschick,  die  sichere  und  zielbewusste  Durchführung 
der  beiden  grossen  Werke  rückten  Bürkli  in  die  erste  Reihe  der 
Fachleute  und  machten  ihn  zum.  berühmten  Manne.  Zürich  war  stolz 
auf  seinen  Stadtingenieur,  und  der  Grosse  Stadtrat  verlieh  ihm 
1873  die  goldene  Verdienstmedaille.  Zehn  Jahre  später,  beim 
50jährigen  Jubiläum  der  Hochschule  Zürich,  verlieh  ihm  die  medi- 
zinische Fakultät  die  Würde  eines  Doctor  medicinae  honoris  causa 
wegen  seiner  Verdienste  um  die  Sanierung  der  Städte,  speziell 
Zürichs.  Sein  Name  erhielt  europäischen  Ruf,  und  imausgesetzt 
wurde  Bürkli  von  Städten  der  Schweiz  und  des  Auslandes  als  Ex- 
perte bei  Wasserversorgungen  und  andern  komplizierten  Arbeiten 
berufen.  Der  Stadt  erwies  er  sich  ausser  in  seiner  amtlichen  Stel- 
lung noch  besonders  nützlich  durch  seinen  freudigen  und  pflicht- 
eifrigen Dienst  bei  der  Feuerwehr,  der  er  von  1878  an  als  Ober- 
feuerkommandant vorstand.  Im  Militär  erreichte  er  den  Grad 
eines  Majors  des  Genie.  Erst  in  vorgerückten  Jahren  nahm  Bürkli 
an  der  Politik  teil.  Anfangs  der  achtziger  Jahre  wurde  er  Mit- 
glied des  Grossen  Stadtrates,  wo  er  sein  gewichtiges  Wort  für  die 
Einführung  der  elektrischen  Beleuchtung  einlegte  und  sich  an  der 
Organisation  der  Licht-  und  Wasserwerke  beteiligte.  1883  trat 
er  auch  in  den  Kantonsrat  ein,  übernahm  während  mehre- 
ren Jahren  die  Führung  der  liberalen  Partei  und  leistete  als 
Kommissionspräsident  einen  Hauptanteil  an  der  Ausarbeitung 
des  neuen  Baugesetzes  (von  1893).  In  den  Nationalrat  wurde 
Dr.  Arnold  Bürkli  1888  gegenüber  dem.  Sozialdemokraten  Vogel- 
sanger gewählt.  In  der  Gesellschaft  der  Schildner  zum  Schneggen 
und  auf  der  Zunft  zur  Meisen  war  Bürkli  ein  besonders  reges 
Mitglied.  Er  liebte  es,  seine  Umgebung  froh  und  heiter  zu  sehen, 
und  sparte  Arbeit  tmd  Mühe  nie,  wenn  es  galt,  einem  engern  oder 
weitern  Kreise  Anregung  oder  Vergnügen  zu  bereiten.  Als  Präsi- 
dent seiner  Zunft  bemühte  er  sich  eifrig  um  eine  gediegene  und 
würdige  Gestaltung  der  Sechseläuten-Umzüge.    Ein  erster  Schlag- 


io8  XXXI.  KAPITEL:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  o 

anfall,  der  ihn  am.  3.  November  1891  in  Martigny  traf,  nötigte  ihn 
zur  Niederlegmig  aller  seiner  Ämter  und  Verpflichtmigen ;  seine 
Bibliothek  schenkte  er,  damit  sie  nicht  brach  Hege,  dem  eidgenös- 
sischen Potyteclmikum.  Noch  einige  Jahre  genoss  er  eines  schönen 
Abendfriedens  imd  entschlief  alsdann  in  der  Frühe  des  6.  Mai  1894. 
Ein  Denkstein,  der  sein  Bild  und  seinen  Namen  kommenden  Ge- 
schlechtern überliefert,  ist  in  den  Ouaianlagen  am  24.  Juni  1899 
enthüllt  worden. 

Der  zweite  der  hervorragenden  Männer  Zürichs,  die  im  Zu- 
sammenhang mit  der  grossen  Bauperiode  genannt  werden  müssen, 
ist  Arnold  Vögeli-Bodmer.  Als  er  am  26.  Mai  1906  aus  dem  Bau- 
kollegium zurücktrat,  hob  der  Stadtrat  in  einem  offiziellen  Dank- 
schreiben die  Verdienste  hervor,  die  er  als  kmidiger  Beirat  der 
Leitung  jener  Verwaltungsabteilung  geleistet,  ,,der  Sie  von  1865 
bis  1879  selbst  in  so  trefflicher  Weise  vorgestanden  sind,  in 
den  Jahren,  da  Zürich  zu  einer  modernen  Stadt  umgeschaffen 
wurde,  so  dass  Ihr  Name,  verbunden  mit  den  bedeutendsten 
Bauten  imd  Anlagen  jener  Zeit,  in  der  Geschichte  des  modernen 
Zürich  unvergessen  bleiben  wird".  Arnold  Vögeli  ist  geboren  am 
27.  Oktober  1826.  Er  trat  1841  in  die  k.  k.  Ingenieur-Akademie 
in  Wien  ein,  wurde  Leutnant  imd  später  Hauptmann  im  In- 
genieurkorps und  machte  manchen  interessanten  Garnisonsdienst 
mit.  Am  4.  Mai  1849  stand  er  in  den  Laufgräben  von  Malghera  bei 
Venedig  zum  erstenmal  im  Feuer  und  bewahrte  als  Andenken  an 
diese  Zeit  ein  kaiserliches  Schreiben  vom  11.  Juni  1849  mit  dem 
Ausdruck  ,, allerhöchster  Zufriedenheit  bei  der  Belagerung  und 
Einnahme  von  Malghera".  Seinen  letzten  Dienst  in  der  öster- 
reichischen Armee  leistete  Vögeli  als  Chef  des  k.  k.  Geniestabes 
der  Bundesfestung  Mainz.  1861  quittierte  er  diesen  Dienst,  ver- 
sehen mit  einem  ehrenvollen  Zeugnis  ,,für  seine  ausgezeichnete 
und  vor  dem  Feind  tapfere  Dienstleistung".  Nun  öffnete  sich  ihm 
auch  eine  schöne  Karriere  in  der  eidgenössischen  Armee.  Vögeli 
wurde  am  14.  März  1861  Major  im  eidg.  Generalstab,  am  6.  Januar 
1863  Sekretär  der  kantonalen  Militärdirektion  in  Zürich,  am 
25.  Februar  1865  kantonaler  Waffenkommandant  des  Genie. 
Ziun  Oberstleutnant  im  eidg.  Generalstab  avancierte  er  am 
6.  April  1866,  zum  eidgenössischen  Oberst  am  25.  März  1870, 
und  vom  18.  Januar  bis  26.  März  1871  hatte  er  Grenzdienst  zu 


o  XXXI.  KAPITEL:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  109 

tun  als  Stabschef  der  5.  Division  beim  Übertritt  der  Bourbaki- 
Armee.  Am  13.  Februar  1875  übertrug  ihm  der  Bundesrat  das 
Kommando  der  7.  Armee-Division,  das  er  bis  Ende  1888  führte. 
Seiner  Vaterstadt  hat  Arnold  Vögeli  seit  seiner  Rückkehr  aus 
dem  Ausland  wertvolle  Dienste  geleistet,  vorerst  als  MitgUed  des 
Baukollegiums  von  1861  an  und  gleichzeitig  als  Sekretär  der 
Aktiengesellschaft  für  die  Erstellung  billiger  Wohnungen  im  Sihl- 
feld,  deren  Präsidium  er  seit  1868  bekleidete.  Am  15.  Oktober 
1865  wurde  er  in  den  engern  Stadtrat,  am  6.  Mai  1866  in  den 
Grossen  Rat  gewählt.  Er  war  ferner  Präsident  der  militärisch- 
mathematischen Gesellschaft,  Gründer  und  Präsident  des  schweize- 
rischen Vereins  der  Dampfkesselbesitzer,  Vorstandspräsident  der 
Blinden-  und  Taubstummenanstalt,  Vorstandsmitglied  des  Kinder- 
spitals usw.  Die  so  ausgezeichnete  Durchführung  der  Landes- 
ausstellung  1883  war  in  der  Hauptsache  das  Werk  und  Verdienst 
Vögelis  und  bildete  den  Anlass,  dass  ihn  der  Bundesrat  zum 
schweizerischen  Generalkommissär  an  der  Pariser  Weltausstellung 
1889  ernannte,  wo  er  sich  den  wärmsten  Dank  seiner  Landsleute 
erwarb  und  vom  eidg.  Handelsdepartement  mit  einer  Statue  von 
Raimondo  Pereda,  die  an  der  Ausstellung  prämiiert  worden  war, 
beschenkt  wurde.  Aus  dem  Stadtrat  ist  Arnold  Vögeli  im  Mai 
1879,  aus  dem_  Kantonsrat  im  April  1893  zurückgetreten,  aber 
bis  ans  Ende  nahm  der  verehrungswürdige  Greis  an  den  öffent- 
lichen Dingen  das  lebendigste  Interesse.  Er  starb  am  4.  Juni  1915. 


Wir  könnten  nun  mit  Alfred  Escher  weiterfahren,  welcher  für 
kurze  Zeit  Präsident  des  städtischen  Baukollegiums  gewesen  ist. 
Nicht  darin  lag  aber  seine  Bedeutung  für  die  Stadt  Zürich;  viel- 
mehr ist  es  die  Entwicklung  des  Eisenbahnwesens,  die  in  Alfred 
Escher  ihren  verdientesten  Förderer  gefunden  hat.  Sein  Lebens- 
bild im,  24.  Kapitel  hat  bereits  auf  die  Kämpfe  um  die  Gotthard- 
bahn  hingedeutet,  die  in  Stadt  und  Kanton  Zürich  mit  besonderer 
Vehemenz  geführt  wurden  und  mit  der  Bewegung  für  die  Hebung 
der  Verkehrslinien  Zürichs  —  ganz  abgesehen  von  der  National- 
bahnkalamität —  das  Jahrzehnt  1870 — 1880  vollständig  aus- 
füllten. Zürich  interessierte  sich  nicht  nur  für  die  unmittelbar  hier 
anschliessenden  neuen  Linien,  sondern  beteiligte  sich  auch  aufs 


HO  XXXI.  KAPITEL:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  o 

lebhafteste  an  den  Diskussionen  über  den  Gotthard  und  seine 
Zufahrten,  über  die  Bötzbergbalm  (eröffnet  am  20.  Sept.  1875), 
Effretikon-Wetzikon  usw.,  und  die  um  jene  Zeit  in  Zürich  amtende 
,, Eisenbahnkommission"  war  massgebender  als  der  Stadtrat.  Über 
Gebühr  mischten  sich  in  diese  Eisenbahnfragen  parteipolitische 
Interessen.  Kampf  gegen  den  Gotthard  war  für  viele  Leute  gleich- 
bedeutend mit  Kampf  gegen  Alfred  Escher.  Politische  Gegner 
Eschers  bestimmten  die  Wetzikoner  Volksversammlung  am  17.  Ok- 
tober 1863  zu  einer  Protesteingabe  an  den  Grossen  Rat  gegen  eine 
Beteiligung  des  Staates  am  Gotthardunternehmen,  und  es  be- 
durfte einer  zweimaligen  Volksabstimmung  (am  19.  Mai  und 
27.  Oktober  1878),  um  dem  Gotthard  die  zürcherische  Nach- 
subvention zu  sichern.  Beim  Ausbau  des  zürcherischen  Eisenbahn- 
netzes äusserten  sich  nicht  selten  Eifersüchteleien  zwischen  den 
einzelnen  Landesgegenden.  Als  die  Nordostbahn  die  Linie  durch 
das  —  wie  behauptet  wurde  —  geld-  imd  volksarme  Reppischtal 
projektierte,  opponierte  der  See,  und  ein  Nationalrat  vom  linken 
Ufer  behauptete  im  Grossen  Rat,  es  sei  ja  eine  einzige  Gemeinde 
des  Bezirks  Horgen  reicher  als  das  ganze  Amt  Affoltern!  Die 
grossartige  Einweihungsfeier  der  Reppischtalbahn  (Zürich-Affol- 
tern-Zug)  am  30.  Mai  1864  versöhnte  jedoch  viele  Gegner  mit  ihr. 
Ein  Jahr  später,  am  30.  April  1865,  konnte  die  Linie  Örlikon- 
Bülach-Dielsdorf  eingeweiht  werden.  Der  vermehrte  Verkehr  er- 
forderte einen  Neubau  des  Bahnhofs  Zürich.  Er  war  am  15.  Ok- 
tober 1871  vollendet  und  stand  folgenden  Tages  dem.  Publikum 
zur  Besichtigung  offen.  Eine  bewundernde  Menge  wälzte  sich 
abends  durch  die  riesige  Halle,  und  die  glänzend  erleuchteten  Wart- 
säle mit  ihren  schwellenden  Polstern,  mit  den  vSpiegeln,  Buketts 
und  plätschernden  Springbrunnen,  und  nicht  am  wenigsten  wurde 
der  Luxus  der  Wirtschaftseinrichtungen  und  die  ,, Noblesse"  der 
Toiletten  bestaunt. 

Die  nächste  Eisenbahnlinie,  welche  in  den  Bahnhof  Zürich 
eingeführt  werden  konnte,  war  die  Linksufrige  Zürichseebahn,  er- 
öffnet am  20.  September  1875.  Schon  beim  Bau  dieser  Linie 
imd  bei  allen  weitern  Arbeiten  bis  1895  stand  der  Nordostbahn 
eine  vorzügliche  Kraft  zur  Verfügung  in  dem  spätem  Oberingenieur 
Doctor  honoris  causa  Robert  Moser.  Als  betriebstechnische  Neue- 
rung brachte  die  ,, Linksufrige"  die  elektrischen  Signalglocken  auf 


'S''  /^'  /  -•■■?• 

^  /    \\    n  o  e  '^ 


Qiebersicfiisplan  d 

entworfen  und  ge^ 


i liier    ,>j 

^^    c 


,;/  Plafx  -Pvoiiiemuh'     ,     '   „       " 


^il!  IlM  ^: 


jua 


iiiiü)»fr(i 


^     "  ^        |h    Obsisaili-n    ff  H.. 

.  »^       ,.    ^  ,  r  Stfiiihaus 


Ko.\rnbcra    ' 

1^' 


\ 


\_ 


\ 


♦• 


^>'"  ' 


-»* 


•   1     I     I 

m 
W 

y  0  l)  (^  r  .s 


-^ 


^?>., 


Si- 


'>^v^>: 


t'm  Ü.O.Mofer 


o  XXXI.  KAPITEL:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  iii 

den  Stationen.  Reich  an  Enttäuschungen  ist  die  Geschichte  der 
Rechtsufrigen  Zürichseebahn.  Die  ersten  Unternehmer,  Kuchen  & 
Napier,  beabsichtigten,  die  Linie  nach  einem  Projekt  von  Kantons- 
ingenieur Weth  zur  Tonhalle  und  dann  auf  einer  eisernen  Brücke 
über  den  Seeausfluss  aufs  linke  Ufer  und  in  den  Bahnhof  Enge  zu 
führen.  Mit  aller  Macht  wehrte  sich  Stadtingenieur  Bürkli  gegen 
den  die  Stadt  einschnürenden  und  verunstaltenden  ,, eisernen 
Ring"  und  arbeitete  ein  Gegenprojekt  mit  Trasse  auf  dem  rechten 
Ufer  bis  zur  Walche  aus.  Aber  Einsprachen  bei  der  Regierung 
gegen  das  Projekt  Wetli  blieben  erfolglos.  Da  versammelten  sich 
am  3.  Mai  1873  in  der  Tonhalle  2000  Bürger  zu  einem  energischen 
Protest ;  in  seiner  entschiedenen  und  eindrucksvollen  Rede  erklärte 
hier  Stadtrat  und  Bauherr  Oberst  Vögeli,  dass  die  Haltung  der 
Regierung  ihr  nicht  zur  Ehre  gereiche  und  nicht  im  Interesse  des 
Landes  liege.  Die  Gemeindeversammlung  vom  18.  Mai  1873  be- 
willigte darauf  114  Millionen  für  die  Rechtsufrige  Zürichseebahn 
unter  der  Bedingung,  dass  nach  dem  Projekt  Bürkli  gebaut  werde. 
Es  gelang  nun,  die  Konzession  auf  die  Nordostbahn  zu  übertragen, 
welche  mit  den  Erdarbeiten  an  der  Münchhaldenstrasse  am  31.  De- 
zember 1874  begann.  Aber  nachdem  der  Tunnel  Tiefenbrunnen 
1877  zu  Vi  vollendet  war,  mussten  wegen  der  Nordostbahn- 
krisis  die  Arbeiten  eingestellt  werden.  Erst  viel  später  konnte  man 
sie  —  unter  Verlängerung  des  rechtsufrigen  Trasses  bis  zum 
Letten  —  wieder  aufnehmen  und  am  15.  März  1894  die  Strecke 
Stadelhof en-Rapperswil,  am  i.  Oktober  1894  das  letzte  Teilstück 
Zürich- Stadelhof en  dem  Verkehr  übergeben. 

Am  19.  Februar  1872  wurde  in  Zürich  ein  Initiativkomitee 
gegründet  für  den  Bau  der  Ütlibergbahn.  Noch  am  22.  Oktober 
gleichen  Jahres  erteilte  der  Kantonsrat  die  Konzession,  und  die 
Erdarbeiten  konnten  am  7.  November  1873  beginnen.  Die  Bau- 
ausführung begegnete  grossen  Schwierigkeiten,  förderte  aber  auch 
zahlreiche  antiquarische  Funde  zutage.  Schon  früher  hatten  die 
Überreste  des  römischen  Refugiums  und  des  Wachtturms  auf  dem 
Kulm  die  Antiquarische  Gesellschaft  und  ihren  Präsidenten 
Dr.  Ferdinand  Keller  stark  beschäftigt,  während  andere  Gelehrte 
die  sagenhafte  Eroberung  der  Burg  des  Lüthold  von  Regensberg 
auf  dem  Ütliberg  durch  die  Zürcher  unter  Anführung  Rudolfs  von 
Habsburg   im  Jahre  1268    behandelten.    Nun  wurden   besonders 


112  XXXI.  KAPITEL:    DIE  GROSSE  BAUPERIODE  o 

beim  Bau  des  Bahnhofs  Ütliberg  eine  Reihe  von  römischen  Gräbern 
abgedeckt,  welche  Dr.  Heinrich  Zeller- Werdmüller  des  genauesten 
untersuchte  imd  beschrieb.  Weitere  Entdeckungen  machte  man 
bei  der  Abtragung  der  alten  Hochwacht  auf  dem  Kulm  und  beim 
Bau  des  an  Stelle  des  Beyelschen  Gasthauses  aus  dem  Jahr  1839 
errichteten  grossen  Hotels  und  Restaurants  Uto-Kulm.  Die 
Ütlibergbahn  wurde  am  12.  Mai  1875  eröffnet.  Sie  war  die  erste 
Bergbahn,  welche  so  bedeutende  Steigungen  ohne  Zahnrad,  durch 
blosse  Adhäsion,  überwand,  und  es  war  besonders  der  Energie 
des  langjährigen  verdienten  Verwaltungsratspräsidenten  Oberst 
Huber- Werdmüller  zu  verdanken,  dass  das  Adhäsionssystem  ge- 
wählt wurde.  Zwischen  Station  Selnau  (417,03  m  ü.  M.)  und 
Bahnhof  Ütliberg  (816,03  m)  wird  auf  einer  Strecke  von  9130  m 
eine  Steigtmg  von  genau  399  m  überwunden.  Anfangs  übertraf 
der  Zudrang  zur  Ütlibergbahn  alle  Erwartungen.  Am,  8.  August 
1875  fuhren  auch  die  Exkaiserin  Eugenie  und  ,,Lulu"  auf  den 
Üthberg;  eine  grosse  Volksmenge  befand  sich  auf  dem  Kulm, 
doch  wussten  die  wenigsten  um  die  Anwesenheit  der  Kaiserin  und 
Napoleons  IV.  Im  November  1876  erhielt  Schiffsvermieter  Treich- 
1er  in  Zürich  die  Erlaubnis,  mit  seinem  kleinen  Dampfschiff  den 
Schanzengraben  zu  befahren  imd  beim  Botanischen  Garten  einen 
Landungssteg  für  die  Ütlibergbahn  anzulegen.  Bald  aber  sank  die 
Frequenz  der  Bahn  auffallend.  Dazu  kamen  missliche  Verhält- 
nisse auf  dem  Kulm.  Ein  Gross- Spekulant,  der  fast  bei  allen 
wichtigeren  Liegenschaftenkäufen  die  Hand  im  Spiel  hatte,  kaufte 
schon  1872  alles  Erreichbare  auf  dem  Ütliberg  zusammen,  erbaute 
das  Kulm-Hotel  und  später  noch  ein  zweites,  grösseres  ,, Hotel 
Ütliberg"  auf  der  ,,Ägerten".  Am  Montag  nachmittag  den  4.  No- 
vember 1878  genossen  die  Bewohner  Zürichs  den  schaurig-schönen 
Anblick  des  brennenden  Kulm-Hotels.  Bald  darauf  verkaufte  und 
verpachtete  der  Eigentümer  sem  Ütlibergbesitztum  und  zog  sich 
auf  ein  Stadthotel  zurück,  und  hier  kam  es  im  Oktober  1880  bei 
einem  Streit  mit  seinem  Schwiegersohn  an  den  Tag,  dass  dieser 
auf  sein  Anstiften  das  Kulmhotel  angezündet  hatte.  Der  Kriminal- 
rom.an  des  Spekulanten  schloss  mit  dem  Zuchthaus  ab.  —  Im 
Jahre  1881  kaufte  HoteUer  Landry  das  ,, Hotel  Ütliberg",  das  er 
1897  an  die  Ütlibergbahngesellschaft  wieder  verkaufte,  und  diese 
führt  seitdem  das  Hotel  und  das  neue  kleinere  Restaurant  Ute- 


f 


00 
- 
■fl 


o  XXXI.  KAPITEL:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  113 

Kulm.  —  In  Zürich  hätten  wir  nur  noch  die  Seilbahn  zum  Poly- 
technikum zu  erwähnen,  welche  am  8.  Januar  1889  eröffnet  wurde. 
Der  Bau  hatte  jahrelange  Verzögerungen  erlitten,  bis  das  Trasse 
bestimmt  und  für  den  Durchbruch  der  Häuserreihe  am  Seüer- 
graben  das  Restaurant  ,,Ivimmatbrücke"  abgebrochen  war. 


Es  war  für  die  Stadt  Zürich  von  Wichtigkeit,  dass  das  Bau- 
gesetz von  1863  in  seinem  §  62  eine  Reform  des  Kloakenwesens 
durch  Erstellung  unterirdischer  Abzugskanäle  in  allen  Strassen 
forderte.  Kleinere  Kanäle  dieser  Art  waren  von  Bürkli  zum  Teil 
schon  in  Angriff  genommen  worden.  Der  erste  grosse  Kanal 
wurde  1864  beim  Bau  der  Bahnhofstrasse  gelegt  und  war  dazu  be- 
stimmt, die  Abwässer  des  grössten  Teils  der  ,, kleinen  Stadt"  auf- 
zunehm.en.  Im  Zusamm^enhang  mit  der  Kanalisation  hatte  eine 
gründliche  Änderung  der  Abortverhältnisse  und  die  Beseitigung 
der  alten  schrecklichen  ,,Ehgräben"  stattzufinden.  Bürkli  unter- 
nahm 1864  zu  diesem  Zweck  eine  Studienreise  nach  Frankreich 
und  England  und  legte  ihre  Ergebnisse  in  einem  sorgfältigen  Be- 
richte nieder.  Die  Gemeindeversam.mlung  vom  3.  März  1867  ge- 
nehmigte das  Projekt,  und  es  wurde  zur  Durchführung  der  Kloaken- 
reform ein  besonderes  i^nleihen  von  einer  Million  aufgenommen. 
Bürklis  Vorschläge  zur  Entwässerung  von  Zürich  bestanden  in 
einem  einfachen  System  von  Kanälen,  gemeinsam  für  Schmutz- 
und  Regenwasser,  in  Verbindung  mit  der  Anwendung  von  beweg- 
lichen Abtrittkübeln.  Mit  den  letztern  wurde  im  Niederdorf  der 
Anfang  gemacht  imd  sodann  die  Kanalisation  nach  imd  nach  in 
den  einzelnen  Stadtteilen  durchgeführt.  Ein  noch  weiter  gehendes 
Projekt  Bürklis  vom  Jahre  1874  bezweckte  die  Klärung  der  Ab- 
wässer durch  die  Anlage  von  Rieselfeldern  im  Limmattal,  und  es 
vollzog  auf  seinen  Antrag  der  Grosse  Stadtrat  am  24.  Februar 
1874  vorsorglich  die  nötigen  Landkäufe.  Während  jedoch  Bürkli 
mit  dem  Strickhofdirektor  Hafter  eine  Studienreise  zur  Besich- 
tigung von  Berieselungsanlagen  unternahm,  erhob  sich  gegen 
sein  Projekt  eine  starke  Opposition,  namentHch  von  selten  der- 
jenigen Gem_einden,  auf  deren  Gebiet  das  Berieselungsfeld  geplant 
war.  Da  bei  den  Handverkäufen  im  Limmattal  auch  der  oben  er- 
wähnte Spekulant  beteiligt  war,  wurde  dieser  Umstand  von  der 

8 


114  XXXI.  KAPITEL:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  o 

Opposition  mit  durchschlagendem  Erfolg  gegen  das  Projekt  aus- 
gebeutet. Ganz  gebrochen  kehrte  Bürkli  aus  der  Gemeinde- 
versammlung vom  2.  Februar  1879,  welche  sein  Projekt  verwarf, 
nach  Hause  zurück.  Immerhin  wurde  in  einer  zweiten  Gemeinde- 
versammlmig,  acht  Tage  später,  die  Abrechnung  über  die  Land- 
käufe genehmigt,  und  im  folgenden  Jahre  beschloss  die  Gemeinde 
sehr  vernünftigerweise,  das  Land  zu  behalten  und  zu  verpachten, 
das  Hardhüsli  aber  der  Abfuhrunternehmung  zur  Verfügung  zu 
stellen.  ^ 

Für  die  Wasserversorgung  hatte  Bürkli  schon  im  Jahre  1863 
ein  erstes  Projekt  ausgearbeitet.  Weitere  Studien  und  Besichti- 
gungen im  Ausland  führten  ihn  im  Jahr  1867  dazu,  ein  doppeltes 
System  vorzuschlagen:  vermehrte  Quellwasserzuleitung  für  die 
öffentlichen  Brunnen  und  Verwendung  von  filtriertem  Fluss- 
wasser für  den  Hausgebrauch.  Obwohl  gegen  diese  letztere  Ver- 
wendungsart viele  Befürchtungen  laut  wurden,  genehmigte  die 
Gemeinde  am  6.  September  1868  das  Projekt.  Es  wurde  ein  Filter 
im  Limmatbett,  oberhalb  der  Münsterbrücke,  gebaut,  das  gereinigte 
Wasser  durch  eine  im  Fluss  versenkte  Rohrleitung  zum  Pump- 
werk am  Obern  Mühlesteg  gefülirt,  von  dort  in  die  Reservoirs  in 
der  Spitalwiese  und  bei  der  Sternwarte  hinaufgepumpt  und  in 
die  Stadt  verteilt.  Bald  genügte  aber  das  Pumpwerk  nicht  mehr. 
Im  September  1871  waren  von  den  1480  Wohnhäusern  der  Stadt 
schon  902  an  die  Wasserversorgung  angeschlossen.  Es  musste  ein 
provisorisches  neues  Pumpwerk  mit  Dampfbetrieb  beim  Kornhaus 
hinter  dem  Bahnhof  errichtet  und  benutzt  werden  bis  zur  Voll- 
endvmg  des  grossen  Pumpwerks  im  Letten,  das  im  Mai  1878  dem 
Betrieb  übergeben  wurde.  Es  pumpte  nicht  nur  Brauchwasser, 
sondern  lieferte  mittelst  Drahtseiltransmission  und  Wassertrans- 
mission auch  Triebkraft  über  die  Limmat  ins  Industriequartier. 
Im  Jahre  1883  schritt  die  Stadt  zu  einer  bedeutenden  Erweiterung 
der  Wasserversorgung  durch  Angliederung  einer  dritten  Druck- 
zone mit  Reserv^oir  an  der  Klein joggstrasse  auf  der  Höhe  des 
Forstes.  Man  glaubte  damit  die  Wasserversorgung  für  längere 
Zeit  erledigt  zu  haben,  als  im  Frühjahr  1884  eine  schwere 
Typhusepidemie  ausbrach,  deren  Ursache  in  einer  Schadhaftigkeit 
des  Filters  und  der  Wasserleitung  in  der  Limmat  vermutet  wurde. 


o  XXXI.  KAPITEL:    DIE  GROSSE  BAUPERIODE  115 

Es  führte  das  zu  einer  totalen  Änderung  der  Wasserfassungsan- 
lage. Das  Wasser  wurde  nun  nicht  mehr  der  Ivimmat  entnommen, 
sondern  im  See  gefasst,  etwa  200  m  oberhalb  der  Quaibrücke  in 
12  m  Tiefe,  und  es  hatte  vor  dem  Eintritt  in  das  Pumpwerk  eine 
Filteranlage  im  Industriequartier,  beim  Einfluss  der  Sihl  in  die 
Limmat,  zu  passieren.  Mit  Eröffnung  der  neuen  Anlagen  im 
Jahre  1886  war  eine  zweite  Bauperiode  der  Wasserversorgung 
abgeschlossen.  s|. 

Der  Bau  der  Bahnhofstrasse  an  Stelle  des  alten  Fröschen- 
grabens (1864),  der  Bahnhof  brücke  (1863)  und  des  Bahnhof- 
quartiers wurde  im  I.  Band,  Seite  346/347  erwähnt.  Das  Bahnhof- 
quartier belebte  sich  ziemlich  rasch  mit  stattlichen  Bauten.  In 
der  ,, Ausstellungszeitung"  wurde  an  die  in  dieser  Gegend  statt- 
gefundenen Hinrichtungen  erinnert  und  beigefügt:  ,,Ich  sehe  ihn 
noch,  den  Besitzer  des  Kartoffelackers,  der,  mit  einem,  grossen 
Prügel  bewaffnet,  das  schaulustige  Volk  daran  zu  hindern  suchte, 
seine  Pflanzung  zu  verwüsten,  während  die  armen  Sünder  in  einem 
Zweispänner  langsam  vorüberfuhren.  Heute  gleitet  der  Tramway 
in  seinem  würdigen  Tempo  über  die  Stelle,  wo  Todesqualen  aus- 
gestanden wurden,  und  elegante  Luxusläden  wachsen  da,  wo  vor 
25  Jahren  noch  Kartoffeln  wuchsen."  Die  Einmiündung  des  Renn- 
w^egs  in  die  Bahnhofstrasse  erforderte  die  Niederlegung  des  Renn- 
wegtors (1866),  dessen  gewaltiges  Mauerwerk  der  Zerstörung  zähen 
Widerstand  bot.  Ausserdem  mussten  (1872)  noch  acht  Häuser 
am  innern  Rennweg  niedergerissen  werden.  Von  der  Ausmündung 
des  Rennwegs  an  wurde  eine  neue  Strasse  nach  dem  Ötenbacherhof 
(Areal  der  Strafanstalt)  und  am  Wollenhof  vorbei  zum  Obern 
Mühlesteg  und  eine  w^eitere  Strasse  als  Zufahrt  vom  Lindenhof 
her  erstellt.  Der  ,,Rain",  ein  eigenartiger  Baurest  mitten  im  Renn- 
weg, wurde  1880  abgetragen.  1878  kaufte  die  Stadt  den  Wollen- 
hof zur  Sicherung  des  Zugangs  von  der  Schipfe  zum  Bahnhof. 

Der  geradlinigen  Fortsetzung  der  Bahnhofstrasse  zum  See 
stand  der  Baugartenhügel  mit  dem  Kratzturm  im.  Wege  (der 
Standort  des  Kratzturms  befindet  sich  genau  in  der  Mitte  der 
Fahrbahn  der  obern  Bahnhofstrasse  und  wird  von  der  südlichen 
Baulinie  der  Börsenstrasse  geschnitten).  Der  an  den  Kratzturm 
sich  schmiegende  Baugartenhügel  war  einer  der  malerischen  Punkte 


ii6  XXXI.  KAPITEL:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  o 

des  alten  Zürich  und  bot  in  seiner  reizvoll  gelegenen  Gartenwirt- 
schaft einen  herrlichen  Ausbhck  auf  See  und  Gebirge.  Der  Wunsch, 
dieses  charakteristische  Wahrzeichen  dem  Stadtbild  Zürichs  zu 
erhalten,  lässt  sich  verstehen,  doch  hielt  der  Stadtingenieur  die 
Beseitigung  im  Interesse  einer  rationellen  Gestaltung  des  neuen 
Stadthausquartiers  für  unvermeidlich.  Die  Lösung  der  Frage 
wurde  dringhch,  als  das  Projekt  des  Börsenbaues,  der  in  das 
Baugartenareal  hineingestellt  werden  sollte,  auftauchte  und  Gefahr 
bestand,  dass  die  zu  seinen  Gunsten  von  den  Erben  Bodmer  zur 
,,Arch"  gemachte  Schenkung  von  500,000  Fr.  dahinfallen  könnte, 
wenn  die  Baufrist  nicht  innegehalten  würde.  Die  Opposition  gegen 
die  Pläne  des  Stadtingenieurs  ging  von  der  Baugartengesellschaft 
aus,  welche  den  Baugarten  als  Stammlokal  von  der  Stadt  ge- 
pachtet und  zu  den  ihr  dienlichen  Tagesstunden  für  sich  reserviert 
hatte,  so  dass  das  weitere  Publikum  nur  zu  bestimmten  Zeiten 
Zutritt  zum  Baugarten  erhielt.  Die  Baugartengesellschaft,  eine 
anfänglich  ziemlich  exklusive  geselHge  Vereinigung,  ist  am  5.  Sep- 
tember 1802  auf  der  ,,Waag"  gegründet  worden.  Sie  benützte 
schon  seit  1807  den  Baugarten  als  Sommerlokal,  mid  nun  tat  es 
ihr  begreiflicherweise  leid  genug,  das  lieb  gewordene  Heim  ver- 
lassen zu  müssen.  Doch  machte  sie  für  ihren  Widerstand  nicht 
egoistische,  sondern  allgemeine  Interessen  geltend:  sie  wollte,  wie 
es  in  einer  Publikation  hiess,  die  Stadt  ,,an  zu  unvorsichtig  raschem 
Vorgehen  in  der  Bauentwicklung"  zu  verhindern  suchen.  Als  die 
Gemeinde  am  19.  März  1876  den  Vertrag  mit  der  Kaufmännischen 
Gesellschaft  über  den  Börsenbau  angenommen  hatte,  wurde  der 
Baugartengesellschaft  die  Pacht  gekündet  mid  zugleich  der  Wunsch 
geäussert,  dass  sie  noch  vor  Ablauf  des  Pachttermins  den  Bau- 
garten räumen  möge.  Darauf  trat  die  Gesellschaft  zunächst  nicht 
ein,  doch  einigte  man  sich  schUesslich  auf  den  31.  Oktober  1876 
als  Räumungstermin.  Die  Gesellschaft  versuchte  dann  noch,  auf 
dem  Wege  einer  in  Umlauf  gesetzten  Petition  den  Zeitpunkt  des 
Abbruchs  hinauszuschieben;  sie  wurde  jedoch  abgewiesen,  imd 
am  22.  Januar  1877  vergab  der  Stadtrat  die  Abbruchsarbeiten. 
Stadtrat  Vögeli,  obwohl  Mitghed  der  Baugartengesellschaft,  hatte 
mit  aller  Energie  den  Standpunkt  des  Stadtingenieurs  verfochten 
und  das  Vorgehen  der  Gesellschaft  missbüligt.  Im  März  1877 
wurde  der  Kratzturm  abgetragen,  der  alte  Kratzplatz  und  der  bis 


o  XXXI.  KAPITEL:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  117 

zum  See  reichende  Baugarten  vereinigten  sich  mit  den  seit  1850 
bestehenden  „Stadthausanlagen";  an  der  Westseite  der  durch- 
geführten Bahnhofstrasse  erstand  in  den  Jahren  1877 — 1880  der 
stolze  Börsenbau  (mit  südlich  anstossendem  Haus  Abegg,  1901), 
der  Börse  gegenüber,  an  der  Nordseite  der  Börsenstrasse,  baute 
Henneberg  1882  sein  palastähnliches  Geschäftshaus  und  den  Stadt- 
hausanlagen gegenüber,  Börsenstrasse  10,  Guyer-Zeller  1885  sei- 
nen ,,Gryffenberg".  Der  Baugartengesellschaft  aber  kehrten  nach 
ihrer  Vertreibung  aus  dem  Stammsitz  viele  ihrer  Mitglieder  grol- 
lend den  Rücken,  und  die  noch  übrig  bleibenden  wurden  vom 
letzten  überlebenden  Vorstandsmitglied,  Oberst  Vögeli-Bodmer, 
auf  den  13.  Januar  1904  zusammenberufen,  um  die  förmliche 
Liquidation  zu  beschliessen.  Auf  der  Saffran  fand  am  11.  Fe- 
bruar 1904  die  letzte    Generalversammlung  statt. 


Wenn  schon  ums  Jahr  1220  Bischof  Otto  von  Freising  den 
Ausspruch  ttm  konnte:  ,,Wen  Gott  lieb  hat,  dem  schenkt  er  ein 
Haus  in  Zürich",  was  hätte  er  erst  im  19.  Jahrhundert  sagen 
müssen  beim  Anblick  dessen,  was  aus  dem  Fröschengraben  ge- 
worden ist!  Zürich  begann  auch  im  Innern  eine  schöne  Stadt  zu 
werden,  und  das  von  Bürkli  bei  der  Quaifeier  zitierte  Wort  Ben- 
venuto  Cellinis:  ,, Zürich,  eine  wunderherrliche  Stadt,  schmuck  wie 
ein  Juwel",  das  in  bezug  auf  seine  Lage  zu  allen  Zeiten  Geltung 
hatte,  wurde  nun  erst  zur  vollen  Wahrheit.  An  der  Bahnhof- 
strasse erstanden  Jahr  um  Jahr  elegante  moderne  Bauten  und 
gaben  ihr  mehr  und  mehr  ein  grosstädtisches  Aussehen.  Um  den 
Bahnhofplatz,  auf  dem  1880  zu  Ehren  des  eidgenössischen  Sänger- 
festes eine  Prachtsfontäne  ihren  Wasserstrahl  emporsandte  —  an 
der  Stelle,  wo  1889  das  Alfred  Escher-Denkmal  enthüllt  wurde  — 
reihten  sich  die  Hotelpaläste,  erst  das  ,, National"  und  dann  (1882) 
das  ,, Viktoria".  Von  den  modernen  Privathäusern  an  der  Bahnhof- 
strasse war  eines  der  ersten  dasjenige  des  Photographen  Ganz; 
1869  wurde  das  Haus  Waltisbühl  erbaut,  1870  das  jetzt  schon 
wieder  verschwundene  ,, Windegg"  beim  Paradeplatz,  1883  das 
Haus  des  Stadtpräsidenten  Römer  usw.  Eine  besondere  An- 
ziehungskraft übte  die  Gegend  der  Bahnhofstrasse  auf  die  Banken 
aus.     Zuerst  etablierte  sich    (1872)   die   ,, Meisenbank"    (Bank  in 


ii8  XXXI.  KAPITEL:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  o 

Zürich)  auf  dem  Platz  vor  der  alten  Hochscliule;  1875  bezogen 
Leu  &  Cie.  iliren  ersten  grossem  Bau  an  der  Bahnhofstrasse 
(später  an  die  Bank  in  Baden  abgetreten).  Die  Kantonalbank 
verlebte  ilire  Jugendjahre  in  ziemlich  patriarchalischen  Verhält- 
nissen in  dem  im  Hof  gelegenen  Wohnhaus  des  alten  Feldhofs; 
den  Dienst  der  heutigen  „Safes"  und  „Tresors"  versah  damals  ein 
riesiger  Bernhardiner,  der  dann  aber  abgetan  werden  musste,  weil  er 
noch  mehr  als  die  Diebe  die  Kunden  abschreckte.  Als  die  Kan- 
tonalbank durch  Spekulation  aus  dem  Feldhof  verdrängt  wurde, 
kaufte  sie  1872  das  Wohnhaus  zur  „Marienburg"  in  den  hintern 
„Tiefenhöfen".  Dieses  für  Bankzwecke  ebenfalls  wenig  geeignete 
Haus  machte  1902  dem  heutigen  Prachtbau  Platz.  Die  Schweize- 
rische Kreditanstalt  befand  sich  bis  1868  im  alten  Postgebäude, 
dem  heutigen  Zentralliof,  und  musste  dann  einer  Erweiterung  des 
Telegraphenbureaus  weichen.  Sie  siedelte  vorerst  in  die  hintern 
Tiefenhöfe  über,  sicherte  sich  dann  aber  einen  beträchtlichen 
Teil  des  Feldhof areals  am  Paradeplatz.  Im  Februar  1873  geneh- 
migte der  Stadtrat  die  Pläne  für  den  imposanten  Neubau  mit 
Hauptfassade  im  reichsten  Renaissancestil,  der  im  Jahr  1877  be- 
zogen wurde.  Den  übrigen  Teil  des  Feldhofs  hatte  der  mehr- 
erwähnte Spekulant  in  seine  Hände  gebracht,  der  es  verstand,  die 
eidgenössische  Post  aus  der  Poststrasse  wegzulocken  und  im  Neu- 
bau auf  dem  Feldhofareal  an  der  Bahnhofstrasse  einzulogieren, 
der  am  i.  Dezember  1873  bezugsfertig  war  und  bis  1898  benutzt 
wurde.  Das  verlassene  Posthaus  aber  bauten  Spekulanten  zum 
,, Zentralhof"  um  und  verkauften  das  anstossende  Areal  mit  reichem 
Gewinn  an  Private.  Der  aus  15  Wohnhäusern  bestehende  Block 
mit  grossem  Hof  entstand  in  den  Jahren  1873 — 1875.  Der  benach- 
barte Häuserblock  des  ,,  Kappelerhof  es"  war  etwa  ein  Jahrzehnt 
später  vollendet,  und  er  schnitt  schon  tief  ins  alte  Kratzquartier  ein. 
Das  Kratzquartier!  Wer  kennt  sich  dort  noch  aus?  Wer 
erinnert  sich  noch  an  das  ,,Cafe  Frieden",  über  dessen  Stätte 
heute  der  Postturm  ragt,  an  den  ,, Gasthof  zur  Sonne"  (ungefähr 
in  der  Mitte  der  heutigen  Postfassade),  an  den  ,, Goldenen  Ring" 
(beim  Eingang  ins  Metropol- Restaurant  an  der  Fraumünster- 
strasse) !  Verschwunden  ist  die  ganze  Herrlichkeit.  Auch  dem 
alten  Stadthaus,  samt  der  ,, Bauhütte",  schlug  seine  Stunde.  Es 
wurde  1886  abgebrochen,  nachdem  1885  das  neue  Verwaltungs- 


c 

I 

53 

i 


o  XXXI.  KAPITEL:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  119 

gebäude  im  Fraumünsteramt,  Ecke  Fraumünsterstrasse-Kappeler- 
gasse, bezogen  worden  war  (es  ist  dies  der  ältere  Teil  des  heutigen, 
viel  grösseren  Stadthauses).  Der  Häuserblock  am  Stadthausquai 
Nr.  I — 7,  an  der  Stelle  des  alten  Stadthauses,  wurde  1887 — 1889 
erbaut.  Mit  den  alten  Gassen  und  Plätzen  des  Kratzquartiers  ist 
auch  sein  Name  verschwunden;  es  heisst  jetzt  Stadthausquartier. 


Vom  Selnauquartier  (u.  a.  Westend-Terrasse,  1872  erbaut) 
und  Stadelhof erquartier,  deren  Entstehen  ebenfalls  in  die  ,, grosse 
Bauperiode"  fällt,  ist  im  I.  Band,  Seite  343  imd  345,  gesprochen 
worden.  Am  19.  Dezember  1880  erhielt  der  Stadtrat  vom  Grossen 
Stadtrat  den  Auftrag,  die  Ausfüllung  des  Hafens  bei  der  Tonhalle 
sofort  einzuleiten.  Eine  mit  800  Unterschriften  bedeckte  Petition 
hatte  schon  vorher  den  Stadtrat  ersucht,  den  sog.  ,, Trump  1er- 
turm"  zu  beseitigen.  Als  ,, Trümpierturm"  bezeichnete  der  Volks- 
mimd  das  ehemals  an  der  Torgasse  Nr.  37  stehende  Trümpler- 
Greutersche  Wohnhaus.  Die  Torgasse  bildete  vor  1839  ^^^  zu- 
sammenhängende Häuserreihe  vom  Oberdorf  türm  (bei  der  jetzigen 
Somienapotheke)  bis  an  den  Seeausfluss.  Der  unterste  Teil  der 
Torgasse,  das  Trümpierhaus  Nr.  37,  das  Haus  zum  ,,Egli"  Nr.  39 
und  das  Magazin  für  das  nach  Luzern,  Zug  etc.  zu  verschiffende 
Salz  weitete  sich  zu  einem  zusammenhängenden  Block  von  un- 
regelmässigem Grundriss.  Nun  wurde  beim  Durchbruch  des 
Sonnenquai  1839  dieser  ganze  Block  von  der  Torgasse  abgeschnit- 
ten, imd  das  dem  Durchbruch  ziuiächst  stehende  Haus  Nr.  37 
erhielt  dadurch  die  turmähnliche  Gestalt,  die  ihm  seinen  Über- 
namen eintrug.  Das  Haus  zum  ,,Egli"  mit  anstossenden  Gebäu- 
lichkeiten  wurde  um  die  Mitte  des  Jahrhunderts  zum  ,, Hotel 
Bellevue"  ausgebaut,  auf  welches  Wirt  Gujer  vom  ,, Raben"  oder 
,, Hotel  Bilharz"  (Hechtplatz  i)  herüberkam.  Durch  den  Abbruch 
des  im  Jahr  1879  von  der  Stadt  angekauften  Trümpierhauses 
wurde  das  ,, Bellevue"  nach  dem  Sonnenquai  hin  freigelegt;  auf 
der  andern  Seite  führte  ein  schmaler  Uferweg  seiner  Front  entlang. 
Nach  dem  Bellevueplatz  war  dem  Hotel  das  1850/52  errichtete 
neue  Salzhaus  vorgebaut,  das  dann  ungefähr  gleichzeitig  wie  das 
Trümpierhaus  wieder  abgebrochen  wurde,  während  durch  den 
Quaibrückenbau  und  die  Hafenausfüllimg  der  Uferweg  sich  zum 


120  XXXI.  KAPITEL:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  o 

Quai  erweiterte.  Das  aus  seinen  Anbauten  allmählich  herausgeschälte 
Hotel  Bellevue  kauften  1872  Ermell  &  Pohl,  welche  mit  ihm 
später  einen  bedeutend  verschönernden  Umbau  vornehmen  Hessen. 
Als  ,,Zährmgerquartier"  ist  die  Gegend  des  alten  Spitals 
(Band  I,  26,  332)  zu  betrachten.  Der  Hauptbestandteil  seines 
Strassennetzes  ist  die  Zähringerstrasse,  von  der  Seitenstrassen 
nach  dem  Niederdorf  und  Seilergraben  laufen.  Im  April  1878 
wurde  mit  dem  Abbruch  der  alten  Häuser,  den  Strassenbauten,  der 
Kanalisation  und  gleichzeitig  auch  mit  der  Erstellung  von  neuen 
Häusern  durch  Private  begonnen.  1883  konnte  die  Durchführung 
dieser  Regulierung  als  vollendet  betrachtet  werden.  Der  Erstel- 
lung dieses  Quartiers  fiel  auch  der  letzte,  von  der  alten  Befestigung 
noch  übrig  gebliebene  Turm,  der  Ketzerturm  oder  Gräbliturm  am 
Seilergraben,  zum  Opfer.  Er  hatte  noch  bis  in  die  neuere  Zeit  als 
Hochwacht,  dann  als  Magazin  und  Eiskeller  gedient  und  wurde 
auch  zum  Felletrocknen  ausgeliehen,  und  zwar  bis  1866,  als  mit 
Rücksicht  auf  die  Geruchsnerven  der  Professoren  am  Polytech- 
nikum ein  Verbot  dagegen  erging.  Der  Baumeister,  welcher  1878 
den  Abbruch  übernahm,  hatte  das  Unglück,  dass  ihm  der  alte 
Turm  ausbrannte  und  ein  grosser  Teil  des  Abbruchmaterials  samt 
Gerüst  vernichtet  wurde.  ^^ 

Durch  die  Erfahrung  belehrt,  dass  der  Limmatquai  von  An- 
fang an  viel  zu  schmal  angelegt  worden  war,  genehmigte  die  Ge- 
meinde am  6.  November  1887  das  grössere  Projekt  des  Grossen 
Stadtrates  zur  Verbreiterung  (9  m  Fahrbahn  mit  je  3  m  Trottoir 
zu  beiden  Seiten)  gegenüber  einem  billigeren  des  engern  Stadt- 
rates. Die  Verbreiterung  war  1891  durchgeführt.  Den  Angaben 
über  Metzgpassage,  Schlachthaus,  Walche  im  I.  Band  (vgl.  Re- 
gister) sei  noch  beigefügt,  dass  die  entscheidende  Gemeindever- 
sammlung für  die  Erweiterung  der  Metzgpassage  am  14.  April  1862 
stattfand,  die  alte  Metzg  1865  abgebrochen  wurde,  das  Schlacht- 
haus ,, Walche"  am  i.  Mai  1865  bezogen  werden  konnte  und  am 
IG.  April  1866  die  Metzger  zu  Ehren  der  Eröffnung  der  neuen 
Fleischhalle  einen  kostümierten  Umzug  (Mordnacht  1350)  ver- 
anstalteten. 1867  wurden  die  ersten  privaten  Fleischverkaufs- 
lokale in  der  vStadt  herum  genehmigt  und  eröffnet.  Gegenüber 
der  Fleischhalle  entstanden  die  Neubauten  der  Gesellschaft  zum 


0^ 

o 


o  XXXI.  KAPITEL:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  121 

,,Schneggen"  (1864)  und  der  Museumsgesellschaft  (1866).  Der 
„Schneggen"  trägt  die  goldenen  Jahrzalilen  1444 — 1864.  Seit- 
herige Forschungen  haben  aber  ergeben,  dass  die  Entstehung  der 
Gesellschaft  viel  weiter  hinaufreicht  als  bis  1444.  Der  „alte 
Schneggen"  stand  am  Platz  des  heutigen  Museums  und  es  hatten 
dort  die  Ratsherren  ihre  Trinkstube.  Der  sog.  ,,neue  Schneggen" 
wurde  1398 — 1400  an  das  damals  neue  Rathaus  angebaut.  Er 
stiess  im  rechten  Winkel  an  die  Nordostecke  des  Rathauses  und 
sprang  gegen  die  Marktgasse  hin  vor,  und  es  steht  fest,  dass  eine 
„Gesellschaft  der  Schildner  zum  Schneggen"  als  Erbauerin  und  Be- 
sitzerin dieses  Hauses  anzusehen  ist,  so  dass  für  jeden  einzelnen 
sein  Schild  der  Titel  des  förmlichen  Anteilrechtes  am  Hause  war. 
Seit  dem  Alten  Zürichkrieg  kam  für  die  Schildner  auch  der  Name 
,, Böcke"  oder  ,, Schwertler"  auf.  1694  wurde  der  ,,neue  Schneggen" 
gleichzeitig  mit  dem  Rathaus  niedergerissen.  (Einweihung  des 
jetzigen  Rathauses  am  22.  Juni  1698.)  Den  ,, Schildnern"  wurde 
die  „Schützenstube"  im  Haus  zum  Schütz  zugewiesen.  Sie  bauten 
an  seiner  Stelle  1754  ein  neues  Gesellschaftshaus,  das  1864 — 1866 
durch  das  heutige  Gesellschaftshaus  ersetzt  wurde.  Die  Museums- 
Gesellschaft  hatte  zuerst  ihr  Lesezimmer  im  Haus  zum  „grossen 
Erker"  im  Oberdorf;  seit  12.  April  1843  wohnte  sie  im  ,, Rüden" 
bei  der  adeligen  Gesellschaft  zur  Miete,  seit  1867  im  eigenen  Heim. 
Auf  dem  „Rüden"  hatte  seit  31.  Dezember  1349  die  ,, Gesellschaft 
der  edlen  Leute"  ihre  Trinkstube.  Am  30.  November  1643  kaufte 
die  adelige  Gesellschaft  das  Haus;  1868  verkaufte  sie  es  der  Stadt 
und  löste  sich  1879  auf.  —  Weniger  glückHch  als  der  Limmat- 
quai  war  die  gegenüberliegende  Schipfe,  deren  Korrektion  na- 
mentlich von  Fritz  BürkH  schon  von  den  60er  Jahren  an  un- 
ablässig gefordert  wurde.  Er  erlebte  sie  nicht  mehr,  und  ob  die 
heutige  Generation  sie  noch  sehen  wird,  ist  die  Frage.  Im  Haus 
zum  ,, grossen  Luchs"  an  der  Schipfe  ist  im  Jahre  1865  die  erste 
schweizerische  Brief  Umschlagfabrik  von  F.  Wagner  gegründet  und 
damit  in  unserm  Lande   eine  neue  Industrie  eingeführt  worden. 


Die  Gemeindeversammlung  vom  18.  Mai  1873,  welche  die 
Rechtsufrige  Zürichseebahn  auf  das  richtige  Geleise  brachte,  be- 
auftragte zugleich  den  vStadtrat,  sofort  nach  Sicherstellung  dieser 


122  XXXI.  KAPITEL:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  o 

Bahn  der  Gemeindeversammlung  eine  Vorlage  betr.  Ausführung 
der  neuen  Quaianlagen  samt  Brücke  über  die  Limmat  zu  machen, 
in  dem  Sinne,  dass  diese  Bauten,  soweit  sie  städtisches  Gebiet 
betreffen,  mit  Vollendimg  der  beidseitigen  Seebahnen  ebenfalls 
vollendet  würden.  Der  Stadtrat  hatte  aber  schon  von  sich  aus, 
im  August  1872,  den  Gemeinden  Riesbach,  Enge  und  Wollishofen 
einen  Vorschlag  zu  gemeinsamer  Ausführimg  der  Quaibauten 
unterbreitet.  Wollishofen  lehnte,  weil  zu  weit  entlegen,  ab,  da- 
gegen fiel  in  Enge  und  Riesbach  die  Anregung  auf  günstigen  Boden. 
Nach  dem  Gemeindebeschluss  von  1873  arbeitete  dann  Stadt- 
ingenieur Bürkli,  gemeinsam  mit  dem  damaligen  Bauvorstand 
der  Gememde  Riesbach,  Oberst  P.  E.  Huber-Werdmüller,  das 
erste  Projekt  aus,  das  denn  auch  bei  der  Plankonkurrenz  von  1874 
über  27  andere  Projekte  den  Sieg  davontrug.  Bürkli  gehörte  auch 
der  aus  Vertretern  der  drei  Seequaigemeinden  gebildeten  ,, See- 
quai-Kommission" an,  und  auf  sein  Betreiben  war  schon  1871 
durch  das  neue  Wasserbaugesetz  Vorsorge  getroffen,  dass  bei 
grössern  Quaianlagen  die  Anstösser  zu  einem  entsprechenden  Bei- 
trag an  die  Kosten  verpfhchtet  werden  konnten,  wodurch  die 
finanzielle  Basis  für  grosse  Unternehmimgen  dieser  Art  gewonnen 
war.  Doch  bheben  noch  grosse  Schwierigkeiten  zu  überwinden. 
In  der  ,, Freitagszeitung"  äusserte  sich  (1879)  ^^^  heftige  Oppo- 
sition gegen  den  ,, Quaibautenschwindel",  welcher  es  wohl  zuzu- 
schreiben war,  dass  die  am  18.  Mai  1880  für  die  Bildung  eines 
,, Seequai- Gar antievereins"  verlangten  Beiträge  nicht  gezeichnet 
wurden.  Der  Verein  konstitmerte  sich  gleichwohl  im  Jimi  1880. 
Der  endgültige  Entscheid  fiel  aber  erst  am  4.  September  1881, 
an  welchem  Tage,  nach  mühsam  zuwege  gebrachter  Finanzierung, 
den  gleichzeitigen  Gemeindeversammlungen  von  Zürich,  Enge 
imd  Riesbach  der  Vertrag  über  die  Quaibaute  zur  Genehmigung 
vorgelegt  wurde.  In  Zürich  wurde  der  Vertrag  mit  1576  gegen 
373  Stimmen  angenommen,  in  Enge  imd  Riesbach  nahezu  ein- 
stimmig, imd  mit  Kanonendonner  ward  das  grosse  Ereignis  ge- 
feiert. Die  Ausführung  wurde  einer  besondern  ,,  Quai-Unterneh- 
mung" übertragen,  die  im  Februar  1882  Bürkli  zu  ihrem  leitenden 
Ingenieur  berief.  Infolgedessen  verliess  Bürkli  den  Dienst  der 
Stadt,  aber  nur,  um  eine  erweiterte  Wirksamkeit  für  ein  neues 
Zürich  anzutreten;  war  doch  der  Zusammenschluss  der  drei  Quai- 


o  XXXI.  KAPITEL:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  123 

gemeinden  zur  Durchführung  des  grossen  gemeinsamen  Unter- 
nehmens nur  der  Vorläufer  der  ein   Jahrzehnt  später  erfolgten 
Vereinigung  Zürichs  mit  seinen  Ausgemeinden.    Grosse  vSchwierig- 
keiten  bereitete  beim  Bau  der  Quaibrücke  die  schlechte  Beschaffen- 
heit des  rechtseitigen  Ufers,  und  ein  guter  Freund  ärgerte  Bürkli 
täglich  mit  der  „Dummen  Frage"  im  „Tagblatt":  „Wann  wird 
endlich   die    Quaibrücke  mit   dem   Festlande   verbunden?"     Zur 
Strafe  für  die  Neckerei  musste  ihm  dann  der  gute  Freund  die 
ersten  100,000  Fr.  für  die  Dampfschwalbengesellschaft    zeichnen. 
Da  von  einer  förmlichen  Einweihung  der  Quaibrücke  abgesehen 
werden  sollte,  veranstaltete  Bürkli  von  sich  aus  eine  kleine  Fest- 
lichkeit: Am  Silvesternachmittag  des  Jahres  1884  bewegte  sich 
über  die  zum  erstenmal  geöffnete  Brücke  ein  langer  Zug,  voran  die 
Arbeiter  mit  ihren  Werkzeugen,   dann  eine  endlose   Reihe  von 
Wagen,  eleganten  Equipagen,  Müllerei-  und  Bierfuhrwerken  und 
Geschäftswagen  aller  Art.   Zweieinhalb  Jahre  später  war  die  ganze 
Quaianlage,  soweit  sie  vorerst  geplant  war,  vollendet.     Ein  fröh- 
licher  Kinderumzug  und  eine  imposante,   würdevolle  Volksfeier 
gaben   dem   denkwürdigen  Momente   die  Weihe.     Anerkennung, 
lyob  und  Auszeichnung  senkten  sich  von  allen  Seiten  auf  den  Er- 
bauer des  grossen  Werkes;  die  drei  Quaigemeinden  stifteten  einen 
Lorbeerkranz,  und  der  Vertreter  der  Stadt  sprach  es  aus,  dass  der 
Name  Bürklis  auf  immer  mit  den   Quaianlagen  verbunden  sein 
werde,  die  ein  Denkmal  zu  seiner  Ehre  seien,  dauernder  als  Erz, 
Mehr  noch  freute  ihn  wohl  das  schlichte  Denkblatt  seiner  Unter- 
gebenen, welches  lautete:  ,,Die  Arbeiter  der  Direktion  am  Quai- 
bau   in    Zürich    stiften     dieses    Andenken    dem     Quai-Ingenieur 
A.  Bürkli-Ziegler  von  Zürich,  in  Erinnerung  an  dessen  väterliche 
Fürsorge  für  die  Arbeiter,  überreicht  am  Tage  der  Eröffnung  des 
Quais  nach   fünfjähriger   Bauzeit   am   3.    Juli   1887".     Und    der 
Sprecher  der  Abordnung  fügte  hinzu:    ,,Möge  dieses  Andenken 
Ihnen  dienen  zur  Erinnerung,  dass  Sie  zu  dem  grossen  Werke,  das 
Sie  geschaffen,  auch  manch  gutes  Werk  getan  haben."    Mit  der 
Quaifeier  war  auch  eine  feierliche  Taufe  von  Brücke  imd  Quais 
verbunden:  Quaibrücke,  Stadthausplatz  (jetzt  Bürkliplatz), Alpen- 
quai, Mjrthenquai,  Utoquai  und  Seefeldquai  lauteten  die  von  der 
Terrasse  verkündeten  Namen.   Noch  im  gleichen  Jahr,  am  18.  De- 
zember 1887,  beschloss  die  Gemeinde  Riesbach  Fortsetzung  des 


124  XXXI.  KAPITEL:    DIE  GROSSE  BAUPERIODE  o 

Seefeldquai  bis  zum  Zürichhorn,  das  sie  schon  am  17.  Dezember 
1882  angekauft  hatte,  um  es  in  eine  öffenthche  Anlage  umzuwan- 
deln, mid  mit  den  neuen  Quais  wurde  auch  der  Hafen  Riesbach 
eröffnet,  der  den  eingedeckten  Hafen  beim  Bellevue  ersetzte. 


Die  hölzerne  Rathaus-  oder  Gemüsebrücke  erfuhr  in  den 
Jahren  1880/1881  einen  gründlichen  Umbau,  wobei  auch  die  Ver- 
kauf släden  auf  der  Brücke  beseitigt  wurden.  Die  Gemeinde  hatte 
am  15.  Februar  1880  den  Umbau  beschlossen  und  dabei  die  Er- 
richtung einer  Gem.üsehalle  auf  der  Brücke  vorgesehen.  Dagegen 
erhob  sich  jedoch  Opposition;  eine  Petition  von  Salomon  Vögelin, 
Bezirksrichter  Heinrich  v.  Wyss  u.  a.  ersuchte  den  Stadtrat,  dieses 
das  Stadtbild  verunstaltende  ,, Denkmal  der  Geschmacklosigkeit" 
nicht  zu  bauen  (Januar  1881),  und  die  Petition  hatte  Erfolg.  Als 
während  einer  Kantonsratssitzung  der  ,, Metzgerstein"  bei  der  Ge- 
müsebrücke, ein  Findling  in  der  Limmat,  gesprengt  wurde,  sollen 
verschiedene  Ratsherren  erschrocken  und  ,, weiss"  geworden  sein. 
Zu  gleicher  Zeit  wie  die  Gemüsebrücke  wurde  der  Waisenhaussteg 
umgebaut,  d.  h.  fahrbar  mit  dem  Obern  Mühlesteg  verbunden; 
die  Arbeit  war  ,, nützlich,  solid,  aber  bis  zur  Unschönheit  einfach". 

In  Aussersihl  wurde  1865  dringend  die  Entfernung  der  hölzer- 
nen, gedeckten  Sihlbrücke  gefordert,  durch  welche  sich  täglich 
iioo  Fuhrwerke  imd  11,000  Personen,  oft  mit  Lebensgefahr,  win- 
den mussten.  Als  am  12.  März  1866  der  Grosse  Rat,  entgegen  dem 
Verwerfungsantrag  der  Winterthurer,  den  Kredit  bewilligte, 
krachten  die  Mörser  in  Aussersihl,  und  noch  im  Oktober  wurde 
an  den  Abbruch  imd  Neubau  geschritten.  —  Im  gleichen  Jahre 
1866  wurden  auch  gebaut  die  Militärbrücke  bei  den  Stallungen 
an  der  Sihl  und  die  Usteribrücke  über  die  Mündung  des  1862  in 
die  Süll  abgelenkten  Schanzengrabens.  Die  Gessnerbrücke  über 
die  Sihl,  in  der  Richtung  der  Usteribrücke  gelegen,  kam  erst  1885 
dazu.  Für  eine  fahrbare  Brücke  beim  Sihlhölzli  bewilligte  der 
Grosse  Stadtrat  den  nötigen  Kredit  am  24.  Oktober  1886.  —  Die 
Zollbrücke  beim  Bahnhof  war  von  der  Nordostbahn  erbaut  wor- 
den, welche  sie  gemäss  Vertrag  mit  dem  Stadtrat  1861  dem  öffent- 
lichen Verkehr  übergab.  —  Der  Mattensteg  zwischen  Industrie- 
quartier   und    Platzpromenade  wurde    1880   erstellt,   der  Draht- 


Sa 


Co 


C5^ 

:3 


o  XXXI.  KAPITEL:    DIE  GROSSE  BAUPERIODE  125 

schmidlisteg  1872,  der  Lettensteg  1877  erbaut.   Die  eiserne  Fach- 
werkbrücke von  Wipkingen  stammt  aus  dem  Jahr  1871. 


,,Im-  Kräuel"  hiess  die  Gegend  am  Unken  Sihlufer,  etwa  von 
der  jetzigen  Kaserne  an  bis  ins  Hard.  Sie  lag  im  Gemeindebann 
Aussersihl,  aber  die  Stadt  besass  dort  noch  manche  Liegenschaft; 
auch  viel  Bürgerland  befand  sich  von  altersher  im  „Kräuel".  Der 
Name  dünkte  aber  die  Bewohner  der  dortigen  Gegend  längst  nicht 
mehr  schön,  und  es  wurde  schon  1866  vorgeschlagen,  statt  dessen 
,,Sihlvorstadt"  zu  sagen.  Nun  aber  entstand  seit  Mitte  der  siebziger 
Jahre  im  untern  ,, Kräuel"  ein  eigenthches  Industriequartier;  im 
Jahre  1875  wurden  mit  der  Nordostbahn  Unterhandlungen  geführt 
über  Anlage  und  Betrieb  eines  besondern  Industriegeleises,  das 
1883  dem  Verkehr  übergeben  wurde.  Es  verkehrten  darauf  im 
genannten  Jahr  4300  Wagen. 

Der  Bau  der  Kaserne  liess  trotz  des  schon  1864  mit  dem  Staat 
abgeschlossenen  Vertrags  (Band  I,  346)  sehr  lange  auf  sich  warten. 
Auch  der  Brand  der  alten  Kaserne  im  Thalacker  am  9.  Juni  1871, 
bei  dem  der  Feuerwehrmann  Schreiner  Waser  das  Leben  verlor, 
förderte  den  Beginn  der  Bauarbeiten  nicht  im  gev/ünschten  Masse 
und  es  musste  noch  eine  Petition  im  Jahre  1872  nachhelfen.  Das 
Übrige  tat  dann  der  Brand  der  Militärbaracken  A,  B,  C  auf  dem 
Kasernenareal  im  Dezember  1872,  wodurch  das  Militär  gänzlich 
obdachlos  wurde.  Erst  am  18.  Mai  1873  bewilligte  die  Volksab- 
stimmung die  erforderlichen  Kredite  und  1876  war  die  Kaserne 
vollendet.  Hinter  der  Kaserne,  von  dieser  durch  den  37,000 
Quadratmeter  grossen  Exerzierplatz  getrennt,  stehen  die  Zeug- 
häuser, im  Geviert  angeordnet  und  im  Charakter  der  Kaserne  an- 
gepasst.  Die  Stallungen  am  rechten  Sihlufer,  die  zuerst  als  Zeug- 
haus benützt  worden  waren,  umfassen  ein  Magazingebäude  für 
Artilleriematerial,  ein  Stallgebäude  für  120  Pferde  und  einen 
Reitschopf,  sowie  —  durch  eine  Strasse  getrennt  —  ein  Hauptge- 
bäude mit  grosser  Reitbahn  in  der  Mitte  und  beidseitig  anstos- 
senden  Stallungen  für  insgesamt  240  Pferde.  Die  hübsche  Allee 
der  Sihl  entlang  vor  der  Kaserne  wurde  1880  angelegt. 


126  XXXI.  KAPITEL:    DIE  GROSSE  BAUPERIODE  o 

Unter  den  neuen  Strassenzügen  und  Korrektionen  nimmt  die 
grossartige  Korrektion  der  Rämistrasse  eine  hervorragende  Stelle 
ein;  im  August  1885  wurde  der  darauf  bezügliche  Vertrag  mit 
der  Immobiliengesellschaft  (Architekt  Heinrich  Ernst)  genehmigt. 
Der  alte  Kartoffelmarkt  wurde  in  eine  Anlage  umgewandelt  und 
1887  mit  der  Waldmannstrasse  ein  Durchbruch  nach  der  Neustadt 
vorbereitet,  der  aber  durch  spätere  Projekte  hinfällig  geworden  ist. 
Oben  an  der  Rämistrasse,  Ecke  Zeltweg,  steht  das  ehemalige  Haus 
zum  ,,  Pfauen".  Dieser  Name  ist  auf  das  am  Zelt  weg  ihm  gegenüber 
errichtete  Sommertheater  und  dann  auf  die  grosse  Baute  Hürli- 
manns  zum  ,, Pfauen"  übergegangen.  Im  neuen  ,, Pfauen"  fand 
am  9.  März  1887  der  erste  Maskenball  statt.  In  den  Jahren  1875 
bis  1879  wurde  zur  Verbindung  der  neuen  schönen  Hottinger- 
strasse  mit  dem  Hirschengraben  die  Heimstrasse  gebaut  und  der 
Heimplatz  angelegt,  auf  welchem  1883  die  schweizerischen  Sänger 
ihrem  Ignaz  Heim  ein  Denkmal  errichteten.  1861  war  die  Freie 
Strasse,  1876  die  Bergstrasse  und  die  Dufourstrasse,  1884  die 
Weinbergstrasse  angelegt  worden. 

Im  Juni  1866  wurde  der  Judenfriedhof  beim  ,,Geerenhölzli" 
eröffnet.  Im  Dezember  1873  kaufte  die  Kirchgemeinde  Neumünster 
die  ,, Pfaffenhalde",  links  von  der  Forchstrasse  gegen  die  Rehalp, 
zur  Anlage  eines  neuen  Friedhofs,  der  am  23.  August  1874  mit 
einer  Ansprache  von  Pfarrer  Hiestand  eingeweiht  wurde.  Der 
alte  Friedhof  St.  Anna,  mitten  in  der  Stadt,  wurde  parzelliert, 
die  dort  bestatteten  Gebeine  Lavaters  ausgegraben  und  am 
II.  Februar  1882  an  der  Nordmauer  zu  St.  Peter  wieder  beigesetzt, 
wobei  Antistes  Finsler,  ein  Urenkel  Lavaters,  eine  Rede  hielt. 
Die  feierliche  Eröffnung  des  Zentralfriedhofes  durch  Ansprachen 
von  Stadtpräsident  Dr.  Römer  und  Pfarrer  Furrer  vom  St.  Peter 
fand  statt  am  7.  Oktober  1877.  Auf  demselben  wurde  im  nächst- 
folgenden Jahrzehnt  ein  Krematorium  erbaut,  welches  am  15.  Juni 
1889  eröffnet  werden  konnte.  Dasselbe  war  ein  Werk  des  Feuer- 
bestattungsvereins Zürich,  als  dessen  Gründer  Johann  Jakob 
Wegmann-Ercolani  anzusehen  ist.  Er  war  der  erste,  der  im  Jahre 
1874  durch  seine  Schrift  ,,Über  Leichenverbrennung  als  ratio- 
nellste Bestattungsart,  dem  gesunden  Menschenverstand  gewid- 
met", für  die  Kremation  Propaganda  machte  und  auf  den  6.  März 
1874  zu  einer  ersten  Versammlung  ins  Kasino  einlud.     Sie  war 


I 

§ 
§ 


5) 


o  XXXI.  KAPITEL:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  127 

SO  stark  besucht,  dass  schon  am  10.  März  eine  zweite,  noch  grössere 
Versammlung  in  der  St.  Peterskirche  stattfinden  musste  und  dort 
auch  die  Statuten  des  Feuerbestattungsvereins  angenommen  wer- 
den konnten.  Dem  ersten  Vorstand  gehörten  u.  a.  an  die  Profes- 
soren Albert  Heim,  G.  Kinkel,  F.  Goll,  Eugen  Huber,  E.  Kopp. 
Am  I.  Juli  1900  ging  das  Krematorium  in  den  Besitz  der  Stadt 
über.  Nachdem  durch  Gesetz  vom  29.  Juni  1890  die  unentgelt- 
liche Beerdigung  im  Kanton  Zürich  eingeführt  worden  war,  wur- 
den auch  die  I^eichenverbrennungen  in  Zürich  mit  dem  Über- 
gang des  Krematoriums  an  die  Stadt  unentgeltlich  erklärt.  —  Zu 
St.  Jakob  zogen  sich  längs  der  Badenerstrasse  zwei  Gottesäcker 
hin:  rechts  der  am  29.  April  1821  eingeweihte  Friedhof  „Grabes- 
nacht-Frühlingsmorgen", auf  welchem  1844  ein  Bethaus  errichtet 
wurde  (Band  I,  389) ;  dieser  Friedhof  wurde  nach  der  Einweihung 
des  Zentralfriedhofs  noch  22  Jahre  in  Stand  gehalten  und  dann 
1898  aufgehoben.  Der  alte  Friedhof  St.  Jakob,  links  der  Badener- 
strasse, wurde  1850  vom  Stadtrat  an  die  KathoUken  abgetreten, 
1861  von  ihnen  erweitert  und  mit  einer  Kapelle  versehen.  1870 
eröffneten  die  Katholiken  einen  neuen  Friedhof  im  „Löchli"- 
Wiedikon  an  der  heutigen  Elisabethenstrasse,  welcher  1892  ge- 
schlossen und  1910  aufgelassen  wurde. 


Zürichs  Stolz  ist  der  reiche  Kranz  von  Schulen  und  Anstalten 
an  den  Hängen  des  Zürichbergs.  Das  im  Jahr  1864  bezogene  eid- 
genössische Polytechnikum  (s.  23.  Kapitel)  erhielt  seine  Ergän- 
zung durch  eine  Reihe  von  Annexanstalten:  die  land-  und  forst- 
wirtschaftliche Schule  (1874),  das  Chemiegebäude  (1886),  das 
Physikgebäude  (erbaut  1887 — 1890),  die  Festigkeits-  oder  Material- 
prüfungsanstalt, 1879  eröffnet  in  einem  Gebäude  im  Areal  der  Nord- 
ostbahn und  dann  im  Jahre  1893  im  Neubau  an  der  Leonhard- 
strasse  untergebracht.  Zum  Kantonsspital  erhielt  der  Staat 
im  Jahre  1870  einen  zweiten  imposanten  Bau:  die  Anstalt 
Burghölzli  für  Geisteskranke.  1875  wurde  die  kantonale  Frauen- 
klinik eröffnet,  1877  das  Bürgerasyl  neben  dem  Pfrundhaus,  1882 
das  Pathologische  Institut  beim  Kantonsspital,  1885  das  kanto- 
nale Gebäude  für  Physik  und  Physiologie  an  der  obern  Rämi- 
strasse.   Nachdem  die  Chemie  am  Polytechnikum  1886  ihren  Neu- 


128  XXXI.  KAPITEL:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  o 

bau  erhalten  hatte,  wurde  das  Gebäude  hinter  dem  Polytechnikum 
an  der  Rämistrasse  1887  zum  kantonalen  Chemiegebäude  umge- 
wandelt. 

Weniger  zahlreich  waren  in  diesen  Jahren  die  kirchlichen 
Bauten.  Im  Jahr  1864  hatte  Mathilde  Escher,  die  Tochter  Kaspar 
Eschers  im  Felsenhof,  die  ,,neue  St.  Anna-Kapelle"  erbauen 
lassen.  Sie  war  mit  einer  Anstalt  für  körperlich  schwache,  aber 
voUsinnige  Kinder  verbunden  und  es  sollte  das  Haus  auch  als  Ab- 
steigequartier für  Prediger,  Missionare  usw.  dienen.  Mathilde 
Escher  starb  am  27.  Mai  1875.  —  Am  17.  August  1884  konnte  die 
Kirche  Unterstrass  eingeweiht  werden,  am  16.  September  1884 
die  Synagoge  der  Israeliten  an  der  Löwenstrasse,  im  August  1889 
die  Friedenskirche  der  Evangelischen  Gemeinschaft  am  Hirschen- 
graben. Als  im  Jahre  1882  Enge  zur  selbständigen  Kirchgemeinde 
erhoben  worden  war,  wandelte  man  das  ans  alte  Bethaus  angebaute 
SchuUiaus  in  ein  Pfarrhaus  um;  Ersatz  für  die  Schule  war  bereits 
geschaffen  in  dem  1874  erbauten  Schulhaus  auf  dem  Gabler.  Im 
Jahre  1861  erklang  zum  erstenmal  ein  Glöcklein  auf  der  Kirche 
Fluntem.  Das  neue  Geläute  im  Fraumünster  wurde  am  18.  Ok- 
tober 1874  eingeweüit  und  im  St.  Peter  feierte  man  am  15.  August 
1880  die  Glockenweihe.  ,,Zum  erstenmal  genoss  die  Stadt  das 
herrliche  Zusammenläuten  mit  Grossmünster  und  Fraumünster; 
besonders  das  As  der  123  Zentner  schweren  Glocke  von  St.  Peter 
klang  majestätisch  in  die  Ohren  jedes  Zuhörers."  1876  wurde  im 
Grossmünster  die  neue  Orgel,  1889  das  neue  Geläute  eingeweiht. 

Das  Kasino  am  obem  Hirschengraben  war  1873  von  der  Stadt 
erworben  und  dann  gegen  Ablösung  der  staatlichen  Eigentums- 
rechte im  Fraumünsteramt  an  den  Kanton  abgetreten  worden, 
der  das  Haus  mit  einem  Aufwand  von  180,000  Fr.  zum  Ober- 
gerichtsgebäude mit  Schwurgerichtssaal  umbaute  (1874).  Ausser- 
süü  eröffnete  1863  das  grosse  Zentralschulhaus  an  der  Lang- 
strasse, Riesbach  1874  das  Schulhaus  an  der  Mühlebachstrasse, 
1875  das  Gemeindehaus  an  der  Feldeggstrasse.  Die  Stadtgemeinde 
beschloss  am  11.  Mai  1873  den  Bau  des  Linthescher-Schulhauses 
und  des  Schanzengrabenschulhauses.  Das  im  Jahr  1865  nach 
Plänen  von  Prof.  G.  Semper  erbaute  Geschäftshaus  Theodor 
Fierz  zum  „vSonnenbühl"  darf  hier  erwähnt  werden,  weil  es  später 
ebenfalls  öffentlichen  Zwecken  zu  dienen  hatte. 


0\^ 


'S 


CD 


§: 


II 


^ 


o  XXXI.  KAPITEL:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  129 

Am  12.  Februar  1839  gründeten  zehn  Männer  aus  Zürich  und 
Umgebung  den  „ChristUchen  Verein"  zur  Erhaltung  des  evan- 
geUsch-reformierten  Christenglaubens  in  den  Volksschulen.  Ver- 
anlassung dazu  boten  die  Berufung  von  David  Friedrich  Strauss 
und  die  Verhältnisse  im  Staatsseminar  Küsnacht.  Durch  die 
der  Straussischen  Bewegung  folgende  Revolution  wurde  der 
„Christliche  Verein"  von  seinen  Zielen  abgelenkt  und  blieb  dreissig 
Jahre  lang  unfruchtbar.  Dann  erinnerte  er  sich  plötzlich  wieder 
seines  einstigen  Zweckes,  und  am  14.  Juli  1868  beantragte  der 
1839  viel  genannte  Fürsprech  Heinrich  Spöndlin  die  Gründung 
eines  christlichen  Seminars  in  der  Ostschweiz.  Am  3.  Mai  1869 
konnte  die  Eröffnung  mit  sechs  jungen  Leuten  stattfinden,  und 
zwar  im  ,, Kreuzhof",  Forchstrasse  Nr.  26,  in  der  Wohnstube 
des  neugewählten  Direktors,  Sekundarlehrer  Heinrich  Bachofner 
(geb.  19.  Mai  1828,  f  15.  Juni  1897).  Eine  zweite  Eröffnung  fand 
statt  am  15.  Mai  1870  im  ehemahgen  Gasthaus  und  Sommer- 
theater zum  ,, Weissen  Kreuz"  in  Unterstrass.  Ebenfalls  aus 
den  Kreisen  des  ,, Christlichen  Vereins"  hervorgegangen  ist  die 
Freie  Schule  Zürich  i.  Eine  Versammlung  zu  St.  Anna,  in  welcher 
Bachofner  referierte,  beschloss  ihre  Gründung  am  12.  Februar 
1874.  Das  Haus  der  Freien  Schule  an  der  Ötenbachstrasse  wurde 
am  IG.  August  1876  eingeweiht  (Rektor:  J.  Hof stetter -  Bader, 
t  6.  August  1914).  Als  dritte  Schöpfung  des  ,, Christlichen  Ver- 
eins" darf  die  Anstalt  für  Epileptische  auf  der  Rüti  angesehen 
werden,  welche  im  September  1886  eröffnet  worden  ist  (erster 
Hausvater:  Friedrich  Kölle,  f  9-  März  1905).  Zu  den  Anstalten 
der  ,, Evangelischen  Gesellschaft"  (gegründet  1837)  gehört  die 
Diakonissenanstalt  Neumünster  (1858),  welche  1886  ihr  erstes 
grosses  Krankenhaus  eröffnen  konnte.  Das  Altersasyl  zum 
,,Wäldli"  baute  sie  1881  auf  einer  von  der  Familie  Schulthess- 
V.  Meiss  in  Hottingen  geschenkten  Liegenschaft.  Die  1885  er- 
baute Villa  ,,Patumbah"  fiel  nach  Ableben  des  Erbauers  Kauf- 
mann Grob-Zundel  durch  Schenkung  seiner  Witwe  ebenfalls  der 
Evangelischen  Gesellschaft  zu.  1884  kaufte  die  Gesellschaft  den 
,,  Kleinen  Widder"  am  Renn  weg,  um  ihn  zu  einer  Herberge  und 
Volksküche  umzuwandeln.  Der  ,, Eleonorenstiftung"  verdankt  der 
1874  erbaute  Kinderspital  seine  Entstehung,  1887  öffnete  der 
Privat-Spital  vom  ,, Roten  Kreuz"  in  Fluntern  seine  Tore,  1889, 


I30  XXXI.  KAPITEI.:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  c 

am  25.  August,  weihte  Bischof  Haas  das  katholische  Gesellen- 
haus am  Wolfbach  ein. 


Bis  zum  Jahr  1873  wurde  die  „Neue  Zürcher  Zeitmig"  bei 
Orell  Füssli  im  „Elsasser"  gedruckt.  Dann  übernahmen  den 
Druck  Zürcher  &  Furrer,  die  zu  diesem  Zweck  das  Haus  zum 
„Wellenberg"  an  der  Ecke  Brunngasse-Niederdorf  ankauften. 
Orell  Füssli  erwarben  eine  Liegenschaft  an  der  Bärengasse  und  am 
20.  August  1881  wurde  mit  einer  Dampferfahrt  nach  der  Ufenau, 
an  der  350  Geschäftsangehörige  teilnahmen,  der  Umzug  vom  ,, El- 
sasser" in  den  ,, Schwarzen  Bären"  gefeiert. 

Das  Berichthaus  an  der  Münstergasse  konnte  im  Jahr  1880 
das  isojährige  Jubiläum  von  Buchdruckerei  und  ,, Tagblatt"  be- 
gehen, und  im  Jahre  1914  waren  es  nun  auch  schon  hundert 
Jahre,  seitdem  die  Firma  sich  in  den  Händen  der  Familie  Ulrich 
befand.  Bis  zum  Jahr  1882  stand  ihr  als  Chef  Oberrichter  Jo- 
hann Caspar  Ulrich  vor  (f  14.  Oktober  1883).  Ihn  unterstützte 
seit  1857  sein  älterer  Sohn  Carl  H.  Ulrich-Gysi  (f  13.  JuU  1899) 
und  von  1870  an  auch  der  jüngere  Sohn  Fritz  Ulrich- von  Orelli 
(t  6.  April  1908).  Aus  den  engen  und  dunkeln  Räumen  an  der 
Münstergasse-Ankengasse  zog  das  Berichthaus  im  November  1884 
um  ins  ,, Grüne  Schloss"  am  Zwingiiplatz.  Dieses  ,, Grüne  Schloss" 
hat  eine  interessante  Vergangenheit,  die  bis  ins  13.  Jahrhundert 
hinauf  reicht.  Eine  Gedenktafel  über  der  Haustür  erinnert  an 
den  Chorherrn  und  Magister  Felix  Hemmerlin,  den  Vorsteher  der 
Stiftsschule,  der  von  1440 — 1450  hier  wohnte  imd  von  dem  die 
Redensart  vom  ,, Meister  Hämmerü"  herrührt.  Felix  Hemmerlin, 
der  für  seine  Ideale  hundert  Jahre  zu  früli  geboren  war,  schrieb 
gegen  die  Missbräuche  in  der  Kirche,  wurde  dem  Bischof  von  Kon- 
stanz ausgehefert  und  von  ihm  zuerst  im  Schloss  Gottheben,  dann 
in  Luzem  lebenslänglich  eingekerkert.  1531 — 1536  wohnte  Antistes 
Bullinger,  der  Nachfolger  Zwingiis,  im  ,, Grünen  Schloss",  das  bis 
1835  Wolinung  von  Chorherren  am  Grossmünster  blieb  und  dann 
an  die  Familie  des  Goldschmieds  Fries  überging.  Von  ihr  kaufte 
das  Berichthaus  das  ,, Grüne  Schloss",  um  es  gründlich  umzubauen 
imd  durch  einen  ausgedelinten  Neubau  an  der  Blaue  Fahne- 
Strasse  zu  erweitern.    An  der  fröhlichen  ,,Hausräuke"  am  18.  Ja- 


o  XXXI.  KAPITEL:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  131 

nuar  1885  war  auch  Stadtpräsident  Dr.  Römer,  ein  Neffe  des  ver- 
storbenen Oberrichters  Ulrich,  anwesend  und  erinnerte  sich  in 
einem  humorvollen  Toast  der  Jugendzeit,  da  auch  er  noch  gelegent- 
lich im  Geschäfte  mithalf,  z.  B.  beim  Adressenschreiben  über 
Neujahr. 


Schon  in  den  Jahren  1864/65  beschäftigte  man  sich  in  Zürich 
mit  dem  Gedanken  an  eine  Strassenbahn.  Stadtingenieur  Arnold 
Bürkli  begründete  in  einem  Bericht  die  Ansicht,  ,,dass  die  Strassen- 
bahn ein  wirksames  Mittel  zur  Hebung  des  Verkehrs  und  eine 
Wohltat  für  das  Publikum  sei".  Er  fand  dafür  nicht  genügende 
Beachtung.  In  Riesbach,  wo  das  Bedürfnis  nach  einem  derartigen 
Verkehrsmittel  am  stärksten  empfunden  wurde,  richtete  Lohn- 
kutscher Furrer  im  Jahr  1865  einen  Omnibusdienst  ein,  der  aber 
nach  vier  Jahren  als  zu  unrentabel  wieder  aufgegeben  werden 
musste.  Kein  besseres  Resultat  hatten  die  weiteren  Versuche  mit 
Omnibusfahrten  1869 — 1871  und  1877.  Dann  aber  wurde  durch 
ein  von  Gemeinderat  P.  K.  Huber- Werdmüller  namens  der  Ge- 
meinde Riesbach  im  Oktober  1876  eingereichtes  Konzessions- 
gesuch für  eine  Linie  Flühgasse-Stadtgrenze  (Falkengasse)  die 
Strassenbahnfrage  ernstHch  in  Fluss  gebracht.  Arnold  Bürkli  und 
sein  Freund  Huber- Werdmüller  erhielten  von  der  Gemeindekom- 
mission den  Auftrag,  einen  einlässlichen  Bericht  zu  erstatten.  Sie 
kamen  darin  (1877)  zu  dem  Schlüsse,  es  liege  eine  rationell  ange- 
legte und  betriebene  Strassenbahn  so  sehr  im  Interesse  der  Stadt 
und  der  Aussengemeinden,  dass  es  sich  rechtfertigen  würde,  aus 
öffentlichen  Mitteln  dafür  Opfer  zu  bringen.  Der  Bericht  empfahl 
ferner  Bau  und  Betrieb  der  Strassenbahn  durch  die  Gemeinde  selbst. 
Dafür  war  aber  die  Zeit  noch  nicht  reif,  hatte  man  doch  alle  Mühe, 
die  öffentliche  Meinung  überhaupt  für  eine  Strassenbahn  zu  ge- 
winnen. Nur  in  der  Enge  bildete  sich  im  Februar  1879  ein  „Tram- 
way-Klub"  und  in  Riesbach  beschloss  Ende  September  1879  ^i^^ 
Volksversammlung  die  Einleitung  einer  Massenpetition  für  den 
Bau  einer  Strassenbahn.  Erst  im  Jahre  1881  schlössen  sich  die 
Gemeinden  Zürich,  Riesbach,  Enge  und  AussersÜil  zusammen, 
um  durch  öffentliche  Ausschreibimg  zur  Bewerbung  um  die  Kon- 
zession von   Strassenbahnen   auf  ihrem   Gebiet  einzuladen,   und 


132  XXXI.  KAPITEL:    DIE  GROSSE  BAUPERIODE  o 

Arnold  Bürkli  wurde  Präsident  der  Strassenbahnkommission.  Es 
musste  auf  fremde  Bewerbung  um  die  Konzession  abgestellt  wer- 
den, da  die  Gemeindeversammlungen  jede  finanzielle  Beteiligung 
an  dem  Unternehmen  verweigerten.  Die  Konzession  für  den  Bau 
der  Strassenbahn  erhielt  unter  verschiedenen  Bewerbern  die  Lon- 
doner Firma  Meston  &  Co.,  die  sich  verpflichtete,  von  den  Aktien 
selber  einen  Betrag  bis  zu  450,000  Fr.  fest  zu  übernehmen.  Dieser 
unzweideutige  Akt  des  Zutrauens  in  die  Sache  führte  einen  Um- 
schwung in  der  öffentlichen  Meinung  herbei,  so  dass  statt  der 
ausgeschriebenen  400,000  Fr.  in  Aktien  die  vollen  850,000  Fr.  ge- 
zeichnet wurden.  Am  16.  Mai  1882  konnte  man  mit  dem 
Schienenlegen  für  die  Pferdebahn  beginnen  mid  es  wurden  eröff- 
net: am  5.  September  1882  die  Linie  Tiefenbrunnen-Bahnhof- 
Paradeplatz,  am  24.  September  die  Linie  Paradeplatz- Stockgasse 
(Enge),  am  28.  September  die  Linie  Helmhaus-Paradeplatz-Zen- 
tralfriedhof. Das  Präsidium  der  den  Betrieb  leitenden  Aktien- 
gesellschaft übernahm  P.  E.  Huber- Werdmüller,  welcher  in  einem 
Dokument  bei  Anlass  seines  Rücktritts  1883  als  der  Mann  be- 
zeichnet viird,  ,,dem  die  Strassenbahn  ganz  eigenthch  ihre  Ent- 
stehung und  erste  Einrichtung  verdankt."  —  Huber-Werdmüller, 
geboren  am  24.  Dezember  1836,  war  einer  der  ersten  Schüler  des 
Polytechnikums.  Er  hat  die  Maschinenfabrik  Örükon  gegründet, 
die  als  Schmiede  und  Walzwerk  1864  ihren  Betrieb  eröffnete 
und  nach  ihrer  Umgestaltung  im  Jahre  1876  unter  Hubers  per- 
sönlicher Leitung  1878 — 1894  ihren  heutigen  Weltruf  erwarb.  Ihm 
gebührt  u.  a.  ein  Hauptverdienst  am  Zustandekommen  (1891)  der 
ersten  elektrischen  Kraftübertragung  auf  grosse  Distanz  Lauffen 
a.  Neckar-Frankfurt,  175  km.  Oberst  Huber  war  auch  Mitgründer 
tmd  Präsident  der  Ütlibergbahn,  der  Aluminium-Industriegesell- 
schaft  Neuhausen,  des  Vereins  schweizerischer  Maschinenindu- 
strieller und  des  Arbeitgeberverbandes  der  schweizerischen  Ma- 
schinenindustriellen. Grosses  hat  ihm  namentlich  seine  Gemeinde 
Riesbach  zu  verdanken,  für  deren  bauüche  Entwicklung  er  als 
Gemeinderat  und  Bauvorstand  in  der  weitsichtigsten  und  erfolg- 
reichsten Weise  tätig  war.  Strassenbahn,  Rechtsufrige  Zürichsee- 
bahn und  Quaibauten  bezeichnen  nur  die  wichtigsten  Fragen, 
mit  deren  glücklicher  Lösung  der  Name  von  Oberst  Huber- Werd- 
müller verknüpft  bleibt. 


/ 


-I 
■I 


^ 

t 

^ 

^ 


b 


ö 


o  XXXI.  KAPITEL:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  133 

Das  Hör-  und  Sprech-Telephon  des  Taubstummenlehrers 
Alexander  Graham  Bell  in  Boston,  das  eine  nahezu  vollkommene 
Übermittlung  der  Sprache  auf  elektrischem  Wege  ermöglichte, 
hielt  seinen  Einzug  in  Europa  im  Jahre  1876  und  wurde  von  der 
deutschen  Reichspostverwaltung  1877  eingeführt.  In  der  Schweiz 
war  es  wiederum  die  Stadt  Zürich,  die  auf  diesem  Gebiete  bahn- 
brechend voranging,  und  es  konnten  die  Gäste  des  eidgenössischen 
Sängerfestes  im  Juli  1880  sich  zu  ihrem  masslosen  Erstaunen  von 
der  Wirklichkeit  und  Brauchbarkeit  dieser  wunderbaren  Erfin- 
dung überzeugen,  da  der  bekannte  Elektriker  W.  Ehrenberg  an 
verschiedenen  Punkten  der  Festhalle  bei  der  alten  Tonhalle  Tele- 
phon-Sprechstationen eingerichtet  hatte.  Trotzdem  hatte  auch 
das  Telephon,  wie  alles  Neue,  mit  viel  Misstrauen  und  Gering- 
schätzung zu  kämpfen.  Man  betrachtete  es  mehr  als  Spielerei, 
und  sogar  die  ,,Neue  Zürcher  Zeitung"  vermutete,  das  Telephon 
werde  nach  wenigen  Jahren  wieder  verschwinden!  Durch  diese 
Skepsis  liessen  sich  aber  die  beiden  Männer  nicht  beirren,  die  in 
klarer  Erkenntnis  der  eminenten  Bedeutung  des  Telephons  sich 
im  April  1880  um  die  Konzession  für  ein  Telephonnetz  bewarben: 
Dr.  J.  Ryf  und  Paul  F.  Wild,  und  es  ist  in  erster  Linie  das  Ver- 
dienst dieser  Männer,  dass  Zürich  das  erste  grosse  Telephonnetz 
der  Schweiz  erhielt  und  die  erste  öffentHche  Telephonanlage  auf 
dem  Kontinent  in  Zürich  errichtet  wurde.  Vorsichtig  verklausu- 
herte  der  Stadtrat  seine  Konzessionserteilung:  die  Zürcher  Tele- 
phongesellschaft, auf  welche  die  Konzession  übergegangen  war, 
erhielt  die  Erlaubnis,  auf  ihre  Gefahr  eine  Telephoneinrichtung 
in  der  Stadt  probeweise  zu  erstellen,  unter  Vorbehalten  und  Be- 
dingungen, welche  für  eine  definitive  Konzession  völlig  freie  Hand 
liessen.  Die  Bundeskonzession  lautete  auf  fünf  Jahre  mit  dem 
Vorbehalt  des  Rückkaufs,  von  dem  der  Bund  denn  auch  im  Jahre 
1885  Gebrauch  machte,  da  der  Telegraph  einen  gefährlichen  Kon- 
kurrenten im.  Telephon  erhalten  hatte.  Als  Gründungstag  des 
Zürcher  Privatnetzes  ist  der  15.  August  1880  anzusehen.  Die 
ersten  Einrichtungen  erstellte  die  ,, International  Bell  Telephon  Co." 
in  New- York;  doch  bald  errichtete  die  Gesellschaft  selber  ein 
Fabrikationsgeschäft  im  Industriequartier.  Schon  im  November 
1880  konnte  trotz  vieler  Schwierigkeiten  ein  Nachtdienst  einge- 
richtet werden.  Die  Abonnementsgebühr  betrug  anfänglich  150  bis 


134  XXXI.  KAPITEL:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  o 

250  Fr.  jährlich  für  die  einfache  Verbindung,  also  beispielsweise 

für  eine  Leitung  von  der  Wohnung  ins  Geschäft  oder  von  einem 

Geschäft  ins  andere;  Telephonzentralen  mit  Umschaltungen  zur 

Herstellung  beliebiger  Verbindungen  gab  es  vorerst  nicht.    Zur 

Zeit  der  Gründung  zählte  man  200  Abonnenten.    Die  erste  inter- 

urbane  Verbindung  in  der  Schweiz  wurde  1882  zwischen  Zürich 

und  Winterthur  erstellt. 

* 

Es  sei  gestattet,  in  einem  ,, Anhang"  zu  diesem  Kapitel  noch 
einige  ,, Kleinigkeiten"  zu  erwähnen,  die  ein  gewisses  Interesse 
beanspruchen  dürfen:  wir  meinen  die  Errichtung  des  ersten  elek- 
trischen Uhrennetzes  in  Zürich  im  Jahr  1868,  die  Gründung  eines 
Verschönenmgsvereins  für  den  Zürichberg  1873,  das  erste  Adress- 
buch für  die  Stadt  Zürich  von  Orell  Füssli  &  Co.  1875.  Früher 
als  alle  diese  Neuerungen,  schon  anfangs  der  sechziger  Jahre,  war 
in  Zürich  die  elektrische  Hausklingel  aufgekommen.  ,, Manche 
unserer  altern  Leser  erinnern  sich  gewiss  noch  des  nachhaltigen 
Eindrucks,  den  die  sauberen  weissen  Porzellantaster  an  den  Haus- 
türen auf  sie  machten;  es  war  etwas  Geheimnisvolles  damit  ver- 
bunden. Xur  wenige  unter  uns  damaligen  Schuljungen  hatten 
einen  annähernd  richtigen  Begriff  von  der  Sache;  etwas  Furcht 
vor  etwaigen  elektrischen  Schlägen  machte  einen  anfänglich 
etwas  ängstlich,  bis  man  die  Ungefährlichkeit  einsehen  lernte, 
sehr  zum  Ärger  der  betreffenden  Hausbesitzer"  (Prof.  Tobler).  — 
Die  erste  Molkerei  in  Zürich,  die  einer  sanitarisch  einwandfreien 
Müch Versorgung  Bahn  brach,  wurde  am  15.  Oktober  1887  in  Ausser- 
sihl  von  Dr.  Nikiaus  Gerber  eröffnet. 

In  den  Jahren  1880  und  1890  verzeichnet  die  Chronik  ,,See- 
gefrörene".  Besonders  ,, glanzvoll"  gestaltete  sich  die  erstere.  Tau- 
sende von  Schlittschuhläufern  tummelten  sich  auf  der  spiegel- 
glatten Fläche.  Vom  Sonntag  den  i.  Februar  1880  berichtet  die 
,, Freitagszeitung",  dass  sich  60 — 80,000  Menschen  auf  dem  See 
herumtrieben.  Etwa  60  Wirtschaften  waren  errichtet  worden 
und  es  entwickelte  sich  ein  Leben  und  Treiben  wie  an  einem  Volks- 
feste. Die  Züge  von  Basel,  Aarau  und  Winterthur  brachten  Scharen 
von  Besuchern.  Noch  lebhafter  ging  es  am  folgenden  Sonntag 
zu;  allein  das  Bureau  Reinhardt  brachte  in  einem  Extrazug  von 


S5 

.Q 

»^ 

^-^ 

S 

K^ 

bQ 

S5 
5 

k 

■•V 

«3 

cu 

ö 

<) 

•^ 

1  "l* 

^ 

00 

■»V 

Cj 

^ 

c; 

«o 

,o 

J3 

O 

G^ 


.  i  ■f»'''-*?,.. 


o  XXXI.  KAPITEL:   DIE  GROSSE  BAUPERIODE  135 

Basel  500  Gäste  und  selbst  von  Frankfurt  a.  M.  kamen  einige  be- 
währte Schlittschuh- Virtuosen.  „Die  Freude  wurde  diesmal  um 
so  weniger  gestört,  als  nicht  mehr  übermütige  Reiter  und  Schlitten- 
lenker sich  in  die  Menge  schreckend  und  gefährdend  eindrängen 
durften,  während  dann  allerdings  abends  eine  überfröhliche  Jugend 
durch  unvorsichtiges  Hantieren  mit  ihren  Fackeln  den  Leuten 
lästig  wurde.  Den  wahren  Schluss  aller  dieser  Feste  machte  der 
Fackeltanz  des  Seeklubs  und  seiner  Dämchen,  Feuerwerk  und 
Illumination  anstehender  Herrenhäuser,  —  eine  wahre  italienische 
Nacht.  Diese  Festlichkeit  sammelte  dann  aber  allerdings  eine 
solche  Menge  Menschen  auf  einem  Punkt,  dass  es  einen  gewal- 
tigen, erschreckenden,  wenn  auch  imgefährlichen  Krach  gab. 
Während  an  den  Eingängen  des  Sees  in  Zürich,  Neumünster  und 
Enge  Büchsen  für  die  Armen  aufgestellt  waren,  schwärmten  die 
Mitglieder  des  Seeklubs,  elegante  junge  Damen  begleitend,  welche 
Sammelbüchsen  trugen,  auf  dem  See  herum  und  brachten  hier 
noch  mehr  als  die  andern  Kassen  zusammen.  Und  nun,  da  die 
Herrlichkeit  ein  Ende  hat,  darf  mit  hoher  Anerkennung  hervor- 
gehoben werden,  dass  die  städtische  Polizei  und  ihre  Angestellten 
in  musterhafter  Weise  für  die  Sicherheit  der  Eisbesucher  und  für 
die  Ordnung  auf  dem  Eise  selbst  bis  ans  Ende  gesorgt  haben." 


■»♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦ ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ 


f ▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼ ▼▼^ 


ZWEIUNDDREISSIGSTES  KAPITEL 


GRENZBESETZUNG  1870/71 

Im  Sommer  1870  brach  über  Europa  das  Unglück  des  deutsch- 
französischen Krieges  herein.  Der  schweizerische  Bundesrat 
stand  auf  seinem  Posten.  Als  am  15.  Juli  das  französische  Parla- 
ment die  Kriegskredite  bewilligte,  wurden  die  Kantonsregierungen 
telegraphisch  ersucht,  die  Mobilisation  vorzubereiten,  und  am 
16.  Juli  wurden  dann  die  Divisionen  I,  II,  VI,  VII  und  IX  auf- 
geboten. An  Zürcher  Truppen  befanden  sich  dabei:  in  der  VI.  Divi- 
sion (Oberst  Albert  Stadler  von  Zürich)  die  Parkkompagnie  35 
(Heusser),  in  der  VII.  Division  die  Infanteriebataillone  64  (Schellen- 
berg) und  48  (Ammann),  und  die  Sappeurkompagnie  7  (Brunner), 
in  der  IX.  Division  die  Dragonerkompagnie  19  (Arbenz).  In  den 
Tagen  des  19. — 21.  JuH  wurden  von  der  Bundesversammlung 
General  Hans  Herzog  von  Aarau  und  Generalstabschef  Rudolf 
Paravicini  von  Basel  gewählt  und  beeidigt.  Der  General  übernahm 
am  22.  Juli  den  Oberbefehl.  Insgesamt  wurden  37,423  Mann 
nebst  3541  Pferden  und  66  Geschützen  aufgeboten,  mit  denen 
unsere  Nordgrenze  von  Schaffliausen  bis  Pruntrut  zu  besetzen 
war.  Da  aber  der  Kriegsschauplatz  sich  mehr  und  mehr  von  der 
Schweizergrenze  entfernte,  konnten  die  Truppen  des  ersten  Auf- 
gebots nach  sechswöchentHchem  Dienst  gegen  Ende  August  wieder 
in  die  Heimat  entlassen  werden.  Zum  Grenzschutz  genügten  zwei 
neu  eingerückte  westschweizerische  Brigaden. 

Mit  tiefster  Anteilnahme  verfolgte  man  überall  im  Schweizer- 
land den  Gang  der  kriegerischen  Ereignisse.  Ganz  besonders  nahe 
ging  den  Zürchern  das  Schicksal  der  von  lange  her  befreundeten 
Stadt  Strassburg,  die  seit  dem  13.  August  unter  dem  Feuer  der 
deutschen  Kanonen  stand.  Als  sich  nun  dort  plötzlich  das  Ge- 
rücht verbreitete,  dass  die  Schweiz  der  belagerten  Stadt  hilf- 
reiche Hand  bieten  wolle,  schien  diese  Nachricht  den  Bewohnern 
unglaubhch.  Sie  sollte  sich  jedoch  im  vollen  Umfang  erwahren. 
Der  Gedanke,  der  hauptsächlich  von  Staatsschreiber  Dr.  Bischoff 


o 

I 


o  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  1870/71  137 

von  Basel  angeregt  worden  war,  hatte  sofort  gezündet.  Am  7.  Sep- 
tember traten  in  Ölten  unter  dem  Präsidium  von  Bundesrat  Schenk 
Vertreter  von  Basel,  Bern  und  Zürich  zusammen,  um  die  Sache 
energisch  an  die  Hand  zu  nehmen.  Die  Konferenz  bestellte  eine 
Delegation  aus  den  Herren  Staatsschreiber  Dr.  Bischoff,  Stadt- 
präsident Oberst  Otto  von  Büren  von  Bern  und  Stadtpräsident 
Dr.  Melchior  Römer  von  Zürich,  mit  dem  Auftrag,  sich  unverzüg- 
Hch  nach  Strassburg,  resp.  ins  deutsche  Hauptquartier  zu  begeben, 
um  den  bedrängten  Bewohnern  Strassburgs  Hilfe  und  Zuflucht 
in  der  Schweiz  anzubieten  und  darauf  hinzuwirken,  dass  die  Tore, 
mit  Unterbrechung  des  Bombardements,  für  einige  Stunden  zu 
sicherem  und  ruhigem.  Ausgang  geöffnet  werden.  Gleich  am  fol- 
genden Tage  machte  sich  die  Delegation  auf  den  Weg.  General- 
leutnant V.  Werder,  der  Kommandant  der  gesamten  Belagerungs- 
armee im  Hauptquartier  zu  Miuidolsheim,  gab  im  allgemeinen  seine 
Zustimmung  zu  dem  Unternehmen,  nur  sollten  ihm  gewissenhaft 
und  in  beschränktem  Masse  angefertigte  Leisten  zur  Genehmigung 
unterbreitet  werden,  worauf  er  dafür  sorgen  wolle,  dass  die  Leute 
ungehindert  aus  der  Festung  und  über  den  Rhein  spediert  werden. 
Sonntag  der  11.  September,  dieser  ewig  denkwürdige  Tag 
—  so  erzählt  Stadtpräsident  Dr.  Römer  —  brach  mit  vollem 
Sonnenglanze  an.  Gegen  11  Uhr  schwiegen  die  beidseitigen  Bat- 
terien auf  der  Route  Eckboldsheim-Königshofen ;  wir  machten 
uns  auf  den  Weg.  Der  Trompeter  und  der  Parlamentär  mit  der 
weissen  Fahne  reiten  voraus.  Von  Zeit  zu  Zeit  ist  eine  Barrikade, 
womit  alle  Wege  verrammelt  sind,  zu  passieren.  Endlich  ausser- 
halb Königshofen  winkt  von  weitem  die  weisse  Fahne  des  fran- 
zösischen Offiziers.  MiHtärisch  höflich,  ja  freundHch  war  das 
Rendez-vous  der  Offiziere.  Die  Briefe  werden  abgegeben,  der 
Regu  eingehändigt,  und  nun  geht's  unter  französischer  Eskorte 
in  die  Festung  hinein.  Die  Fallbrücke  ist  heruntergelassen,  das 
grosse  Tor  öffnet  sich:  welch  unerwartetes  Schauspiel  bietet  sich 
unsern  Augen  dar !  Im  Torweg  steht  die  ganze  Commission  muni- 
cipale  in  Galakleidung,  um  uns  festhch  zu  begrüssen,  umringt 
von  der  Menge  der  herbeigeeilten  Bürger.  Ehe  wir  uns  versehen, 
ist  ein  Kreis  um  uns  gebildet.  Der  Maire,  ein  würdiger  alter 
Mann,  mit  den  Amtsinsignien  angetan,  verliest  mit  bewegter 
Stimme  eine  Adresse,  auf  welche  Dr.   Bischoff  französisch   ant- 


138  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG   1870/71  o 

wortet.  Rechts  und  links  am  Arm  genommen,  ging's  nun  zu  Fuss 
in  die  Stadt  hinein.  Nach  dem  offiziellen  Empfang  im  Sitzungs- 
saal der  Gemeindekommission  Hessen  wir  uns  zu  General  Uhrich 
führen,  einem  Mann  von  68  Jahren,  von  dem  feinen  chevale- 
resken  Benehmen  des  französischen  Offiziers. 

Donnerstag  den  15.  September,  10  Uhr,  begleitete  General 
Uhrich  selbst  mit  einigen  hohen  Militärpersonen  die  Auswande- 
rungskolonne vor  die  Festung  hinaus.  Diesseits  der  Barrikaden 
harrten  sechzig  mit  Stroh  gepolsterte  Wagen  der  AnkömmHnge. 
Welch  ein  Anbhck,  als  nun  plötzHch  ein  langer  Zug  von  Kutschen, 
Gasthof-  und  Eisenbahnomnibussen,  alle  vollgepfropft,  langsam 
angefahren  kamen,  ihnen  folgend  eine  lange  Reihe  von  Frauen  und 
Kindern  zu  Fuss  (Männer  waren,  mit  Ausnahme  einer  Anzahl 
älterer,  keine  herausgelassen  worden).  Alle  Gesichter  strahlten 
vor  Freude  und  Dank.  Als  alles  verpackt  und  jeder  Wagen  mit 
mihtärischer  Bedeckimg  versehen  war,  setzte  sich  der  Zug  unter 
berittener  Eskorte  nach  Rheinau  in  Bewegung. 

Am  Freitag  abend,  den  16.  September,  langte  ein  erster 
Transport  von  70  befreiten  Strassburgem  in  Zürich  an.  Sie 
wurden  am  Bahnliof  empfangen  und  nach  dem  alten  Schützenhaus 
geführt,  wo  Erfrischungen  für  sie  bereit  standen.  Eine  grössere 
Anzahl  traf  dann  am  Samstag  ein.  Doch  haben  die  Strassburger 
im  allgemeinen  von  der  ihnen  angebotenen  Gastfreundschaft  der 
Schweiz  nur  einen  massigen  Gebrauch  gemacht.  Durch  die  Be- 
müliungen  der  Schweizer  Delegation  wurden  insgesamt  etwa 
2000  Personen  aus  der  belagerten  Stadt  gerettet,  von  denen  in- 
dessen manche  es  vorzogen,  ihre  Bekannten  im  Elsass  und  Baden 
aufzusuchen,  statt  nach  der  Schweiz  zu  kommen.  An  Dankbarkeit 
hat  es  Strassburg  deswegen  doch  nicht  fehlen  lassen.  Am  12.  Ja- 
nuar 1871  wurde  den  Mitghedern  der  Schweizer  Delegation  in 
Basel  von  einer  Strassburger  Deputation  ein  prachtvolles  photo- 
graphisches Album  überreicht,  und  im  Jahre  1872  übersandte  der 
Munizipalrat  von  Strassburg  dem  von  Stadtpräsident  Römer 
präsidierten  Zürcher  Komitee  für  das  eidgenössische  Schützen- 
fest als  Gabe  ein  schwer  silbernes  Cafeservice  mit  Sevresschalen, 
das  hernach  dem  glücklichen  Gewinner  von  der  Gesellschaft  der 
Böcke  abgekauft  wurde  und  im  Gesellschaftshaus  zum  Schneggen 
aufbewahrt  wird.   Aber  auch  noch  im  Jahre  191 4  sind  wir  wieder- 


o  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  1870/71  139 

um  an  die  Freundschaft  zwischen  Zürich  und  Strassburg  erinnert 
worden.  Es  war  am  18.  April,  an  der  Feier  zur  Einweihung  der 
neuen  Universität,  als  beim  Bankett  im  Pavillon  der  Tonhalle 
der  Rektor  der  Universität  Strassburg,  Prof.  Dr.  Chiari,  im  Tone 
herzHcher  Freude  und  Dankbarkeit  dieser  Freundschaft  gedachte. 
Angetan  mit  seinem  malerischen  Ornat  und  der  goldenen  Amts- 
kette, sprach  der  Redner  vom  Podium  aus  zu  der  aufmerksam 
lauschenden  Versammlung.  Er  pries  das  um  Jahrhunderte  zurück- 
reichende, ganz  besonders  freundnachbarhche  Verhältnis  zwischen 
den  beiden  Städten,  sprach  von  der  berühmten  siebzehnstündigen 
Hirsbreifahrt  von  1576,  von  der  Strassburger  Expedition  des  Jahres 
1870,  von  dem  in  Strassburg  1884  zu  Ehren  Zürichs  errichteten 
Zürcherbrunnen,  um  mit  dem  bewundernden  Ausruf  zu  schHessen, 
dass  die  Zürcher  auch  mit  dem  jetzt  eingeweihten  prachtvollen  Uni- 
versitätsbau wiederum  bewiesen  haben:  ,, Wollen  ist  Können!"  — 
Für  die  Schweiz  brachte  der  deutsch-französische  Krieg 
schwere  wirtschaftliche  Nachteile,  aber  auch  politische  Gefahren 
mit  sich.  Abgesehen  von  der  Möglichkeit,  infolge  einer  Verletzung 
unserer  Neutralität  selbst  in  den  Krieg  verwickelt  zu  werden, 
konnte  imter  Umständen  der  Ausgang  des  gewaltigen  Ringens 
für  uns  eine  weittragende  Bedeutung  erhalten.  Da  war  es  denn 
nur  natürlich,  dass  unser  Volk  die  mit  dem  Krieg  zusammenhängen- 
den Fragen  und  Problem^e  eifrig  erörterte  und  auch  mit  der  Be- 
kundung seiner  Sympathien  nicht  allzu  ängstHch  zurückhielt. 
Diese  Sympathien  standen  im  Anfang  des  Krieges  überwiegend 
auf  deutscher  Seite,  namentHch  bei  den  gebildeten  Ständen,  wo 
man  zu  der  Lauterkeit  der  deutschen  Politik  ein  unbegrenztes  Zu- 
trauen hatte  und  den  französischen  Angriffskrieg  auf  das  schärfste 
verurteilte.  Die  in  der  Schweiz  lebenden  Deutschen  fühlten  sich 
hier  heimisch  und  durften  kein  Bedenken  tragen,  einen  Aufruf 
zur  Gabensammlung  für  Vertvundete  und  Kranke  vom  22.  Juli 
1870  —  unterzeichnet  vom  Rektor  der  Universität  Zürich,  Prof. 
Gusserow,  Kaufmann  O.  Wesendonck  und  andern  —  nicht  nur  an 
ihre  Landsleute,  sondern  an  die  Bevölkerung  des  Kantons  Zürich 
zu  richten,  mit  dem  Beifügen:  ,,Sind  wir  doch  alle  schon  oft  Zeu- 
gen gewesen,  dass  Zürich  stets  in  erster  Linie  stand,  wenn  es  sich 
um  Werke  der  NächstenHebe  handelte."  Ganz  vereinzelt  bHeben 
Stimmen  wie  die  eines  ,, schlichten,   aber  aufrichtigen  Repubh- 


I40  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  1870/71  o 

kaners"  in  Nr.  378  der  ,,N.  Z.  Z.",  welcher  den  Krieg  als  eine  un- 
ausbleibliche Folge  der  1866er  Ereignisse  und  der  preussischen 
Eroberimgspohttk  hinstellte.  Aber  gerade  der  Umstand,  dass  auch 
in  deutsch-schweizerischen  Blättern  solche  vereinzelte  kritische 
Aussetzungen  erscheinen  konnten,  und  der  Standpunkt,  wonach 
die  deutsche  Diplomatie  in  ihrem  Wesen  von  jeder  andern  total 
verschieden,  ein  deutscher  Krieg  in  keiner  Weise  mit  irgend  einem 
andern  Krieg  zu  vergleichen  wäre,  in  der  Schweiz  nicht  ganz  un- 
geteilte Zustimmung  fand,  wurde  in  Deutschland  nicht  verstanden, 
und  mit  grosser  Verwunderung  mussten  die  Schweizer  erfahren, 
dass  gerade  die  süddeutschen  Blätter  sich  in  immer  heftiger  wer- 
denden Angriffen  auf  die  Schweiz  ergingen.  Das  kam  den  Schwei- 
zern um  so  seltsamer  vor,  als  ja  kaum  fünf  Jahre  vergangen  waren, 
seitdem  auch  Süddeutschland  im  Kampf  gegen  das  aufstrebende 
Preussen  gestanden  und  ebenfalls  zu  jener  ,,Welt  des  Hasses  und 
Neides"  gehört  hatte,  gegen  welche  sich  Preussen  nach  Bismarcks 
Behauptung  mit  ,,Blut  und  Eisen"  durchsetzen  musste.  Ruhig 
und  würdig  wies  die  ,,N.  Z.  Z.",  die  unter  der  ausgezeichneten 
Redaktion  von  Dr.  Eugen  Escher  die  streng  neutrale  Stellung 
der  Schweiz  mit  Takt  und  Entschiedenheit  verteidigte,  die  unge- 
bührhchen  Zumutungen  deutscher  Blätter  zurück.  ,, Früher"  — 
so  sagte  sie  am  23.  August  —  ,, wären  alle  Deutschen  mit  der  Neu- 
tralität unseres  Landes  zufrieden  gewesen;  jetzt  deutet  man  mit- 
unter ziemlich  unverblümt  an,  dass  die  Schweiz  sich  ihrer  Stam- 
mesven\'and tschaft  erinnern  und  als  Staat  sich  nicht  in  Neutralität 
einhüllen,  sondern  für  die  kämpfenden  Stammesgenossen  aktiv 
Partei  ergreifen  sollte.  Diejenigen,  welche  uns  solche  Andeutungen 
machen,  erinnern  sich  wohl  kaum,  dass  die  Schweiz  nur  zum  Teil 
aus  deutschen  Elementen  besteht,  dass  ihr  Lebensprinzip  gerade 
im  Hintansetzen  der  sprachUchen  Stammesven\^andtschaft  berulit, 
dass  sie  nicht  in  der  Ausbildung  weniger  kolossaler  Staaten  auf 
Grundlage  der  Sprachgemeinschaft  das  richtige  Ziel  staatlicher 
Fortentwicklung  erbHckt,  sondern  dass  sie  in  Sicherung  der  Frei- 
heit der  Einzelnen  die  oberste  Staatsaufgabe  erkennt.  Der  Schweiz 
zvmiuten,  dass  sie  in  einem  Kampfe  zwischen  Deutschland  und 
Frankreich  der  Stammesvenvandtschaft  wegen  Partei  nehme, 
heisst  nichts  anderes,  als  ilir  zumuten,  sich  selbst  zu  zertrümmern, 
sich  selbst  den  Todesstoss  zu  geben." 


o  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  1870/71  141 

Wenn  die  Vehemenz  des  deutschen  Pressekrieges  gegen  unser 
Land  eine  Einschüchterung  der  Schweizer  bezweckte,  dann  zeigte 
die  Erfahrung,  dass  damit  das  gerade  Gegenteil  bewirkt  wurde 
und  die  deutschen  Sympathien  in  der  Schweiz  in  Gefahr  kamen, 
immer  mehr  zu  schwinden.  Viel  trug  dazu  auch  das  Unglück 
Frankreichs  bei,  das  bei  uns  tiefes  und  aufrichtiges  Mitleid  erregte. 
Befürchtungen,  die  in  der  Schweiz  für  das  eigene  Schicksal  sich 
regten,  erhielten  neue  Nahrung  durch  deutsche  Zeitungsstimmen, 
die  ungescheut  das  Recht  der  Schweiz  auf  ihre  selbständige  Fort- 
existenz bestritten.  Auch  eine  Autorität  wie  Professor  Adolf 
Wagner  kam  in  einer  Broschüre  zu  dem  Schlüsse,  ,,dass  diese 
Zv\4schenstaaten  (Holland  und  die  Schweiz)  nach  geographischer 
Lage,  Nationalität,  volkswirtschaftlichen  Interessen  naturgemäss 
ein  Teil  Deutschlands  sind  ..."  Selbst  die  „N.  Z.  Z.",  die  sich 
fortwährend  die  grösste  Mühe  gab,  zur  Ruhe  und  Besonnenheit 
zu  mahnen,  konnte  sich  der  Bemerkung  nicht  enthalten,  es  sei 
keinem  zu  verargen,  wenn  er  vorläufig  noch  einiges  Misstrauen 
setze  in  die  Friedensliebe  einer  Macht,  ,,die  innert  ein  paar  Lustren 
drei  Eroberungskriege  geführt  hat."  Den  Gipfel  des  Hohnes 
gegen  die  Schweiz  erreichte  die  süddeutsche  Presse  beim  Übertritt 
der  Bourbaki- Armee  in  die  Schweiz,  den  sie  mit  wahren  Ausbrüchen 
der  Schadenfreude  begleitete.  So  schrieb  das  ,, Ulmer  Tagblatt" 
—  um  nur  ein  Beispiel  von  vielen  zu  nennen  —  unter  der  Über- 
schrift ,,Wir  gratuHeren":  ,,Wir  gönnen  unsern  liebenswürdigen 
Nachbarn  diese  ungebetenen  Gäste  wahrüch  von  ganzem  Herzen 
und  hätten  gar  nichts  dagegen  einzuwenden,  wenn  es  doppelt 
so  viele  wären  ...  Es  unterliegt  gewiss  keinem  Zweifel,  dass  diese 
80,000  Gefangenen  für  die  Schweiz  eine  wahre  Kalamität  sein 
werden,  aber  gerade  das  ist's,  was  wir  ihr  gönnen  .  .  .  Erwägen 
wir  überdies,  aus  welchem  Gesindel  die  Bourbakische  Armee 
grösstenteils  besteht,  dann  wahrlich  können  wir  nur  wiederholen, 
was  wir  oben  gesagt:  Wir  gratulieren!"  Gegenüber  solchen  klein- 
lichen Gehässigkeiten  wirkten  doppelt  wohltuend  die  abmahnen- 
den Korrespondenzen  einzelner  in  der  Schweiz  lebender  Deutscher, 
und  mit  Dankbarkeit  wurde  davon  Notiz  genommen,  dass  die 
massgebende  deutsche  Presse,  vorab  die  ,, Norddeutsche  Allge- 
meine Zeitung",  wiederholt  ihrer  Anerkennung  der  vollkommen 
loyalen  Haltung  der   Schweiz  Ausdruck  gab.     Befreiend  wirkte 


142  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  1870/71  o 

aber  besonders  die  deutsche  Note  vom  14.  Dezember  1870  nach 
Wien,  aus  welcher  mit  Sicherheit  hervorging,  dass  kein  Nachbar- 
staat Deutschlands  von  diesem  irgendwelche  Annexionsgelüste  zu 
befürchten  hatte. 

Die  Kriegslage  erforderte  am  3.  Oktober  1870  ein  erneutes, 
teilweises  Aufgebot  der  III.  Division,  die  nach  tmd  nach  komplet- 
tiert wurde,  worauf  aber  auch  die  IV.  und  V.  Division  noch  auf- 
geboten werden  mussten.  Es  war  am  Sonntag  den  15.  Januar, 
als  durch  die  zürcherischen  Dörfer  der  Generalmarsch  rasselte 
und  die  Truppen  der  V.  Division  auf  die  Grenzwache  nach  den 
verschneiten  Höhen  des  Jura  rief.  Zu  dieser  Division  gehörten 
die  Zürcher  Bataillone  9  (Huber),  34  (Goll)  und  11  (Graf),  die 
Dragonerkom-pagnien  3  (Hablützel)  und  12  (Maggi)  und  die  Acht- 
Pfünder-Batterie  Nr.  4.  Einige  Offiziere  dieser  Truppen  haben 
interessante  Aufzeichnungen  über  die  Grenzbesetzung  veröffent- 
licht, so  der  Waffenoffizier  (Kommandant  des  FuhnA'esens)  des 
Bataillons  9,  Zeller- Werdm.üller,  Major  Dr.  Conrad  Escher  vom 
Bataillon  11  (Kom.mandant  des  Bataillons  und  Major  waren  da- 
mals noch  nicht  wie  heute  in  einer  Charge  vereinigt)  und  Leut- 
nant Othmar  Blumer,  der  spätere  Ständerat,  von  der  Dragoner- 
kompagnie 3.  Am  19.  Januar  übernahm  General  Herzog  abermals 
den  Oberbefehl  und  verlegte  die  nach  Basel  instradierte  V.  Division 
weiter  westwärts  gegen  Delsberg.  Das  Bataillon  9  war  am.  17.  Jan. 
in  Zürich  beeidigt  worden.  Es  wurde  folgenden  Tages  nach  Ölten 
transportiert  und  trat  dann  den  Marsch  durch  den  Jura  an.  Am 
24.  Januar  sam.melte  sich  die  Brigade  (13)  bei  Pruntrut.  ,,In 
tiefem  Schweigen  harrten  die  Truppen  angesichts  der  Stadt  Prun- 
trut hinter  ihren  Gewehrpyramiden  auf  weitere  Befehle,  während 
sowohl  von  Beifort  her  als  in  der  Richtung  von  Abbevillers  und 
Blamont  unausgesetzter  Kanonendonner  herüberdröhnte."  Am 
27.  Januar  kam  das  Bataillon  9  hart  an  die  Grenze  in  das  typische 
Schmugglerdorf  Fahy.  Acht  Tage  vorher  hatten  dort  in  geringer 
Entfernung  noch  Kämpfe  stattgefunden.  Man  sah  mit  blossem 
Auge  die  Verwüstungen  in  Abbevillers,  und  in  einem  Wäldchen 
auf  Schweizergebiet  wurden  noch  preussische  Tornister  gefunden. 
Am  30.  Januar  ging's  nach  Pruntrut  zurück  und  dann  über  Dels- 
berg und  Tavannes  nach  Biel.  —  Bataillon  11  war  am  21.  Januar 
aus  Zürich   in   Pratteln  und   Umgebung  eingetroffen;   es  wurde 


o  XXXII.  KAPITEI.:    GRENZBESETZUNG  1870/71  143 

am  22.  nach  Kleinlützel  verlegt,  wo  auch  die  Dragonerkompagnie  3 
im  Quartier  lag,  kam  dann  nach  Beaucourt  und  Saignelegier  und 
nach  einem  beschwerlichen  Nachtmarsch  am  29. /30.  Januar  nach 
Chaux-de-Fonds,  von  dort  am  31.  Januar  nach  Neuenburg  und 
folgenden  Tages  im  Extrazug  nach  Yverdon.  —  Die  Dragoner- 
kompagnie 3  stand  am  19.  Januar  in  Basel  zur  Verfügung  des 
Kommandanten  der  V.  Division,  Carl  Meyer« von  Bern,  ,,und  seines 
ebenso  vorzüghchen  wie  liebenswürdigen  Stabschefs  Oberst  Vögeli 
von  Zürich".  Die  Kompagnie,  welche  die  ganze  Grenzstrecke  von 
Basel  bis  Genf  im  Sattel  zurückgelegt  hat,  traf  am  i.  Februar 
über  Chaux-de-Fonds  und  Colombier  in  Yverdon  ein. 

Am  28.  Januar  1871  langten  in  Pontarher  die  Trümmer  der 
französischen  Ostarmee  (Bpurbaki)  in  einem  Zustand  vollstän- 
diger Demoralisation  und  Auflösung  an.  Nach  dem  Selbstmord- 
versuch Bourbakis  von  General  CUnchant  gefülirt,  vom  Korps 
Werder  von  Norden  her,  vom  Korps  Manteuffel  von  Westen  und 
Süden  bedrängt,  verriet  die  erschütterte  Armee  die  deutHche  Ab- 
sicht, auf  Schweizerboden  überzutreten.  Am  Mittwoch  den 
I.  Februar  früh  um  vier  Uhr  wurde  im  Quartier  des  Generals 
Herzog  in  Verrieres-Suisse  zwischen  ihm  und  dem  französischen 
Parlamentär  Oberstleutnant  Cheval  eine  Konvention  für  den 
Übertritt  abgeschlossen,  deren  Zustandekommen  General  CHn- 
chant  in  Verrieres-frangaises  sehnsüchtig  erwartete.  Noch  vor 
fünf  Uhr  brachte  ihm  Oberstleutnant  Cheval,  begleitet  von  dem 
Adjutanten  des  Generals  Herzog,  Oberstleutnant  Siber,  das  Doku- 
ment, das  CHnchant  beinahe  unbesehen  unterzeichnete,  tmd  nun 
ergossen  sich  die  Kolonnen  in  ununterbrochenem  Zuge  rulielos 
und  rastlos,  48  Stunden  lang,  hinein  in  die  freie  Schweiz. 

Es  waren  im  ganzen  8y,84y  Mann,  11,800  Pferde,  285  Kanonen 
und  II 58  verschiedene  Fuhrwerke,  welche  in  den  Tagen  vom  i. 
bis  3.  Februar  die  Schweizergrenze  passierten.  Die  Mannschaften 
mussten  beim  Überschreiten  der  Grenze  die  Waffen  niederlegen 
und  wurden  dann  in  Kolonnen  von  1000  und  1500  Mann  abgeteilt 
zum  Weitertransport  nach  dem  Innern  des  Landes.  33,500  Mann 
kamen  bei  Verrieres  herein,  54,000  Mann  über  die  waadtländischen 
Jurapässe  bei  S'^-Croix,  Jougne-Vallorbe,  über  den  Mont  Risoux 
ins  Jouxtal  hinab  und  durch  das  Dappental  nach  S'-Cergues.  iVn 
der  Entwaffnung  bei   Jougne-Ballaigues  war  auch  das  Zürcher 


144  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG   1870/71  o 

Bataillon  34  beteiligt.  Das  Bataillon  9  begegnete  den  ersten  Fran- 
zosen in  Biel  am  4.  Februar.  Es  waren  Liniensoldaten  und  Moblots, 
halb  verhungerte,  halberfrorene  wankende  Gestalten.  In  Neuen- 
burg fielen  am  5.  Februar  den  Zürchern  57  gefangene  pommersche 
Grenadiere  durch  ilire  Sauberkeit  inmitten  des  unordentHchen 
Haufens  der  Franzosen  auf.  In  Colombier,  wo  das  Bataillon  die 
Parkwache  zu  übernehmen  hatte,  sah  es  greuHch  aus.  ,,In  den 
ausgedehnten  fünfstrahligen  Alleen  standen  Tausende  von  Pferden 
zur  Untersuchung  und  Behandlung.  Vor  Hunger  hatten  sich  die 
armen  Tiere  Mähnen  und  Schweifhaare  abgefressen  und  an  den 
prachtvollen  Kastanien-  und  Lindenbäumen  die  Rinde  bis  weit 
hinauf  abgenagt,  wie  man  auch  im  Artilleriepark  vielfach  auf 
durchgenagte  Radspeichen  und  Deichseln  traf.  Im  Schlamm  lag 
allerlei  Gerät  umher,  selbst  Kürassierhelme  mit  Tigerfellbelag  und 
Rosshaarbusch,  dazwischen  tote  frisch  geworfene  Füllen.  Abseits 
war  eine  mächtige  Grube  ausgegraben  zur  Aufnahme  der  abge- 
standenen oder  wegen  Krankheit  und  Rotzverdacht  getöteten 
Pferde.  Über  alles  regierte  die  Hünengestalt  des  uns  wohlbekannten 
Oberpferdearztes  Direktor  Zangger  (von  Zürich)."  Das  Bataillon  9 
wurde  am  16.  Februar  in  die  Heimat  entlassen. 

Bataillon  11  stand  vom  i.  bis  11.  Februar  in  Yverdon.  Es 
hatte  die  ankommenden  Franzosen  nach  allen  Seiten  zu  verteilen, 
zu  eskortieren  und  die  an  der  Grenze  liegenden  Ortschaften  nach 
hangengebüebenen  Franzosen  abzusuchen.  Die  Schilderungen 
des  Leutnants  Lavater,  die  Dr.  Conrad  Escher  in  seinen  Erinne- 
rungen mitteilt,  geben  ein  anschauhches  Bild  von  den  chaotischen 
Zuständen  in  der  nach  Yverdon  hereinflutenden  französischen 
Armee.  Mit  einem  Teil  des  Bataillons  hatte  Major  Escher  dann 
noch  im  Jouxtale  Grenzwach tdienste  namentlich  gegen  die  Ein- 
schleppung der  Rinderpest  zu  versehen,  die  andern  Kompagnien 
wurden  nach  Cossonay,  Nyon  und  S*-Cergues  dirigiert.  Vom  11. 
bis  26.  März  war  das  ganze  Bataillon  in  Genf  vereinigt.  Besonders 
anstrengend  war  der  Dienst  vom  14.  März  an  beim  Rücktransport 
der  Internierten.  Fortwährend  langten  die  Eisenbahnzüge  mit 
den  Internierten  aus  der  Schweiz  an,  die  am  Bahnhof  in  Empfang 
genommen  und  truppenweise  nach  S^-Juhen  begleitet  werden 
mussten.  Sonntag  den  26.  März  schlug  für  das  Bataillon  11  die 
Stunde  der  ersehnten  Heimkehr. 


o  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  1870/71  145 

Unvergessliche  Eindrücke  hatte  auch  die  Dragonerkompagnie  3 
in  Yverdon  und  Orbe  gesammelt.  Ein  schwerer  und  mühseHger, 
aber  auch  höchst  interessanter  Dienst  war  ihr  beim  Einmarsch 
der  Franzosen  geworden.  Leutnant  Blumer  stand  unter  dem 
direkten  Befehl  des  Stabschefs  Oberst  Vögeli,  mit  dem  er  am 
3.  Februar  zur  Grenze  ritt  und  dort  Zeuge  des  Einzugs  endloser 
französischer  Kolonnen  war.  Am  7.  März  kam.  die  Kompagnie 
nach  Genf  und  hörte  dort  am  11.  März  ohne  Freude,  dass  General- 
marsch geschlagen  wurde  für  das  Aufgebot  der  nichtzürcherischen 
Bataillone  nach  —  Zürich,  wo  die  bedrohte  Ordnung  wieder  her- 
gestellt werden  sollte.  Die  Entlassung  der  Dragoner  erfolgte  am 
13.  März. 

Die  französischen  Internierten  wurden  auf  sämtliche  Kantone 
mit  Ausnahme  von  Tessin,  Appenzell  I.-Rh.  (wo  preussische 
Ulanen  interniert  waren),  Neuenburg  und  Genf  verteilt.  Auf  den 
Kanton  Zürich  entfielen  bei  der  ersten  Verteilung  11,031  Mann, 
zu  denen  aber  noch  Nachzügler  kamen,  so  dass  der  Etat  vom 
25.  Februar  11,556  gesunde  und  727  kranke,  zusammen  12,283 
Internierte  aufwies.  In  Zürich  wurden  die  Franzosen  mit  grosser 
Spannung  erwartet.  Es  gab  Leute,  welche  die  ganze  Nacht  auf 
dem  Bahnhofplatz  zubrachten,  um.  den  Moment  der  Ankunft  nicht 
zu  verpassen.  Als  am  4.  Februar  morgens  3  Uhr  ein  grosser  Trans- 
port eintraf,  ward  den  Franzosen  von  der  Volksmenge  ein  herz- 
licher Willkomm  geboten.  ,,Vive  la  France!" —  ,,Vive  la  Smsse!" 
—  ging  es  hin  und  her.  Einige  Deutsche,  welche  ,,Vive  la  Prusse!" 
dazwischen  riefen,  wurden  verprügelt.  Die  Stadt  Zürich  behielt 
von  dem  ersten  Transport  von  4700  Mann  zunächst  3600,  darunter 
das  ganze  92.  Linienregiment;  ein  Zug  mit  1000  Internierten 
war  schon  am  Abend  des  3.  Februar  direkt  nach  Winterthur 
weiter  gefahren.  Eben  dahin  kam  auch  die  berittene  Gendarmerie, 
die  eine  Regimentskasse  mit  95,000  Fr.  mitgebracht  hatte.  An- 
dere Abteilungen  wurden  per  Schiff  in  die  Dörfer  am  See  gebracht, 
800  Mann  kamen  nach  Uster  in  die  Fabrik  Zangger  &  Gyr  usw. 
In  Zürich  verteilte  man  die  gesunden  Internierten  auf  die  ehemalige 
Speiseanstalt  im  Zeughaus  beim  Bahnhof,  auf  die  übrigen  Zeug- 
häuser, die  Reitschule,  die  Stallungen  im  ,, Platz"  und  die  Prediger- 
kirche. Damit  nicht  auch  das  Grossmünster  in  Anspruch  genommen 
werden    musste,   hatten  die   Herren  Escher   vom  Felsenliof  ihr 

10 


146  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  1870/71  o 

neues  Zwirnereigebäude  am  Untern  Mühlesteg  zur  Verfügung  ge- 
stellt. Für  die  Kranken  und  Verwundeten  waren  die  schöne  Bürgli- 
terrasse, die  Schiesstände  beim  neuen  Schützenliaus  im  Sihlhölzli 
imd  die  Spannweid  angewiesen.  Als  Absonderungshaus  für  Pocken 
und  andere  ansteckende  Krankheiten  diente  die  Stephansburg. 
Zur  miHtärischen  Bewachung  der  Internierten,  die  der  kantonale 
Mihtärdirektor  Oberst  vScherer  zu  leiten  hatte  —  Platzkomman- 
dant in  Zürich  war  Oberst  Rudolf  Hess,  —  waren  zuerst  die 
Bataillone  85  und  8y  aufgeboten  worden,  die  dann  (am  21.  Februar) 
von  den  Reser\'ebataillonen  86  und  88  und  der  Jägerkompagnie  des 
Bataillons  29  abgelöst  wurden.  Die  Internierten  wurden  im  Kanton 
Zürich  von  den  miHtärischen  Behörden  keineswegs  verhätschelt, 
sondern  eher  streng  gehalten,  so  dass  sogar  der  eidgenössische  In- 
spektor Oberst  Trümpy  fand,  man  dürfte  die  Zügel  ohne  Schaden 
etwas  locker  lassen.  Grossartig  wie  immer  war  in  Zürich  die  Wohl- 
tätigkeit. Beim  Hilfskomitee  auf  dem  Rüden  türmten  sich  die 
Kleider,  Hemden,  vStrümpfe,  Schuhe  usw.  zu  Bergen,  und  über- 
dies gingen  in  bar  25,443  Fr.  ein. 

Den  Wunsch  der  Schweiz,  die  Internierten  Mitte  Februar 
zurückschaffen  zu  dürfen,  hatte  Deutschland  am  14.  Februar 
abgewiesen ;  man  sollte  damit  warten  bis  nach  Abschluss  des  Präli- 
minarfriedens. EndHch  konnte  der  Beginn  des  Rücktransportes 
auf  den  8.  März  festgesetzt  werden,  wurde  dann  aber  auf  Wunsch 
des  zum  Empfang  seiner  heimkehrenden  Söhne  noch  nicht  vor- 
bereiteten Frankreich  nochmals  auf  den  13.  März  hinausgeschoben. 
Trotzdem  reiste  die  berittene  Gendarm^erie  schon  am  7.  März  von 
Winterthur  ab,  und  das  92.  lyinienregiment  verliess  Zürich  am 
Mittwoch  den  8.  März.  Bevor  jedoch  die  Rücktransporte  fort- 
gesetzt werden  konnten,  trat  noch  ein  Ereignis  ein,  das  —  nach 
seiner  politischen  Bedeutung  masslos  übertrieben  —  für  Zürich 
von  den  unangenehmsten  Folgen  war:  der  Tonliallekrawall  von 
Donnerstag  den  9.  März  1871.  Zum  voraus  sei  festgestellt,  dass 
die  Franzosen  für  die  Störung  der  deutschen  Siegesfeier  in  der 
Tonhalle  der  geringste  Teil  der  Schuld  trifft.  Die  Beteiligung  der 
Internierten  am  Bombardement  auf  die  Tonhalle  war  nicht  er- 
liebHch ;  bei  der  Inspektion  in  den  Interniertenlagern  am  Donners- 
tag Abend  fehlten  nur  etwa  zehn  Mann.  Was  die  Gesinnung  der 
Offiziere  betrifft,  so  darf  vielleicht  an  einen  Vorgang  am  14.  Februar 


I 

I 

I 
o 


o  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  i8;o/7i  147 

erinnert  werden.  An  jenem  Tage  trafen  in  Zürich  die  57  gefangenen 
Pommern  ein,  die  die  Bourbakiarmee  mitgebracht  hatte  und  die 
nun  in  Basel  ausgewechselt  werden  sollten.  Am  Bahnhof  Zürich 
wurden  sie  von  den  hiesigen,  ausserordentlich  zahlreich  versam- 
melten Deutschen  mit  Jubel  empfangen.  Abends  veranstalteten 
diese  in  einem  öffentlichen,  jedermann  zugänglichen  Restaurant 
der  Stadt  eine  Feier  zu  Ehren  der  Pommern;  laut  erschallten 
in  der  fröhlichen  Runde  die  deutschen  Kriegs-  und  Siegeslieder. 
Da  traten  einige  französische  Offiziere  ein.  Man  Hess  sich  dadurch 
nicht  stören,  machte  ihnen  vielmehr  freundlich  Platz;  die  Fran- 
zosen setzten  sich  zu  den  Preussen,  und  hell  klangen  die  Gläser 
zusammen. 

Ob  die  Deutschen  nicht  besser  getan  hätten,  auf  Üire  Sieges- 
feier zu  verzichten,  kann  man  ruliig  daliingestellt  sein  lassen,  da 
ihr  Vorgehen,  man  mag  es  jetzt  beurteilen  wie  man  will,  das  Vor- 
gefallene in  keiner  Weise  entschuldigt.  Über  Fragen  des  Taktes 
—  und  eine  solche  lag  hier  vor  —  gehen  bekanntlich  oft  in  den 
besten  FamiHen  die  Meinungen  auseinander.  Nur  das  lässt  sich 
vielleicht  sagen:  wenn  denn  doch,  trotz  ernstlicher  Abmahnung, 
durchaus  gefeiert  werden  musste,  wobei  die  MögHchkeit  einer 
Störung  Wochen  vorher  vollständig  klar  vorausgesehen  wurde,  wie 
dies  die  Verabredungen  m.it  den  Behörden  beweisen,  dann  hätte 
diese  Störung  auch  in  Kauf  genommen  werden  können  und  brauchte 
nicht  so  ungeheuer  tragisch  aufgefasst  zu  werden,  zumal  man  mit 
der  Feier  nicht  nur  sich  selbst,  sondern  auch  dem  gastfreundlichen 
Lande,  wo  sie  stattfand,  erhebliche  Ungelegenheiten  bereitete. 
Die  volle  Verantwortung  für  den  wüsten  Rimimel  fällt  auf  ein- 
heimische Kiemente,  die  aber  wieder  nur  einen  kleinen  Teil  der 
Bevölkerung  ausmachten.  Die  weitaus  meisten  Stadtbewohner 
lagen  friedlich  in  den  Federn  und  hörten  am  Freitag  Morgen  mit 
Staunen,  was  vorgefallen  war.  Für  das  Treiben  der  Krawallanten 
aber  ist  kein  Wort  der  Verurteilung  scharf  genug.  Wir  wollen 
nichts  davon  hören,  dass  auch  in  monarchischen  Polizei-  und  Mili- 
tärstaaten solche  Krawalle  häufig  vorkommen.  Dort  sind  sie 
eine  natürliche  Erscheinung,  bei  uns,  wo  das  Volk  regiert,  eine 
Schande  und  Unnatur.  Immerhin  sind  auch  die  innerpolitischen 
Verhältnisse  in  jenem  Mom.ente  nicht  ganz  ausser  acht  zu  lassen. 
Nach  dem  grossen  Sieg  der  Demokraten  standen  sich  die  Parteien 


148  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  1870/71  o 

im  Kanton  Zürich  noch  unversöhnt  gegenüber.  Die  politischen 
Gegensätze  erstreckten  sich  sogar  auf  die  Sympathien  und  Anti- 
pathien während  dem  Krieg.  Bei  den  Liberalen  und  Konserva- 
tiven hielt  man  mehr  auf  die  deutsche  Seite;  die  Demokraten  be- 
kundeten offen  üire  Vorliebe  für  die  französische  Republik.  Auch 
eine  gewisse  Passivität  der  städtischen  Bevölkerung  den  Vor- 
gängen bei  der  Tonhalle  gegenüber  mag  sich  aus  einem  Rest  poli- 
tischer Verbitterung  teilweise  erklären.  Ohne  mit  den  Radau- 
brüdern im  mindesten  zu  sympathisieren,  gönnte  man  der  vom 
Volk  gewählten  Regierung  die  Verlegenheit.  ,,Es  war,"  schrieb 
die  ,, Freitagszeitung",  ,,die  Genugtuung,  unsere  Regierung  in 
dem  ihr  prophezeiten  Kampfe  mit  den  schlimmen  Elementen  zu 
sehen,  durch  welche  sie  sich  hatte  emporheben  lassen,  und  die 
Hoffnung,  dass  die  Regierung  diese  Aufrührerrotte  zwar  wohl  be- 
siegen könne,  aber  dabei  werde  offenbar  werden,  wie  unfähig  das 
demokratische  Regiment  sei  und  wie  grosse  Gefahren  es  dem 
Lande  bereitet  habe." 

Doch  nun  wird  es  Zeit,  den  Hergang  zu  erzählen. 
Im  ,, Tagblatt"  vom  31.  Januar  1871  erschien  folgendes  In- 
serat: 

Deutscher  Kommers. 
Die  neueste  entscheidende  Wendung  im  deutsch-franzö- 
sischen Kriege  hat  bei  den  Unterzeichneten  den  Gedanken  an- 
geregt, die  staatliche  Neugestaltung  Deutschlands  durch  einen 
Abend-Kommers  zu  feiern.  Zu  Festen  ist  die  Zeit  nicht  an- 
getan, in  anspruchsloser  Form  wollen  wir  den  grossen  Moment 
im  Kreise  Gleichgesinnter  begehen.  Wir  laden  demnach  alle 
hier  wohnenden  Deutschen,  die  mit  uns  in  der  Wiederaufrich- 
tung des  deutschen  Reiches  ein  freudiges  Ereignis  erblicken, 
sowie  alle  Schweizer,  die  Freunde  der  deutschen  Sache  sind, 
höfüchst  und  dringend  ein,  an  dem  Abend-Kommers  im  grossen 
Saale  der  Tonhalle  Donnerstag  den  2.  Februar  teilzunehmen. 

G.  Semper,  Professor.  —  O.  Wesendonck. 
A.  Gusserow,  Professor.  —  A.  Exner,  Professor. 

Diese  Ankündigung  erregte  in  einigen  Kreisen  der  Stadt  Ver- 
wunderung und  Aufregung,  die  noch  vermehrt  wurde,  als  ihr  auf 
dem  Fusse  die  Nachricht  vom  Übertritt  der  Bourbaki  folgte.   Die 


o  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  1870/71  149 

Polizei  fand  in  einigen  Wirtschaften  lithographierte  Zirkulare  mit 
einem  Protest  gegen  die  Feier:  ,,Wie  weit  haben  wir  es  gebracht 
und  wie  weit  werden  wir  es  noch  bringen  mit  der  Aufrechthaltung 
unserer  Neutralität,  wenn  Behörden  und  demokratisch  gesinnte 
Vereine,  sowie  alle  rechtgesinnten  Bürger  ruhig  zusehen,  wie  in 
unserem  Lande  solche  FeierHchkeiten,  resp.  Demonstrationen  unter 
dem  Titel  Deutscher  Kommers  zur  Frohlockung  über  den  Mord 
an  einer  Schwesterrepublik  in  öffentlichen  Lokalen  gehalten  wer- 
den können"  usw.  Das  Komitee  für  den  deutschen  Kommers  teilte 
im  ,, Tagblatt"  vom  2.  Februar  mit,  ,, wegen  der  durch  das  Ein- 
rücken der  Franzosen  in  die  Schweiz  über  den  Kanton  hereinge- 
brochenen Kalamität"  werde  der  Festkommers  auf  unbestimmte 
Zeit  verschoben.  Eine  Einsendung  vom  gleichen  Tage  in  der  „N. 
Z.  Z."  empfahl  den  Deutschen,  doch  lieber  nach  Friedensschluss 
eine  allgemeine  Friedensfeier  zu  veranstalten,  zu  welcher  dann 
auch  die  Franzosen  und  alle  andern  Nationalitäten  eingeladen 
werden  könnten.  Eine  längere  Einsendung  aus  deutschen  Krei- 
sen in  der  ,, Freitagszeitung"  rechtfertigte  das  Vorgehen  der  Deut- 
schen und  erklärte  zum  Schluss:  ,, Solchen  Drohungen  gegenüber 
ist  dem  Komitee  die  Feier  des  Festes  nicht  mehr  bloss  Sache  des 
Herzens,  sondern  Sache  der  Ehre.  Es  wird  Vorkehrungen  treffen, 
um  Störungen  zu  vermeiden  und  durch  eine  anderweitige  Art  der 
Einladung  Störer  fern  zu  halten.  Im  übrigen  aber  verlassen  sich 
die  Festteilnehmer  auf  die  staatUche  Ordnung  des  Kantons  Zürich ; 
sie  werden  es  nötigenfalls  darauf  ankommen  lassen,  ob  das  freie 
Versammlungsrecht  und  der  Schutz  der  Gesetze  auch  den  hier 
lebenden  Deutschen  gewährleistet  ist.  Das  Fest  wird  daher  ge- 
feiert werden,  wenn  der  Kanton  wieder  beruhigt  und  der  Friede 
gesichert  ist." 

Am  2.  März  erfolgte  im  ,, Tagblatt"  die  definitive  Einladung 
auf  Donnerstag  den  9.  März,  abends  8  Uhr.  Erneuten  Vorstellungen 
gegenüber,  dass  man  doch  wenigstens  warten  möchte  bis  nach 
der  Abreise  der  Franzosen,  wurde  deutscherseits  betont,  die  aber- 
malige Verschiebung  wäre  lächerhch  und  würde  als  eine  Feigheit 
erscheinen.  Gerade  jetzt  feiere  ganz  Deutschland  den  Sieg,  und 
da  könne  man  hier  nicht  erst  hintennach  hinken.  Die  Abreise  der 
Franzosen  sei  übrigens  schon  festgesetzt  gewesen,  ihre  abermahge 
Verschiebung  nicht  Schuld  der  Deutschen.   Und  schüessHch  werde 


I50  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  1870/71  o 

die  Feier  im  geschlossenen  Räume  und  nur  für  Eingeladene  ab- 
gehalten. Unter  diesen  Auspizien  fanden  schon  von  Dienstag  ab 
vorsorgliche  Besprechungen  zwischen  Stadt-  und  Kantonspolizei 
über  die  zu  treffenden  Massnahmen  statt.  Der  kantonale  Militär- 
direktor Oberst  Scherer  befand  sich  bei  einer  nationalrätlichen 
Kommission  in  Bern.  Ihn  ersetzten  in  der  Oberleitung  der  Inter- 
nierten-Bewachung Oberst  Stadler  und  dessen  Adjutant  Stabs- 
major  Ulrich  Meister;  stellvertretender  Militärdirektor  war  Re- 
gierungsrat Walder.  Mittwoch  den  8.  März  machte  Direktor  Marck 
namens  des  deutschen  Komitees  dem  Polizeidirektor  Müller  offi- 
ziell Mitteilung  von  dem  abzuhaltenden  Kommers  und  bat  um 
polizeilichen  Schutz.  Auf  Donnerstag  nachmittag  2  Uhr  wurden 
die  Herren  Wesendonck  und  Marck  aufs  Platzkommando  in  die 
Kaserne  beschieden,  wo  ihnen  der  Adjutant  des  Platzkomman- 
danten Hess,  Stabshauptmann  Pestalozzi,  mitteilte,  dass  eine 
Störung  des  Festes  zu  befürchten  sei;  die  Truppen  würden  aber 
zu  seinem  Schutze  herbeieilen.  Die  Bemerkimg  von  Hauptmann 
Pestalozzi,  dass  man  das  Fest  hätte  verschieben  sollen,  beantwor- 
tete Herr  Marck  damit,  dass  an  den  Dispositionen  nun  nichts 
mehr  geändert  werden  könne.  Zwischen  Oberst  Hess  und  seinen 
Vorgesetzten  scheint  nicht  das  beste  Einvernehmen  bestanden 
zu  haben  und  der  letztere  beklagte  sich  u.  a.  darüber,  dass  noch 
am  Donnerstag  abends  5  Uhr  die  eben  von  der  Grenze  heimge- 
kehrte Dragonerkompagnie  12,  die  einige  Stunden  später  ausge- 
zeichnete Dienste  hätte  leisten  können,  ohne  sein  Vorwissen  ent- 
lassen wurde.  Auf  abends  7  Uhr  bat  Oberst  Hess  noch  Professor 
Wislicenus  zu  sich  in  die  Kaserne  und  empfahl  ihm  als  dem  Fest- 
präsidenten, dafür  zu  sorgen,  dass  die  Festteilnehmer,  unbeküm- 
mert um  das,  was  draussen  vorgehe,  in  der  Tonhalle  bleiben; 
für  die  Ordnung  vor  der  Tonhalle  würde  gesorgt  werden. 

Als  gegen  8  Uhr  die  ersten  Gäste  mit  ihren  Damen  bei  der 
Tonhalle  ankamen,  fanden  sie  die  Zugänge  von  halbwüchsigen 
Schlingeln  belagert,  die  ümen  Schimpfnamen  zuriefen.  Schlim- 
meres noch  Hessen  die  Haufen  von  Männern  ahnen,  die  sich  nach 
und  nach  dazu  gesellten.  Der  grosse  Tonhallesaal  war  mit  den 
deutschen  Farben  geschmückt ;  eine  imposante  Figur  der  Germania, 
am  Rhein  Wache  haltend,  von  Maler  Witt,  leuchtete  den  Ein- 
tretenden entgegen.    Auf  dem  Podium  der  deutsche  Sängerverein 


o  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  1870/71  151 

„Liedertafel"  und  die  Kapelle  Dietrich.  Man  sang  zuerst  „Wir 
sind  vereint  zur  guten  Stunde".  Dann  hielt  Professor  Wislicenus, 
ein  eingebürgerter  Deutscher,  die  Begrüssungsansprache,  die  mit 
einem  Hoch  auf  das  Deutsche  Reich  und  das  deutsche  Volk  endete. 
Nachdem  die  etwa  900  Personen  zählende  Versammlung  zur 
Musikbegleitung  den  Choral  „Nun  danket  alle  Gott"  und  hierauf 
die  Liedertafel  Geibels  „Nun  lasst  die  Glocken  von  Turm  zu  Turm" 
gesungen,  sprach  begeistert  Professor  Johannes  Scherr,  bisher 
einer  der  radikalsten  Deutschen.  ,, Dummheit,  Unwissenheit,  Ge- 
meinlieit,  Neid  und  Bosheit  sind  grosse  Gewalten  auf  Erden,"  rief 
der  Redner  aus,  ,,aber  die  vereinigte  Macht  dieser  fünf  Gross- 
mächte reicht  doch  nicht  aus,  den  Ruhmesglanz  des  kolossalen 
Werkes  zu  trüben,  welches  Deutschland  binnen  sieben  Monaten 
geschaffen  hat.  Mit  dauernderen  Flammenzügen  als  sie  der  BHtz 
in  die  Felsen  schreibt,  wird  die  Geschichte  die  Einzelheiten  dieser 
Arbeit  in  das  Buch  der  Ewigkeit  schreiben,  und  dort  wird,  wenn 
die  Leidenschaften,  die  Verhetzungen  und  Gehässigkeiten  von 
heute  längst  verschollen  sein  werden,  zu  lesen  sein,  dass  die  Gross- 
artigkeit des  welthistorischen  Dramas  von  1870/71  auf  deutscher 
Seite  insbesondere  beruht  i.  auf  der  quellenlautern  und  spiegel- 
blanken Reinheit  und  Gerechtigkeit  unserer  Sache,  2.  auf  Deutsch- 
lands Alleinstehen,  so  dass  es  ohne  alle  und  jede  Unterstützung 
von  aussen,  aus  seines  Wesens  innerstem "  Kern  heraus,  ganz  und 
gar  aus  eigener  Kraft  seine  staunenswerten  Erfolge  errang,  3.  auf 
der  Einlieit  aller  deutschen  Stämme,  Stände  und  Volksschichten 
in  dem  nationalen  Gedanken." 

Schon  während  der  Rede  von  Professor  WisHcenus  waren 
einige  Steine  klirrend  durch  die  Oberfenster  hereingeflogen  und 
die  Ansprache  Scherrs  begleitete  ein  immer  stärker  werdender 
Steinhagel  auf  die  Tonlialle,  so  dass  man  sich  allmähHch  aus  der 
Mitte  des  Saales  unter  die  Galerien  zurückziehen  musste.  Heftiges 
Poltern  an  den  Türen  und  fortwährendes  ScheibenkHrren  Hessen 
die  Absicht  eines  Einbruchs  von  aussen  vermuten.  In  eine  unan- 
genehme Situation  gerieten  besonders  die  zahlreichen  Zürcher, 
die,  der  Einladung  folgend,  gekommen  waren,  um  ihre  Sympathie 
für  die  deutsche  Sache  zu  bekunden.  Sie  hatten  nun  eine  vier- 
stündige Belagerung  mit  ihren  deutschen  Freunden  durchzu- 
machen imd  wurden  von  ümen  mit  bitteren  Vorwürfen  über  die 


152  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  1870/71  o 

,, saubere  Ordnung"  in  unserem  Lande  regaliert.  Plötzlich  ent- 
stand auf  dem  Podium  ein  furchtbarer  Lärm.  Man  sah,  wie  dort 
Sänger  und  Musiker  nach  der  Seitentür  stürzten,  die  zum 
nebenanhegenden  Bierlokal,  dem  sogenannten  ,, Schlauch",  hinab- 
führte, und  um  diese  Türe  ein  wütender  Kampf  entbrannte.  Die 
jungen  Leute  im  Saal,  namentlich  eine  Anzahl  Polytechniker, 
eilten  aufs  Podium,  demoHerten  die  Musikpulte,  um  sich  mit 
Stücken  davon  zu  bewaffnen,  traten  Stulilbeine  und  Stuhllehnen 
ab  oder  brachen  Latten  aus  den  Dekorationsstützen.  Einer  sprang 
mit  beiden  Füssen  aufs  Klavier  und  wurde  wieder  herunterge- 
stossen.  Alles  hieb  wie  toll  auf  die  Türe  los,  die  schliessHch  den 
Fusstritten  und  Schlägen  von  aussen  und  innen  nachgab.  Im 
,, Schlauch",  ihrem  gewohnten  allabendlichen  StammJokal,  hatte 
sich  eine  Anzahl  französischer  Offiziere  eingefunden,  darunter 
der  Bataillonskommandant  Comte  de  VitroUes,  die  Hauptleute 
Cardozo  und  Delacour,  die  Leutnants  und  Secondeleutnants  Ben- 
sas,  Poirel,  Hubert,  Didier,  de  Raimond,  Monteaux,  die  Sergeants 
Peyre  tmd  Castanet;  auch  einige  Soldaten  und  ein  hitziger  kleiner 
Turco  waren  da.  Anfänglich  verhielten  sich  die  Franzosen  rvihig 
an  üiren  Tischen,  gerieten  aber  durch  den  Lärm  draussen  und  die 
Siegesheder  im  Saal  mehr  und  mehr  in  Aufregung.  Wie  auf  ein 
verabredetes  Zeichen  erhoben  sich  auf  einmal  alle;  man  hörte 
rufen  ,,Vive  la  France !"  —  ,,On  nous  insulte !"  Der  ganze  Haufen 
der  Offiziere  drängte  sich  in  den  dunkeln  Gang,  der  zur  Treppe 
und  der  Tür  nach  dem  Podium  führte.  Tonhallewirt  Boller,  der 
diese  Türe  vorsorglich  verschlossen  hatte  und  die  Tonlialle-Vor- 
standsmitgüeder  Fürsprech  Dr.  G.  Mousson  und  Lehrer  Bosshard 
versuchten  umsonst,  mit  Wort  und  Tat  den  Franzosen  zu  wehren. 
Wirt  Boller  eilte  schliesslich  barhaupt  hinaus,  den  Obersten  Hess 
zu  suchen  und  militärische  Hilfe  zu  erbitten.  Die  Franzosen  be- 
arbeiteten die  Podium türe  mit  einer  dicken  Stange  (Baumstütze), 
mit  der  sie  die  beiden  untern  Füllungen  durchbrachen,  worauf 
deutsche  Fäuste  die  Stange  ergriffen  und  hereinzogen.  Die  Offi- 
ziere fuchtelten  mit  den  Säbeln  durch  die  Lücken;  Sergeant  Peyre 
der  so  unvorsichtig  war,  den  Kopf  hindurchzustecken,  erhielt  einen 
furchtbaren  Schlag,  taumelte  die  Treppe  herab  und  stürzte  beim 
Büffet  bewusstlos  nieder.  Nun  sprang  auch  die  Tür  auf,  die  Deut- 
schen stürzten  sich  mit  Hurrah  auf  die  Franzosen  und  warfen  sie 


o  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  1870/71  153 

die  Treppe  hinunter.  Am  Fuss  der  Treppe  wilder  Kampf.  Mit 
vollen  und  leeren  Biergläsern  und  Weinflaschen,  Zündholzsteinen, 
Porzellanunterlagen  wurden  die  Deutschen  bombardiert,  und  sie 
hieben  mit  ganzen  Sesseln  und  Fragmenten  von  solchen  um  sich. 
Acht  Deutsche  wurden  verwundet,  darunter  der  Photograph  Riedel 
erheblich.  SchUesslich  gelang  es  mit  Hilfe  der  Polizei,  die  Fran- 
zosen zu  entwaffnen  und  zu  verhaften  oder  aus  dem  Lokal  zu 
werfen,  und  die  Deutschen,  einmal  im  Zuge,  hatten  die  grösste 
Lust,  durch  einen  ,, Ausfall"  den  von  Demonstranten  angefüllten 
Salzhausplatz  (Bellevueplatz)  zu  säubern,  was  aber  Regierungsrat 
Walder  nicht  gestattete.  Bei  der  Rückkehr  packten  der  Poly- 
techniker Eichenberger  und  andere  trotz  ernstlicher  Abwehr  des 
Ingenieurs  Münch  im  Seefeld  den  noch  immer  am  Boden  liegenden 
Sergeanten  Peyre  und  schleppten  ihn  aufs  Podium  hinauf,  um  ihn 
als  ,, Gefangenen"  der  Versammlung  zu  zeigen.  Nachdem  sich 
diese  genugsam  an  dem  Anblick  erbaut,  wurde  Peyre  auf  der  Treppe 
der  Polizei  übergeben.  Nicht  lange  nach  dieser  Szene  erschien 
die  behäbige  Figur  des  Obersten  Hess  im  Saal.  Er  bat  das  Komitee, 
die  Musik  nicht  mehr  spielen  zu  lassen,  und  verschwand  wieder. 
Als  bald  darauf  doch  wieder  Musik  im  Saal  erschallte,  kam  Adju- 
tant Pestalozzi  mit  dem  Befehl,  das  Fest  nunmehr  abzubrechen 
und  die  Lichter  herunterzuschrauben,  weil  das  für  die  Sicherheit 
der  Kommersteilnehmer  unbedingt  erforderlich  sei.  Mit  einigem 
Murren  wurde  gehorcht,  und  es  hatte  das  Aufhören  der  Musik  und 
das  Dunkelwerden  der  Tonhalle  sofort  eine  beruhigende  Wirkung 
auf  die  Volksmasse.  Die  Festteilnehmer  wurden  von  den  Offi- 
zieren nach  und  nach  hinausbegleitet,  aber  es  wurde  3  Uhr  morgens, 
ehe  die  Tonhalle  geschlossen  werden  konnte. 

Draussen  vor  der  Tonhalle  war  es  nach  dem  Ausspruch  des 
Instruktors  Vogler  den  ganzen  Abend  ,, krautig"  zugegangen.  Das 
anfängliche  Aufgebot  nichtuniformierter  Stadt-  und  Kantons- 
polizisten hatte  nicht  genügt,  um  die  gegen  die  Tonhalle  drängende, 
auf  die  Deutschen  und  die  Regierung  schimpfende  Volksmenge 
zurückzuhalten,  welche  schon  anfing.  Steine  nach  den  Fenstern 
und  dem  Vordach  der  Tonhalle  zu  werfen.  Die  Regierungsräte 
Müller  und  Walder,  Stadtpolizeipräsident  Hagenbuch  und  fünf 
höhere  Offiziere  waren  auf  dem  Platz.  Sie  wurden  beschimpft, 
verhöhnt  und  sogar  tätlich  angegriffen,   so  dass  Oberst  Stadler 


154  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  1870/71  o 

den  Säbel  zog  und  einen  Angreifer  verletzte.  Aus  der  Menge  wurde 
ilim  zugerufen,  dass  sein  Haus  demoliert  werden  solle,  worauf  er 
nach  Hause  eilte  und  dann  nach  etwa  einer  Stunde  wieder  geholt 
wurde.  Nim  rückte  uniformierte  Polizei  an,  der  es  für  kurze  Zeit 
gelang,  das  Volk  gegen  das  Salzhaus  und  die  Kronenhalle  zurück- 
zudrängen und  einige  Leute  zu  verhaften,  darunter  einen  Mann 
mit  einer  Mistgabel,  der  nachher  wiegen  Säuferwahnsinns  ins  Burg- 
hölzli  kam.  Jeder  Steinwurf,  der  eine  Scheibe  zertrümmerte, 
wurde  vom  Volk  mit  Jubel  und  Bravo  begleitet.  EndUch  erschien 
auch  das  heiss  ersehnte  Militär  auf  dem  Platz,  Oberst  Hess  an  der 
Spitze  von  150  Mann  vom  Bataillon  88,  von  der  Menge  mit  Pfeifen 
und  Johlen  begrüsst.  Die  wogende  Masse  übersehend,  fand  Oberst 
Hess,  dass  er  zu  schwach  sei,  um  etwas  ausrichten  zu  können,  und 
Hess  deshalb  die  Soldaten  untätig  über  eine  Stunde  bei  der  Kronen- 
halle stehen.  Dann  rückte  eine  Abteilung  ein  Stück  weit  in  der 
Tonliallestrasse  vor,  wobei  Adjutant  Pestalozzi  fast  vom  Pferde 
gerissen  wurde.  Als  der  stellvertretende  Militärdirektor  Walder 
die  Abteilung  bei  der  Kronenhalle  zur  Tonhalle  hinüber  dirigieren 
wollte,  erhielt  er  den  Bescheid,  die  Soldaten  hätten  strengen  Be- 
fehl, niemandem  zu  gehorchen  als  dem  Obersten  Hess.  Diesem 
war  inzwischen  aus  der  Mitte  des  Publikums  geraten  w^orden,  die 
Truppen  zurückzuziehen,  da  sich  das  Volk  dann  eher  beruliigen 
würde.  Oberst  Hess  zog  deshalb  seine  Kompagnie  auf  den  Hecht- 
platz und  zmn  Eingang  in  die  Stadelhoferstrasse  zurück.  Dann 
wieder  von  allen  Seiten  bestürmt,  er  möchte  doch  jetzt  einmal  ein- 
greifen, beharrte  Oberst  Hess  dabei,  ohne  schriftlichen  Befehl  nichts 
tun  zu  können.  Bei  der  Stadelhoferstrasse  vereinigten  Wirt  Boller 
und  Pohzeipräsident  Hagenbuch  Üire  Vorstellungen  und  Stabsmajor 
Meister  machte  ihn  energisch  für  alle  Folgen  seiner  Inaktivität  ver- 
antwortlich. Aber  erst  dem  Regierungsrat  Walder,  der  mit  Hess 
endlich  auf  dem  Hechtplatz  zusammentraf,  gelang  es,  den  letztern 
zum  Einschreiten  zu  bestimmen.  Die  Menge  hatte  nach  dem  Ab- 
zug der  Truppen  auch  die  Ost-  und  Südseite  der  Tonlialle  in  An- 
griff genommen,  und  es  war  schwierig  für  das  Militär,  die  beiden 
befohlenen  Stellungen  beim.  Haupteingang  und  beim  Restaurant 
einzunehmen,  wo  es  weiterhin  —  mit  Front  gegen  die  Tonhalle !  — 
ohne  Befehle  und  Verhaltungsmassregeln  stehen  gelassen  wurde 
und  die  ganze  Arbeit  der  übermenschHch  angestrengten  Polizei 


o  XXXII.  KAPiTEIv:    GRENZBESETZUNG  1870/71  155 

überliess.  Das  Steinwerfen  war,  wie  die  ,, Freitagszeitung"  schrieb, 
förmlich  organisiert.  ,, Baumstarke  Kerle  sahen  wir,  denen  Hinten- 
stehende die  massenhaft  herbeigefülirten  Steine  boten,  sogar  bis 
zwischen  die  Soldaten  mit  einem  ,Excusez!'  sich  vordrängen  und 
sicher  zielend  werfen."  Dem  früheren  Stadtpräsidenten  Oberst 
Ziegler,  welcher  den  Soldaten  zuzusprechen  versuchte,  wurde  be- 
deutet, er  solle  zuerst  die  Uniform  anziehen,  wenn  er  hier  befehlen 
wolle.  Er  ging  heim,  kam  in  Uniform  zurück  und  gesellte  sich 
unterstützend  dem  Stabsmajor  Meister  bei,  der  es  schliesslich  dazu 
brachte,  dass  das  Militär  in  der  Richtung  auf  das  Salzhaus  vor- 
rückte und  den  Platz  räumte.  Uro.  2^  Uhr  konnten  die  Truppen 
in  die  Kaserne  zurückkehren.  Die  Polizei  hatte  29  Tumultanten 
verhaftet,  die  im  Weiberbau  des  Zuchthauses  im  Ötenbach  unter- 
gebracht wurden. 

Am  Freitag  morgen  sah  die  Tonlialle  traurig  aus;  kaum  eine 
Scheibe  mehr  ganz,  der  Platz  mit  faustgrossen  Steinen  übersäet. 
Nachmittags,  als  das  Lokal  für  die  Börse  in  der  Tonhalle  geöffnet 
wurde,  vermochten  einige  Leute  in  den  grossen  Saal  einzudringen, 
wo  sie  die  Germania  zerstörten  und  die  deutschen  Fähnchen  zer- 
rissen. Stadtschreiber  Bernhard  Spyri,  Pfarrer  Paul  Hirzel, 
Pestalozzi-Wiser  und  Direktor  G.  Stoll  veröffentlichten  eine 
,, Adresse  der  zürcherischen  Bevölkerung",  in  welcher  der  Ent- 
rüstung über  das  Vorgefallene  Ausdruck  gegeben  und  der  Re- 
gierungsrat ersucht  wurde,  ,, gegenüber  den  beleidigten  Deutschen 
Dolmetscher  unserer  Gefülile  zu  sein".  Die  Adresse  wurde  in  der 
Eisenhandlung  Joh.  David  Wiser  am  Münsterhof  und  in  der  Kunst- 
handlimg  Gramer  &  Lüthi  aufgelegt  und  von  437  Einwohnern 
unterzeichnet.  (Der  Regierungsrat  erklärte  am  18.  März,  er  sei 
lücht  in  der  Lage,  die  Adresse  eines  Teils  der  Einwohnerschaft 
an  einen  andern  Teil  in  amtlicher  Stellung  zu  vermitteln,  und  ver- 
wies auf  die  einmütige  Kundgebung  des  Kantonsrates,  der  er  sich 
anschliesse;  hierauf  richteten  die  obgenannten  Herren  die  Adresse 
mit  den  Unterschriften  direkt  an  das  deutsche  Komitee.)  Fast 
sämtHche  schweizerische  Professoren  der  Universität  und  des 
Polytechnikums  drückten  in  einer  von  G.  v.  Wyss  verfassten 
Adresse  iliren  Kollegen  deutscher  Abkunft  das  tiefe  Bedauern  über 
den  Krawall  aus.  Der  städtische  Schulrektor  Zschetzsche,  ein 
eingebürgerter  Deutscher,  telegraphierte  am  Freitag  früh  an  den 


156  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG   1870/71  o 

Bundespräsidenten  Dubs  und  an  den  Gesandten  des  Norddeut- 
schen Bundes  in  Bern,  General  v^on  Röder;  letzterer  begab  sich 
daraufhin  zum  Bundespräsidenten  und  verlangte  Auskunft,  die 
der  Bundesrat  unverzüglich  telegraphisch  von  Zürich  einholte. 
Das  Telegramm  Zschetzsches  an  den  norddeutschen  Gesandten 
war  später  noch  Gegenstand  eines  Pressprozesses.  Die  Regierung 
berief  am  Freitag  vormittag  die  2.  Jägerkompagnie  des  Bataillons  29 
vom  Unken  Seeufer  nach  Zürich  und  bot  für  Samstag  die  Scharf- 
schützenkompagnien 47  und  74  auf.  Das  Komitee  für  den  deut- 
schen Kommers  richtete  eine  scharfe  Eingabe  an  den  Regierungs- 
rat, indem  es  die  Behörden  für  alle  Folgen  verantwortlich  machte, 
strenge  Bestrafung  auch  der  fehlbaren  Beamten  verlangte  und  sich 
eventuell  weitere  Schritte  vorbehielt.  Der  engere  Ausschuss  des 
Komitees  (Marck,  Wesendonck,  Wislicenus)  veröffentHchte  eine 
Kundgebung  in  der  Presse,  die  unter  Darlegung  der  Besprech- 
ungen mit  den  Behörden  alle  Verantwortlichkeit  seitens  der  Deut- 
schen ablehnte  und  deren  Schutzlosigkeit  beklagte.  Freitag  abends 
zwischen  g  und  10  Uhr  rotteten  sich  in  der  Gegend  der  Straf- 
anstalt einige  hundert  Männer  zusammen  mit  der  Absicht,  die 
Gefangenen  im  Weiberhaus  zu  befreien.  Auf  dem  Lindenhof 
hielten  ein  Schweizer  und  dann  ein  Deutscher  Ansprachen  an  die 
Gesellschaft,  dann  begann  das  Bombardement  mit  Pflastersteinen. 
Die  Strafanstalt  war  stark  mihtärisch  besetzt.  Von  der  Kaserne  her 
kamen  mehrere  Patrouillen,  geführt  von  Stabsmajor  BluntschH. 
Ein  Freiwilhger  wurde  von  der  Truppe  abgedrängt  und  lebens- 
gefährlich misshandelt.  Da  die  Soldaten  mit  Steinen  beworfen 
wurden,  schössen  sie  mit  ihren  Gewehren  in  die  Luft;  ein  Schuss 
traf  den  württembergischen  Schneider  Teufel,  der  an  seinem 
Kammerfenster  im  dritten  Stock  der  Wirtschaft  Stutz  gegenüber 
der  Strafanstalt  stand.  Teufel  war  aus  Paris  ausgewiesen  worden 
und  hatte  hier  Arbeit  gefunden.  Die  Grabrede  hielt  ihm  der  Rektor 
der  Universität  Zürich,  Professor  Gusserow.  Das  Resultat  des 
Krawalls  vor  der  Strafanstalt  waren  weitere  Truppenaufgebote 
(ganzes  Bataillon  29  und  Dragonerkompagnie  19). 

Als  am  Samstag  morgen  den  11.  März  der  Regierungsrat  sich 
zu  seiner  ordenthchen  Sitzung  versammelte,  lagen  bereits  Polizei- 
rapporte vor,  nach  denen  man  auf  eine  wachsende  revolutionäre 
Bewegung  schliessen  musste.    Nicht  nur  sollte  der  Angriff  auf  das 


o  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  1870/71  157 

Zuchthaus  wiederholt  werden,  sondern  man  sprach  auch  —  in 
einigen  Spelunken  —  von  einem  Sturm  aufs  Rathaus  und  dem 
Sturz  der  Regierung.  Es  wurde  im  Rathaus  die  Frage  erörtert, 
ob  nicht  der  Sitz  der  Regierung  in  die  Kaserne  verlegt  werden 
sollte.  Einstweilen  erHess  der  Regierungsrat  eine  Proklamation 
an  die  Bevölkerung,  welchem  Beispiel  auch  der  Stadtrat  folgte. 
Die  tollsten  Gerüchte  zirkulierten.  In  einer  mittags  i  Uhr  in 
der  Kaserne  abgehaltenen  Konferenz,  an  welcher  die  Regierungs- 
räte Ziegler  und  Walder,  Polizeipräsident  Hagenbuch,  Oberst 
Stadler  und  Major  Meister  teilnahmen,  betonte  speziell  Oberst 
Stadler  die  Notwendigkeit  weiterer  Truppenaufgebote,  da  man 
sich  auf  das  Stadtbataillon  wegen  seiner  revolutionären  Gesinnung 
nicht  verlassen  könne.  So  müssten  eben  eidgenössische  Truppen 
herbeigezogen  werden,  resümierte  Ziegler.  An  den  Bundesrat  gingen 
im  Lauf  des  Nachmittages  folgende  Depeschen  des  Regierungs- 
präsidenten Gottlieb  Ziegler: 

3  Uhr  25:  ,, Heute  wächst  die  Bewegung.  Es  steht  eine  Revo- 
lution bevor  von  unklarem,  aber  drohendem  Charakter.  Wir  bitten 
um  eidgenössisches  Aufsehen." 

5  Uhr  35:  ,, Situation  kritisch.  Zuverlässigkeit  teils  aufge- 
botener Truppen  zweifelhaft." 

Um  5  Uhr  45  lief  vom  Bundesrat  die  telegraphische  Mitteilung 
ein,  dass  er  vier  Bataillone  Infanterie  und  zwei  Batterien  nach 
Zürich  aufgeboten  habe.  Die  Truppen  wurden  unter  den  Befehl 
des  Obersten  Eduard  v.  Salis  gestellt.  Überdies  ernannte  der 
Bundesrat  einen  eidgenössischen  Kommissär  in  der  Person  des 
Landammanns  Dr.  Heer  von  Glarus.  Die  beiden  Batterien  16 
und  17,  Appenzell  und  St.  Gallen,  kamen  nicht  nach  Zürich,  son- 
dern wurden  alsbald  wieder  entlassen.  Die  aufgebotenen  Batail- 
lone waren  das  17.  (Aargau)  und  49.  (Thurgau),  die  beide  noch  in 
Genf  standen,  sowie  die  St.  Galler  Bataillone  31  und  63.  Für  den 
Samstag,  den  letzten  der  kritischen  Tage,  musste  Zürich  freiüch 
noch  mit  den  eigenen  Kräften  auszukommen  suchen,  und  das 
war  auch  ohne  alle  Schwierigkeiten  mögHch.  Die  vorhandenen 
Truppen  wurden  auf  die  wirkhch  oder  vermeintlich  bedrohten 
Punkte,  Rathaus,  Zuchthaus,  Zeughäuser,  Druckereien  der  ,, Neuen 
Zürcher  Zeitung"  im  Elsasser  und  der  ,, Freitagszeitung"  an  der 
Schipfe,   Villa  Wesendonck  usw.   verteilt,   1000  französische  In- 


158  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  1870/71  o 

temierte  aus  den  Zeughäusern  sofort  nach  Genf  abgeschoben. 
Beim  Rathaus  war  schon  von  6  Uhr  an  eine  formidable  Kriegs- 
macht aufgestellt:  die  Scharfschützenkompagnie  47,  das  Batail- 
lon 29,  die  Dragonerkompagnie,  die  den  Rathausquai  und  die 
Zugänge  von  Marktgasse  und  Limmatquai  her  besetzt  hielt,  für 
die  neugierige  Bevölkerung  ein  sicheres  Zeichen,  dass  es  hier  etwas 
zu  sehen  geben  werde,  weshalb  sie  sich  denn  auch  entsprechend 
zahlreich  einstellte.  Die  zweifelhaften  Elemente  bildeten  eine 
Minderheit.  Die  Zeit  des  stundenlangen  Wartens  vertrieb  sich  die 
Menge  mit  dem  unaufhörlichen  Singen  von  Vaterlandsliedern, 
und  waren  es  auch  nicht  gerade  Huldigungen,  die  dann  und  wann 
zum  Saale  des  in  Permanenz  tagenden  Regierungsrates  empor- 
stiegen, so  schien  die  ganze  Situation  für  die  Regierung  denn  doch 
von  ferne  nicht  so  gefährlich  wie  damals,  da  die  Revolution  unter 
den  Fenstern  des  Rathauses  Psalmen  anstimmte.  ,,Der  hostile 
Charakter  der  Bewegung  eher  abnehmend",  telegraphierte  der 
Regierungspräsident  um  9  Uhr  50  nach  Bern.  Eine  kompakte 
Masse  drängte  sich  immer  näher  an  das  Rathaus  heran  und  war 
nur  schwer  zurückzulialten,  da  das  MiHtär  nicht  brutal  vorgehen 
mochte.  In  der  vordersten  Reilie  stand  ein  bäumiger  Kerl  mit 
einem  Knüppel,  Pankraz  Meyenberg,  Kesselschmied  in  der  Neu- 
mühle. Der  Scharfschützenhauptmann  ging  auf  ihn  zu  mit  den 
Worten:  ,, Guter  Freund,  Ihr  scheint  mir  gerade  der  rechte  Mann 
zu  sein,  um  uns  ein  wenig  zu  helfen;  macht  doch,  dass  die  Leute 
zurückbleiben!"  —  ,,Ja,  wenn  es  so  gemeint  ist,"  sagte  geschmei- 
chelt der  Keulenmann,  ,,ja  wohl!  —  Zurück  da,  ihr  Leute!"  — 
Wieder  verging  eine  Stunde,  ohne  dass  etwas  geschah.  Da  ward 
es  dem  Pankraz  zu  dumm.  Er  hielt  eine  Ansprache  an  das  Volk, 
woraus  zu  entnehmen  war,  dass  man  sich  oben  an  der  Strehlgasse 
wieder  treffen  wolle.  Wirklich  fand  sich  am  bezeichneten  Ort  ein 
Haufen  dunkler  Gesellen  ein,  die  Pankraz  mit  einer  zweiten  An- 
sprache anim.ierte.  Die  Detektive  Wolfer  und  Rüegg  folgten  ihm 
auf  den  Fersen,  und  beim  Ötenbach  kamen  noch  die  uniformierten 
Polizeisoldaten  Graf  und  Gulil  dazu.  Pankraz  begrüsste  die  un- 
erwünschte Gefolgschaft:  ,, Wollt  Ihr  auch  einstehen  und  mit- 
machen?" —  ,,Das  würde  sich  für  uns  nicht  schicken,"  sagten 
die  Polizeimänner.  ,,Dann  macht,  dass  Ihr  fortkommt!"  Sofort 
waren  die  Polizisten  umringt,  bekamen  Steine  an  den  Kopf  und 


o  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  1870/71  159 

Rücken  und  flohen  das  Lindenhof gässchen  hinauf.  Gulil  zog  den 
Säbel,  Pankraz  ilim  nach  und  suchte  ilim  die  Waffe  zu  entreissen. 
Bei  dem  Ringen  verlor  Gulil  die  PoHzeimütze,  mit  der  dann  nach- 
her Pankraz  als  HäuptHng  der  Bande  stolz  sich  schm.ückte.  Stock- 
finstere Nacht;  nur  beim  Zuchthausportal  verbreitete  eine  er- 
schöpfte Laterne  einen  zweifelliaften  Schein.  Man  hörte  Pfiffe 
vom  Lindenhof,  vom  Rennweg,  von  der  Schipfe  herauf.  Das  Ge- 
sindel gab  sich  Signale,  und  es  waren  verschiedene  dabei,  die  von 
einem  früheren  Aufenthalt  im  ötenbach  her  über  die  erforderliche 
Ortskenntnis  verfügten.  Es  mochte  auf  Mitternacht  gehen,  als 
etwa  dreissig  Mann  in  den  matten  Schein  vor  dem  Zuchthaus- 
portal heraustraten  und  mit  Pflastersteinen  den  Artillerieangriff 
auf  das  in  Dunkel  und  tiefer  Stille  Hegende  Gebäude  markierten. 
Sechs  schleppten  eine  20  Fuss  lange  Gerüststange  herbei,  m.it  der 
sie  einen  Fensterladen  zertrümmerten,  aber  dann  auf  ein  Gitter 
stiessen  und  nun  gegen  das  Portal  operierten.  Scharfe  Augen 
hatten  jede  Bewegung  verfolgt.  Im  Weiberbau  lag  die  2.  Jäger- 
kompagnie des  Bataillons  29,  den  Finger  am  Drücker  des  Gewehrs. 
Zweimaliger  Trom,melwirbel  warnte  die  Stürmenden  und  mit 
lauter  Stimme  forderte  Major  Escher-Hess  aus  einem  Fenster 
auf,  den  Platz  zu  verlassen,  ansonst  geschossen  werde.  Einige 
Schüsse  an  eine  gegenüberliegende  Mauer  unterstrichen  die  War- 
nung. ,,Ihr  habt  ja  keine  Kugeln,"  höhnte  die  Sippschaft  und 
berannte  von  neuem  das  Tor.  Jetzt  folgten  gezielte  Schüsse. 
Vier  Männer  wälzten  sich  in  ihrem  Blute.  Zwei  bHeben  tot  auf  dem 
Platze,  zwei  starben  bald  nachher.  Mehrere  wurden  verwundet. 
Fritz  Bürkü  sah,  wie  man  einen  am  Brunnen  vor  dem  Rennweg- 
tore wusch.  Als  man  einen  der  Toten  in  der  Anatomie  untersuchte, 
fand  man  seine  Kleider  voll  Ungeziefer,  und  der  Mann  hatte  — 
keine  Zehen! 

Die  Lektion  der  29er  vor  dem  Zuchthaus  war  genügend.  Die 
Stürmer  Hessen  die  Gerüststange  fallen  und  flohen,  aber  nur, 
um  vor  dem  Rathaus  nochmals  mit  drohenden  Worten  und  Ge- 
bärden zu  demonstrieren  und  nach  der  Absetzung  der  Regierung 
zu  schreien.  Doch  auch  hier  bedurfte  es  nur  einiger  Revolverschüsse 
in  die  Luft  von  Oberst  Hess  und  einem  andern  Offizier,  um  die 
letzten  Radaumacher  zu  verscheuchen.  Um  halb  ein  Uhr  traf, 
vom  MiHtärdirektor  Oberst  Scherer  am  Bahnhof  empfangen  und 


i6o  XXXII.  KAPITEL,:    GRENZBESETZUNG  1870/71  o 

zum  Rathaus  geleitet,  der  eidgenössische  Kommissär  Dr.  Heer 
in  Zürich  ein.    Er  kam  post  festum ;  die  Sache  war  vorüber  .... 

Zürich  unter  dem  Schutz  der  eidgenössischen  Bajonette,  ver- 
beiständet von  einem  eidgenössischen  Kommissär!  Ein  bitteres 
und  schmerzliches  Gefühl.  Konnte  man  uns  diese  Demütigung 
nicht  ersparen  ?  So  fragte  sich  am  Sonntag  jedermann,  und  ein 
heisser  Zorn  kochte  in  der  Bürgerschaft  gegen  eine  Regierung,  die 
so  furchtsam  gewesen,  wegen  eines  Haufens  von  Strolchen  das  eid- 
genössische Aufsehen  anzurufen.  Den  Ausgangspunkt  der  ganzen 
dummen  Geschichte,  den  deutschen  Kommers,  hatte  man  schon 
fast  vergessen;  jedenfalls  aber  hatten  die  Skandale  vom  Freitag 
und  Sam_stag  mit  deutschen  Sympathien  oder  Antipathien  nicht 
das  geringste  mehr  zu  tun.  An  den  Mauern  der  Stadt  prangte  am 
Sonntag  vormittag  die  Proklamation  des  eidgenössischen  Kom- 
missärs mit  der  Mahnung  an  die  Bevölkerung,  die  Ordnung  auf- 
recht zu  halten  und  ihm  zu  ersparen,  von  den  Mitteln  der  Gewalt 
Gebrauch  zu  machen!  Man  schämte  sich  fast,  die  eidgenössische 
Vermahnung  zu  Ende  zu  lesen,  und  mit  gemischten  Gefühlen 
wohnten  am  Nachmittag  halb  6  Uhr  die  Stadtzürcher  dem  Ein- 
marsch der  beiden  St.  Galler  Bataillone  bei,  denen  von  Genf  her 
um  6 14  Uhr  die  Aargauer  und  im  Laufe  der  Nacht  die  Thurgauer 
folgten.  Eidgenössischer  Platzkommandant  war  Oberst  Trümpy. 
Am  15.  März  konnten  die  Aargauer  und  Thurgauer  wieder  ab- 
marschieren; die  St.  Galler  hatten  noch  bis  zum  18.  zu  bleiben. 

Mit  den  Internierten  wurde  nun  so  rasch  als  möglich  abge- 
fahren. Acht  Tage  lang  bot  der  Bahnhof  Zürich,  den  im  ganzen 
24,500  Mann  passierten,  ein  überaus  belebtes  Bild.  An  der  SÜil 
war  eine  eigene  Restauration  errichtet  worden,  wo  die  Franzosen 
nochmals  erquickt  wurden.  Die  letzten  Internierten  aus  dem 
Kanton  Zürich  kamen  am  19.  März  zu  Schiff  an  und  marschierten, 
die  Marseillaise  singend,  flinken  Schrittes  die  Bahnhofstrasse 
hinunter.  Den  Franzosen,  unter  denen  sich  noch  zahlreiche  Re- 
konvaleszenten befanden,  mag  es  vorgekommen  sein,  als  kämen 
sie  aus  einer  guten  warmen  Stube  heraus  beim  Verlassen  der 
Schweiz  in  Verrieres-fran<;aises,  wo  sozusagen  nichts  zu  ihrem 
Empfang  vorbereitet  war  und  sie  die  erste  Nacht  auf  heimatlichem 
Boden  wieder  in  Schnee  und  Eis  unter  freiem  Himmel  zubringen 
mussten,  um  dann  zu  Fuss  den  langen  Weg  nach  Lyon  zurückzu- 


o  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  1870/71  161 

legen.  90  Internierte  der  Stadt  Zürich  hatten  hier  in  kühler  Erde 
ihren  dauernden  Aufenthalt  gefunden.  Ihre  Landsleute  errichteten 
ihnen  auf  dem  kathoUschen  Friedhof  in  Wiedikon  ein  Denkmal, 
das  am  17.  März  1872  mit  sieben  Reden  eingeweiht  wurde.  Es 
trägt  die  Inschrift:  ,,Aux  Fran9ais  internes  morts  ä  Zürich,  vic- 
times  de  la  guerre  1870 — 1871,  leurs  compatriotes  et  amis  suisses. 
Sont  enterres  ici"  —  und  dann  folgen  51  Namen  von  den  in  Wiedi- 
kon Begrabenen.  Auf  der  Rückseite  des  Denkmals  sind  die  20 
Internierten  vom  Friedhof  Neumünster  und  die  19  vom  Friedhof 
des  Kantonsspitals  verzeichnet.  Als  der  Friedhof  im  ,,Löchli" 
Wiedikon  1910  aufgelassen  wurde,  versetzte  man  das  Franzosen- 
Denkmal  auf  den  Friedhof  Manegg. 

Der  Kantonsrat  war  von  seinem  Vizepräsidenten,  Stadt- 
schreiber Th.  Ziegler  von  Winterthur,  auf  Montag  den  13.  März 
1871  zu  einer  ausserordentHchen  Sitzung  eingeladen  worden. 
Obwohl  der  Regierungspräsident  Gottlieb  Ziegler  erklärte,  noch 
keinen  Bericht  erstatten  zu  können,  wurde  eine  Kommission  mit 
Stadtpräsident  Dr.  Sulzer  von  Winterthur  an  der  Spitze  eingesetzt 
zur  Prüfung  der  Akten  und  Berichterstattung  auf  den  folgenden 
Tag.  Vorläufig  begnügte  sich  der  Rat  damit,  auf  den  Antrag  von 
Dr.  Frey  sich  zum  Zeichen  der  Entrüstung  über  die  Vorgänge  von 
den  Sitzen  zu  erheben.  Am  14.  März  begründete  Dr.  Sulzer  fol- 
genden Antrag  der  Kommission:  „Der  Kantonsrat,  überzeugt,  dass 
der  Kanton  Zürich  fähig  ist,  die  Ordnung  in  seinem  Gebiete  mit 
eigenen  Kräften  aufrecht  zu  erhalten,  beschHesst :  Der  Regierungs- 
rat wird  beauftragt,  diese  Anschauungsweise  dem  Bundesrat  kund 
zu  tun,  mit  dem  Ansuchen,  es  solle  derselben  bei  weitern  Schluss- 
nahmen  Rechnung  getragen  werden."  In  seinen  Erläuterungen 
der  Vorgänge  bei  der  Tonhalle,  die  von  denen  beim  Zuchthaus 
total  verschieden  waren,  führte  er  die  ersteren  auf  drei  Momente 
zurück:  den  ,,Deutschenhass"  in  einem  Teil  der  Bevölkerung,  das 
Mitleid  mit  den  Franzosen  und  die  Stimulation,  welche  die  An- 
wesenheit der  Internierten  bewirkte.  Bezüglich  des  „Deutschen- 
hasses" Hess  sich  Dr.  Sulzer  nach  der  ,,N.  Z.  Z."  ungefähr  folgender- 
massen  vernehmen:  „Es  ist  eine  eigentümliche  Walirnehmung 
unter  uns,  dass,  während  wir  desselben  Stammes  sind,  dieselbe 
Sprache  sprechen  und  von  denselben  Kulturelementen  getragen 
werden,  doch  ein  so  grosser  Teil  des  Volkes  von  tiefer  Abneigung 

II 


i62  XXXII.  KAPITAL:    GRENZBI3SETZUNG  1870/71  o 

gegen  die  politische  Stellung  unseres  Nachbarreiches  erfüllt  ist  ... . 
Wenn  die   Stellung  der  Deutschen  noch  dieselbe  wie  vor  zehn 
Jahren  gewesen,  so  wäre  eine  solche  Spannung  nicht  eingetreten; 
seither  aber  sind  die  Forderungen  und  Ansichten  der  deutschen 
Nation  ganz  andere  geworden.    Sie  war  von  der  Überzeugung  er- 
füllt, dass  ihr  nicht  die  Achttmg  gezollt  würde,  auf  die  sie  An- 
spruch machen  dürfte.   Dies  hat  sie  nun  in  glänzendem  Siegeslaufe 
erreicht.    Was  heisst  aber  das,  eine  Machtstellung  ersten  Ranges 
in  Europa  erringen?    Das,  jedem  andern,  sobald  es  beliebt,  Furcht 
einzuflössen.    Wer  diese  Stellung  einnimmt,  muss  sich  nicht  wun- 
dern, dass  man  ihm  nicht  mit  Liebe  entgegenkommt.    Von  der 
Furcht  zum  Hass  ist  aber  nur  ein  kleiner  Schritt.    Wenn  daher 
in  tmserer  Bevölkerung  Befürchtungen  aufgetaucht  sind,  so  ist 
das  nichts  Unerklärliches."     Die   Ausführungen  des   Referenten 
blieben  im  Rate  nicht  ohne  lebhaften  Widerspruch.    Dr.  Alfred 
Escher  erklärte  den  Deutschenhass  als  etwas  durchaus  Verwerf- 
liches.   ,,Wenn  zwei  Nationen  miteinander  in  friedlichem  Verkehr 
leben  sollen,  so  ist  es  die  deutsche  und  die  schweizerische."    Er 
erinnerte  auch  daran,  dass  das  offizielle  Deutschland  uns  gegen- 
über stets  eine  freundliche  Stellung  eingenommen  hat.    A.  Guyer 
beantragte  geradezu,  die  deutsche  Kolonie  einzuladen,  ihre  Sieges- 
feier wann  imd  wo  immer  nochmals  abzulialten  unter  Zusicherung 
unbedingten  Schutzes.   G.  v.  Wyss  teilte  vollständig  die  Auffassung 
Alfred  Eschers.    ,, Soviel  ist  gewiss,  dass  dieser  sogenannte  Deut- 
schenhass etwas  ganz  Unverständiges  ist.    Unsere  Verwandtschaft 
mit  der  deutschen  Nation  in   Sprache  und   Sitte,   Wissenschaft 
und  Kunst  sollte  hinreichen,  uns  davor  zu  bewahren.    Seit  vierzig 
Jahren  ist  an  unsern  Unterrichtsanstalten  eine  Reilie  ausgezeich- 
neter Männer  Deutschlands  in  allen  Gebieten  der  Wissenschaft 
tätig,  rmd  bin  ich  auch  nicht  mit  jeder  Richtung,  die  sie  vertraten, 
einverstanden,  so  muss  ich  doch  sagen:  ihnen  verdankt  das  Zürich 
des  19.    Jahrhunderts  einen  guten  Teil  seines  geistigen  Lebens 
und  des  Rulimes,  den  es  beansprucht."    Andere  Redner  kritisier- 
ten aufs  schärfste  die  Regierung  und  die  beklagenswerte  eidge- 
nössische Intervention.    Alt-Regierungsrat  Dr.   Suter  beantragte 
ein  Tadelsvotum.    Widmer-Hüni  und  Reiff-Huber  ergingen  sich 
in  heftigen  Vorwürfen.    ,,Die  Intervention  anzurufen,"  sagte  der 
letztere,  ,,ist  eine  Schmach  an  unserem  MiUtär.    Es  wundert  mich 


o  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  1870/71  163 

nicht,  wenn  Soldaten  und  Offiziere  weinten  und  ihre  Degen  zer- 
brechen wollten,  als  sie  dem  eidgenössischen  Militär  Platz  machen 
sollten.  Ich  liebe  die  Eidgenossen,  aber  diesmal  wünschte  ich  sie 
zum  Teufel."  Für  diesen  Ausdruck  erhielt  der  Redner  einen  Ord- 
nungsruf. Kommandant  Hotz  beantragte  eine  allgemeine  Am- 
nestie für  die  am  Auflauf  vom  9.  März  beteiligten  Angeklagten, 
zog  dann  aber,  von  dem  allgemeinen  Gelächter  überrascht,  den 
Antrag  wieder  zurück.  Der  Kommissionsantrag  fand  einhelhge 
Annahme;  das  Tadelsvotum  von  Dr.  Suter  wurde  abgelehnt.  Der 
schriftHche  Bericht  der  Regierung  kam  erst  am  9.  Mai  zur  Behand- 
lung. Es  wurde  davon  einfach  Notiz  am  Protokoll  genommen, 
da  die  Kommission  sich  auf  irgend  einen  Antrag  nicht  hatte  einigen 
können.  Die  Kostennote  für  die  eidgenössische  Intervention  — 
62,277  Eranken  und  18  Rappen  —  hat  dann  der  Hberalen  politi- 
schen Agitation,  so  für  die  Wahlen  von  1872,  noch  verschiedentlich 
gute  Dienste  geleistet. 

Der  Tonhallekrawall  und  seine  Folgen  erzeugten  in  Zürich 
eine  so  verdriessliche  Stimmung,  dass  man  sogar  auf  das  Sechse- 
läuten  vom  27.  März  verzichtete.  Am  meisten  aber  klagten  die 
Deutschen.  Mehr  als  alles  andere  hatte  sie  die  Rede  von  Dr.  Sulzer 
im  Kantonsrat  gekränkt.  Dass  man  in  amtlicher  Stellung  von 
,,Deutschenhass"  sprechen  und  ihn  noch  halbwegs  rechtfertigen 
konnte,  war  den  Deutschen  ganz  unbegreifHch.  Mehrere  deutsche 
Professoren  haben  wegen  dieser  Rede  Sulzers  Zürich  verlassen, 
und  auch  O.  Wesendonck  verkaufte  seine  Villa  in  Enge  (die  spä- 
tere Kaiser-Villa  ,, Rietberg")  und  siedelte  nach  Dresden  über. 
Der  Philolog  und  Archäolog  Prof.  Benndorf  sagte  in  seinem  De- 
missionsgesuch vom  16.  April:  ,,Bei  der  andauernden  Stimmung, 
welche  die  hiesige  Bevölkerung  gegen  die  Deutschen  erfüllt,  und 
nach  den  bekannten  Ereignissen,  deren  Motive  im  hohen  Kantons- 
rate Verteidigung  gefunden  haben  und  für  welche  der  hohe  Re- 
gierungsrat eine  wiederholt  erbetene  Genugtuung  durch  eine  ver- 
söhnliche Erklärung  den  hier  anwesenden  Deutschen  zu  geben  ab- 
gelehnt hat,  ist  es  mir  zur  innerlichen  UnmögHchkeit  geworden, 
meine  Stelle  an  der  Universität  länger  zu  bekleiden."  Auf  die 
Adresse  der  437  deutschfreundlichen  Stadtzürcher  antwortete 
das  deutsche  Komitee  in  der  Presse  mit  einer  Kundgebung  vom 
30.  März,  worin  es  heisst:  ,,Wir  bedauern  nur,  dass  die  von  Ihnen 


164  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  1870/71  o 

kundgegebenen  S3^mpathischen  Anschauungen  seitens  der  obersten 
Behörde  nicht  geteilt  oder  doch  nicht  zu  bestimmterem  Ausdruck 
gebracht  worden  sind.  Es  musste  uns  mit  Befremden  erfüllen, 
dass  der  hohe  Regierungsrat  sich  damit  begnügt,  auf  die  einmütige 
Manifestation  des  hohen  Kantonsrates  vom  13.  hinzuweisen  und 
dieser  Erklärung  der  obersten  Landesbehörde  seinerseits  beizu- 
pflichten, —  denn  wir  vermögen  in  dem  vom  h.  Kantonsrate  durch 
gemeinsames  Aufstehen  ausgesprochenen  , tiefen  Bedauern'  und 
der  Entrüstung  über  die  letzten  tumultuarischen  Vorgänge  doch 
kaum  etwas  weiteres  als  eine  allgemeine  MissbilHgung  der  die 
Republik  Zürich  betreffenden  Gesetzesverletzungen  zu  erbHcken. 
Weder  bei  diesem  Akte,  noch  überhaupt  sonst  in  irgend  einer  offi- 
ziellen Äusserung  ist  der  Deutschen  oder  der  Beleidigungen,  welche 
sie  als  Deutsche  erfahren,  auch  nur  mit  einem  Worte  Erwähnung 
getan  worden,  vielmehr  geschah  es  im  Schosse  der  obersten  Landes- 
vertretung, dass  in  fast  offizieller  Weise  der  in  der  Schweiz  ver- 
breitete .Deutschenliass'  verteidigt  und  gegen  erhobene  Einsprache 
nachdrückHch  in  Schutz  genommen  wurde."  An  der  Hochschul- 
feier am  29.  April,  bei  welcher  das  Bankett  ausfiel,  klagte  der 
Rektor  Professor  Gusserow:  ,,Noch  ist  nicht  von  mir  und  einem 
grossen  Teil  meiner  Kollegen  das  Wort  genommen,  das  in  der 
höchsten  Behörde  dieses  Landes  ausgesprochen  wurde,  dass  wir 
als  Deutsche  verhasst  seien,  verhasst  in  dem  Gemeinwesen,  dem 
wir  unsere  besten  Kräfte  in  ehrhcher  Arbeit  gewidmet." 

Es  musste  erwartet  werden,  dass  die  Zürcher  Vorfälle  der 
deutschen  Presse  neuen  Anlass  bieten  würden,  sich  intensiv  mit 
der  Schweiz  zu  beschäftigen.  Ein  wahrer  Platzregen  von  Leit- 
artikeln über  den  ,,Deutschenhass  in  der  Schweiz"  ergoss  sich 
auf  unser  unglückHches  Land,  und  diesmal  machten  auch  die 
grossen  Blätter  Chorus  mit  den  andern.  Die  ,, Karlsruher  Zeitung" 
meinte,  durch  die  Rede  von  Dr.  Sulzer  habe  die  Affäre  pohtische 
Bedeutung  erlangt,  und  die  ,, Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung" 
Hess  sich  vernehmen:  ,,Den  ,Deutschenhass'  findet  Herr  Sulzer 
gerechtfertigt  in  der  Schweiz,  die  über  den  ganzen  Krieg  deutscher- 
seits aufs  lo3'alste  behandelt  wurde,  trotzdem  ihre  Presse  die  gute 
deutsche  Sache  systematisch  verleumdete!  Den  Deutschenhass 
rechtfertigen,  vollends  in  der  deutschen  Schweiz,  die  so  sehr  auf 
die  gute  Nachbarschaft  angewiesen  ist,  dass  sie  heute  ihre  samt- 


o  XXXII.  KAPITEL:    GRBNZBESETZUNG  1870/71  165 

liehen  höheren  Bildungsanstalten,  ilire  Hochschulen,  Polytechni- 
kum, Theater,  Konzerte  und  so  manche  Werkstätten  schliessen 
müsste,  wenn  ilir  die  Deutschen  den  Rücken  kehrten,  —  ist  ein  so 
bodenlos  verrücktes  Unterfangen,  dass  nur  der  Dr.  Sulzer  es  wagen 
konnte."  —  Die  deutschen  Herzensergiessungen  wollten  kein 
Ende  nehmen.  —  ,,Es  sollte  uns  wundern,"  schrieb  am  20.  April 
die  ,,N.  Z.  Z.",  ,,wenn  zur  Stunde  nicht  jeder  regelrechte  deutsche 
Quartaner  mit  dem  gleichen  dankbaren  Stoffe  beschäftigt  wäre  .... 
Eine  Menge  deutscher  Zeitungen  und  Wochenschriften  haben  sich 
mit  der  genauesten  Prüfung  von  Herz  und  Nieren  unseres  Landes 
befasst  und  gar  wenig  Gutes  dabei  herausgebracht;  so  ziemlich 
alle  sind  sie  darüber  einig,  dass  sehr  vieles  faul  sei  im  Staate  Däne- 
mark, und  auch  an  solchen  fehlt  es  nicht,  welche  auf  die  Frage 
der  Fortexistenz  der  Schweiz  ihre  schwarze  Kugel  bereits  abge- 
geben haben  ..."  Leider  wurde  die  Hetze  noch  von  Zürich  aus 
geschürt,  von  Deutschen,  die  sich  über  angeblich  geflissenthche 
Verschleppung  der  gerichtHchen  Untersuchung  beklagten,  imd  nicht 
fehlen  durfte  auch  in  der  „Augsburger  Allgemeinen  Zeitung"  der 
,, geborene  Schweizer",  der  in  dem  deutschen  Blatte  über  unsern 
tiefen  Fall  weinerlich  Busse  tat.  Doch  schliesslich,  nachdem  sich 
aus  den  Fenstern  des  deutschen  Zeitungshimmels  vierzig  Tage  und 
vierzig  Nächte  lang  die  Flut  über  den  sündHchen  Hass  der  Schweiz, 
insbesondere  Zürichs  gegen  Deutschland  ergossen  hatte,  ,,also  dass 
bereits  die  fünfzehn  Ellen  des  Wasserstandes  über  allen  Schweizer- 
bergen erreicht  sein  mochten"  (,,N.  Z.  Z."),  war  doch  ein  Abnehmen 
zu  verspüren,  und  das  Beste  dazu  tat  dann  wiederum  ein  Deutscher 
in  Zürich,  der  seinen  Landsleuten  durch  die  ,, Augsburger  Allge- 
meine" sagte:  ,,Nun  aber  höre  man  endlich  in  Deutschland  auf, 
unsere  Lage  als  entsetzlich  und  unerträghch  darzustellen,  dadurch 
die  Schweizer  unverdienterweise  zu  verletzen  und  unserer  Stellung, 
sowie  dem  Wohle  unserer  Lehranstalten  dadurch  wirklich  zu  scha- 
den. Es  ist  nicht  so  schHmm.  Viele  von  uns  haben  von  Anfang  an 
den  Humor  nicht  verloren,  und  diejenigen,  welche  früher  etwas  stark 
erregt  waren,  sind  fast  sämtUch  längst  wieder  beruhigt,  da  sie  sehen, 
dass  die  besseren  Kreise  dem  Treiben  durchaus  fern  standen  und  es 
verurteilten,  und  dass  die  eidgenössische  Justiz  kein  leeres  Wort  ist." 
Das  gerichtHche  Nachspiel  zimi  Tonhallekrawall  vollzog  sich 
in   zwei   Akten.     Schauplatz   war  beidemal  der  Kantonsratssaal, 


i66  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBESETZUNG  1870/71  o 

zuerst  für  die  kriegsgerichtlichen  Verhandlungen  vom  13.  und 
14.  April  1871,  bei  denen  vier  französische  Offiziere  zu  je  drei 
Monaten  Gefängnis,  Kosten  und  Entschädigungen  verurteilt  wur- 
den, und  dann  für  die  Eidgenössischen  Assisen  vom  30.  Mai  bis 
7.  Juni  1871,  vor  deren  Schranken  41  Angeklagte  zu  erscheinen 
hatten.  In  seinem  Plaido^-er  führte  der  zum  Bundesanwalt  be- 
stellte Fürsprech  J.  Weber  von  Lenzburg  u.  a.  aus:  ,,Ich  fühle 
gegenüber  unserem  Lande  die  heiHge  Pflicht,  hier  laut  und  ener- 
gisch zu  protestieren  gegen  alle  jene  unwahren  und  unlautern 
Beweggründe,  die  jenen  Vorfällen  schon  haben  unterschoben  wer- 
den wollen,  namenthch  feierlichen  Protest  einzulegen  gegen  die 
Zutat,  als  ob  dem  Schweizer\^olke  oder  auch  nur  dem  kleinsten 
Teile  desselben  das  HässHchste,  das  eines  Menschen  und  speziell 
eines  freien  Volkes  Unwürdigste  anklebe:  der  NationaHtätenhass. 
Nein,  meine  Herren !  Der  Absolutismus  allein  kann  den  Nationah- 
tätenhass  für  seine  Zwecke  erzeugen  und  gebrauchen;  auf  dem 
freien  Boden  gemeiner  schweizerischer  Eidgenossenschaft  wächst 
diese  Pflanze  nicht  und  wird  nicht  wachsen,  sogar  wenn  man  sie 
mit  Gewalt  importieren  wollte.  Das  Land,  das  seit  Jahrhunderten 
allen  KationaUtäten  die  Türe  geöffnet,  weiss  nichts  von  Völker- 
hass!"  Unter  Berufung  auf  zahlreiche  Zeugenaussagen  legte  der 
Bundesanwalt  dar,  dass  die  in  Arbeiterkreisen  bestehenden  Anti- 
pathien gegen  die  Deutschen  mit  politischen  Erwägungen  nichts 
zu  schaffen  haben.  ,,Aber  wenn  sich  der  Arbeiter  durch  den  Deut- 
schen vielleicht  aus  der  Werkstatt  hinausgedrängt  sieht,  weil 
dieser  besser  und  billiger  arbeitet,  wenn  er  sich  durch  ihn  in  seinen 
ökonomischen  Interessen,  in  seinem  täglichen  Brotverdienste  ver- 
letzt imd  geschädigt  fühlt,  —  das  bleibt  sitzen,  das  pflanzt  einen 
Groll,  der  allerdings  bei  geeignetem  Anlass  zu  Überschreitungen 
führen  kann."  Unter  den  Verurteilten  befand  sich  auch  Pankraz 
Meyenberg.  Er  erhielt  9  Monate  Gefängnis.  Zwei  Jahre  darauf 
hat  Me^^enberg  auf  dem  Milchbuck  bei  Zürich  einen  jungen  bay- 
rischen Schlossergesellen  umgebracht  vmd  ist  dann  zu  lebensläng- 
lichem Zuchthaus  verurteilt  worden. 

Es  war  wie  ein  ,, Nachbeben"  zu  den  grossen  Erschütterungen 
des  Jahres  1871,  als  im  folgenden  Jahre  über  der  Frage  , .Deutsch- 
land und  die  Schweiz"  nochmals  eine  heftige  Diskussion  ent- 
stand, hervorgerufen  durch  keinen  Geringern  als  unsern  vortreff- 


o  XXXII.  KAPITEL:    GRENZBBSETZUNG  1870/71  167 

liehen  Staatssehreiber  Dr.  Gottfried  Keller.  Professor  Gusserow 
ging  weg  —  er  folgte  einem  Ruf  nach  Strassburg  — ,  und  am 
Abschiedsbankett  entbot  ihm  der  Staatsschreiber  beim  perlenden 
Champagner  den  Scheidegruss  und  trug  ilim  auf,  den  alten  Ver- 
bündeten der  Schweizer,  den  Strassburgern,  zu  sagen,  sie  sollten 
sich  nicht  zu  sehr  grämen,  dass  sie  zum  Deutschen  Reiche  zurück- 
gebracht worden  seien.  Wenn  das  Deutsche  Reich  sich  so  entfalte, 
dass  es  Staatsformen  der  verschiedensten  Art,  also  auch  die  der 
Schweiz,  in  sich  aufnehmen  und  ertragen  könnte,  so  dürfte  — 
aber  nur  dann!  —  auch  an  uns  Schweizer  der  Gedanke  heran- 
treten, wieder  zu  Kaiser  und  Reich  zurückzukehren.  Wann  aber 
das  geschehen  werde,  sei  nicht  zu  berechnen ;  es  könne  Jahrhunderte, 
es  könne  aber  auch  bloss  Jahrzehnte  anstehen.  —  Es  war  das  eine 
regelrechte  Entgleisung  des  Meisters  Gottfried,  doch  ist  der  Ort 
und  die  Stunde  zu  bedenken,  und  in  Zürich  war  man  sich  nach 
der  ersten  Überraschung  bald  darüber  klar,  wie  absurd  es  wäre, 
einem  Manne  mangelnden  Patriotismus  vorzuwerfen,  der  mit 
seinem  ganzen  Wesen  in  der  Heimat  wurzelte  und  mit  seinen 
Dichtungen  für  Heimathebe  und  Schweizersinn  mehr  getan  hat 
als   Generationen  schweizerischer   vStaatsmänner. 


♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»»♦»»♦»♦»♦»♦♦♦♦♦♦♦»♦»♦< 

DREIUNDDREISSIGSTES  KAPITEL 


DER  LETZTE  ANTISTES 

Neben  dem  ,,  Grünen  Schloss"  am  Zwingliplatz  steht  das  alte 
Pfarrhaus  zum  Grossmünster.  Nach  der  Gedenktafel  an 
seiner  breiten  Fassade  war  es  vor  der  Reformation  Amtswohnung 
des  Kustos  der  Propstei,  seit  1536  des  Antistes  der  zürcherischen 
Kirche  Heinrich  BulHnger  und  seiner  Nachfolger  bis  1833.  Aber 
auch  der  22.  imd  letzte  in  der  ehrwürdigen  Reihe  der  zürcherischen 
Antistes  seit  ZwingU,  Diethelm  Georg  Finsler,  wohnte  wieder  in 
diesem  Pfarrhause.  Vorausgegangen  waren  ihm  als  Antistes  im 
Laufe  des  letzten  Jahrhunderts:  Hans  Jakob  Hess,  Diakon  am 
Fratmiünster  und  dann  Pfarrer  am  Grossmünster,  zum  Antistes 
gewählt  am  9.  Februar  1795,  t  29.  Mai  1828;  Georg  Gessner, 
Pfarrer  am  Fraumünster  und  dann  am  Grossmünster,  gewählt 
am  18.  Juni  1828,  zurückgetreten  am  26.  September  1837;  Hans 
Jakob  FüssH,  Pfarrer  am  Neimiünster,  gewählt  am  19.  Dezember 
1837,  vom  Grossen  Rat  am  20.  Dezember  1849  nicht  mehr  be- 
stätigt und  ersetzt  durch  Pfarrer  Faesi  zu  St.  Peter,  der  aber  die 
Walil  ablehnte;  Hans  Jakob  Brunner,  Pfarrer  in  Regensdorf  imd 
dann  am  St.  Peter,  gewählt  am  24.  Mai  1850,  zurückgetreten  am 
2.  Oktober  1866. 

Antistes  D.  G.  Finsler  ist  geboren  am  24.  Dezember  1819  im 
Haus  zum  ,, gelben  Ring"  im  Kratzquartier.  Sein  Vater,  Johann 
Georg  Finsler,  geb.  1793,  war  Pfarrer  der  Gemeinde  Wipkingen, 
die  damals  noch  als  Filiale  des  Grossmünsters  kein  eigenes  Pfarr- 
haus besass,  weshalb  ihre  GeistHchen  meist  in  der  Stadt  wohnten. 
Pfarrer  J.  G.  Finsler  Hess  sich  im  Jahre  1823  nach  Wangen  wählen 
und  wurde  1830  Dekan  des  Kapitels  Uster,  1838  Mitglied  des 
Kirchenrates.  Er  war  eine  Zierde  seines  Standes  und  einer  der 
begabtesten  und  tüchtigsten  GeistHchen  des  Kantons;  von  ihm 
stammt  u.  a.  ein  trefflicher  Katechismus,  welcher  Jahrzehnte 
hindurch  im  Gebrauch  stand.  Es  war  ein  herber  Verlust  für  die 
zürcherische  Landeskirche,  als  der  ausgezeichnete  Mann  im  kräf- 


'Diefßefm  Qeorg  Tinsfer 

Cä>nfisfes 


o  XXXIII.  KAPITEL:   DER  LETZTE  ANTISTES  169 

tigsten  Alter  1839  durch  den  Tod  hinweggerafft  wurde.  Die 
Gattin  (f  1879),  eine  Tochter  des  Antistes  Gessner  und  als 
solche  Enkelin  Lavaters,  siedelte  mit  der  Familie  wieder  nach 
Zürich  über.  Hier  besuchte  Diethelm  Georg  Finsler,  der  in  Wangen 
überaus  glückhche  Jugendjahre  verlebt  hatte,  das  Gymnasium 
und  als  Studiosus  der  Theologie  die  Universität,  wo  ihn  besonders 
Alexander  Schweizer  und  Ferdinand  Hitzig  fesselten.  Er  bestand 
1842  die  theologische  Prüfung  und  wurde  ordiniert,  bezog  aber 
dann  noch  für  zwei  Semester  die  Universität  Bonn  und  hörte 
dort  u.  a.  den  greisen  Ernst  Moritz  Arndt  und  Gottfried  Kinkel. 
Bestimmend  aber  für  seine  theologische  Richtung  war  der  Ein- 
fluss  des  Vermittlungstheologen  Karl  Immanuel  Nitzsch.  Den 
Abschluss  der  Studienjahre  bildete  eine  Reise  durch  Holland  und 
einen  grossen  Teil  von  Deutschland. 

In  die  Heimat  zurückgekehrt,  fand  Finsler  ein  lohnendes 
Arbeitsfeld  als  Vikar  des  Antistes  FüssH  am  Neumünster.  Volle 
sechs  Jahre  hindurch  versah  Finsler  dieses  arbeitsreiche  Amt, 
das  für  ilm  eine  vortreffhche  Schule  und  Vorbereitung  auf  die 
spätere  Wirksamkeit  in  der  Stadt  geworden  ist.  1849  wurde 
Finsler  zum  Pfarrer  der  kleinen  Landgemeinde  Berg  am  Irchel 
gewählt  und  trat  im  Februar  1850  diese  Stelle  an,  nachdem  er 
noch  zuvor  den  Ehebund  geschlossen  hatte  mit  Elisabetha  Zeller 
von  Zürich  (f  20.  September  1894).  Der  Ruf  nach  dem  idyllischen 
Dorfe  mit  seinen  600  Einwohnern  hatte  Finsler  besonders  gelockt, 
weil  dort  das  Pfarramt  Müsse  liess  zu  intensiver  theologischer 
Fortbildung  und  fruchtbarer  literarischer  Tätigkeit.  Nach  beiden 
Richtungen  hat  Finsler  die  köstlichen  Jahre  von  Berg  voll  aus- 
genützt, ohne  jedoch  im  geringsten  die  eigene  Gemeinde  zu  ver- 
nachlässigen. Er  selber  nannte  später  die  Wirksamkeit  in  Berg 
die  glückhchste  Zeit  seines  Lebens,  und  das  grösste  KompHment 
für  den  gelehrten  Pfarrherrn  war  es,  als  eine  Bäuerin  ihm  sagte, 
man  könne  mit  ihm  so  gut  reden,  wie  wenn  er  selber  ein  Bauer 
wäre.  Finsler  wurde  ein  eifriger  Mitarbeiter  am  ,, Kirchenblatt  für 
die  reformierte  Schweiz";  er  verfasste  die  Biographien  von  An- 
tistes FüssH  und  Antistes  Gessner,  seinem  Grossvater,  und  gab 
1854  ein  grundlegendes  Werk  „KirchHche  Statistik  der  reformierten 
Schweiz"  heraus,  an  dem  er  nahezu  fünf  Jahre  gearbeitet  hatte. 
Im  ersten   grössern   Teil  dieses  Werkes  werden  die   kirchlichen 


I/o 


XXXIII.  KAPITEL:   DER  LETZTE  ANTISTES 


Verhältnisse  eines  jeden  der  evangelischen  Kantone,  das  gottes- 
dienstliche Leben,  die  Verfassung,  das  Sektenwesen  usw.  auf 
Grund  eines  sorgfältigen  Detailstudiums  eingehend  dargestellt;  im 
zweiten  wird  unter  dem  bescheidenen  Titel  einer  vergleichenden 
Übersicht  eine  zusammenfassende  Geschichte  der  kirchlichen  Ver- 
fassung und  des  Kultus  der  evangelischen  Schweiz  seit  der  Refor- 
mation gegeben,  so  dass  die  Schrift  noch  immer  für  die  Kenntnis 
unserer  vaterländisch-kirchlichen  Entwicklung  eine  der  wichtigsten 
Fundgruben  bleibt.  Für  dieses  Werk  verHeh  dem  Verfasser  die 
Universität  Basel  bei  üirem  40oiährigen  Jubiläum  im  Jahre  1860 
die  Würde  des  Doctor  honoris  causa. 

Es  konnte  nicht  fehlen,  dass  die  Aufm.erksamkeit  der  kirch- 
lichen Kreise  und  der  Behörden  schon  recht  bald  auf  den  talent- 
vollen Pfarrer  von  Berg  gerichtet  wurde.  1856  erfolgte  seine  Wahl 
zum  Mitglied  des  Kirchenrates,  und  als  1866  Antistes  Brimner 
zurücktrat,  ernannte  der  Grosse  Rat  zu  dessen  Nachfolger  am 
30.  Oktober  1866  den  Pfarrer  und  KÜrchenrat  Finsler.  ,,Der  An- 
tistes," so  bestimmt  §  11  des  Kirchengesetzes  vom  20.  August 
1861,  ,,ist  der  Vorsteher  der  evangehsch-reformierten  Geisthchen 
des  Kantons  und  von  Amtes  wegen  Präsident  der  Synode  und 
des  KÜrchenrates."  Für  dieses  Amt  war  Finsler  wie  geschaffen. 
Er  war  der  T3^pus  des  evangehschen  ,, Kirchenfürsten"  schon 
nach  seiner  äussern,  würdigen  und  imponierenden  Erscheinung, 
noch  mehr  aber  durch  seine  hervorragende  Begabung,  die  wissen- 
schaftHche  Tiefe,  die  überlegene  Klugheit  und  das  feine  diplo- 
matische Geschick,  das  ihn  in  so  manchen  schwierigen  Fällen  die 
seinem  konzilianten  Wesen  entsprechende  Vermittlung  glückhch 
finden  Hess.  Es  mögen  unter  den  Antistes  der  zürcherischen 
Landeskirche  nur  wenige  gewesen  sein,  die  den  letzten  Inhaber 
dieses  Amtes  an  geistiger  Bedeutung  überragten. 

Die  Wahl  zum  Antistes  liess  es  Finsler  wünschbar  erscheinen, 
seinen  Wohnsitz  wiederum  in  die  Nähe  der  Stadt  zu  verlegen. 
Noch  im  Jahre  1866  erfolgte  seine  Berufung  an  die  Kirche  Wip- 
kingen,  wo  schon  sein  Vater  gewirkt  hatte,  und  1867  fand  die 
Übersiedlung  statt.  Es  war  dies  aber  nur  ein  Provisorium.  Nach 
altem  Brauch  gehörte  der  Antistes  an  die  Hauptkirche  der  Stadt, 
und  als  im  Jahre  1871  der  hervorragende  Grossmünsterpfarrer 
Professor  Alexander  Schweizer  seinen  Rücktritt  nahm,  wurde  am 


o  XXXIII.  KAPITEL:  DER  LETZTE  ANTISTES  171 

19.  März  1871  Antistes  Finsler  zu  seinem  Nachfolger  gewählt.  Am 
gleichen  Tage  wählte  die  Grossmünstergemeinde  zum  zweiten 
Pfarrer  den  seit  1867  an  der  Kirche  wirkenden  Vikar  Ludwig 
Heinrich  Pestalozzi  (geb.  21.  November  1842,  t  28.  September 
1909),  Sohn  von  R.  A.  Pestalozzi-Wiser  am  Münsterhof  (f  3.  Fe- 
bruar 1895).  In  schönem  brüderlichem  Einvernehmen  haben 
trotz  mancher  Verschiedenheiten  des  Wesens  die  beiden  Geist- 
lichen am  Grossmünster  27  Jahre  hindurch  miteinander  gearbeitet. 
Ludwig  Pestalozzi  gehörte  der  streng-positiven  Richtung  an.  Sein 
Ideal  war  ein  ,,irenisches"  Christentum,  das  allen  konfessionellen 
Differenzen  möglichst  aus  dem  Wege  zu  gehen  und  die  Einheit  des 
Geistes  mit  der  christlichen  Gesamtkirche  anzustreben  sich  be- 
mühte, wogegen  Finsler  jederzeit  mit  Nachdruck  an  der  Zwingli- 
kirche  die  Traditionen  ZwingUs  hochhielt  und  noch  in  seinem 
letzten  Hirtenbrief  gegen  die  römische  Propaganda  seine  war- 
nende Stimme  erhob.  Sehr  verschieden  waren  auch  die  ausser- 
amtHchen  Arbeitsgebiete  der  beiden  Grossmünsterpfarrer.  Finsler 
stand  als  Antistes  im  Mittelpunkt  der  kirchlichen  Interessen  und 
nahm  in  der  kirchHchen  Presse  und  Literatur  eine  führende  Stellung 
ein,  beteiligte  sich  aber  auch  als  MitgUed  des  Verfassungsrats  und 
des  Kantonsrates  (von  Anfang  der  Sechzigerjahre  bis  1896)  mit 
regem  Eifer  am  staatlichen  und  politischen  Leben;  er  vertrat  im 
Kantonsrat  mit  Würde  und  Geschick  seine  Kirche  und  als  ge- 
wandter Redner  verstand  er  es  namentlich,  die  Behandlim.g  des 
Kirchengesetzes  auf  eine  höhere  Stufe  zu  heben.  Pestalozzi  jedoch 
wurde  schon  durch  seine  ausgeprägt  konservative  Gesinnung  von 
der  aktiven  PoHtik  ferngehalten;  er  führte  seine  eigene  und  un- 
abhängige Kirchenpolitik  in  dem  von  ihm  geistreich  und  originell 
redigierten  ,,EvangeHschen  Wochenblatt",  das  nach  seinem  Hin- 
schied, mit  dem  Schluss  des  50.  Jahrganges  1909,  eingehen  musste, 
weil  die  PersönHchkeit  Pestalozzis,  atif  die  das  Blatt  vollständig 
zugeschnitten  war,  nicht  ersetzt  werden  konnte.  Die  Sorge  und 
Arbeit  Pestalozzis  galt  vornehmHch  der  EvangeHschen  Gesell- 
schaft imd  ihren  Werken  und  Anstalten,  insbesondere  aber  dem 
Evangelischen  Seminar,  dem  er  jahrzehntelang  als  Präsident  des 
Komitees  vorstand. 

Antistes  Finsler  hat  auf  die  Gestaltung  des  kirchlichen  Lebens 
im  Kanton  Zürich  und  über  seine  Grenzen  hinaus  einen  grossen 


172  XXXIII.  KAPITEL:   DER  LETZTE  ANTISTES  o 

Einfluss  ausgeübt.  Er  besass  einen  klaren  Blick  für  die  Erforder- 
nisse einer  fortgeschrittenen  Zeit  und  auch  den  nötigen  Mut, 
neue  Wege  entschlossen  zu  beschreiten.  In  den  ersten  Jahren 
seiner  Amtstätigkeit  hatte  er  die  schwierige  Hturgisclie  Frage  zur 
Erledigung  zu  bringen.  In  der  Synode  von  1868,  die  darüber  zu 
beschliessen  hatte,  beantragte  er  die  Einführung  einer  zweiteiligen 
Liturgie,  deren  Formulare  den  Anforderungen  beider  Richtungen 
für  alle  Anlässe,  auch  die  Sakramentsverwaltung,  entsprechen 
sollten,  wobei  für  diejenigen  der  Reformrichtung  namentlich  die 
Weglassung  des  ApostoUkums  bei  Taufe  und  Abendmahl  in  Be- 
tracht kam.  Er  bestritt,  dass  mit  dieser  Zweiteihgkeit  ein  Ja  und 
ein  Nein  ausgesprochen  werde,  da  in  beiden  Formen  das  Wesent- 
liche der  christhchen  Lehre  enthalten  sei,  beide  mithin  auch  von 
den  positiven  GeistHchen  gebraucht  werden  könnten,  und  empfahl 
der  Synode  die  Annahme  als  den  einzigen  Weg,  um  aus  der  herr- 
schenden Anarchie  wieder  zu  einer  gewissen  Ordnung  und  Einheit 
innerhalb  der  Landeskirche  zu  gelangen.  Er  fand  zwar  im  Kreis 
der  Synode  heftigen  Widerspruch,  aber  schHessHch  wurde  das 
vorgelegte  Kirchenbuch  doch  von  der  Mehrheit  dem  Grossen  Rat 
zur  Einführung  empfohlen  und  damit  dem  Grundsatz  der  Gleich- 
berechtigung der  beiden  Richtungen  die  kirchhche  Sanktion 
erteilt.  Jahrzehntelanger  Bemühungen  bedurfte  es,  um  eine  zeit- 
gemässe  Reorganisation  der  Landeskirche  in  die  Wege  zu  leiten 
und  durchzuführen.  Nachdem  schon  1830  und  1850  die  Ab- 
schaffung der  reinen  GeistHchkeitssynode  und  die  Einführung 
einer  gemischten  Volkssynode  als  Grundlage  einer  neuen  Or- 
ganisation vergebUch  versucht  worden  war,  stellte  Finsler  1864 
eine  dahin  zielende  Motion  —  mit  demselben  negativen  Ergebnis. 
Nach  Annahme  der  neuen  kantonalen  Verfassung  vom  Jahre  1869 
machte  sich  die  Revisionsbedürftigkeit  des  Kirchengesetzes  von 
1861,  einer  Schöpfung  des  Repräsentativstaates,  doppelt  fühlbar, 
allein  die  unter  Finslers  Leitung  in  den  Jahren  1871,  1873,  1883 
und  1893  unternommenen  Anläufe  der  Sjmode  fülirten  wiederum 
zu  keinem  Resultat.  Erst  am  3.  November  1895  hat  dann  endlich 
das  Volk  ein  Gesetz  betreffend  die  Kirchensynode  imd  die  Wahl- 
art des  Kirchenrates  angenommen,  das  die  gemischte  oder  Volks- 
synode von  Laien  und  Geistlichen  einführte  und  das  Amt  des 
Antistes  abschaffte.    Die  gemischte  Synode  wurde  erstmals  am 


O 


o  XXXIII.  KAPITEL:  DER  LETZTE  ANTISTES  173 

26.  April  1896  gewählt,  und  es  ging  im  I.  Kreis  der  Stadt  Zürich 
Antistes  Finsler  als  Erstgewählter  mit  der  höchsten  Stimmenzahl 
aus  der  Urne  hervor.  Am  9.  Juni  sprach  ihm  in  ihrer  konsti- 
tuierenden Sitzung  die  neue  Synode,  die  er  als  ältestes  Mitglied 
zu  eröffnen  hatte,  den  einmütigen  wärmsten  Dank  aus  für  die 
ausgezeichnete  Leitung  der  zürcherischen  Kirche  während  dreier 
Jahrzehnte  und  wählte  ilm  mit  allen  gegen  seine  eigene  Stimme 
zum  ersten  Mitglied  des  Kirchenrates.  Die  erste  Aufgabe  der 
neuen  Synode  war  die  Ausarbeitung  des  Kirchengesetzes  zu- 
handen des  Kantonsrates.  Sie  beauftragte  damit  den  Kirchen- 
rat, und  dessen  Entwurf,  der  in  der  Hauptsache  das  Werk  Finslers 
war,  wurde  sodann  durchberaten  und  am  23.  Juni  1899  als  Ini- 
tiativvorschlag dem  Kantonsrat  eingereicht.  Da  der  kantonsrät- 
liche  Gegenvorschlag  vom  24.  März  1902  nur  wenige  Änderungen 
enthielt,  zog  die  Synode  zu  seinen  Gunsten  am  30.  April  1902 
ihren  Initiativvorschlag  zurück,  worauf  das  Volk  am  26.  Oktober 
1902  mit  grossem  Mehr  das  neue  Kirchengesetz  annahm.  Die  auf 
Grund  desselben  von  der  Synode  ausgearbeitete  neue  Kirchen- 
ordnung trat  1904  in  Kraft.  Finsler  hat  die  Vollendung  des 
Werkes  nicht  mehr  erlebt;  dennoch  trug  dasselbe  die  unverwisch- 
baren Spuren  seines  Geistes. 

Von  1862  bis  1895  war  Finsler  Mitglied,  seit  1872  Präsident 
der  Prüfungsbehörde  des  theologischen  Konkordats;  er  war  Mit- 
glied der  Abgeordnetenversammlung  der  reformierten  Kirchen- 
behörden, als  deren  erste  Frucht  die  Erhebung  des  Karfreitags 
zum  allgemeinen  kirchhchen  Feiertag  im  Jahre  1858  zu  betrachten 
ist.  Finsler  hat  sich  auch  grosse  Verdienste  um  die  Schaffung  und 
Einführung  des  neuen  Kirchengesangbuches  in  acht  deutsch- 
schweizerischen Kantonen  erworben.  Er  leitete  viele  Jahre  als 
Präsident  die  aus  Vermittlungstheologen  bestehende  ,, Schweize- 
rische Kirchengesellschaft"  und  war  auch  Präsident  des  pro- 
testantisch-kirchlichen Hülfsvereins  im  Kanton  Zürich.  Von  seinen 
Hterarischen  Erzeugnissen  verdient  besonders  hervorgehoben  zu 
werden  die  ,, Geschichte  der  theologisch-kirchhchen  Entwicklung 
in  der  deutsch-reformierten  Schweiz  seit  den  dreissiger  Jahren" 
(1881),  ein  wertvolles  kulturhistorisches  Opus  ,, Zürich  in  der 
zweiten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts"  (1884)  und  die  letzte  Arbeit, 
eine    ,,  Geschichte    der   zürcherischen    Hülfsgesellschaft    1799    bis 


174  XXXIII.  KAPITEL:  DER  LETZTE  ANTISTES  o 

1899".  Im  Kantonsrat  hat  Finsler  eine  sehr  geachtete  Stellung 
eingenommen  und  sich  öfters  durch  unabhängige  Gesinnung  her- 
vorgetan; so  gehörte  er  auch  zu  den  fünf  einzigen  Stadtzürchern, 
welche  der  Stadt\^ereinigung  beipfHchteten.  Was  er  auf  dem 
Gebiete  des  Armenwesens  geleistet,  das  bezeugt  die  grossartige 
Tätigkeit  des  „FreiwiUigen  Armenvereins",  dessen  Schöpfer  er  im 
Jahr  1879  gewesen.  Der  Verein  hat  sich  nach  der  Stadt\^ereinigung 
zur  ,, Freiwilligen  und  Einwohner-Armenpflege"  erweitert,  und 
Finsler  war  bis  an  sein  Ende  ihr  Präsident. 

In  der  EÜrche  und  auf  der  Kanzel  Zwinghs  zu  wirken,  das  war 
für  den  Antistes  Finsler  stets  ein  erhebender  Gedanke,  und  er  hat 
getan,  was  in  seinen  Kräften  stand,  um  im  Volk  das  Verständnis 
für  das  Werk  des  grossen  Reformators  und  zugleich  seine  pietät- 
volle Verehnmg  zu  mehren.  Er  hat  es  zustandegebracht,  dass  im 
Jahre  1884  der  400jährige  Geburtstag  Zwinghs  festhch  begangen 
wurde,  und  er  hat  in  einem  vortrefflichen  kleinen  Schriftchen  sein 
Lebensbild  dem  Volke  wieder  vorgeführt.  Antistes  Finsler  ist  es 
auch,  dem  Zürich  sein  ZwingHdenkmal  zu  verdanken  hat.  Aller- 
dings ist  die  erste  Anregung  dazu  nicht  von  ihm  ausgegangen, 
sondern  von  Pfarrer  Heinrich  Lang  am  St.  Peter,  aber  Finsler 
hat  den  Gedanken  freudig  aufgegriffen  und  in  zäher,  unermüd- 
hcher,  dreizehnjähriger  Arbeit  zur  Verwdrkhchung  gebracht. 
Finsler  hat  am  17.  Juni  1872  eine  Zusammenkunft  veranstaltet, 
bei  welcher  die  einleitenden  Schritte  zur  Ausführung  des  Denk- 
mals beschlossen  wurden,  und  er  stand  dann  auch  während  der 
ganzen  Zeit  an  der  Spitze  der  Denkmalskommission.  Drei  Vor- 
träge Finslers  zugimsten  des  Denkmals,  die  nachher  auch  im 
Druck  erschienen,  trugen  wesenthch  dazu  bei,  das  Interesse  für 
Zwingh  und  sein  Werk  neu  zu  beleben  und  die  Arbeit  des  Ko- 
mitees zu  fördern.  So  war  es  denn  auch  für  Antistes  Finsler  ganz 
persönhch  ein  Ehren-  und  Freudentag,  als  am  Dienstag  den 
25.  August  1885  das  Zwinglidenkmal  bei  der  Wasserkirche  ent- 
hüllt werden  konnte.  Am  Vorabend  hatte  zur  Einleitung  der 
Feier  der  ,, Dramatische  Verein"  Charlotte  Birch-Pfeiffers  Drama 
,, Ulrich  Zwinghs  Tod"  im  Stadttheater  zur  glanzvollen  Auf- 
führung gebracht.  Am  Dienstag  den  25.  August,  vormittags 
gegen  11  Uhr,  bewegte  sich  unter  dem  Geläute  aller  Glocken  der 
Stadt   der   Festzug   vom    Grossmünster   zur   Wasserkirche.     Die 


o  XXXIII.  KAPITEL:  DER  LETZTE  ANTISTES  175 

Sängervereine  „Harmonie"  und  „Männerchor"  hatten  sich  bei 
dem  Denkmal  aufgestellt,  und  sie  sangen  zur  Eröffnung  des  Fest- 
aktes mit  Orchesterbegleitung  Nägelis  „Lichtschöpfer".  Dann 
hielt  Antistes  Finsler  die  eindrucksvolle  Weiherede,  kräftig, 
würdig  und  versöhnlich,  indem  er  auch  dem  anwesenden  Bild- 
hauer Nater  für  sein  sinniges,  herrhches  Kunstwerk  dankte.  Wäh- 
rend die  Hülle  fiel,  intonierte  die  Stadtm.usik  ,, Konkordia"  das 
ZwingHHed  ,,Herr,  nun  heb  den  Wagen  selbst",  worauf  Stadt- 
präsident Dr.  Römer  in  formschöner  Ansprache  das  Denkmal  in 
die  getreue  Obhut  der  Stadt  übernahm ;  die  Stadt  Zürich,  betonte 
er,  werde  dem  Streben  Zwingiis  Treue  bewahren;  sein  Geisteswerk 
soll  Zürichs  Bekenntnis  bleiben  bis  auf  die  spätem  Geschlechter. 
Von  den  beiden  Sängervereinen  wurde  nun  mit  Instrumental- 
begleitung die  Festkantate  von  Conrad  Ferdinand  Meyer,  kom- 
poniert von  Gustav  Weber,  vorgetragen.  Hierauf  begab  sich  die 
Festgemeinde  zum  Bankett  in  den  Tonhallepavillon,  bei  dem 
wiederum  Finsler  den  ersten  Toast  ausbrachte,  indem  er  u.  a. 
darauf  hinwies,  dass  die  Feier  für  die  Katholiken  nichts  Ver- 
letzendes haben  könne,  denn  sie  gelte  nicht  nur  dem  Kirchen- 
gründer, sondern  auch  dem  schweizerischen  Staatsmanne,  ohne 
den  die  Schweiz  nicht  das  hätte  werden  können,  was  sie  geworden 
ist;  oder  man  solle  einen  grössern  nennen  als  ZwingU!  —  Abends 
waren  Stadt  und  Seeufer  wunderbar  illuminiert. 

Als  Höhepunkte  im  Leben  Finslers  dürfen  auch  die  beiden 
Jubiläen  betrachtet  werden,  die  er  im  Jahre  1896  gefeiert  hat: 
am  23.  Juni  das  50] ährige  oder  genauer  gesagt  das  52jährige 
Jubiläum  seiner  Wirksamkeit  in  der  zürcherischen  Landeskirche, 
am  II.  Oktober  —  zusammen  mit  seinem  Kollegen  Pestalozzi  — • 
das  253 ährige  Jubiläum  seines  Pfarramtes  am  Grossmünster. 
Beide  Anlässe  häuften  eine  Fülle  von  Ehren  und  Anerkennung  auf 
sein  Haupt:  kantonale  und  städtische  Behörden,  die  alte  und  die 
neue  Synode,  die  Vorstände  der  schweizerischen  kirchüchen  Ver- 
einigungen, die  zürcherischen  Vertreter  in  der  Bundesversammlung 
fanden  sich  durch  Zuschriften  oder  Delegationen  unter  den  Gratu- 
lanten ein.  Bei  dem  erstem  Jubilämn  überreichte  alt  Pfarrer 
Scheller  im  Namen  des  Kirchenrates  eine  kalHgraphisch  ausgeführte 
Dankesurkunde  und  sprach  in  seiner  Rede  nur  die  allgemeine  Über- 
zeugung aus,  als  er  sagte,  dass  das  nunmehr  aufgehobene  Amt  des 


176  XXXIII.  KAPITEI.:  DER  LETZTE  ANTISTES  o 

Antistes  keinen  würdigeren  zu  seinem  letzten  Träger  hätte  haben 
können  als  Finsler.  Beidemal  schloss  sich  an  die  kirchhche  Feier 
ein  ungemein  belebtes  Bankett  mit  zahllosen  Toasten  in  den 
Übungssälen  der  neuen  Tonil  alle.  Der  Flut  der  Lobreden  hielt 
der  greise  Antistes  aufrecht  und  mit  gutem  Humor  stand. 

Zwei  Jahre  rüstiger  Wirksamkeit  waren  ihm  noch  vergönnt, 
dann  wollte  es  Abend  werden  um  den  letzten  Antistes.  Er  sah 
sich  im  Oktober  1898  genötigt,  seine  Demission  als  Pfarrer  am 
Grossmünster  auf  den  i.  Mai  1899  einzureichen.  Aber  schon  am 
I.  April  1899,  am  frühen  Morgen  des  Karsamstags,  erlosch  sein 
]Lebenslicht.  Er  hatte  noch  die  grosse  Freude  erlebt,  dass  ihm  am 
12.  Februar  1899  die  Grossmünstergemeinde  seinen  Sohn,  den 
Pfarrer  und  Dekan  Rudolf  Finsler  in  Hausen  am  Albis,  zum  Nach- 
folger gab,  dessen  feierhcher  Einsatz  am  25.  Juni  erfolgte.  Das 
Leichenbegängnis  des  Antistes  am  4.  April  war  von  einer  ergreifen- 
den Weihe;  die  Trauerrede  seines  Amtsbruders  Pestalozzi  gehörte 
zu  den  ehrendsten  und  beredtesten  Zeugnissen  für  die  reiche  Saat 
seines  gesegneten  Lebens. 

Es  wird  sich  im  weitern  Verlauf  unserer  Darstellung  kaum 
mehr  Gelegenheit  bieten,  nochmals  auf  die  Kirche  und  ihre  Würden- 
träger zurückkommen,  weshalb  vielleicht  hier  noch  einige  Worte 
beigefügt  werden  dürfen  über  die  Entwicklung  des  kirchhchen 
Lebens  in  der  Stadt  Zürich.  Von  den  vier  Pfarrkirchen  der  Stadt  — 
Grossmünster,  Fraumünster,  St.  Peter  und  Predigern  —  war,  mit 
Ausnahme  des  Fraumünsters,  jede  mit  einer  Reihe  von  FiHalen 
versehen,  in  besonders  stattHcher  Zahl  die  grosse  Mutterkirche 
zu  St.  Peter.  Vom  Grossmünster  hatte  sich,  wie  wir  bereits  im 
I.  Band  (Seite  133)  gesehen,  schon  im  Jahre  1834  die  Kirchgemeinde 
Neumünster  abgelöst.  Im  gleichen  Jalire  erhielt  Wipkingen  das 
Recht  der  eigenen  Pfarrwahl,  und  am  14.  Januar  1865  wurde  es 
durch  Beschluss  des  Regierungsrates  selbständige  Pfarrei.  Die 
volkreichste  städtische  Kirchgemeinde  war  längere  Zeit  die  Pre- 
digergemeinde. Zu  ihr  gehörten  auch  die  FiUalen  Unterstrass, 
Oberstrass  und  Fluntern,  denen  das  Kirchengesetz  vom  Jahre 
1861  die  Selbständigkeit  gab;  ihre  vollständige  rechtliche  Ab- 
lösung erfolgte  allerdings  erst  durch  das  Gesetz  vom  20.  August 


t)  XXXIII.  KAPITEL:  DER  LETZTE  ANTISTES  177 

1893.  Die  Kirchgemeinde  St.  Peter  umfasste  die  Filialen  Wollis- 
hofen,  Enge,  Wiedikon  und  Aussersihl.  Am  20.  April  1853  hat  der 
Grosse  Rat  Wollishofen  zur  eigenen  Kirchgemeinde  erhoben;  die 
drei  übrigen  wurden  ebenfalls  durch  das  Kirchengesetz  von  1861 
abgelöst,  aber  nicht  vollständig,  so  dass  zwischen  ihnen  und  der 
Mutterkirche  St.  Peter  noch  im  Jahre  1882  ein  förmlicher  Aus- 
scheidungsvertrag abgeschlossen  werden  musste.  Das  Recht  der 
eigenen  Pfarrwahl  erhielt  Aussersihl  bereits  durch  das  Wahlgesetz 
vom  2.  April  1850.  Für  die  vier  Pfarrgemeinden  der  Stadt  hat 
eine  Reihe  von  Jahren  zur  Besorgung  der  gemeinsamen  kirch- 
lichen Interessen  eine  Gesamtkirchenpflege  bestanden,  die  dann 
durch  das  Gesetz  betreffend  das  Gemeindewesen  vom  Jahr  1875 
in  Wegfall  kam.  Ein  neuer,  wenn  auch  ziemHch  loser  Verband 
umschHngt  seit  dem  Jahr  1906  die  13  Kirchgemeinden  der  ver- 
einigten Stadt  Zürich;  durch  ihn  wurde  eine  kirchliche  Zentral- 
kasse geschaffen,  deren  Zweck  darin  besteht,  einzelne  Verbands- 
gemeinden, die  wegen  geringen  eigenen  Vermögens  und  geringer 
Steuerkraft  stark  belastet  sind,  so  zu  unterstützen,  dass  sie  ihren 
kirchHchen  Bedürfnissen,  wenn  möghch,  ohne  den  Steuerfuss  von 
jährlich  i  Promille  zu  überschreiten,  ausreichend  Genüge  leisten 
können.  Das  Volk  erteilte  am  18.  April  1909  dem  Initiativvor- 
schlag der  13  Kirchgemeinden  die  Sanktion. 

Unter  den  Geistlichen,  die  im  Laufe  des  vergangenen  Jahr- 
hunderts, speziell  in  der  zweiten  Hälfte,  an  stadtzürcberischen 
Kirchen  wirkten,  finden  sich  eine  Reihe  bedeutender  Namen,  von 
denen  hier  aber  nur  einige  wenige  herausgegriffen  werden  können. 
Am  Grossmünster  hat  vor  Finsler  der  hier  schon  öfters  erwähnte 
grosse  Denker  und  scharfsinnige  Kirchenpolitiker  Professor 
Alexander  Schweizer  gepredigt  (geb.  14.  März  1808  in  Murten, 
t  3.  Juli  1888).  Er  war  am  11.  Februar  1844  installiert  worden 
als  der  erste  Geistliche  in  der  Stadt,  welcher  von  der  Gemeinde 
selbst  nach  der  neuen  Wahlart  gewählt  wurde;  vorher  besass  nur 
die  St.  Petersgemeinde  das  uralte  Vorrecht,  ihren  Geistlichen,  den 
sie  selbst  besoldete,  frei  aus  allen  Geisthchen  des  zürcherischen 
Ministeriums  zu  wählen.  —  Einer  grossen  BeHebtheit  und  zahl- 
reichen Zuhörerschaft  erfreute  sich  Jahrzehnte  hindurch  am  Frau- 
münster Pfarrer  und  Dekan  G.  Rudolf  Zimmermann  (Pfarrer  von 
1849  bis  1898, 1 8.  Juni  1900).  Sein  Nachfolger,  Pfarrer  und  Kirchen- 

12 


178  XXXIII.  KAPITEL:  DER  LETZTE  ANTISTES  o 

rat  Adolf  Ritter  (geb.  ii.  Januar  1850  in  Seegräben -Wetzikon, 
f  18.  Oktober  1906)  hat  sich  seinen  grossen  Ruf  als  Kanzelredner 
am  Neumünster  erworben,  wo  er  von  1878  bis  1898  wirkte  und  dort 
einen  neuen  Aufschwung  des  lange  Zeit  gänzHch  darniederliegenden 
kirchhchen  Lebens  herv^orbrachte.  Ritter  hatte  auch  schon  vor 
Adolf  Stöcker  in  Berlin  den  Plan  gefasst,  dem  gottentfremdeten 
Grosstadtproletariat  das  Evangelium  wieder  nahe  zu  bringen,  und 
im  alten  Schützenhaus  tapfer  mit  den  Sozialdemokraten  um  das 
Christentum  gestritten  (Ende  der  Siebziger]  ahre).  Bei  St.  Peter 
ist  vor  allem  zu  nennen  Diakon  Heinrich  Hirzel,  ,,der  Helfer", 
das  Ideal  eines  Pvcformers,  wie  ihn  der  Konservative  Blösch  ge- 
nannt hat,  charaktervoll  schon  als  Knabe  —  nie  kam  über  seine 
Lippen  der  Name  des  Spielkameraden,  durch  dessen  Schuld  er 
die  Sehkraft  eines  Auges  verlor,  —  als  Mann  der  Träger  aller 
gemeinnützigen  und  schulfreundlichen  Bestrebungen.  Geboren  am 
17.  August  1818  als  Sohn  des  nachmaligen  Regierungsrats  Kaspar 
Hirzel,  amtete  er  zuerst  als  Pfarrer  in  Sternenberg  und  Höngg, 
wurde  1857  Diakon  zu  St.  Peter  und  erst  1870  Pfarrer  (f  29.  April 
1871).  Die  Wahl  des  neuen  Helfers  zu  St.  Peter  an  Hirzels  Stelle 
am  5.  März  1871  war  eine  heiss  umstrittene;  sie  fiel  auf  Hirzels 
Freund  und  Gesinnungsgenossen,  den  freisinnigen  Württemberger 
Heinrich  Lang  (geb.  1826,  f  13.  Januar  1876),  der  also  nur  noch 
wenige  Wochen  mit  Hirzel  zusammen  wirken  konnte.  Wie  Lang, 
hatte  auch  Pfarrer  und  Erziehungsrat  Joh.  Jak.  Wissmann  in 
Meilen  gewirkt,  bevor  er  an  die  Peterskirche  berufen  wurde  (geb. 
15.  August  1843,  t  II-  Juni  1903).  Man  kann  von  Pfarrer  Wiss- 
mann nicht  sprechen,  ohne  an  die  Waldmannfeier  vom  23.  Juni 
1889  zu  denken,  an  welcher  er  mit  seiner  mächtigen  Stimme  auf 
dem  Münsterhof  die  Festrede  hielt.  Dekan  und  Professor  Dr.  Konrad 
Furrer  (geb.  5.  November  1838,  t  I4-  April  1908)  hat  nach  Ab- 
schluss  seiner  Studien  1863  eine  Fusswanderung  durch  Palästina 
gemacht  und  darüber  ein  treffhches  Buch  veröffentHcht.  Er  wurde 
noch  im  gleichen  Jahre  Pfarrer  in  Schüeren  und  1871  der  Nach- 
folger Salomon  Vögelins  in  Uster.  1878  erfolgte  seine  Wahl  an  die 
St.  Peterskirche.  Neben  dem  Pfarramt  widmete  sich  Furrer  Jahr- 
zehnte hindurch  der  akademischen  Lehrtätigkeit  und  bot  in  zahl- 
losen Vorträgen  über  religiöse  und  zeitgeschichtHche  Themata 
weitesten  Volkskreisen  Anregung  und  Belehrung.    Stark  besucht 


o  XXXIII.  KAPITEL:  DER  I.ETZTE  ANTISTES  179 

waren  seine  Kontroversen  mit  atheistischen  SoziaHsten  im  Vereins- 
haus „Eintracht"  (1893),  die  Vorträge  über  allgemeine  biblische 
Fragen  in  der  Tonhalle  (1895)  und  über  den  Katholizismus  (ge- 
halten im  St.  Peter  1899).  Das  200jährige  Bestehen  der  jetzigen 
Kirche  St.  Peter  (eingeweiht  am  21.  November  1706)  feierte 
Furrer  1906  in  einer  würdigen  Denkschrift.  —  An  der  Prediger- 
kirche nennen  wir  Dr.  Paul  Hirzel,  (geb.  26.  April  1831  in  Leipzig, 
t  21.  Juni  1908,  Pfarrer  an  der  Predigerkirche  1862  bis  1875). 
Hirzel  trat  1874  an  die  Spitze  des  städtischen  Schulwesens  und 
war  für  nahezu  zwei  Jahrzehnte  der  eigentliche  Mittelpunkt  von 
Zürichs  Bildungsbestrebungen.  Pfarrer  Walter  Bion,  der  Gründer 
der  Ferienkolonien,  des  Erholungshauses  Fluntern,  des  Spitals 
zum  Roten  Kreuz  (geb.  29.  April  1830,  f  3-  September  1909, 
Pfarrer  beim  Prediger  1873  bis  1904)  hat  durch  ein  warmherziges 
Christentum  der  Tat  Zürich  Ehre  gemacht  und  seinen  guten 
Ruf  in  der  Welt  gemehrt.  An  seinem  25  jährigen  Jubiläum  im 
Mai  1898  gratulierten  u.  a.  Henri  Dunant,  der  Gründer  des  Roten 
Kreuzes,  Professor  Röntgen,  die  Städte  Baden-Baden  und  Aachen 
usw.  —  An  der  St.  Anna-Kapelle  pastorierte  von  1873  bis  1908 
Pfarrer  Edmund  FröhHch  (geb.  17.  Mai  1832  in  Aarau,  f  30.  Sep- 
tember 1908). 

In  den  Neunzigerjahren  kam  eine  Richtung  unter  der  Geist- 
lichkeit auf,  die  das  Schwergewicht  der  Lehre  auf  die  sozialen 
PfHchten  der  Kirche  und  des  Christentums  überhaupt  gegenüber 
den  Enterbten  dieser  Erde  legte  und  den  ,, Mammonsdienst"  der 
Kirche  und  der  christHchen  Gesellschaft,  die  durch  übel  ver- 
standene Wohltätigkeit  sich  der  schwereren  Pflicht  der  wahren 
Bruderliebe  zu  den  Armen  und  Geringen  zu  entledigen  suche,  mit 
harten  Worten  geisselte.  Nachdem  bereits  um  1895  Pfarrer 
J.  Probst  in  Horgen  (f  28.  Mai  1910  in  Basel),  dem  Beispiel 
Fr.  Naumanns,  Paul  Göhres  und  anderer  deutscher  ,, Kanzel-  und 
Kathedersozialisten"  folgend,  in  Rede  und  Schrift  den  Kampf 
gegen  die  ,, pflichtvergessene  Kirche"  eröffnet,  wurde  der  eigent- 
liche Herold  dieses  sozialen  Evangeliums  Lic.  theol.  Hermann 
Kutter.  Geboren  am  12.  September  1863  in  Bern,  hatte  er  von 
1887  bis  1898  in  Vinelz  am  Bielersee  als  Pfarrer  gewirkt  und  in 
jenen  Jahren  bei  häufigen  Besuchen  im  württembergischen  Bad 
Boll  von  Christoph  Blumhardt  mancherlei  Anregung  empfangen, 


i8o  XXXIII.  KAPITEL:  DER  LETZTE  ANTISTES  o 

war  aber  schon  frühzeitig  durchaus  eigene  Wege  gegangen.  Kutter 
wurde  am  25.  September  1898  zum  Pfarrer  von  Neumünster  als 
Nachfolger  von  Pfarrer  Ritter  gewählt.  Seine  Predigten,  die  mit 
schonungsloser  Energie  den  Mammonismus  in  jegHcher  Form  be- 
kämpften, übten  eine  grosse  und  dauernde  Anziehimgskraft  aus. 
Noch  mehr  Aufsehen  erregten  aber  seine  zahlreichen  Schriften, 
besonders  das  viel  zitierte  Buch  ,,Sie  müssen",  das  die  göttlichen 
Triebkräfte  in  der  sozialdemokratischen  Bewegung  nachzuweisen 
unternahm.  Obwohl  nun  aber  seine  Schriften  manche  Berührungs- 
punkte mit  der  Sozialdemokratie  aufweisen,  verschrieb  er  sich  der 
sozialdemokratischen  so  wenig  wie  irgend  einer  andern  Partei  und 
unterschied  sich  dadurch  von  andern  sozialen  Pfarrern,  die  —  wie 
Paul  Pflüger  —  den  ausgesprochenen  Parteimann  mit  dem  Geist- 
lichen vereinigten.  Ebensowenig  bemühte  sich  Kutter  um  die 
Sammlimg  und  Organisation  seiner  begeisterten  Anhänger  unter 
der  Jüngern  Geistlichkeit  und  in  der  Laienwelt  und  hielt  sich 
vielmehr  von  allen  derartigen  Bestrebungen  grundsätzHch  fern. 
Einen  hervorragenden  Organisator,  Wortführer  und  literarischen 
Vertreter  fand  sodann  die  rehgiös-soziale  Gruppe  —  so  geheissen 
zum  Unterschied  von  den  kathohschen  ChristHch-Sozialen  —  in 
Pfarrer  Leonhard  Ragaz  in  Basel,  der  am  6.  Juli  1908  zum  ausser- 
ordentlichen Professor  an  der  Universität  Zürich  gewählt  wurde 
und  dessen  Bestreben  es  war,  den  neuen  sozialen  Ideen  auch  an 
der  theologischen  Fakultät  Eingang  zu  verschaffen.  Eine  Monats- 
schrift ,,Neue  Wege",  von  Ragaz  und  einigen  seiner  Gesinnimgs- 
genossen  herausgegeben,  dient  einer  zahlreichen  Gemeinde  von 
Bekennern  der  religiös-sozialen  Grundsätze,  besonders  auch  in 
der^  sozialdemokratischen  Partei,  welcher  Ragaz  persönlich  bei- 
getreten ist.  Sein  Einfluss  geht  aber  über  den  Rahmen  der  Partei 
weit  hinaus,  und  besonders  in  den  Wirrnissen  der  mit  dem  Welt- 
krieg zusammenliängenden  Fragen  ist  Ragaz  zu  einem  geistigen 
Fülirer  imd  Halt  für  Tausende  geworden.  Kutters  unbestrittenes 
Verdienst  bleibt  es  jedoch,  das  religiös-soziale  Problem  in  der 
Schweiz  recht  eigentlich  in  Fluss  gebracht  zu  haben.  Wie  mit 
mächtigen  Posaunenstössen  hat  er  durch  eine  gewollt  einseitige 
und  scharfe  Kritik  an  der  Kirche  und  ihren  Versäumnissen  zahl- 
reiche Schläfer  aufgeschreckt,  junge  Theologen  mit  neuer  Begeiste- 
rung für  ihr  Amt  erfüllt  und  in  Laienkreisen,  die  der  Kirche  schon 


o  XXXIII.   KAPITEL:    DER  LETZTE  ANTISTES  18 1 

völlig  entfremdet  waren,  wieder  Interesse  und  Verständnis  für  sie 
wachgerufen. 

Eine  letzte  Bewegung  auf  kirchlich-religiösem  Gebiet,  die  hier 
noch  Erwähnung  verdient,  weil  sie  für  die  Zukunft  der  zürche- 
rischen Landeskirche  von  Bedeutung  werden  kann,  ging  aus  von 
der  neuen  Bibelübersetzung,  die  von  der  Kirchensynode  am 
21.  November  1906  beschlossen  und  einer  siebengliedrigen  Kom- 
mission hervorragender  Fachmänner  übertragen  worden  ist.  Diese 
Kom.mission  hat  im  Jahre  1913  einige  Proben  ihrer  Arbeit  ver- 
öffentlicht und  damit  eine  ausserordentlich  lebhafte  Diskussion  in 
Vorträgen,  Zeitungen  und  Zeitschriften  entfesselt.  Von  positiv- 
kirchlicher Seite  wurde  der  Kommission  nichts  Geringeres  als  ein 
Attentat  auf  das , .Fundament  des  Christentums"  vorgeworfen,  weil 
sie  zu  Math,  i,  16  folgende  Fussnote  angebracht  hatte:  ,, Einige 
Zeugen,  zum  Teil  von  hohem  Alter,  lassen  in  verschiedener  Weise 
erkennen,  dass  Jesus  einer  andern  Gestalt  des  Textes  zufolge  als 
ehelicher  Sohn  des  Joseph  und  der  Maria  betrachtet  wurde."  Ob- 
wohl der  Text  dieser  Fussnote  schlechterdings  nichts  anderes  be- 
sagt, als  was  auch  von  der  Bibel  selbst  bezeugt  wird  (nämlich  dass 
Jesus  von  seinen  Zeitgenossen  als  Sohn  Josephs  und  der  Maria 
betrachtet  wurde),  so  dass  auch  die  vier  Vertreter  der  Evangeli- 
schen Gesellschaft  in  der  Bibelübersetzimgskommission  der  Auf- 
nahme dieser  Note  zustimmten,  erregte  sie  in  streng  bibelgläubigen 
Kreisen  einen  Sturm  der  Entrüsttmg,  der  sich  besonders  in  zahl- 
reichen Einsendungen  der  ,, Zürcherischen  Freitagszeitung"  wider- 
spiegelte. Die  Kirchensynode  jedoch  anerkannte  am  25.  November 
1914  in  vollem  Umfang  die  gediegene  tmd  mühevolle  Arbeit  der 
Kommission  und  ermunterte  sie,  im  gleichen  Sinn  und  Geist  weiter- 
zufahren. 


►  ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ 


VIERUNDDREISSIGSTES  KAPITEL 


LANDESAUSSTELLUNG  1883 

Den  29.  Februar  1880,  es  war  der  so  selten  eintretende  fünfte 
Sonntag  des  Schaltmonats,  verkündete  gegen  die  Mittags- 
stunde Kanonendonner  von  der  Höhe  des  Polytechnikums  herab 
den  Zürchern,  dass  der  Durchstich  des  Gotthard  vollzogen  sei. 
Tausende  von  Spaziergängern  blickten  an  dem  schönen  Sonntag- 
nachmittag südwärts  nach  dem  schneeglänzenden  Kranz  der 
Berge,  wo  rechts  an  der  Pyramide  des  Bristenstocks  in  der  dunkeln 
Tiefe  des  Alpenwalles  die  letzte  Schranke  gefallen  war,  welche  den 
Süden  vom  Norden  trennte,  und  jede  Unterhaltung  bewegte  sich 
um  das  inhaltsschwere  Ereignis  und  seine  Folge.  In  einem  kleinen 
Kreise  von  Bekannten  tauchte  an  jenem  Abend,  wie  J.  Hardmeyer- 
Jenny  in  seiner  ,, Ausstellungszeitung"  erzählt,  der  Gedanke  auf, 
die  nun  in  erreichbarer  Nähe  stehende  Eröffnung  der  Gotthard- 
bahn  durch  eine  schweizerische  Landesausstellung  zu  feiern,  und 
aus  der  lebhaften  Diskussion  ging  die  Idee  siegreich  hervor.  Die 
schweizerische  Landesausstellung  in  Zürich  1883  ist  verknüpft  mit 
der  Eröffnung  der  Gotthardbahn,  wie  im  Jahre  1914  die  schweize- 
rische Landesausstellung  in  Bern  mit  der  Eröffnung  des  Lötsch- 
berg,  wenn  auch  beidemal  der  Ausstellungstermin  hatte  hinaus- 
geschoben werden  müssen.  Die  Ausstellung  in  Zürich  war  ge- 
sichert, nachdem  einmal  die  Kaufmännische  Gesellschaft  mit 
ihrem  Präsidenten,  Kommandant  Konrad  Bürkli,  an  der  Spitze 
die  einleitenden  Schritte  übernommen  und  zunächst  ein  kantonales 
Komitee  gebildet  hatte.  Die  schweizerische  Ausstellungskommis- 
sion tagte  zum  erstenmal  in  Bern  am  3.  März  1881  unter  dem 
Vorsitz  von  Bundesrat  Droz.  Das  generelle  Programm  bestimmte, 
dass  die  Landesausstellung  ,,alle  Erzeugnisse  der  Industrie,  der 
Gewerbe,  des  Kunstgewerbes,  der  bildenden  Künste  und  der 
Landwirtschaft  der  ganzen  Schweiz  vereinigen,  sowie  das  ge- 
samte Unterrichtswesen  zur  Darstellung  bringen  soll".  Es  war 
dies  die  vierte  schweizerische  Landesausstellung;  vorausgegangen 


o  XXXIV.  KAPITEI.:   I.ANDE;SAUSSTELI.UNG  1883  183 

waren  ihr  die  schweizerischen  Industrie-  und  Gewerbeausstellungen 
von  St.  Gallen  1843  und  Bern  1848  und  1857;  ^-ber  welcher  Unter- 
schied zwischen  der  St.  Galler  und  der  Zürcher  Ausstellung! 
Dort  185  Aussteller,  die  ihre  Gegenstände  in  einigen  Sälen  unter- 
brachten; in  Zürich  5000  Aussteller  und  eine  kleine  Ausstellungs- 
stadt mit  Gebäudekomplexen,  in  denen  sich  mehr  als  10,000 
Menschen  bewegen  konnten.  So  gross  aber  auch  der  Plan  der 
Zürcher  Landesausstellung  im  Vergleich  mit  frühern  Veranstal- 
tungen gedacht  war,  in  bezug  auf  die  Hauptsache,  die  Zahl  der 
Besucher,  hatte  man  immer  noch  viel  zu  bescheiden  gerechnet, 
denn  statt  der  erwarteten  600,000  stellten  sich  wohlgezählte 
1,759,940  Besucher  ein!  Die  Landesausstellung  war  aber  auch 
mustergiltig  organisiert  und  wurde  geradezu  glänzend  durchgeführt. 
Am  I.  Mai,  dem  Eröffnungstage,  stand  sie  —  von  einigen  nicht 
nennenswerten  Kleinigkeiten  abgesehen  —  fix  und  fertig  da, 
,, Katalog  in  die  Hand";  pünktlich  mit  dem  Sonntag  den  30.  Sep- 
tember, der  mit  28,081  Besuchern  die  höchste  Tagesfrequenz  der 
ganzen  fünfmonatlichen  Dauer  aufwies,  wurde  sie  geschlossen,  imd 
die  Rechnung  ergab  bei  3,637,973  Fr.  Einnahmen  ein  Benefiz 
von  23,289  Fr.  Dieses  Schlussresultat,  wie  überhaupt  der  alle 
Hoffnungen  übersteigende  Erfolg  der  schweizerischen  Landes- 
ausstellung in  Zürich  war  vor  allem  der  unermüdlichen  Hingabe 
und  Begeisterung  der  Mitgheder  des  Organisationskomitees  zu 
danken.  An  seiner  Spitze  stand  als  Präsident  Oberst  A.  VögeH- 
Bodmer;  als  Ausstellungssekretär  fungierte  Ingenieur  A.  Jegher; 
Direktor  der  Ausstellung  war  Oberst  Zuan-SaHs;  unter  den 
übrigen  um  die  Ausstellung  verdienten  Männern  sollen  wenigstens 
noch  der  Präsident  des  Preisgerichtes,  Eduard  Guyer-Freuler,  die 
Ausstellungsarchitekten  A.  Pf  ister  und  W.  Martin  und  der  Aus- 
stellungsingenieur Emil  Bavier  genannt  werden. 

Als  sehr  glückUch  erwies  sich  insbesondere  die  Wahl  des  Aus- 
stellungsplatzes, die  für  Zürich  beinahe  einer  Entdeckung  gleich- 
kam. Es  wurde  dazu  nämHch  die  Platzpromenade  ausersehen, 
und  da  waren  es  nun  vorab  die  Stadtzürcher,  welche  ganz  erstaunt 
die  Augen  aufrissen  ob  dem  herrlichen  Park,  den  die  Ausstellungs- 
künstler ihnen  vor  die  Augen  gezaubert,  der  sich  aber  bei  näherem 
Zusehen  als  der  längst  in  ihrem  Besitz  und  zu  ihrer  freien  Ver- 
fügung stehende    ,, Platzspitz"   erwies.     Seitdem  dort  unten,   im 


i84  XXXIV.  KAPITEL:   LANDESAUSSTELLUNG  1883  o 

18.  Jahrhundert,  der  alte  Bodmer  seine  ambulanten  Kollegien  ge- 
halten, war  die  schöne  Promenade  mehr  und  mehr  in  Vergessen- 
heit und  Verlassenheit  versunken;  die  herrlichen  alten  Bäume  be- 
schatteten nüchterne  Bürgergärten  und  wucherndes  Domgestrüpp, 
und  auch  als  sie  ihrem  ursprüngHchen  Zweck  wieder  zurück- 
gegeben war,  kamen  nur  etwa  Dienstmädchen,  alte  Frauen  und 
Bummler  aller  Art  in  den  Platzspitz  oder  es  tummelte  sich  ge- 
legentlich ein  Reiter  auf  seinen  Pfaden.  Erst  der  Landesausstellung 
von  1883  war  es  vorbehalten,  die  Platzpromenade  wieder  zu  vollen 
Ehren  zu  ziehen.  Alle  Beschreibungen  stimmen  darin  überein, 
dass  der  von  dem  Halbrund  der  Kastanienbäume  eingerahmte 
Platz  vor  der  Industriehalle,  in  dessen  Mitte  eine  hochaufstrah- 
lende mächtige  Fontäne  blitzte,  den  Glanzpunkt  des  Ausstellungs- 
parkes bildete.  Das  Hauptgebäude,  an  der  Stelle  des  heutigen 
Landesmuseums  —  es  hatte  ihm  auch  das  sog.  neue  Kornhaus 
beim  Bahnhof  weichen  müssen  —  war  in  einem  seiner  Aufgabe  ent- 
sprechenden Stil  von  provisorischen  Festbauten  gehalten.  Reich 
dekorierte  offene  Giebelfronten  mit  Galerien  und  schlanken  Türm- 
chen maskierten  glückhch  die  monotonen  langgestreckten  Dach- 
flächen. Dekorationsmalerei  belebte  die  Felder  und  tiefliegenden 
Stellen,  während  die  Hauptteile  in  einem  mit  dem  Grün  der  Um- 
gebung harmonierenden  Tone,  ähnlich  dem  der  Alphütten,  ge- 
halten war.  Von  dem  nach  dem  Park  sich  öffnenden  Portale 
gingen  zwei  offene  arkadenartige  Galerien  je  im  Viertelskreis  aus, 
die  sich  einerseits  an  die  Hauptrestauration,  anderseits  an  den 
Pavillon  für  Hotelwesen  lehnten  und  so  mit  den  gegenüberstehen- 
den Kastanienbäumen  den  Kjreis  um  den  Springbnmnen  schlössen. 
Eine  Anzahl  anderer  Ausstellungsbauten  und  Pavillons  einzelner 
Aussteller  waren  malerisch  im  Park  herum  zerstreut:  auf  einer 
kleinen  Anhöhe  der  sohd  konstruierte  Pavillon  der  Konditorei 
Sprüngli,  der  jetzt  als  alkoholfreie  Wirtschaft  vom  Frauen  verein 
betrieben  wird,  daneben  das  in  einer  Felsen-  und  Erdhöhle  kühl 
gebettete  Aquarium,  an  der  Eimmat  der  Forstpavillon,  eine  phan- 
tastische Zusammenstellung  von  einzelnen  kleinen  Gebäudeteilen 
verschiedener  Höhe  und  Gestalt  mit  einem  viereckigen  Haupt- 
turm, dicht  dabei  im  Gebüsch  eine  Klubhütte  der  Sektion  Uto 
S.  A.  C,  weiter  unten  gegen  den  Platzspitz  der  Pavillon  für  Ke- 
amik.   Für  das  die  Ausstellung  nicht  betretende  Publikum  stellte 


o  XXXIV.  KAPITEL:  LANDESAUSSTELLUNG  1883  185 

eine  über  den  Platzspitz  hinwegführende  Hochpasserelle  die  Ver- 
bindung zwischen  DrahtschmiedHsteg  (Limmat)  und  Mattensteg 
(Sihl)  her.  Dicht  unterhalb  dieser  Hochpasserelle  hingen  die 
Glocken  der  Giesserei  Rütschi  in  Aarau,  die  je  vor  12  Uhr  und 
6  Uhr  zwanzig  Minuten  lang  ihr  Spiel  erklingen  Hessen.  Zu  unterst 
im  Spitz  ragte  eine  38  m  hohe,  aus  dem  Sihlwald  stammende 
Flaggenstange  mit  mächtiger  eidgenössischer  Fahne. 

Ein  grosser  Teil  der  Ausstellung  hatte  im  Industriequartier 
errichtet  werden  müssen  und  war  mit  der  Platzpromenade  durch 
zwei  hölzerne  Brücken  verbunden,  so  namentlich  die  gewaltige 
Maschinenhalle.  Ihre  beiden  langen  Trakte  stiessen  rechtwinkHg 
zusammen  und  umfingen  ein  für  kleinere  Annexbauten  und  für 
Rasen-  und  Blumenbeete  bestimmtes  Terrain.  Um  die  langen 
Fluchten  der  Maschinenhalle,  die  sich  von  der  Platzpromenade 
aus  etwas  einförmig  ausnahmen,  zu  unterbrechen  und  zu  be- 
leben, wurde  im  Scheitel  des  Gebäude  winkeis  eine  Rotunde  in 
Holzkonstruktion  erbaut.  Ihre  Höhe  bis  zur  Spitze  der  turmartig 
sich  aufbauenden  Laterne  betrug  30  m.  Eine  Treppe  von  106 
Stufen  führte  den  Besucher  auf  die  Plattform  des  Gebäudes,  auf 
welcher  sich  eine  entzückende  Aussicht  über  Ausstellung,  Stadt 
imd  Hochgebirge  bot.  Hinter  der  Maschinenhalle  lag  die  Ab- 
teilung für  Landwirtschaft.  Für  die  temporären  Tierausstellungen 
(Kleinvieh,  Pferde,  Rindvieh,  Hunde)  waren  von  der  Militär- 
direktion die  MiHtärstallungen  imd  die  zugehörige  Reitschule 
bereitwilhg  eingeräumt  worden.  Eine  Geflügel-  und  Vogel- 
ausstellung nahm  der  Turnschopf  und  Spielplatz  des  Linthescher- 
Schulhauses  auf. 

Weit  weg  vom  Ausstelltmgspark,  draussen  am  See,  ausser- 
halb der  alten  Tonhalle,  war  der  Kunstpavillon  errichtet,  ein  Ge- 
bäude im  Stil  eines  antiken  Wohnhauses  (Front  gegen  die  Ton- 
halle), wobei  freilich  der  reiche  Mittelbau  mit  den  vier  korin- 
thischen Säulen  auf  hoher  Estrade,  dem  Frontispize  und  der 
Ornamentik  des  Vestibüls  mehr  einem  Tempel  ähnelte.  Wie  man 
sich  denken  kann,  gehörte  der  Kunstpavillon  zu  den  schönsten 
und  reichsten  Partien  der  Ausstellung.  Der  Anblick  des  Äussern 
wurde  allerdings  etwas  beeinträchtigt  durch  die  allzu  aufdringHche 
Nähe  der  am  Ufer,  wenig  oberhalb  des  Dampfschiffsteges  errich- 
teten Festhalle  und  die  auf  gar  keinen  Stil  Anspruch  erhebende 


i86  XXXIV.   KAPITEL:   LANDESAUSSTELLUNG   1883  o 

Tonhalle.  Man  betrat  den  Tonhallefestplatz  von  der  Tonhalle- 
strasse (jetzt  Theaterstrasse)  aus,  ungefähr  gegenüber  dem  heutigen 
Corso.  Ausgedehnte  Rasen-  und  Gartenanlagen  breiteten  sich 
vor  dem  Eintretenden  aus,  die  gegen  die  Stadt  hin  von  der  Ton- 
halle mit  angebautem  Palmengarten,  südwärts  von  der  Kunst- 
lialle  und  nach  dem  See  hin  durch  die  speziell  für  die  Ausstellungs- 
anlässe von  der  Tonhallegesellschaft  erbaute  Festhalle  begrenzt 
waren. 

Nun  aber  noch  etwas  über  den  Verlauf  der  glanzvollen  schweize- 
rischen Landesausstellung  in  Zürich  1883.  Bei  zweifelliafter  Wit- 
terung, die  sich  aber  dann  doch  bis  abends  10  Uhr  hielt,  fand  am 
I.  Mai  die  Eröffnung  statt.  Im  maurischen  Saal  des  Hotel  ,, Na- 
tional" und  im  ,, Viktoria"  wurde  den  eidgenössischen  Ehrengästen, 
die  mit  dem  Extrazug  um  9  Uhr  30  von  Bern  her  eingetroffen 
waren,  ein  Gabelfrühstück  serviert.  Ein  langer  Kutschenzug 
brachte  die  Herren  zur  Tonhalle,  wo  um  11  Uhr  der  Eröffnungs- 
akt beginnen  sollte;  eine  zahllose  Menschenmenge  füllte  die 
dekorierten  Strassen.  Nach  der  vom  Orchester  gespielten  Ouver- 
türe zum  ,, Sommernachtstraum"  von  Mendelssohn,  dirigierte  in 
der  Tonhalle  Kapellmeister  Friedrich  Hegar  die  von  ihm  kom- 
ponierte, von  (dem  still  und  unscheinbar  bei  den  Zuhörern  sitzen- 
den) Gottfried  Keller  gedichtete  Kantate,  während  der  ebenfalls 
anwesende  Conrad  Ferdinand  Meyer  ein  von  der  ,, Ausstellungs- 
zeitung" publiziertes  prachtvolles  Festgedicht  zu  dem  grossen  Tag 
beigesteuert  hatte.  Es  folgte  die  Eröffnungsrede  des  Präsidenten 
des  Organisationskomitees,  Oberst  Vögeli-Bodmer,  und  die 
Schlüsselübergabe  an  Herrn  Bundesrat  Droz,  der  seinerseits  mit 
einer  längern  Rede  dankte.  Keller-Baumgartners  ,,0  mein  Heimat- 
land", von  Attenhofer  dirigiert,  schloss  die  Feier.  Unmittelbar 
daran  knüpfte  sich  die  Besichtigung  des  Kunstpavillons.  ,,Gar 
malerisch  hatten  sich  die  Weibel  alle  zu  beiden  Seiten  der  Treppe 
des  weiss  schimmernden  Atriums  des  prachtvollen  Gebäudes  auf- 
gestellt, und  die  Herren  Oberst  Theodor  de  Saussure  von  Genf 
und  Professor  Salomon  Vögelin,  Präsident  der  Gruppen  moderne 
und  historische  Kunst,  umgeben  von  ihrem  Stabe,  empfingen  die 
Gäste."  In  der  schmucken  Festhalle  am  See  wartete  ihrer  der 
gedeckte  Tisch.  Vom  Festzug,  der  um  2  Uhr  15  abmarschierte, 
berichtet   die    ,, Freitagszeitung":    ,,Man  hat   schon  prunkvollere 


o  XXXIV.  KAPITEL:  LANDESAUSSTELIvUNG  1883  187 

und  buntere  Festzüge  in  Zürich  gesehen,  aber  wohl  noch  keiner 
war  mit  der  Pünktlichkeit  und  Sicherheit  angeordnet  und  geführt 
wie  dieser:  alles  traf  auf  die  Minute  genau  ein  und  ging  seinen 
vorgeschriebenen  Gang,  wie  wenn  es  vorher  eingeübt  worden  wäre. 
Der  Zug,  dem  Militär  vorausging  und  nachfolgte  und  Spalier 
bildete,  bestand  zwar  meist  nur  aus  schwarz  gekleideten,  bezyhn- 
derten  und  bloss  mit  Festabzeichen  geschmückten  Herren,  aus- 
genommen einige  höchste  Mihtärpersonen  in  Gala,  darunter 
General  Herzog,  ausgenommen  auch  noch  die  sämtlichen  Standes- 
weibel  in  den  kantonsfarbigen  Mänteln  —  eine  Erinnerung  an  die 
alten  Tags  atzungsauf  märsche.  Aber  eine  überaus  sinnige  und 
freundhche  Anordnung  war  es,  dass  etwa  tausend  weissgekleidete 
und  rot  und  blau  beschärpte  kleine  Mädchen  mit  Blumenkörben 
in  den  Händen  zu  beiden  Seiten  des  ganzen  langen  Zuges  mit- 
zogen —  ein  herzerfreuender  Anblick.  Da  gingen  voran  die  Herren 
Bundesräte  und  fremden  Diplomaten,  dann  kamen  die  Abgeord- 
neten der  Kantone  mit  ihren  Standesweibeln,  natürlich  unsere 
Regierung  in  corpore  und  der  Stadtrat  ebenfalls,  dann  die  Sänger 
der  Harmonie  und  des  Männerchors.  Es  ging  der  Zug  durch  die 
geschmückten  Strassen  zum  ,, Platz"  hinunter,  mit  drei  Musik- 
korps, unter  Glockengeläute  und  Kanonensalven,  durch  eine  un- 
geheure, wohl  in  die  30,000  Köpfe  sich  belaufende  Menschenmenge. 
Unter  dem  Portal  der  Ausstellung  erwartete  den  Zug  der  Direktor, 
Oberst  Zuan-Salis.  Und  das  Resultat  der  Besichtigung  ?  All- 
gemeines Erstaunen  darüber,  was  die  Schweiz  in  der  Industrie 
alles  zu  leisten  imstande  sei,  aber  auch  Bewunderung  des  künst- 
lerischen Geistes  und  feinen  Schönheitssinnes,  mit  welchem  die 
ganze  Ausstellung  angelegt  und  die  Ehrenzeugen  des  schweize- 
rischen Gewerbefleisses  und  des  schweizerischen  Kunstsinnes  auf- 
gestellt, angeordnet  und  herausgeputzt  sind.  Männer,  die  schon 
Weltausstellungen  gesehen  haben,  bekennen  laut,  dass  sie  wohl 
schon  grössere  und  reichere  Ausstellungen  gesehen,  aber  noch 
keine  so  schön  und  zweckmässig  bis  aufs  kleinste  gelungene." 
Abends  7  Uhr  Soiree  familiere  in  der  Festhalle  am  See.  ,,Aus  dem 
wogenden  Meer  der  Freude  stiegen  wie  drei  Raketen  drei  Reden 
auf:  Erziehungsdirektor  Grob  feierte  den  Triumph  des  mensch- 
lichen Geistes,  den  Patriotismus  und  die  Einigkeit;  Stadtpräsident 
Dr.  Römer  entbot  den  Willkommensgruss  der  Stadt  Zürich,  und 


iö8  XXXIV.  KAPITEL:   LANDESAUSSTELLUNG  1883  o 

der  französische  Gesandte  Arago  trank  auf  das  Wohl  der  kleinen 
grossen  Schweiz.  Zwei  nachher  noch  folgende  Redner  versanken 
im  Festgewoge,  das  über  ihnen  zusammenschlug,  so  dass  man  sie 
nur  noch  mit  den  Händen  über  dem  Wasser  herumfuchteln  sah." 
Eine  brillante  Illumination  mit  nautischen  Spielen  sollte  den 
Sclilusseffekt  bilden,  doch  nun  Hess  der  Regen  sich  nicht  mehr 
halten  vmd  prasselte  so  mächtig  nieder,  dass  schon  bald  nach 
IG  Uhr  das  allgemeine  Lichterlöschen  an  beiden  Ufern  des  Sees 
begann. 

Nach  den  ersten  drei  Wochen  konnte  die  ,, Ausstellungs- 
zeitung" einen  vielversprechenden  Anfang  und  zunehmenden  Be- 
such konstatieren.  Am  27.  Mai  wanderte  die  hohe  und  ungebeugte 
Gestalt  des  Generalfeldmarschalls  Moltke  durch  die  Ausstellung, 
geführt  vom  Präsidenten  Oberst  Vögeli.  Aussprüche  des  grossen 
Schweigers  über  das  von  ihm  Beobachtete  sind  nicht  bekannt 
geworden.  Überraschend  und  erschreckend  verbreitete  sich  am 
I.  Juni  in  der  Stadt  die  Kunde,  ,,die  Ausstellung  brennt!"  Es 
war  Feuer  in  einem  kleinen  Gebäude  der  städtischen  Material- 
verwaltimg in  unmittelbarer  Nachbarschaft  der  Maschinenhalle 
ausgebrochen,  das  jedoch  vom  Dach  der  letztern  aus  durch  die 
Feueru'ehr  lokalisiert  werden  konnte.  Folgenden  Tages  feierten 
die  Preisrichter  ein  gemütliches  Fest.  Festliche  Tage  brachte  der 
Ausstellung  am  5.,  6.  und  7.  Juni  der  Besuch  des  Orchesters  des 
Scalatheaters  in  Mailand.  Die  Bundesversammlung  stattete  am 
20.  und  21.  Juni  der  Ausstellung  ihren  offiziellen  Besuch  ab.  Ein 
internationaler  Presskongress,  der  aber  vom  Ausland  nur  sehr 
schwach  besucht  war,  sollte  am  29.  Juni  und  den  folgenden  Tagen, 
gleichzeitig  mit  einer  internationalen  Regatta  auf  dem  See,  ge- 
halten werden.  Die  Tagung  hatte  die  Gründimg  des  schweize- 
rischen Pressvereins  am  2.  Juli  zur  Folge.  ,,Den  9.  August  gegen 
Mittag  spazierte  der  milHonste  Besucher  durch  das  Tor  der  Aus- 
stellung. War  es  ein  biderbes  Bäuerlein?  War  es  eine  Mode- 
dame ?  Niemand  weiss,  woher  er  kam  der  Fahrt  und  was  sein 
Nam'  und  Art,  kein  Ehrentrimk  wurde  dem  absonderlichen  Mil- 
lionär gereicht.  Für  die  Ausstellung  aber  war  der  miUionste  Gast 
sieben  Wochen  vor  ihrem  Schlüsse  hochbedeutsam."  Sehr  belebt 
war  am  24.  und  25.  August  das  Fest  der  Aussteller,  an  dem  auch 
die  Vertreter  der  Behörden  in  grosser  Zahl  teilnahmen.  Am  6.  Sep- 


o  XXXIV.  KAPITBL:    LANDESAUSSTELLUNG   1883  189 

tember  sah  sich  noch  der  Exkönig  von  Portugal  die  Ausstellung 
an.  Viel  zu  schnell  für  die  Männer  der  Ausstellungsleitung  kam 
der  Schlusstag  heran.  Weit  davon  entfernt,  mit  einem  Seufzer 
der  Erleichterung  die  Last  der  Arbeit  und  Verantwortung  ab- 
zulegen, nahmen  sicli  diese  Wackern  den  Torschluss  zu  Herzen 
wie  ein  tieftrauriges  Familienereignis.  Der  offizielle  Bericht  sagt 
wörtlich:  ,,In  so  freudig  gehobener  Stimmung  die  Eröffnung  ge- 
feiert worden,  so  reich  in  fast  übergrosser  Freude  das  Aussteller- 
fest vorübergegangen  —  so  ernst  andächtig  lauschte  die  kleine 
Gemeinde,  welche  am  2.  Oktober  gemeinsam  den  Abschiedsgang 
durch  die  ehrwürdigen  Hallen  getan,  den  ernsten  Worten,  in  denen 
Herr  Vögeli  den  Ausstellern,  den  Behörden  und  dem  Volke  dankte, 
die  durch  ihre  Arbeit  und  durch  ihr  Vertrauen  uns  die  Erfüllung 
unserer  Aufgabe  ermöglicht,  und  der  Vorsehung,  die  gütig  alles 
Missgeschick  von  uns  abgewendet.  Und  als  hierauf  Herr  Bundes- 
rat Droz  das  farbenprächtige  Bild  des  verflossenen  Sommers  an 
unserm  geistigen  Auge  vorüberziehen  Hess,  als  er  im  Namen  des 
Schweizervolkes  erklärte,  Zürich  und  das  Zentralkomitee  habe 
sich  um  das  Vaterland  verdient  gemacht  und  nun  mit  bewegter 
Stimme  das  Schlusswort  sprach  —  da  schämten  sich  die  Männer, 
die  sonst  jedem  Ereignis  ruhig  ins  Auge  zu  schauen  gewohnt  sind, 
der  Tränen  nicht,  die  sich  unter  ihren  Wimpern  hervordrängten. 
Aus  der  Halle  heraus  intonierte  die  Musik  den  Choral  ,,Es  ist  be- 
stimmt in  Gottes  Rat",  und  die  schweizerische  Landesausstellung 
war  geschlossen.  —  Eine  wohltuende  Überraschung  harrte  noch 
des  Zentralkomitee  und  seines  Präsidenten,  indem  bei  der  dem 
Schlussakt  folgenden  Tafel  Herr  Stadtpräsident  Dr.  Römer  in 
feierhcher  Ansprache  laut  Beschluss  des  Stadtrates  dem  Herrn 
A.  Vögeli- Bodmer  die  goldene  Verdienstmedaille  der  Stadt  Zürich 
überreichte,  die  höchste  Auszeichnung,  welche  die  Stadt  Zürich 
einem  ihrer  Bürger  verleihen  kann.  Stürmischer  Beifall  dankte 
dem  Redner  und  der  Behörde,  in  deren  Namen  er  gesprochen." 


►♦♦♦♦♦♦♦♦ ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦»♦ 


FÜNFUNDDREISSIGSTES  KAPITEL 


GOTTFRIED  KELLER 

Ein  Stadtkind  war  er,  ein  Gassenbüblein  aus  dem  Rindermarkt, 
dem  die  Armenschule  zum  ,, Brunnenturm"  die  Geheimnisse 
des  ABC  erschloss;  ein  JüngHng  mit  gänzhch  verfehltem  Bildungs- 
gang, der  noch  in  reifern  Jahren  sich  und  den  Seinen  keine  Antwort 
zu  geben  wusste  auf  die  bange  Frage,  ob  wohl  jemals  etwas  Rechtes 
aus  ihm  würde  oder  nicht.  Und  diese  ,, verbummelte  Existenz", 
dieser  Gottfried  Keller  brauchte  nur  anzufangen,  zu  schreiben 
und  zu  dichten,  so  wies  ihm  die  deutsche  Literaturgeschichte 
einen  Platz  in  der  unmittelbaren  Nachbarschaft  Goethes  an.  Doch 
es  ist  hier  nicht  der  Ort,  den  Dichter  Gottfried  Keller  zu  würdigen ; 
hiefür  wird  man  sich  an  die  gelehrten  Kenner  und  Forscher  der 
Literatur  und  ihrer  Geschichte  zu  wenden  haben,  tmter  denen  vor 
allen  Jakob  Baechtold  mit  seinem  grundlegenden  biographischen 
Werke  und  sodann  Emil  Ermatinger  in  Zürich  sich  die  grössten 
Verdienste  um  Gottfried  Keller  erworben  haben.  Aber  auf  imserm 
Gang  durch  die  letzten  hundert  Jahre  der  Zürcher  Stadtgeschichte 
dürfen  wir  nicht  vorbeigehen  an  dem  Haus  zur ,, Sichel"  am  Rinder- 
markt, ohne  seines  berühmten  Bewohners  zu  gedenken  und  mit 
ein  paar  Strichen  den  äussern  Lebensgang  des  Mannes  zu  zeich- 
nen, der  so  viel  zu  Zürichs  geistiger  Bedeutung  beigetragen  hat, 
und  dieser  Versuch  ist  sehr  erleichtert  worden  durch  manchen 
freundlichen  Rat  und  Fingerzeig  Prof.  Ermatingers.  Zürich  ist 
Gottfried  Keller  dankbar  für  »seine  tiefe  HeimatHebe,  für  den  Zauber 
der  Anmut,  mit  dem  er  seine  historischen  Gestalten  umwob,  für 
den  verklärenden  Schimmer,  den  seine  Dichtungen  auf  die  Gassen 
der  Stadt,  auf  ihre  Feste  und  ihren  Alltag,  ihre  Freuden  und  Küm- 
mernisse ausgegossen.  Ein  Grosser  verdient  genannt  zu  werden, 
wer  immer  in  freudiger  Lebensbej  ahtmg  seinen  Mitmenschen  den 
Mut  und  die  Lust  zum  Dasein  hebt,  die  Augen  für  die  Schönheiten 
der  Umwelt  und  den  verborgenen  Reichtum  des  eigenen  Gemütes 
öffnet.    Solch  ein  Grosser  war  Gottfried  Keller. 


x^ 


o  XXXV.  KAPITEI.:   GOTTFRIED  KEI.I.ER  191 

Einige  seiner  besten  Charakterzüge  hatte  er  vom  Vater  geerbt. 
Der  Drechslermeister  Hans  Rudolf  Keller  von  Glattfelden  war 
schon  kein  gewöhnlicher  Mann  gewesen.  Geboren  1791  als  Sohn 
eines  Küfers,  hatte  er  von  langer  Wanderschaft  etwas  fremdartig 
Schwung\'olles  in  die  Heimat  zurückgebracht.  Er  trug  einen  grünen 
Frack  und  feine  Wäsche  und  sprach  immer  Schriftdeutsch.  Frisch- 
weg warb  er  um  die  fast  dreissigj  ährige  EHsabeth  Scheuchzer,  die 
Tochter  des  in  Glattfelden  angesessenen  ,,Chirurgus"  aus  Gottfried 
Kellers  ,,  Johannisnacht" :  Johann  Heinrich  Scheuchzer  von  Zürich, 
1751 — 1817,  dessen  Sohn  Heinrich,  der  Bruder  von  Gottfried 
Kellers  Mutter,  1856  als  Arzt  in  Glattfelden  starb.  Die  Trauung 
fand  am  3.  Mai  1817  im  Kirchlein  zu  Glattfelden  statt,  imd  bald 
darauf  siedelte  das  junge  Paar  in  die  Stadt  Zürich  über.  Es  be- 
wohnte zuerst  das  Haus  zum  ,, Goldenen  Winkel"  am  Neumarkt, 
in  der  Nähe  des  Kronentors,  dann  den  ,, Greifen"  am  Rindermarkt 
imd  seit  1821  das  inzwischen  käuflich  erworbene  Haus  zur  ,, Sichel" 
neben  dem  ,, Greifen".  Mit  der  UebevoUen  Erinnerung  des  früh  Ver- 
waisten hat  Gottfried  Keller  im  ,, Grünen  Heinrich"  die  tätige, 
hilfsbereite  Art  des  Vaters,  seinen  Eifer  um  die  Volksbildung,  sei- 
nen Wissenstrieb,  seinen  rührenden  Ideahsmus  geschildert.  Kellers 
Vater,  sagt  Otto  Stoessl,  stellt  etwa  die  gute  Grundmasse  der 
Zürcher  Stadtbevölkerung,  das  ,,  auf  strebende,  bildungsbefhssene, 
poHtisch  energische  und  gut  radikale  Kleinbürgertum  dar,  während 
die  Mutter  einen  angebornen,  frauenhaften  Konservatismus  ruhiger 
Gesittung  bewährte".  Von  der  nicht  alltägHchen  Art  des  Vaters, 
dem  auch  eine  gewisse  dichterische  Veranlagung  nicht  abging, 
zeugte  besonders  die  Zartheit  des  eheHchen  Verhältnisses.  Meister 
Keller  ertrug  es  mit  Lächeln,  als  seine  Frau  einmal  sagte,  wenn  er 
doch  nur  Gottfried  heissen  würde  statt  Rudolf,  das  wäre  ein  so  viel 
schönerer  Name.  Er  wusste,  dass  einst  eine  stille  Neigung  den 
Jxmker  Gottfried  von  Meiss  auf  Schloss  Teufen  und  die  Tochter 
des  Chirurgus  von  Glattfelden  einander  genähert  hatte,  und  als 
ntm  am  19.  JuH  1819  im  Haus  zum  ,, Goldenen  Winkel"  Zürichs 
grösster  Dichter  geboren  wurde,  da  hat  der  glückliche  Vater  ohne 
Wissen  seiner  Frau  den  Junker  Meiss  zum  Taufpaten  erbeten,  wohl 
wissend,  welche  Freude  er  ihr  damit  bereiten  werde.  Und  der  Junker 
hat  dem  Knäblein  seinen  Namen  gegeben  und  bei  der  Taufe  am 
28.  Juli  in  der  Predigerkirche  sich  als  Paten  eintragen  lassen. 


192  XXXV.  KAPITEL:   GOTTFRIED  KELLER  o 

Leider  starb  der  treffliche  Vater  schon  am  12.  August  1824. 
Die  Mutter  —  die  nicht  ganz  dem  Bild  derjenigen  des  „Grünen 
Heinrich"  entspricht  —  besass  zwar  vorzügHche  Eigenschaften  und 
war  eine  verständige  und  resolute  Frau;  es  gelang  ilir  aber  nicht, 
die  Erziehung  und  Bildung  des  talent-  und  phantasievollen  Sohnes 
in  feste,  geordnete  Balmen  zu  lenken.  Was  ihr  an  praktischem 
Geschick  vielleicht  abging,  ersetzte  sie  durch  eine  unerschöpfHche 
Liebe  und  Hingabe,  durch  eine  Aufopferung  sondergleichen.  Gott- 
fried Keller  erkannte  das  und  hielt  Mutter  und  Schwester,  die  für  ihn 
sich  plagten  und  für  ihn  darbten,  in  hohen  Ehren.  ,,Wenn  ich  mir 
einst  einige  Ehre  erwerbe,"  schreibt  er  aus  BerHn,  ,,so  habt  Ihr  den 
grössten  Teil  daran  durch  Eure  stille  Geduld."  In  seinem  Tagebuch 
findet  sich  die  Aufzeichnung:  ,,Ich  bin  die  unnütze  Zierpflanze,  die 
geruchlose  Tulpe,  welche  alle  Säfte  dieses  Häufleins  edler  Erde  auf- 
saugt .  .  .  Indessen  bin  ich  stolz  auf  unser  verborgenes  Leiden  und 
auf  die  Stärke  und  Kraft  meines  armen  alten  Mütterchens  tmd  auf 
den  stillen  Wert  meiner  Schwester.  Das  übertrifft  alle  Fraubase- 
reien  meiner  öffentHchen  Beziehungen."  Die  Mütter  in  Gottfried 
Kellers  Dichtungen  zeugen  davon,  was  er  von  seiner  Mutter  ge- 
halten, und  vom  ,, Grünen  Heinrich"  sagte  ein  Kritiker:  ,,Noch  nie 
ist  ein  Gedicht  der  Liebe  zwischen  Mutter  und  Sohn  gedichtet 
worden,  so  einfach  und  innig,  so  wahr  und  schön." 

Die  ersten  Jahre  nach  des  Vaters  Tod  führte  die  Mutter  die 
Drechslerwerkstatt  noch  weiter  und  heiratete  dann  auch  den  ersten 
Gesellen;  aber  es  war  das  ein  Irrtum,  und  die  Ehe  musste  wieder 
geschieden  werden.  Mutter  Keller  war  eine  ganz  vortreffUche  Brief- 
stellerin. ,,Die  Antworten  der  betrübten  und  doch  immer  wieder  zu 
jedem  Opfer  für  den  Sohn  bereiten  Frau,  die  mit  kummervollem 
Herzen  dem  fernen  Kinde  zur  Erheiterung  erzählten  kleinen  Nach- 
richten aus  der  Nachbarschaft  gehören  zu  den  rührendsten  und 
in  ihrer  einfältigen  Vornehmheit  und  ursprüngHchen  Feinheit  er- 
greifendsten Äusserungen  elementarer  mütterHcher  Natur."  Das 
Haus  zur  ,, Sichel"  war  von  oben  bis  unten  vermietet  und  auch  auf 
dem  eigenen  Stockwerk  jeder  Raum  durch  Abgabe  an  Kostgänger 
nutzbar  gemacht.  Von  ihren  sechs  Kindern  waren  der  Witwe  nur 
zwei  gebheben,  Gottfried  und  Regula  (geb.  1822),  und  dieses  Ge- 
schwisterpaar blieb  auch  auf  eine  weite  Strecke  seines  Lebenslaufes 
aufeinander  angewiesen.  Regula  gab  nicht  allzuviel  auf  des  Bruders 


Q  XXXV.  KAPITEL:   GOTTFRIED  KELLER  i93 

Schriftstellerei ;  dass  er  Staatsschreiber  geworden,  machte  ihr  be- 
deutend mehr  Eindruck.  Sie  ist  nicht  zu  vergleichen  mit  „Betsy", 
der  ebenbürtigen  Schwester  Conrad  Ferdinand  Meyers,  aber  sie  hat 
sich  ein  Anrecht  auf  den  Dank  der  Nachwelt  erworben  dadurch, 
dass  sie  dem  Bruder  und  der  Mutter  ihre  Jugend  und  ihr  Lebens- 
glück opferte.  Mit  ihrem  Verdienst  als  Schneiderin  im  Kundenhaus 
und  später  als  Verkäuferin  in  einem  Schirmladen  hielt  sie  den 
Haushalt  über  Wasser  und  steuerte  nach  Kräften  bei  zum  Unter- 
halt des  Bruders  in  Deutschland.  Und  als  die  Mutter  gestorben 
war,  führte  sie  ihm  die  Junggesellenwirtschaft  in  ihrer  sparsamen 
imd  mehr  als  einfachen  Weise.  Geistig  vermochte  sie  ilim  nichts 
zu  bieten,  imd  zwischen  den  beiden  Geschwistern  war  ,,ein  ewiges 
Gebrumm".  Doch  das  zunehmende  Alter  schloss  sie  immer  enger 
zusammen,  und  als  im  Jahr  1888  die  Schwester  starb,  trauerte 
Keller  aufrichtig  um  sie. 

Als  sinniger  Knabe  hat  der  Dichter  seine  glückhche  Kindheit 
im  behagUchen  Gesumme  seiner  Gasse  verdämmert,  in  der  Armen- 
schule die  ersten  Freundschaften  geschlossen  und  auch  den  ersten 
Widersacher,  das  ,, Meierlein",  gefunden.  Wie  manche  von  Gott- 
fried Kellers  Hausgenossen  und  heben  Nachbarn  am  Rindermarkt 
haben  später  als  lebensvolle  Gestalten  die  Szenen  des  ,, Grünen 
Heinrich"  und  der  ,, Züricher  Novellen"  bevölkert  und  durch  die 
Berührung  mit  des  Dichters  Zauberstab  ihre  papierne  Unsterblich- 
keit erlangt !  Früh  äusserte  sich  bei  dem  Knaben  der  künstlerische 
Gestaltungstrieb  in  allerhand  wimderbaren  Malereien,  mit  Vor- 
liebe Morgenrot  oder  Abendrot  darstellend,  in  schnurrigen  ,, Lau- 
nen" und  Einfällen,  mit  denen  er  ein  zusammengekleistertes  Notiz- 
buch füllte,  besonders  aber  in  den  ersten  dramatischen  Versuchen, 
bei  deren  glanzvollen  Auffülirungen  die  Nachbarskinder  Rordorf 
mitzuwirken  hatten.  Von  1831 — 1833  hat  Gottfried  Keller  als  der 
Sohn  eines  Ansassen  das  sogenannte  ,, Landknabeninstitut"  an  der 
Stüssihofstatt  besucht  und  dann  die  kantonale  Industrieschule  im 
Chorherrenstift  beim  Grossmünster  bezogen,  die  ihn  aber  schon  im 
folgenden  Jahre  schmähHch  ausstiess,  tmd  zwar  einer  ganz  ein- 
fältigen Geschichte  wegen.  Einige  Herrensöhnchen  aus  einer  altern 
Klasse,  die  gegen  einen  unbehebten  Lehrer  eine  Demonstration  in- 
szenierten, hatten  die  Unschuld  aus  dem  Rindermarkt  zum  Mit- 
gehen angestiftet,  die  dann  auch  hängen  blieb,  während  sie  selber 

13 


194  XXXV.  KAPITEI.:   GOTTFRIED  KELLER  o 

frei  ausgingen.  Gottfried  Keller  hat  diese  ungerechte  Relegation, 
der  er  die  Schuld  an  seinem  ,, verhunzten"  Bildungsgang  zuschrieb, 
tief  und  lebenslang  empfunden.  Mühsam  den  Weg  seines  geistigen 
Fortkommens  selber  suchend,  blickte  er  noch  öfters  schmerzHch 
,, durch  das  verschlossene  Gitter  in  den  reichen  Garten  der  reifern 
Jugendbildung". 

Es  fiel  ilim  ein,  Maler  zu  werden,  und  er  zog  zunächst  mit  sei- 
nen Gerätschaften  und  reichhchem  Papier  zu  Onkel  Scheuchzer 
nach  Glattfelden,  der  ihm  schon  öfters  ein  trautes  Ferienheim  ge- 
boten hatte.  Dort  verbrachte  der  fortgejagte  Industrieschüler  ganz 
vergnügte  Sommermonate,  indessen  zu  Hause  die  Mutter  sich  um 
seine  Zukunft  härmte  und  bei  Freunden  und  Bekannten  herum- 
lief, um  sich  guten  Rat  zu  holen.  Aber  als  der  Sohn  im  Herbst  1834 
mit  einigen  Malereien  heimkehrte,  wusste  sie  noch  immer  nicht, 
wo  aus  und  an.  Der  erste  Lehrmeister,  den  sie  scliHessUch  ausfindig 
machen  konnte,  war  ein  Stümper,  und  der  zweite  zwar  ein  grosser 
Künstler,  aber  —  wahnsinnig!  Unterdessen  nahm  der  hoffnungs- 
volle Sohn  an  Jahren  imlieimhch  zu.  Er  war  zu  Weihnachten  1835 
in  der  Predigerkirche  konfirmiert  worden,  wurde  aber  unversehens 
20  Jahre  alt,  bevor  sich  irgend  ein  gangbarer  Lebensweg  für  ihn 
zeigte.  In  diese  Zeit  fallen  auch  seine  ersten,  nicht  für  den  Druck 
bestimmten  schriftstellerischen  Versuche:  phantastische  Erzäh- 
lungen, Landschaftsschilderungen,  Gedichte  und  ÄhnHches.  In 
den  Skizzenbüchern  aus  diesen  Jahren  treten  die  Zeichnungen  vor 
dem  Geschriebenen  mehr  und  mehr  zurück.  Schon  ringt  in  Gott- 
fried Keller,  ihm  selber  unbewusst,  der  werdende  Dichter  mit  dem 
angehenden  Maler. 

Darüber  allerdings  ist  er  sich  nun  klar  geworden,  dass  er  in 
der  Heimat  nichts  mehr  lernen  kann  und  mag  und  dringend  der 
Ausbildung  in  einer  wirkhchen  Kunststadt  bedarf.  So  beschliesst 
er  denn,  nach  München  zu  ziehen,  und  die  gute  Mutter  ist  einver- 
standen, so  sehr  sich  auch  ihr  ganzes  Wesen  gegen  die  abenteuer- 
Hche  Künstlerlaufbahn  sträubt.  Es  gelingt  ihr  auch  —  nicht  ohne 
Widerstand  der  Vormundschaftsbehörde  in  Glattfelden  —  ein  ,, Per- 
gamentlein" aus  des  Vaters  Erbe  zu  versilbern,  und  mit  einem 
Betriebskapital  von  50  Gulden  zieht  Gottfried  Keller  im  Mai  1840 
in  München  auf.  Das  langt  nun  allerdings  nicht  weit,  und  bald  ist 
das  ganze  ,, Pergamentlein"  von  236  Gulden  aufgezehrt.  Der  Mutter 


o  XXXV.  KAPITEI.:   GOTTFRIED  KELIvER  195 

und  der  Schwester  Sparpfennige  wandern  nach  München,  und 
immer  wieder  schreibt  Gottfried  um  Geld.  Er  drängt  die  Mutter, 
eine  Hypothek  auf  das  Haus  zu  nehmen.  Sie  kann  sich  dazu  erst 
entschHessen,  als  sie  —  tödlich  erschrocken  —  vor  den  Polizei- 
präsidenten zitiert  wird,  bei  dem  aus  München  polizeiliche  Recher- 
chen wegen  Nichtbezahlung  eines  Mietzinses  eingegangen  sind.  Mit 
schwerem  Herzen  macht  die  Mutter  300  Gulden  flüssig,  die  von 
den  Münchener  Schulden  restlos  aufgesogen  werden.  —  Und  doch 
lebte  Gottfried  Keller  keineswegs  unsohd.  Er  arbeitete  im  Schweisse 
seines  Angesichts,  sparte  und  schränkte  sich  aufs  äusserste  ein. 
Tagelang  genoss  er  nichts  als  ein  Stück  Brot  und  ein  Glas  Bier  und 
kam  in  der  Gesundheit  ganz  herunter;  er  wurde  auch  auf  den  Tod 
krank  und  sah  im  halben  Fieber  zuweilen  etwa  einen  Landsmann 
auf  einen  Augenblick  an  sein  Bett  treten  mit  der  teilnehmenden 
Frage:  ,, Hat's  dich,  Strabo!"  Das  Schlimmste  aber  war,  dass  es 
auch  in  München  mit  der  Malerei  nicht  geraten  wollte  und  nagende 
Zweifel  an  seiner  Begabung  als  Künstler  ihn  quälten.  Seine  mangel- 
hafte Vorbildung  hinderte  ihn  daran,  dem  damals  üblichen  allge- 
meinen Akademieunterricht  regelmässig  zu  folgen,  und  so  wurde 
auch  der  Münchener  Aufenthalt  nur  eine  Fortsetzung  seines  schrul- 
lenhaften und  unterbrochenen  Bildungsganges.  Bei  seinen  eigenen 
Bildern  verfolgte  ihn  andauerndes  ,,Pech".  Dem  einen,  für  das  ihm 
50 — 60  Gulden  in  Aussicht  standen,  brannte  der  Ofen  ein  Loch  in 
die  Leinwand,  die  er  doch  nur  hätte  trocknen  sollen.  Ein  anderes 
sandte  Keller  auf  die  Ausstellung  nach  Zürich.  Schlecht  verpackt 
und  von  einem  Fulirmann  gleichgültig  transportiert,  kam  es  in  einem 
traurigen  Zustand  in  Zürich  an,  und  die  Mutter  hatte  Laufereien 
genug,  bis  das  Bild  gereinigt  und  hergestellt  in  der  Ausstellung 
hing.  Dann  schrieb  sie  dem  Sohne:  ,, Gestern  ging  ich  auf  die  Aus- 
stellung mit  Regula  und  noch  mehreren  Bekannten,  weil  bloss  die 
Freitage  in  der  Woche  frei  sind.  Dein  Bild  befindet  sich  an  einem 
schönen  Platze  im  zweiten  Zimmer;  es  vv^urde  mit  grossen  Augen 
von  uns  Nichtkennern  bewundert.  Ich  stand  lange  mit  Nachdenken 
dabei  imd  berechnete  eben  die  Kosten  der  Rahme  und  die  Zeit  der 
Arbeit.  Und  dann  wieder  die  Besorgnis,  wenn  es  hier  nicht  ver- 
kauft wird!  Freude  und  Kummer  wechselten  stets  meine  Ge- 
danken." Die  trübe  Ahnung  trog  die  Mutter  auch  diesmal  nicht; 
das  Bild  fand  keinen  Käufer.    In  München  trieb  Gottfried  Kellers 


196  XXXV.  KAPITEL:   GOTTFRIED  KEI.LER  o 

Künstlerschicksal  dem  Schiffbruch  entgegen.  Er  brachte  seine 
ganze  künstlerische  Habe  dem  Trödler  tmd  fand  —  vom  Hunger 
bezwungen  —  Arbeit  als  Anstreicher  von  Flaggenstangen  für  irgend 
ein  Prinzenfest.  Aus  allen  Nöten  und  Verlegenheiten  flüchtete 
Gottfried  Keller  im  November  1842  nach  Hause. 

Es  folgten  sechs  Jahre  des  ungewissen  Lebens,  und  doch  hat 
Gottfried  Keller  auch  diese  schweren  Jahre,  an  die  er  später  nur 
mit  Grauen  zurückdachte,  nicht  umsonst  gelebt;  denn  in  dieser 
Zeit  hat  sich  sein  eigentüches  Wesen  durchgesetzt  und  ist  er  zum 
Dichter  geworden.  Mit  allem  Eifer  wurde  zwar  die  Malerei  vor- 
derhand noch  weiter  betrieben,  und  da  der  Mutter  Dachstübchen 
zu  klein  war  für  die  riesigen  Kartons,  mietete  Keller  ein  kleines 
AteHer  in  der  Nähe.  Aber  die  Bude  war  kalt  und  unfreundlich, 
und  immer  häufiger  und  länger  zog  sich  der  Maler  von  der  Staffelei 
hinter  den  warmen  Ofen  zurück,  um  sich  in  seine  Bücher  zu  ver- 
tiefen, an  seinem  Tagebuch  zu  schreiben  oder  einem  melanchoH- 
schen  Spintisieren  sich  hinzugeben.  Dabei  kam  ihm  der  Gedanke, 
einen  traurigen  kleinen  Roman  zu  schreiben  über  den  tragischen 
Abschluss  einer  jungen  Künstlerlaufbahn,  an  welcher  Mutter  und 
Sohn  zugrunde  gingen.  Es  sollte  ein  elegisch-h^risches  Buch  wer- 
den mit  heitern  Episoden  und  einem  zypressendunkeln  Schluss, 
wo  alles  begraben  wurde.  Das  waren  die  Anfänge  des  ,, Grünen 
Heinrich" !  Doch  bald  durchkreuzte  diesen  Plan  eine  andere  Ent- 
deckung. Ein  Band  der  Gedichte  Herweghs,  den  er  eines  Mor- 
gens im  Bett  durchblätterte,  weckte  in  seiner  Brust  den  Lieder- 
born. Mit  Macht  brach  der  Quell  der  Poesie  hervor  und  die  Verse 
strömten  ihm  mit  einer  Leichtigkeit  zu,  die  ihn  selber  in  Erstaunen 
setzte.  Die  Farben  auf  seiner  Palette  trockneten  vollends  ein,  und 
Keller  begab  sich,  mit  seinem  Sammetfräcklein  angetan,  jeden 
schönen  Morgen  in  den  Platzspitz,  wo  Limmat  und  Sihl  zu- 
sammenfHessen,  und  richtete  sich  unter  einem  der  Bäume  häus- 
Hch  ein.  Eine  Menge  von  Gedichten  sind  auf  diesem  idyllischen 
Fleckchen  Erde  entstanden.  1843  ist  das  Geburtsjahr  von  Gott- 
fried Kellers  Lyrik.  Ihre  Stoffe  fand  er  zum  Teil  in  den  pohti- 
schen  Strömungen  jener  von  Jesuitenlärm  und  Sonderbund  er- 
füllten Tage.  Das  erste  gedruckte  Gedicht  Gottfried  Kellers  führt 
den  Titel  ,,Loyolas  wilde  verwegene  Jagd".  Eine  konservative 
Nachbarin  wurde  von  dem  , .garstigen  pohtischen  Lied",  als  es  am 


o  XXXV.  KAPITEI/:   GOTTFRIED  KEI^LER  197 

3.  Februar  1844  in  der  „Freien  Schweiz"  erschien,  so  in  Wut  ver- 
setzt, dass  sie  darauf  spuckte  und  weglief. 

Den  ersten  Schritt  zur  Ruhmeshalle  deutscher  Dichter  tat 
Gottfried  Keller  am  17.  August  1843,  an  welchem  Tage  er  eine 
Auswahl  seiner  Gedichte  zur  Prüfung  und  Beurteilung  an  Dr. 
Julius  Fröbel  in  Hottingen  sandte.  Er  kam  damit  vor  die  rechte 
Schmiede.  Fröbel,  der  Gründer  des  ,, Literarischen  Comptoir"  in 
Zürich  und  Winterthur  und  Redaktor  des  ,, Schweizerischen  Re- 
publikaner", antwortete  am  30.  August  aufmunternd  und  wies 
Keller  an  Ludwig  Folien,  den  Romantiker  des  Deutschtums,  der 
in  Hottingen  ein  gasthches  Haus  für  seine  Freunde  und  Ge- 
sinnungsgenossen führte.  Folien  nahm  sich  des  jungen  Dichters 
Hebevoll  an  und  gab  sich  redliche  Mühe,  Keller  bei  der  not- 
wendig befundenen  Umarbeitung  und  Läuterung  seiner  Gedichte 
anzuleiten.  Die  Verbindung  mit  Fröbel  und  Folien  wurde  für 
Gottfried  Keller  überaus  wertvoll  und  anregend.  Br  machte  die 
persönhche  Bekanntschaft  grosser  deutscher  Dichter  wie  Ferdinand 
Freiligrath  und  Hoffmann  von  Fallersleben,  schloss  Freundschaft 
für  das  Leben  mit  Wilhelm  Schulz,  dem  gewandten  Publizisten, 
und  bewegte  sich  fortan  mit  Behagen  in  einem  Kreise  deutscher 
und  schweizerischer  Literaten  und  Politiker.  ,,  Junge  Liebesleiden- 
schaft zu  der  reizenden  Winterthurerin  Luise  Rieter,  freilich  so 
enttäuscht,  wie  eben  jede  Kellersche  Werbung  barock  und  vergeb- 
lich, die  Energie  dichterischer  Sehnsucht,  das  feurige,  aber  aller- 
dings fahrige  politische  Treiben  im  bewegten  Strom  des  damaHgen 
Schweizer  Lebens,  welches  zu  einer  Neugestaltung  der  Dinge  führte, 
Zechgelage  und  Ausflüge  im  sommerHchen  Land  erfüllten  diesen 
Lebensraum  mit  lautem  Schall."  Dem  JesuitenHed  folgten,  wie 
Keller  erzählt,  ,, andere  Dinge  dieser  Art,  Siegesgesänge  über  ge- 
wonnene Wahlschlachten,  Klagen  über  ungünstige  Ereignisse,  Auf- 
rufe zu  Volksversammlungen,  Invektiven  wider  gegnerische  Partei- 
führer usw.,  und  es  kann  leider  nicht  geleugnet  werden,  dass  ledig- 
lich diese  grobe  Seite  meiner  Produktionen  mir  schnell  Freunde, 
Gönner  und  ein  gewisses  kleines  Ansehen  erwarb.  Dennoch  be- 
klage ich  heute  noch  nicht,  dass  der  Ruf  der  lebendigen  Zeit  es 
war,  der  mich  weckte  und  meine  Lebensrichtung  entschied." 

Am  13.  September  1843  entstand  das  Lied  ,,0  mein  Heimat- 
land, o  mein  Vaterland".  Keller  hat  von  diesem  Gedicht  nie  viel 


198  XXXV.  KAPITEI.:   GOTTFRIED  KEI^LER  o 

gehalten  und  immer  behauptet,  dass  es  seine  Volkstümhchkeit  nur 
der  am  lo.  Juni  1846  komponierten  Melodie  Wilhelm  Baumgartners 
verdanke.  Es  wurde  zum  erstenmal  im  März  1851  vom  Studenten- 
gesang\^erein  öffentlich  gesungen.  Baumgartner  hat  sich  einmal 
bei  einer  Begegnung  unter  dem  Helmhaus  dem  Dichter  vorgestellt, 
und  seitdem  verband  diesen  eine  innige  Freundschaft  mit  dem 
,, Spielmann  treu  und  klug".  ,,0  mein  Heimatland"  war  das  erste 
von  den  15  Gedichten  Kellers,  die  Baumgartner  komponiert  hat. 
Bei  seiner  Maifahrt  1858  sang  der  Studentengesang\^erein  in  An- 
wesenlieit  Kellers  und  unter  des  Komponisten  Leitung  das  herr- 
liche Lied  auf  dem  Rasengrün  der  Ufenau.  Übermannt  von  Freude 
und  Dank  fiel  der  Dichter  dem  Freunde  um  den  Hals. 

Aber  Keller  empfand  das  Bedürfnis,  sich  auch  aktiv  an  der 
Bekämpfung  der  Jesuiten  und  aller  schwarzen  Reaktion  im  Schwei- 
zerland zu  beteiligen.  Er  befand  sich  unter  dem  kleinen  Häuflein 
von  Zürcher  FreiwilUgen,  die  im  Dezember  1844  den  Luzerner 
Freischaren  zu  Hülfe  kommen  wollten,  aber  schon  in  Albisrieden 
aufgelöst  wurde.  Auch  beim  Freischarenzug  vom  31.  März  1845 
machte  Keller  an  der  Seite  von  Grunholzer,  Sieber,  Treichler,  Boss- 
hard-Jacot  u.  a.  mit.  Diesmal  kam  man  bis  Maschwanden,  aber 
wieder  nicht  über  die  Grenze  des  Kantons  hinaus.  Dubs,  der  an 
dem  Gewalthaufen  vorüberritt,  rief  dem  martialisch  ausgerüsteten 
Keller  lachend  zu:  ,, Gottfried,  du  hast  ja  einen  hölzernen  Feuer- 
stein!" (Er  hatte  vergessen,  das  Sperrhölzchen  am  Gewehrschloss 
durch  den  Feuerstein  zu  ersetzen.)  Ohne  kriegerischen  Riihm 
musste  die  von  Statthalter  Hegetschweiler  am  Weitermarsch  ver- 
hinderte Streitmacht  heimkehren.  Dafür  feierte  Keller  in  be- 
geisterten Versen  die  grosse  Volksversammlung  von  Unterstrass 
am  26.  Januar  1845  und  die  Befreiung  von  Dr.  Steiger  in  Luzern. 
Eine  weitere  Liederreihe  verdankte  ihr  Entstehen  einem  Aufent- 
halt Gottfried  Kellers  in  Glattfelden  im  JuH  und  August  1845. 

Unterdessen  hatten,  anfangs  1845,  im  ,, Deutschen  Taschen- 
buch" von  Fröbel  und  Folien  die  ersten  Gedichte  Gottfried  Kellers 
den  Weg  in  die  grosse  öffentHchkeit  gefimden.  Sie  erschienen 
unter  dem  Titel:  ,, Lieder  eines  Autodidakten.  Gottfried  Keller 
von  Glattfelden  bei  Zürich."  Die  Kritik  Hess  sich  sofort  sehr  gün- 
stig vernehmen.  Das  Stuttgarter  ,, Morgenblatt"  feierte  Keller  als 
das  bedeutendste  l3'rische  Talent,  das  in  der  Schweiz  laut  geworden. 


o  XXXV.  KAPITEL:   GOTTFRIED  KELLER  199 

Enthusiastisch  begrüssten  ihn  auch  die  „Jahrbücher  der  Gegen- 
wart"; Dichter  und  Maler  zugleich,  sei  Keller  von  einer  Muse  der 
andern  abgenommen  worden.  Folien  vermochte  den  Verleger  Anton 
Winter  in  Heidelberg  zu  bestimmen,  ein  Bändchen  ,, Gedichte" 
Gottfried  Kellers  herauszugeben,  das  anfangs  1846  erschien.  Auch 
diesmal  bereitete  die  Kritik  dem  Dichter  eine  glänzende  Aufnahme ; 
nur  wurde  gelegentlich  die  radikale  Bisenfresserei  der  politischen 
Lieder  getadelt. 

So  schön  diese  Erfolge  waren,  für  die  Prosa  des  Alltags,  die 
vor  allem  ein  genügendes  Auskommen  verlangte,  bedeuteten  sie 
immer  noch  zu  wenig.  Gottfried  Keller  war  jetzt  bald  dreissig 
Jahre  alt  und  streckte  noch  immer  die  Füsse  unter  der  Mutter  Tisch. 
Er  war  über  zwei  Dinge  im  Klaren :  dass  er  Dichter  werden  wollte 
und  dass  dazu  noch  eine  tüchtige  akademische  Bildung  gehörte. 
„Und  hier"  —  so  erzählt  der  Deutsche  Otto  Stössl  schhcht  und 
schön  —  ,, griff  sein  Vaterland  ein  wie  ein  besonderes,  über  einem 
wertvollen  Menschen  waltendes  Schicksal,  das  einen  Gefährdeten, 
Irrenden  kräftig  beim  Schöpfe  fasst  tmd  zurechtsetzt.  Dass  tmd 
wie  die  damalige  Zürcher  Regierung  und  ihre  Leute  diese  Hilfe  ge- 
leistet, gereicht  dem  Lande  zu  hohen  Ehren.  Freilich  gibt  das 
glückhche  Gehngen  dem  Unternehmen  erst  den  Glorienschein  des 
Verdienstes,  aber  eben  wie  die  Heimat  einem  fahrigen,  seiner  selbst 
wahrhch  nicht  sichern  Menschen,  der  kaum  die  erste  Probe  der  Be- 
gabung abgelegt,  beispringt,  ohne  viel  zu  fragen  und  zu  bedingen, 
einfach  weil  Hilfe  not  tut  und  schon  durch  den  ersten  Ruf  einer 
Begabung  gerechtfertigt  und  verdient  genug  ist,  wie  man  den 
jungen  Mann  zu  seiner  dichterischen  Ausbildung  in  die  Fremde 
schickt,  damit  aus  ihm  werde,  was  da  mag,  das  ist  ein  Stück  Kunst- 
politik und  praktischen  Erziehimgseifers  von  seltener  Würde  und 
Freüieit  staatlichen  Empfindens  und  Wirkens.  Man  vergleiche  da- 
mit nur  das  gequälte,  bureaukratische,  mit  gestempelten  Wohl- 
verhaltungs-  und  Bildungszeugnissen  ausgewiesene,  ängsthch  airf 
die  möglichst  zeitige  Wiedervergeltung  bedachte,  karge,  von  kläg- 
lichem Protektionswesen  korrumpierte,  nicht  dem  ersten  Besten, 
sondern  oft  genug  dem  ersten  Schlimmsten  zufallende  Stipendien- 
almosen, das,  anderwärts  üblich,  mehr  beschämt  als  fördert,  das, 
mit  einem  penetranten  Armenleutegeruch  behaftet,  den  Bedürf- 
tigen zu  einer  Art  von  Sünder  macht,  der,  um  es  zu  erjagen,  ein 


200  XXXV.  KAPITEI,:   GOTTFRIED  KELI.ER  o 

Spiessrutenlaufen  durch  ein  Spalier  von  salbungsvollen  und  ver- 
ständnislosen Quasigönnern  antreten  muss.  Und  wie  abhängig 
wird  sonst  durch  eine  solche  öffentliche  Gabe  der  Empfänger,  dem 
für  alle  Zeiten  politisch  und  gesellschaftlich  der  Mund  geschlossen 
ist,  der  sich  nur  zu  Dankesbezeugungen  und  loyalen  Kundgebungen 
öffnen  darf.  Für  Keller  bedeutete  diese  Hilfe  gar  keine  Verpfhch- 
tung  ausser  der  selbstverständlichen  eines  gewissenhaften,  strengen 
künstlerischen  Verhaltens.  Hat  er  doch  in  spätem  Jahren,  selbst 
als  besoldeter  Regierungsmann,  zu  jeder  Zeit  die  Freiheit  seines 
Wortes  gewahrt  und  zum  Besten  seines  Vaterlandes  ausgenützt, 
ohne  Rücksicht  auf  Einzelne  oder  auf  herrschende  Gönner." 

Einige  deutsche  Professoren  an  der  Universität  Zürich,  die 
Keller  im  Follenschen  Hause  kennen  gelernt,  darunter  Ferdinand 
Hitzig  xmd  K.  J.  Löwig,  suchten  den  Bürgermeister  Alfred  Escher 
und  die  Regierungsräte  Eduard  Sulzer  und  Rudolf  Bollier  für  den 
prächtigen  und  hochbegabten  jmigen  Menschen,  der  in  Gefahr 
stand  zu  verbummeln,  zu  interessieren.  Eduard  Sulzer  Hess  Keller 
zu  sich  kommen,  und  das  Resultat  der  Unterredung  war  ein  Sti- 
pendium von  800  Fr.,  das  ihm  am  26.  September  1848  bewilHgt 
wurde.  Damit  ging  Keller  im  Oktober  nach  Heidelberg,  um  sich 
zunächst  auf  dramaturgische  Studien  zu  werfen.  In  einem  aber- 
maUgen  Missverstehen  eines  jugendHchen  Spieltriebes  richtete  er 
seine  Pläne  auf  das  Drama  und  schlug  damit  wiederum  einen  Ab- 
w^eg  ein;  die  Folge  war,  dass  die  erwarteten  Leistungen  ausbheben 
und  neue  Enttäuschungen  Platz  griffen,  bis  dann  die  harte  Hand 
des  Schicksals  den  Widerstrebenden  auf  den  Weg  stellte,  der  ihm 
bestimmt  war.  In  Heidelberg  fand  Keller  auserlesene  Gesellschaft 
bei  dem  Literar-  imd  Ktmsthistoriker  Hermann  Hettner,  dem 
Philosophen  Christian  Kapp,  von  dessen  Tochter  Johanna  er  das 
zweite,  zierHche  Körbchen  empfing,  dem  Anatomen  Jakob  Henle, 
der  Keller  in  Zürich  kennen  gelernt  und  von  ihm  geschrieben  hatte : 
,,Für  uns  war  es  ziemlich  dasselbe,  ob  ein  junger  zahmer  Bär  oder 
ein  Poet  mit  uns  zu  Tische  sass;  denn  ausser  einigem  unartiku- 
lierten Gebrumme  bekamen  wir  nichts  von  ihm  zu  hören."  Der 
Philosoph  Ludwig  Feuerbach  hat  Keller  in  Heidelberg  den  Glauben 
an  den  persönlichen  Gott  wegdisputiert,  doch  stand  der  Dichter 
in  späteren  Jahren  dem  Gottesglauben  weniger  schroff  ablehnend 
gegenüber.    Als  das  Stipendium  aufgezehrt  war,  fing  das  Borgen 


o  XXXV.  KAPITEI,:   GOTTFRIED  KELLER  201 

bei  der  Mutter  wieder  an.  Zum  Trost  schrieb  er  dazu:  „Ich  lebe 
jetzt  ziemhch  wohlfeil.  Es  ist  hier  Sitte,  dass  man  seine  Be- 
suche am  Abend  nach  7  Uhr  macht,  wo  man  dann  mit  den  Leuten 
Tee  trinkt  und  etwas  Wurst  oder  Schinken  isst.  Da  ich  in  mehreren 
Häusern  eingeführt  bin  und  jede  Woche  einmal  hingehen  muss, 
so  habe  ich  mir  das  gemerkt  und  studiere  nun  jeden  Abend,  wo 
ich  hingehen  wolle." 

Zum  Glück  hatte  die  weitherzige  Zürcher  Regierung  abermals 
ein  Einsehen  und  bewilUgte  im  Oktober  1849  ein  zweites  Stipen- 
dium von  1000  Fr.,  das  Keller  für  einen  Aufenthalt  in  Berlin  be- 
stimmte, wo  er  dem  Theater  näher  zu  sein  hoffte.  Im  April  1850 
fand  die  Übersiedlung  statt,  aber  aus  dem  Studienaufenthalt  in 
BerHn  wurden  fünf  lange,  bittere,  entscheidende  Jahre.  ,,BerHn 
war  meine  Korrektionsanstalt",  pflegte  Gottfried  Keller  zu  sagen. 
Fortwährend  peinigten  ihn  Verlegenheiten  und  damit  verbundene 
Demütigungen.  UnvergessHch  bHeb  ihm  —  es  war  im  zweiten 
Jahr  des  Berliner  Aufenthalts  —  die  Szene  in  dem  Bäckerladen, 
wo  er  mit  seinem  letzten  Groschen  ein  Brot  kaufte,  die  elegante 
Bäckerstochter  aber  verächthch  den  Groschen  als  gefälscht  zurück- 
wies, so  dass  er  das  Brot  wieder  hinlegen  und  beschämt  aus  dem 
Laden  schleichen  musste.  An  diesem  ganzen  Tag  ass  er  nichts.  Er 
war  auch  in  Berlin  ,, immer  derselbe  unentschlossene,  schweigsame, 
dahinträumende  Gottfried  Keller,  welcher  jedesmal  erst  zum  Han- 
deln gelangte,  wenn  üim  das  Wasser  bis  an  die  Seele  ging,  aber 
auch  immer  derselbe  ehrHche,  wahrhaftige,  sich  selbst  getreue 
Mensch."  Kellers  sauerstes  BerHner  Tagewerk,  das  sich  durch 
fünf  Jahre  hindurch  zog,  war  der  schon  1846  begonnene  Jugend- 
roman. ,,Der  grüne  Heinrich",  ein  reich  ausgestalteter  und  gemüts- 
tiefer selbstbiographischer  Roman.  Gottfried  Keller  konnte  sich 
zur  schriftstellerischen  Arbeit  jeweilen  nicht  leicht  aufraffen;  für 
ihn  hatte  nur  die  Erfindung  einer  Dichtimg  und  das  stille  Aus- 
denken derselben  Reiz;  aber  das  Niederschreiben  war  ihm  lästig, 
und  er  entzog  sich  dieser  Aufgabe  so  lange  als  mögHch.  Die  Sorge 
ums  tägHche  Brot  trieb  ihn,  das  Werk,  von  dem  nur  einige  Seiten 
geschrieben  waren,  schon  im  Februar  1850  dem  Verleger  Vieweg 
in  Braunschweig  anzubieten,  der  mit  überraschender  Bereitwillig- 
keit darauf  einging  und  mit  Keller  einen  Vertrag  abschloss.  Aber 
bis  Vieweg  nun  den  Dichter  dazu  brachte,  seine  Verpflichtungen 


202  XXXV.  KAPITEL:   GOTTFRIED  KELLER  o 

ZU  erfüllen  und  seine  Nachlässigkeit  zu  üben\-inden,  das  war  für 
ihn  ein  hartes  Stück  Arbeit,  denn  Gottfried  Keller  hatte  in  diesen 
Dingen  eine  Art,  die  auch  den  gutmütigsten  und  geduldigsten 
Verleger  zur  Verzweiflung  bringen  konnte.  ,,Der  Briefwechsel, 
womit  die  beiden  Kontrahenten  einander  mit  aller  HöfHchkeit 
und  Erbitterung  bekriegten,  ist  einer  der  merkw^ürdigsten  Bei- 
träge zur  Entstehungsgeschichte  eines  Manuskriptes."  Aber  auch 
für  Keller  war  die  Niederschrift  des  hundertmal  ven\'ünschten 
Romans  eine  Qual,  ein  wahres  Martyrium.  Ohne  den  Zwang  der 
Not  hätte  er  mit  Freuden  den  ganzen  Plan  fahren  lassen.  Am 
Palmsonntag  1855  ,, schmierte"  Keller  buchstäbHch  unter  Tränen 
das  letzte  Kapitel  des  ,, Grünen  Heinrich"  aufs  Papier  und  Hess 
zum  grossen  Verdruss  des  Verlegers  seinen  Helden  sterben.  Im 
Mai  konnte  der  vierte  imd  letzte  Band  endhch  die  Presse  ver- 
lassen. Dem  buchhändlerischen  Erfolg  hatte  die  verzettelte  Er- 
scheinimgsweise  schwer  geschadet.  Den  Rest  der  Auflage  kaufte 
Keller  später  zurück  und  Regula  heizte  damit  den  Ofen. 

1851  Hess  Keller  bei  Vieweg  ein  Bändchen  ,, Neuere  Gedichte" 
erscheinen;  dagegen  verlautete  von  Dramen  nichts.  Nachdem  er 
bereits  einen  dritten  Staatsbeitrag  von  500  Fr.  erhalten  und  ver- 
braucht hatte,  sandte  am  29.  Mai  1852  Alfred  Escher  im  Auf- 
trag des  Erziehungsrates  ,, nicht  ohne  Bedenken"  ein  letztes  Sti- 
pendium von  600  Fr.  ,,Wir  glauben  im  Erziehungsrat,"  schrieb 
Escher  dazu,  ,,Sie  sollten  mit  Ihren  Dichtungen  etwas  zuversicht- 
hcher  imd  mutiger  ans  Tageslicht  treten."  1853  begann  Keller 
mit  der  Niederschrift  des  satirischen  Gedichts  ,,Der  Apotheker 
von  Chamounix",  das  aber  erst  nach  dreissig  Jahren  in  den  ,, Ge- 
sammelten Gedichten"  Aufnahme  fand.  Es  gehörte  zu  den  Eigen- 
tümhchkeiten  Kellers,  die  herrHchsten  Sachen  Jahre  und  Jahrzehnte 
lang  im  Pult  liegen  zu  lassen  und  dann  etwa  gelegentHch  auf  irgend 
einen  äussern  Anstoss  hin  zu  veröffentHchen.  So  geschah  es  auch 
mit  den  zum  Teil  in  BerHn  entstandenen  Sinngedicht-Novellen  und 
den  ,, Sieben  Legenden".  Mit  der  grössten  Leichtigkeit  imd  in 
einem  Zuge  schrieb  Gottfried  Keller  1854  ^^^1  1855  den  Novellen- 
kranz ,,Die  Leute  von  Seldwyla".  Auf  einem  Stadthintergrund, 
von  welchem  Keller  sagt,  es  rage  in  jeder  Stadt  und  jedem  Tal  der 
Schweiz  ein  Türmchen  von  Seldwyla,  spielt  sich  das  einzelne  Ge- 
schehen dieser  Novellen  mit  ihrer  Besonderheit  und  Fülle   ab: 


o  XXXV.  KAPITEI.:   GOTTFRIED  KELLER  203 

„Pankraz  der  Schmoller",  ,,Frau  Regel  Amrain  und  ihr  Jüngster", 
„Romeo  und  Julia  auf  dem  Dorfe",  ,,Die  drei  gerechten  Kamm- 
macher" und  das  Märchen  ,, Spiegel  das  Kätzchen".  Ein  zweiter 
Band  der  ,, Leute  von  Seldwyla"  erschien  1874  mit  den  Novellen: 
„Kleider  machen  Leute",  „Der  Schmied  seines  Glücks",  „Die 
missbrauchten  Liebesbriefe",  ,,Dietegen"  und  ,,Das  verlorene 
Lachen".  Es  ist  namentlich  dieser  zweite  Band  nach  Stössls  Cha- 
rakteristik ein  ,, ideales"  Stadtbild  von  grimmiger  Komik,  eine  naive 
Kritik  der  Abenteuerpolitik  und  eines  ,, grosszügig"  fabuherenden 
Spekulantenwesens  der  modernen  Stadt  und  zugleich  der  Schweizer 
Stadt  mit  ilirer  provinzialen  Begrenzung  und  Beschränktheit,  mit 
Leichtsinn  und  Abenteuerlust,  mit  Sucht  nach  Gold  tmd  Glanz 
ohne  ernste  Arbeit  und  Mühe,  mit  Leidenschaft  in  Genuss  und  Aus- 
beuten jeder  Konjunktur  ohne  wahre  Zucht,  dabei  mit  einer  ge- 
wissen Anmut  und  Naivität,  mit  einer  schHessUchen  Gutmütig- 
keit des  Menschenschlages,  welcher  zwar  keinen  wahren  ganzen 
Mann  hervorbringt,  aber  auch  keinen  völHg  verkommen  lässt,  so 
dass  immer  eine  ältere  Generation  bankerotter  Nichtstuer  die  inter- 
essierte Zuschauergallerie  für  die  jüngere  der  befHssenen  Wind- 
beutel und  Unternehmer  abgibt. 

Immer  dringlicher  hatte  die  Mutter  den  fernen  Sohn  zur  Heim- 
kehr gemahnt.  Sie  war  in  beständiger  Sorge  um  ihn,  da  er  sie  oft 
lange  Zeit  —  einmal  anderthalb  Jahre  —  ohne  alle  Nachricht  Hess. 
Er  mochte  nicht  von  seiner  traurigen  Lage  schreiben,  mochte  aber 
auch  nicht  heimkommen,  bevor  der  ,,  Grüne  Heinrich"  erledigt 
und  die  Schulden  bezahlt  waren.  Die  Mutter  schickte  ihm  nicht 
nur  Geld  —  sie  hatte  ihr  Haus  am  Rindermarkt  verkauft  imd  war 
nach  der  ,, Platte"  imd  dann  nach  Hottingen  gezogen  — ,  sondern 
auch  Hemden,  die  aber  Keller  wegen  ihres  Schnittes  und  ihrer 
,, Grobheit"  in  Verlegenheit  setzten.  ,, Einzig  das  Hemd,  welches 
eine  breite  Brust  ohne  Falten  hat,  trage  ich,  auch  wenn  ich  wohin 
eingeladen  bin,  da  es  wegen  seines  wunderbaren  Schnittes  Auf- 
sehen erregt.  Als  mich  ein  Frauenzimmer  befragte,  ob  man  in  der 
Schweiz  solche  Hemden  trage,  sagte  ich:  Ja,  es  sei  ein  schweize- 
risches Nationalhemd,  und  als  solches  darf  ich  es  in  der  vornehm- 
sten Gesellschaft  tragen,  da  das  Fremdländische  immer  nobel  ist." 
In  der  Nachschrift  heisst  es  noch:  „Das  Nationalhemd  geht  nun 
auch  bergab."   Von  dem  Eindruck,  den  Keller  in  der  Berliner  Ge- 


204  XXXV.  KAPITEL:   GOTTFRIED  KELLER  o 

Seilschaft  hen^orrief,  schrieb  Ludwig  Pietsch:  ,,In  seiner  urvN^üch- 
sigen  schweizerischen  Derbheit  machte  der  kleine,  breitschultrige, 
untersetzte,  eisenfeste,  wortkarge,  bärtige  Mann  mit  den  schönen 
ernsten  und  feurigen  dunkeln  Augen  unter  der  mächtigen  Stirn, 
der  indes,  wenn  ihn  etwas  oder  irgend  wer  ärgerte,  nicht  nur  sehr 
unverhohlen  seine  Meinimg  äusserte,  sondern  auch  immer  bereit 
war,  ihr  mit  seinen  kräftigen  Fäusten  mehr  Nachdruck  zu  geben, 
zwischen  den  abgeschliffenen  Berliner  Menschen  eine  ganz  eigen- 
tümliche Figur.  Dass  er  nicht  allzu  viel  von  ihnen  hielt,  daraus 
machte  er  kein  Geheimnis."  Die  Not  Kellers  vermehrte  noch  eine 
heisse,  unerwiderte  Liebe  zu  der  anmutigen  Betty  Tendering,  dem 
,,Dortchen  Schönfund"  im,,  Grünen  Heinrich",  das  er  im  Duncker- 
schen  Hause  kennen  gelernt.  Den  Freunden  in  der  Heimat, 
namentlich  Jakob  Dubs  und  Alfred  Escher,  gelang  es  schliessHch, 
Keller  durch  Bezahlung  seiner  Schulden  von  Berlin  loszueisen. 
Für  das  Unternehmen  wurden  Anteilscheine  zu  300  Fr.  ä  fonds 
perdu  ausgegeben,  die  Keller  aber  alle  zurückkaufte.  Dubs  trug 
ilim  auch  eine  Professur  für  Kirnst-  imd  Literaturgeschichte  am 
neu  zu  eröffnenden  Polytechnikum  an;  Keller  lehnte  ab,  weil  sie 
ihn  seiner  dichterischen  Arbeit  zu  sehr  entzogen  hätte.  Zu  Weih- 
nachten 1855  war  der  nun  schon  zu  einer  gewissen  Berühmtheit 
gelangte  Dichter  wieder  in  der  Heimat. 

Er  Hess  es  sich  wohl  sein  in  der  Obsorge  der  Mutter  und  im 
Kreis  der  Freunde,  dem  die  bedeutendsten  Professoren  am  Poly- 
technikum, Fr.  Th.  Vischer,  G.  Semper,  P.  Bolle}-,  Jakob  Burck- 
hardt,  ferner  Moleschott  von  der  Universität  und  andere  ange- 
hörten. Er  vertrug  sich  gut  mit  Richard  Wagner  und  war  häufi- 
ger Gast  in  der  Villa  Wesendonck,  wo  er  nicht  selten  die  Musiker 
Th.  KÜrchner  und  Friedrich  Hegar  antraf.  Auch  bei  Dr.  Fran9ois 
Wille  in  Meilen  ging  Keller  aus  und  ein.  Am  Hebsten  aber  war 
ihm  die  Gesellschaft  Baumgartners,  Rudolf  Kollers  und  Gottfried 
Sempers.  Sorglos  mit  der  Zeit  umgehend,  ergab  sich  Keller  einem 
verspäteten  Studententreiben  und  häufigen  Zechgelagen  im  Kreise 
lustiger  Genossen.  Literarisch  waren  diese  Tage  nicht  besonders 
ertragreich.  Es  entstanden  einige  Gedichte  und  Festgesänge;  für 
die  Schillerfeier  in  Bern  dichtete  er  einen  Prolog  und  schilderte 
in  dem  Aufsatz  ,,Am  Mythenstein"  unübertrefflich  die  liebUche 
Feier  der  Einweihung  des  Schillerdenkmals  am  21.  Oktober  1860. 


o  XXXV.  KAPITEI,:   GOTTFRIED  KEIvLER  205 

Die  einzige  grössere  und  besonders  in  der  Schweiz  ungemein  dank- 
bar aufgenommene  Arbeit  war  die  reizvolle,  herzerfrischende  Ge- 
schichte: „Das  Fähnlein  der  sieben  Aufrechten",  die  später  in  die 
Sammlung  der  ,, Züricher  Novellen"  überging.  Sie  erschien  zuerst 
in  Berthold  Auerbachs  ,, Volkskalender"  für  das  Jahr  1861. 

Doch  dem  grossen  und  reichen  Talent  Gottfried  Kellers  drohte 
neuerdings  das  Los  des  Verbummeins,  und  zum  zweitenmal  streckte 
das  Vaterland  seine  schützende  Hand  nach  ihm  aus.  Verblüffend 
für  alle  Welt  kam  am  14.  September  1861  seine  Wahl  zum  Staats- 
schreiber des  Kantons  Zürich.  Es  war  ein  gewagter  Schritt,  und 
die  übelsten  Prophezeiungen  knüpften  sich  daran.  Das  Hauptver- 
dienst an  dieser  kühnen  Tat,  die  für  Gottfried  Keller  nach  dem 
Ausspruch  seines  Biographen  Baechtold  zur  moralischen  Rettung 
wurde,  gebührt  dem  Regierungsrat  Franz  Hagenbuch.  Zu  gönnen 
war  es  der  Mutter  Kellers,  dass  ihr  nun  die  grosse  Ehre  und 
Freude  zuteil  wurde,  mit  dem  Sohne  die  stattUche  Amtswohnung 
im  Steinhaus  an  der  obern  KÜrchgasse  beziehen  zu  dürfen,  wo 
sie  am  5.  Februar  1864  die  Augen  schloss.  Gottfried  Keller  hat 
das  Zutrauen  seiner  Wahlbehörde  vollauf  gerechtfertigt  und  ist 
ein  ausgezeichneter  Staatsschreiber  geworden.  Zwar  gleich  im 
Anfang  sah  es  nicht  danach  aus;  vielmehr  schienen  die  Tadler 
allzu  früh  Recht  zu  bekommen:  am  Vorabend  seines  Amtsan- 
tritts (23.  September  1861)  beteiligte  sich  Keller  an  einer  tollen 
Kneiperei,  und  am  folgenden  Vormittag  musste  Regierungsrat 
Hagenbuch  seinen  SchützHng  aus  dem  Bette  holen.  Der  Staats- 
schreiber erhielt  den  ersten,  aber  auch  den  letzten  ,,  Ruf  fei".  Der 
Grosse  Rat  drückte  der  Regierung  seine  Missbilligung  der  ,, unge- 
schickten Wahl"  dadurch  aus,  dass  er  den  Staatsschreiber  nicht 
wie  übHch  zu  seinem  ersten  Sekretär  wählte.  Erst  im  Mai  1862 
wurde  er  zweiter  Sekretär.  Eine  bedeutende  politische  Rolle  hat 
der  Staatsschreiber  Keller  nicht  gespielt  und  im  Grossen  Rat, 
dessen  MitgHed  er  als  Vertreter  Bülachs  war,  nur  selten  ge- 
sprochen. Als  ,, Systemler"  wurde  er  1866  von  seinem  Wahlkreis 
fallen  gelassen.  Dass  die  demokratische  Regierung  ihn  nicht  ent- 
liess,  als  sie  1869  ans  Ruder  kam,  wunderte  ihn  selber.  Er  ist 
auch  mit  den  Demokraten  gut  gefahren,  hat  aber  seine  Über- 
zeugung gewahrt  und  den  Regierungsräten,  als  sie  ihm  nach 
seinem  Rücktritt  am  8.  JuH  1876  ein  Abschiedsmahl  bereiteten 


2o6  XXXV.  KAPITEL:   GOTTFRIED  KEW.ER       .  o 

und  einen  Silberbecher  überreichten,  derb  die  Meinung  gesagt:  ,,Es 
war  eigentlich  kommun  undankbar,"  sagte  sich  Gottfried  Keller 
selber  hintendrein. 

Eine  schöne  Feier  bereiteten  ihm  seine  Mitbürger  an  seinem 
50.  Geburtstage,  den  19.  Juli  1869.  Die  Anregung  dazu  war  von 
den  Studenten  ausgegangen,  die  in  grossartigem  Fackelzug  abends 
9  Uhr  auf  dem  Paradeplatz  vor  dem  Hotel  Baur  en  ville  aufzogen 
und  deren  begeisterter  Sprecher  besonders  das  patriotische  Ele- 
ment in  den  Dichtungen  Kellers  pries.  Der  Gefeierte,  zwischen  den 
Säulen  auf  dem  hohen  Balkon  stehend,  dankte  mit  bewegten  Wor- 
ten. Dann  wurde  er  in  vierspänniger  Kutsche  zum  Kommers  nach 
der  alten  Tonhalle  geführt,  an  welchem  ihm  der  Dekan  der  philo- 
sophischen Fakultät,  Georg  von  Wyss,  das  Diplom  des  Ehren- 
doktors überreichte.  Im  Herbst  1872  fuhr  Gottfried  Keller  nach 
München,  alte  Erinnerungen  aufzufrischen,  1873  an  den  Mondsee 
im  Salzburgischen,  1874  nach  Wien.  Die  Geschäfte  des  Staats- 
schreibers hielten  die  Muse  Kellers  im  Banne ;  immerhin  traten  1872 
aus  verborgenen  Tiefen,  wo  sie  seit  langem  schlummerten,  die 
,, Sieben  Legenden"  ans  TagesHcht,  ein  wahres  Wunderwerk  an 
Feinheit  und  Grazie.  Der  ersten  Auflage  musste  sofort  eine  zweite 
folgen.  Und  1874  feierten  die  ,, Leute  von  Seldw^da"  ihre  literarische 
Auferstehung.  Die  Vorbereitung  auf  den  Ruhestand  bedeutete 
der  Wohnungswechsel  Kellers  im  April  1875 ;  er  siedelte  über  nach 
dem  herrhch  gelegenen  ,,obern  Bürgli"  in  der  Enge. 

Der  Dichtkunst  zurückgegeben,  machte  sich  Gottfried  Keller 
unverweilt  an  die  Herausgabe  seiner  anmutigen  ,, Züricher  No- 
vellen", um  deren  Zustandekommen  sich  Julius  Rodenberg  in 
Berlin  kein  geringes  Verdienst  erwarb,  da  er  es  verstand,  den 
schwer  zu  behandelnden  Dichter  sachte  und  unmerklich  vorwärts 
zu  schieben  und  von  ihm  nach  und  nach  die  heblichen  Gaben  für 
seine  ,, Deutsche  Rundschau"  herauszulocken.  Sie  sind  dort  in 
den  Jahren  1876  und  1877  erschienen  in  der  Form  einer  Rahmen- 
erzählung (der  ,,Herr  Jacques")  als  Fassung  für  die  köstUchen 
Edelsteine  ,,Hadlaub",  ,,Der  Narr  auf  Manegg"  und  ,,Der  Land- 
vogt von  Greifensee",  denen  Keller  noch  ,,Das  Fähnlein  der  sieben 
Aufrechten"  und  ,, Ursula"  beigab.  Die  ,, Züricher  Novellen" 
fanden  wiederum  eine  ungemein  warme  Aufnahme;  die  Stadt 
Zürich  insbesondere  fühlte  sich  durch  sie  geehrt,  und  am  28.  April 


o  XXXV.  KAPiTEIv:   GOTTFRIED  KEIvI^ER  207 

1878  schenkte  die  Bürgergemeinde  dem  Dichter  unter  jubehider 
einlielUger  Zustimmung  das  Ehrenbürgerrecht.    Sein  60.  Geburts- 
tag am  19.  Juli  1879  ward  im  engern  Kreis  froh  gefeiert,  und  die 
Ansprache  hielt  der  älteste  der  anwesenden  Freunde  Kellers,  alt 
Regierungsrat  Franz  Hagenbuch. 

Gottfried  Keller  hat  in  den  Jahren  beschaulicher  Müsse  nach 
seinem  Rücktritt  als  Staatsschreiber  literarisch  eifrig  und  aus- 
dauernd gearbeitet.  Neben  kleinem  Sachen  reifte  auch  ein  rei- 
cher Blütenstrauss  seiner  schönsten  Gedichte.  Vor  allem  aber  ging 
er  nun  tapfer  an  die  Umarbeitung  und  Neuausgabe  seines  Jugend- 
romans ,,r)er  grüne  Heinrich",  —  „denn  wie  ich  höre,"  äusserte 
er  einmal,  ,,wird  der  arme  Kerl  in  den  Mädchenpensionaten, 
wenn  der  Sprach-  und  Literaturlehrer  auf  das  Kapitel  des  Romans 
zu  sprechen  kommt,  stets  heraufbeschworen  und  vor  die  unauf- 
merksamen Schülerinnen  hingestellt,  herumgedreht,  hin  und  her 
geführt  und  muss  als  abschreckendes  Beispiel  dienen,  wie  ein 
Roman  nicht  beschaffen  sein  soll,  und  es  hilft  gegen  diese  grau- 
same Belästigung  nicht  der  Umstand,  dass  der  Ärmste  j  a  mittels 
der  Vorrede  die  Erklärung  in  der  Tasche  mit  sich  führt,  dass  er 
kein  rechter  Roman  sei!"  Die  Umarbeitung  machte  aber  dem 
Dichter  beinahe  so  viel  Mühe,  Not  und  Verdruss,  wie  die  erste 
Niederschrift,  und  auch  sie  konnte  nicht  in  einem  Zuge  durch- 
geführt und  herausgegeben  werden ;  dafür  war  dann  aber  auch  der 
neue  ,, Grüne  Heinrich",  als  er  Ende  1880  vollendet  vorlag,  nach 
kompetentem  Urteil  eine  ganz  wesentliche  Verbesserung  und  Ver- 
feinerung des  alten.  Gottfried  Keller  selber  war  davon  so  sehr 
überzeugt,  dass  er  wünschte,  die  erste  Ausgabe  möchte  für  immer 
begraben  bleiben;  ,,die  Hand  soll  verdorren,  welche  je  die  alte 
Fassung  wieder  zum  Abdruck  bringt,"  rief  er  drohend  aus.  Glück- 
licherweise hat  sich  Emil  Ermatinger  an  diese  —  übrigens  kaum 
sehr  ernst  gemeinte  imd  jedenfalls  nicht  berechtigte  —  Ver- 
wünschung nicht  gekehrt  und  im  Jahre  1914  eine  ,, Studienaus- 
gabe" des  alten  ,, Grünen  Heinrich"  bei  Cotta  in  Stuttgart  bewerk- 
stelHgt,  die  zu  den  wertvollsten  Erscheinungen  auf  diesem  Gebiete 
gehört.  Wie  aufschlussreich  und  anregend  eine  Vergleichung  der 
beiden  Ausgaben  des  ,, Grünen  Heinrich"  sein  kann,  das  hat  in 
fesselnder  Weise  die  Arbeit  von  Franz  Beyel  ,,Zum  Stil  des  Grünen 
Heinrich"  gezeigt,  durch  die  wir  einen  Einblick  erhalten  in  des 


2o8  XXXV.  KAPITEL:   GOTTFRIED  KELLER  a 

Dichters  ,, Werkstatt";  indem  wir  sehen,  was  und  wie  er  änderte,, 
erfreuen  vvdr  uns  nicht  nur  an  seinem  verfeinerten  und  veredelten 
Sprachgefühl  und  seiner  vollendeten  Meisterschaft  des  Stils,  son- 
dern erfahren  auch  über  Wesen,  Charakter  imd  Gesinnung  Kellers 
mehr  als  durch  manche  geistreiche  Abhandlung,  denn  —  ,,le  st^^le 
c'est  riiomme". 

Das  nächste,  was  aus  des  Dichters  Händen  her^'-orging,  war 
das  ,, Sinngedicht",  mit  dessen  Niederschrift  Keller  schon  1855  be- 
gonnen hatte  und  die  er  nun  1880  einfach  da  fortsetzte,  wo  er 
fünfundzwanzig  Jahre  früher  aufgehört  hatte.  Das  ,, Sinngedicht" 
erschien  1882  in  BerHn  und  ist  wiederum  eine  Rahmenerzählung, 
welche  sechs  Novellen  umfasst,  in  denen  alle  Saiten  des  Liebes- 
und Ehegeschicks  voll  angeschlagen  werden.  1883  kamen  die  ,, Ge- 
sammelten Gedichte"  heraus.  Am  Ende  —  wie  am  Anfang  —  des 
künstlerischen  Schaffens  von  Gottfried  Keller  steht  ein  Roman: 
,, Martin  Salander",  in  welchem  die  Kritik  trotz  mancher  Schön- 
heiten ein  Abnehmen  der  geistigen  Spannkraft  des  Dichters  und 
namentlich  eine  Abkehr  von  seinem  frühern  fröhHchen  Optimis- 
mus zu  grämHch  moraUsierender  Busspredigt  bemerkt  haben  will. 
Durfte  das  ,, Fähnlein  der  sieben  Aufrechten"  als  Ausdruck  der 
Zufriedenlieit  mit  den  vaterländischen  Zuständen  gelten,  so  regten 
sich  schon  im  ,, Verlorenen  Lachen"  manche  Zweifel;  ,, Martin 
Salander"  aber  wird  ,,eine  Kette  bitterer  Seufzer,  eine  Reihe  un- 
wirscher Geständnisse"  genannt,  welche  zum  Aufsehen  mahnen 
und  Schäden  in  unserem  Volksleben  biossiegen  wollen.  Indessen 
ist  das  Werk,  das  eine  vollendete  Kunstarbeit  zeigt,  unvollständig; 
es  hätte  noch  ein  zweiter  Teil  folgen  sollen,  in  welchem  Keller  seine 
Hoffnungen  auf  die  junge  Generation  in  dem  Sohn  Salander  zu 
verkörpern  gedachte;  ,,denn  er  bückte  nicht  ohne  Trost  in  die  Zu- 
kunft imd  schied  nicht  als  vergrämter  Pessimist  von  dieser  Erde" 
(Adolf  Frey). 

Über  das  Verhältnis  Kellers  zu  Conrad  Ferdinand  Meyer  hat 
sich  der  letztere  in  den  folgenden  einfachen  Worten  geäussert:  ,,Die 
»Deutsche  Dichtung'  ersucht  mich  um  einige  Aufzeichnungen  über 
Keller,  in  der  natürHchen  Voraussetzung,  dass  wir  ims  als  Lands- 
leute nahe  standen.  Das  war  nun  nicht  der  Fall;  doch  haben  wir 
uns  immerhin  gekannt  und  es  fand  zwischen  uns  ein  freundHches 
Verhältnis  statt.    Er  zeigte  sich  mir  immer  —  oder  fast  immer 


o  XXXV.  KAPITBL:   GOTTFRIED  KEILLER  209 

—  liebenswürdig  und  geistreich  unterhaltend,  womit  ich  mich  gerne 
zufrieden  gab.  Meinerseits  begegnete  ich  ihm  immer  mit  Ehrer- 
bietung und  hielt  diesen  Ton  fest,  wenn  er  auch  gelegenthch  dar- 
über spottete  und  einmal  einen  ,in  Ehrerbietung'  unterzeichneten 
Brief  mit  ,in  Ehrfurcht'  erwidert  hat."  Baechtold  fügt  hier  bei: 
,,In  ihrem  Bildungsgange,  in  ihrer  Eigenart  grundverschieden, 
waren  die  beiden  Männer  zur  Zeit  ihrer  persönlichen  Begegnung 
bereits  zu  fertig,  zu  abgeschlossen  in  sich,  als  dass  einer  dem  an- 
dern noch  Zugeständnisse  machen  konnte.  Aber  beide  Dichter 
waren  zu  neidlos  und  gerecht,  als  dass  sie  sich  nicht  anerkannt 
hätten". 

Im  Herbst  1882  erfolgte  der  Umzug  Kellers  ins  ,, Thaleck", 
Ecke  Zeltweg- Gemeindestrasse  in  Hottingen,  da  der  weite  Weg 
ins  ,,Bürgli"  und  die  Unwirtlichkeit  während  des  langen  Winters 
der  kränkelnden  Regula  zu  beschwerlich  geworden  war.  Bei  Keller 
machte  sich  das  Alter  mit  seinen  Beschwerden  geltend;  er  zog  sich 
mehr  und  mehr  in  sich  zurück  und  vereinsamte  vollends,  als  ihm 
am  6.  Oktober  1888  die  Schwester  genommen  wurde.  Glückhcher- 
weise  brachte  ihm  der  Umgang  mit  Arnold  BöckHn,  der  für  einige 
Jahre  in  Hottingen  sein  Atelier  aufgeschlagen,  viel  Freude  tmd  Er- 
heiterung. BöckHn  wurde  ihm  ein  fast  unzertrennUcher  Gefährte, 
ein  unermüdhcher  Berater  und  Helfer  auch  in  allen  kleinen  Nöten 
und  VerdriessHchkeiten,  und  setzte  den  häufigen  üblen  Latmen 
Kellers  eine  unerschütterhche  Geduld  und  Heiterkeit  entgegen.  Das 
Jahr  1889  brachte  die  Ausgabe  von  Gottfried  Kellers  ,, Gesammel- 
ten Werken"  in  zehn  Bänden  und  die  Feier  seines  70.  Geburtstages, 
dessen  geräuschvollen  Veranstaltungen  er  sich  allerdings  durch  die 
Flucht  nach  Seelisberg  entzog.  Dort  hinauf  folgte  ihm  der  Kanzler 
der  Eidgenossenschaft  und  überreichte  ihm  ein  von  J.  V.  Widmann 
verfasstes,  kostbar  ausgestattetes  Glückwunschschreiben  des  Bun- 
desrates. Ehrungen  aller  Art  häuften  sich  auf  sein  Haupt;  aus 
Berlin  kam  eine  Adresse,  unterzeichnet  von  mehreren  hundert  be- 
rühmten Namen,  Generalfeldmarschall  Moltke  an  der  Spitze.  Auch 
eine  goldene  Medaille  ward  zu  seinen  Ehren  geprägt. 

Mit  seiner  Gesundheit  ging  es  nun  unaufhaltsam  abwärts; 
ein  greisenhaftes  Siechtum  war  im  Anzüge.  In  seinem  letzten  Brief 
an  Sigmxmd  Schott  in  Frankfurt  vom  4.  Februar  1890  bemerkt 
er  u.  a.  in  halb  erstorbenen  Schriftzügen:  ,,Ich  werde  nicht  mehr 

14 


2IO  XXXV.  KAPITEL:   GOTTFRIED  KELLER  o 

lange  vermeiden  können,  von  einem  gewissen  Fuhrwerk  (wohl  dem 
Totenwagen)  Gebrauch  zu  machen."  Sein  Testament  hatte  er 
schon  am  ii.  Januar  1890  in  Gegenwart  von  Arnold  Böckhn  und 
Prof.  Dr.  Albert  Schneider,  dem  Testamentsvollstrecker,  nieder- 
schreiben lassen;  Haupterben  sollten  werden  der  zürcherische 
Hochschulfond  und  die  schweizerische  Winkelriedstiftung;  der 
Stadtbibliothek  waren  die  Bibliothek  und  die  goldene  Medaille  be- 
stimmt. In  seinen  ,, Erinnerungen  an  Gottfried  Keller"  berichtet 
C.  F.  Meyer  von  dem  letzten  Besuch,  den  er  dem  kranken  Dichter 
machte,  und  den  mit  ihm  geführten  Gesprächen.  ,, Inzwischen 
drehte  er  unaufhörlich  die  Karte,  durch  die  ich  mich  gemeldet  hatte, 
bis  ich  sie  ilim  sachte  aus  den  Fingern  zog.  ,Ich  meinte  nur,'  sagte 
er,  ,in  den  schönen  weissen  Raum  Hesse  sich  ein  Vers  schreiben.* 
, Welcher  denn?'  fragte  ich.  ,Nun,  zum  Beispiel,'  sagte  er:  ,Ich 
dtüde,  ich  schulde,'  womit  er  wohl  den  Tod  meinte,  den  wir  alle  der 
Natur  schuldig  sind.  Stunden  vergingen  so,  und  es  wurde  Zeit 
zum  Scheiden.  ,Wir  wollen  vom  Sommer  Heil  erhoffen,'  sagte  ich. 
,Ja',  scherzte  er,  ,und  ein  Landhaus  am  Zürichberg  mieten.'  Es 
war  ein  Jammer.  Ich  glaubte  nicht  an  seine  Genesung,  und  er 
wohl  auch  nicht.  Die  Tränen  traten  mir  in  die  Augen  und  rasch 
nahm  ich  Abschied." 

Gottfried  Keller  entschlummerte  sanft  am  15.  Juli  1890,  nach- 
mittags gegen  4  Uhr.  Die  Stadt  Zürich  bereitete  ihrem  grossen  Mit- 
bürger ein  prunkvolles  L<eichenbegängnis.  Das  ganze  Schweizerland 
in  den  Vertretern  seiner  höchsten  Behörden  schritt  im  Zuge,  eine 
ungeheure  Menschenmenge  bedeckte  die  grünen  Hänge  der  Rämi- 
strasse,  in  die  der  Kondukt  vom  Zeltweg  her  einbog.  In  der  dicht 
gefüllten  Fraumünsterkirche  wurde  die  mit  dem  Trauermarsch  aus 
der  Eroica  eingeleitete  Abdankung  gehalten.  Dekan  Zimmermann 
verlas  die  Liturgie  und  Professor  Stiefel  hielt  die  Gedächtnisrede. 
Dann  brauste  als  ergreifendste  Totenklage  Gottfried  Kellers  ,,0 
mein  Heimatland"  durch  die  Halle.  Der  Leichenzug  bewegte  sich 
zum  Zentralfriedliof,  wo  auf  den  Stufen  des  Krematoriums  vStadt- 
präsident  Hans  Pestalozzi  dem  Toten  den  letzten  Gruss  des  dank- 
baren Vaterlandes  entbot.  ,,In  der  dämmerigen  Halle  des  in  seiner 
edlen  Form  ergreifenden  kleinen  Tempels  steht  der  weisse  Tannen- 
sarg des  Dichters,  mit  Blumen  überdeckt.  Eine  KHngel  ertönt. 
Von  imsichtbarer  Kraft  geschoben,  gleitet  er  leise  vor  eine  eiserne 


i 


o  XXXV.  KAPITEI.:   GOTTFRIED  KELIyER  211 

Türe.  Sie  öffnet  sich.  Eine  sonnenähnliclie  Glut  umloht  die  Um- 
risse des  Sarges.  Ein  AugenbUck,  und  unhörbar  schHesst  sich  die 
Pforte  wieder.  Ein  kurzes  Flammenbad,  und  alle  Schauer  der  Ver- 
nichtung sind  aufgehoben.  Was  an  Gottfried  Keller  sterblich  war, 
hat  der  Aschenkrug  gesammelt." 

Seit  dem  Jahre  1892  schmückt  die  Marmorbüste  des  Staats- 
schreibers Dr.  Gottfried  Keller,  von  Richard  KissHngs  Meister- 
hand, die  Eingangshalle  des  Rathauses  in  Zürich.  Am  Sechseläuten 
den  18.  April  1898  enthüllte  die  Zunft  Hottingen  eine  Gedenk- 
tafel am  Sterbehaus  Gottfried  Kellers  am  Zeltweg.  Die  Stadt- 
bibHothek,  die  Hüterin  kostbarer  geistiger  Schätze  des  Verewigten, 
eröffnete  am  26.  JuH  1899  ein  ,, Gottfried  Keller-Zimmer"  und 
am  8.  August  1901  fand  auf  dem  Zentralfriedhof  die  feierliche  Bei- 
setzung der  Asche  Gottfried  Kellers  in  dem  von  der  eidgenössischen 
Winkelriedstiftung  und  dem  zürcherischen  Hochschulfond  errich- 
teten Denkmal  (von  Prof.  Bluntschli  und  Richard  KissUng)  statt. 
Am  lebendigsten  aber  bleibt  Gottfried  Kellers  Andenken  unter 
uns  durch  seine  Werke.  ,,Das  Ausserordentliche  Kellers",  sagt 
Conrad  Ferdinand  Meyer,  ,,Hegt  wohl  darin,  dass  er  die  spezifische 
Vaterlandsliebe  des  Schweizers  und  seine  gottlob  noch  immer  auf- 
rechten ethischen  Eigenschaften  der  Gradheit  und  Pflichttreue  mit 
einer  ungewöhnhch  starken  Phantasie  und  ihren  Launen  und  Ver- 
wegenheiten vereinigt,  eine  seltene  Mischung,  die  sich  nicht  so  bald 
wiederholen  wird.  Doch  ist  es  natürhch,  in  dieser  Stunde  der 
Landestrauer  voraus  seine  tiefe  AnhängHchkeit  an  die  Heimat  zu 
preisen,  mit  der  er  ganz  und  gar  verwachsen  ist.  Er  hat  die  Heimat 
sehr  geliebt,  die  es  ihm  mit  gleicher  Liebe  vergilt." 


»♦»♦♦♦♦♦♦ ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦ 


♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦»♦♦♦»♦»♦»♦♦♦♦»♦»♦♦ »♦♦♦♦♦♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦»»♦♦♦♦♦< 


SECHSUNDDREISSIGSTES  KAPITEL 


STADTPRÄSIDENT  RÖMER 

Als  Mitglied  der  „Gelehrten  Gesellschaft"  in  Zürich,  in  welcher 
■  die  ehemalige  „Gesellschaft  der  Gelehrten  auf  der  Chor- 
herren" weiterlebt,  übernahm  es  Ständerat  Dr.  Paul  Usteri,  für 
das  Neujahrsblatt  des  Waisenhauses  1901  das  lyebensbild  des 
Stadtpräsidenten  Dr.  Melchior  Römer  zu  schreiben,  und  es  ist 
diese  Quelle,  welcher  wir  im  Nachstehenden,  mit  einigen  Er- 
gänzungen, teils  auszugsweise,  teils  wörthch  folgen.  Die  Ein- 
schiebtmgen,  welche  hauptsächlich  das  chronologische  Bild  der 
Stadtereignisse  aus  der  Amtszeit  Römers  vervollständigen  sollen, 
werden  auch  ohne  jedesmaligen  Vermerk  als  solche  leicht  kennt- 
lich sein. 

Die  Familie  Römer  stammt  aus  Mastricht  in  den  Nieder- 
landen. Eine  alte  Chronik  sagt  von  ihrem  Stammvater:  ,, Matthias 
Römer  von  Mastricht  nat:  Flöchnete  sich  anno  1568  wegen  der 
Rehgion  n  acher  Achen,  zur  Zeit  der  Wüterey  des  Duc  d'Alba  in 
den  Niderlanden:  uxor  Maria  van  Tongern.  Er  hatte  drey  Brüder 
/  davon  zwey  in  der  Flucht  von  Mastricht  über  die  Maass  geschwum- 
men  /  da  der  Jüngere  von  ihnen  ertrunken  /  der  Eitere  aber  hatte 
geheüerathet  /  von  welchem  auch  ein  Sohn  und  ein  Sohns  Sohn 
bekannt  worden  /  der  dritte  und  jüngste  Bruder  Johannes  hate 
auch  geheüerathet  und  ist  anno  1647  zu  Amsterdam  ohne  Kinder 
gestorben."  Von  der  Familie  der  Römer  in  Aachen  verpflanzte 
sich  ein  Zweig  nach  Stuttgart,  ein  anderer  nach  Zürich,  das  von 
jeher  eine  Stütze  des  neuen  Glaubens  gewesen  war.  Die  hier  ein- 
gewanderte Famihe  Römer,  welche  hauptsächlich  der  Kaufmann- 
schaft, namentlich  dem  Leinwandhandel  oblag,  erfreute  sich 
grossen  Ansehens.  Sie  erhielt  1622  das  Bürgerrecht  und  kam 
auch  in  den  Rat.  Das  ansehnliche  Römerhaus  im  Bleicherweg 
(Nr.  44)  war  längere  Zeit  im  Besitze  der  Familie.  Die  Eltern 
von  Stadtpräsident  Römer  waren  Melchior  Römer,  Kaufmann, 
und  Maria  Magdalena  Ulrich,  die  Schwester  von  Oberrichter  Dr. 


Ötadipräsideni 


Nach  Photographie  von  R.  Ganz 


o  XXXVI.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  RÖMER  213 

Ulrich  im  Bericlithaus ,  eine  sehr  verständige,  streng  kirchhch 
gesinnte  Frau.  Melchior  Römer  jun.  ist  geboren  am  16.  Juni  1831 
in  der  Werdmühle;  aber  nicht  hier,  sondern  in  dem  Haus  zur 
,,Trülle",  gegenüber  dem  gewaltigen  Rondell  des  Rennwegtores, 
verbrachte  er  seine  Jugend  imd  fast  die  ganze  spätere  Ivebenszeit. 
Das  Haus  stand  an  einem  sonnigen,  kurzweiligen  Platz.  Es  hatte 
eine  freie  Aussicht  nach  Süden  über  den  tiefhegenden  Fröschen- 
graben und  das  Glacis  (beide  jetzt  in  der  Bahnhofstrasse  aufge- 
gangen) hinweg  und  zwischen  dem  Kratzturm  und  den  hohen 
Bäumen  des  Baugartens  hindurch  auf  den  See  und  das  Alpen- 
gebirge von  Schwyz  und  Glarus.  Auf  der  Ostseite  senkte  sich  eine 
steile  Strasse  nach  der  Werdmühle  und  der  Scheune  des  I^ohn- 
kutschers  Dürr,  nach  der  dortigen  Säge  und  andern  ,, Gewerben", 
welche  die  Wasserkraft  der  ,, zahmen  Sihl"  benutzten,  und  durch 
deren  Wirrnis  ein  kundiger  Fussgänger  schliessHch  beim  alten 
Schützenhaus  vorbei  in  grossem  Bogen  den  Weg  nach  dem  Bahn- 
hof der  Nordbahn  fand.  Die  „Trülle"  schloss  freundhche  Zimmer 
und  grosse  Kammern  von  puritanischer  Einfachheit  in  sich,  die 
mit  dem  weiten,  gegen  das  SihlwiesH  und  die  zahme  Sihl  sich  er- 
streckenden Garten  ein  recht  behagHches  Wohnen  gestatteten. 
Vor  der  Haustüre  fehlte  nicht  die  steinerne  Bank  zum  Ausruhen 
am  Feierabend.  Nach  Westen  schlössen  sich  die  Seidenhöfe  an, 
die  an  Alter  und  Einfachheit  mit  der  „Trülle"  wetteiferten;  im 
ganzen  eine  stille  Gegend  mit  alt  eingesessenen  Bewohnern,  die 
auch  alle  imtereinander  bekannt  waren. 

Römer  besuchte  von  1837 — ^^44  die  allgemeine  Stadtschule, 
die  auch  für  ihn  den  Grund  legte  zum  Zusammengehen  und  Zu- 
sammenleben der  nach  Erziehung,  Bildung  und  sozialer  Stellung 
so  verschiedenen  Bevölkerimgsschichten  unserer  Stadt.  Von  1844 
bis  1851  durchlief  er  das  kantonale  Gymnasium  und  galt  als 
Musterschüler;  dazu  trug  wohl  hauptsächlich  die  mütterhche  Er- 
ziehung bei,  die  auf  gute  Ordnung  in  allen  Dingen  hielt.  Nach 
wohlbestandener  Maturität  bezog  Römer  die  Universität  Zürich 
zum  Studium  der  Rechte,  das  er  von  1853  an  in  Berlin  fortsetzte. 
Das  Doktorexamen  bestand  er  1855  in  Zürich  mit  einem  zivil- 
rechthchen  Thema  und  sprach  in  seiner  Inauguralrede  in  glän- 
zender Weise  über  ,,Die  heilende  Kraft  der  Zeit".  Im  Januar 
1856  trat  der  neue  juris  utriusque  doctor  seine  Auslandsreise  an. 


214  XXXVI.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  RÖMER  o 

doch  ^'er^veilte  er  zunächst  einige  Monate  in  Yverdon  bei  seinen 
Verwandten,  wo  ihm  das  Französische  geläufig  wurde,  und  ging 
dann  im  Juni  nach  Paris  und  im  August  nach  London.  Nach  seiner 
Heimkehr,  1857,  brachte  ihm  die  Wahl  zum  Adjunkten  des  Statt- 
halteramtes Zürich  die  erste  öffentliche  Stellung.  Seine  Funktion 
bestand  in  der  Voruntersuchung  von  Polizei-  und  Straffällen,  so- 
wie im  Vollzug  der  Straf  urteile  und  der  ,,  Wortzeichen"  (des  Schuld- 
verhafts gegenüber  Schuldnern,  die  wegen  Unvermögens  oder  aus 
bösem  Willen  ihre  Gläubiger  nicht  befriedigt  hatten).  Das  Amt 
machte  ihn  bekannt  und  trug  ihm  die  Wahl  zum  ,, Wahlmann", 
d.  h.  zum  Mitglied  der  Bezirkswählerversammlung,  des  Wahl- 
kollegiums für  die  zu  jener  Zeit  meist  indirekt  erfolgenden  Wahlen 
ein.  Bald  fand  seine  Tätigkeit  weitere  Anerkennung  bei  seinen 
Mitbürgern.  Im  September  1859  wählte  ihn  die  Zunft  zur  Gerwe 
zum  Mitghed  des  Grossen  Stadtrates  und  gab  ihm  damit  zum 
erstenmal  Gelegenheit,  sich  näher  mit  den  Fragen  der  städtischen 
Verwaltung  zu  beschäftigen.  Im  nächsten  Jahre  folgte  die  Wahl 
in  die  grössere  Stadtschulpflege. 

Zur  Anbahnung  und  Durchführung  von  Reformen  imd 
Neuerungen  in  der  bis  dahin  mit  wenig  Steuern  (1861:  2,2  Pro- 
mille des  Vermögenskatasters)  schhcht  und  recht  verwalteten 
Stadtgemeinde,  die  1860  nicht  mehr  als  20,381  Einwohner  auf 
ihrem  187  Hektaren  umfassenden  Stadtgebiete  zählte,  bedurfte  es 
junger  Männer  mit  Weltkenntnis  und  Unternehmungslust,  und 
bereits  hatte  die  Behörde  angefangen,  sich  zu  verjüngern.  Und  da 
der  junge  Statthalteradjunkt  Römer  in  seinem  schwierigen  Amte 
sich  zu  kehren  so  wohl  verstanden  hatte,  wählte  ihn  die  Bügerschaft 
bei  den  Erneuerungswahlen  des  Jahres  1861  (10.  Juni)  zum  Mit- 
ghed des  Stadtrates.  Seine  Kollegen  übertrugen  ihm  das  Polizei- 
präsidium, nach  welchem  Amte  zu  keiner  Zeit  starke  Nachfrage 
sich  bekundet  hat,  für  dessen  fachmännische  und  praktische  Lei- 
tung ihn  aber  seine  juristischen  Studien  und  vor  allem  das  Amt, 
von  dem  er  herkam,  voll  befähigten.  Mit  dieser  neuen  Beamtung 
und  mit  der  bereits  im  Frühjahr  1862  erfolgenden  Wahl  zum  Mit- 
glied des  Grossen  Rates  war  Römers  künftige  lyebensaufgabe  be- 
stimmt. In  ihrer  Erfüllung  bekundete  er  von  Anfang  an  den 
offenen  und  weiten  Bück  und  die  echt  liberale  Gesinnung,  die  ihn 
auch  pohtischen  Gegnern  sympathisch  und  achtungswert  machten. 


D.  K.  1853 


N^"-:^^ 


^aus  „zur  '^rüffe"  am  Tröscßengraben 


o  XXXVI.  KAPITEI.:   STADTPRÄSIDENT  RÖMER  215 

Um  nur  eine  der  politischen  Streitfragen  jener  Tage  hervorzuheben, 
sei  an  die  Judenemanzipation  erinnert,  für  welche  Dr.  Römer 
mit  Alfred  Escher  und  andern  offen  und  unerschrocken  eintrat. 
In  der  obersten  städtischen  Behörde  war  nun  mit  Dr.  Römer, 
seinem  Schulfreund  und  Jahrgänger  Stadtrat  Heinrich  Landolt 
(seit  1857  im  Amt),  Stadtschreiber  Dr.  Eugen  Escher,  Stadt- 
ingenieur Arnold  Bürkli  und  dem  1865  in  den  Stadtrat  eintretenden 
Oberst  A.  Vögeli-Bodmer  ein  Kreis  von  Männern  gebildet,  in  dem 
sich  hauptsächlich  die  Entwicklung  der  Stadt  in  den  sechziger 
und  siebziger  Jahren  verkörpern  sollte. 

Zu  Anfang  der  sechziger  Jahre  zeigten  unsere  Strassen  noch 
recht  das  Bild  der  Universitätsstadt.  Die  bunten  Mützen  der 
zahlreichen  Korps,  Landsmannschaften  und  Burschenschaften, 
die  sich  aus  Studierenden  der  Universität  und  auch  aus  Poly- 
technikern rekrutierten,  traten  als  interessante  Staffage  des  Stadt- 
bildes stark  hervor  und  der  Student  mit  seinem  jugendhchen 
Frohmut  galt  als  ein  Faktor,  dessen  Bedeutung  für  Zürichs  gesell- 
schafthches  Leben  jedermann  vor  Augen  stand.  Nun  waren 
gerade  beim  Amtsantritt  Römers  als  Polizeipräsident  Studenten 
und  Polizei  wieder  einmal  gründlich  aneinander  geraten,  und  die 
letztere  wurde  in  ihrer  kleinstädtischen  Unbeholfenheit  Gegenstand 
des  unbarmherzigsten  studentischen  Ulkes.  Römer  aber  ver- 
stand Spass,  nahm  den  studentischen  Übermut  nicht  für  ein 
Kapitalverbrechen,  und  wenn  einmal  bei  der  Heimkehr  aus  der 
Kneipe  das  billige  Mass  nicht  eingehalten  wurde,  schaffte  ein 
ernstes,  aber  freundliches,  vom  akademischen  Bürger  zu  einem 
ebensolchen  gerichtetes  Wort  Ordnung.  So  viel  Kleinigkeiten  und 
Kleinhchkeiten  des  täglichen  Lebens  der  Vorsteher  einer  Stadt- 
polizei zu  kosten  bekommt,  so  waren  sie  Römer  doch  nicht  zu 
gering;  denn  er  sagte  sich,  dass  sie  im  einzelnen  Fall  doch  die 
Beteihgten  nahe  berührten,  die  sich  in  ihren  Gewohnheiten  und 
Gebräuchen  nicht  gern  stören  lassen,  und  dass  viele  Leute  speziell 
nach  dem  Auftreten  der  Polizei  die  ganze  Stadtverwaltung  als 
gut  oder  schlecht  beurteilen.  Römer  sorgte  denn  auch  bald  nach 
seinem  Amtsantritt  für  eine  schmucke  Uniformierung  des  Polizei- 
korps, die  im  wesentlichen  bis  heute  beibehalten  wurde.  Nach 
Entlassung  der  Nachtwächter  im  Jahre  1865  wurde  das  Korps 
verdoppelt   und   in  verschiedenen    Richtungen  besser  rekrutiert. 


2i6  XXXVI.  KAPITEL:    STADTPRÄSIDENT  RÖMER  o 

ausgebildet  und  höher  gelöhnt.  Mit  demselben  bestand  Römer 
während  der  Choleraepidemie  des  Jahres  1867  (in  der  Altstadt 
217  Erkrankungen  und  136  Todesfälle)  durch  furchtlose  Tätigkeit 
und  Handreichung  eine  rechte  Feuerprobe.  Aber  auch  ohne  diese 
Leistung  in  ernster  Zeit  erw^arb  sich  Römer  als  Pohzeipräsident 
die  Achtung  und  Zuneigung  der  Bürgerschaft,  denn  ihm  bheb  seine 
Hebenswürdige  Art,  mit  dem  PubUkum  zu  verkehren,  auch  in  den 
Verdriesshchkeiten  des  Amtes  allezeit  treu.  Regen  Anteil  nahm 
Römer  als  Vorsteher  der  Sanitätspolizei  an  der  mit  Anfang  der 
sechziger  Jahre  einsetzenden  Periode  der  baulichen  Entwicklung 
der  Stadt.  In  jenen  Jahren  (1865)  trat  er  überdies  in  die  engere 
Stadtschulpflege  ein.  BegreifHcherweise  passte  auch  das  patri- 
archaHsche  Gewand  der  Stadtv^erwaltung  nicht  mehr  zu  den  grossen 
Ansprüchen  der  modernen  Zeit.  Und  in  der  Tat  führte  die  Auf- 
hebung des  kantonalen  Gemeindegesetzes  vom  20.  Juni  1855  und 
das  neue  Gesetz  vom  25.  August  1866  die  Gleichstellung  der 
Niedergelassenen  mit  den  Bürgern  herbei,  von  denen  die  erstem 
jedoch  nur  sehr  langsam  von  der  ihnen  von  Anfang  an  zustehen- 
den Mehrheit  in  der  Gemeindeversammlung  Gebrauch  machten. 
Die  neue  Gemeindeordnung  beschränkte  die  Zahl  der  Mitglieder 
des  Stadtrates  von  9  auf  7,  schaffte  die  Pohzeikommission  ab 
und  verheh  dem  PoHzeipräsidenten  eine  grössere  Kompetenz  und 
freiere  Stellung.  Im  Jahre  1867  wählte  der  Stadtrat  Römer  zu 
seinem  Vizepräsidenten  und  designierte  ihn  damit,  soviel  an  ihm 
lag,  der  Bürgerschaft  gegenüber  als  künftigen  Stadtpräsidenten, 
als  welcher  er  denn  auch  nach  dem  Rücktritt  des  verdienten  Stadt- 
präsidenten Mousson  am  22.  August  1869  gewählt  wurde. 

Die  Gemeindeordnung  nahm  in  bewusster  Absicht  davon  Um- 
gang, dem  Stadtpräsidenten  eine  Verwaltungsabteilung  im  engern 
Sinne  zuzuteilen,  sondern  sie  übertrug  ihm  bloss  die  Leitung  der 
unter  besondern  Kollegien  stehenden  Dienstzweige  des  bürger- 
hchen  Armenw^esens,  des  Waisenhauses,  des  Pfrundhauses,  sowie 
der  Stiftungen.  Dadurch  wurde  einerseits  dem  Stadtpräsidenten 
die  nötige  Zeit  für  das  Studium  allgemeiner  Fragen  reserviert  und 
ihm  anderseits  im  Kollegium  eine  von  vornherein  bedeutende, 
weil  unabhängige  Stellung  eingeräumt,  indem  er  nicht  als  Ab- 
teilungsvorstand für  seine  Anträge  einzustehen  und  zu  kämpfen 
und  im  Interesse  ihres  Erfolges  solchen  anderer  Kollegen  Rück- 


90 


o 

tu 


o  XXXVI.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  RÖMER  217 

sichten  zu  tragen  hatte.  Römer  verstand  es  denn  auch  meisterhch, 
sich  in  das  neue  Amt  einzuarbeiten  und  aus  dessen  bevorzugter 
Stellung  heraus  die  städtischen  Geschäfte  zu  leiten.  Er  wurde 
auch  nie  zum  Bureaukraten,  und  wie  er  selbst  stets  in  freund- 
lichem Tone  Audienzen  erteilte,  so  legte  er  Wert  darauf,  dass  man 
überall  in  der  Stadtverwaltung  die  lycute  nicht  ,, anschnauze", 
sondern  sich  hilfsbereit  erweise,  und  dass  die  Beamten  stets  sich 
bewusst  bleiben,  dass  sie  des  Publikums  wegen  da  seien  und  nicht 
das  Publikum  ihrethalben.  Eine  Aufgabe  besonderer  Art  war 
der  Vorsitz  in  der  Gemeindeversammlung,  die  zu  Römers  Zeit 
teils  in  der  Peterskirche,  teils  im  grossen  Saal  der  alten  Tonhalle 
abgehalten  wurde.  Seine  helle  Stimme  und  deutliche  Diktion, 
dazu  die  völhge  Beherrschung  der  formalen  Seite  der  Geschäfte 
imponierte  auch  einer  durch  scharfe  Gegensätze  und  lebhafte 
Rede  und  Gegenrede  erregten  Gemeindeversammlung  von  vielen 
hundert,  ja  tausend  Köpfen.  Dabei  Hess  der  Stadtpräsident  es 
sich  nicht  nehmen,  wenn  ein  harter  Kampf  stattgefunden  hatte, 
zum  Schluss  der  Debatte  ein  offenes  Wort  an  seine  Mitbürger 
zu  richten,  um  die  Anträge  und  das  Vorgehen  der  Stadtbehörde 
zu  rechtfertigen;  er  war  auch  frei  genug,  begangene  Irrtümer  der 
Behörde  unumwunden  anzuerkennen.  Als  MitgHed  des  Grossen 
Rates  hatte  Römer  die  demokratische  Bewegung  des  Jahres  1867 
sich  entwickeln  sehen.  Von  Haus  aus  den  konservativen  Klreisen 
nahestehend,  war  er  selbst  eine  durchaus  frei  angelegte,  jeder 
Angstmeierei  abgeneigte  Persönhchkeit.  Die  Politik  des  ,, Sy- 
stems" fand  er  zu  starr  und  hielt  deshalb  in  den  Wogen  der  Re- 
visionsbewegung anfangs  eher  zurück,  hatte  auch  in  Stadtrat 
Schnurrenberger,  den  er  als  Vertreter  der  städtischen  demokra- 
tischen Partei  in  die  Stadtbehörde  gebracht  hatte,  persönHche 
Beziehungen  zur  Revisionspartei.  Römer  wurde  1868  als  Ver- 
treter der  hberalen  Partei  in  den  Verfassungsrat  gewählt,  der  ihn 
in  die  35er  Kommission  zur  Vorbereitung  der  Verfassungsrevision 
delegierte,  und  1869  trat  er  in  den  Kantonsrat  ein,  welcher  ihn  in 
die  wichtigste  Kommission,  die  21er  Kommission  für  Revision 
der  Gesetzgebung  wählte.  Auch  der  Kommission  für  Revision 
des  Strafgesetzbuches  gehörte  er  an. 

Am  17.  Januar  1869  hatte  die  über  850  Mann  starke  Gemeinde- 
versammlung Beibehaltung  der  Jahresmessen  beschlossen  und  den 


2i8  XXXVI.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  RÖMER  o 

damaligen  Polizeipräsidenten  Römer  beauftragt,  Vorschläge  über 
Bestellung  und  Instruktion  einer  grössern  Einwohnerkommission 
zu  machen,  deren  Aufgabe  es  sein  sollte,  über  zeitgemässe  Um- 
gestaltung der  beiden  Jahresmessen  zu  beraten.  Das  Resultat 
dieser  Beratungen  war  die  einstweihge  Fortdauer  der  Jahres- 
messen, die  erst  mit  Gemeindebeschluss  vom  lo.  Februar  1878 
gänzlich  abgeschafft  wurden.  —  Im  Jahre  1870  galt  es  für  die 
städtische  Abordnung,  bei  Beratung  eines  neuen  Strassengesetzes 
im  Kantonsrat  der  Stadt  die  zur  selbständigen  Durchführung 
der  städtischen  Strassenbauten  nötige  Freiheit  zu  sichern.  —  Am 
eidgenössischen  Schützenfest,  welches  am  13.  Juh  1872  unter 
Mitwirkung  der  Konstanzer  Regimentsmusik  eröffnet  wurde,  be- 
grüsste  Stadtpräsident  Dr.  Römer  die  Schützen  und  Gäste  im 
Namen  der  Stadt  Zürich.  Französische  und  deutsche  Schützen 
nahmen  friedlich  nebeneinander  am  Schiessen  und  an  den  Ban- 
ketten teil.  Der  Festplatz  befand  sich  an  der  Strasse  nach  Alt- 
stetten,  in  der  Nähe  der  beiden  Friedhöfe,  imd  den  Weg  zur 
Festhütte  säumten  Bildnisse  bedeutender  Männer  aus  den  22  Kan- 
tonen ein. 

Im  Oktober  1872  wurde  Römer  zum  MitgUed  des  Nationalrates 
gewählt.  Er  war  damit  berufen,  an  der  Beratung  der  Verfassungs- 
revision von  1874  mitzuwirken,  deren  Annahme  am  19.  April  jenes 
Jahres  er  dann  vom  Erker  des  alten  Stadthauses  aus  am  folgenden 
Tage,  dem  Sechseläuten,  in  begeisterten  Worten  der  Bürgerschaft 
verkündete.  Zu  diesem  Akte  hatten  sich  die  Bürger  Zürichs,  die 
Sänger  voran,  in  hellen  Scharen  mit  Zunftfahnen  und  Musik  auf 
dem  Stadthausplatz  eingefunden.  Römer  gehörte  in  Bern  dem  Zen- 
trum an,  das  eine  Reihe  hervorragender  Männer  unter  der  Führung 
Alfred  Eschers  zu  seinen  Mitgliedern  zählte.  Den  Nationalrat  präsi- 
dierte Römer  im  Jahre  1878.  Nach  dem  Tode  von  Bundesrat 
Scherer  im  Frühjahr  1879  trat  die  Kandidatur  Römers  für  den 
Bundesrat  in  den  Vordergrund.  Da  aber  die  damalige  Zusammen- 
setzung der  obersten  Bundesbehörde  den  Eintritt  eines  Militärs 
wünschbar  machte,  wurde  Regierungsrat  Hertenstein  gewählt.  — 
1873  folgte  die  Wahl  Römers  zum  Präsidenten  des  Kantonsrates, 
welche  Stellung  er  noch  zweimal,  1878  und  1886  einnahm.  —  Die 
Bürgergemeinde  beschloss  am  2.  März  1873  die  Abschaffung  der 
besondern  Waisenhauspfarrei. 


o  XXXVI.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  RÖMER  219 

Im  Sihlliölzli  wurde  vom  i.  bis  3.  August  1874  das  eidge- 
nössische Turnfest  gefeiert.  —  Im  Herbst  des  gleichen  Jahres  kam 
die  Gründung  der  Höhern  Töchterschule  zustande.  Es  war  eigent- 
lich ihre  zweite  Gründung.  Als  Stiftungsurkunde  ist  der  Beschluss 
vom  5.  März  1774  anzusehen,  durch  welchen  Bürgermeister  und 
Rat  von  Zürich  den  Chorherrn  Leonhard  Usteri  ermächtigten,  die 
von  Üim  vorgeschlagene  Höhere  Töchterschule  zu  eröffnen.  Sie 
begann  ihre  Wirksamkeit  am  22.  April  1774  in  der  Wohnung  der 
ersten  Lehrerin,  Jungfer  Susanna  Gossweiler.  1793  wurde  das  Haus 
zum  ,,Napf"  an  der  Napfgasse  erworben,  wo  die  Töchterschule 
bis  1853  bHeb.  Sie  war  1803  von  der  Stadt  übernommen  und 
durch  Anfügung  von  Unterklassen  erweitert  worden.  Bei  der  Re- 
organisation des  städtischen  Schulwesens  zu  Anfang  der  Dreissiger- 
jahre  wurden  die  vier  untern  Klassen  der  städtischen  Primar- 
schule zugeteilt,  die  drei  obern  in  eine  Mädchensekundarschule 
umgewandelt  und  bald  noch  durch  Anfügung  einer  vierten  (ober- 
sten) Klasse  ergänzt.  Eine  ,, Höhere  Töchterschule"  war  das  nun 
allerdings  nicht  mehr,  und  sie  bezog  darum  auch  als  gewöhnHche 
,, Mädchenschule"  am  7.  August  1853  das  neue  Grossmünster- 
schulhaus  (Band  I,  337).  Zwanzig  Jahre  später  trat  das  Bedürfnis 
nach  einer  Höhern  Töchterschule  abermals  und  dringend  hervor. 
Es  sollte  nun  aber  eine  wirkliche  ,, Höhere  Töchterschule"  werden, 
d.  h.  eine  Mittelschule  für  die  weibHche  Jugend  im  Anschluss  an 
die  Sekundärschule.  Ihre  Gründung  wurde  am  20.  September 
1874  durch  die  Schulgemeinde  beschlossen  und  zu  Ostern  1875 
die  Schule  mit  loi  Schülerinnen  eröffnet.  Schon  im  folgenden 
Jahre  gesellten  sich  dazu  die  Seminarklassen,  nachdem  1874  zum 
erstenmal  Lehrerinnen  in  der  Volksschule  des  Kantons  Zürich  An- 
stellung gefimden  hatten.  Die  Abschaffung  des  Schulgeldes  durch 
die  Gemeindeordnung  vom  i.  Januari894  erleichterte  den  Besuch 
der  Schule  auch  den  Unbemittelten,  und  die  Aufhebung  der 
4.  Sekundarklasse  in  der  Altstadt  führte  den  Fortbildungsklassen 
eine  grössere  Schülerzahl  zu.  Es  wurden  besondere  Handelsklassen 
gegründet,  und  als  der  Zudrang  von  Seminaristinnen  und  Matu- 
randinnen  zu  gross  wurde,  schritt  man  1904  zur  Errichtung  einer 
Gymnasialabteilung.  Zum  ersten  Rektor  der  Höhern  Töchter- 
schule wurde  im  Jahr  1874  Ferdinand  Zehnder,  damals  Prorektor 
der  Höhern  Mädchenschule  in  Winterthur,   gewählt   (f  22.  Sep- 


220  XXXVI.  KAPITEL:    STADTPRÄSIDENT  RÖMER  o 

tember  1885).  Ihm  folgten  Pfarrer  Weitbrecht  von  Waiblingen, 
1892  Dr.  Salomon  Stadler,  1911  Dr.  Wilhelm  von  Wj^ss.  Die 
Handelsschule  wird  von  Rektor  Schurter  geleitet. 

Im  Jahre  1874  gelang  es  Stadtpräsident  Römer,  im  Verein  mit 
Stadtschreiber  Spyri,  im  Interesse  der  Erhaltung  des  Bürgerprin- 
zips in  unserm  Gemeinwesen,  dessen  Bürgerschaft  stationär  bheb, 
die  unentgeltHche  Einbürgerung  von  Schweizerbürgern  nach  zehn- 
jähriger Niederlassung  in  der  Wohngemeinde  in  das  neue  Gemeinde- 
gesetz zu  bringen,  das  vom  Volk  am  23.  Juni  1875  angenommen 
wurde.  Für  die  Stadt  Zürich  mit  Üiren  zahlreichen,  seit  Dezennien 
hier  niedergelassenen  FamiHen  zürcherischer  und  schweizerischer 
Gemeinden  war  diese  Neuerung  von  imgewöhnHcher  Bedeutimg. 
Die  erfreuten  Neubürger  hielten  am  i.  April  1876  im  grossen  Saal 
der  Tonhalle  eine  Feier,  bei  welcher  Stadtpräsident  Römer  eine 
seiner  prächtigen  Reden  hielt.  —  Am  30.  Mai  1875  beschloss  die 
Stadtgemeinde  ohne  Opposition  die  sofortige  Einführung  der 
Stimmurne  für  die  städtischen  Wahlen,  ,,was  uns",  bemerkte  die 
,, Freitagszeitung",  ,,ganz  an  die  japanischen  Daimios  erinnert,  die 
sich  den  Bauch  selber  aufschUtzen,  um  der  Hinrichtung  zu  ent- 
gehen. Durch  diesen  Beschluss  ist  allerdings  der  Minoritätsherr- 
schaft der  Konserv^ativen  zugunsten  der  Demokratisch-Liberalen 
das  Ende  bereitet;  wenn  aber  die  Frucht  erst  einmal  zeitig  ist,  so 
fällt  sie  schliesslich  in  den  Schoss  der  Demokratisch-Sozialen."  Den 
Beschluss  der  Kirchgemeinde  Neumünster  vom  13.  Juni  1875,  die 
unentgeltHche  Beerdigung  einzuführen,  bezeichnete  die  ,, Freitags- 
zeitung" als  reinen  Kommunismus,  der  eine  beträchtHche  Steuer- 
erhöhung für  die  Besitzenden  zur  Folge  haben  werde.  —  Es  ist 
selbstverständlich,  dass  Stadtpräsident  Römer  auch  ein  hochge- 
schätzter Präsident  seiner  Zunft  zur  Gerv\-e  und  Schuhmachern  war 
(1871 — 1886),  an  den  Sechseläutenfeiern  sich  als  treffhcher  Spre- 
cher erwies  imd  mit  Vergnügen  die  Besuche  der  Schwesterzünfte 
empfing,  die  nicht  zum  mindesten  seiner  Person  galten.  Hier  und 
auch  bei  Anlässen  im  Famihenkreise  floss  ihm  ein  echt  zürich- 
deutscher Toast  mühelos  von  den  Lippen.  Als  treuer  Solui  der 
Landeskirche  und  fleissiger  Kirchgänger,  dem  die  Religion  Herzens- 
bedürfnis war,  imterliess  er  es  nicht,  die  neuen  Geistlichen  der 
städtischen  Kirchgemeinden  bei  ihrem  Einsatz  in  das  Amt  will- 
kommen zu  heissen.  —  Das  Jahr  1874  brachte  die  Gründung  des 


o  XXXVI.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  RÖMER  221 

Gewerbemuseums,  dem  Römer  in  den  achtziger  Jahren  als  Mit- 
ghed  und  Präsident  angehörte. 

Im  Sommer  1876  wurde  das  fünfzigjährige  Jubiläum  des 
Sängervereins  vom  Zürichsee  in  der  Tonhalle  gefeiert;  zum  ersten- 
mal zog  eine  Ferienkolonie  von  Pfarrer  Bion  in  die  Berge.  —  Wie 
schon  angedeutet,  war  dem  Stadtpräsidenten  die  Leitung  des 
Armenwesens,  des  Pfrund-  und  Waisenhauses  übertragen.  Im 
fernem  beteiligte  sich  Römer  mit  Freuden  an  der  Gründung  des 
freiwilligen  Armenvereins  (1874 — 1878),  den  der  ihm  nahestehende 
Antistes  Dr.  Finsler  ins  Leben  rief.  Mit  besonderer  Liebe  widmete 
er  sich  aber  dem  Waisenhaus,  das  er  stets  als  ,, Augapfel  Zürichs" 
pries.  Es  war  Römers  Verdienst,  dass  der  ihm  bekannte  da- 
mahge  Pfarrer  Moritz  Hofer  in  Sumiswald  (geb.  27.  Juli  1849, 
1 12.  April  1906)  vom  Stadtrat  am  7.  März  1882  zum  Waisenvater 
berufen  wurde.  Bei  der  Einführung  Hofers  in  sein  Amt  am  7.  Mai 
1882  sprach  Stadtpräsident  Römer :  ,,Wir  übergeben  Ihnen  die  Perle 
unserer  bürgerlichen  Stiftungen,  den  Augapfel  unserer  Bürger- 
schaft, unser  Waisenhaus".  Waisenvater  Hof  er  hat  sich  in  seiner 
Stellung  die  Dankbarkeit  und  Anerkennung  Zürichs  in  hohem 
Grade  erworben.  Der  Stadtrat  schenkte  ihm  schon  1885  das 
Bürgerrecht  und  schickte  ihm  am  Neujahrsmorgen  1886  den 
Bürgerbrief  durch  den  Weibel  ins  Haus. 

In  Hinsicht  auf  die  Organisation  der  Stadtverwaltung  gab 
das  Gemeindegesetz  von  1875  Anlass  zu  der  neuen  Gemeinde- 
ordnung vom  26.  April  1877,  welche  die  Verschmelzung  der  Schul- 
gemeinde mit  der  politischen  Gemeinde  —  unter  Beibehaltung  des 
DuaHsmus  von  Stadtrat  und  Schulpflege  —  statuierte;  als  Schul- 
präsident wurde  am  13.  Mai  1877  ^^^  ^^74  erstmals  gewählte  alt 
Pfarrer  Paul  Hirzel  beim  Prediger  bestätigt.  —  Zum  erstenmal 
erhielten  1877  die  Stadtbürger  keinen  Bürgernutzen  mehr.  —  Mitte 
Juh  1880  wurde  in  der  Tonhalle  und  einer  dabei  errichteten  Fest- 
hütte das  eidgenössische  Sängerfest  gefeiert;  ein  Festmarsch  von 
Attenhofer  leitete  die  Eröffnung  ein.  Die  eidgenössische  Sänger- 
fahne wurde  am  Schluss  in  die  Wohnung  des  Stadtpräsidenten 
gebracht.  Eine  Nachfeier  hielten  dann  die  Sängervereine  ,, Har- 
monie" und  ,, Männerchor"  am  2.  Oktober.  ,,Als  Denkmal  des 
herzhchen  Einvernehmens  der  beiden  in  edelster  Weise  rivaUsieren- 
den  Vereine  wurde  eine  gegenseitige  Ehrenmitgliedschaft  derselben 


222  XXXVI.   KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  RÖMER  o 

errichtet  und  überdies  die  beiden  Festpräsidenten,  Regierungs- 
präsident Zollinger  und  Stadtpräsident  Römer,  zu  Ehrenmitgliedern 
beider  Vereine  ernannt. 

Das  eidgenössische  Polytechnikum  feierte  am  31.  Juli  1880 
sein  253 ähriges  Jubiläum,  für  welchen  Anlass  man  die  Sängerfest- 
hütte bei  der  Tonhalle  noch  hatte  stehen  lassen.  Der  Festakt  am 
Vormittag  fand  im  Börsensaal  statt.  Es  sprachen  Schulratspräsi- 
dent  Kappeier,  Bundesrat  Anderwert  und  Prof.  Rambert.  Am 
Bankett  in  der  Tonhalle  hörte  man  Toaste  von  Nationalrats- 
präsident Ruchonnet,  Regierungspräsident  Stössel  und  Stadtpräsi- 
dent Römer.  Der  Generalversammlung  der  Gesellschaft  ehemahger 
Polytechniker  am  Sonntag  den  i.  August  folgte  wiederum  ein  Ban- 
kett in  der  Tonlialle  und  eine  Rundfahrt  auf  dem  See.  Einen  leich- 
ten Schatten  hatte  auf  die  Feier  der  Volksentscheid  vom  30.  No- 
vember 1879  geworfen,  durch  welchen  die  Abmachungen  mit  dem 
Bund  über  die  weitere  BaupfHcht  Zürichs  gegenüber  dem  Poly- 
technikum verw^orfen  worden  waren.  —  Im  Dezember  1880  wurde 
der  80.  Geburtstag  des  berühmten  Altertumsforschers  und  Grün- 
ders der  Antiquarischen  Gesellschaft,  Dr.  Ferdinand  Keller,  ge- 
feiert, zu  dessen  Ehren  Professor  Salomon  VögeUn  eine  Festschrift 
„Aus  der  Familie  Keller  vom  Steinbock"  herausgab.  Der  Jubilar 
überlebte  den  Ehrentag  nicht  mehr  lange ;  er  starb  am  21.  Juli  188 1. 
Das  Präsidium  der  Antiquarischen  Gesellschaft  hatte  er  aber  schon 
im  Jahr  1871  an  den  damals  erst  28] ährigen  Sekretär  der  Gesell- 
schaft, Professor  Dr.  Gerold  Meyer  von  Knonau,  Ordinarius  für 
Allgemeine  Geschichte  an  der  Universität,  abgetreten.  Geboren 
am  5.  August  1843,  gehört  Prof.  Meyer  von  Knonau  schon  seit  1866 
dem  Lehrkörper  der  Universität  an  und  leitet  seit  nunmehr  44  Jah- 
ren die  ihm  so  sehr  am  Herzen  liegende  Antiquarische  Gesellschaft. 
Unter  den  Werken  von  Prof.  Meyer  von  Knonau  sind  an  erster 
Stelle  zu  nennen  die  Jahrbücher  des  Deutschen  Reichs  unter 
Heinrich  IV.  und  Heinrich  V.,  die  St.  Gallischen  Geschichts- 
quellen, die  Biographie  von  Georg  von  Wyss,  die  historischen  Vor- 
träge und  Aufsätze  ,,aus  mittleren  und  neueren  Jahrhunderten", 
nicht  zu  reden  von  der  überaus  grossen  Zahl  kleinerer  Schriften. 
Eine  monumentale  ,, Festgabe"  mit  reichen  wissenschaftlichen  Bei- 
trägen ist  zu  seinem  70.  Geburtstag  1913  erschienen;  die  Gesell- 
schaft der  ,, Schildner  zum  Schneggen"  besitzt  seit  langen  Jahren 


o  XXXVI.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  RÖMER  223 

in  Prof.  Meyer  von  Knonau  ihren  verehrten  Obmann.  x\m  20.  Ok- 
tober 1900  feierten  Prof.  Dr.  Meyer  von  Knonau  und  Prof.  Dr. 
J.  R.  Rahn  das  30jährige  Doppeljubiläum  ihrer  Ernennung  zu 
Professoren  an  der  Hochschule.  In  den  nahe  verwandten  und 
vielfach  ineinander  übergreifenden  Gebieten  der  Geschichte  und 
der  Kunstgeschichte  haben  die  eng  verbundenen  Freunde  eine 
reiche  wissenschaftliche  und  lehrende  Tätigkeit  entwickelt.  Joh. 
Rudolf  Rahn  (geb.  24.  April  1841,  f  28.  April  1912)  ist  auch  neben 
seiner  Berufsarbeit  als  Mitglied  gelehrter  Gesellschaften  und  als 
Privatmann  eifrig  für  vaterländische  Bestrebungen  und  Unter- 
nehmungen, besonders  auf  künstlerischem  Felde,  tätig  gewesen. 
Von  seiner  feinen  Künstlerhand  zeugen  die  1911  bei  seinem  70.  Ge- 
burtstag von  Freunden  und  Verehrern  herausgegebenen  ,, Skizzen 
und  Studien"  aus  seinen  Zeichnungsmappen. 

Anfangs  Juli  1882  wurde  in  Zürich  das  Allgemeine  deutsche 
Musikfest  gefeiert ;  es  galt  in  erster  Linie  dem  berühmten  Kompo- 
nisten Franz  Liszt,  den  der  Stadtpräsident  am  Bahnhof  begrüsste. 
—  Die  Hochschule  Zürich  beging  am  2.  und  3.  August  1883  ihre 
Halbjahrhundertfeier,  die  in  der  Festschrift  von  Professor  Georg 
von  Wyss  ihr  bleibendes  Denkmal  erhielt.  Eine  ganze  Menge  be- 
rühmter Professoren,  die  früher  in  Zürich  gewirkt,  waren  als  Ehren- 
gäste an  der  Feier  erschienen,  so  Gusserow,  Dernburg,  Wislizenus, 
Moleschott  u.  a.  Alle  schweizerischen  und  die  meisten  deutschen 
imd  österreichischen  Universitäten  waren  durch  Deputationen  ver- 
treten. Am  Morgen  des  ersten  Festtages  bewegte  sich  der  feierHche 
Zug  vom  Polytechnikum  herab  durch  die  mit  Fahnen  geschmückten 
Strassen  zum  Grossmünster,  das  der  Wohlklang  der  Attenhofer- 
schen  Kantate  erfüllte;  den  viel  zitierten  Text  dazu  hatte  Gott- 
fried Keller  gedichtet: 

Kein  fürstlicher   Reichtum, 
Kein  Erbe  der  Väter 
Erhält  uns  die  Schule; 
Auf  schwankem  Gesetze 
Sie  steht  in  den  Äther 
Des  tägUchen  Willens, 
Des   täglichen  Opfers 
Des  Volkes  gebaut! 

Der  Festrede  von  Rektor  Prof.  Steiner  folgten  die  üblichen 
Ehrendoktor-Ernennungen.   Nachmittags  fand  im  Rathaussaal  die 


224  XXXVI.  KAPITEI.:   STADTPRÄSIDENT  RÖMER  o 

offizielle  Begrüssung  durch  Erziehungsdirektor  Grob  imd  Stadt- 
präsident Römer  statt.  Alt  Oberrichter  Escher  überreichte  als  Er- 
trag einer  Sammlung  von  Freunden  der  Hochschule  eine  Gabe  von 
50,000  Fr.  zirr  Aufbesserung  der  Lehrergehalte,  Prof.  Kesselring 
8000  Fr.  als  Kollekte  von  ehemaligen  schweizerischen  Studierenden 
der  Hochschule  für  bedürftige  Studenten.  Das  glänzende  Fest- 
mahl in  der  Tonhalle  würzte  eine  Menge  von  Toasten.  Am  zweiten 
Festtag  fuhr  man  nach  der  Ufenau  und  abends  hielten  die  Studen- 
ten einen  Fackelzug  ab.  —  Die  nächste  grössere  Feier  —  am 
6.  Januar  1884  —  galt  dem  400jährigen  Geburtstag  Ulrich  Zwingiis, 
die  mit  allgemeinem  Glockengeläute  um  7  Uhr  eingeleitet  und  durch 
einen  Festgottesdienst  geweiht  wurde;  die  Kirchensteuer  fiel  dem 
Zwinglidenkmal  zu.  Um  halb  11  Uhr  spielte  die  Stadtmusik  ,,Con- 
cordia"  auf  der  Münsterterrasse  einige  Choräle.  Abends  6  Uhr  be- 
gann in  der  Tonhalle  die  allgemeine  Feier  mit  Reden  von  Prof. 
Meyer  von  Knonau  und  Antistes  Finsler.  Der  Gemischte  Chor  sang 
drei  von  Zwingli  gedichtete  und  komponierte  Lieder.  Eine  aka- 
demische ZwingHfeier  schloss  sich  am  7.  Januar  an,  wobei  Prof. 
Alexander  Schweizer  die  Festrede  hielt.  Ein  Festkommers  wurde 
im  kleinen  Tonhallesaal  abgehalten  imd  eine  ZwingH-Ausstellung 
im  Linthescher- Schulhaus  war  vom  4. — 8.  Januar  dem  Publikum 
geöffnet.  (Der  ZwingH-Denkmalfeier  am  25.  August  1885  haben 
wir  im  33.  Kapitel  gedacht.) 

Nach  dem  Tode  Bernliard  Spyris  im  Dezember  1884  wurde 
das  Amt  des  Stadtschreibers  der  Stadt  Zürich  in  die  Hände  von 
Dr.  jur.  Paul  Usteri  gelegt,  der  ihm  vom  13.  Januar  1885  bis 
21.  August  1892  seine  Kräfte  tmd  Talente  widmete.  —  In  das  Jahr 
1886  fiel  das  25jährige  Jubiläum  Dr.  Melchior  Römers  als  Mitglied 
des  Stadtrates.  Eine  Deputation  des  letztern  brachte  dem  an  der 
Junisession  der  Bundesversammlung  in  Bern  weüenden  Jubüar 
die  ihm  vom  Grossen  Stadtrat  verHehene  goldene  Verdienst- 
medaille imd  eine  Glückwunschadresse  seiner  Kollegen.  Leider 
folgte  sehr  bald  nach  diesem  Jubüäum  ein  schmerzlicher  Zu- 
sammenbruch; doch  hat  sich  Römer  von  der  schweren  Erschütte- 
rung seiner  Gesundheit  zum  guten  Teil  wieder  erholt.  —  In  diesem 
Jahre  1886  hat  sich  nach  hartem  Kampfe  die  von  England  herüber- 
gekommene Heilsarmee,  die  heute  in  den  allerbesten  Beziehungen 
zu  den  Behörden  lebt  und  für  ihre  Sozialwerke  von  der  Stadt  eine 


o  XXXVI.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  RÖMER  225 

jährliche  Subvention  von  3500  Fr.  erhält,  ihren  Platz  in  Zürich 
erobert.  Die  abenteuerlichsten  Gerüchte  waren  Üir  vorangegangen 
und  im  Jahr  1883  schon  wurde  unwahrerweise  von  Extrasitzungen 
des  Regierungsrats  zur  Abwehr  dieses  „Schwindels"  berichtet. 
Von  ilirem  Auftauchen  in  SchHeren,  Rapperswil,  Uster  im  Jahr 
1885  las  man  ungefähr  mit  den  nämlichen  Gefühlen  wie  vom  Auf- 
treten der  Phylloxera.  An  der  Spitze  des  Korps  zur  Eroberung 
der  Hauptstadt  stand  der  preussische  „Stabshauptmann"  Schaaff, 
der  mit  grosser  Zähigkeit  und  Energie  die  Glaubens-  und  Ge- 
wissensfreiheit auch  für  die  Heilsarmee  durch  alle  Instanzen  er- 
stritt. Am  28.  Juni  1885  wurde  von  der  Heilsarmee  der  „Grünen- 
hof" in  Hottingen  (Ecke  Bergstrasse- Jupiterstrasse,  jetzt  von  Ita- 
lienern bewohnt)  gemietet.  Die  Versammlungen  gaben  bald  zu 
Störungen  und  Skandalen  aller  Art  Anlass.  Der  Statthalter  büsste 
den  Versammlungsleiter,  weil  er  nicht  im  Besitz  eines  ,, Patentes 
für  Schaustellungen"  sei.  Schaaff  rekurrierte  an  das  Bezirksgericht, 
das  die  Busse  aufhob.  Der  Staatsanwalt  appellierte  ans  Oberge- 
richt, zog  dann  aber  wegen  eines  inzwischen  gefällten  bundesge- 
richtHchen  Entscheides  zugunsten  der  Heilsarmee  die  Appellation 
wieder  zurück.  Andrerseits  hatte  Schaaff  einige  Störer  der  Ver- 
sammlungen verzeigt,  die  vom  Bezirksgericht  und  Obergericht  ver- 
urteilt wurden.  Die  Versammlungen  im  ,, Grünenhof"  wurden  poli- 
zeiHch  verboten  und  ein  Rekurs  gegen  dieses  Verbot  vom  Regie- 
rungsrat abgewiesen,  worauf  Schaaff  den  Rekurs  ans  Bundesgericht 
weiter  zog  und  die  Versammlungen  trotz  Verbot  fortsetzte.  Die 
Besucher  dieser  Versammlung  wurden  „wegen  Ungehorsams  gegen 
amtHche  Verfügungen"  angeklagt,  aber  vom  Bezirksgericht  frei- 
gesprochen. Vom  Bundesgericht  wurde  am  20.  Februar  1886  der 
Rekurs  Schaaff s  gutgeheissen  und  nur  für  Kinder  unter  16  Jahren 
der  Versammlungsbesuch  verboten.  Die  Bevölkerung  verhielt  sich 
noch  längere  Zeit  feindhch  gegen  die  ,,neue  Mode"  und  las  mit 
Schmunzeln  eine  öffentHche  Erklärung  des  Spritzenkorps  Neu- 
münster, das  sich  gegen  die  Beschuldigung  verwahrte,  absichtlich 
drei  Heilsarmee-Offiziere  gespritzt  zu  haben.  Ein  Heilsarmee- 
lokal in  Aussersihl  wurde  demoUert  und  im  Jahre  1887  verbot  die 
Regierung  öffentliche  Heilsarmee-Umzüge.  Mit  ihrer  segensreichen 
Tätigkeit  auf  sozialem  Gebiet  hat  dann  die  Heilsarmee  einen  gänz- 
lichen Umschwung  der  öffentHchen  Meinung  herbeigeführt.   Seinen 

15 


226  XXXVI.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  RÖMER  o 

ersten  Besuch  in  Zürich,  im  Kasino  Hottingen,  machte  General 
Booth,  der  Gründer  der  Heilsarmee,  am  7.  und  8.  Mai  1888.  —  Im 
Oktober  1888  starben  rasch  nacheinander  drei  Männer  von  ver- 
schiedener Stellung  und  weit  bekanntem  Namen:  am  17.  Prof. 
Salomon  VögeHn,  am  20.  Schulratspräsident  Kappeier  und  am 
23.  alt  Stadtrat  Schnurre uberger.  —  Am  7.  März  1889  rasselte 
wieder  einmal  der  Generalmarsch  für  ein  Truppenaufgebot  nach 
dem  stets  unruliigen  Tessin. 

Die  letzten  Amtsjahre  des  Stadtpräsidenten  Dr.  Römer  waren 
vielfach  von  unbefriedigenden  Gesundheitsverhältnissen  getrübt. 
Er  hielt  so  lange  als  möglich  Stand,  doch  war  er  zu  seinem  Schmerze 
schliesslich  zum  Rücktritt  von  allen  seinen  Ämtern  auf  den  30.  März 
1889  gezwungen.  Nach  schweren  Leidensj ahren  folgte  am  2.  April 
1895  die  Auflösung.  Am  5.  April  fand  die  feierHche  Beerdigung 
statt,  bei  welcher  Antistes  Finsler  im  Fraumünster  den  Verstorbe- 
nen als  Staatsmann,  FamiHenvater  und  Freund  der  zahlreichen 
Trauerversammlung  schilderte  und  Stadtpräsident  Pestalozzi  die 
hohen  Verdienste  Römers  um  die  Stadt  Zürich  und  ihre  Verwal- 
tung hervorhob.  ,,Bis  in  seine  letzten  Tage,"  fügte  der  Redner  bei, 
,, verfolgte  er  mit  Aufmerksamkeit  die  äussere  Entwicklung  seiner 
geUebten  Vaterstadt.  Als  er  nicht  mehr  gehen  konnte,  Hess  er  sich 
im  Wagen  nach  den  Punkten  hinführen,  von  wo  er  sie  überblicken 
konnte.  Nun  haben  sich  die  treuen  Augen  für  immer  geschlossen. 
Aber  seine  Werke  folgen  Üim  nach.  Der  letzte  Stadtpräsident  des 
alten  Zürich  wird  auch  beim  neuen  Zürich  stets  in  dankbarem  An- 
denken bleiben."  Dann  ging's  hinauf  zum  Friedhof  auf  der  Hohen 
Promenade,  wo  bei  den  Strahlen  der  sinkenden  Abendsonne  die 
sterbüche  Hülle  des  Stadtpräsidenten  der  Erde  übergeben  wurde. 

,, Römer  war  vor  allem"  —  so  sagt  Ständerat  Usteri  am  Schluss 
seiner  anziehenden  Biographie  des  Verewigten  —  ,,eine  aufrichtige, 
wohlwollende  Natur,  bestrebt,  dem  Wahren  zu  helfen,  dem  Un- 
recht zu  wehren,  das  Gute  zu  fördern.  In  seinem  Auftreten  hielt 
er  durch  ein  feines  und  gemessenes  Benehmen  eine  magistrale 
Würde  inne,  die  aber  die  Vertraulichkeit  im  Umgange  keineswegs 
fernhielt.  Der  Stolz  des  begüterten  Stadtzürchers  aus  aristo- 
kratischer Familie  lag  seinem  Wesen  völlig  fern,  ebenso  fern  wie 
der  Glaube  an  die  gute  alte  Zeit.  Seine  Freundlichkeit  im  Umgang 
und  seine  elegante  Beredsamkeit  schaffte  ihm  in  allen  Schichten 


o  XXXVI.  KAPITEL:    STADTPRÄSIDENT  RÖMER  227 

der  Bevölkerung  Freunde  und  Anhänger.  Römer  hielt  in  politi- 
schen Kämpfen  Mass;  denn  er  vergass  nicht,  dass  die  streitenden 
Brüder  nach  der  Entscheidung  wieder  zu  gemeinsamer  Arbeit 
berufen  seien  und  dass  seine  Stellung  dann  gerade  ihm  die  Auf- 
gabe zuweise,  in  der  Hitze  des  politischen  Kampfes  gerissene  Fäden 
wieder  neu  zu  knüpfen.  Die  Intrigue  lag  ihm  fern.  Seinen  Ver- 
kehr durfte  auch  ein  anderer  kennen.  ,Ich  habe  keine  Geheim- 
nisse,' sagte  er,  und  ermächtigte  den  Stadtschreiber,  die  an  seine 
persönliche  Adresse  geschriebenen  Briefe  zu  öffnen  und  zu  durch- 
gehen. Zweimal  kam  er  bei  Wahlen  in  Konkurrenz  mit  vStadt- 
schreiber  Bernhard  Spyri,  das  erste  Mal  1859  bei  der  Wahl  des 
Rechtskonsulenten  und  1868  bei  der  Wahl  des  Stadtschreibers, 
und  beide  Mal  unterlag  er  gegenüber  Spyri  trotz  seiner  ernstlichen 
Bewerbung.  Gleichwohl  war  das  Verhältnis  zwischen  beiden  stets 
ein  ungetrübtes,  ja  ein  freundschaftliches.  1881 — 1883  Hess  Römer 
neben  dem  väterlichen  Haus  zur  Trülle  an  der  Bahnhofstrasse 
von  seinem  Vetter,  C.  C.  Ulrich,  Stadtrat  und  Bauherr,  einem 
künstlerisch  veranlagten  und  auch  sonst  vielfach  talentierten 
Manne,  ein  Wohnhaus  im  Stil  moderner  Renaissance  erbauen,  das 
eine  Stätte  freier  und  edler  Gastlichkeit  wurde.  Und  im  Ess- 
zimmer malte  in  seinem  Auftrag  der  alte  Freund  Stückelberg  al 
fresco  die  Szene  aus  Gottfried  Kellers  Hadlaub,  da  Fides  auf  der 
Burg  Manegg  dem  Sänger  den  Kranz  in  die  Locken  drückt,  eine 
treffliche,  wirkungsvolle  Komposition,  zugleich  eine  Ovation  an 
den  grossen  Zürcher  Dichter,  der  unserer  Vaterstadt  in  dem  präch- 
tigen Novellenkranz  der  altern  und  neuern  Geschichte  durch  eine 
glänzende  Reihe  lebenswahrer  und  duftiger  Gestalten  ein  unver- 
gleichliches Denkmal  gewidmet  hat." 


►  »♦♦♦♦♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ 


♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦»»♦»♦♦»♦»»»»♦ < 

SEBENUNDDREISSIGSTES  KAPITEL 


DIE  STADTVEREINIGUNG 

ZU  Beginn  und  am  Scliluss  der  Stadtpräsidentschaft  von  Dr. 
Melchior  Römer  stand  auf  der  Tagesordnung  die  Frage  der 
Stadtvereinigung.  Noch  haben  wir  nicht  die  nötige  Distanz  ge- 
wonnen, noch  stehen  wir  zu  nahe  am  Fuss  des  von  uns  über- 
stiegenen  Berges,  um  rückschauend  beurteilen  zu  können,  wie  er 
sich  in  die  Kette  der  übrigen  Höhen  und  Tiefen  der  städtischen 
Geschichte  einreiht,  welche  Stellung  und  Bedeutung  ihm  in  dem' 
Gesamtbilde  Zürichs  in  den  letzten  hundert  Jahren  zukommt. 
Aber  nach  dem  Urteil  derjenigen,  welche  unter  dem  Zwang 
einer  historischen  Notwendigkeit  die  Stadtvereinigung  in  Angriff 
genommen  und  durchgeführt  haben,  hat  seit  1798  kein  Ereignis 
tiefer  in  die  Geschichte  der  Stadt  Zürich  eingegriffen,  nachhaltiger 
auf  ihre  Entwicklung  eingewirkt,  und  es  gewinnt  nicht  den  An- 
schein, als  ob  mit  dem  zunehmenden  zeitlichen  Abstand  dieser 
Eindruck  mehr  und  mehr  schwinden  müsste;  im  Gegenteil!  Aus 
der  Ferne  gesehen,  wächst  dieser  Berg  zu  immer  mächtigerer 
Höhe,  imd  andere  Gipfel,  die  zuvor  den  ersten  Rang  behaupteten, 
treten  hinter  ihm  zurück. 

Der  geniale  Bluntschli  war  der  erste,  welcher  —  in  den  dreis- 
siger  Jahren  —  den  Gedanken  an  die  Stadtvereinigung  zur  öffent- 
lichen Diskussion  stellte.  Wie  viel  leichter  wäre  sie  damals  durch- 
zuführen gewesen,  mit  wie  viel  geringern  Opfern!  Aber  schliess- 
lich hatte  auch  die  schöpferische  Kraft  der  Regenerationszeit  ihre 
Grenzen,  und  die  Stadtvereinigung  blieb  liegen.  Ende  1860  trat, 
wie  wir  gesehen  haben,  Dr.  med.  Emanuel  Hauser  in  Aussersihl 
mit  einem  Vereinigungsprojekt  auf  den  Plan.  Hauser  (geb.  1816, 
t  25.  Januar  1907  in  St.  Gallen),  der  noch  unter  Hans  Georg 
NägeH  AktivmitgHed  des  Sängervereins  Zürich  gewesen,  hat  sich 
lebenslang  einen  idealen  Sinn  bewahrt  und  für  das  Gemeinwesen, 
in  dem  er  wirkte,  seine  besten  Kräfte  eingesetzt.  Im  Namen 
imd  Auftrag  einer  grössern  Anzahl  von  Bürgern  Aussersihls  trat 


^3 


§ 

•i 

I 

I 


a 


o  XXXVII.  KAPITEL:  DIE  STADTVEREINIGUNG  229 

er  am  12.  Januar  1861  an  den  Stadtrat  Zürich  heran  mit  dem 
Begehren  um  völlige  Verschmelzung  der  Gemeinde  Aussersihl 
mit  der  Stadt  Zürich.  Weil  aber  diese  Petition  von  der  Gemeinde- 
behörde von  Aussersihl  nicht  offiziell  unterstützt  wurde,  fand  sie 
beim  Stadtrat  Zürich  kein  Gehör.  Die  ablehnende  Haltung  des 
letztern  hatte  noch  eine  Reihe  anderer  Gründe:  Die  starke  In- 
anspruchnahme der  Stadt  durch  die  eben  unternommenen  grossen 
bauHchen  Aufgaben,  die  befürchtete  Steuererhöhung,  der  rein 
landwirtschaftüche  Charakter  des  äussern  Aussersihl  usw.  Auch 
glaubte  man  nicht,  dass  der  Grosse  Rat  einer  Verschmelzung  zu- 
stimmen werde.  Zu  wenig  verblasst  war  noch  die  Erinnerung  an 
frühere  städtische  Privilegien,  zu  lebendig  dafür  der  Antagonismus 
von  Zürich  und  Winterthur,  als  dass  eine  glatte  Zustimmung  zu 
einer  solchen  Gebietserweiterung  der  Stadt  hätte  erhofft  werden 
dürfen.  Die  Verhältnisse  drängten  jedoch  mit  Macht  auf  ein 
wenigstens  teilweises  Zusammenarbeiten  der  Behörden  von  Zürich 
und  den  angrenzenden  Gemeinden.  Auf  dem  Vertragswege  wurde 
am  18.  Juni  1864  eine  ,, Gemeindekommission  der  Stadt  Zürich 
und  Ausgemeinden"  gegründet,  von  welcher  sich  jedoch  die  Ge- 
meinde Enge  noch  jahrelang  fern  hielt.  Stadtrat  Römer  wurde 
Präsident  der  Polizeisektion  dieser  Kommission.  Die  Institution 
hat  manches  Gute  gewirkt  und  hie  und  da  auch  die  Bildung 
spezieller  Verbände  zur  Erstellung  öffentHcher  Einrichtungen  er- 
leichtert. Allein  es  fehlten  ihr  alle  Kompetenzen  zu  eigenen  und 
durchgreifenden  Massnahmen.  Wie  in  der  alten  Eidgenossenschaft 
die  Gesandten  der  Stände  immer  erst  heimzuberichten  hatten 
und  von  den  Kantonen  dann  die  einen  wollten,  die  andern  nicht, 
so  dass  etwas  Neues  und  Erspriessliches  bestenfalls  auf  dem  Kon- 
kordatsweg zu  erreichen  war,  so  war  es  auch  mit  dieser  ,, zürche- 
rischen Tagsatzung",  wie  Römer  die  Gemeindekommission  titu- 
lierte. Erst  das  Gemeindegesetz  vom  27.  Juni  1875,  welches 
Gemeindeverbände  für  spezielle  Aufgaben  gestattete,  schuf  die 
rechtliche  Basis  für  die  Konzentration  öffentlicher  Einrichtungen 
und  damit  auch  für  die  ,, Gemeindekommission"  in  Zürich,  ohne 
dass  jedoch  damit  Reibungen  und  Anstände  aller  Art  verschwun- 
den wären.  Praktische  Bedürfnisse  hatten  längst  vorher  die  Ge- 
meinden Riesbach,  Hottingen  und  Hirslanden  zu  einem  engern 
Verbände  unter  sich  veranlasst  zum  Behuf  gemeinsamer  Besorgung 


230  XXXVII.  KAPITEL:  DIE  STADTVEREINIGUNG  o 

des  Strassenunterhalts  und  gewisser  weiterer  Verwaltungszweige. 
Als  aber  auf  Grund  eines  ziemlich  allgemein  lautenden  Vertrags- 
artikels im  Jahre  1873  die  „Zentralkommission  Neumünster"  eine 
Subventionsübemahme  für  die  rechtsufrige  Zürichseebahn  ver- 
anlasste, wurden  die  dahin  zielenden  Beschlüsse  vom  Regierungsrat 
wegen  Überschreitung  der  Kompetenz  aufgehoben.  Eine  wichtige 
Einigung  fand  statt  in  den  Jahren  1872  und  1873  mit  Bezug  auf 
die  Erweiterung  des  zürcherischen  Waffenplatzes.  Hier  einigten 
sich  nämlich  die  Stadt  Zürich,  die  neun  angrenzenden  Ausgemein- 
den und  Wolhshofen  dem  Kanton  gegenüber  auf  die  Verpfhchtung, 
die  Wollishofer  Allmend  auf  ihre  Kosten  zu  erweitern,  wenn  der 
Kanton  ohne  Verzug  eine  neue  Kaserne  in  Aussersihl  erbaue. 
Die  Übereinkunft  kam  zustande,  und  es  trat  in  ihr  zum  erstenmal 
die  Stadt  Zürich  mit  sämtlichen  Ausgemeinden  (ausser  Wip- 
kingen)  als  ein  Ganzes  in  Aktion.  In  dasselbe  Kapitel  gehört  die 
Bildung  der  Quai-Kommission  durch  die  Gemeinden  Zürich, 
Riesbach  und  Enge.  Bei  der  Anlage  ihrer  Kanalisation  und  Wasser- 
versorgung zog  die  Stadt  von  Anfang  an  auch  das  Gebiet  der 
Ausgemeinden  mit  in  Berechnung  und  schloss  dann  in  der  Folge 
Verträge  mit  den  letztem  für  beide  Unternehmungen.  In  diesem 
Zusammenhang  könnte  auch  noch  die  in  spätere  Jahre  fallende 
gemeinsame  Errichtung  des  Katasterbureau,  des  Gewerbemuseums 
und  der  Strassenbahn  und  der  Anschluss  an  die  Gasversorgung 
genannt  werden.  ,,So  kam  es,  dass  es  zuerst  der  Techniker  war, 
der  die  Einheit  der  zürcherischen  Gemeinden  in  den  Gemeinde- 
einrichtungen zur  Wahrheit  machte,  während  die  politischen 
Formen  die  alten  blieben  und  desgleichen  die  wirtschaftlichen 
Grundlagen  in  den  Gemeinden." 

Unter  den  ersten  Pionieren  der  Stadtvereinigtmg  ist  Dr.  jur. 
Conrad  Escher-Ziegler  in  Enge  zu  nennen.  Er  ist  geboren  am 
27.  Juli  1833  in  dem  alten  Patrizierhaus  ,,zum  Brunnen",  zwischen 
Bahnhofstrasse  und  Peterskirche,  das  jetzt  dem  Neubau  der  Bank 
Leu  &  Co.  weichen  musste.  Nach  Absolvierung  der  städtischen 
Unter-  und  Mittelschulen  studierte  Escher  die  Rechte  an  den  Uni- 
versitäten Zürich,  Leipzig  und  Göttingen  und  promovierte  am 
letztern  Orte.  Er  unternahm  nun  einige  Reisen  und  trat  dann  1860 
als  Sekretär  des  neu  gegründeten  Baukollegiums  in  den  städtischen 
Dienst  ein.    Dem  Stadtrat,  zu  dessen  MitgHed  er  1863  gewählt 


o  XXXVII.  KAPITEL:   DIE  STADTVEREINIGUNG  231 

wurde,  gehörte  er  nur  kurze  Zeit  an,  da  er  schon  1866  nach  Enge 
übersiedelte.  Dafür  wirkte  er  dann  von  1866 — 1872  als  Mitglied 
und  zeitweise  als  Präsident  des  Bezirksgerichts  Zürich.  Die  Ge- 
meinde Enge  verdankt  ilim  u.  a.  eine  sehr  tatkräftige  und  opfer- 
freudige Förderung  ihres  Kirchenbaues.  Im  Militär  avancierte  er 
bis  zum  Oberstleutnant.  Seit  1867  und  bis  zum  Jahr  1911  gehörte 
Dr.  Escher  dem  Kantonsrat  an,  dessen  Präsidium  er  1883/84  inne 
hatte.  Im  Grossen  Stadtrate  (1892 — 1911)  zählte  er  zu  den  ein- 
flussreichsten Mitghedern.  I^ange  Jahre  war  er  auch  Mitglied  des 
Bankrates  der  Kantonalbank  und  drei  Jahre  hindurch  dessen  Präsi- 
dent. Ganz  besondere  Verdienste  erwarb  sich  Dr.  Conrad  Escher 
als  Mitglied  und  Präsident  des  Konvents  der  StadtbibHothek. 
Der  zweite  hervorragende  Vorkämpfer  der  Stadtvereinigung 
aus  der  Altstadt  ist  Stadtschreiber  Dr.  jur.  Paul  Usteri,  dessen 
Name  an  den  berühmten  Staatsmann  der  Regenerationszeit,  seinen 
Urgrossvater,  erinnert.  Paul  Usteri  ist  geboren  am  12.  August  1853 
in  Zürich.  Er  durchlief  die  öff entheben  Schulen  der  Vaterstadt, 
absolvierte  das  Gymnasium  und  studierte  dann  die  Rechte  an  den 
Universitäten  Lausanne,  München,  Zürich  und  Berhn,  worauf  er 
1877  in  Zürich  promovierte.  1878  wurde  Usteri  zum  Gerichts- 
schreiber des  Bezirks  Meilen  gewählt.  Die  selbständige  imd  im- 
abhängige  Tätigkeit  in  einem  Kreis  einsichtiger  und  erfahrener 
Männer,  als  einziger  ständiger  Gerichtsbeamter  des  Bezirks,  dessen 
politische  und  kulturelle  Verhältnisse  sich  noch  überbhcken  Hessen, 
sagte  Usteri  so  sehr  zu,  dass  er  1881  eine  Kandidatur  für  das  Ober- 
gericht —  allerdings  auch  mit  Rücksicht  auf  den  hochbetagten 
Gerichtspräsidenten  —  ablehnte.  Nach  wenigen  Jahren  aber  ver- 
schaffte ihm  die  Wahl  zum  Stadtschreiber  eine  neue  einflussreiche 
Stellung,  die  er  namentUch  als  Mitglied  wichtiger  städtischer  Kom- 
missionen, wie  als  Mittelsmann  zwischen  Stadtrat  und  Grossem 
Stadtrat,  welch  letzterem  er  zugleich  als  Sekretär  angehörte,  zur 
Geltung  bringen  konnte.  Von  hervorragender  Bedeutung  wurde 
die  Wirksamkeit  Usteris  bei  den  Vorarbeiten  für  die  Stadtvereini- 
gung. Die  wichtigen  Weisungen  des  Stadtrates  vom  31.  Juh  1889 
imd  25.  Januar  1890,  sowie  die  Eingabe  an  die  kantonsrätHche 
Kommission  vom  14.  Juni  1890  sind  in  der  Hauptsache  sein  Werk. 
Die  Wahl  Usteris  zum  Mitglied  des  Kantonsrates  im  September 
1899  gestattete  ihm,  neben  der  XXIer  Kommission,  der  er  nicht 


232  XXXVII.  KAPITEL:   DIE  STADTVEREINIGUNG  o 

angehörte,  einen  gewichtigen  Einfluss  auf  die  Gestaltung  des  neuen 
Gemeinwesens  auszuüben.  Yon  Bedeutung  war  dann  auch  wieder 
seine  Mitwirkung  bei  Beratung  des  neuen  Baugesetzes  1893.  Präsi- 
dent des  Kantonsrates  war  er  1897.  Wegen  der  Vorarbeiten  für 
die  Gründung  der  Schweizerischen  Nationalbank  trat  er  1906  aus 
dem  Kantonsrat  zurück. 

Nach  Annahme  des  Zuteilungsgesetzes  wurde  Usteri  Präsident 
und  Referent  der  XXIer  Kommission  der  Abgeordnetenversamm- 
lung für  die  neue  Gemeindeordnung.  Am  9.  August  zum  MitgHed 
des  Stadtrates  gewählt,  übernahm  er  die  Leitung  des  Bauwesens 
und  brachte  u.  a.  die  periodischen  Konferenzen  der  bei  baiüichen 
Fragen  beteiHgten  Chefs  der  verschiedenen  Dienstabteilungen  zu- 
wege, in  der  Absicht,  die  Einheit  und  Zusammenarbeit  derselben 
zu  sichern.  Auf  seine  Initiative  zurückzuführen  ist  auch  die  neue 
Geschäftsverteilung  der  Mitgheder  des  Stadtrates  mit  der  haupt- 
sächHchsten  Neuerung  der  Zweiteilung  des  Bauwesens,  wie  sie 
jetzt  besteht.  Im  Jahre  1896  folgte  Usteri  einem  Ruf  in  die  Direk- 
tion der  Schweizerischen  Lebensversichertmgs-  und  Rentenanstalt, 
die  er  mit  dem  31.  Dezember  1912  wieder  verliess,  um  die  Leitung 
der  Organisationsarbeiten  der  ,, Schweizerischen  Unfallversiche- 
rimgsanstalt  in  Luzern"  zu  übernehmen.  Am  Tage  der  Verwerfung 
der  lex  Forrer,  der  ersten  Kranken-  und  Unfallversicherungsvor- 
lage (20.  Mai  1900)  wurde  Dr.  Paul  Usteri  an  Stelle  des  verstorbe- 
nen Othmar  Blumer  zum  Ständerat  gewählt.  Er  wirkte  dort 
namentlich  auf  folgenden  Gebieten:  Einrichtung  und  Leitung  der 
ständigen  Kommission  für  die  Bundesbahnen;  Reglement  der  neu 
geschaffenen  Finanzdelegation  und  Mitglied  derselben;  Anleihens- 
angelegenheiten,  Nationalbank,  Zivilgesetzbuch,  ObHgationenrecht, 
Kranken-  imd  Unfallversicherung,  Militärversicherung,  Zolltarif, 
Militärorganisation,  Verwaltungsgericht.  1909/1910  war  Usteri 
Präsident  des  Ständerates  und  nahm  als  solcher  am  Empfang  des 
Präsidenten  der  französischen  Repubhk  teil.  Bei  dieser  und  andern 
Gelegenheiten  kam  er  in  Berührung  mit  diplomatischen  Kreisen 
und  war  auch  1908  Delegierter  des  Bundesrates  beim  Mehlzollkon- 
fhkt.  Im  Jahre  1906  wurde  Usteri  zum  Vizepräsidenten  des  Bank- 
rates der  Schweizerischen  Nationalbank  und  zum  Präsidenten  des 
Komitees  der  Zürcher  Zweiganstalt  gewählt  und  nahm  an  den  weit- 
schichtigen organisatorischen  Arbeiten  der  Bank  und  ihrer  Zweig- 


o  XXXVII.  KAPITEL:  DIE  STADTVEREINIGUNG  233 

anstalten  sowie  an  ihrem  Ausbau  und  ihrer  Verv\^altung  Anteil.  Im 
Jahre  191 2  erfolgte  die  Wahl  Usteris  zum  Präsidenten  des  Ver- 
waltungsrats der  ,,  Schweizerischen  Unfallversicherungsanstalt  in 
Luzern",  die  völlig  neu  zu  organisieren  ist  in  personeller,  ver- 
sicherungstechnischer und  baulicher  Hinsicht.  Sie  wird  nach  ihrer 
Eröffnung,  die  auf  den  i.  Januar  1917  in  Aussicht  genommen  ist, 
vermutlich  einen  Versicherungsbestand  von  600,000  Personen  und 
einen  Umsatz  in  einfacher  Aufrechnung  von  rund  30  Millionen  Fr. 
aufweisen.  Seiner  mihtärischen  PfHcht  genügte  Usteri  in  den 
Jahren  1875 — 1894.  Er  quittierte  den  Dienst  im  Jahre  1896  mit 
dem  Grad  des  Oberstleutnants  als  Kommandant  des  22.  Infanterie- 
Regiments. 

Es  hat  nun  im  Jahre  1874  Dr.  Conrad  Escher  —  um  hier  den 
Faden  der  Vereinigungsgeschichte  wieder  aufzunehmen  —  in  einer 
Artikelserie  der  ,, Neuen  Zürcher  Zeitung"  (Nr.  266 — 286),  die  her- 
nach als  Broschüre  (,, Zürich  und  die  Ausgemeinden.  Eine  Betrach- 
tung und  Anregung")  erschien,  die  Notwendigkeit  der  Vereinigung 
hauptsächlich  auch  im  Hinbhck  auf  eine  gesunde  Entwicklung  der 
Gemeindefinanzen  betont.  ,, Einem  Fremden,  der,  mit  den  hiesigen 
Verhältnissen  nicht  näher  bekannt,  auf  dem  Dampfboot  sich  der 
Stadt  Zürich  nähert  oder  den  Tunnel  bei  Wipkingen  verlässt  und 
auf  der  dortigen  Eisenbahnbrücke  nach  Süden  blickt,  präsentiert 
sich  die  Stadt  Zürich  samt  den  Ausgemeinden  bereits  als  Eine  grosse 
Stadt.  Wenn  er  das  statthche  Häusermeer,  das  sich  an  die  beid- 
seitigen Bergabhänge  hinaufzieht,  überschaut,  kann  er  es  kaum 
glauben,  dass  dasselbe  von  10 — 11  selbständigen  Gemeinden  ge- 
bildet werde,  die  rücksichtlich  ihrer  Verwaltung  unter  sich  in  fast 
gar  keinem  Zusammenhang  stehen."  Nach  gründhcher  Unter- 
suchung der  bestehenden  Verhältnisse  und  ihrer  Mängel  kommt 
Dr.  Escher  dazu,  nun  zunächst  die  Zentralisation  des  Bau-  und 
Strassenwesens  und  hernach  des  Pohzeiwesens  vorzuschlagen, 
auch  die  Gemeinde  Enge  zum  endhchen  Beitritt  in  die  ,, Gemeinde- 
kommission" zu  mahnen.  Es  ist  ihm,  wie  er  sagt,  nicht  darum  zu 
tun,  ,,eine  Verschmelzung  der  Ausgemeinden  mit  der  Stadt  Zürich 
in  Anregung  zu  bringen,  obschon  dieselbe  früher  oder  später  ge- 
wiss kommen  wird  und  nach  unserer  Ansicht  auch  nicht  zu  weit 
hinausgeschoben  werden  sollte.  Die  Zeit  wird  nicht  ausbleiben, 
wo  selbst  das  Interesse  zu  einer  gänzlichen  Vereinigung  führen 


234  XXXVII.  KAPITEL:  DIE  STADTVEREINIGUNG  o 

wird,  nicht  nur  der  besser  situierten  Gemeinden  miteinander, 
sondern  auch  dieser  mit  den  Gemeinwesen,  die  sich  in  schwierigen 
ökonomischen  Verhältnissen  befinden,  in  der  Art,  dass  die  erstem 
unterstützend  den  letztern  an  die  Hand  gehen  werden."  Er  schlägt 
darum  vor,  dass  die  einzelnen  Gemeinwesen  sich,  ähnlich  wie  die 
Kantone  zugunsten  der  Eidgenossenschaft,  der  Besorgung  gewisser 
Verwaltungszweige  zugunsten  des  Ganzen  begeben  sollten. 

,,Die  zeitgemässe  Schrift  wurde  gelesen  und  —  vergessen, 
auch  von  Aussersihl,  obschon  letzteres,  schon  anno  1873  bei 
7  Promille  Gemeindesteuer  (exkl.  Armensteuer)  angelangt,  bereits 
besondere  Ursache  gehabt  hätte,  die  so  bestimmt  hinausgeworfene 
ZentraHsationsidee  zu  erfassen  und  festzuhalten"  (Fritschi-Zing- 
geler).  Über  die  Gründe  der  ungenügenden  Beachtung  des  Mahn- 
rufs von  Dr.  C.  Escher  äussert  Dr.  P.  Usteri  (Lebensbild  Römer) : 
„Man  stand  sich,  teils  wegen  der  Kämpfe  in  der  kantonalen 
Pohtik,  teils  aus  dem  Gegensatz  von  Stadt  und  Land,  wie  er  in 
einem  überlebten  Gedankenkreis  noch  bestand  und  dem  sich 
führende  Männer  der  Ausgemeinden  auch  in  Fragen  von  all- 
gemeinem städtischen  Interesse  hin  und  wieder  noch  zuneigten, 
trotz  der  Nachbarschaft,  manchmal  auch  wegen  derselben,  recht 
fremd  gegenüber,  und  die  Lust  am  Negieren  Hess  mancher  Gemeinde- 
behörde eine  Gemeindevereinigung  noch  keineswegs  als  begehrens- 
wert erscheinen.  Auch  verleitete  die  Grösse  und  Schwierigkeit 
der  Vereinigung  zur  Hoffnung,  dass  sie  eher  Schritt  für  Schritt 
werde  durchgeführt  werden  können  (Rechenschaftsbericht  des 
Stadtrates  von  1875)."  Gegen  das  im  Sommer  1879  vom  Industrie- 
quartier ausgegangene  Bestreben,  sich  der  Stadt  anzugliedern, 
wodurch  der  Gemeinde  Aussersihl  ein  grosses  Steuerkapital  ent- 
zogen worden  wäre,  legte  der  Gemeinderat  Aussersihl  beim  Stadt- 
rat feierhche  Verwahrung  ein. 

Auf  dem  heute  nicht  mehr  ungewöhnlichen,  damals  aber 
durchaus  neuen  Wege  einer  ,, Dummen  Frage"  auf  der  letzten  Seite 
des  ,, Tagblattes"  wurde  die  Angelegenheit  der  Stadtvereinigung 
sodann  von  privater  Seite  vor  die  breiteste  Öffentlichkeit  gebracht 
und  mit  Beharrhchkeit  durch  Monate  hindurch  je  alle  8 — 10  Tage 
dieser  öffenthche  Appell  erneuert.  Es  war  am  9.  November  1881, 
als  das  ,, Tagblatt"  zum  erstenmal  folgendes  Inserat  veröffent- 
lichte: ,, Frage.    Wann  werden  die  Ausgemeinden  mit  der  Stadt 


o  XXXVII.  KAPITEL:  DIE  STADTVEREINIGUNG  235 

vereinigt  ?"  Das  Inserat  war  aufgegeben  worden  von  dem  unter- 
nehmenden und  weitsichtigen  Kaufmann  Karl  Fierz-I^andis, 
der  nicht  zufrieden  war  mit  dem  Verlauf  der  Stadtgrenze  bei 
der  Hohen  Promenade,  durch  den  sein  neuerworbenes  Gut  wider 
seine  Annahme  nicht  der  Stadt,  sondern  der  Gemeinde  Hottingen 
zugeteilt  war.  Seinen  Zweck,  die  öffentliche  Diskussion  über  die 
Vereinigungsfrage  in  Fluss  zu  bringen  und  nicht  mehr  einschlafen 
zu  lassen,  erreichte  Fierz  vollständig.  Die  Vereinigung  wurde 
Tagesgespräch,  die  Meinungen  darüber  gingen  aber  weit  aus- 
einander, und  von  einigen  wurde  die  ,, Frage"  des  unbekannten 
Einsenders  eine  ,, Dumme  Frage"  gescholten.  Von  daher  stammt 
der  Brauch,  dass  einer,  der  im  allgemeinen  Sprechsaal  des  ,, Tag- 
blattes" etwas  recht  Gescheites  vorbringen  will,  ihm  in  der  Regel 
den  Titel  „Dumme  Frage"  gibt.  Von  der  Wirkung  jenes  Inserates 
auf  die  Öffentlichkeit  sagt  Fritschi-Zinggeler :  ,,Die  Frage  schien 
keinen  Tod  zu  haben;  immer  wieder  erschien  sie,  und  wenn  man 
glaubte,  derselben  endHch  los  zu  sein,  stand  sie  erst  recht  wieder 
da.  Kurz,  es  war  nicht  mehr  zum  Aushalten."  Benjamin  Fritschi- 
Zinggeler,  Redaktor  des  demokratischen  ,, Zürcher  Volksblattes" 
in  Aussersihl,  war  gerade  um  jene  Zeit,  am  30.  Oktober  1881,  in 
den  Gemeinderat  von  Aussersihl  gewählt  worden,  und  mit  ihm 
erhielt  jene  Behörde  die  eigentliche  treibende  Kraft,  die  in  zäher 
Ausdauer  auf  die  Vereinigung  lossteuerte.  Wenn  die  gegnerische 
Presse  ihn  gelegentHch  den  ,, Vereinigungsdiktator"  nannte,  so 
kennzeichnete  sie  damit  am  besten  seine  hervorragende  Rolle  in 
der  grossen  Sache.  Fritschi  ist  1842  in  Teufen-Freienstein  geboren. 
Er  hat  das  Lehrerseminar  Küsnacht  besucht  und  eine  Zeitlang  als 
Lehrer  gewirkt.  Dann  ging  er  zur  Industrie  über  und  war  in  Em- 
brach  und  Kloten  Fabrikdirektor.  1878  kam  er  nach  Aussersihl, 
gründete  die  ,, Freien  Stimmen  vom  Uto"  und  vereinigte  sie  mit 
dem  1881  angekauften  ,, Zürcher  Volksblatt".  Im  Stadtrat,  dem 
er  von  1892 — 1914  angehörte,  verwaltete  er  nacheinander  das 
Gesundheitswesen,  das  Schulwesen  und  das  Bauwesen  II.  —  In 
seiner  (März  1887  erschienenen)  Schrift:  ,,Die  Vereinigung  von 
Zürich  und  Ausgemeinden"  erzählt  Fritschi  im  Anschluss  an  das 
Tagblattinserat  weiter:  ,,So  nahm  denn  —  mittlerweile  hatten  sich 
nämhch  die  Gemeinderäte  von  Zürich  und  Ausgemeinden  zu  einem 
hoffnungsvollen  Verein  zusammengeschlossen  —  das  Präsidium  des 


236  XXXVII.  KAPITEL:  DIE  STADTVEREINIGUNG  o 

letztern,  Herr  Präsident  Schellenberg  in  Hottingen,  mangels  an- 
derer Traktanden  Veranlassung,  auf  die  immerw-ährende  Frage 
im  ,, Tagblatt"  die  Aufmerksamkeit  der  andächtig  Versammelten 
zu  lenken,  kurz  auseinandersetzend,  dass  der  Frage  einige  Berechti- 
gung durchaus  nicht  abzusprechen  sei,  indem  die  zurzeit  bestehende 
Zehngemeindewirtschaft  grosse  Ungerechtigkeiten  im  Gefolge  habe 
(Hinweis  auf  Aussersihl).  In  der  Diskussion  fand  die  Auffassung 
des  Vorsitzenden  zum  Teil  lebhafte  Unterstützung,  ja  man  sagte 
sich  so  en  famille,  die  Vereinigung  von  Zürich  imd  Ausgemeinden 
sei  eigentüch  nur  eine  Frage  der  Zeit  und  müsse  einmal  kommen, 
nur  —  per  se  —  jetzt  noch  nicht." 

Immerhin  wurde  doch  in  jener  Sitzung  auf  den  Antrag 
Fritschis  beschlossen,  sich  einmal  von  einem  Mitglied  einen  Vor- 
trag über  die  Vereinigungsfrage  halten  zu  lassen.  Die  Aufgabe 
wurde,  wie  recht  imd  biUig,  Herrn  Dr.  Conrad  Escher  übertragen, 
welcher  sodann  in  seinem  Referate  auf  die  teilweise  Vereinigung 
tendierte.  Ein  zweites  Referat,  von  Fritschi-Zinggeler,  im  Sommer 
1882  vertrat  den  Standpunkt  der  totalen  Vereinigung.  Es  hatte 
zur  Folge,  dass  eine  Elferkommission  mit  dem  weitern  Studium 
der  Angelegenheit  beauftragt  wurde.  Ein  Memorial  Fritschis  an 
die  Kommission  vom  25.  November  1882  gab  ihren  Arbeiten  eine 
bestimmte  Grundlage.  In  den  ersten  Monaten  des  Jahres  1883 
wurde  auf  die  Anregimg  des  Zentralkomitees  der  Landesausstellung 
eine  pro^^sorische  ZentraHsation  des  Polizei wesens  geschaffen,  die 
aber  auf  viel  Widerwülen  stiess  und  allgemein  als  verfehlt  betrachtet 
wurde,  ohne  dass  man  sich  heute  über  die  Gründe  dieses  Miss- 
erfolges recht  klar  werden  kann.  Aus  der  dadurch  erzeugten 
Stimmung  heraus  verfasste  auch  Gemeindeschreiber  Elias  Hasler 
in  Enge,  Mitglied  der  Elferkommission,  am  24.  Juni  1883  ein 
Memorial  an  die  letztere,  das  einen  andern  Standpunkt  einnahm 
als  das  Memorial  Fritschi.  Hasler  wollte  von  der  Enquete  bei  den 
Gemeinderatskanzleien,  welche  Fritschi  vorschlug,  absehen  und 
die  prinzipiellen  Vorfragen  direkt  von  der  Kommission  selbst 
prüfen  und  entscheiden  lassen.  Die  Kommission  kam  zu  dem 
Schlüsse :  Das  eine  tun  imd  das  andere  nicht  lassen !  Die  Enquete 
bei  den  zehn  Gemeinderatskanzleien  (Wollishofen  imd  Wipkingen 
kamen  anfangs  nicht  in  Frage,  Hirslanden  nur  wegen  seiner  Zu- 
gehörigkeit zur  Neumünstergemeinde)  wurde  angehoben  und  — 


o  XXXVII.  KAPITEIv:   DIE  STADTVEREINIGUNG  237 

mit  Ausnahme  von  zweien  —  von  ihnen  auch  durchgeführt; 
das  Programm  Hasler  aber  überwies  man  an  vier  Subkommis- 
sionen,  von  denen  —  keine  einzige  auch  nur  je  eine  Sitzung  hielt! 
„Alle  Nachfragen  über  den  Gang  und  Stand  der  Angelegenheit 
—  und  es  geschahen  deren  viele  —  blieben  wirkungslos,  ja  zum 
Teil  ohne  alle  Antwort.  Man  hatte  die  beste  Gelegenheit,  an  solch 
passivem  Widerstand  zu  verzweifeln." 

Mittlerweile  gingen  die  Geschicke  ihren  Gang.  Das  zweite 
(private)  Anleihen  der  Gemeinde  Aussersihl  im  Betrage  von 
300,000  Fr.  ging  zur  Neige,  während  die  provisorischen  Schul- 
lokalitäten sich  mehrten,  ohne  dass  irgendwelche  Hoffntmg  vor- 
handen war,  von  privater  Seite  ein  drittes  Anleihen  erhältlich 
machen  zu  können.  So  beantragte  denn  der  Gemeinderat  Ausser- 
sihl bei  der  Budgetberatung  des  Frühjahrs  1885  der  Gemeinde- 
versammlung, es  sei  eine  Petition  an  den  Kantonsrat  zu  richten 
mit  dem  Ersuchen  um  Prüfung  einer  gänzlichen  Vereinigung  von 
Zürich  und  Ausgemeinden  und  Gewährung  eines  Staatsanleihens 
an  die  Gemeinde  Aussersihl  zur  Sicherung  ihres  einstweihgen 
Fortbestandes.  Die  Behörden  von  Aussersihl  erblickten  in  der 
gänzlichen  Vereinigung  die  einzige  Rettung,  weil  eine  dauernde 
Unterstützung  der  Gemeinde  durch  immer  erneuerte  Staats- 
anleihen kaum  anging  und  andererseits  das  Scheitern  der  PoHzei- 
zentraHsation  gelehrt  hatte,  dass  auf  dem  Wege  der  Freiwilligkeit 
eine  Vereinigung  von  Zürich  und  Ausgemeinden  nicht  Zustande- 
kommen werde. 

Die  vom  Gemeinderat  Aussersihl  ausgearbeitete,  grösstenteils 
von  Benjamin  Fritschi  verfasste  Petition  wurde  von  der  Gemeinde- 
versammlung Aussersihl  am  i.  November  1885  gutgeheissen  und 
eingereicht.  Sie  wurde  vom  Winterthurer  ,, Landboten"  mit  fol- 
genden Worten  charakterisiert:  ,,Ein  schwerv/iegenderes  Akten- 
stück ist  schon  lange  nicht  mehr  im  Umkreis  der  poHtischen  Fragen 
des  Kantons  Zürich  aufgetaucht.  Ohne  jemanden  anzuklagen, 
ohne  einen  Vorwurf  zu  erheben,  tritt  eine  ansehnliche  Gemeinde, 
die  zweitgrösste  des  Kantons,  vor  die  oberste  Landesbehörde  mit 
dem  Nachweis,  dass  sie,  unschuldigerweise,  dem  unausweichhchen 
Verderben  entgegengetrieben  wird.  Und  dieser  Nachv/eis  ist  ein 
unwidersprechlicher.  Seine  Quintessenz  hegt  in  der  Blösstellung 
eines  Prozesses,  bei  dem  die  um  ihrer  Abhängigkeit  und  Armut 


238  XXXVII.  KAPITEI,:  DIE  STADTVEREINIGUNG  o 

willen  vom  Gemeinwesen  mehr  verlangenden  als  ihm  gebenden 
Elemente  von  einem  mächtigen,  in  sich  alle  Bedingungen  des 
Gedeihens  tragenden  sozialen  und  politischen  Körper  ausgeschie- 
den, beiseite  zusammengeschoben  und  sich  selber  überlassen 
werden.  In  Aussersihl,  wo  aus  leicht  wahrzunehmenden  Gründen 
Haus  und  Grund  wohlfeil,  zeitweise  fast  wertlos  sind,  wächst  die- 
jenige Bevölkerung  lawinenartig,  welche  dieser  Wohlfeilheit  be- 
darf. Jahr  um  Jahr  lassen  sich  in  ihr  fast  tausend  neue  Bewohner 
nieder,  Jahr  um  Jahr  nimmt  die  Schülerzahl  um  etwa  150  zu, 
mit  andern  Worten  um  ein  grosses  Schulhaus  und  ein  paar  Lehrer ; 
die  Strassen  wollen  unterhalten,  die  öffentliche  Ordnung  gewahrt, 
die  Bewohnerschaft  mit  Wasser,  Licht  und  Abzugskanälen  ver- 
sorgt sein;  die  Nachbarschaft,  das  innige  Verwachsensein  mit 
Gemeinwesen,  welche  auf  der  Höhe  moderner  städtischer  Ent- 
wicklung stehen,  macht  jedes  Zurückbleiben  in  solchen  Dingen 
auffälliger,  stossender,  entfremdender  als  es  draussen  in  länd- 
lichen KJreisen  erschiene.  Mit  jener  schwellenden  Zunahme  an 
Säften  geht  parallel  eine  bedrohliche  Abnahme  an  Kräften.  Ausser- 
sihl ist  der  einzige  Teil  von  Gross-Zürich,  in  welchem  das  Steuer- 
kapital, auf  den  Kopf  bezogen,  in  den  letzten  Jahren  abgenommen 
hat,  und  dieses  Kapital  ist  gesetzlich  fast  die  einzige  Quelle,  aus 
welcher  die  Gemeindebedürfnisse  bestritten  werden  müssen.  Die 
tatsächliche  heutige  Last  und  noch  mehr  die  unausweichlich  er- 
scheinende künftige  Vermehrung  derselben  halten  den  Zuzug  von 
neuen  Kapitalkräften  ab  und  bringen  die  noch  gebliebenen  in 
Versuchung,  sich  diesem  Verhängnis  durch  die  Flucht  zu  ent- 
ziehen." 

Aus  der  umfangreichen  Petition  selbst,  welche  nachweist,  dass 
die  totale  Vereinigung  nicht  etwa  nur  im  Interesse  von  Ausser- 
sihl, sondern  in  demjenigen  des  ganzen  Platzes  Zürich  liege,  sei 
nur  folgende  charakteristische  Stelle  noch  hervorgehoben:  ,,Herr 
Präsident,  hochgeehrte  Herren!  Wenn  Zürich  und  Ausgemeinden 
zuwarten  müssten,  bis  die  Total-Zentralisation  allgemein  als  nicht 
mehr  verfrüht  erklärt  würde  und  folglich  ohne  viel  Opposition 
und  Schwierigkeit  durchzuführen  wäre,  so  könnte  man  das  laufende 
und  folgende  Jahrtausend  noch  ruhig  ablaufen  lassen;  denn  so 
reif,  dass  er  quasi  von  selbst  Realität  gewänne,  wird  der  Gedanke 
überhaupt  nie ;  das  liegt  in  seiner  Natur.   Geschichte  aber,  die  sich 


o  XXXVII.  KAPITEL:  DIE  STADTVEREINIGUNG  239 

nicht  machen  will,  so  sehr  sie  sich  machen  sollte,  die  muss  ge- 
macht werden.  Grosse  Gedanken  sind,  nachdem  sie  einmal  er- 
kannt worden  und  die  Zeit  für  sie  gekommen,  was  im  vorliegenden 
Fall  ernstlich  niemand  bestreiten  wird,  nicht  mehr  sich  selbst  und 
dem  Zufall  zu  überlassen."  In  ihrem  zweiten  Teil  begründet  die 
Petition  das  Begehren  um  ein  zunächst  zinsfreies  staatliches 
Darlehen  von  300,000  Fr. 

Die  Aussersihler  Petition  wurde  am  16.  November  1885  vom 
Kantonsrat  zum  Bericht  und  Antrag  an  die  Regierung  gewiesen. 
Der  Regierungsrat  bestellte  für  die  Vorarbeit  aus  seiner  Mitte 
eine  dreigliedrige  Kommission  (Eschmann,  Nägeli,  Em.  Grob)  und 
wies  die  Frage  des  Darlehens  an  die  Finanzdirektion ;  die  weiteren 
darauf  bezüglichen  Verhandlungen  des  Kantonsrates  endeten  mit 
der  Gewährung  eines  von  Aussersihl  mit  4%  zu  verzinsenden 
Darlehens  von  300,000  Fr.  am  16.  August  1886.  Ein  weiteres 
Darlehen  von  100,000  Fr.  (ebenfalls  ä  4%)  wurde  am  21.  Februar 
1888  gewährt  und  zugleich  der  Regierungsrat  ermächtigt,  der 
politischen  Gemeinde  Aussersihl  unter  gleichen  Bedingungen 
nötigenfalls  weitere  Darlehen  bis  auf  den  Gesamtbetrag  von  höch- 
stens 150,000  Fr.  zu  bewilligen;  auch  wurde  der  Regierungsrat 
eingeladen,  die  Frage  zu  prüfen,  durch  welche  Massnahmen  der 
unhaltbare  finanzielle  Stand  der  Gemeinde  Aussersihl  dauernd 
gebessert  w^erden  könnte,  und  darüber  binnen  Jahresfrist  dem 
Kantonsrat  Bericht  und  Antrag  zu  hinterbringen.  Mit  Lebhaftig- 
keit bemächtigte  sich  nun  auch  die  öffentliche  Diskussion  des 
Gegenstandes.  Die  kantonale  statistische  Gesellschaft,  unter  dem 
Vorsitz  von  Regierungsrat  Dr.  Stössel,  veranstaltete  eine  Reihe 
von  Vorträgen,  in  denen  Dr.  Zuppinger,  Erziehungssekretär  C.  Grob, 
Stadtrat  Schlatter  und  Dr.  C.  Escher  die  weitschichtige  Frage  von 
verschiedenen  Gesichtspunkten  aus  beleuchteten.  Die  Gemein- 
nützige Gesellschaft  Aussersihl  Hess  sich  von  den  Pfarrern  Hart- 
mann Hirzel  und  Denzler  darüber  referieren.  Mehrere  Versamm- 
lungen der  Kantons-  und  Gemeinderäte  von  Zürich  imd  Ausser- 
sihl befassten  sich  mit  Organisationsentwürfen  von  Präsident 
Schneider  in  Riesbach  und  von  der  ,,Zentralisationskommission" 
von  Aussersihl  (Schenkel,  Fritschi-Zinggeler,  JuHus  Weber,  Dr. 
Amsler).  Mit  einem  eigenen,  vollständig  ausgearbeiteten  Ent- 
wurf trat  in  seiner  Schrift  Fritschi-Zinggeler  (März  1887)  an  die 


240  XXXVII.  KAPITEL:  DIE  STADTVEREINIGUNG  o 

Öffentlichkeit.  Sehr  \'iel  kam  nun  für  die  gedeihliche  Weiter- 
ents\-icklung  der  Angelegenheit  auf  die  Haltung  der  Stadt  an, 
und  für  diese  war  es  wiederum  bedeutsam,  dass  Stadtpräsident 
Dr.  Römer  ohne  Zögern  und  mit  Entschiedenheit  für  die  Ansicht 
eintrat,  die  Stadt  solle  sich  nicht  in  Gegensatz  zur  Petition  von 
Aussersihl  stellen,  sondern  ihre  Bereitwilligkeit  erklären  für  'eine 
Vereinigung  auf  gesetzlicher,  organisch  und  finanziell  zuverlässiger 
Grundlage.  Als  von  konservativer  Seite  eine  die  Stellung  der 
Stadt  zur  Vereinigung  betreffende  Motion  eingebracht  wurde,  er- 
klärte Stadtpräsident  Dr.  Römer  in  der  Sitzung  des  Grossen 
Stadtrates  vom  i8.  Februar  1886,  dass  der  Stadtrat  gegen  die 
Vereinigung  der  Stadt  und  ihrer  Ausgemeinden  keine  Opposition 
erheben  werde,  indem  die  letztere  auch  der  traditionellen  Politik 
der  Stadtbehörde  entgegenlaufen  würde,  die  stets  für  eine  mit  den 
Verhältnissen  Schritt  haltende  Entwicklung  der  Gemeindeorgani- 
sation eingetreten  sei.  Stadtpräsident  Römer  bildete  mit  Dr.  Ams- 
1er,  Dr.  C.  Escher,  Albert  Fierz,  Gemeindepräsident  J.  Schneider 
und  Stadtschreiber  Dr.  Paul  Usteri  das  Bureau  der  „Vereinigung 
der  Kantonsräte  und  Gemeindebehörden  von  Zürich  und  Aus- 
gemeinden", welche  in  emsiger  Arbeit,  durch  Vorbesprechungen, 
durch  Sammlung  und  Sichtung  der  Gemeinde-  und  Verbands- 
rechnungen usw.  die  ,, Grundzüge  einer  Organisation  für  die  neue 
Stadtgemeinde  Zürich"  feststellte  und  in  einem  Bericht  von 
50  Druckseiten  im  Januar  1888  publizierte.  Wir  wollen  daraus 
hier  nur  den  Vorschlag  erwähnen,  auch  Wipkingen  und  Wollis- 
hofen  in  die  Vereinigung  einzubeziehen,  mit  folgender  Begründung : 
,,]Mit  Bezug  auf  die  Gemeinde  Wipkingen  war  massgebend,  dass 
ihr  Gebiet  von  Unterstrass  und  Aussersihl  umfasst  ist  und  dass 
das  Pumpwerk  der  Brauchwasserversorgung  im  Gemeindebann 
Wipkingen  liegt.  Bei  Wollishofen  kam  einmal  in  Betracht,  dass 
die  Lage  dieser  Gemeinde  am  linken  Seeufer  so  ziemHch  den 
äussern  Quartieren  von  Riesbach  und  Hirslanden  auf  dem  rechten 
Ufer  entspricht  und  der  Waffenplatz  (zugleich  Gemeindeschiess- 
platz)  zum  grossen  Teil  in  ihrem  Gebiet  liegt,  sodann,  dass  die 
Ortschaften  Unter-  und  Mittelleimbach  die  Elemente  zu  einer 
selbständigen  Gemeindebildung  nicht  besitzen,  die  Einbeziehung 
von  Leimbach  ohne  diejenige  von  WolHshofen  aber  aus  topo- 
graphischen Rücksichten  nicht  angeht.    Es  wird  dann  aber  ge- 


t)  XXXVII.  KAPITEL:  DIE  STADTVEREINIGUNG  241 

boten  sein,  die  Ortschaft  Oberleimbach,  die  nur  politisch  mit 
Wollishofen  zusammenhängt,  mit  ihrer  Schul-,  Kirch-  und  Armen- 
gemeinde Adliswil,  resp.  Klilchberg,  zu  vereinigen  und  sie  damit 
zum  Bezirk  Horgen  zu  schlagen"  (was  dann  auch  geschah).  Im 
Auftrag  der  regierungsrätlichen  Kommission  verarbeitete  das 
kantonale  statistische  Bureau  die  von  den  Gemeinden  ausgefüllten 
Fragebogen  zu  zwei  Heften,  von  denen  das  eine  die  Verhältnisse 
der  politischen  Gemeinden,  das  andere  diejenigen  der  Primar- 
und Sekundarschulkreise  und  der  Bürgergemeinden  behandelte. 
Aus  der  fleissigen  Feder  von  Staatsschreiber  Stüssi  kam  noch  dazu 
ein  Gutachten  über  die  Frage  vom  Staats-  und  gemeinderechtlichen 
Standpunkt  aus  mit  dem  Vorschlag  der  nötigen  Änderungen  an 
den  bestehenden  Gesetzen. 

Auf  diesem  reichen  Material  fusste  die  regierungsrätliche  Vor- 
lage, welche  am  15.  Juli  1889  vom  Kantonsrat  an  eine  XXIer 
Kommission  (Präsident  Dr.  C.  Escher)  gewiesen  wurde.  Aber  die 
dieser  Kommission  gesetzte  Frist  bis  Ende  Dezember  1889  erwies 
sich  als  viel  zu  knapp  für  die  zu  bewältigende  Riesenarbeit.  Neues 
Material  musste  beigebracht,  die  Eingaben  von  Gemeinden  und 
Privaten  mussten  geprüft  und  insbesondere  die  Finanzfrage  gründ- 
lich studiert  werden.  Wollishofen  protestierte  in  seiner  Eingabe 
vom  25.  August  1889  energisch  gegen  jede  Einbeziehung  in  die 
Vereinigung;  Enge  bemühte  sich,  in  einer  5  Bogen  starken  Bro- 
schüre andere  Mittel  und  Wege  gegen  die  Bedrängnis  von  Ausser- 
sihl  ausfindig  zu  machen  und  vorzuschlagen;  Fluntern  empfahl 
eine  nur  teilweise  Vereinigung,  während  man  in  der  Stadt  Zürich 
bestrebt  schien,  die  Lösung  der  Frage  hinauszuziehen.  So  kam  es, 
dass  die  Kommission  erst  am  28.  Oktober  1890  ihre  Arbeit  dem 
Kantonsrate  vorlegen  konnte.  Vorher  aber  hatte  der  Kantonsrat 
der  Gemeinde  Aussersihl  noch  ein  viertes  Darlehen  von  400,000  Fr. 
zu  bewiüigen,  was  am  7.  Juli  geschah.  Die  Stellungnahme  der 
Stadt  Zürich  zur  Vereinigung  kam  in  dem  einstimmigen  Beschluss 
der  imponierenden  Gemeindeversammlung  vom  i.  Februar  i8gi 
in  der  alten  Tonhalle  zum  Ausdruck.  lyangwierige  und  mühevolle 
Verhandlungen  im  Stadtrat  und  Grossen  Stadtrat  waren  voraus- 
gegangen. Der  Grosse  Stadtrat  hatte  am  15.  Januar  als  Antrag 
an  die  Gemeinde  die  ,, Bedingungen"  festgestellt,  unter  denen  die 
Stadt   der   Vereinigung   zustimmen   könne.     Dem   vermittelnden 

16 


242  XXXVII.  KAPITEL:   DIE  STADTVEREINIGUNG  o 

Einfluss  des  Stadtpräsidenten  Hans  Pestalozzi  gelang  es  sodann, 
in  einer  ausserordentlichen  Sitzung  des  Grossen  Stadtrates  am 
29.  Januar  die  letzten  Differenzen  hinsichtlich  dieser  Anträge  zu 
beseitigen  und  auch  die  „Bedingungen"  in  ,, Vorbehalte"  herab- 
zumildern. Am  Vorabend  der  Gemeindeversammlung  legte  noch 
Kantonsrat  Friedrich  Otto  Pestalozzi  in  einem  Artikel  der  ,, Neuen 
Zürcher  Zeitung",  welcher  ohne  Zweifel  die  Auffassung  der  grossen 
Mehrheit  der  städtischen  Stimmberechtigten  wiedergab,  den 
Standpimkt  der  konservativen  Stadtbürger  dar  und  schloss  seine 
Ausführungen  mit  den  Worten:  ,, Nicht  Obstruktion  und  nicht 
Verschleppung,  sondern  verständige  Mitarbeit  mit  weitem  Blick 
für  die  Zukunft,  aber  auch  ruhige  Festigkeit,  wo  es  sich  um  die 
Verteidigung  seines  guten  Rechtes  handelt,  sei  Zweck  und  Ziel 
der  Versammlung  vom  kommenden  Sonntag."  Vor  der  Gemeinde 
referierte  Stadtrat  Meyer;  eindrucksvolle  Voten  hörte  man  von 
Kommandant  Schulthess,  Prof.  Georg  von  Wyss  und  Dr.  Zuppinger. 
Gegen  die  ,, Vorbehalte"  erhob  sich  keine  Stimme.  Sie  verlangten 
in  der  Hauptsache: 

1.  Umwandlimg  des  Nutzungsgutes  in  eine  Stiftung  der  neuen 
Bürgergemeinde  und  Nutzniessungsberechtigung  an  den  bürger- 
lichen Stiftungen  und  Fonds  seitens  der  bisherigen  Stadtbürger 
während  einer  Übergangsperiode  von  25   Jahren. 

2.  Einheit  des  jetzigen  Stadtgebietes  als  Wahl-  und  Verwal- 
tungskreis der  neuen  Gemeinde. 

3.  Einführung  des  7.  und  8.  Schuljahres  für  die  Alltagsschule. 

4.  Verzicht  des  Staates  auf  die  der  Gemeinde  Aussersihl  ge- 
machten Darlehen. 

5.  Herbeiziehung  des  Einkommens  für  die  Gemeindesteuern. 
Zuweisung  der  Hälfte  der  Erbschaftssteuer  an  die  Gemeinde  und 
Aufstellung  eines  Steuermaximums  von  6  Promille  für  die  Ver- 
mögenssteuer. 

6.  Ablehnung  einer  besondern  Staatsaufsicht,  dagegen  Ein- 
räumung eines  erweiterten  Rekursrechtes  gegenüber  Gemeinde- 
beschlüssen. 

Es  sei  hier  gleich  vorausgeschickt,  dass  vom  Kantonsrat  nur 
Nr.  I  imd  2  dieser  Vorbehalte  glatt  angenommen  wurden.  Nr.  3, 
pro   forma  ebenfalls   akzeptiert,   ward   durch   separate   Volksab- 


o  XXXVII.  KAPITEL:  DIE  STADTVEREINIGUNG  243 

Stimmung  illusorisch  gemacht,  Nr.  4  verworfen,  Nr.  5  und  6  nur 
teilweise  berücksichtigt. 

Am  Tage  nach  der  Gemeindeversammlung,  Montag  den 
2.  Februar  1891,  begann  die  Beratung  im  Kantonsrat.  Uner- 
wartet rasch  konnte  der  allgemeine  Ratschlag  geschlossen  werden. 
Durch  den  grundlegenden  §  i  wird  das  Gebiet  der  politischen 
Gemeinden  Aussersihl,  Enge  mit  Leimbach,  Fluntern,  Hirslanden, 
Hottingen,  Oberstrass,  Riesbach,  Unterstrass,  Wiedikon,  Wip- 
kingen  und  Wollishofen  (ohne  Oberleimbach)  der  Stadt  Zürich 
zugeteilt.  Die  bürgerlichen  Angehörigen  der  aufgehobenen  Ge- 
meinden werden  Bürger  der  Stadt  Zürich.  Der  Protest  Wollis- 
hofens  gegen  seine  Einverleibung  blieb  mit  13  Stimmen  gegen 
168  in  Minderheit.  §  6  bestimmt,  dass  der  Genuss  der  bürger- 
lichen Stiftungen  und  Separatfonds  während  25  Jahren  (also  bis 
31.  Dezember  1917)  den  Bürgern  der  einzelnen  Gemeinden  ver- 
bleibt, aber  auch  mit  dieser  Frist  wurde  es  manchen  Stadtbürgern 
nicht  ganz  leicht,  nun  auf  einmal  10,000  neue  Bürger  unentgelt- 
lich ins  Stadtbürgerrecht  aufnehmen  zu  sollen.  Eine  besondere 
Schulgemeinde  und  einen  Sekundarschulkreis  Zürich  soll  es  nicht 
geben,  sondern  nur  eine  Stadt.  Dagegen  bleiben  die  Kirchge- 
meinden getrennt.    §  12  trifft  folgende  Kreiseinteilung: 

I.  Zürich  (bisherige  Stadt), 
IL  Enge  (Enge  und  Wollishofen), 
HL  Aussersihl  (Aussersihl  und  Wiedikon), 
IV.  Unterstrass  (Unterstrass,  Oberstrass  und  Wipkingen), 
V.  Neumünster  (Riesbach,  Hirslanden,  Hottingen  und  Flun- 
tern) . 

vStatt  der  Gemeindeversammlung,  die  im  neuen  Zürich 
20,000  Stimmberechtigte  zählen  würde,  wird  die  Urnenabstim- 
mung eingeführt.  Ein  grosser  Teil  der  bisherigen  Befugnisse  muss 
auf  den  Grossen  Stadtrat  übertragen  werden;  doch  kann  man 
gegen  dessen  Beschlüsse  das  Referendum  anrufen  und  es  steht 
den  Stimmberechtigten  auch  ein  ausgebildetes  Vorschlagsrecht 
(Initiative)  zur  Verfügung.  Ausser  dem  Grossen  Stadtrat  gibt 
es  folgende  Behörden:  Stadtrat  (9  Mitglieder),  Waisenamt,  Armen- 
pflege, eine  Zentralschulpflege,  fünf  Kreisschulpflegen,  Zivilstands- 
amt, Betreibungs-  und  Friedensrichterämter,   Steuer-  und  Taxa- 


244  XXXVII.  KAPITEL:  DIE  STADTVEREINIGUNG  o 

tionskommissionen.  Zur  Erleichterung  des  Gemeindehaushalts 
werden  folgende  neue  Steuern  eingeführt:  Einkommensteuer, 
Feuerwehrersatzsteuer,  Zuschlag  zur  Hundetaxe  und  zu  den 
Gebühren  für  notariahsche  Eigentumsübertragungen.  Die  Haus- 
haltungssteuer soll  aufhören,  dagegen  die  Mannssteuer  auf  den 
anderthalbfachen  Betrag  erhöht  werden.  Nach  §  85  sollen  diese 
neuen  Steuern  auch  für  Winterthur  gelten,  dessen  Behörden  sie 
dringend  gewünscht  haben.  Als  eine  Art  Reservesteuer  wird  der 
Stadt  Zürich  noch  die  Mietwertsteuer  eingeräumt.  Einen  ganz 
besondern  Wert  legte  man  in  der  Stadt  Zürich  auf  den  §  92, 
welcher  der  neuen  Stadtgemeinde  gestatten  sollte,  an  Stelle  der 
in  städtischen  Verhältnissen  absolut  ungenügenden  Ergänzungs- 
und Singschule  für  diejenigen  Kinder,  welche  nicht  die  Sekundär- 
schule oder  eine  andere  höhere  Bildungsanstalt  besuchen,  die 
Volksschule  um  zwei  Jahreskurse  zu  erweitern.  Dagegen  erhob 
sich  mm  im  Ratssaal  und  ausserhalb  desselben  hartnäckiger 
Widerstand.  Die  Landgemeinden,  die  ihre  Ergänzungsschüler 
leicht  bei  den  Feldarbeiten  beschäftigen  konnten,  wollten  die 
Not  der  städtischen  Jugend,  welcher  nach  dem  Fabrikgesetz  auch 
die  Fabrik  bis  zum  14.  Jahr  verschlossen  war,  nicht  begreifen. 
PoHtischen  Doktrinären  erschien  das  Verlangen  Zürichs  als  Frevel 
an  der  Rechtsgleichheit  von  Stadt  und  Land,  als  Sünde  wider 
den  heiligen  Geist  von  Uster.  Zwar  wurde  vom  Kantonsrat  das 
7.  und  8.  Schuljahr  schliesslich  doch  bewilligt,  aber  mit  der  Klausel, 
dass  der  §  92  gesondert  zur  Volksabstimmung  kommen  solle, 
womit  sein  Schicksal  von  vorneherein  besiegelt  war.  Damit  hatte 
man  in  den  Augen  vieler  städtischer  Stimmberechtigten  so  ziem- 
lich die  einzige  Perle  aus  dem  Gesetz  herausgebrochen.  Bezüglich 
der  auf  950,000  Fr.  sich  belaufenden  Darlehen  an  Aussersihl  hatte 
die  Kommission  vorgeschlagen:  ,, Behufs  Erleichterung  der  öko- 
nomischen Ausgleichung  zwischen  den  in  die  Vereinigung  ein- 
bezogenen Gemeinden  verzichtet  der  Staat  auf  die  Rückforderung 
der  Anleihen  bis  zum  Betrag  von  500,000  Fr."  Gegen  diese  neue 
,, Begehrlichkeit"  der  Stadt  ritt  der  im  Zeichen  der  Stadtvereini- 
gung gegründete  ,, Landschaftsklub"  eine  schneidige  Attacke;  es 
kam  sodann  mit  Stichentscheid  des  Präsidenten  Wirz  ein  Beschluss 
zustande,  der  wenigstens  den  Zinsfuss  herabsetzte,  aber  in  der 
zweiten  Lesung  am  27.  April  wurde  auch  diese  \''ergünstigung 


o  XXXVII.  KAPITEL:  DIE)  STADTVEREINIGUNG  245 

wieder  gestrichen.  Das  mit  der  Hauptvorlage  im  Zusammenhang 
stehende  Verfassungsgesetz,  das  besondere  gesetzliche  Bestim- 
mungen für  Gemeinden  mit  mehr  als  10,000  Einwohnern  gestattet, 
gab  nicht  viel  zu  reden.  Die  erste  I^esung  war  am  10.  März  be- 
endet, die  zweite  erfolgte,  wie  erwähnt,  am  27.  April,  die  Haupt- 
abstimmung am  II.  Mai.  Sie  ergab  unter  Namensaufruf  169  Ja 
und  II  Nein  bei  7  Enthaltungen.  Von  den  Stadtzürchern  stimmten 
für  Annahme  Antistes  Dr.  G.  Finsler,  Schulpräsident  Paul  Hirzel, 
Professor  Elias  Landolt,  Stadtforstmeister  Ulrich  Meister,  Stadt- 
schreiber Dr.  Paul  Usteri. 

Der  Volksabstimmung  vom  9.  August  1891  ging  in  der  Stadt 
Zürich  eine  Zeit  der  Erregung  und  Gemütsbewegung  voraus,  die 
man  nur  mit  jenen  Tagen  vergleichen  kann,  da  der  Grosse  Rat 
die  Aufhebung  des  Chorherrenstiftes  imd  die  Schleifung  der 
Festungswerke  beschloss.  So  nah  wie  jene  ,, grundstürzenden" 
Umwälzungen  ging  vielen  Bürgern  Zürichs  die  Tatsache,  dass  die 
gute  alte  Stadt  Zürich  nun  einfach  aufgehen  sollte  in  einem  grössern 
Gemeinwesen,  dem  sie  zwar  den  Namen  geben  durfte,  dessen  neue 
Bürgerschaft  aber  gegenüber  den  bisherigen  Stadtbürgern  eine 
erdrückende  Mehrheit  bildete.  Nicht  ,, zugeteilt"  wurden  in  ihren 
Augen  die  Ausgemeinden  der  Stadt  Zürich,  sondern  die  letztere 
wurde  von  den  Ausgemeinden  aufgesogen.  Nicht  ein  Gross-Zürich 
sahen  ihre  politischen  und  finanziellen  Befürchtungen  entstehen, 
sondern  ein  ,, grosses  Aussersihl".  Und  wie  war  es  nun  mit  den 
Vorbehalten  der  Gemeindeversammlung  vom  i.  Februar,  die  nur 
zum  kleinsten  Teil  Berücksichtigung  fanden  ?  Die  Frage  wurde 
verschieden  beantwortet.  Männer  wie  Stadtpräsident  Pestalozzi 
hielten  sich  an  die  Bedingungen  des  Gemeindebeschlusses  ge- 
bunden und  fühlten  sich  deshalb,  ganz  besonders  auch  wegen  der 
Ausmerzung  des  Schulartikels,  in  ihrem  Gewissen  verpfHchtet, 
gegen  die  Vereinigungs vorläge  Stellung  zu  nehmen.  Die  fünf  an- 
nehmenden Kantonsräte  dagegen  erklärten  in  einer  öffentlichen 
Kundgebung  am  6.  August,  dass  sie  dem  Gemeindebeschluss 
nicht  die  Bedeutung  zumessen  konnten,  eventuell  gegen  ihre 
eigene  Überzeugung  stimmen  zu  müssen,  sondern  nur  nach  besten 
Kräften  für  seine  Geltendmachung  zu  wirken,  was  auch  geschehen 
sei,  und  die  Gemeinde  selbst  bestätigte  am  9.  August  die  Richtig- 
keit dieser  Interpretation  ihres  Beschlusses.  Die  genannten  Herren 


246  XXXVII.  KAPITEL:  DIE  STADTVEREINIGUNG  o 

wiesen  auch  darauf  hin,  dass  mit  der  Verwerfung  des  Vereinigungs- 
gesetzes  nicht  etwa  die  Annahme  des  Schulartikels  gesichert  sei 
und  dass  ein  brauchbares  Projekt  für  eine  nur  teilweise  Ver- 
einigung noch  von  keiner  Seite  vorgeschlagen  werden  konnte. 
„Die  Unternehmen,  die  bisher  auf  dieser  Basis  gegründet  worden 
sind,  zeigen  uns  denn  auch,  dass  auf  diesem  Wege  befriedigende 
Resultate  nicht  zu  erreichen  sind,  wie  das  z.  B.  bei  den  Strassen- 
bahnen  immer  deutlicher  zutage  tritt.  Die  Leistungen  der  gut- 
situierten Gemeinden  und  die  Beaufsichtigung  der  von  ihnen 
unterstützten  Gemeinwesen  würden  ein  Hineinregieren  der  Zentral- 
gemeinde in  die  Gemeinden  bedingen,  so  dass  die  gewünschte 
Selbständigkeit  der  letztern  eben  doch  in  allen  wesentHchen  Fragen 
verloren  ginge.  Wir  bekämen  nur  zu  den  schon  vorhandenen 
Verwaltungen  einen  neuen  bureaukratischen  Apparat  hinzu,  in 
noch  vermehrtem  Masse  als  jetzt  würde  eine  Unsumme  von  Zeit 
imd  Arbeit  an  die  Aufrechterhaltung  zweckwidriger  Organisationen 
nutzlos  vergeudet."  Der  bäuerlichen  Opposition  gegen  die  Ver- 
einigung trug  der  Gründer  des  Bauernbundes,  Konrad  Keller  in 
Hofstetten-Oberglatt,  mit  seiner  Flugschrift  ,,Neu-Babylon"  die 
Fahne  voran. 

Auf  der  andern  Seite  kämpfte  in  der  vordersten  Reihe  für  die 
Vereinigung  Stadtschreiber  Dr.  Paul  Usteri,  der  noch  während 
der  Verhandlungen  des  Kantonsrates  auf  die  Gestaltung  der 
Dinge  durch  eine  Serie  von  zwölf  Artikeln  in  der  ,, Neuen  Zürcher 
Zeitung"  (1891,  Nr.  17  ff.)  unbestreitbar  einen  nachhaltigen  Ein- 
fluss  ausgeübt  hatte.  In  klaren  Auseinandersetzungen  wurde  hier 
auch  einem  weitern  Publikum  die  Tragweite  der  Stadtvereinigung 
eindrückhch  gemacht,  deren  Bedeutung  über  die  Grenzen  des 
Kantons  hinausreichte  und  ein  Gemeinwesen  schuf,  welches  der 
Bevölkerungszahl  nach  grösser  war  als  sieben  Kantone  und  sechs 
Halbkantone:  die  erste  Grosstadt  der  Schweiz  mit  vollständiger 
Autonomie.  Usteri  zeigte,  dass  die  bisherigen  Gemeindegrenzen 
Zürichs  nicht  so  alten  Ursprungs  sind,  wie  viele  annahmen.  Mit 
ganz  besonderm  Nachdruck  trat  er  aber  dafür  ein,  dass  der  herr- 
liche Sihlwald  bei  der  Stadt  Zürich  bleibe  und  nicht  etwa  in  das 
Eigentum  einer  aus  den  bisherigen  Stadtbürgern  gebildeten  Kor- 
poration übergehe.  ,,Es  gibt  wohl  wenig  Eigentum,  das  so  lange 
in  einer  und  derselben  Hand  gelegen  hat  wie  der  Sihlwald,  der 


o  XXXVII.  KAPITE)!.:  DIE)  STADTVEREINIGUNG  247 

schon  zur  Zeit  der  allerersten  eidgenössischen  Bünde  den  Bürgern 
von  Zürich  das  Holz  lieferte.  Bereits  der  erste  Richtebrief,  der 
auf  die  Zeit  vor  1280  fällt,  regelt  den  Holzbezug,  und  noch  ein- 
gehender tut  dies  der  zweite  Richtebrief  von  1304.  Mehr  als 
600  Jahre  hat  also  die  Stadt  Zürich  durch  alle  Stürme  der  Jahr- 
hunderte hindurch  dieses  kostbare  Besitztum  sich  zu  erhalten  ge- 
wusst.  Und  wenn  in  der  Neuzeit  infolge  des  Hinzutritts  der  nicht 
bürgerhchen  Einwohner  zur  Gemeindeverwaltung  die  rechtHche 
Stellung  des  Sihlwaldes  zur  Stadt  als  Bestandteil  des  speziell 
bürgerhchen  Nutzungsgutes  eine  etwelche  Veränderung  erfahren, 
so  hat  dafür  die  Bürgergemeinde  durch  ihren  Verzicht  auf  jede 
persönliche  Nutzung  und  die  Bestimmung  des  Waldertrages  für 
die  Förderung  idealer  Bestrebungen  den  Sihlwald  in  Tat  und 
Wahrheit  in  noch  viel  höherm  Masse  zu  einem  öffentlichen  Gute 
der  Stadt  Zürich  geschaffen  als  dies  zu  Zeiten  der  Fall  gewesen, 
da  entsprechend  den  damaligen  Anschauungen  der  Holznutzen 

der  Bürger  im  Vordergrund  stand Der  Sihlwald  und  die 

Stadt  Zürich  sind,  soweit  nur  die  geschichtliche  ÜberHeferung 
reicht,  zusammen  gewesen.  Der  Sihlwald  gehört  zur  Stadt  Zürich; 
er  soll  auch  in  Zukunft  bei  ihr  bleiben  und  nicht  das  Eigentum 
einer  Holzgenossenschaft  werden."  Wer  wollte  sich  heute  nicht 
von  Herzen  dessen  freuen,  dass  es  gelungen  ist,  den  Sihlwald  der 
Stadt  zu  erhalten!  Neben  den  von  so  vielen  hervorragenden  und 
achtungswerten  Männern  vorgetragenen  Argumenten  für  die 
Vereinigung  mag  auch  das  Gutachten  des  konservativen  Prof. 
Dr.  Andreas  Heusler  in  Basel  von  bestimmendem  Einfluss  auf  das 
Abstimmungsergebnis  gewesen  sein.  Prof.  Heusler  machte  u.  a. 
gegenüber  der  Anfechtung  einiger  sogenannten  „Ausnahmebestim- 
mungen" darauf  aufmerksam,  „dass  auch  die  Vereinigung  Zürichs 
und  seiner  Ausgemeinden  etwas  höchst  Ausserordentliches,  Singu- 
läres.  Exzeptionelles  ist,  das  im  ganzen  Kanton  und  in  keiner 
einzigen  Gemeinde  desselben  irgend  eine  Analogie  findet  und  daher 
auch  gar  wohl  und  ohne  Gefahr  weiterer  Konsequenzen  singulär 
behandelt  werden  kann."  Was  aber  speziell  die  Stellung  der 
Stadt  zur  Vereinigungsfrage  anbelangt,  so  fragt  Prof.  Heusler: 
„I.  Wodurch  sind  die  Ausgemeinden  das  geworden,  was  sie  jetzt 
sind  ?  Nicht  durch  die  in  ihnen  selbst  liegenden  Bedingungen  und 
Kräfte,   sondern   durch   die   von   der    Stadt   Zürich   ausgehende 


248  XXXVII.  KAPITE;!,:  die  STADTVEREINIGUNG  o 

Attraktionskraft.  Die  Stadt  hat  den  Sammelpunkt  gebildet  für 
die  grosse  Ausdehnung  der  Ausgemeinden;  nicht  nach  Riesbach, 
Hottingen  usw.,  sondern  nach  Zürich  ist  der  Zufluss  der  Be- 
völkerung gerichtet  gewesen.  Ist  es  billig,  dass  die  Stadt  die  zu- 
fäUige  Beschränktheit  ihres  Bannes  ausnutze  und  allen  Schwierig- 
keiten imd  Lasten,  welche  durch  die  von  ihr  hervorgerufene  Be- 
völkerungszunahme entstanden  sind,  aus  dem  Wege  gehe  ?  Wiegt 
der  Umstand,  dass  tatsächlich  Zürich  zur  Grosstadt  geworden  ist, 
nichts  gegenüber  dem  Umstand,  dass  rechthch  die  Stadt  nicht 
grösser  geworden  ist  ?  2.  Was  hat  Zürich  zu  der  in  kommerzieller, 
wissenschaftlicher,  künstlerischer  Beziehung,  kurz  in  allen  Rich- 
tungen des  Kulturlebens  so  bedeutenden  und  grossartig  ent- 
wickelten Stadt  gemacht,  als  welche  wir  sie  jetzt  sehen  ?  Ist  es 
nur  die  kleine  Stadtgemeinde  Zürich,  die  das  zuwege  gebracht 
hat?  Niemand  glaubt  das.  Mitgewirkt  haben  auch  die  Aus- 
gemeinden. Das  kleine  Zürich  von  26,000  Einwohnern  hätte  nie 
die  Kräfte  vereinigt,  die  ihm  solche  Erfolge  ermöglichten." 

Das  Ergebnis  der  Volksabstimmung  vom  9.  August  1891  war 
für  die  Stadt  Zürich  eine  Überraschung.  Man  hatte  bestimmt 
auf  Verwerfung  gerechnet;  nun  war  die  Vereinigung  angenommen, 
und  zwar  auch  von  der  Stadt  Zürich  selber.  In  Oberstrass  donnerten 
die  Mörser  und  in  Aussersihl  feierte  man  ein  zweitägiges  Fest. 

In  Ziffern  lautete  das  Abstimmungsresultat  (bei  79,899  Stimm- 
berechtigten) : 

Zuteilungsgesetz     37,843  Ja      24,904  Nein 
Verfassungsgesetz  36,019    ,,        25,197      ,, 
Schulartikel  27,408    ,,        32,081 

Der  Schulartikel  war  mit  Ausnahme  Zürichs  von  sämtlichen 
Bezirken  verworfen  worden;  das  Zuteilungsgesetz  hatten  ausser 
Enge  und  Wollishofen  sämtliche  Ausgemeinden  mit  starken  Mehr- 
heiten angenommen;  in  Enge  betrug  die  verwerfende  Mehrheit 
bloss  fünf  Stimmen  (448  Ja,  453  Nein),  in  Wollishofen  stand  der 
verwerfenden  Mehrheit  (256)  eine  ansehnliche  annehmende  Minder- 
heit (124)  gegenüber.  Die  Stadt  Zürich  gab  2535  Ja  imd  1781  Nein. 
Die  Gemeinde  Wollishofen  rekurierte  gegen  ihre  zwangsweise 
Eingemeindung  beim  Bundesgericht  und  bei  der  Bundesversamm- 
lung.  Das  Bundesgericht  wies  am  21.  November  1891  den  Rekurs 


o  XXXVII.  KAPITE;!.:  die  STADTVEREINIGUNG  249 

einstimmig  ab;  die  Bundesversammlung  erledigte  ihn  am  letzten 
Tage  der  Dezembersession  durch  diskussionslosen  Übergang  zur 
Tagesordnung.  Zum  Zeichen  dessen,  dass  WoUishofen  nicht  auf- 
hören werde,  gegen  die  Vereinigung  ,,hautement"  zu  protestieren, 
Hess  es  einen  allerletzten  Protest  in  seinen  Kirchturmknopf  ein- 
kapseln. 

Zunächst  war  nun  für  das  neue  Gemeinwesen  ein  städtischer 
„Verfassungsrat",  die  Abgeordneten  Versammlung  für  die  Aus- 
arbeitung einer  Gemeindeordnung  zu  wählen.  Die  Wahl  der 
118  Abgeordneten  erfolgte  am  18.  Oktober  1891  (es  waren  63  Libe- 
rale, 44  Demokraten  und  11  Sozialdemokraten).  In  ihrer  konsti- 
tuierenden Sitzung  auf  dem  Rathaus  am  14.  Dezember  1891  wählte 
die  Abgeordnetenversammlung  zu  ihrem^  Präsidenten  Erziehungs- 
sekretär C.  Grob,  zu  Vizepräsidenten  Oberst  Ulrich  Meister  und 
Fritschi-Zinggeler,  als  Sekretäre  Gemeindeschreiber  Elias  Hasler, 
Bausekretär  Heinrich  Wyss  und  Gemeindeschreiber  Bebie.  Die 
Ausarbeitung  der  Gemeindeordnung  übertrug  die  Versammlung 
einer  XXIer  Kommission  mit  Stadtschreiber  Dr.  Paul  Usteri  als 
Präsidenten.  Das  Plenum  beriet  die  Vorlage  zwischen  dem  19.  April 
und  22.  Juni  1892  durch.  In  der  ersten  Abstimmung  Neu-Zürichs 
am  24.  Juli  1892  wurde  die  Gemeindeordnung  mit  11,702  Ja  gegen 
II 95  Nein  angenommen.  Zur  Erwahrung  des  Abstimmungs- 
ergebnisses fand  sich  am  30.  Juli  die  Abgeordnetenversammlung 
nochmals  im  Rathaus  ein,  und  dann  begab  sie  sich,  nach  Verzicht 
auf  das  letzte  Taggeld  zugunsten  der  Ferienkolonien,  zu  einer 
Schlussfeier  auf  den  Ütliberg.  Der  grosse  Saal  des  Restaurants 
auf  dem  Kulm  umschloss  nun  bald  eine  fröhhche  Tafelrunde. 
In  zierlichen  Hexametern  pries  in  seinem  Eröffnungstoast  Präsi- 
dent C.  Grob  das  vollendete  Werk  und  Zürichs  künftige  Grösse, 
brausend  erscholl  das  Hoch  der  Gäste  und  hell  klangen  die 
Gläser  aneinander.  Mächtig  brach  die  Begeisterung  sich  Bahn. 
Es  „stiegen"  der  Reden  viele,  und  in  den  beziehungsreichen 
Toasten  begegneten  sich  alte  und  neue  Zeit.  Golden  strahlte  in- 
dessen das  Abendrot  durch  die  Fenster,  und  nach  Beendigung 
eines  gemeinsamen  Kantus  strömte  alles  hinaus,  um  einen  Sonnen- 
vmtergang  zu  schauen,  wie  ihn  in  solcher  Pracht  keiner  der  An- 
wesenden jemals  gesehen.  Als  die  feurige  Kugel  hinter  den  Bergen 
versimken,  blieb  jeder  wie  gebannt  auf  dem  Platze  stehen.    Ein 


250  XXXVII.  KAPITEL:  DIE  STADT  VEREINIGUNG  o 

schwarzer  Wolkenvorhang  verhüllte  den  westlichen  Horizont,  dar- 
innen klaffte  ein  langer,  zackiger  Riss,  durch  welchen  man  wie 
durch  den  Sprung  eines  riesigen,  russigen,  gluterfüllten  Kessels 
in  ein  Meer  von  Feuer  blickte,  während  durch  andere,  einzelne 
Öffnungen  die  Sonnenstrahlen  büschelweise  und  immer  mehr  sich 
verbreiternd  hervordrangen,  gerade  wie  man  sie  etwa  auf  alten 
Bildern  gemalt  sieht.  Im  Süden  aber  rollte  der  Donner,  und 
schlängelnde,  leuchtende  Blitze  zerrissen  ab  und  zu  den  Wolken- 
schleier,  während  noch  kurz  zuvor  ein  Regenbogen  seine  schil- 
lernde Brücke  von  Berg  zu  Berg  geschlagen.  Die  wunderbare 
Pracht  dieses  Sonnenuntergangs  bildete  den  Glanzpunkt  des  Festes 
auf  dem  ÜtHberg,  und  es  war  ganz  erhebend,  die  in  hartem 
Kampf  so  oft  gegeneinander  ringenden,  in  manchem  Sturm  er- 
grauten Männer  nunmehr  vom  Zauberbann  der  Natur  umfangen, 
in  feierhcher  Eintracht  ein  altes  schönes  Kinderlied  singen  zu 
hören,  das  unsterbliche  ,,Goldne  Abendsonne,  wie  bist  du  so 
schön"  . . . 

Doch  nicht  alle  sangen  sie  mit.  Ernst  und  schweigend  standen 
einige  der  Abgeordneten  am  Geländer  der  Terrasse,  ganz  ver- 
sunken in  das  Bild  der  scheidenden  Sonne,  und  jeder  wusste,  was 
der  andere  in  diesem  Augenblick  dachte  imd  empfand:  Ja,  so 
scheiden  wir  von  dir,  du  liebes  altes  Zürich,  schmerzbewegt  und 
doch  hochgemut,  und  wenn  einmal,  so  gilt  es  heute: 

Was  vergangen,  kehrt  nicht  wieder, 
Aber  ging  es  leuchtend  nieder, 
Leuchtet's  lange  noch  zurück. 


■53 

II 


SIEBENTER  TEIL 


DIE  GROSSTADT 


^  QU^^^ 


^^^j^.Sp^i^'Zfc^^^ 


Nach  Photographie  von  Ph.  &  E.  Liuk 


♦♦»♦♦♦♦♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦ »♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»»♦♦»♦♦♦♦»♦♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦♦ 

ACHTUNDDREISSIGSTES  KAPITEL 


STADTPRÄSIDENT  PESTALOZZI 

Hans  Konrad  Pestalozzi  wurde  geboren  am  2.  Juli  1848  als 
jüngstes  von  vier  Geschwistern  im  Haus  zum  hintern  „Pe- 
likan" an  der  Talgasse.  Der  Vater  war  Inhaber  eines  Rohseiden- 
geschäftes und  hatte  daneben  mannigfache  wissenschaftliche  und 
künstlerische  Interessen;  die  Mutter,  eine  lebhafte,  gesellige  Frau, 
nahm,  regen  und  tätigen  Anteil  an  der  Entwicklung  der  Kinder. 
Es  war  ein  gut  altzürcherisches  Milieu  mit  allen  seinen  Vorzügen, 
namentlich  auch  einer  einfachen  Lebensführung,  in  dem  Hans 
Pestalozzi  aufwuchs.  Nach  Absolvierung  der  Industrieschule  bil- 
dete er  sich  1865 — 1868  an  der  Bauschule  des  Polytechnikums 
zum  Architekten  aus  und  erwarb  im  August  des  letztern  Jahres 
das  Diplom..  Auch  nach  dem  Examen  beschäftigte  ihn  sein  hoch- 
verehrter lychrer  Gottfried  Semper  in  seinem  Atelier  mit  den 
Plänen  für  die  Wiener  Hofmuseen.  Im  Sommer  1869  folgte  die 
Artillerie-Aspirantenschule  in  Thun ;  sie  legte  den  Grund  zu  seiner 
militärischen  Karriere,  welche  mit  dem  Grad  eines  Obersten  der 
Artillerie  abschloss.  Die  im  Spätherbst  1869  beginnenden  Wander- 
jahre führten  ihn  zunächst  nach  Paris,  wo  er  im  Atelier  Jaeger 
Anstellung  fand.  Als  der  Krieg  gegen  Deutschland  ausbrach,  be- 
fand sich  Pestalozzi  im  Auftrag  Jaegers  in  Creuse  noire  bei  Mäcon; 
er  hatte  dort  den  Umbau  von  Wohn-  und  Fabrikgebäuden  zu 
leiten,  kehrte  dann  aber,  als  der  Krieg  auch  die  Schweiz  zur 
Grenzbesetzung  nötigte,  nach  Zürich  zurück.  Die  folgenden  Jahre 
wurden  abwechselnd  in  Wien,  bei  Gottfried  Semper,  und  auf 
Studienreisen  in  Italien  zugebracht.  1874  nach  Hause  zurück- 
gekehrt, etablierte  er  sich  als  Architekt  im  väterlichen  Hause,  in 
einem  Eckzimmer,  dessen  Fenster  die  eingeritzten  Namen  fran- 
zösischer Offiziere  trugen,  welche  1798/99  hier  einquartiert  waren. 
Pestalozzi  baute  in  Zürich  eine  Reihe  von  Wohnhäusern  und 
Villen,  erst  allein,  dann  unter  Beteihgung  seines  künftigen  Schwieger- 
vaters August  Stadler.   1881  suchte  ihn  Stadtpräsident  Dr.  Römer 


-54  XXXVIII.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  PESTALOZZI  o 

für  den  Eintritt  in  den  Stadtrat  zu  gewinnen;  Pestalozzi,  dem 
sein  Beruf  lieb  war,  hatte  dazu  anfänglich  keine  Lust.  Als  er 
aber  im  Herbst  in  Basel  an  der  Jahresversammlung  des  Schweiz. 
Ingenieur-  und  Architektenvereins  einem  von  P.  Reber  ver- 
fassten  Festspiel  beiwohnte,  das  den  Dienst  für  die  Öffentlichkeit 
als  das  Höchste  pries,  änderte  er  seinen  Sinn  und  stellte  sich  dem 
Stadtpräsidenten  zur  Verfügimg.  Damit  war  nun  freilich  die  Wahl 
noch  nicht  gesichert;  sie  kostete  vielmehr  noch  einen  ziemlich 
ernstlichen  Kampf,  der  jedoch  am  13.  November  1881  mit  dem 
Siege  Pestalozzis  endete.  Er  erhielt  1458,  der  demokratische  Gegen- 
kandidat Nötzli,  Redaktor  des  ,, Nebelspalter",  823  Stimmen. 

Im  Stadtrat  übernahm  Pestalozzi  das  Hochbau-  und  Pro- 
menadenwesen und  die  Baupolizei;  er  wurde  Mitglied  einer  Reihe 
wichtiger  Kommissionen  und  es  eröffneten  sich  ihm  sofort  reiche 
und  dankbare  Arbeitsgebiete.  Daneben  nahmen  neue  grosse  Pro- 
bleme, die  der  Stadtrat  zu  lösen  hatte,  seinen  Eifer  in  Anspruch. 
Im  Jahre  1885  wurde  Pestalozzi  auch  in  die  Stadtschulpflege 
gewählt ;  ferner  war  er  Quästor  des  PoHzeirates  im  Polizeiverband 
von  Zürich  und  Ausgemeinden,  Mitglied  der  Gemeindekommission, 
des  VervN'altungsausschusses  und  des  Direktionskomitees  für  die 
Quaibauten  und  Delegierter  im  Strassenbahn verband.  In  den 
Kantonsrat  trat  Pestalozzi  am  i.  Mai  1887  an  Stelle  des  zurück- 
getretenen Dr.  Römer. 

Als  im  Jahre  1889  Dr.  Römer  auch  als  Stadtpräsident  zurück- 
trat, warf  die  Vereinigungsbewegung  schon  ihre  hohen  Wellen, 
und  man  wünschte  mit  dem  Nachfolger  Römers  jetzt  schon  den 
Mann  zu  bezeichnen,  der  später  an  die  Spitze  von  Gross-Zürich 
treten  sollte.  Neben  ihm  wurde  auch  Stadtschreiber  Dr.  Paul 
Usteri  als  Kandidat  genannt  und  von  den  Demokraten  gegen 
ihn  Stadtrat  Baltensberger  portiert.  Dieser  erhielt  bei  der  Wahl 
am  5.  Mai  925  Stimmen;  Hans  Pestalozzi  war  mit  1576  Stimmen 
zum  Stadtpräsidenten  gewählt.  Die  Stadtvereinigung  nahm  für 
die  nächste  Zeit  den  Hauptteil  der  Kräfte  der  städtischen  Be- 
hörden in  Anspruch.  Dass  und  warum  Stadtpräsident  Pestalozzi 
dazu  kam,  schliesslich  ein  ,,Nein"  gegen  das  Zuteilungsgesetz  ab- 
zugeben, haben  wir  gesehen.  Der  Entscheid  ist  Üim  wahrüch 
nicht  leicht  gefallen;  er  entsprang  seiner  innersten  Überzeugung, 
und  der  ]\Iut,  mit  welchem  er  ihr  Ausdruck  gab,  ist  ebenso  hoch 


o  XXXVIII.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  PESTALOZZI  255 

anzuschlagen  wie  die  Haltung  seiner  Wählerschaft,  da  diese  seine 
Überzeugung  ehrte  und  ihn  wieder  wählte,  obschon  sie  in  ihrer 
Mehrheit  die  Vereinigung  angenommen  hatte.  Die  Situation  war 
für  Pestalozzi  um  so  kritischer,  als  ein  erheblicher  Teil  der  frei- 
sinnigen Führerschaft  daraufhin  arbeitete,  nunmehr  Stadtschreiber 
Dr.  Usteri  zum  Stadtpräsidenten  zu  machen  in  Anbetracht  seiner 
vorzüglichen  Qualifikation  zu  dem  Amt  und  seiner  hohen  Ver- 
dienste um  das  Zustandekommen  der  Vereinigung.  Die  Mehrheit 
der  freisinnigen  Partei  konnte  sich  aber  doch  nicht  entschliessen, 
dem  bisherigen  verdienten  Stadtpräsidenten  den  Abschied  zu 
geben,  und  Dr.  Usteri  verzichtete  freiwillig  und  ritterlich  auf  eine 
Kandidatur. 

Am  8.  Mai  1892  waren  die  Behörden  der  alten  Stadt,  Stadtrat 
und  Grosser  Stadtrat,  für  den  Rest  der  am  31.  Dezember  1892 
zu  Ende  gehenden  Lebensdauer  der  alten  Stadtverwaltung  noch- 
mals gewählt  worden.  Mitglieder  des  letzten  Stadtrates  der  alten 
Stadt  waren  Pestalozzi,  Koller,  Schwarz,  Ulrich,  Baltensberger, 
Meyer,  Schlatter;  Präsident  des  letzten  Grossen  Stadtrates  Dr. 
J.  Ryf.  Der  Stadtrat  und  der  Grosse  Stadtrat  für  die  erweiterte 
Stadt  Zürich  wurden  gewählt  am  21.  August  1892.  Als  Stadtrat 
erhielt  Hans  Pestalozzi  12,281  Stimmen  (das  Maximum),  als 
Stadtpräsident  10,438  Stimmen.  Neben  ihm  waren  Mitglieder 
des  Stadtrates  der  erweiterten  Stadt:  Dr.  Paul  Usteri,  August 
Koller,  Johannes  Schneider,  Heinrich  Walcher,  Johann  Caspar 
Grob,  EHas  Hasler,  Benjamin  Fritschi-Zinggeler,  Jakob  Vogel- 
sanger. 

Stadtrat  Usteri  ist,  wie  bereits  erwähnt,  1896  zurückge- 
treten. Es  folgte  ihm  am  21.  Juiü  1896  Stadtingenieur  Johannes 
Süss,  welcher  1904  zurücktrat  (f  8.  Februar  1904).  Süss  hatte 
als  Stadtratskandidat  gesiegt  über  den  von  einer  frondierenden 
Richtung  der  Freisinnigen  portierten  Obersten  Ulrich  Wille,  der 
damals  mit  dem  Bimdesrat  in  einen  Kompetenzkonflikt  geraten 
und  aus  dem  eidgenössischen  Dienst  ausgetreten  war.  Auch  bei 
der  Nationalratswahl  vom  25.  Oktober  1896  unterlag  seine  Kan- 
didatur, und  es  siegte  im  dritten  Wahlgang  Schäppi  über  Wille 
und  Greuhch.  —  An  die  Stelle  von  Stadtrat  Süss  wählte  am 
31.  Januar  1904  die  Gemeinde  Dr.  jur.  Heinrich  Mousson  (geb. 
1866).  Auf  den  Vorschlag  des  ,,  Gemeinde  Vereins  für  das  vereinigte 


256  XXXVIII.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  PESTALOZZI  o 

Zürich"  am  24.  April  1898  zum  Mitglied  des  Grossen  Stadtrates 
gewählt,  1904  Stadtrat,  1905  Kantonsrat  geworden,  trat  Mousson 
1912  in  den  Regierungsrat  über.  Sein  Stadtratsmandat  erhielt 
am  3.  März  1912  Dr.  jur.  Arnold  Bosshardt,  der  aus  einfachen 
bürgerlichen  Verhältnissen  stammt.  Er  wurde  geboren  am  9.  März 
1 871  in  Aarau  als  Sohn  des  Baumeisters  Arnold  Bosshardt  von 
Zürich.  Nach  Absolvierung  des  Gymnasiums  in  Zürich  machte 
er  seine  juristischen  Studien  an  den  Universitäten  von  Genf, 
Freiburg  i.  B.,  Leipzig  imd  doktorierte  in  Zürich.  Nach  kurzer 
Betätigung  als  Auditor  am  Bezirksgericht  Pfäffikon  wurde  er  im 
Mai  1897  vom  Regierungsrat  zum  Sekretär- Stellvertreter  der 
Finanzdirektion,  Abteilung  Steuerwesen,  gewählt.  Im  Jahre  1899 
übertrug  ihm  der  Regierungsrat  die  Stelle  des  Sekretärs  der 
Direktion  des  Innern  und  des  Armen wesens.  1907  wurde  Dr.  Boss- 
hardt als  Nachfolger  von  Dr.  Klöti  Sekretär  der  Baudirektion; 
1908  übertrug  ihm  der  Verw^altimgsrat  der  Elektrizitätswerke 
des  Kantons  Zürich  auch  das  Sekretariat  dieser  Behörde.  Auf 
die  Anregung  von  Dr.  Bosshardt  wurde  1900  das  ,, Schweize- 
rische Zentralblatt  für  Staats-  und  Gemeindeverwaltung"  ge- 
gründet. Zusammen  mit  Dr.  C.  A.  Schmid  und  Pfarrer  Wild  rief 
er  die  ständige  Kommission  der  schweizerischen  Armenpfleger- 
konferenz ins  Leben,  der  er  auch  als  Präsident  vorstand;  zugleich 
war  er  Vorsitzender  des  600  Mitglieder  zählenden  Vereins  der 
Staatsbeamten  des  Kantons  Zürich.  Dr.  Bosshardt  verwaltet  seit 
seiner  Wahl  das  städtische  Schulwesen. 

August  Koller,  frülier  Lehrer  an  der  Knabenprimarschule  und 
an  der  Mädchenschule,  war  Steuervorstand  im  alten  Stadtrat  und 
bekleidete  das  nämhche  Amt  im  neuen.  Er  starb,  erst  53  Jahre 
alt,  am  15.  November  1896.  —  Ihn  ersetzte  am  6.  Dezember  1896 
Redaktor  Robert  Billeter  von  der  ,, Neuen  Zürcher  Zeitung". 
Nach  drei  Jahren  ging  derselbe  zur  ,, Schweizerischen  Kredit- 
anstalt" über,  und  es  wurde  an  seine  Stelle  am  18.  Februar  1900 
gewählt  Bezirksrichter  Robert  Welti.  Bei  den  Erneuerungswahlen 
am  21.  April  1907  von  dem  Jüngern  Mitbewerber  Klöti  überholt, 
trat  auch  Welti  in  die  Direktion  der  Kreditanstalt  ein.  Dr.  jur. 
Emil  Klöti,  geb.  den  17.  Oktober  1877  in  Winterthur,  besuchte 
die  dortige  Volksschule  und  das  Gymnasium,  bestand  1896  das 
Maturitätsexamen   und   widmete    sich    von    1896   bis    1900    dem 


o  XXXVIII.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  PESTALOZZI  257 

Studium  der  Rechtswissenschaft  imd  der  Nationalökonomie.  Er 
erwarb  den  Doktortitel  1900  an  der  Universität  Zürich  mit  einer 
Dissertation  über  die  Proportionalwahl  in  der  Schweiz,  die  zu  den 
grundlegenden  Arbeiten  über  diese  Frage  gehört.  Im  Herbst  1900 
wurde  Klöti  zum  II.  Sekretär  des  kantonalen  Steueramtes,  im 
Mai  1902  zum  Sekretär  der  Direktion  der  öffentlichen  Bauten 
gewählt.  Klöti  war  von  1907  bis  1909  Vorstand  des  Steuerwesens, 
von  1909  bis  Frühjahr  1910  Vorstand  des  Finanzwesens  und  seit 
1910  Vorstand  des  Bauwesens  I. 

Johannes  Schneider,  geb.  1847  als  Sohn  kleiner  Bauersleute 
in  Zumikon,  bildete  sich  auf  dem  Bureau  von  Dr.  A.  Schnei- 
der, dem  spätem  Professor,  zum  Rechtsagenten  aus,  beteiligte 
sich  an  der  demokratischen  Bewegung  von  1867,  wurde  Gemeinde- 
rat in  Riesbach  und  Kantonsrat  und  galt  als  eine  Stütze  des  sog. 
,, Riesbacher  Rings".  Nach  dem  Zusammenbruch  dieses  Regi- 
ments führte  Schneider  als  Gemeindepräsident  die  Verwaltung 
der  Gemeinde  in  die  Bahnen  solider  und  ernsthafter  Wirtschaft 
zurück.  Bekannt  sind  seine  Verdienste  um  das  Zustandekommen 
der  rechtsufrigen  Zürichseebahn,  der  Strassenbahn,  der  Quai- 
anlagen. Die  Bevölkerung  von  ganz  Zürich  hat  ihm  die  Erhaltung 
eines  Juwels  zu  danken:  die  Energie  Schneiders  hat  es  durch- 
gesetzt, dass  der  Staat  das  Zürichhom  um  einen  massigen  Preis 
der  Gemeinde  Riesbach  verkaufte,  statt  um  eine  höhere  Summe 
an  einen  Privaten,  und  so  dem  lieblichen  Platz  der  Charakter 
einer  öffenthchen  Anlage  gewahrt  wurde.  Nach  langem  Leiden 
starb  Schneider  am  29.  März  1897.  —  Am  25.  April  1897  wurde 
zum  Stadtrat  gewählt  der  damahge  Direktor  der  Landwirtschaft- 
lichen Schule  im  Strickhof,  Jakob  Lutz,  der  1901  zum  Regierungs- 
rat vorrückte.  Bei  dieser  Gelegenheit  trat  am  24.  November  1901 
Robert  Billeter  wieder  in  den  Stadtrat  ein. 

Heinrich  Walcher,  der  frühere  Gemeindepräsident  von  Ausser- 
sihl,  der  Schulter  an  Schulter  mit  Fritschi-Zinggeler  die  Vereinigung 
durchgekämpft  hatte,  trat  1898  aus  dem  Stadtrat  zurück  und 
starb  am  18.  Mai  1901  in  stiller  Zurückgezogenheit.  Sein  Nach- 
folger wurde  zunächst  Architekt  E.  J .  Müller  (gewählt  am  24.  April 
1898,  nicht  mehr  bestätigt  1901)  und  dann  am  21.  April  1901 
Stadtschreiber  Heinrich  Wyss.  Geboren  1854,  stammt  Wyss  —  wie 
alle  lebenden  MitgHeder  des  Geschlechts  —  von  dem  altern  Bürger- 

17 


258  XXXVIII.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  PESTALOZZI  o 

meister  Da\dd  v.  Wyss  (1737 — 1815)  ab.  Dessen  einer  Sohn  war 
der  jüngere  Bürgermeister  David  von  W^^ss,  Vater  von  Georg 
von  W^'ss  und  Friedrich  von  Wyss.  Ein  zweiter  Sohn  des  altern 
Bürgermeisters  David  von  Wyss  war  der  Kaufmann  Melchior 
von  Wyss;  dessen  Sohn  Oberrichter  Moritz  von  Wyss  {'\2^.  Januar 
1903)  war  der  Vater  des  Stadtschreibers  Heinrich  Wyss,  der  für 
sich  das  Adelsprädikat  abgelegt  und  sich  der  sozialdemokratischen 
Partei  angeschlossen  hat.  Sein  Grossvater  mütterhcherseits  war 
Dr.  med.  Hans  Konrad  Rahn,  einer  der  Führer  der  1839  er  Bewe- 
gung. Heinrich  W5^ss  studierte  in  Zürich  und  Göttingen  die  Rechte, 
wurde  1875  Substitut  des  Bezirksgerichtsschreibers  in  Zürich, 
1878  Mitglied  des  Bezirksgerichts.  Zehn  Jahre  später  trat  er  als 
Sekretär  der  Bauverwaltung  und  Substitut  des  Stadtschreibers 
in  den  Dienst  der  Stadt.  An  den  Arbeiten  für  die  Stadtvereinigung 
beteiUgte  er  sich  als  MitgHed  der  Abgeordnetenversammlung. 
Zum  Stadtschreiber  wurde  er  am  8.  September  1892  gewählt. 
Nebenher  hatte  er  auch  der  Stadtschulpflege  der  alten  Stadt,  seit 
1889  als  Ersatzmann,  von  1901  bis  1904  als  MitgHed  dem  Kas- 
sationsgericht angehört.  Im  Stadtrat  leitete  Wyss  neun  Jahre 
lang  die  erste  Abteilung  des  Bauwesens  und  am  Schluss  noch  kurze 
Zeit  das  Finanzwesen.  Der  Kantonsrat  wählte  ihn  am  23.  August 
1910  zum  Mitglied  des  Obergerichts;  doch  blieb  Wyss  als  Mit- 
gHed des  Grossen  Stadtrates,  dessen  Präsident  er  1913/14  war, 
mit  der  Stadtverwaltung  in  Verbindung.  —  Als  Nachfolger  von 
Heinrich  Wj^ss  im  Stadtrat  wurde  am  23.  Oktober  1910  im  zweiten 
Wahlgang  Pfarrer  Paul  Pflüger  gewählt.  Er  ist  geboren  am 
3.  Januar  1865  als  Sohn  eines  Missionars  in  BrasiHen  und  studierte 
von  1883  bis  1887  Philosophie,  Theologie  tmd  Jurisprudenz  in 
Basel,  Lausanne  und  Zürich.  Von  1887  bis  1897  wirkte  er  als 
Pfarrer  in  Dussnang  (Kt.  Thurgau).  Am  14.  November  1897 
wurde  er  nach  lebhaftem  Wahlkampf,  an  dem  sich  auch  die  sozial- 
demokratische Partei  zugunsten  Pflügers  beteiligte,  zum  Pfarrer 
in  Aussersihl  gewählt.  Im  Jahre  1900  wurde  Pflüger  in  den  Kan- 
tonsrat, 1901  in  den  Grossen  vStadtrat  gewählt.  Im  Stadtrat  über- 
trugen ihm  seine  Kollegen  die  Verwaltimg  des  Vormundschafts- 
und Armen  Wesens. 

Johann  Caspar  Grob,  geb.  1841  in  der  Gemeinde  Maschwanden, 
widmete  sich  dem  Lehrerberuf,   wirkte  in  Unterstrass,  dann  vier 


^aicob  ^ogelsanger 


T>X  T.  Crismann 


^r  (SmJl9Cföti  gfans  cr(aegefi 

Sfadfrdfe 


o  XXXVIII.  KAPITEI.:   STADTPRÄSIDENT  PESTAI^OZZI  259 

Jahre  als  Rektor  der  Höhern  Töchterschule  in  Aarau  und  wurde 
im  Jahr  1876  zum  Sekretär  der  zürcherischen  Erziehungsdirek- 
tion berufen.  Im  Stadtrat  tat  er  Grosses  für  das  städtische  Schul- 
wesen und  für  gemeinnützige  Bestrebungen  aller  Art;  im  Kan- 
tonsrat machte  er  sich  besonders  verdient  als  Kommissionspräsi- 
dent für  das  Schulgesetz.  Caspar  Grob  starb  nach  längerem 
Leiden  an  einem  Herzschlag  am  21.  Oktober  igoi.  —  Die  ent- 
standene Ivücke  wurde  ausgefüllt  durch  Professor  Dr.  Friedrich 
Erismann  (gewählt  am  24.  November  igoi).  Er  wurde  am  24.  No- 
vember 1842  geboren  in  Gontenschwil,  Kanton  Aargau,  wo  sein 
Vater  damals  Pfarrer  war.  Sein  späterer  Bildungsgang  führte  ihn 
an  die  Kantonsschule  in  Aarau  und  nach  abgelegter  Maturitäts- 
prüfung zunächst  an  die  medizinische  Fakultät  der  Universität 
Zürich,  sodann  nach  Würzburg,  Prag  und  zurück  nach  Zürich. 
Hier  widmete  sich  Erismann  nach  Absolvierung  seiner  Studien 
und  des  Staatsexamens  im  Kanton  Aargau  speziell  der  Augen- 
heilkunde und  versah  während  zwei  Jahren  (1865  bis  1867)  die 
Assistentenstelle  bei  dem  berühmten  Ophthalmologen  Professor 
Horner.  Nachdem  er  im  Jahre  1867  sich  den  Doktortitel  er- 
worben hatte,  wandte  er  sich  behufs  weiterer  Ausbildung  in  sei- 
ner Spezialität  nach  Heidelberg,  Berlin  und  Wien.  1869  Hess  er 
sich  als  praktischer  Augenarzt  in  St.  Petersburg  nieder  und 
wandte  sich  später  ganz  der  Hygiene  zu.  Im  russisch-türkischen 
Krieg  1877  leitete  er  als  Chef  einer  Sanitätskommission  die  Des- 
infektionsarbeiten auf  Schlachtfeldern,  in  Kriegsspitälern  und 
Wohnstätten  im  Gebiete  des  ausgedehnten  Kriegsschauplatzes. 
Am  12.  Dezember  1881  wurde  Erismann  zum  Professor  der 
Hygiene  an  der  Universität  Moskau  ernannt.  Mehrmaliges  Ein- 
treten zugunsten  der  Studenten  bei  sogenannten  Studenten- 
unruhen führte  zu  Differenzen,  die  nach  und  nach  seine  Stel- 
limg  erschütterten.  Im  Sommer  1896,  während  er  in  der  Schweiz 
in  Urlaub  war,  erhielt  er  die  unerwartete  Nachricht,  dass  der 
Unterrichtsminister  durch  eine  geheime  Verfügung  seine  Ent- 
lassung von  der  Professur  ausgesprochen  habe.  Er  siedelte  mit 
seiner  Familie  nach  der  Schweiz  über  und  Hess  sich  in  Zürich 
nieder.  Am  24.  April  1898  wurde  er  als  MitgHed  des  Grossen 
Stadtrates  gewählt,  am  i.  April  1900  als  Mitglied  der  Bezirks- 
schulpflege, am  16.  April  1901  als  Mitglied  der  Zentralschulpflege. 


26o  XXXVIII.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  PESTALOZZI  o 

Im  Stadtrat  wurde  Erismann  als  Vorstand  des  Gesundheitswesens 
bezeichnet  und  verbHeb  seither  in  dieser  Stellung. 

Der  frühere  Gemeindeschreiber  von  Enge,  Elias  Hasler, 
wurde  nach  seinem  Rücktritt  aus  dem  Stadtrat  ersetzt  durch 
Hans  Naegeli.  Der  letztere  wurde  geboren  am  31.  Januar  1865 
zu  Nuolen  im  Kanton  Schwyz.  Nachdem  die  Familie  wieder  in 
ilire  Heimatstadt  Zürich  zurückgekehrt,  durchlief  er  hier  die  Pri- 
marschule tmd  das  damals  noch  bestehende  dreiklassige  städ- 
tische Realgymnasium.  Dann  folgte  der  Besuch  des  kantonalen 
Gymnasiums.  Im  Herbst  1883  bezog  Naegeli  die  Universität 
Zürich  zum  Studium  der  Theologie.  Nach  Beendigung  der  Prü- 
fungen und  einem  kurzen  Aufenthalt  in  Deutschland  bekleidete 
er  einige  Monate  das  Amt  eines  kantonalen  Hilfspredigers  und 
versah  in  den  Jahren  1889  und  1890  die  Stelle  eines  Pfarrvikars 
in  Neumünster.  Auf  Beginn  des  Jahres  1891  trat  er  in  den  Ver- 
waltungsdienst über  imd  amtete  bis  zur  Vereinigung  der  Ausge- 
memden  mit  der  Altstadt  als  Aktuar  der  Stadtschulpflege  imter 
Schulpräsident  Paul  Hirzel.  Dann  wählte  ihn  der  Stadtrat  zum 
I.  Sekretär  der  bürgerlichen  Verwalttmg,  der  die  bürgerliche  Armen- 
pflege, die  Forstverwaltung  und  die  bürgerlichen  Güter  und  Stif- 
tungen zugeteilt  waren.  Nach  Aufhebimg  dieser  Verwaltimgs- 
abteüung,  die  Ende  1895  notwendig  wurde,  damit  aus  dem  über- 
lasteten Bauwesen  zwei  Abteilungen  gebildet  werden  konnten, 
und  nachdem  die  bürgerliche  Armenpflege  dem  Stadtpräsidenten, 
die  übrige  bürgerliche  Verwaltung  dem  Finanzvorstande  über- 
tragen worden  war,  bHeb  er  unter  Stadtpräsident  Pestalozzi  als 
I.  Sekretär  der  Armenpflege  tätig,  bis  er  auf  i.  Januar  1901 
vom  Stadtrate  als  Nachfolger  von  Erziehungssekretär  Dr.  F.  Zol- 
linger  zum  I.  Schulsekretär  gewählt  wurde.  Daneben  bekleidete 
er  seit  1893  das  Sekretariat  der  Waisenhauspflege.  1895 — 1901 
gehörte  Naegeli  der  Kreisschulpflege  V,  1898 — 1901  der  Zentral- 
schulpflege als  Mitglied  an.  Am  21.  April  1907  wurde  er  in  den 
Stadtrat  gewählt  und  erhielt  das  Vormundschaftswesen  zugeteilt, 
dem  sich  im  Herbst  infolge  Revision  der  Gemeindeordnung  auch 
noch  das  bürgerliche  Armenwesen  beigesellte.  Im  Oktober  1910 
übernahm  Naegeli  das  durch  den  Übertritt  von  Stadtrat  Wyss 
ins  Obergericht  freigewordene  Finanzwesen,  dem  er  heute  noch 
vorsteht. 


o  XXXVIII.  KAPITEIv:   STADTPRÄSIDENT  PESTALOZZI  261 

Benjamin  Fritschi  ist  1914  zurückgetreten.  Hans  Kern,  sein 
Nachfolger,  gewählt  am  29.  März  1914,  ist  ein  Bürger  der  ehe- 
maUgen  Gemeinde  Riesbach.  Geboren  am  5.  Februar  1867, 
durchhef  er  die  Volksschule  und  das  Gymnasium  in  Zürich  und 
studierte  1885 — 1890  an  den  Universitäten  Zürich  und  Berlin 
Jurisprudenz,  Nationalökonomie,  Finanzwissenschaft  tmd  Sta- 
tistik. Am  I.  Juli  1891  wurde  Kern  zum  Vorsteher  des  kantonalen 
Bureaus  für  Fabrik-  und  Haftpflichtwesen  ernannt,  womit  die  Stelle 
eines  kantonalen  Fabrikinspektors  verbunden  ist.  Er  bekleidete 
dieses  Amt  bis  1898  und  war  daneben  auch  MitgHed  verschiedener 
Schulbehörden.  Mitglied  des  Bezirksgerichtes  Zürich  war  Kern 
vom  I.  Januar  1899  bis  i.  August  1906.  Seit  dieser  Zeit  lei- 
tete er  als  kaufmännischer  Direktor  die  Firma  Löhle  &  Kern, 
A.-G.  für  Eisenbau,  in  Zürich.  Dem  Grossen  Stadtrat  gehörte 
er  seit  der  Stadtvereinigung  an  und  präsidierte  diese  Behörde 
1909/10.  In  den  Jahren  1895/96  war  er  Mitglied  des  Kantons- 
rates; 1902  neuerdings  gewählt,  ist  er  bis  heute  Mitglied  desselben. 
Als  eifriger  Müitär  absolvierte  Kern  in  den  Jahren  1885  bis  1887 
die  kriegswissenschaftliche  Abteilung  des  eidgenössischen  Poly- 
technikums. Seit  31.  Dezember  1909  bekleidet  er  den  Rang  eines 
Oberstleutnants  der  Infanterie  und  kommandiert  zurzeit  das  In- 
fanterie-Regiment Nr.  27,  das  sog.  Stadtregiment. 

An  die  Stelle  des  verstorbenen  Stadtpräsidenten  Hans  Pesta- 
lozzi wurde  am  22.  August  1909  zum  MitgHed  des  Stadtrates  ge- 
wählt Oberst  Emil  SchneebeH  (geb.  1854  zu  Affoltern  a.  A.),  der 
sich  1914  aus  Gesundheitsrücksichten  leider  zum  Rücktritt  ge- 
nötigt sah  (t  19.  Oktober  1914).  Sein  Nachfolger,  Dr.  jur.  Adolf 
Streuli,  ist  geboren  am  25.  August  1868  als  Sohn  einer  Bauern- 
famiHe  in  Horgen.  Er  machte  eine  mehrjährige  Notariatslehre 
durch,  an  die  sich  das  Universitätsstudium  anschloss.  1890  er- 
warb er  das  Notariatspatent  und  begab  sich  für  ein  Jahr  nach 
Paris,  wo  er  als  Volontär  auf  einem  der  schweizerischen  Gesandt- 
schaft attachierten  Anwaltsbureau  tätig  war.  Noch  in  Paris  er- 
hielt er  eine  Stellung  bei  der  Zürcher  Kantonalbank.  Sodann 
wirkte  er  drei  Jahre  als  Substitut  im  Stadtnotariat.  Von  1893  bis 
1897  amtete  er  als  Bezirksanwalt;  dann  zwei  Jahre  als  Rechts- 
konsulent bei  einer  zürcherischen  Versicherungsanstalt.  Während 
dieser  Zeit  bestand  er  das  Rechtsanwaltsexamen.   Hierauf  nahm  er 


262  XXXVIII.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  PESTALOZZI  o 

seine  Studien,  speziell  der  wirtschaftspolitischen  Fächer,  wieder 
auf  und  promovierte  1902,  als  Schüler  Herkners,  mit  der  damals 
viel  beachteten  Dissertation  über  ,,Die  Zürcher  Liegenschaften- 
krise".  1899  erfolgte  seine  Wahl  zum  Handelsregisterführer;  igo6 
kam  dazu  noch  die  Stellvertretimg  im  Börsenkommissariat,  1914 
das  Amt  eines  Bankrates  der  Kantonalbank.  Dem  Grossen  Stadt- 
rat gehörte  StreuH  seit  1907  an.  Die  unbestrittene  Wahl  zum 
Stadtrat,  in  dem  er  das  Steuerwesen  verwaltet,  erfolgte  am  6.  Sep- 
tember 1914. 

Jakob  Vogelsanger,  das  letzte  noch  im  Amt  stehende  Mit- 
glied des  am  21.  August  1892  für  das  vereinigte  Zürich  erstmals 
gewählten  Stadtrates,  wurde  geboren  als  Sohn  einfacher  lyandleute 
am  I.  Juli  1849  in  dem  schaffhausischen  Randendorfe  Beggingen. 
Er  kam  1856  nach  Zürich,  besuchte  hier  die  Schulen,  nahm  teil 
an  allen  sich  bietenden  Fortbildungsgelegenheiten  und  pflegte 
eifrig  das  Selbststudium  insbesondere  auf  dem  Gebiete  der  Ver- 
fassimgs-  und  Rechtskunde  und  der  sozialen  Fragen.  Die  demo- 
kratische Revisionsbewegung  von  1867  lenkte  mächtig  sein  In- 
teresse dem  öffentlichen  Leben  zu.  Mit  18  Jahren  schloss  er  sich 
dem  Schweizerischen  Grütlivereine  an,  dessen  publizistischer 
Führer  er  später  während  vieler  Jahre  gewesen  ist.  1870  trat  er 
zur  Journalistik  über,  übernahm  die  Parlamentsberichterstattung 
für  die  ,,Bemer  Tagespost"  über  die  Bundesrevisionsverhandlungen 
der  eidgenössischen  Räte  und  beteihgte  sich  unter  Allemann,  dem 
nachmaligen  Herausgeber  des  ,, Argentinischen  Wochenblattes",  an 
der  Redaktion  des  damals  in  Bern  erschienenen  ,,Grütlianer". 
1875  zog  ihn  Bleuler-Hausheer,  dem  der  Grütliverein  die  Re- 
daktion des  Vereinsorgans  übertragen  hatte,  nach  Winterthur,  wo 
er  neben  Bleuler  und  Reinhold  Rüegg  am  ,, Landboten"  und  dem 
„Grütlianer"  mitarbeitete  und  1878  die  selbständige  Leitung  des 
letztern  zugewiesen  erhielt.  Die  Führung  des  ,, Grütlianer"  be- 
hielt er,  jeweilen  den  wechselnden  Druckorten  folgend  (Winter- 
thur, Bern,  Chur,  Zürich),  bei  bis  1892.  In  Chur  war  er  während 
sechs  Jahren  Mitglied  des  Grossen  Stadtrates.  1890  erfolgte  die 
Rückkehr  nach  Zürich,  wo  ihn  1891  Oberstrass  in  den  Gemeinde- 
rat und  die  Sekundarschulpflege  und  in  die  Abgeordnetenversamm- 
limg  für  Neu-Zürich,  1892  in  den  Kantonsrat  wählte  und  ihm  das 
Bürgerrecht  verlieh.   In  der  Abgeordnetenversammlung  war  Vogel- 


ßof}.  Bernhard  Spyri 


Or.  Gugen  Gscker 


gfeinncß  C^yss  "Dr.  ^ud.  O^offinger 

Stadtscßrefber  von  Zürich 


o  XXXVIII.  KAPITEIv:   STADTPRÄSIDENT  PESTALOZZI  263 

sanger  Mitglied  der  XXIer  Kommission  für  Vorberatung  der 
Gemeindeordnung.  Im  Stadtrat  stand  er  bis  1898  dem  Polizei-, 
dann  bis  i.  Dezember  1901  dem  Gesundheits-,  darauf  bis  Frühjahr 
1907  dem  Vormundschafts-  und  seither  dem  Polizeiwesen  vor.  Von 
1890  bis  1905  war  Vogelsanger  als  Vertreter  des  I.  eidgenössischen 
Wahlkreises  auch  Mitglied  des  schweizerischen  Nationalrates. 

In  der  Reihe  der  Stadtschreiber  von  Zürich  ist  Dr.  jur. 
Rudolf  Bollinger  der  achte.  Es  sind  ihm  vorangegangen:  Hans 
Heinrich  Hofmeister,  gewählt  1803,  Johannes  Nüscheler  1830, 
Heinrich  Gysi-Schinz  1839,  Dr.  Eugen  Escher  1856,  Johann 
Bernhard  Spyri  1868,  Dr.  Paul  Usteri  1885  und  Heinrich  Wyss 
1892,  dem  am  29.  Mai  1901  Dr.  Bollinger  folgte.  Er  ist  ge- 
boren am  7.  Juni  1856  in  Zürich,  besuchte  hier  die  Volksschule 
und  das  Gymnasium,  studierte  an  den  Universitäten  Zürich, 
lyeipzig  und  Berlin  die  Rechtswissenschaft,  promovierte  1885  mit 
einer  Arbeit  ,,Zur  Revision  der  Lehre  von  der  Klagänderung". 
Schon  vorher  stand  Dr.  Bollinger  in  der  Praxis  als  stellvertretender 
Untersuchimgsrichter  und  Substitut  des  Bezirksgerichtsschreibers 
m  Winterthur.  Er  wurde  sodann  im  Dezember  1886  zum  Sekretär 
des  Freiwilligen  Armenvereins  in  Zürich  gewählt  und  blieb  lange 
Jahre  hindurch  Berufsarmenpfleger,  seit  1895  als  Generalsekretär 
der  Freiwilligen  und  Einwohnerarmenpflege  in  Zürich.  Als  Ver- 
treter der  freisinnigen  Partei  war  Dr.  Bollinger  von  1891 — 1894 
Mitglied  des  Kantonsrates  und  Grossen  Stadtrates.  Seine  Wahl 
zum  Stadtschreiber  als  Nachfolger  von  Stadtrat  Heinrich  Wyss 
erfolgte  am  29.  Mai  1901.  Es  verdient  besonders  hervorgehoben 
zu  werden,  dass  Stadtschreiber  Dr.  Bollinger  in  den  letzten  Jahren 
mit  grosser  Energie  imd  Sachkenntnis  für  entschlossene  Mass- 
nahmen gegen  die  Überfremdung  der  Schweiz  tätig  war  und  auch 
Vorsitzender  der  interkantonalen  sog.  ,, Neunerkommission"  ist, 
die  sich  das  Studium  dieser  Frage  zur  Pflicht  gemacht  hat.  Dr.  Bol- 
linger wurde  zu  dieser  Stellung  geführt  durch  seine  vieljährigen 
Erfahrungen  als  Berufsarmenpfleger  und  Einbürgerungsbeamter. 

Wir  kehren  zum  Beginn  der  Stadtverwaltmig  des  vereinigten 
Zürich  zurück.  Nach  der  Wahl  des  neungliedrigen  Stadtrates  am 
21.  August  1892  amteten  nun  während  des  grössern  Teils  dieses 
Jahres  Stadtrat  und  Grosser  Stadtrat  der  alten  und  der  neuen 
Stadt  Zürich  nebeneinander,   und  das  ,, Tagblatt"  und  städtische 


264  XXXVIII.  KAPITEI.:   STADTPRÄSIDENT  PESTALOZZI  o 

Amtsblatt  brachte  stets  zweierlei  Rubriken  amtlicher  Anzeigen : 
,, Stadt  Zürich"  und  „Erweiterte  Stadt  Zürich".  Der  neue  Stadt- 
rat konstituierte  sich  am  30.  August  und  wählte  Fritschi  zum 
Vizepräsidenten;  der  neue  Grosse  Stadtrat,  118  Mitgheder  stark, 
setzte  sich  zusammen  aus  64  Freismnigen,  34  Demokraten,  13  So- 
zialdemokraten und  7  Konservativen.  Er  konstituierte  sich  am 
17.  September  imd  übertrug  das  Präsidium  Dr.  Conrad  Escher. 
Am  4.  September  erfolgte  die  Wahl  der  Zentralschulpflege,  der 
Friedensrichter,  Betreibungsbeamten,  am  25.  September  die- 
jenige der  Kreisschulpflegen.  Viele  Reden  begleiteten  im  Sihl- 
hölzH  beim  letzten  Knabenschiessen  des  alten  Zürich  am  22.  August 
1892  den  Übergang  aus  der  alten  in  die  neue  Zeit,  tmd  es 
dauerte  Jahre,  bis  (am  27.728.  August  1899)  die  schöne  Insti- 
tution im  neuen  Zürich  wieder  auferstand.  Die  letzte  Gemeinde- 
versammlung des  alten  Zürich  fand  statt  am  11.  Dezember  1892 
in  der  St.  Peterskirche.  Hiebei  schenkte  die  Bürgergemeinde  dem 
Kapellmeister  Lothar  Kempter  das  Bürgerrecht  imd  ermächtigte 
den  Stadtrat,  den  im  Gebiet  der  erweiterten  Stadt  Zürich  woh- 
nenden Beamten,  Lehrern,  Angestellten  tmd  Arbeitern  schweize- 
rischer Nationalität,  welche  seit  Mai  1889  der  Stadtverwaltung 
gedient  hatten  imd  ins  Bürgerrecht  aufgenommen  zu  werden 
wünschten,  die  Einkaufssumme  zu  erlassen.  (Hievon  machten  176 
Petenten  Gebrauch).  Der  alte  Grosse  Stadtrat,  am  29.  Dezember 
1892  im  Linth-Escherschulhaus  unter  dem  Vorsitz  seines  Vize- 
präsidenten Dr.  Rud.  Spöndlin  zu  seiner  letzten  Sitzung  versam- 
melt, votierte  eine  Dankesurkunde  an  die  Mitglieder  des  ab- 
tretenden Stadtrates.  Der  alte  Stadtrat  seinerseits  schloss  am 
30.  Dezember  seine  Tätigkeit  mit  der  Schenkung  des  Bürgerrechts 
an  Professor  Jakob  Baechtold,  Professor  Erwin  Zschokke  und 
Konsul  Heinrich  Angst.  Hierauf  machte  er  endgültig  dem  neuen 
Stadtrat  Platz,  welcher  unter  dem  i.  Januar  1893,  d.  h.  beim 
tatsächlichen  und  rechtlichen  Beginn  der  neuen  Stadtverwaltung, 
im  ,, Tagblatt"  einen  warmen  Appell  an  die  ,, lieben  Mitbürger" 
richtete.  Seine  eigentliche  und  imwidersprechliche  Sanktion 
durch  die  Bevölkerung  erhielt  der  neue  Stand  der  Dinge  aber 
doch  erst,  als  einmal  das  erste  Sechseläuten  von  Gross-Zürich 
darüber  gegangen  war.  Das  geschah  am  17.  April  1893.  An  diesem 
Tage,  nach  der  Mittagstafel,  versammelten  sich  sämtliche  Zünfte 


5 

i 


o  XXXVIII.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  PESTALOZZI  265 

mit  ihren  Musikkorps  auf  dem  altehrwürdigen  Lindenhof,  der  im 
Laufe  der  Jahrhunderte  schon  so  manchen  feierHchen  Aufzug 
der  Zünfte  gesehen,  jetzt  aber  wohl  eine  der  imposantesten  Volks- 
versammlungen umfasste,  die  je  unter  dem  Laubdach  der  Linden 
getagt.  Dirigiert  von  Lehrer  Baur,  sang  der  gewaltige  Männerchor 
,, Brüder,  reicht  die  Hand  zum  Bunde".  Dann  bestieg  das  Redner- 
pult Oberst  und  Nordostbahn-Direktor  Hans  Wirz-Nägeli,  unter 
dessen  Vorsitz  der  Kantonsrat  das  Zuteilungsgesetz  beraten 
hatte.  Er  entrollte  eine  sehr  interessante  Geschichte  der  Zünfte 
und  des  Sechseläutens  und  erinnerte  u.  a.  an  die  erste  gemein- 
same Versammlung  der  Zünfte  Zürichs  auf  dem  Lindenhof  am 
Sechseläuten  des  Jahres  1838.  Damals  hielten  die  Zünfte  eine  Art 
Totenfeier  um  die  letzten  politischen  Vorrechte,  welche  der  Stadt 
Zürich  durch  die  Verfassungsrevision  des  vorhergehenden  Jahres 
verloren  gegangen  waren;  ,, heute  aber  dürfen  wir  mit  Freuden 
konstatieren,  dass  dafür  der  Sinn  für  Geselligkeit  nicht  nur  keine 
Einbusse  erlitt,  sondern,  losgelöst  von  allem  poHtischen  Hader, 
sich  nur  um  so  freier  entwickelte.  Das  halten  wir  Zünfter  hoch; 
nach  poHtischem  Einfluss  sehnen  wir  uns  nicht  zurück".  Mit  weit- 
schallender Stimme  antwortete  dem  Sprecher  der  Zünfte  als  Ver- 
treter der  zugeteilten  Ausgemeinden  Direktor  Lutz  vom  Strick- 
hof, nachmaliger  Stadtrat  und  Regierungsrat.  Mit  Nägelis  ,, Stehe 
fest,  o  Vaterland"  schloss  die  Feier,  und  man  zog  gemeinsam 
zum  Feuer  im  ,, Kratz",  wo  der  ,,Bögg"  schon  tüchtig  aus  seiner 
Tabakpfeife  qualmte. 

Im  Neujahrsblatt  des  Waisenhauses  von  1912,  das  dem 
Stadtpräsidenten  Pestalozzi  gewidmet  war,  schrieb  dessen  Nach- 
folger, Stadtpräsident  Billeter:  ,,Es  ist  unmöglich,  hier  die  Ent- 
wicklung Zürichs  seit  der  Vereinigung  zu  schildern.  Sie  ist 
sicherer,  grosszügiger  imd  günstiger  vor  sich  gegangen  als  irgend 
jemand  zu  hoffen  gewagt  hatte.  Die  Stadt  stellt  ein  durchaus 
festgefügtes,  kräftiges  und  leistungsfähiges  Gemeinwesen  dar.  Was 
man  am  meisten  befürchtete,  die  Erschütterung  der  Finanzen, 
ist  nicht  eingetreten,  und  wenn  diese  auch  gespannt  waren,  was 
angesichts  der  gewaltigen  Aufgaben  der  Gemeinde  nicht  ver- 
wunderlich ist,  so  hat  ihr  Kredit  sich  dennoch  befestigt,  das  beste 
Zeichen  allgemeinen  Vertrauens.  Pestalozzi  hat  dieser  Auffassung 
in  einem  Vortrage  Ausdruck  gegeben,  den  er  zehn  Jahre  nach 


266  XXXVIII.  KAPITEL:  STADTPRÄSIDENT  PESTALOZZI  o 

der  Vereinigung  im  Verein  städtischer  Beamter  imd  Angestellter 
über  die  Entwickltmg  des  Gemeinwesens  hielt  (es  war  dies  am 
23.  August  1902,  vgl.  „N.  Z.  Z."  Nr.  243  ff.). 

„Im  November  1906  veranstaltete  der  Stadtrat  eine  seinen 
Wünschen  und  seiner  Art  entsprechende  kleine  Feier  zu  Ehren  der 
fünfundzwanzigjährigen  Wirksamkeit  Hans  Pestalozzis  im  Stadt- 
rat von  Zürich.  Herzliche  Freude  machte  ihm  die  ihm  vom  Stadt- 
rat nebst  einer  Urkunde  überreichte,  eigens  erstellte  Wappen- 
scheibe. Im  Kantonsrat,  dessen  Vorsitz  er  1901/02  inne  hatte, 
nahm  er  mit  Eifer  und  Interesse  an  den  Verhandlungen  teil.  Die 
Beratimg  des  Zuteilungsgesetzes  am  Anfang  und  die  Vorbereitung 
des  Baues  der  neuen  Hochschulgebäude  am  Ende  seiner  Wirk- 
samkeit im  Rate  gaben  ihm  besondem  Anlass  zu  emsiger  Arbeit. 
Er  war  Präsident  der  Kommission,  die  die  wichtigen  und  um- 
fangreichen Vorlagen  des  Regierungsrates  wegen  der  Ablösung  der 
Pflicht  des  Kantons,  für  das  eidgenössische  Polytechnikum  die 
Gebäude  zu  erstellen,  und  wegen  des  Baues  der  neuen  Hoch- 
schulgebäude vorzubereiten  hatte.  Als  Dr.  Römer  1890  aus  dem 
Nationalrat  schied,  wurde  Pestalozzi  auch  hier  sein  Nachfolger. 
Er  nahm  1905  seinen  Rücktritt  wegen  seiner  Wahl  in  den  Ver- 
waltimgsrat  der  Bundesbahnen,  dessen  zahlreiche  Sitzungen  ihn 
so  sehr  in  Anspruch  nahmen,  dass  er  dem  einen  oder  andern 
Ehrenamte  entsagen  musste.  Frohe  Tage,  die  ihn  mit  stolzer 
Genugtuimg  erfüllen  mussten,  brachte  der  Juni  1898.  Am  24. — 26. 
dieses  Monats  fand  mit  grossen  Festen  die  Eröffnung  des  Schweize- 
rischen Landesmuseums  statt,  in  Gegenwart  des  Bimdesrates  und 
der  Bundesversammlung.  Als  Präsident  der  Landesmuseumskom- 
mission  hatte  er  schwierige  und  verantwortungsvolle  Tage  hinter 
sich.  Die  Städte  imd  grössern  Orte  verdanken  Pestalozzi  die  An- 
regung zur  Gründung  des  Schweizerischen  Städteverbandes.  Er 
brachte  sie  während  der  Landesausstellung  in  Genf  vom  Jahre 
1896  vor.  Im  folgenden  Jahre  fand  dann  in  Zürich  die  Konsti- 
tuierung und  erste  Versammlung  des  Verbandes  statt.  Beson- 
dere Ehrung  gebülirt  Pestalozzi  für  sein  Wirken  im  schweize- 
rischen Verein  vom  Roten  Kreuz.  Er  war  seit  1890  Mitglied  und 
Präsident  des  Vorstandes  des  Zweig  Vereins  Zürich,  den  er  nach- 
drückhch  förderte.  Unter  seiner  Leitimg  wurde  die  Sammlung 
für  die  Verwundeten  im  südafrikanischen  Kriege  von  1900  an  die 


o  XXXVIII.  KAPITEI.:   STADTPRÄSIDENT  PESTALOZZI  267 

Hand  genommen  und  mater  seiner  Mitwirkung  die  weit  umfassende 
Hilfeleistung  für  die  Opfer  des  Erdbebens  in  Süditalien  von  1908 
durchgefülirt.  Im  Mai  1908  übernahm  Pestalozzi  das  Präsidium 
des  Schweizerischen  Vereins  vom  Roten  Kreuz.  Am  12.  und  13.  Juni 
1909  leitete  er  noch  die  Delegiertenversammlung  im  Rathaus 
in  Zürich.  Zwei  Tage  darauf,  am  15.  Juni,  raffte  ihn  der  Tod 
plötzlich  vom  Feld  der  Arbeit  hinweg." 

Das  Leichenbegängnis  Pestalozzis  am  17.  Juni  gehörte  zu 
den  grossartigsten,  die  Zürich  je  gesehen.  Die  kirchliche  Feier 
fand  im  Fraumünster  statt.  Die  Leichenpredigt  hielt  Pfarrer 
Ludwig  Pestalozzi  vom  Grossmünster,  selber  auch  ein  müder 
Mann,  den  bald  die  Grabesruhe  umfangen  sollte.  Galten  die 
sympathischen  Worte  des  Predigers  vor  allem  der  Persönlichkeit 
des  Verstorbenen  und  seinem  durch  manchen  intimen  Zug  gekenn- 
zeichneten, wahrhaft  vornehmen  und  achtunggebietenden  Wesen, 
so  schilderten  alsdann  im  Namen  der  städtischen  Behörden  Stadt- 
rat Billeter  und  der  Präsident  des  Grossen  Stadtrates,  Dr.  Schmid, 
das  reiche  Wirken  imd  Arbeiten  des  bis  zum  Tode  pflichtge- 
treuen obersten  Magistraten  der  Stadt.  Im  Zug,  der  hernach 
unter  leichtem  Gewitterregen  zum  Friedhof  aufbrach,  wurden  etwa 
3000  Teilnehmer,  zwei  Musikkorps  und  54  Fahnen  von  Zünften, 
Vereinen  und  Studenten  gezählt.  Das  nimmer  rastende,  ruhelos 
hastende  Leben  der  Grosstadt  schien  einen  Augenblick  zu  pau- 
sieren, als  man  den  Stadtpräsidenten  zum  Friedhof  geleitete. 
Tram-  und  Wagenverkehr  stockte  vollständig  in  den  Strassen,  die 
der  Leichenkondukt  passierte;  wie  eine  Mauer  stand  das  Volk  in 
ehrfurchtsvollem  Schw^eigen  dem  Weg  entlang,  die  Maurer  und 
Zimmerer  auf  den  Baugerüsten  hielten  in  der  Arbeit  inne,  die 
Schreiber  in  den  Kontoren  eilten  zu  den  Fenstern,  Kunden  und 
Verkäufer  drängten  sich  unter  der  Ladentür,  dann  aber,  als  er 
vorüber  war,  schlugen  alsbald  die  gestauten  Wogen  des  Strassen- 
lebens  wieder  zusammen,  und  weiter  flutete  der  Strom  im  alten 
Bett,  als  wäre  nichts  geschehen.  Am  reich  geschmückten  Grabe, 
gegenüber  von  Gottfried  Kellers  Ruhestätte,  sprachen  noch  im 
Namen  der  Bundesbahnbehörden  alt  Bundesrat  Lachenal  und  für 
den  nähern  Freimdeskreis  Oberst  Ulrich  Meister.  Die  Stadt  Zürich 
stiftete  ihrem  verehrten  Oberhaupt  ein  Grabmonument  als  Zeichen 
und  Sinnbild  ihrer  Dankbarkeit. 


268  XXXVIII.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  PESTALOZZI  o 

In  die  Zeit  des  Stadtpräsideuten  Pestalozzi  fiel  der  Tessiner 
Prozess  vor  den  eidgenössischen  Assisen  im  Rathaussaal  vom 
29.  Jimi  bis  14.  Juli  1891.  Der  Gerichtshof  bestand  aus  den 
Bimdesrichtern  Olgiati  (Präsident),  Morel  und  Broye,  die  Anklage 
führte  Generalanwalt  Scherb.  Die  zwanzig  Angeklagten  wurden 
verteidigt  von  den  Anwälten  Forrer,  Prof.  Zürcher,  Dr.  Amsler, 
Emil  Müller,  Dr.  Kurz  und  Dr.  Weibel.  Als  am  14.  Juli  die  An- 
geklagten freigesprochen  wurden,  brach  im  Saal  und  auf  der  Tri- 
büne ein  ungeheurer  Jubel  los.  Anwälte  und  Angeklagte  um- 
armten sich  mit  Freudentränen.  Der  Tumult  wälzte  sich  die 
Treppe  hinab  und  ward  auf  der  Strasse  fortgesetzt.  Ein  viel- 
sagendes Echo  fanden  die  Freudenausbrüche  des  Bürgertums  über 
den  Sieg  der  Revolution  in  der  sozialdemokratischen  Presse.  — 
FreundUchere  Erinnerungen  weckt  das  700jährige  Jubiläum  des 
ersten  eidgenössischen  Bundesbriefes  von  Brunnen  vom  i.  August 
1291.  Die  Hauptfeier  am  i.  August  1891  fand  in  Schw^^z  und  auf 
dem  RütH  statt.  Durch  die  reich  beflaggte  Stadt  Zürich  bewegte 
sich  an  diesem  Tag  ein  festhcher  Zug  mit  der  Stadtmusik  ,, Kon- 
kordia" an  der  Spitze  zum  Münsterhof,  wo  Pfarrer  Bion  die  Fest- 
rede hielt;  am  Abend  gemütUche  Vereinigung  auf  dem  Bauschänzli, 
Illumination  und  Höhenbeleuchtimg.  Einer  Anregung  Berns  Folge 
gebend,  hat  dann  der  Bundesrat  1899  die  Kantone  zu  regelmässiger 
Abhaltung  der  Bundesfeier  mit  Glockengeläute  von  8^4  bis  8%  Uhr 
abends  eingeladen;  sie  fand  in  dieser  Weise  zum  erstenmal  am 
I.  August  1899  statt. 

Die  neue  Stadt\^erwaltung  bedurfte  wie  die  alte  eines  amt- 
lichen Publikationsorgans,  als  welches  wiederum  das  ,, Tagblatt" 
bestimmt  wurde;  den  Vertrag  mit  der  Buchdruckerei  Berichthaus 
hat  die  Stadtgemeinde  am  10.  Dezember  1893  angenommen.  — 
Das  Jahr  1894  sah  die  schöne  kantonale  Gewerbeausstellung  in 
der  alten  Tonhalle  und  den  daran  angeschlossenen  umfangreichen 
Bauten.  Am  15.  Juni  eröffnet,  endigte  sie  am  16.  Oktober  mit 
einer  gelungenen  Schlussfeier.  —  Schwere  Ruliestörtmgen  er- 
eigneten sich  in  den  Tagen  vom  26.  bis  28.  JuH  1896  in  Aussersihl. 
Sie  richteten  sich  gegen  die  besonders  im  untern  Industriequartier 
und  einigen  abgelegenen  Vierteln  zahlreich  angesiedelten  Italiener, 
gegen  deren  lärmende  Gewohnheiten  längst  eine  Misstimmung  sich 
angesammelt  hatte.     Verschärft   durch  wiederholte   Stechereien, 


o  XXXVIII.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  PESTALOZZI  269 

kam  der  Unwille  zur  Entladung,  als  in  der  Nacht  vom  25.726.  Juli 
der  elsässische  Scherenschleifer  Remettre  an  der  Brauerstrasse 
erstochen  wurde.  Sonntag  abend,  den  26.  Juli,  begannen  die 
ItaUenerhetzen  und  das  Bombardieren  von  ItaUenerwirtschaften  in 
der  Gegend  der  Langstrasse.  Am  Montag  nahmen  die  Ruhe- 
störungen einen  so  bedroliHchen  Charakter  an,  dass  die  in  der 
Kaserne  stehende  Rekrutenschule  ausrücken  musste.  Die  Inter- 
nierung von  Verhafteten  lockte  am  Dienstag  abend  den  grossen 
Haufen  der  Krawallanten  vor  die  Kaserne,  wo  ihnen  die  Rekruten- 
schule mit  Mühe,  aber  kaltblütig  Stand  hielt.  Mittwoch  vormittag 
erging  der  Generalmarsch  in  den  Dörfern  am  See,  und  am  Nach- 
mittag rückten  die  Bataillone  70  und  71  und  80  Mann  Kavallerie 
ein.  Der  an  Wohnungen  und  MobiHar  der  ItaUener  angerichtete 
Schaden  wurde  auf  8900  Fr.  geschätzt.  Von  den  197  Verhafteten 
kamen  am  28.  September  22  zur  gerichtlichen  Aburteilung.  Der 
Krawall  von  Aussersihl  gab  Anlass  zu  weitschichtigen  Verhand- 
lungen im  Grossen  Stadtrat  und  Kantonsrat  und  zu  einer  Reihe 
polizeilicher  und  fremdenpolizeihcher  Massnahmen.  —  108  Ver- 
treter aller  Stände  und  Parteien  forderten  auf  zu  einer  Protest- 
versammlung auf  dem  Münsterhof  am  11.  Oktober  1896  gegen  die 
Christenmetzeleien  in  Armenien;  Pfarrer  Furrer  vom  St.  Peter 
hielt  die  eindrucksvolle  Ansprache.  — •  Vom  23.  bis  28.  August 
1897  wurde  in  der  Tonhalle  der  internationale  Kongress  für 
Arbeiter  schütz  abgehalten. 

Am  6.  Januar  1900  starb  Nationalrat  Dr.  Cramer-Frey,  der 
hervorragendste  parlamentarische  Vertreter  der  zürcherischen  und 
ostschweizerischen  Handelswelt.  Er  fand  am  28.  Januar  1900 
seinen  würdigen  Nachfolger  im  Sekretär  des  Schweizerischen 
Handels-  und  Industrie-Vereins,  Dr.  Alfred  Frey  (geb.  1859).  ^^^ 
hat  am  9.  März  1907  der  Grosse  Stadtrat  das  Bürgerrecht  ge- 
schenkt ,,in  Ehrung  seiner  Verdienste  um  die  wirtschaftliche  Ent- 
wicklung des  Kantons  und  der  Stadt  Zürich  und  um  die  Ordnung 
der  Handelsvertragsbeziehungen  der  Schweiz".  —  Grosses  In- 
teresse brachte  Zürich  dem  Burengeneral  Delarey  entgegen,  der 
in  Begleitung  des  Kommandanten  Ferreira  und  des  Pastors  Scho- 
walter  am  27.  November  1902  in  Zürich  eintraf.  Bei  einem  Bankett 
im  Hotel  Bellevue  überreichte  das  Zürcher  Burenkomitee  (Präsi- 
dent Pfarrer  Schönholzer,   Quästor  Direktor  Dr.   SchärtHn)   dem 


270  XXXVIII.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT  PESTALOZZI  o 

General  einen  Check  von  100,000  Fr.  für  die  notleidenden  Buren.  — 
Die  Stadtbehörden  hatten  am  10.  April  1903  den  Besuch  von 
39  engHschen  Bürgermeistern  (Lordmayors)  und  Stadträten,  die 
im  ,,Baur  au  lac"  bewirtet  wurden.  —  Von  einer  schweren  Kata- 
strophe am  Piz  Blas  wurde  am  26.  Juni  1903  die  2.  Klasse  des 
Oberg^-mnasiums  betroffen;  ilire  Opfer  waren  Professor  Gröbli 
und  die  Schüler  Ad.  Odermatt,  B.  Hofmann  und  R.  Liebmann.  — 
Gegen  den  Wimsch  des  Stadtpräsidenten  Pestalozzi,  welcher  der 
Stadt  nicht  diese  fortwährenden  Aufwendungen  zumuten  wollte, 
fanden  in  Zürich  kurz  nacheinander  drei  eidgenössische  Feste  statt : 
das  eidgenössische  Turnfest  vom  18.  bis  21.  Juli  1903,  das  eid- 
genössische Sängerfest  vom  14.  bis  18.  JuH  1905  und  das  eid- 
genössische Schützenfest  vom  7.  bis  18.  Juh  1907. 

Nach  jahrelangen,  leider  vergebhchen  Bemühungen  ist  ein 
Versuch,  das  für  Zürichs  enormes  Wachstum  viel  zu  eng  geschnürte 
Zuteilungsgesetz  vom  9.  August  1891  zeitgemäss  zu  revidieren,  in 
der  Volksabstimmung  vom  20.  August  1903  gescheitert;  es  wurde 
venA^orfen  sowohl  das  neue  Verwaltungsgesetz  für  die  Stadt  Zürich, 
wie  der  gesondert  vorgelegte  Verfassungsartikel  55^^^  der  die  Ueber- 
tragung  der  LehrenA'ahlen  in  der  Stadt  an  den  Grossen  Stadtrat  er- 
mögÜclien  sollte.  Den  Verhandlungen  im  Kantonsrat  hatten  zwei 
Initiativen  zugrunde  gelegen:  die  ,,behördhche"  Initiative  des 
Grossen  Stadtrates  und  die  Initiative  von  Dr.  Wettstein  und  Ge- 
nossen, welche  gegenüber  der  erstem  der  Gemeindeautonomie 
grössern  Spielraum  gewähren  wollte.  Die  Gemeinde  hatte  es  am 
19.  August  1900  mit  Mehrheit  abgelehnt,  den  Vorschlag  Wettstein 
dem  Kantonsrat  als  ,, Gemeinde-Initiative"  einzureichen.  Da  aber 
die  bejahende  Minderheit  immerhin  über  5000  Stimmen  zählte, 
stritt  man  sich  lange  Zeit  um  die  ,, Doktorfrage",  ob  das  nim  trotz 
Ablehnung  durch  die  Mehrheit  eine  ,, Gemeinde-Initiative"  sei  oder 
nicht.  Der  Kantonsrat  benutzte  für  seine  Vorlage  aus  beiden  Initia- 
tiven, was  ihm  gut  schien.  Nachdem  die  Änderung  des  Zuteilungs- 
gesetzes verunmögUcht  war,  konnte  auch  die  von  der  Gemeinde  am 
8.  September  1907  angenommene  neue  Gemeindeordnung  keine 
durchgreifenden  Neuerungen  bringen,  da  man  in  bezug  auf  die 
wünschenswertesten  Änderungen  an  das  bisherige  Gesetz  gebunden 
blieb.  —  Am  10.  Dezember  1904  beschloss  der  Grosse  Stadtrat  die 
Schaffimg  der  Stelle  eines  Schularztes;  vom  Stadtrat  wurde  am 


o  XXXVIII.  KAPITEL:   STADTPRÄSIDENT    PESTALOZZI  271 

II.  Januar  1905  zum  Schularzt  gewählt  Dr.  med.  Adolf  Kraft. 
Durch  Beschluss  des  Grossen  Stadtrates  vom  12.  Oktober  1907 
folgte  dann  noch  die  Schaffung  der  Stelle  eines  Schulzahnarztes 
und  die  Eröffnung  einer  Schulzahnklinik.  Die  Bürgergemeinde 
verv\^arf  am  24.  September  1905  eine  Vorlage  über  Erleichterung 
der  Einbürgerung. 

Das  eidgenössische  Polytechnikum  feierte  am  29.  und  30.  Juli 
1905  sein  50J ähriges  Jubiläum.  Ein  Festzug,  in  dem  auch  ein 
Trüpplein  Veteranen  von  1855  marschierte,  bewegte  sich  am  ersten 
Tag  vom  Polytechnikum  herab  zur  Festhalle  des  eidgenössischen 
Sängerfestes  auf  dem  Tonlialleplatz,  wo  der  eigentliche  Festakt 
mit  Reden  von  Schulratspräsident  Dr.  Gnehm  und  Direktor 
Dr.  Franel  stattfand.  Beim  Festbankett  in  der  Tonhalle  sprach 
u.  a.  Bundesrat  Forrer.  Stadtpräsident  Pestalozzi  Hess  nach  einem 
warmen  Toast  durch  einen  Stadtratsweibel  Bürgerrechtsbriefe  an 
19  Professoren,  die  seit  zehn  Jahren  und  länger  am  Polytechnikum 
wirkten,  verteilen.  Die  wertvollste  Erinnerung  an  das  50jährige 
Jubiläum  des  eidgenössischen  Pol5rtechnikums  bildet  die  im  Auf- 
trag des  schweizerischen  Schulrates  von  Professor  Wilhelm  Oechsli 
verfasste,  gross  angelegte  ,,  Geschichte  der  Gründung  des  eidge- 
nössischen Polytechnikums  mit  einer  Übersicht  seiner  Entwick- 
lung 1855 — 1905".  Sie  erschien  in  vornehmer  Ausstattung  als 
erster  Teil  der  ,, Festschrift"  zum  Jubiläum,  eines  Prachtwerkes, 
dessen  zweiter  Teil,  ,,Die  bauliche  Entwicklung  Zürichs  in  Einzel- 
darstellungen, herausgegeben  von  Mitgliedern  des  zürcherischen 
Ingenieur-  und  Architektenvereins",  eine  reiche  Fundgrube  für 
Zürichs  Baugeschichte  darbietet.  Das  Werk  Oechslis  ist  ein  Aus- 
schnitt aus  der  Geschichte  der  Schweiz  und  ihrer  geistigen  Kultur 
in  der  wichtigsten  und  interessantesten  Periode  der  neuern  Zeit. 
Es  würde  für  sich  allein  dem  Verfasser  einen  ehrenvollen  Platz  in 
der  Reihe  der  schweizerischen  Geschichtsschreiber  sichern.  Aber 
wir  verdanken  ihm  noch  viel  mehr,  und  am  höchsten  wird  die 
Nachwelt  unter  seinen  Schöpfungen  wohl  die  bis  jetzt  auf  zwei 
Bände  gediehene  ,, Geschichte  der  Schweiz  im  19.  Jahrhundert" 
stellen,  deren  Fortsetzung  die  gesamte  Gelehrten-  und  Laienwelt 
schweizerischer  Geschichtsfreunde  mit  Sehnsucht  erwartet.  Prof. 
Dr.  Wilhelm  Oechsli  ist  geboren  am  6.  Oktober  1851  zu  Riesbach. 
Er  besuchte   das    Gymnasium   in   Zürich   und   studierte   an   der 


272  XXXVIII.  KAPITEI/:   STADTPRÄSIDENT  PESTALOZZI  o- 

hiesigen  Universität  Theologie,  vertiefte  sich  aber  bald  auch  in 
Literatur  luid  Geschichte,  hörte  kunstgeschichtliche  Vorlesungen 
bei  Salomon  Vögelin  und  philosophische  bei  Fr.  A.  Lange.  Nach 
Absolvierung  des  theologischen  Vorexamens  1871,  besuchte  Oechsli 
mehrere  deutsche  Universitäten  und  arbeitete  u.  a.  in  Mommsens 
Seminar  in  Berlin.  1873  doktorierte  er  in  Zürich  mit  zwei  ge- 
schichtlichen Abhandlungen.  Nach  einer  praktischen  Lehrtätig- 
keit in  Frankreich  wirkte  Oechsli  von  1876  bis  1886  als  Geschichts- 
lehrer an  den  höheren  Schulen  Winterthurs  und  wurde  1887  als 
Professor  der  Schweizergeschichte  an  das  eidgenössische  Poly- 
technikum berufen.  —  Von  den  eidgenössischen  Räten  wurde  in  der 
Dezembersession  1910  ein  Postulat  erhebhch  erklärt,  infolge  dessen 
das  Polytechnikum  fortan  den  Namen  ,, Eidgenössische  Technische 
Hochschule"  zu  füliren  hatte.  —  Ein  grosser  Volkstag  für  die 
neue  eidgenössische  Militärorganisation,  an  welchem  Bundesrat 
Forrer  die  begeisternde  Ansprache  hielt,  wurde  am  27.  Oktober 
1907  auf  dem  Münsterhof  abgehalten.  —  Am  i.  Juli  1908,  während 
man  in  den  Kreisen  der  Presse  Vorbereitungen  traf  für  den  am 
4.  beginnenden  schweizerischen  Pressetag  in  Zürich,  erschien  zum 
erstenmal  über  unserer  Stadt  ein  ZeppeUn-Luftschiff,  gefülirt  von 
dem  Grafen  ZeppeHn  persönHch,  der  einen  freundlichen  Karten- 
gruss  herabsandte.  Jauchzende  Bewunderung  stieg  von  den 
Gassen,  Dächern  und  Türmen  der  Stadt  zu  dem  Luftschiff  empor, 
das  in  majestätischem  Fluge  nordwärts  entschwebte. 


►♦♦♦♦»♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ 


♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ »♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦♦♦♦♦ 

NEUNUNDDREISSIGSTES  KAPITEL 


KUNST  UND  LITERATUR 

Iimmat- Athen  ward  Zürich  oft  genannt;  es  ist  ein  altbekannter 
^  Musensitz  und  lässt  sich  nicht  leicht  in  der  Liebe  zu  den  Wissen- 
schaften, in  der  Pflege  aller  schönen  Künste  von  Städten  gleichen 
Ranges  übertreffen.  Vielgestaltig  und  ausgedehnt  sind  die  Schatz- 
kammern von  Zürichs  geistiger  Kultur,  aber  beklemmend  eng  der 
Raum,  der  für  sie  in  diesen  Blättern  zur  Verfügung  steht.  Können 
und  wollen  unsere  Aufzeichnungen  nirgends  Anspruch  auf  Voll- 
ständigkeit erheben,  dann  gewiss  am  allerwenigsten  in  dem  Kapitel 
über  ,, Kunst  und  Literatur".  Wir  können  nur  eben  die  Tür  ein 
klein  wenig  öffnen  zu  diesem  Reich  des  Schönen  und  durch  den 
Spalt  einen  flüchtigen  Blick  hineinwerfen. 

Mehreren  der  holden  Musen  sind  im  Lauf  der  letzten  Jahr- 
zehnte neue  Tempel  errichtet  worden.  Zuerst  erstand  das  Stadt- 
theater; sieben  Vierteljahre  nach  dem  Untergang  des  alten  Aktien- 
theaters in  der  ehemaligen  Barfüsserkirche  konnte  es  eröffnet 
werden.  Für  die  Besucher  der  Vorstellung  am  Neujahrstage  1890 
war  es  keine  geringe  Überraschung,  als  während  des  vierten  Aktes 
der  Präsident  der  Theater-Aktiengesellschaft,  Eisenhändler  S.  Kis- 
ling,  plötzlich  an  die  Rampe  trat  und  folgende  Worte  an  das 
Publikum  richtete:  ,,Es  kann  nicht  weiter  gespielt  werden;  die 
Vorstellung  muss  abgebrochen  werden.  Ich  ersuche  das  Publikum, 
das  Theater  sofort,  aber  ruhig  zu  verlassen.  Gefahr  ist  keine  vor- 
handen." In  wenigen  Minuten  war  das  Theater  geleert,  und  als 
die  Leute  ins  Freie  traten,  schlugen  schon  die  Flammen  zum 
Dache  hinaus.  Zuerst  wurde  nun  für  die  abgebrannten  Künstler 
gesorgt  —  es  hatte  keiner  zu  darben  —  und  dann  ging  man  mit 
bewunderungswürdiger  Energie  an  das  Projekt  für  ein  neues 
Theater.  Der  Bau  wurde  der  Wiener  Firma  Fellner  &  Helmer 
übertragen.  Schon  am  30.  September  1891  konnte  die  Eröffnungs- 
vorstellung stattfinden,  zu  welcher  Conrad  Ferdinand  Meyer  einen 
stimmungsvollen  Prolog,  Carl  Spitteler  und  Lothar  Kempter  ein 

18 


274  XXXIX.  KAPITEI/:   KUNST  UND  UTERATUR  o 

hübsches  Festspiel  beigesteuert  hatten.  Eine  empfindliche  Kon- 
kurrenz erwuchs  dem  Stadttheater  durch  die  in  seiner  Nachbar- 
schaft errichtete,  im  April  1900  eröffnete  Varietebühne  des  Corso- 
theaters.  Das  1899  umgebaute  Pfauentheater  ist  zurzeit  als  Annex 
für  das  Schauspiel  dem  Stadttheater  angegliedert.  Auch  das 
Theater  verdankt  in  der  Hauptsache  sein  Bestehen  und  Gedeihen 
privater  Initiative.  Die  Stadt  gewährt  ihm  Subventionen  und  hat 
als  Gegenleistung  die  regelmässigen  Volksvorstellungen  zu  sehr 
niedrigen  Preisen  ausbedungen.  Direktor  Alfred  Reucker  hat 
seit  längern  Jahren  das  Stadttheater  mit  solcher  Auszeichnung 
geführt,  dass  ihm  die  Universität  Zürich  bei  ihrer  Haus- 
weihe 1914  den  Ehrendoktorhut  verlieh.  Derselben  Ehre  war 
bereits  am  28.  Februar  1911  der  musikalische  Leiter  des  Stadt- 
theaters, Lothar  Kempter,  teilhaftig  geworden.  Geboren  1844  im 
Bayrischen,  wurde  Kempter  1875  erster  Kapellmeister  am  alten 
Theater;  er  übernahm  1879  auch  die  Leitung  der  populären  Ton- 
hallekonzerte, 1886  ein  Lehramt  an  der  Musikschule  und  leitete 
von  1906  bis  191 1  den  Lehrergesangverein.  Zwei  Opern  Kempters 
haben  in  Zürich  ihre  Erstaufführung  erlebt.  Er  ist  auf  den  31.  Mai 
1915  in  den  Ruhestand  getreten. 

Häufige  Gäste  auf  der  Bühne  des  Stadttheaters  oder  des 
,, Pfauen"  sind  die  begeisterten  und  wohlgeschulten  Dilettanten  des 
,, Dramatischen  Vereins  Zürich".  Er  verdankt  seine  Gründung 
dem  am  21.  November  1899  verstorbenen  Gerold  Vogel,  einem 
städtischen  Beamten,  dessen  Vater,  Sekretär  Friedrich  Vogel,  sich 
die  grössten  Verdienste  um  Zürichs  Lokalgeschichte  erworben  hat 
durch  die  Umarbeitung  und  Fortsetzung  von  Hans  Heinrich 
Bluntschlis  ,,Memorabilia  Tigurina".  Dem  Andenken  Gerold 
Vogels  ist  die  pietätvolle  Erinneruugsschrift  ,,Ein  Zünfter  von 
echtem  Schrot  und  Korn"  von  Dr.  Friedrich  Meyer  gewidmet. 
Der ,, Dramatische  Verein",  gegründet  am  20.  Oktober  1855,  nannte 
sich  anfänglich  ,,Didascalia"  und  vollzog  am  i.  März  1866  eine 
zweite  Konstituierung  als  ,, Musikalisch-dramatischer  Verein". 
Seine  Geschichte  soll  eine  auf  das  Jahr  1916  geplante  Jubi- 
läums-Festschrift veröffentlichen.  Zu  den  Glanztagen  des  Ver- 
eins gehörten  die  Aufführungen  bei  der  Einweihung  des  Zwingli- 
Denkmals  1885,  für  dessen  Verwirklichung  er  früher  als  irgend 
jemand  tätig  war;  stiftete  er  doch  schon  am  14.  Juli  1871  einen 


o  XXXIX.  KAPITEI,:  KUNST  UND  LITERATUR  275 

Beitrag  von  1000  Franken  zu  diesem  Zweck.  Der  ,, Dramatische 
Verein"  hat  eine  grosse  Zahl  von  Dialekt-Lustspielen  zürcherischer 
Dichter  als  Premieren  zur  Aufführung  gebracht;  wir  nennen  nur 
die  Namen  von  August  Corrodi,  Leonhard  Steiner,  Ulrich  Farner, 
Wilhelm  Niedermann,  EmiHe  Locher- Werling,  J.  Wiss-StäheH. 

Mit  dem  Ausbau  der  Quaianlagen  war  der  alten  Tonhalle  am 
Utoquai  das  Urteil  gesprochen.  Das  unschöne  ehemahge  Kornhaus 
passte  nicht  mehr  in  die  neue  Umgebung,  und  ein  Umbauprojekt 
vom  Jahre  1883  wurde  wieder  fallen  gelassen.  1887  veranstaltete 
die  Quaibaudirektion  einen  Wettbewerb  zur  Erlangung  von 
Plänen  für  einen  Neubau,  wobei  die  Wahl  zwischen  den  beiden 
Bauplätzen  am  alten  Ort  oder  am  Alpenquai  offen  gelassen  wurde. 
Im  Mai  1891  erfolgte  die  Gründung  der  Neuen  Tonhalle- Gesell- 
schaft, und  am  12.  Juli  desselben  Jahres  entschied  sich  eine  be- 
wegte Gemeindeversammlung  zu  St.  Peter  nach  einem  markigen 
Votum  des  Bauherrn  Ulrich  mit  595  gegen  181  Stimmen  für  den 
Bau  am  Alpenquai.  Den  Vertrag  mit  der  Tonhalle- Gesellschaft 
über  die  Abtretung  des  Platzes  und  eine  »Subvention  von  300,000  Fr. 
genehmigte  der  Grosse  Stadtrat  am  5.  Mai  1892.  Fellner  &  Helmer 
in  Wien,  durch  den  Theaterbau  gut  eingeführt,  erhielten  am 
4.  April  1893  auch  den  Auftrag  für  den  Neubau  der  Tonhalle. 
Sowohl  das  Theater  wie  die  Tonhalle  sind  ,, Pfahlbauten":  ersteres 
steht  auf  1830,  letztere  auf  2120  Pfählen,  die  in  die  Seeauffüllung 
eingerammt  werden  mussten.  In  den  glanzvollen  Tagen  vom 
19.  bis  22.  Oktober  1895  fand  die  Eröffnungsfeierlichkeit  statt, 
eingeleitet  durch  eine  Festouverture  von  Hegar  und  eine  prächtige 
Rede  des  Präsidenten  der  Tonhalle-Gesellschaft,  alt  Pfarrer  Frick- 
Forrer.  Verdiente  Ehrung  ward  auch  dem  Vorstandspräsidenten 
Koch-Vlierboom  zuteil,  der  schon  für  das  Theater,  besonders  aber 
für  die  Tonhalle  seine  ungewöhnliche  Energie  eingesetzt  hatte. 
Für  das  erste  Konzert  im  Prunksaal  der  neuen  Tonhalle  am  20.  Ok- 
tober hatte  der  Gemischte  Chor  das  ,, Triumphlied"  von  Johannes 
Brahms  gewählt,  und  der  Meister  selbst  dirigierte  die  Aufführung. 
Ein  Beifallssturm  ging  durch  das  Haus,  als  er  erschien ;  die  Geiger 
erhoben  sich  und  klopften  mit  den  Fiedelbogen  auf  die  Noten- 
pulte, Sänger  und  Publikum  klatschten  und  riefen  Bravo.  Brahms 
war  den  Zürchern  kein  Unbekannter,  und  öfters  schon  hatte  Hegar 
ihm  den  Taktstock  überlassen;   hier  in  Zürich  hat  Brahms,  der 


276  XXXIX.  KAPITEL:  KUNST  UND  LITERATUR  o 

eine  Zeitlang  in  einem  Bauernhaus  an  der  Kueserstrasse  wohnte, 
sein  „Deutsches  Requiem"  komponiert,  von  dem  mehrere  Teile 
nach  Manuskript  dem  Meister  im  Musiksaal  von  einem  dem  Ge- 
mischten Chor  entnommenen  Elitechor  unter  Hegars  Leitung  vor- 
getragen wurden.  In  die  Leitung  der  übrigen  Eröffnungskonzerte, 
an  denen  auch  der  Viohnvirtuose  Joseph  Joachim  mitwirkte, 
teilten  sich  Hegar,  Attenhofer  und  Angerer. 

Zürich  ist  die  Wiege  des  schweizerischen  Volksgesanges  und 
speziell  des  vierstimmigen  Männerchors.  Hans  Georg  Nägeli  (f  1836) 
hat  dieser  neuen  Kunstgattung  das  Dasein  gegeben  und  damit 
eine  Unzahl  von  Gesangvereinen  in  der  ganzen  Schweiz  und  über 
ihre  Grenzen  hinaus  zum  Leben  erweckt  (im  Jahr  1914  bestanden 
in  Zürich  95  Sänger\^ereine,  darunter  53  Männerchöre).  Nägeli 
gründete  am  2.  Oktober  1826  den  ..Sängerv'erein  der  Stadt  Zürich" 
und  lehrte  ihn  seine  Weisen.  Eine  seiner  frühesten  Kompositionen 
ist  das  allbekannte  ,, Freut  euch  des  Lebens"  (Gedicht  von  Martin 
Usteri) ;  von  ihm  sind  die  vielgesungenen  Lieder  ,,Goldne  Abend- 
sonne", ,,Nach  der  Heimat  süsser  Stille",  ,, Stehe  fest,  o  Vater- 
land". In  seinem  Sinne  wirkte  weiter  ein  Hans  Ulrich  Wehrli, 
der  Schöpfer  des  Sempacherliedes ;  in  Zürich  empfing  fruchtbare 
Anregung  J.  R.  Weber,  der  Berner  ,, Sängervater"  (,,Es  lebt  in 
jeder  Schweizerbrust"),  und  sein  Sohn  Gustav  Weber  (,, Wald- 
weben") hat  hier  seine  Erfolge  errungen.  Wir  könnten  noch 
nennen  Franz  Abt  (,,Wenn  die  Schwalben  heimwärts  ziehn",  ,,Die 
Abendglocken  klingen",  ,,Über  den  Sternen"),  Ignaz  Heim  (,,Wenn 
der  Schnee  von  den  Alpen  niedertaut",  ,, Siehst  du  am  Abend  die 
Wolken  ziehn"),  Wilhelm  Baumgartner  (,,0  mein  Heimatland", 
,,Noch  ist  die  blühende,  goldene  Zeit")  und  viele  andere.  Der 
,,Stadtsänger\'erein"  oder  ,,Nägeliverein"  machte  verschiedene 
Schicksale  durch.  PoUtische  Streitigkeiten  infolge  des  ,,Züri- 
putsches"  sprengten  1841  einen  grossen  Teil  seiner  Mitglieder  ab, 
die  einen  neuen  Sängerv'^erein,  die  ,, Harmonie",  gründeten  und 
bald  den  alten  Verein  überflügelten,  obgleich  diesen  Wilhelm 
Baumgartner  leitete.  Und  noch  ein  zw'eiter  ,, Männerchor"  spaltete 
sich  in  den  Sechziger] ahren  von  den  ,, Stadtsängern"  ab,  ver- 
einigte sich  aber  wieder  mit  ihnen,  als  Carl  Attenhofer  die  Nach- 
folge Baumgartners  angetreten  hatte,  und  von  da  an  nannte  sich 
der  Gesamtv^erein  ,, Männerchor  Zürich".    Unter  Attenhofers  Füh- 


o  XXXIX.  KAPITEL:  KUNST  UND  LITERATUR  277 

rung  gelangte  der  ,  ,Männerclior"  zu  höchster  Blüte  und  schritt 
von  Sieg  zu  Sieg.  Attenhofer  hat  die  Aufführung  grosser  Chor- 
werke mit  Orchesterbegleitung  in  Zürich  eingeführt  und  fast  alle 
grossen  Chorballaden  Friedrich  Hegars,  die  zu  den  stolzesten  Auf- 
gaben aller  grossen  Männergesangvereine  deutscher  Zunge  gehören, 
erstmals  aufgeführt.  Auf  mancher  Sängerfahrt  hat  der  ,, Männer- 
chor" den  Ruhm  der  Zürcher  Sangeskunst  auch  im  Ausland  ver- 
breitet; er  war  1879  i^  Strassburg,  Frankfurt  und  Köln,  1888  in 
Mailand,  wo  das  deutsche  Lied  im  Scalatheater  höchste  Triumphe 
feierte,  1897  in  Augsburg,  München  und  Innsbruck,  1908  in  Paris, 
das  die  Sänger  im  Stadthaus  empfing  und  ihrem  Konzert  im 
Trocaderopalast  mit  Entzücken  lauschte ;  auch  dem  versammelten 
Ministerium  Clemenceau  wurde  ein  Konzert  geboten. 

Carl  Attenhofer,  der  populärste  schweizerische  Liederkomponist, 
ist  geboren  am  5.  Mai  1837  i^i  Wettingen  als  Sohn  des  damaligen 
Pächters  der  Klosterwirtschaft.  Er  zeigte  früh  musikalische  Be- 
gabung und  spielte  im  Kadettenkorps  Baden  die  erste  Trompete. 
Einen  trefflichen  Musikunterricht  empfing  Attenhofer  von  dem 
Seminarlehrer  Dr.  Daniel  Elster,  der  auch  seine  Eltern  zu  be- 
stimmen vermochte,  ihn  für  die  Musik  ausbilden  zu  lassen.  Er 
bezog  das  Konservatorium  in  Leipzig  und  lernte  dort  unter  den 
Jüngern  Mitschülern  Friedrich  Hegar  kennen.  Nach  seiner  Heim- 
kehr wurde  Attenhofer  Musiklehrer  im  Kloster  Muri  und  1864 
Musikdirektor  in  Rapperswil.  Dort  hat  er  sich  mit  der  glänzenden 
Durchführung  des  XII.  Eidgenössischen  Sängerfestes  1866  weit- 
reichenden Ruhm  erworben.  Der  Männerchor  Zürich,  der  Männer- 
chor Aussersihl  und  der  Studentengesangverein  bewarben  sich  um 
ihn;  er  sagte  allen  dreien  zu  und  siedelte  1867  nach  Zürich  über. 
Fast  ein  halbes  Jahrhundert  hindurch  hat  Attenhofer  in  Zürich 
gewirkt  als  Leiter  von  Männerchören  in  Zürich,  Winterthur  und 
Uster,  als  Lehrer  an  der  Töchterschule  und  am  Lehrerinnen- 
seminar, als  Dirigent  des  Lehrerinnenchors  und  zusammen  mit 
Hegar  als  Direktor  des  Konservatoriums.  ,, Unvergleichlich  reich 
floss  der  Quell  seiner  Lieder  und  Tonschöpfungen  auf  volkstüm- 
hchem,  vaterländischem,  romantischem  und  kirchHchem  Gebiet, 
in  ernster  und  heiterer  Art,  in  kleinen  Liebesliedern  und  in  Messen, 
in  Chören  und  Instrumentalmusik."  Welchen  Wohllaut  wecken  in 
der  Erinnerung  nur  schon  die  Liedernamen  ,,Das  weisse  Kreuz  im 


278  XXXIX.  KAPITEL:  KUNST  UND  LITERATUR  o 

roten  Feld",  „Mein  Schweizerland,  wach  auf",  ,,Vale  carissima", 
,,Ein  Wanderbursch  mit  dem  Stab  in  der  Hand",  ,, Margret  am 
Tore",  ,,Der  treue  Kamerad".  Attenhofers  Lieder  sind  Volksgut 
geworden.  Auch  ihm  können  die  Verse  gelten,  die  Gottfried  Keller 
seinem  Freunde  Baumgartner  widmete: 

,,Lenz-  und  sommerlang,  sein  Spiel  zur  Hand, 

Ging  er  treulich  mit  dem  Vaterland; 

Mit  dem  Vaterland  und  allen  Freien 

Ging  er  stets  dem  goldnen  Licht  entgegen; 

Freiheit,  Licht  und  Wohlklang,  diesen  dreien 

Galt  der  Takt  von  seines  Herzens  Schlägen." 

,, Attenhofers  schönste  Gabe,"  sagt  Bundi,  ,,war  die  natür- 
liche, frisch  quellende  Erfindung,  das  gesunde,  ungekünstelte  Aus- 
geben einer  warmen,  echten  Empfindung.  Er  hat  dem  Schweizer- 
volk so  recht  nach  dem  Herzen  gesungen,  und  darum  hat  es  ihn 
auch  ins  Herz  geschlossen.  Weit  im  Lande  herum  blickte  man  zu 
Attenhofer  hinauf  nicht  wie  zu  einer  kalten  Berühmtheit,  sondern 
wie  zu  einem  lieben  Freunde."  Unübertrefflich  war  Attenhofer  als 
Chordirigent;  nie  werden  die  Zuhörer  des  Eidgenössischen  Sänger- 
festes 1905  in  Zürich  den  Eindruck  vergessen,  den  der  von  Atten- 
hofer geleitete  Massenchor  von  6000  Sängern  auf  sie  machte.  Mit 
schwärmerischer  Verehrung  hingen  die  Schülerinnen  des  Semi- 
nars an  ihm;  den  Studenten  hat  er,  der  immer  jung  geblieben 
war,  versprochen,  dass  der  Studentengesangverein  der  letzte  sein 
werde,  den  er  abgeben  werde.  Aus  seiner  dunkeln  Augen  Glut 
strahlte  die  Begeisterung  für  alles  Edle  und  Schöne,  die  unbezähm- 
bare Energie  und  die  tiefe  Herzensgüte.  Noch  war  er  mit  68  Jahren 
nicht  alt,  als  er  in  weiser  Selbstbeschränkung  im  Jahre  1904  den 
Dirigentenstab  des  Männerchors,  den  er  38  Jahre  hindurch  ge- 
führt, an  eine  jüngere  Kraft,  den  hochbegabten  modernen  Künstler 
Volkmar  Andreae,  abgab.  Von  den  Singstudenten  nahm  er  im 
Oktober  1913  Abschied.  Seine  letzten  Kräfte  an  der  Seite  seines 
Freundes  Hegar  galten  dem  Konserv^atorium.  Attenhofer  und 
Hegar,  die  Dioskuren,  wie  Gottfried  Keller  und  Conrad  Ferdinand 
Meyer  in  der  Literatur,  die  grössten  im  Reiche  der  Musik!  Noch 
im  März  1914  schleppte  sich  Attenhofer  im  Konservatorium  von 
Prüfung  zu  Prüfung;  dann  brach  er  zusammen.  Am  22.  Mai  ist 
er  gestorben.  Bei  der  Trauerfeier  im  Fraumünster  sprachen  Prof. 
Dr.  Arnold  Me^^er,  Robert  Thomann,  der  Präsident  des  Männer- 


o  XXXIX.  KAPITEIv:   KUNST  UND  LITERATUR  279 

chors,  und  Rektor  Dr.  Wilhelm  v.  Wyss  tiefempfundene  Worte 
des  Dankes  und  der  Erinnerung.  Hegar  dirigierte  den  Gesang  des 
Attenhoferschen  Liedes  mit  dem  wehmutsvollen  Schlüsse:  ,,So 
treuen  Kameraden  find'  ich  wohl  nimmermehr!" 

Der  Sängerverein  „Harmonie  Zürich"  ist  am  12.  Februar  1841 
gegründet  worden.  Als  dritter  Dirigent  nach  W.  Krauskopf 
(1841 — •1844)  und  Franz  Abt  (1844 — 1852)  leitete  ihn  Ignaz  Heim 
von  1852  bis  1872.  In  die  Anfangsjahre  von  Heims  Zürcher  Wirk- 
samkeit fiel  noch  die  für  Zürich  so  anregende  Tätigkeit  Richard 
Wagners,  des  grossen  Reformators  der  Oper  und  Schöpfers  des 
Musikdramas.  Er  war  1849  als  Flüchtling  von  Dresden  gekommen 
und  blieb  mit  kurzen  Unterbrechungen  Gast  unserer  Stadt  bis 
1858.  Ignaz  Heim,  der  von  Laufenburg  stammte,  aber  in  Deutsch- 
land geboren  (7.  März  1818)  und  aufgewachsen  war,  wohnte  neben 
dem  ihm  eng  befreundeten  Richard  Wagner  in  den  Escherhäusern 
am  Zeltweg.  Heim  hat  sich  besonders  als  Herausgeber  neuer 
Liedersammlungen  und  Redaktor  der  bekannten  ,, Synodalhefte", 
die  seit  ihrem  Erscheinen  1862  in  raschem  Fluge  das  Land  er- 
oberten, einen  bedeutenden  Namen  gemacht.  Wegen  beginnender 
Erblindung  musste  Heim  1872  die  Direktion  der  ,, Harmonie" 
niederlegen.  Er  starb  am  3.  Dezember  1880.  Sein  von  Baptist 
Hoerbst  geschaffenes  Denkmal  wurde  am  4.  November  1883  ent- 
hüllt. Nach  Heims  Rücktritt  wurde  Franz  Behr  (1872 — 1875), 
dann  Hegar  (1875 — 1878)  Direktor  der ,, Harmonie".  Nach  ihm  kam 
Gustav  Weber,  der  1872  als  Nachfolger  Theodor  Kirchners  Or- 
ganist am  St.  Peter,  1876  Organist  am  Grossmünster  wurde  und 
an  der  Knabensekundarschule,  am  Realgymnasium  und  an  der 
Kantonsschule  Gesangunterricht  erteilte.  Erst  41  Jahre  alt,  wurde 
er  am  12.  Juni  1887  hinweggerafft,  kurz  nachdem  ihm  —  zugleich 
mit  Attenhofer  —  der  Grosse  Stadtrat  am  22.  Mai  1887  das 
Bürgerrecht  geschenkt  hatte.  Der  nächste  ,,Harmonie"-Dirigent 
war  Gottfried  Angerer,  ein  früherer  württembergischer  Lehrer,  ge- 
boren den  3.  Februar  1851,  Schöpfer  zahlreicher  MännerchorHeder 
(,,Zieh  mit",  ,, Eidgenossen,  Gott  zum  Gruss").  Für  das  Knaben- 
schiessen  hat  er  ein  nettes,  von  Ernst  Zahn  gedichtetes  Knaben- 
lied komponiert  und  auch  andere  Kinderlieder  herausgegeben,  für 
welche  ihm  gewöhnlich  Konrad  Gachnang,  ein  um  die  ,, Harmonie" 
vielverdienter  Musikfreund,  die  Texte  heferte.   Angerer,  dem  1897 


28o  XXXIX.  KAPITEL:  KUNST  UND  LITERATUR  o 

das  Bürgerrecht  geschenkt  wurde,  erteilte  auch  an  der  Kantons- 
schule und  am  Konservatorium  Unterricht  und  gründete  dann 
eine  eigene  Musikakademie.  Neben  der  „Harmonie",  die  von  1887 
bis  1909  unter  seinem  Szepter  blühte,  leitete  er  mit  grossem  Erfolg 
den  ,, Männerchor  Enge".  Nach  seinem  Tod  (19.  August  1909) 
folgte  das  Interregnum  Castelberg  und  seit  1911  die  Direktion  von 
Peter  Fassbänder  (geb.  1869  in  Aachen),  der  bisher  Musikdirektor 
in  Luzern  gewesen.  —  Schon  zwei  Jahre  nach  ihrer  Gründung 
hat  die  ,, Harmonie",  1843,  ein  eidgenössisches  Sängerfest  durch- 
geführt, und  seitdem  in  ununterbrochenem  Fortschreiten  Ruhm 
und  Ehre  in  der  Schweiz  und  im  Ausland  erworben.  1856  zog  die 
,, Harmonie"  mit  einem  warmen  Hirsbrei  nach  Strassburg ;  1863 
fuhr  sie  nach  Stuttgart,  1874  nach  Reutlingen,  1892  nach  Karls- 
ruhe. Eine  weitere  Sängerreise  nach  Süddeutschland  und  an  den 
Rhein  schloss  sich  1898  an;  1903  wurde  Wien,  1911  Amsterdam 
und  Hamburg  besucht.  Von  besonderm  Werte  waren  für  sie  die 
Welschlandfahrten  1896  zur  Landesausstellung  in  Genf  und  1914 
zum  Eröffnungskonzert  an  der  erhebenden  Genfer  Zentenarfeier, 
dem  letzten  schönen  Bundesfest  der  Eidgenossen  vor  dem  Krieg. 
Als  Geburtstag  des  ,, Gemischten  Chors  Zürich"  ist  der  28.  Ok- 
tober 1863,  als  Hauptgründer  Professor  Karl  Keller  zu  betrachten. 
Schon  im  November  1862  war  ein  ,, Gemischter  Gesangverein"  ge- 
gründet worden,  der  sich  dann  an  die  ,, Harmonie"  anschloss  und 
bewirkte,  dass  diese  sich  in  zwei  Sektionen,  Männerchor  und  Ge- 
mischter Chor,  teilte  unter  dem  gemeinsamen  Präsidium  von 
Dr.  Heinrich  Honegger  und  der  gemeinsamen  Direktion  von  Ignaz 
Heim.  1864  wurde  die  Verbindung  mit  der  ,, Harmonie"  gelöst 
und  ein  neuer  Vorstand  mit  Prof.  Keller  als  Präsident  bestellt. 
Von  1865  bis  1901  hat  Friedrich  Hegar  den  ,, Gemischten  Chor" 
dirigiert  und  dieser  Epoche  seinen  Stempel  aufgedrückt.  Auf  ihn 
folgte  (1901 — 1902)  Hermann  Suter  und  seit  1902  Volkmar  Andreae. 
Dieselben  Männer,  die  mit  der  Gründung  des  Orchestervereins 
1862  dem  musikalischen  Leben  Zürichs  neue  Impulse  gaben  — 
Professor  Keller,  Gerold  Eberhard,  Moritz  von  Wyss  —  haben 
den  ,, Gemischten  Chor"  geschaffen  und  ihn  in  engstem  Einverneh- 
men mit  Hegar  zur  Blüte  emporführen  helfen.  Ihnen  ist  bei- 
zugesellen Professor  Dr.  Hans  Wirz,  Präsident  des  ,, Gemischten 
Chors"  seit  1880  (f  23.  August  1914).   Eine  Reise  ins  Ausland  hat 


(3 
<3 


I 

5 


^ 


o  XXXIX.  KAPITEL:   KUNST  UND  LITERATUR  281 

der  „Gemischte  Chor"  nur  einmal  unternommen:  im  April  1911 
führte  er  in  Mailand  Bachs  Matthäuspassion  auf,  die  in  Italien 
noch  nie  zuvor  zur  Aufführung  gelangt  war. 

Friedrich  Hegar  wurde  am  11.  Oktober  1841  in  Basel  geboren 
und  erhielt  schon  von  den  Eltern  den  musikalischen  Vorunterricht. 
1857  bezog  er  das  Konservatorium  in  Leipzig,  war  für  kurze  Zeit 
Konzertmeister  in  Warschau  und  übernahm  1861  eine  vStell- 
vertretung  für  Stockhausen  zu  Gebweiler  im  Elsass.  Theodor 
Kirchner  veranlasste  ihn,  1863  nach  Zürich  überzusiedeln.  Hier 
begann  Hegar  seine  Tätigkeit  als  Konzertmeister  des  Orchester- 
vereins und  Chordirektor  am  Theater.  1864  rückte  er  zum  Kapell- 
meister vor,  1865  wurde  ihm  die  Leitung  des  ,, Gemischten  Chors", 
des  ,,Stadtsänger^^ereins"  und  der  Abonnementskonzerte  der  All- 
gemeinen Musikgesellschaft  übertragen.  Er  wurde  und  blieb  auch 
das  geistige  Haupt  der  Kammermusikaufführungen,  an  welchen  er 
selbst  als  Geiger  regelmässig  Anteil  nahm.  Hübsch  hat  Hegar  ein- 
mal erzählt  von  den  Konzerten  im  alten  Kasino,  zu  denen  sich 
die  vornehmen  Damen  noch  in  Sänften  tragen  liessen;  in  den 
Pausen  wurde  Eis  und  Limonade  serviert,  die  Gläser  und  Schälchen 
stellte  man  dann  unter  den  Stuhl,  wo  sie  gelegentlich  während  der 
Symphonie  mit  einem  Fuss  in  klirrende  Berührung  kamen.  1868 
ernannte  die  Tonhalle- Gesellschaft  Hegar  zu  ihrem  Kapellmeister. 
Nur  vorübergehend  war  dagegen  seine  Tätigkeit  als  Direktor  der 
,, Harmonie"  und  Gesanglehrer  an  der  Kantonsschule.  Einen 
ehrenvollen  Ruf  nach  Basel  hat  Hegar  1875  abgelehnt  und  zur 
einzigen  Bedingung  seines  Bleibens  gemacht,  dass  eine  Musik- 
schule gegründet  werde.  Diese  konnte  am  24.  April  1876  eröffnet 
werden  im  Musiksaal  und  im  Fraumünsteramt  gegenüber  der  jetzi- 
gen Post.  Noch  im  Herbst  desselben  Jahres  bezog  sie  das  alte 
Schulhaus  zum  ,,Napf"  an  der  Napfgasse,  und  am  10.  Juli  1901 
war  es  ihr  vergönnt,  als  ,, Konservatorium  für  Musik"  den  Neubau 
an  der  Florhof gasse  zu  beziehen  und  mit  dieser  Feier  ihr  25]  ähriges 
Jubiläum  zu  verbinden.  Als  Hegar  i8g6  für  einige  Jahre  seinen 
Wohnsitz  nach  Aarau  verlegte,  wurde  ihm  als  zweiter  Direktor 
Attenhofer  zur  Seite  gestellt,  der  dieses  Amt  auch  nach  der  dauern- 
den Rückkehr  Hegars  nach  Zürich  beibehielt. 

Hegars  glänzende  Leistungen  als  Chor-  und  Orchesterdirigent, 
die  von  ihm  erzielte,  von  wahrhaft  künstlerischem  Geist  getragene, 


282  XXXIX.  KAPITEI,:   KUNST  UND  LITERATUR  o 

technisch  exakte  und  schwungvolle  Wiedergabe  grosser  Orchester- 
werke, die  vom  „Gemischten  Chor"  unter  seiner  Leitung  —  viel- 
fach zum  erstenmal  in  der  Schweiz  —  aufgeführten  hervorragenden 
Kompositionen  aus  alter  und  neuer  Zeit,  vor  allem  aber  seine 
eigenen  Schöpfungen  haben  seinen  Ruf  in  alle  Lande  verbreitet. 
Dass  Hegar  allen  Lockungen  von  aussen  widerstand  und  unserer 
Stadt  treu  blieb,  vergilt  ihm  das  dankbare  Zürich  mit  gleicher 
Treue  und  Anhänglichkeit  und  hat  sie  auch  schon  bei  gutem  An- 
lass  zum  Ausdruck  gebracht.  Am  ii.  Mai  1873  ist  ihm  das  Bürger- 
recht geschenkt  worden;  1889,  am  Dies  academicus,  erhielt  er, 
gleichzeitig  mit  Attenhofer  und  Böcklin,  die  Ernennung  zum 
Ehrendoktor  der  Universität.  Zu  seinem  im  grössten  Stil  gefeier- 
ten 25iährigen  Jubiläum  am  19.  und  20.  Oktober  1890  stiftete 
auch  Conrad  Ferdinand  Meyer  einen  poetischen  Gruss.  Immer 
wieder  muss  man,  von  Hegar  sprechend,  auch  Attenhofers  ge- 
denken. Kaum  jemals  sonst  haben  sich  zwei  kongeniale  Naturen 
so  gut  verstanden  und  so  trefflich  einander  in  die  Hände  gearbeitet. 
Hegar  schenkte  dem  Männerchor  und  seinem  Dirigenten  manche 
neue  Komposition  und  schätzte  sich  glücklich,  in  seinem  Freunde 
Attenhofer  und  dem  ,, Männerchor"  Organe  zu  finden,  die  mit 
aufopferungsvollem  Bemühen  und  liebevoller  künstlerischer  Ein- 
sicht in  seine  Intentionen  eindrangen  und  ihnen  den  denkbar  voll- 
kommensten Ausdruck  verliehen.  Mit  berechtigtem  Stolz  hat 
Robert  Thomann  am  Sarge  Attenhofers  die  Hegarschen  Männer- 
chonverke  genannt,  die  von  Attenhofer  aus  der  Taufe  gehoben  und 
in  die  singende  Welt  eingeführt  worden  waren:  ,, Bundeslied", 
,,Die  beiden  Särge",  ,, Rudolf  von  Werdenberg",  ,, Totenvolk" 
(Attenhofer  gewidmet),  ,, Hymne  an  den  Gesang",  ,,Der  Daxel- 
hofen",  ,, Kaiser  Karl  in  der  Johannisnacht",  ,, Königin  Berta", 
Von  andern  berühmt  gewordenen  Werken  wäre  vor  allen  zu  nennen 
das  Oratorium  ,,Manasse";  dann  ,, Schlaf wandel",  ,,Festouverture" 
für  grosses  Orchester,  ,,Ahasvers  Erwachen",  ,,Das  Herz  von 
Douglas",  ,, Heldenzeit",  ,,1813".  Der  letztere  Chor  war  Preis- 
gesang am  Sängerwettstreit  in  Frankfurt  a.  M.  1913  und  musste 
von  jedem  Chor  einzeln  gesungen  werden.  Hegar  war  auch  Mit- 
glied der  Redaktionskommission  für  das  auf  Anregung  des  deutschen 
Kaisers  herausgegebene  Volksliederbuch  und  gehörte  der  Dele- 
gation an,  die  dem  Monarchen  das  vollendete  Werk  überreichte. 


o 


o  XXXIX.  KAPITEL:  KUNST  UND  LITERATUR  283 

Mit  dem  Jahre  1896  begann  das  teilweise  Abrüsten.  Hegar 
trat  zurück  als  Dirigent  des  (1891  gegründeten)  Lehrergesang- 
vereins,  1901  als  Direktor  des  „Gemischten  Chors",  der  ihn  bei 
der  Abschiedsfeier  zum  Ehrendirektor  ernannte.  Besonders  ein- 
drucksvoll aber  gestaltete  sich  nach  Hegars  Rücktritt  als  Kapell- 
meister der  Tonhalle- Gesellschaft  sein  letztes  grosses  Konzert  im 
festlich  bekränzten  Tonhallesaal  am  3.  April  1906.  Schon  beim  Be- 
treten des  Dirigentenpultes  begrüsste  ihn  eine  Ovation.  Am  Schluss 
des  Konzertes  überreichte  ihm  Frau  Staehelin-Baechtold  mit 
einer  Ansprache  in  gebundener  Rede  einen  Lorbeerkranz,  und  in 
diesem  Moment  brachen  aus  allen  Winkeln  des  Podiums  Heinzel- 
männchen und  -Weibchen  hervor,  die  ein  Blumenbombardement 
auf  den  Dirigenten  eröffneten.  Alsbald  beteiligte  sich  auch  das 
Orchester  an  der  Attacke,  und  von  den  Galerien  herab  ergoss  sich 
ein  dichter  Blumenregen  auf  sein  Haupt.  Im  anstossenden  Pa- 
villon folgte  ein  Bankett  mit  vielen  Toasten  und  einer  geist-  und 
gemütvollen  Rede  Hegars.  Dank  sagte  er  dabei  auch  seinem 
Freunde  Adolf  Steiner- Schweizer,  Doctor  honoris  causa  der  Uni- 
versität Zürich,  dem  allbekannten  A.  S.  der  ,,N.  Z.  Z.",  der  mit 
seiner  Jahrzehnte  hindurch  geübten,  überaus  gewissenhaften, 
sachHchen  und  vornehmen  Kritik  den  Kunstbestrebungen  wertvolle 
Dienste  geleistet  hat.  Was  freilich  die  Kritik  im  übrigen  betraf, 
meinte  launig  Hegar,  so  möchten  die  Herren  entschuldigen,  wenn 
er  ihre  guten  Ratschläge  über  Tempo,  Dynamik  usw.  jeweilen  nicht 
befolgte,  ,,und  zwar  aus  dem  einfachen  Grunde,  weil  ich  fest 
überzeugt  war,  dass  ich  das  ganz  gewiss  besser  verstand". 

Als  Attenhofer  gestorben  war,  legte  Friedrich  Hegar  auch  die 
Direktion  des  Konservatoriums  nieder;  allein  der  Krieg  sprach 
sein  Veto  und  gönnte  Hegar  sein  otium  cum  dignitate  nicht:  für 
seinen  am  2.  Juli  1914  gewählten  Nachfolger  Volkmar  Andreae, 
der  nun  vorerst  und  für  unbestimmte  Zeit  sein  Bataillon  zu  kom- 
mandieren hatte,  musste  Hegar  einspringen  und  die  Bürde  des 
Amtes  weiter  tragen.  —  Volkmar  Andreae  ist  Bürger  von  Fleurier 
und  am  5.  Juli  1879  in  Bern  geboren.  Er  hat  dort  das  Gymnasium 
und  die  Musikschule  unter  Karl  Munzinger  besucht,  1897  bis  1900 
am  Konservatorium  in  Köln  studiert  und  von  1900  bis  1901  als 
Solorepetitor  an  der  Hofoper  in  München  gew'irkt.  Am  5.  No- 
vember 1902,  nach  erfolgreicher  Aufführung  seines  von  ihm  selbst 


284  XXXIX.  KAPITEL:   KUNST  UND  LITERATUR  o 

dirigierten  Chorwerks  „Charons  Nachen",  wurde  er  zum  Direktor 
des  „Gemischten  Chores"  gewählt.  1904  übernahm  er  an  Stelle 
Attenhofers  die  Direktion  des  „Männerchors"  und  1906  als  neu- 
ernannter Kapellmeister  auch  die  Leitung  der  Abonnements- 
konzerte der  Tonhalle- Gesellschaft.  Im  Februar  1914  ernannte 
ihn  der  Erziehungsrat  zum  Universitäts- Musikdirektor  und  er- 
teilte ihm  die  venia  legendi  für  Musikgeschichte  und  Komposi- 
tionslehre. Gleiclizeitig  übernahm  er  die  Leitung  des  verwaisten 
Studentengesangvereins.  Von  Andreaes  Kompositionen  ist  bis 
jetzt  die  bedeutendste  die  Oper  „Ratcliff",  die  1914  am  deutschen 
Tonkünstlerfest  in  Essen  aufgeführt  wurde.  Ihre  Aufführung  am 
Zürcher  Stadttheater  hat  bis  heute  der  Krieg  verhindert.  Auch 
Volkmar  Andreae  trägt  seit  April  1914  den  Ehrendoktorhut  der 
Universität  Zürich.  —  Indem  wir  uns  zum  Verlassen  des  musi- 
kaHschen  Gebietes  anschicken,  gewahrt  unser  Auge  noch  einen 
neuen  Stern,  eben  erst  über  dem  Horizont  erschienen,  von  noch 
nicht  bestimmbarer  Grösse,  aber  —  wie  die  musikalischen  Astro- 
nomen versichern  —  bereits  von  intensivem  Licht :  Othmar  Schoeck 
aus  Brunnen,  Direktor  des  Lehrergesangvereins  Zürich  und  des 
Männerchors  Aussersihl. 


Länger  als  die  dramatische  Kunst  und  die  Musik  hatte  die 
bildende  Kunst  auf  ein  neues  Heim  zu  warten.  Ihre  Pflege  war 
durch  mehr  als  ein  Jahrhundert  Sache  der  ,, Zürcher  Künstler- 
gesellschaft", die  im  Jahr  1787  entstand,  zunächst  als  ,, Samstags"-, 
dann  ,, Donnstags- Gesellschaft"  mit  vorwiegend  geselligen  Zwecken. 
Als  ,, Zürcher  Künstlergesellschaft"  konstituierte  sie  sich  neu  im 
Herbst  1803,  und  von  ihr  ist  drei  Jahre  später  auch  der  Anstoss 
ausgegangen  zur  Gründung  des  Schweizerischen  Kunstvereins. 
Mit  Vertrag  vom  28.  Januar  181 3  erwarb  die  Gesellschaft  das  ehe- 
malige Ottsche  Gütchen  im  ,,Berg",  das  sie  zu  dem  heimeligen 
,,Künstlergütli"  umbaute.  Das  Ausstellungsgebäude  kam  1846 
dazu  und  wurde  im  folgenden  Frühjahr  mit  einer  Jubiläums- 
ausstellung eröffnet.  Im  Lauf  der  Jahrzehnte  machte  sich  starker 
Platzmangel  geltend.  Ein  an  sich  unbedeutender  Vorfall  verhalf 
im  Jahr  1895  der  Gesellschaft  unverhofft  zu  einem  kleinen  Aus- 
stellungsgebäude in  der  Stadt  selbst:  von  der  Kommission  für  die 


o  XXXIX.  KAPITEL:   KUNST  UND  LITERATUR  285 

Weihnachtsausstellung  1894  im  Börsensaal  war  ein  von  privater 
Seite  offeriertes  Bild  von  Gabriel  Max,  ,,Die  Braut  von  Korinth", 
zurückgewiesen  worden,  wie  es  scheint  mehr  aus  sittlichen  als 
aus  künstlerischen  Gründen,  doch  wurde  auch  der  künstlerische 
Wert  des  Bildes  allgemein  nicht  hoch  angeschlagen.  Es  entstand 
«ine  Bewegung,  die  zur  Bildung  eines  neuen  Vereins  für  Kunst- 
pflege, ,, Künstlerhaus  Zürich",  führte  und  dem  in  kürzester  Frist 
450  Mitglieder  beitraten,  während  die  alte  Gesellschaft  nur  etwa 
150  Mitglieder  zählte.  Die  Seele  des  neuen  Vereins  war  Redaktor 
Albert  Fleiner  von  der  ,,N.  Z.  Z."  (f  1902).  Bei  der  Konstituierung 
am  13.  Februar  1895  übernahm  Prof.  F.  Bluntschli  das  Präsidium; 
Vizepräsident  wurde  Stadtbaumeister  Gustav  Gull.  In  einer  schon 
am  30.  Januar  1895  im  Hotel  Baur  au  lac  eröffneten  Ausstellung 
erhielt  man  Gelegenheit,  ,,Die  Braut  von  Korinth"  nebst  einigen 
neuen  Bildern  Böcklins  usw.  zu  sehen.  Das  Bestreben  des  jungen 
Vereins  ging  auf  rasche  Erstellung  eines  Ausstellungsgebäudes, 
für  das  Prof.  Bluntschli  ein  Projekt  entwarf.  Schon  am  15.  Juli 
1895  konnte  dieses  unscheinbare  ,, Künstlerhaus"  an  der  Ecke 
Talgasse-Börsenstrasse  eröffnet  werden.  Es  hat  als  Schutz-  und 
Zufluchtshütte  der  Zürcher  Kunst  während  fünfzehn  Jahren 
schmerzens-  und  enttäuschungsreicher  Bemühungen  für  einen 
Kunsthausbau  unschätzbare  Dienste  geleistet.  Dass  man  zu  einem 
Neubau  nur  mit  vereinten  Kräften  gelangen  konnte,  war  auch  dem 
Künstlerhaus- Verein  klar,  und  er  versagte  sich  deshalb  nicht,  als 
schon  in  seinem  Gründungsjahr  unter  dem  Vorsitz  von  Ober- 
ingenieur Robert  Moser  Kommissionssitzungen  anberaumt  wurden 
für  eine  Fusion  mit  der  alten  Gesellschaft.  Diese  Wiedervereinigung 
kam  dann  im  Mai  1896  zustande  unter  dem  Namen  ,, Zürcher 
Kunstgesellschaft"  und  dem  Präsidium  von  Dr.  C.  von  Muralt. 
Die  alte  Künstlergesellschaft  hielt  am  18.  Juni  1896  ihre  letzte 
Sitzung  ab.  Dem  scheidenden  Präsidenten  F.  O.  Pestalozzi  wurde 
in  Anerkennung  seiner  hohen  Verdienste  um  die  Gesellschaft  in 
der  Einkleidung  eines  Festspiels  des  nie  versagenden  Gesellschafts- 
poeten Leonhard  Steiner  eine  silber-vergoldete  Nautilusschale 
überreicht. 

Die  Kunstgesellschaft  verwahrt  in  ihren  Archiven  eine  ganze 
Sammlung  gescheiterter  Pläne.  Man  versuchte  es  mit  einem  Bau 
beim  KünstlergütH ;   man  wollte   das  alte   Kaufhaus  verwerten; 


286  XXXIX.  KAPITEL:   KUNST  UND  LITERATUR  o 

Projekte  bestehen  für  den  Platz  zwischen  Theater  und  Utoquai, 
für  das  Tonhalleareal  in  mehreren  Variationen.  Ein  flotter  Über- 
bauungsplan Gulls  für  das  ganze  Areal  und  ein  darauf  gestütztes 
prachtvolles  Projekt  Bluntschlis  scliien  die  beste  Aussicht  zu 
haben.  Die  Inanspruchnahme  der  Stadthausanlagen  verweigerte 
die  Gemeinde  am  30.  April  1899.  Schliesslich  verfiel  man  auf  das 
Gut  zum  ,, Lindental"  am  Heimplatz.  Diese  Liegenschaft  war 
Besitztum  von  Stadtrat  Heinrich  Landolt-Mousson  (f  6.  Januar 
1885),  der  sie  der  Stadt  zu  einem  sehr  niedrigen  Preis  für  öffent- 
liche Zwecke  testamentarisch  zur  Verfügung  stellte,  mit  dem  Vor- 
behalt des  lebenslänglichen  Nutzniessungsrechts  für  die  Witwe. 
Die  Zeit  drängte,  da  das  ,, Künstle rgütli"  in  die  Grundrisspläne  für 
die  neue  Universität  einbezogen  werden  und  in  absehbarer  Zeit 
verschwinden  sollte.  Man  wagte  eine  Anfrage  bei  Frau  Stadtrat 
Landolt  und  erhielt  die  generöse  Erlaubnis,  schon  zu  ihren  Leb- 
zeiten den  Garten  des  ,, Lindentals"  zu  überbauen.  Demgemäss 
beschränkte  sich  das  Projekt  für  eine  erste  Bauperiode  auf  das 
Hauptgebäude  mit  dem  Ausstellungsflügel  längs  dem  Heimplatz; 
eine  spätere  Bauperiode  wird  durch  den  rückwärtigen,  für  die 
Gesellschaftsräume  bestimmten  Flügel  das  Kunsthaus  mit  dem 
noch  stehenden  Wohnhaus  verbinden.  Mit  der  Stadt  kam  ein  Ver- 
trag über  Abtretung  imd  Arrondierung  des  Terrains  nebst  einer 
Barsubvention  von  100,000  Fr.  zustande,  dem  die  Gemeinde  am 
15.  JuH  1906  ihre  Zustimmung  gab.  Der  imposante,  streng  künst- 
lerisch gegliederte  Bau  wurde  von  Prof.  Karl  Moser  (Curjel  &  Moser 
in  St.  Gallen  und  Karlsruhe)  ausgeführt  und  am  Einweihungstag, 
den  17.  April  1910,  in  feierlicher  Ansprache  dem  Präsidenten  der 
Kunstgesellschaft,  Oberst  Paul  Ulrich,  übergeben,  der  seit  längern 
Jahren  an  der  Spitze  der  Gesellschaft  steht  und  sich  namenthch 
mit  seinen  erfolgreichen  Bemühungen  um  den  Neubau  ihre  leb- 
hafte Dankbarkeit  erworben  hat.  Ein  glanzvoller  Sechseläuten- 
umzug  am  folgenden  Tage  besiegelte  die  Besitzergreifung  Zürichs 
von  seinem  neuen  Kunsthaus,  und  das  nächste  Neujahrsblatt 
der  Gesellschaft  mit  dem  Titel  ,, Künstlergut,  Künstlerhaus, 
Kunsthaus",  verfasst  von  dem  einflussreichen  Kunstkritiker 
Dr.  Hans  Trog,  setzte  dem  freudevollen  Ereignis  ein  würdiges 
Hterarisches  Denkmal.  Es  war  ein  \^■ehmütiger  Abschied  vom 
alten   ,,Künstlergütli",    als   am   30.    September   1909   eine   letzte 


'm^^d//3u&. 


m^jf^'MücAj^m 


hT 


ZÜRCHERISCHE  KÜNSTLER 


"■■■■!■■ II ■■' "^ 


IHIHimillllllllHIllJÜIIIITf!! 


o  XXXIX.  KAPITEL:   KUNST  UND  LITERATUR  287 

gesellige  Zusammenkunft  in  seinen  vertrauten  Räumen  stattfand, 
die  so  viele  geist-  und  witzsprühende  Vereinigungen  der  Künstler- 
gesellschaft gesehen.  Zu  ihren  heitersten  Erinnerungen  gehörte 
wohl  das  Kostümfest  am  13.  Februar  1886,  bei  welchem  man  dem 
mit  seinem  Freunde  Böcklin  anwesenden  Gottfried  Keller  lauter 
Figuren  und  Gruppen  aus  seinen  ,, Züricher  Novellen"  vorführte 
und  von  ihm  eine  artige  Dankrede  hörte. 

Es  kann  sich  auch  in  bezug  auf  die  ausübenden  Künstler  der 
Vergangenheit  und  Gegenwart  für  uns  nur  darum  handeln,  ein- 
zelne Namen  beispielsweise  herauszugreifen.  So  sei  unter  den 
altern  Malern  Professor  Johann  Jakob  Ulrich  genannt,  der  Sohn 
des  Landschreibers  von  Andelfingen  und  Bruder  von  Oberrichter 
Ulrich  im  Berichthaus.  Geboren  am  28.  Februar  1798  zu  Andel- 
fingen, hat  er  schon  1799  seine  erste  Reise  in  die  Welt  gemacht, 
und  zwar  im  Korb  auf  dem  Kopf  einer  Botenfrau,  die  ihn  vor  den 
anziehenden  Franzosen  und  Österreichern  zu  den  Grosseltern  nach 
Weisslingen  flüchtete.  Ulrich  hat  sich  seine  künstlerische  Aus- 
bildung und  seinen  Ruf  als  Landschafts-  und  Marinemaler  in 
Paris  erworben.  In  die  Heimat  zurückgekehrt,  eröffnete  er  hier 
Ende  der  vierziger  Jahre  eine  Zeichenakademie,  aus  welcher  auch 
Rudolf  Koller  hervorgegangen  ist.  Im  Zürcher  Kunsthaus  be- 
findet sich  u.  a.  sein  bekanntes  und  vielbeachtetes  Ölgemälde 
,,Der  Waldbach"  (1853).  1855  wurde  Ulrich  zum  Professor  des 
Landschaftzeichnens  am  neugegründeten  Polytechrükum  ernannt. 
Er  starb  am  17.  März  1877. 

Der  eben  erwähnte  berühmte  schweizerische  Tiermaler  Johann 
Rudolf  Koller  ist  am  21.  Mai  1828  in  Zürich  geboren  (f  5.  Januar 
1905),  Er  malte  schon  1845/46  wochenlang  Pferdestudien  in 
württembergischen  Gestüten,  ging  dann  an  die  Akademie  nach 
Düsseldorf  und  von  dort  mit  seinem  Freund  Arnold  BöckHn 
(1885 — 1892  in  Zürich,  f  ^6.  Januar  1901)  nach  Brüssel,  später 
nach  Paris,  wo  er  mit  Böcklin  Bett  und  Atelier  teilte.  Durch  die 
Februarrevolution  1848  nach  Hause  vertrieben,  setzte  Koller  seine 
Studien  bis  1851  in  Bayern  fort,  richtete  dann  in  Oberstrass  sein 
erstes  TierateHer  ein  und  bezog  1862  sein  am  Zürichhorn  gelegenes 
Heimwesen  ,,zur  Hornau"  mit  Wohnhaus,  Atelier  und  Stall. 
Koller  ist  einer  der  bedeutendsten  Tiermaler  aller  Zeiten.  Pferd 
und  Rind,  Hund  und  Ziege,  Schaf  und  Esel  hat  er  gleich  vortreff- 


288  XXXIX.  KAPITEL:   KUNST  UND  LITERATUR  o. 

lieh  in  der  Ruhe  wie  in  der  lebhaftesten  Bewegung  gemalt.  Oft 
hatte  er  auf  der  Wiese  vor  seinem  Wohnhaus  am  Zürichhorn  zwölf 
Staffeleien  aufgestellt  und  war  von  einer  zur  andern  geeilt,  je 
nachdem  eines  seiner  Tiere  sich  gelegt  hatte.  Auch  als  Land- 
schafter gebührt  Koller  ein  Ehrenplatz.  Am  populärsten  ist  un- 
zweifelhaft seine  ,,Gotthardpost"  geworden.  Zu  Ehren  seines. 
70.  Geburtstages  wurde  1898  im  Börsensaal  eine  ,, Koller- Jubi- 
läumsausstellung" veranstaltet.  Am  „Rudolf  Koller-Abend"  im 
Tonhallepavillon,  4.  Juni  1898,  proklamierte  Professor  Wilhelm 
Oechsli  namens  der  philosophischen  Fakultät  den  Jubilar  zum 
Doctor  pliilosophiae  honoris  causa.  Auch  bei  diesem  Anlass 
fehlte  nicht  ein  zierliches  Festspiel  Leonhard  Steiners,  des  liebens- 
würdigen Dichters,  Aquarellisten  und  Landschafters  (geb.  9.  No- 
vember 1836  in  Zürich),  der  als  Kaufmann  erst  mit  48  Jahren  der 
Kunst  sich  zuwandte  und  mit  bewundernswerter  Frische  und  Aus- 
dauer bis  in  sein  hohes  Alter  auf  diesem  Felde  tätig  geblieben  ist. 
Albert  Welti,  von  Zurzach  stammend,  ist  verewigt  haupt- 
sächhch  durch  sein  herrliches  Landsgemeindebild  im  Ständerats- 
saal in  Bern,  zu  dem  er  —  früh  vollendet  —  freilich  kaum  noch 
die  Kartons  hatte  fertigstellen  können;  die  Ausführung  auf  der 
Wand  war  von  vornherein  seinem  Freunde  Willielm  Balmer  vor- 
behalten. Welti  ist  am  18.  Februar  1862  in  Zürich  geboren  als 
Sohn  des  Spediteurs  Welti-Furrer,  hat  in  Böcklins  Atelier  in  Hot- 
tingen gearbeitet  und  dann  in  München,  Pullach  und  Solln,  mit 
kräftiger  Unterstützung  seines  Mäzens,  des  ostpreussischen  Guts- 
besitzers Rose,  ein  ideales  und  fruchtbares  Künstlerdasein  im 
Kreise  seiner  FamiHe  geführt.  Aus  dem  von  seinem  trefflichen 
Kunstgenossen  W.  L.  Lehmann  (geb.  7.  März  1861  in  Zürich,  in 
München  lebend)  mit  Wärme  gezeichneten  Lebensbild  Albert 
Weltis  im  Neujahrsblatt  1913  der  Kunstgesellschaft  tritt  uns  ein 
edler  Mensch  und  ein  ganzer  Mann  entgegen,  den  man  lieb  ge- 
winnen muss,  dessen  vollen  künstlerischen  Wert  aber  vielleicht 
erst  eine  spätere  Zeit  zu  würdigen  vermag.  Allzu  frühe  senkten 
sich  die  Todesschatten  auf  sein  trautes  Heim.  Vorahnend  schrieb 
er,  der  am  7.  Juni  1912  in  Bern  die  Augen  schloss,  unter  die  dem 
Begräbnis  seiner  jäh  verstorbenen  Frau  gewidmete  Radierung: 

Glück  und  Unglück,  Beides  trag  in  Ruh; 
Alles  geht  vorüber  und  auch  Du. 


o  XXXIX.  KAPITEL:  KUNST  UND  LITERATUR  289 

Als  Meister  der  Plastik  nennen  wir  Richard  Kissling,  Doctor 
honoris  causa  der  Universität  Zürich,  Ehrenbürger  der  Stadt, 
Schöpfer  des  Alfred  Escher-Denkmals,  der  Gottfried  Keller-Büste 
im  Rathaus  und  des  unübertrefflich  eindrucksvollen  Teil-Denkmals 
in  Altdorf,  dessen  preisgekrönter  Entwurf  1892  im  Helmhaus 
ausgestellt  war.  Bildhauer  Richard  Kissling  ist  am  15.  April  1848 
in  Wolfvvil  im  Kanton  Solothurn  geboren,  hat  als  Schüler  Ferdi- 
nand Schlöths  in  Rom  seine  Ausbildung  erhalten  und  weilt  seit 
1883  in  Zürich.  Von  seinen  übrigen  Werken  sind  am  bekanntesten 
das  Fontana-Denkmal  in  Chur,  das  Vadian-Denkmal  in  St.  Gallen, 
die  mächtigen  Gestalten  an  den  Giebelfeldern  der  Kuppel  des 
Parlamentsgebäudes  in  Bern,  die  Figuren  am  Hauptportal  des 
Bahnhofs  Luzern.  —  Nicht  ganz  übergehen  möchten  wir  in  unserm 
Stadtbuch  die  populäre  und  originelle  Gestalt  Urs  Eggenschwylers, 
dem  weitern  Publikum  mehr  als  Tierfreund  und  Tiergartenbesitzer 
denn  als  Künstler  bekannt.  Dem  mit  rührender  Hingabe  zwischen 
seinen  Käfigen  hausenden  Löwen-  und  Bärenvater  sieht  aller- 
dings nicht  jeder  an,  dass  in  der  rauhen  Hülle  ein  begabter  Künst- 
ler steckt.  Urs  Eggenschwyler,  geboren  am  24.  Januar  1849 
in  Subigen  (Kanton  Solothurn),  wurde  schon  im  dritten  Lebens- 
jahr infolge  einer  Krankheit  schwer  übelhörig,  was  seiner  Aus- 
bildung ungemein  hinderlich  war.  Immerhin  brachte  er  es  zu 
recht  ansehnlichen  Kunstleistungen;  wir  erinnern  an  den  Löwen 
in  carrarischem  Marmor  für  das  Museum  in  St.  Gallen,  die  vier 
Löwen  auf  der  Stauffacherbrücke,  die  Bären  am  Parlaments- 
gebäude in  Bern  usw.  Am  liebsten  ist  dem  Künstler  allerdings  der 
persönliche  Umgang  mit  seinen  Tieren.  Die  ihm  eine  Zeitlang 
anvertrauten  beiden  abessinischen  Löwen,  welche  Minister  Alfred 
Hg  der  Stadt  Zürich  schenkte,  erkennen  ihn  noch  jetzt,  wenn  er 
sie  gelegentlich  im  Zoologischen  Garten  in  Basel  besucht. 


Zur  Architektur  übergehend,  beginnen  wir  mit  dem  auch  heute 
noch  unübertroffenen  Erbauer  des  Polytechnikums:  Gottfried 
Semper,  der  im  Jahre  1803  in  Hamburg  geboren  ist  (f  15.  Mai 
1879  i^  Rom).  Sein  stolzer  Name  eröffnete  die  Reihe  der  Be- 
rufungen an  das  Eidgenössische  Polytechnikum,  dem  er  von  1855 
bis  1871  seine  Dienste  lieh.    Kein  Geringerer  als  Richard  Wagner 

19 


290  XXXIX.  KAPITEl,:   KUNST  UND  LITERATUR  o 

hatte  Alfred  Escher,  Kern  und  Staatsschreiber  Hagenbuch  aiif 
Semper,  seinen  Dresdener  Schicksalsgenossen,  aufmerksam  ge- 
macht. Semper  erbaute  von  1858  bis  1863  das  Polytechnikum, 
1861  bis  1864  die  Sternwarte,  1865  bis  1869  das  Winterthurer 
Stadthaus;  auch  das  Geschäftshaus  Fierz  auf  dem  Sonnenbühl 
und  der  Turm  der  Kirche  Affoltern  a.  A.  sind  seiner  Hände  Werk. 
Noch  während  seiner  Wiener  Zeit  (1871 — 1879)  stand  er  in  Ver- 
bindung mit  seinen  Zürcher  Freunden,  zu  denen  auch  Gottfried 
Keller  gehörte.  Mit  ihm  sass  Semper  am  Abend  des  21.  September 
1869  in  der  gehebten  Stammkneipe  zur  ,,Bollerei"  an  der  Schiff- 
lände, als  er  aus  der  Zeitung  die  Nachricht  vom  Brande  seines 
Dresdener  Hoftheaters  erfuhr  und  in  erschütterndes  Schluchzen 
ausbrach.  Die  Anfertigung  der  ihm  übertragenen  Pläne  für  den 
Neubau  füllten  Sempers  letzte  Zürcher  Jahre  aus. 

Das  bekannteste  Wahrzeichen  der  Baukunst  von  Professor 
Dr.  Alfred  Friedrich  Bluntschli  ist  die  Kirche  in  Enge.  Er  hat 
ausserdem  mehrere  Villen  und  zusammen  mit  Prof.  Lasius  die 
eidgenössischen  Gebäude  für  Chemie  und  Physik  erbaut.  Der 
hervorragende  Künstler  ist  der  Sohn  des  genialen  Staatsmannes 
J.  C.  Bluntschli,  geboren  in  Zürich  am  29.  Januar  1842.  Seine 
Ausbildung  erhielt  er  unter  Semper,  dessen  späterer  Nachfolger 
er  wurde,  am  Polytechnikum  und  an  der  Ecole  des  beaux  arts  in 
Paris.  Er  Hess  sich  1866  in  Heidelberg,  1870  in  Frankfurt  a.  M. 
nieder  und  führte  in  Verbindung  mit  Architekt  Mylius  eine  grosse 
Zahl  von  Monumentalbauten  in  Frankfurt  a.  M.  und  andern 
deutschen  Städten  aus.  1881  wurde  er  als  Professor  der  Baukunst 
ans  Polytechnikum  berufen,  von  welcher  Stelle  er  vor  kurzem 
zurücktrat. 

Erbauer  der  Universität,  von  der  im  44.  Kapitel  noch  ge- 
sprochen wird,  ist  der  am  10.  August  1860  zu  Baden  im  Aargau 
geborene  Architekt  Karl  Moser.  An  der  Bauschule  des  Poly- 
technikums und  der  Ecole  des  beaux  arts  ausgebildet,  war  er  von 
1885  an  in  Wiesbaden  praktisch  tätig  und  associierte  sich  dann 
1888  mit  Arcliitekt  Curjel  in  Karlsruhe.  1915  folgte  er,  als  Nach- 
folger Bluntschlis,  einem  Ruf  als  Professor  der  Baukunst  an  die 
Eidgenössische  Technische  Hochschule.  Ausser  der  Universität 
und  dem  Kunsthaus  baute  Professor  Moser  in  Zürich  noch  die 
St.  Antoniuskirche  mit  ihrem  wuchtigen  Turm,  die  Josephskirche 


o  XXXIX.  KAPITEL:  KUNST  UND  LITERATUR  291 

und  verschiedene  Villen,  in  St.  Gallen  Bank-  und  Geschäftshäuser 
und  das  Hedwigschulhaus.  Schaffhausen  verdankt  ihm  das  Zoll- 
und  das  Regierungsgebäude,  Basel  die  Pauluskirche,  Bern  die 
Paulus-  und  die  Johanniskirche.  In  Tablat  und  Bruggen  hat 
Moser  die  protestantischen  Kirchen,  in  Deutschland  eine  grosse 
Zahl  öffentlicher  und  privater  Gebäude  erstellt. 

Wir  schliessen  die  Reihe  der  Architekten  mit  zwei  Männern, 
die  in  engster  Beziehung  zur  Stadtverwaltung  standen:  Stadtrat 
und  Bauherr  Ulrich  und  Stadtbaumeister  Gull.  C.  C.  Ulrich-Näf 
(geb.  1846,  t  13-  März  1899)  war  der  jüngste  Sohn  von  Ober- 
richter Ulrich  im  Berichthaus.  Vom  Polytechnikum  weg  ging  er 
für  zwei  Jahre  zur  praktischen  Ausbildung  nach  Paris  und  war 
dann  in  Zürich  und  Schaffhausen  als  Architekt  tätig.  Zusammen 
mit  E.  Schmid  erhielt  er  den  ersten  Preis  bei  der  Plankonkurrenz 
für  die  Quaibauten  und  führte  mit  Albert  Müller  den  Bau  der 
Börse  aus.  1879  trat  er  in  den  Stadtrat  ein  und  leitete  von  1881 
bis  zur  Stadtvereinigung  das  Bauwesen  der  Stadt  Zürich.  Ulrich 
hat  bei  einer  Masse  baulicher  Angelegenheiten,  die  bei  der  raschen 
Entwicklung  der  Stadt  immer  zahlreicher  wurden,  einen  ent- 
scheidenden Einfluss  ausgeübt,  wozu  ihn  sein  weiter  freier  Blick 
und  sein  entschieden  künstlerischer  Sinn  in  ungewöhnlichem 
Masse  befähigten.  Er  wusste  mit  grosser  Menschenkenntnis  tmd 
viel  Geschick  stets  die  tüchtigsten  Mitarbeiter  zu  gewinnen.  In 
der  Armee  bekleidete  er  zuletzt  den  Grad  eines  Obersten  des 
Genie  und  war  auch  Obmann  der  Stadtschützengesellschaft.  In 
geselligen  Kreisen  eine  wahre  Frohnatur  und  im  Umgang  von 
grosser  Leutseligkeit,  erfreute  sich  der  stattliche  Mann  mit  dem 
buschigen,  hoch  erhobenen  Haupt  der  Sympathien  der  ganzen  Be- 
völkerung. Zahllose  landschaftliche  und  architektonische  Skizzen, 
die  er  auf  Reisen  und  in  Kurorten  mit  erstaunlicher  Leichtigkeit 
aufs  Papier  warf,  zeugen  von  seiner  hohen  künstlerischen  Begabung. 

Gustav  Gull  hat  dem  Stadtbild  Zürichs  bleibende  Züge  ein- 
gegraben und  zu  seiner  Verschönerung  mit  Meisterwerken  der 
Architektur  beigetragen.  DeutUcher  noch  als  die  Gegenwart 
werden  einst  spätere  Geschlechter  die  Hand  Gulls  erkennen  und 
höher  sie  lobpreisen,  wenn  einmal  der  von  ihm  projektierte,  von 
der  Gemeinde  beschlossene  stolze  Bau  des  zentralen  Stadthauses 
der  Silhouette  Zürichs  die  bestimmenden  Linien  geben  wird.    In 


292  XXXIX.  KAPITEI.:   KUNST  UND  WTERATUR  o 

einem  spätem  Kapitel,  das  der  baulichen  Entwicklung  Zürichs  in 
den  letzten  Jahrzehnten  gewidmet  ist,  werden  wir  dem  Namen 
Gulls  immer  wieder  begegnen;  hier  ist  nur  eine  knappe  Lebens- 
skizze  in  die  Reihe  der  Träger  zürcherischer  Baukunst  einzufügen. 
Gull  wurde  am  7.  Dezember  1858  in  Altstetten  bei  Zürich  geboren 
und  durchlief  die  Bauschule  des  Polytechnikums  und  die  Ecole 
des  arts  decoratifs  in  Genf.  Am  Bau  des  Bundesgerichtsgebäudes 
in  Lausanne  erhielt  er  die  praktische  Ausbildung.  Von  1895  bis 
1900,  in  der  der  Stadtvereinigung  folgenden  wichtigen  Bauperiode, 
war  Gull  Stadtbaumeister  von  Zürich.  Unter  Gulls  Bauten  wird 
stets  an  erster  Stelle  das  Schweizerische  Landesmuseum  zu  nennen 
sein.  Das  Stadthaus  im  Fraumünsteramt  erregt  Bewunderung 
nicht  am  wenigsten  durch  seine  geniale,  künstlerisch  vollendete 
Verbindung  mit  dem  Fraumünster,  und  auch  die  Fraumünsterkirche 
selbst  trägt  in  Stein  gemeisselt  den  Namen  Gustav  Gulls,  ihres 
ungewöhnlich  geschickten  Restaurators.  Bereits  treten  auch  in  den 
nach  und  nach  entstandenen  Bauten  auf  dem  Ötenbach-  und 
Werdmühleareal  die  Umrisse  des  künftig  dominierenden  Stadt- 
teiles von  Zürich  hervor,  und  zu  dem  auf  der  Hohen  Promenade 
ragenden  Bau  der  Höhern  Töchterschule  hat  Gull  die  Pläne  ent- 
worfen. Eine  neue  gewaltige  und  ehrenvolle  Aufgabe  hat  ihm  das 
eidgenössische  Departement  des  Innern  mit  den  Bauten  für  die 
Eidgenössische  Technische  Hochschule  übertragen.  Diese  Anstalt 
berief  ihn  1900  zum  Professor  für  Architektur,  und  die  Universität 
zeichnete  ihn  1905  aus  mit  der  Ernennung  zum  Doctor  honoris  causa. 

* 

Vor  der  Literatur  im  engern  Sinne  ist  der  Geschichtschreibung 
und  Altertumsforschung  zu  gedenken,  für  welche  Zürich  glänzende 
Namen  aufzuweisen  hat.  Es  wird  an  anderer  Stelle  auf  die  Ver- 
dienste von  Gerold  Meyer  von  Knonau  (s.  S.  222),  Wilhelm  OechsH 
(S.  271),  Georg  von  Wyss  (S.  353),  J.  R.  Rahn  (S.  223)  hingewiesen. 
Hier  soll  noch  der  Name  von  Paul  Schweizer  beigefügt  werden. 
Geboren  1852  als  Sohn  des  geistvollen  Theologen  Professor  Ale- 
xander Schw-eizer,  ist  nach  einer  kürzern  Wirksamkeit  als  Privat- 
dozent an  der  Universität  Tübingen  Paul  Schweizer  von  1881  bis 
1897  Staatsarchivar  in  Zürich  gewesen,  1892  ausserordentlicher,  1909 
ordentlicher  Professor  für  allgemeine  Geschichte  und  Hilfswissen- 


»^ 

<lJ 

s 

^ 

^ 

'-s 

C3 

Ö 

^ 

1^ 

Si 

"^ 

j^ 
^ 

o^ 

^ 

^ 

Q 

<o 

k 

^ 

<o 

^ 

;3 

>» 

a 

Jk 

«3 

cu 

^ 

Ss 

^ 

§ 

"^ 

ö 

c; 

s^ 

^3 

^ 

^ 

i^ 

^ 

Ol 

^ 

^ 

«^ 

• 

ik 

^ 

o 

^^>-» 

c 

<o 

^ 

^ 

k. 


o  XXXIX.  KAPITEL:  KUNST  UND  LITERATUR  293 

Schäften  an  der  Universität  Zürich  geworden.  Zu  seinen  bedeutend- 
sten Werken  gehören  das  Urkundenbuch  der  Stadt  und  Land- 
schaft Zürich  und  die  Geschichte  der  schweizerischen  NeutraHtät, 
über  welche  er  auch  in  den  sturmerregten,  gefahrvollen  Tagen  der 
Gegenwart  Kundgebungen  veröffentlicht  hat,  die  durch  ihre  ruhige 
Klarheit  und  SachHchkeit  wahrhaft  wohltätig  wirkten.  —  Das  ge- 
nannte Urkundenbuch  gibt  willkommenen  Anlass,  auch  des  Mit- 
arbeiters an  diesem  Werk,  alt  Oberrichter  Dr.  Jakob  Escher-Bodmer, 
Ehrendoktor  der  Universitäten  Zürich  und  Göttingen,  zu  ge- 
denken, der  am  24.  Januar  1909  fast  gijährig  starb,  nachdem  er 
bis  in  seine  letzte  Lebenszeit  mit  unverv/üstlicher  Gesundheit  und 
beneidenswerter  Geistesfrische  seinen  wissenschaftlichen  Arbeiten 
obgelegen.  —  Mit  Dankbarkeit  ist  ferner  an  Professor  Dr.  Karl 
Dändliker  zu  erinnern  (geb.  1849,  t  '^4-  September  1910),  den 
Verfasser  einer  dreibändigen  ,, Geschichte  der  Schweiz"  und  der 
hier  ganz  besonders  hervorzuhebenden  ,, Geschichte  der  Stadt  und 
des  Kantons  Zürich",  die  er  allerdings  leider  nicht  mehr  zu  voll- 
enden vermochte;  sie  ist  dann  in  seinem  Sinn  und  Geist  und  in 
vorzüglicher  Weise  zu  Ende  geführt  worden  von  seinem  begabten 
Schüler  und  Mitarbeiter  Dr.  Walter  Wettstein,  Redaktor  des 
Schaffhauser  ,, Intelligenzblattes".  Abgesehen  von  diesen  auch 
von  uns  reichlich  benützten  Arbeiten  Dändlikers  und  Wettsteins, 
wären  noch  eine  Menge  grösserer  und  kleinerer  Publikationen  des 
überaus  fleissigen  und  gewissenhaften  Historikers  Dändliker  zu 
nennen.  Im  Pfarrhaus  Rorbas  aufgewachsen,  hat  DändHker  nach 
Absolvierung  des  akademischen  Bildungsganges  von  1872  bis  1910 
am  Lehrerseminar  Küsnacht  gewirkt  und  daneben  an  der  Universi- 
tät und  am  Polytechnikum,  an  welchen  beiden  Anstalten  er  sich 
schon  1875  habilitiert  hatte,  eine  anregende  akademische  Lehr- 
tätigkeit ausgeübt. 

Seit  seiner  Gründung  hat  das  Schweizerische  Landesmuseum 
keinen  grössern  Verlust  erlitten  als  am  27.  Februar  1903,  an 
welchem  Tage  Heinrich  Zeller- Werdmüller  aus  dem  Leben  schied. 
Er  war  zwar  kein  Beamter  dieser  Anstalt,  aber  der  vorderste  und 
vornehmste  ihrer  freiwilligen  Mitarbeiter,  denen  das  Landes- 
museum seine  ehrenvolle  Stellung  unter  den  Museen  der  Welt 
mit  zu  verdanken  hat.  Heinrich  Zeller,  geboren  am  2.  April  1844, 
war  ein  Zürcher  Stadtkind.    Er  widmete  sich  der  kaufmännischen 


294  XXXIX.  KAPITEL:   KUNST  UND  LITERATUR  o 

Laufbahn,  lebte  aber  daneben  seiner  Liebhaberei  für  die  historische 
Forschung,  bei  welcher  ihm  sein  phänomenales  Gedächtnis  zu- 
statten kam.  Diese  Gabe  fand  ihre  Ergänzung  in  einem  unermüd- 
lichen, eisernen  Fleiss  und  angestrengter  geistiger  Tätigkeit  zu 
jeder  Zeit,  die  ihn  befähigte,  neben  seinen  bis  i8g6  beibehaltenen 
geschäftlichen  Stellungen  die  umfassendsten  Kenntnisse  zu  sam- 
meln und  gründliche  wissenschaftliche  Arbeiten  ausztiführen.  Dem 
Landesmuseum  trat  er  zum  erstenmal  näher  durch  seine  Mit- 
arbeit an  dem  bekannten  Album  ,, Zürichs  Bewerbung",  das  in 
der  unglaublich  kurzen  Zeit  von  einem  Monat  geschrieben,  illu- 
striert und  verteilt,  von  grosser  Wirkung  für  den  endgültigen  Ent- 
scheid zugunsten  Zürichs  als  Sitz  des  Landesmuseums  war.  Damit 
begann  eine  ungemein  vielseitige  und  uneigennützige  Tätigkeit 
Zellers  im  Interesse  des  Landesmuseums,  für  das  er  Ausgrabungen 
persönlich  leitete,  Auslandreisen  ausführte,  die  Waffensammlung 
ordnete,  Münzen  und  Medaillen  katalogisierte  und  dem  Direktor 
als  Berater  bei  jeder  grossen  und  kleinen  Angelegenheit  zur  Seite 
stand.  Für  sein  grösstes  Werk,  die  mittelalterlichen  Burganlagen 
der  Ostschweiz  und  die  Statistik  der  zürcherischen  Burgen,  er- 
nannte ihn  am  2.  Januar  1893  die  Universität  Zürich  zum  Ehren- 
doktor. An  Zellers  Grabe  schilderte  Prof.  G.  Meyer  von  Knonau 
mit  warmen  Worten  seine  Verdienste  um  die  Antiquarische  Ge- 
sellschaft und  die  Gesellschaft  für  die  Erhaltung  schweizerischer 
Kunstdenkmäler.  Namentlich  hob  er  auch  hervor  seine  erstaun- 
lich eingehende  Vertrautheit  mit  der  Geschichte  seiner  Vaterstadt, 
seine  mustergültige  Ausgabe  der  in  den  Zürcher  Stadtbüchern  ent- 
haltenen Zeugnisse  aus  einer  der  wichtigsten  Perioden  der  städti- 
schen Entwicklung  und  seine  eingreifende  Beteiligung  an  der  Aus- 
gabe des  ZürcherUrkundenbuches.  —  Einen  ehrenvollen  Namen  hat 
auch  Sekundarlehrer  und  Privatdozent  beider  Hochschulen  Dr.  h.  c. 
Jakob  Heierli  hinterlassen  als  Gründer  der  Schweizerischen 
Gesellschaft  für  Urgeschichte  und  Verfasser  des  grundlegenden 
Werkes  über  die  ,, Urgeschichte  der  Schweiz"  (geb.  11.  August 
1853  in  Speicher,  f  18.  Juli  1912). 


Eine  leise  Erinnerung  an  die  einleitenden  Sätze  dieses  Kapitels 
wird  am  Platze  sein,  wenn  wir  am  Ende  unseres  Rundganges  noch 


o  XXXIX.  KAPITEL:   KUNST  UND  LITERATUR  295 

den  Garten  der  Poesie  und  des  zürcherischen  Schrifttums  betreten: 
unsere  Jubiläumsschrift  will  keine  Literaturgeschichte  sein  und 
muss  darum  gar  vieles,  was  in  eine  solche  gehören  würde,  ganz 
beiseite  lassen  und  im  übrigen  sich  mit  einigen  Andeutungen  be- 
gnügen, bei  denen  —  dem  Zweck  und  der  Anlage  dieses  Buches 
gemäss  —  überall  das  Heimische,  Lokalgeschichtliche  wegleitend 
zu  bleiben  hat.  So  sei  denn,  nachdem  für  Gottfried  Keller  und 
Conrad  Ferdinand  Meyer  besondere  Abschnitte  vorbehalten  worden, 
zunächst  einmal  der  Denkstein  erwähnt,  den  im  Jahre  1914 
Dr.  Gottfried  Bohnenblust  mit  einer  neuen  kritischen  Ausgabe  von 
Heinrich  Leutholds  Dichtungen  diesem  Unglücklichen  errichtet 
hat.  Die  entscheidende  Tat  für  Leutholds  Ruhm  war  freilich  die 
Herausgabe  seiner  Gedichte  durch  Baechtold  (unter  Mithilfe  von 
Gottfried  Keller)  im  Jahre  1879.  Eigenes,  tragisches  Geschick 
spricht  aus  den  Versen,  die  der  am  i.  Juli  1879  in  geistiger  Um- 
nachtung verstorbene  Dichter  aus  Sophokles  übersetzt  hatte: 

Niemals  geboren  sein  wäre  das  Beste, 
Auch  in  der  Kindheit  zu  sterben  ist  gut. 

Und  die  gleiche  melanchoHsche  Stimmung  kommt  zum  Ausdruck 
in  dem  kleinen  Gedicht  ,,Blätterfair',  das  an  der  Spitze  der  Baech- 
toldschen  Sammlung  seiner  Poesien  steht: 

Leise,  windverwehte  Lieder, 
Mögt  ihr  fallen  in  den  Sand. 
Blätter  seid  ihr  eines  Baumes, 
Welcher  nie  in  Blüte  stand. 

Welke,  windverwehte  Blätter, 

Boten  naher  Winterruh', 

Fallet  sacht!   .   .   .  Ihr  deckt  die  Gräber 

Mancher  toten  Hofifnimg  zu. 

Wir  wenden  uns  der  reichen  und  duftenden  Blumensaat  eines 
liebenden  zu :  Adolf  Frey,  der  Verfasser  der  klassischen  Biographie 
von  Conrad  Ferdinand  Meyer,  der  ,, Erinnerungen  an  Gottfried 
Keller",  des  BöckHn-  und  Koller-Buches,  ist  selbst  ein  Dichter  von 
kaum  zu  übertreffender  Formvollendung  und  Tiefe  der  Gedanken 
und  darum  der  berufenste  Interpret  jener  Geistesheroen,  die  die 
Schweizer  Kunst  und  Literatur  als  ihre  Grössten  ehrt.  Manche 
seiner  Lieder  sind  von  Brahms,  Hegar,  Niggli,  Othmar  Schoeck 
komponiert  worden.  Seine  ,, Gedichte"  mit  dem  packenden  Toten- 
tanz-Zyklus und  die  „Neuen  Gedichte"  allein  schon  sichern  ihm 


296  XXXIX.  KAPITEL:   KUNST  UND  LITERATUR  o 

dauernden  Dichterruhm;  aber  er  meisterte  auch  die  dramatische 
Form  (,,Erni  Winkelried"),  schuf  Festspiele  (zur  550jährigen 
Feier  von  Zürichs  Eintritt  in  den  Bund)  und  schrieb  den  reich- 
bewegten historischen  Schweizerroman  „Die  Jungfer  von  Watten- 
wil".  Von  Freys  weitern  wissenschaftlichen  Arbeiten  werden  die 
Beiträge  zu  einem  Laokoon-Kommentar  und  die  Studien  über 
Albrecht  von  Haller  und  Gaudenz  von  Salis-Seewis  in  erster  Linie 
genannt.  Hegar  hat  nicht  nur  die  Kantate  Freys  zur  Universitäts- 
einweihung und  sein  preisgekröntes  Gedicht  ,,1813"  komponiert, 
sondern  auch  zu  seinem,  von  dem  literarischen  Zürich  als  ein 
Ereignis  gefeierten  60.  Geburtstag  (18.  Februar  191 5)  einen  ,,Fest- 
gruss"  geschaffen.  Schon  während  seiner  Lehrtätigkeit  an  der 
Kantonsschule  Aarau  hat  Adolf  Frey,  von  1883  bis  1891,  als  Privat- 
dozent an  der  Universität  Zürich  gewirkt  und  sodann  1898  den 
Lehrstuhl  für  deutsche  Literaturgeschichte  bestiegen.  Er  ist  ein 
Sohn  des  Dichters  Jakob  Frey  und  ein  Bruder  des  Nationalrats 
Dr.  Alfred  Frey. 

In  der  Feuilletonredaktion  der  ,,N.  Z.  Z."  folgte  Ende  1891 
auf  Carl  Spitteler,  den  Dichter  des  ,, Olympischen  Frühlings", 
Jakob  Christoph  Heer,  geb.  17.  Juli  1859  ^^  Töss.  Zum  Lehrer 
ausgebildet,  amtete  er  vor  seiner  Berufung  an  die  ,,N.Z.Z."  u.  a. 
in  Aussersihl.  Von  1899  ^^^  ^9^2  lebte  Heer  in  Stuttgart  als  lite- 
rarischer Leiter  der  ,,  Gartenlaube"  und  kehrte  dann  als  freier 
Schriftsteller  in  die  Schweiz  zurück.  Seine  Romane  ,,An  heiligen 
Wassern",  ,,Joggeli,  die  Geschichte  einer  Jugend",  ,,Der  König 
der  Bernina",  ,, Felix  Notvest"  usw.  gehören  auch  in  Deutschland 
zu  den  begehrtesten  Büchern  der  Leihbibliotheken.  —  Fritz  Marti, 
ebenfalls  aus  dem  Lehrerstande  hervorgegangen,  trat  am  i.  Ok- 
tober 1899  die  Nachfolge  Heers  an  der  ,,N.  Z.  Z."  an.  Er  ist 
am  24.  April  1866  im  aargauischen  Othmarsingen  geboren;  seine 
meistgelesenen  Werke,  ,,  Das  Vorspiel  des  Lebens",  ,,  Sonnenglaube", 
,,Die  Schule  der  Leidenschaft",  tragen  alle  die  Kennzeichen 
eines  reichen  Gemütes  und  eines  grundehrlichen  und  gütigen 
Wesens.  Viel  zu  früh  ist  Fritz  Marti  am  8.  August  1914  seinem 
Beruf  und  seinen  Freunden  entrissen  worden ;  sein  Nachfolger  ist 
der  geistreiche  Literarhistoriker  und  Kritiker  Eduard  Korrodi. 
Jakob  Bosshart,  der  Rektor  des  Zürcher  Gymnasiums,  erweist  sich 
in  seinen  alpinen  Erzählungen  ,,Im  Nebel",  ,,Das  Bergdorf"  als 


o  XXXIX.  KAPITEL:   KUNST  UND  LITERATUR  297 

trefflicher  Kenner  und  Beobachter  bäuerHchen  Lebens;  von  leiser 
Schwermut  überschattet  sind  seine  Novellen  „Früh  vollendet", 
„Durch  Schmerzen  empor".  Von  Adolf  Voegtlin  kennt  auch  ein 
weiterer  Kreis  die  eindrucksvollen  Erzählungen  „Meister  Hans- 
jakob, der  Chorstuhlschnitzer  von  Wettingen",  ,, Heinrich  Manesses 
Abenteuer  und  Schicksale",  sowie  das  Trauerspiel  ,,Hans  Wald- 
mann". Meinrad  Lienert,  aus  Einsiedeln  stammend,  ist  durch 
seine  ,, Wildleute",  ,,Die  Geschichten  aus  der  Sennhütte",  ,,Die  Ge- 
schichten aus  den  Schwyzer  Bergen"  berühmt  geworden,  ganz  be- 
sonders aber  durch  seine  meisterhaften  Kindergeschichten  und 
unübertroffenen  Dialektdichtungen  (,,'s  Schwäbelpfyffli").  Ernst 
Zahn,  ein  Bürger  unserer  Stadt,  ist  von  der  kraftvollen  Schilde- 
rung des  innerschweizerischen  Berglebens  (,, Albin  Indergand", 
„Helden  des  Alltags",  ,,d'Clarie-Marie",  „Schattenhalb")  zur  Dar- 
stellung städtischer  Konflikte  übergegangen,  als  deren  Schauplatz 
man  unschwer  Zürich  erkennt  (,,Was  das  Leben  zerbricht"  u.a.). 
—  Zu  einer  Jüngern  Schule  begabter  Literaten  gehören  Heinrich 
Federer  (,,LachweilerGesclüchten",  ,,Berge  und  Menschen", ,,  Jung- 
fer Therese",  ,,Sisto  e  Sesto",  ,,Umbrische  Geschichten"),  Emil 
Ermatinger,  Verfasser  der  neuen  grossen  Gottfried  Keller-Biogra- 
phie (,, Jenseits  des  Tages",  ,, Weggefährten",  ,,Der  Weg  ins 
Leben"),  Konrad  Falke  (,,Carmina  Romana",  ,,Astorre"),  Ernst 
Eschmann  („Volksfrühling",  ein  Zürcher  Roman),  Robert  Faesi 
(, .Zürcher  Idylle"),  Hans  Roelli,  Max  Geilinger.  Aus  dem  ge- 
mütlichen alten  Zürich  möchten  wir  einen  Namen  nicht  vergessen : 
J.  Hardmeyer- Jenny,  den  langjährigen  Redaktor  der  , .Zürcher 
Wochenchronik"  und  geschickten  Gelegenheitsdichter,  mit  seinen 
köstlichen  Erinnerungen  aus  vergangenen  Tagen.  Dem  unbestreit- 
baren Bedürfnis  der  gebildeten  Kreise  nach  einem  freien,  von  der 
Parteischablone  nicht  eingeengten  Meinungsaustausch  kommt  in 
hervorragendem  Masse  die  politisch-literarische  Zeitschrift ,, Wissen 
und  Leben"  entgegen,  die  von  Prof.  Dr.  Ernst  Bovet  begründet 
wurde  und  von  ihm  mit  einem  vorbildlichen  Idealismus  unter- 
halten wird;  die  Schriftleitung  lag  während  mehrerer  Jahre  in  den 
Händen  von  Dr.  Albert  Baur. 

Unter  den  zürcherischen  Schriftstellerinnen  und  Dichterinnen 
nimmt  Johanna  Spyri  (s.  S.  105)  einen  hohen  Rang  ein.  —  Nanny 
von  Escher,   die   Hüterin  teurer  Familientraditionen   —   sie   ist 


298  XXXIX.  KAPITEI.:   KUNST  UND  WTERATUR  o 

eine  Tochter  des  Obersten  Hans  Conrad  von  Escher  — ,  deren  Tus- 
culum  auf  dem  Albis  ein  Wallfahrtsort  der  Freunde  geistreicher 
Unterhaltung  über  Zürichs  literarische  und  historische  Erinne- 
rungen geworden  ist,  hat  ein  Bändchen  feinsinniger  Gedichte,  ein 
Vers-Epos  aus  der  Untergangszeit  der  alten  Eidgenossenschaft 
,, Kleinkindleintag"  und  ein  dramatisches  Spiel  ,,Die  Escher  von 
Wülflingen"  herausgegeben.  Die  letztere  Gelegenlieitsdichtung 
wurde  mit  einer  zweiten  gleichartigen  von  Dr.  Eugen  Ziegler, 
,,Salomon  der  Letzte  von  Wülflingen"  als  Festspiel  am  künst- 
lerischen Bazar,  den  der  Kunstverein  Winterthur  zu  Gunsten  der 
Erhaltung  des  Schlosses  Wülflingen  veranstaltet  hatte,  aufgefülirt; 
in  einem  niedhchen  Bändchen  ,,Auf  Schloss  Wühhngen"  vereinigt, 
sind  die  beiden  Dichtimgen  bei  Schulthess  &  Co.  in  Zürich  er- 
schienen. Von  Nanny  von  Escher  stammt  auch  die  Inschrift  auf 
dem  Schlachtendenkmal  1799  auf  dem  Zürichberg.  —  Werke  von 
Clara  Holzmann-Forrer,  deren  Dichtergabe  seinerzeit  von  ihrem 
Lehrer  Pfarrer  Ritter  angeregt  und  gefördert  worden  ist,  sind 
die  ,, Gedichte"  (1886),  die  Gedichtsammlung  ,, Blütenschnee" 
(1895),  ,,Neue  Gedichte"  (1908),  ,, Jungbrunnen,  ein  Buch  für 
Kinder"  (19 10),  —  Erzeugnisse  einer  echten  Poesie.  Stolzbeschei- 
den durfte  Clara  Forrer  von  sich  sagen: 

Ich  weiss,  mir  ^^^nkt  ein  stiller  Port, 

Mein  Tag  flieht  nicht  vergebens. 

Und  wenn  die  Flut  mich  schrecken  will, 

So  singe  ich  zum  Saitenspiel 

Die  Lieder  meines  Lebens. 

Wiederholt  sind  in  diesen  Blättern  auch  schon  die  feinen 
lokalgeschichtlichen  Skizzen  von  Olga  Amberger  erwähnt  worden. 
Hedwig  Bleuler- Waser,  die  Gesclüchtschreiberin  des  Lesezirkels 
Hottingen,  ist  durch  ihre  umfangreiche  und  gediegene  Arbeit 
über  Ulrich  Hegner  in  den  literarhistorischen  Kreisen  eingebür- 
gert worden.  Maria  Waser,  Verfasserin  zahlreicher  kunstkritischer 
und  Hterarischer  Essays,  die  besonders  in  der  von  ihr,  gemeinsam 
mit  ihrem  Gemahl,  Professor  Dr.  Otto  Waser  (Verfasser  von 
,, Meisterwerke  der  griechischen  Plastik"),  redigierten  angesehenen 
Zeitschrift  ,,Die  Schweiz"  zur  Veröffentlichung  gelangten,  ist 
durch  das  Meisterv\^erk  ihres  historischen  Romans  ,,Die  Geschichte 
der  Anna  Waser"  ein  Liebling  namentlich  der  gebildeten  Frauen- 


o  XXXIX.  KAPITEI.:  KUNST  UND  LITERATUR  299 

weit  geworden.  Die  Jugendliteratur  haben  Lily  von  Muralt, 
Maria  Wyss,  Thekla  von  Muralt-Ulrich,  Emma  Wüterich-Muralt 
durch  manche  treffliche  Gabe  bereichert. 

Zur  Hebung  des  literarischen  Interesses  und  zur  Mehrung  der 
Freude  an  einheimischer  und  fremder  Dichtung  hat  keine  Ver- 
einigung mehr  beigetragen  als  der  Lesezirkel  Hottingen.  Den  von 
ihm  veranstalteten  literarischen  Abenden  verdankt  das  Zürich 
unsrer  Tage  mannigfachste  Anregungen  und  unauslöschliche  Ein- 
drücke. Seine  Trachtenfeste  und  ,, Kränzchen",  zu  denen  nicht 
selten  ganze  Scharen  von  sangesfrohen  Teilnehmern  aus  andern 
Kantonen  beigezogen  wurden,  wirkten  auf  unser  Publikum  wie 
eine  Offenbarung,  ,, welches  Kleinod  wir,  unbeschadet  unsrer 
nationalen  Einheit,  in  der  kulturellen  Verschiedenartigkeit  der 
Volksstämme  besitzen,  die  in  unsern  Bergen  nebeneinander  woh- 
nen". Seine  Sommerfahrten  ins  Land  hinaus  boten  eine  Fülle 
edler  Genüsse  und  anmutigster  GeselHgkeit.  Mit  Erstaunen  er- 
fährt man  aus  der  Festschrift  von  Hedwig  Bleuler-Waser  zum 
25jährigen  Jubiläum  des  Lesezirkels  am  4.  und  9.  November  1907, 
wie  rasch  dieser  Verein,  der  ganz  aus  der  Familie  Bodmer  in  Hot- 
tingen herausgewachsen  ist,  aus  bescheidenen  Anfängen  sich  zu 
einem  angesehenen  und  in  der  ganzen  Schweiz  anerkannten  Ver- 
treter der  literarischen  Interessen  unseres  Landes  entwickelt  hat. 
Der  ,, Lesezirkel  Hottingen"  ist,  nachdem  ein  erster  Gedanke  schon 
im  Hottinger  Turnverein  von  Wilfried  Treichler  geäussert  worden 
war,  am  4.  November  1882  im  ,, Sonneneck"  in  Hottingen  von 
zwölf  Jünglingen,  unter  denen  sich  der  eigentUche  Gründer  und 
nachmahge  ständige  Präsident  Hans  Bodmer  befand,  konstituiert 
worden.  Es  wurde  vorerst  eine  Lesemappe  mit  Zeitschriften,  der 
„Thek",  in  Zirkulation  gesetzt,  und  diese  älteste,  grundlegende 
Institution  des  Vereins  ist  auch  heute  noch  seine  sorgsam  gepflegte 
Hauptaufgabe.  Es  kamen  dann  dazu  eine  Leihbibliothek  und  die 
Veranstaltung  von  literarischen  Vorträgen.  Mit  dem  im  Jahre 
1891  im  Gemeindehaus  Hottingen  eröffneten  Lesezimmer  wurde 
eine  weitere  Institution  geschaffen,  die  dem  Lesezirkel  hernach 
die  1896  gegründete  Pestalozzi- Gesellschaft  abnahm;  in  den  wei- 
testen Volkskreisen  werden  namentlich  die  in  allen  Stadtteilen  er- 
öffneten, stets  stark  besuchten  Lesesäle  der  Pestalozzi- Gesellschaft 
als  grosse  Wohltat  empfunden,  und  auch  ihre  Volksbibhotheken, 


300  XXXIX.  KAPITEI,:   KUNST  UND  WTERATUR  o 

Volkslehrkurse  und  Volkskonzerte  werden  von  vielen  geschätzt,  die 
dieser  Bildungsmittel  sonst  nicht  teilhaftig  würden.  Der  „Lesezirkel 
Hottingen"  setzte  sich  nach  den  Statuten  von  1896  den  Zweck, 
„durch  geeignete  Veranstaltungen  den  Sinn  für  Literatur  zu  pflegen" . 
Seinen  Aufschwung  verdankt  er  insbesondere  seinen  öffentlichen 
Anlässen  und  Festlichkeiten.  Durch  sie  wurde  er  „ein  soziales  We- 
sen, dem  sich  die  verschiedensten  persönlichen  Beziehungen  nicht 
nur  innerhalb  seines  Mitgliederkreises  und  seiner  engern  Gemeinde, 
sondern  in  der  ganzen  Heimatstadt  und  im  Schweizerlande  herum, 
ja  über  seine  Grenzen  hinaus  erschlossen.  Man  kann  wohl  sagen, 
dass  seit  dem  Tage  des  Schweizer  Trachtenfestes  (1896)  der  Lese- 
zirkel in  der  ganzen  Schweiz  immer  mehr  angesehen  wird  für  eine 
Art  Verwalter  und  Popularisator  heimischer  Kulturschätze,  von 
dem  ähnliche  Bestrebungen  und  Vereinigungen  Rat  und  Hilfe 
begehren."  Nichts  Lieblicheres  als  diese  Dichterfeiern  (Klop- 
stocks  auf  der  Au,  Gessners  im  Sihlwald) ,  diese  mit  ebensoviel  Ge- 
schmack als  Kunstsinn  durchgeführten  Sommerfeste  auf  der 
Ufenau,  in  Rapperswil,  in  Stein  am  Rhein,  die  immer  wieder  an 
Gottfried  Kellers  Verse  erinnern: 

Ja,  dieses  Volk,  in  reg'  empfimdnem  Triebe, 

Eilt  aller  Kunst  voran  xind  übt  sich  frei. 

Gesetzlos  spielend  auf  den  freien  Fluren! 

Da  sieht  man  oft  auf  kaum  ergrünter  Wiese 

Ein  leicht'   Gerüst,  drauf  unter  Frühüngswolken 

In  bvmter  Tracht  voU  Eifer  es  tragieren, 

Von  seiner  eignen  Menge  ernst  umringt. 

Und  schliesst  die  Handlung,  so  begehn  die  Spieler 

Vereint  in  einem  Zuge  mit  den  Hörern 

Des  Orts  Gemarkung  feierHchen  Schrittes. 

So  freut  das  Volk  der  trauten  Heimat  sich! 

Zu  den  reizendsten  winterlichen  Anlässen  in  Zürich  aber  ge- 
hören stets  die  unter  dem  Namen  ,, Kränzchen"  in  der  Tonhalle 
abgehaltenen  Feste,  bei  denen  die  sämtlichen  Lokalitäten  eine 
stilgerechte  Ausschmückung  erhalten,  die  noch  tagelang  eine  viel 
bewunderte  Sehenswürdigkeit  zu  bleiben  pflegt.  Unter  ihnen  sind 
die  „Frühlingsmesse  von  vSeldwyla",  ,,Die  Bauernkirchweih",  ,,Die 
Orientreise",  die  RöseHgarten-Auffühnmgen  besonders  eindrück- 
Hch  gebUeben.  Mit  seinen  ,, Literarischen  Abenden",  die  jeden 
Winter  stattfinden,  bezweckt  der  Lesezirkel,  hervorragende  Er- 
scheinungen oder  bestimmte   Gebiete    der  Literatur  durch  Vor- 


o  XXXIX.  KAPITEI.:  KUNST  UND  LITERATUR  301 

träge,  Rezitationen  und  kleinere  dramatische  oder  musikalische 
Aufführungen  zu  lebendiger  Anschauung  zu  bringen.  Dabei  wird 
die  Literatur  der  Gegenwart  möglichst  in  der  Weise  herangezogen, 
dass  Dichter  und  Schriftsteller  Proben  aus  ihren  Werken  persön- 
lich vorlesen,  und  mancher  Träger  eines  berühmten  Namens  in 
der  Schweiz  und  im  Ausland  ist  der  Gemeinde  des  Lesezirkels  auf 
diese  Weise  auch  von  Angesicht  bekannt  geworden.  Für  die 
literarischen  Feinschmecker  aber  besteht  dann  noch  ein  literarischer 
Klub.  ,,In  diesem  zugleich  beweglicheren  und  engmaschigeren 
Netz  Hessen  sich  dann  allerlei  feinere  literarische  Spezialitäten  und 
Merkwürdigkeiten,  auch  unausgewachsene  Exemplare,  oder  zur 
Abwechslung  auch  Amphibien  aus  benachbarten  Gebieten  auf- 
fangen", sagt  die  Verfasserin  der  Festschrift.  Ausser  diesem 
schönen  Buche  verdanken  wir  dem  ,, Lesezirkel  Hottingen"  noch 
manche  andere  wertvolle  und  interessante  literarische  Publikation, 
die  durch  seine  Feste  veranlasst  wurde.  Das  neueste  ist  der 
Prachtband  ,,Schwyzerländli",  ein  Gemälde  des  schweizerischen 
Volkslebens  im  Spiegel  des  mundartlichen  Liedes,  illustriert  durch 
22  farbige  Trachtenbilder  nach  altern  Miniaturküpferchen.  Eine 
neue  Quelle  der  Unterhaltung  und  Anregung  hat  der  Verein  sei- 
nen Mitgliedern  erschlossen  mit  seinem  Organ,  ,,Der  Lesezirkel". 
Noch  immer  fehlt  dem  ,, Lesezirkel  Hottingen"  das  seinen 
Zwecken  genügende  eigene  Heim  mit  Vortrags-,  Lese-  und  Gesell- 
schaftsräumen; es  soll  aber  ein  solches  unter  dem  Namen  ,, Gott- 
fried Keller-Haus"  erstehen,  zu  dem  am  Jubiläum  von  1907  mit 
einem  namhaften  Beitrag  der  Grundstein  gelegt  worden  ist.  Eine 
patriotische  Tat  vollbrachte  der  ,, Lesezirkel  Hottingen"  in  Ge- 
meinschaft mit  andern  mit  der  Gründung  der  ,, Schweizerischen 
Schillerstiftung",  die  den  Zweck  hat,  Schriftsteller,  die  sich  um 
die  schweizerische  Nationalliteratur  verdient  gemacht  haben,  in 
schwierigen  Lebenslagen  zu  unterstützen  und  auch  auf  andere 
Weise  (Stipendien  an  jüngere  Talente,  Volksausgaben  von  Meister- 
werken schweizerischer  Dichtkunst)  die  nationale  Literatur  zu  för- 
dern. An  der  vom  Lesezirkel  am  9.  Mai  1905  in  der  Tonhalle  ver- 
anstalteten Schillerfeier  ist  von  Bundesrat  Forrer  die  Gründung 
der  ,, Schweizerischen  Schillerstiftung"  proklamiert  worden. 


VIERZIGSTES  KAPITEL 


CONRAD  FERDINAND  MEYER 

„In  meinem  Wesen   und  Gedicht 
„Allüberall  ist  Firnelicht, 
„Das  grosse  stille  Leuchten." 

C.  F.   Meyer. 

Wie  zwei  Türme  ragen  aus  dem  literarischen  Zürich  des  19.  Jahr- 
hunderts die  Namen  Gottfried  Keller  und  Conrad  Fer- 
dinand Meyer:  viereckig,  trutzigHch,  wie  aus  unbehauenen  Quadern 
gefügt  der  eine,  rund,  mit  sorgsam  geglätteter  Oberfläche  der 
andere.  Welcher  von  ihnen  der  grössere  sei,  ist  eine  der  müssigen 
Fragen,  wie  sie  Goethe,  der  mit  Schiller  verghchen  wurde,  mit 
den  Worten  zurückwies:  ,, Freut  euch  doch  Heber,  dass  ihr  zwei 
solche  Kerle  habt!"  Gottfried  Keller  und  Conrad  Ferdinand 
Meyer  waren  grundverschieden  bis  in  die  innersten  Wurzeln  ihres 
Wesens;  sie  dürfen  nicht  gegeneinander  abgeschätzt  und  gewogen 
werden.  Welchen  Gegensatz  bietet  trotz  mancher  ÄhnHchkeiten 
—  die  früh  verwitwete,  kummerreiche  Mutter,  die  treue,  nur  für 
den  Bruder  lebende  Schwester,  der  fatale  Ruf  einer  ,, verfehlten 
Existenz"  —  schon  ihr  äusserer  Lebensgang!  Das  MiUeu,  aus 
welchem  Gottfried  Keller  hervorging,  war  der  Rindermarkt  mit 
seinen  kleinbürgerlichen,  teilweise  ärmHchen  Verhältnissen;  in 
eine  ganz  andere  Gesellschaftsschicht  aber  führt  uns  das  Leben 
Conrad  Ferdinand  Meyers.  Er  ist  der  SprössUng  einer  angesehenen 
altzürcherischen  Familie,  der  Sohn  des  Regierungsrats  Ferdinand 
Meyer  (geb.  7.  März  1799,  f  ^o.  Mai  1840),  eines  feingebildeten, 
edeldenkenden  Magistraten,  der  seine  Mussestunden  mit  Vor- 
liebe historischen  Studien  widmete.  Die  Frau  Regierungsrat  Betsy 
Meyer  war  die  Tochter  des  zur  Zeit  der  Helvetik  vielgenannten 
Taubstummenlehrers,  Statthalters  und  spätem  Oberrichters  Jo- 
hann Conrad  Ulrich,  eine  der  feinsten  und  anziehendsten  Frauen- 
gestalten, die  Zürich  je  hervorgebracht  hat.  J.  C.  BluntschH  er- 
bhckte  in  ihr  das  ,, Ideal  der  Weibhchkeit" ,  und  dem  heranwach- 
senden Geschlecht  erschien  sie  wie  die  Verkörperung  einer  andern, 


%.tHin^nd  M)»VC"r   VClpSy^L'Jjlch 


o  XL.  KAPITEL:  CONRAD  FERDINAND  MEYER  303 

vergangenen,  feineren  Zeit.  Einer  Freundin  von  Johanna  Spyri 
machte  Frau  Betsy  den  Eindruck,  als  ob  sie  aus  dem  Zeitalter 
Schillers  tmd  Goethes  zurückgeblieben  sei,  und  über  ilir  schwebte, 
was  für  viele  so  unauslöschlich  wirkte,  der  Zauber  seltener  An- 
mut, feinen  Geistes,  eines  reinen,  warmen  Herzens  und  der  Reiz 
einer  leisen  Melancholie,  des  ,,Urheimwehs",  wie  sie  sagte,  das  wir 
nie  verlieren,  solange  wir  auf  dieser  Erde  wandeln. 

Als  Conrad  Ferdinand  Meyer  am  11.  Oktober  1825  geboren 
und  folgenden  Tages  —  wie  Gottfried  Keller  in  der  Prediger- 
kirche —  getauft  wurde,  wohnten  die  Eltern  noch  im  Ulrichschen 
Hause  zum  ,, Stampfenbach".  Seit  1830  finden  wir  sie  im  ,, Grünen 
Seidenhof",  wo  ihnen  am  19.  März  1831  das  zweite  Kind  geboren 
wurde:  die  hochbegabte  Betsy  Meyer  (f  22.  April  1912  in  ihrem 
Chalet  ,,Rischmatt"  in  Veitheim  bei  Wildegg,  Kt.  Aargau).  Es 
wäre  zu  viel  gesagt,  wenn  man  behaupten  wollte,  dass  diese  um 
5^  Jahre  jüngere  Schwester  Conrad  Ferdinand  Meyer  zu  dem 
gemacht  habe,  was  er  geworden  ist;  aber  dass  ihr  ein  Hauptanteil 
daran  gebührt,  das  gehört  zu  den  sichersten  Tatsachen  der  Literatur- 
geschichte. Sie  ist  zu  ihm  gestanden  und  hat  an  ihn  geglaubt 
durch  lange,  trübe  Jahre,  als  kein  Mensch  auf  der  weiten  Welt 
etwas  von  Conrad  Ferdinand  Meyer  hielt  und  erwartete;  sie  war 
sein  Halt  und  sein  Trost  in  den  Kämpfen  und  Nöten  des  wer- 
denden Dichters;  sie  kannte  jeden  seiner  Gedanken  und  war 
seine  vertraute  Freundin  und  Ratgeberin,  mit  der  er  seine  dichte- 
rischen Pläne  durchsprach.  Betsy  Meyer  hat  unter  viel  Mühe 
die  Drucklegung  des  Erstlingswerks  ihres  Bruders,  der  ,, Zwanzig 
Balladen",  erwirkt,  und  es  war  die  glückHchste  Stunde  ihres 
Lebens,  als  sie  ihm  unter  der  Anrede  ,,Mein  Hebster  Dichter!" 
den  Erfolg  ihrer  Bemühungen  melden  konnte.  Bis  zu  seiner  Ver- 
heiratung führte  Betsy  dem  Bruder  den  Haushalt  und  diente  ihm 
als  Privatsekretär;  er  diktierte  ihr  seine  Werke  und  Entwürfe 
und  nahm  sie  mit  auf  seine  Reisen  nach  ItaUen  und  ins  Bündner- 
land. Und  als  er  dann  das  eigene  Heim  begründete,  ist  sie  still 
verschwunden,  um  ihren  weitern  Lebensweg  allein  zu  suchen  und 
durch  volle  fünfzehn  Jahre  als  freiwillige  Gehilfin  in  der  Gebets- 
heilanstalt von  Samuel  Zeller  in  Männedorf  zu  wirken.  Dass  auch 
sie  selber  meisterHch  die  Feder  zu  führen  verstand,  bewies  Betsy 
Meyer  mit  dem  Buch:  ,, Conrad  Ferdinand  Meyer  in  der  Erinnerung 


304  XL.  KAPITEL:   CONRAD  FERDINAND  MEYER  a 

seiner  Schwester",  das  die  Treue  und  Hingabe  für  den  angebeteten 
Bruder  krönte. 

In  die  Scliulzeit  Conrad  Ferdinand  Meyers  —  er  besuchte 
das  untere  und  das  obere  Gymnasium  —  fiel  der  Hinschied  des 
Vaters,  ein  Ereignis,  das  die  aufs  tiefste  erschütterte  Mutter  in 
ilirem  Tagebuch  mit  dem  einzigen  Wort  ,,Todesstoss"  bezeichnete. 
AnfängUch  machte  der  junge  Conrad  in  der  Schule  gute  Fort- 
schritte; dann  kam  er  aber  hinter  andere  zurück  und  zeigte  ein 
zerstreutes,  träumerisches  Wesen.  Die  Mutter  verstand  ilm  nicht 
zu  behandeln  und  wusste  das  auch.  ,,Ich  bin,"  schrieb  sie  an  einen 
Freund,  ,, trotz  oder  wegen  meiner  mütterlichen  Zärtlichkeit, 
die  Person,  die  ihm  am  meisten  schadet".  Oder  ein  andermal: 
,, Meine  Freunde  werfen  mir  nicht  vor,  ich  verwöhne  ihn,  sondern 
vielmehr,  ich  halte  die  Zügel  zu  straff  und  laufe  Gefahr,  den 
Faden  zu  brechen,  der  mich  mit  diesem  so  unabhängigen  Geist 
verbindet  . . .  Ich  habe  grösstenteils  sein  Zutrauen  verloren,  weil 
ich  mit  zu  grossem  Eifer  ihm  meine  religiösen  Überzeugungen 
aufzudrängen  suchte."  Unter  solchen  Umständen  hielt  die  be- 
kümmerte Mutter  es  für  richtiger,  die  Erziehung  des  Sohnes  ganz 
in  andere  Hände  zu  geben.  Durch  Vermittlung  des  Historikers 
Louis  VulHemin  placierte  sie  ihn  in  eine  gute  Pension  in  Lausanne. 
Im  folgenden  Jahr  (1844)  kehrte  er  zurück,  mit  einem  Kopf  voll 
gärender  Ideen  und  weniger  disponiert  denn  je,  sich  in  die  Enge 
der  heimischen  Verhältnisse  und  die  gegebenen  Schranken  des 
täglichen  Lebens  zu  schicken.  Zwar  bestand  er  das  Maturitäts- 
examen  und  sollte  nun  auf  den  Rat  Bluntschhs  Jurisprudenz 
studieren,  aber  die  trockene  Wissenschaft  widerte  ilm  bald  an, 
und  er  zog  sich  aus  den  Hörsälen  gänzHch  auf  sein  Zimmer  zurück, 
begann  eine  vielgestaltige,  planlose  Lektüre  und  machte  dichterische 
Pläne  und  Entwürfe,  von  denen  aber  kein  einziger  zur  Reife 
gelangte.  Ganz  verzweifelt  schrieb  die  Mutter  1849  ^.n  VulHemin: 
,,Er  leidet,  dass  er  kein  Ziel  und  keine  Karriere  hat  und  keinen 
Entschluss  fassen  kann.  Auch  kann  ich  sagen,  dass  ich  von  ihm 
nichts  mehr  in  dieser  Welt  erwarte."  Es  geht,  wie  Köhler  schreibt, 
etwas  Müdes,  Gequältes,  Überängstliches  durch  das  Tun  der 
feinfühügen  Frau,  ,,und  die  beiden,  Mutter  und  Sohn,  neben- 
einander zu  sehen,  ist  überaus  peinlich.  Beide  hangen  in  inniger 
Liebe   aneinander,    aber  sie   finden  sich   nicht,    sie   bleiben   ein- 


o  XI,.  KAPITEL:   CONRAD  i^ERDINAND  MEYER  305 

ander    innerlich  fremd    und  verzehren  sich    in    den  KonfHkten 
ihrer  Seele". 

Dieser  Dämmerzustand,  von  dem  Meyer  selbst  schrieb: 
„Ich  war  von  einem  schweren  Bann  gebunden.  Ich  lebte  nicht. 
Ich  war  in  Traum  erstarrt,"  dauerte  bis  zum  Jahr  1852.  Ein 
häusHches  Vorkommnis  führte  nun  eine  Änderung  herbei.  Meyer 
wurde  unabsichtlich  Ohrenzeuge,  wie  die  Mutter  einer  der  be- 
suchenden Freundinnen,  die  sie  mit  iliren  teilnehmenden  Fragen 
quälten,  sagte:  ,, Schonen  Sie  meiner!  Mein  erstes,  mein  be- 
gabtes Kind  ist  für  solche  Zukunftshoffnungen  einer  Mutter  ver- 
loren. Er  begräbt  sich  selbst,  er  ist  für  das  Leben  nicht  mehr 
da!"  Meyer  war  von  dem,  was  er  gehört,  ganz  vernichtet,  Hess 
sich  aber  von  der  Schwester  bestimmen,  den  Wunsch  der  Mutter 
zu  erfüllen  und  sich  in  einer  Heilanstalt  auf  seinen  Geisteszustand 
untersuchen  zu  lassen.  Die  Mutter  begleitete  ihn  nach  Prefargier 
bei  Neuenburg.  Beim  Anbück  der  Anstaltsmauern  sagte  Meyer : 
,,Ich  glaube,  ich  bin  gesund."  Das  bestätigten  denn  auch  die 
Anstaltsärzte,  welche  keine  psychische  Krankheit,  sondern  nur 
eine  etwas  abnorme  Überreizung  der  Konstitution  feststellten. 
Nach  zwei  Monaten  konnte  er  die  Anstalt  vollständig  geheilt 
verlassen,  um  sich  zunächst  zu  Prof.  Charles  Godet  nach  Neuen- 
burg zu  begeben,  welcher  der  Mutter  den  Rat  gab,  um  fortan 
möglichst  für  sich  selber  sorgen  zu  lassen  und  ihn  dadurch  zu 
zwingen,  seinen  Lebensunterhalt  selber  zu  verdienen.  ,,Sein  grosser 
Feind  ist  das  eigene  Ich;  das  ist  das  Zentrum,  um  das  sich  alles 
dreht."  Im  März  1853  zog  Conrad  Ferdinand  Meyer  zu  Louis 
Vulliemin  in  Lausanne,  der  ihm  zum  grössten  Segen  geworden  ist 
und  den  nachhaltigsten  Einfluss  auf  ihn  ausgeübt  hat.  ,,VulHemin 
wirkte  bestimmend  auf  sein  Geistes-  und  Seelenleben  ein;  er 
bildete  Meyers  historischen  Sinn  und  leitete  seine  Studien.  In 
seinem  Hause  entwickelten  sich  unseres  Dichters  feine,  gesell- 
schafthche  Formen.  Im  Umgang  mit  Vulliemin  und  seiner  ebenso 
geistvollen  wie  herzensguten  Gattin,  sowie  im  Verkehr  mit  den 
Menschen,  die  in  ihrem  Hause  aus-  und  eingingen,  eignete  er 
sich  jene  Art  feiner,  gedankenvoller  Causerie  an,  die  jeden,  der 
ihm  später  nähertrat,  nüt  Bewunderung  erfüllte.  Hier,  wo  ihm 
wahre  Religiosität  ungeschminkt  und  lebensvoll  in  lauteren 
Persönlichkeiten  sich  kundgab,  wuchs  ihm  das  Verständnis  für 

20 


3o6  XL.  KAPITEL:  CONRAD  FERDINAND  MEYER  o 

die  Überlegene  Geistesmacht  des  Christentums,  wie  sie  besonders 
in  seiner  protestantischen  Form  in  die  Erscheinung  trat.  Es 
war  der  französische  Historiker,  der,  von  Haus  aus  Theologe, 
seinen  Blick  auf  die  eigenartige  Grösse  der  Reformatoren  und 
die  Kämpfe  der  Hugenotten  lenkte.  Die  deutsche  Literatur  hat 
es  vor  allem  dem  welschen  Geschichtsschreiber  zu  verdanken, 
dass  ihr  in  Conrad  Ferdinand  Meyer  ein  Dichter  des  Protestantis- 
mus erstand,  der  mit  Meisterhand  die  Gestalten  Luthers,  Zwingiis, 
Huttens  und  Colignys,  Gustav  Adolfs  und  Rohans  aus  ihrem 
innersten  Wesen  heraus  zeichnete."   (Langmesser). 

Auf  Veranlassung  Vulliemins  übersetzte  Me^'er  in  Lausanne 
Thierrj^s  ,,Recits  des  temps  Merovingiens" .  Die  umfangreiche 
Arbeit,  eine  treffliche  Schulung  für  Meyers  Talent  und  die  Bildung 
seines  Stils,  erschien  1855  ohne  den  Namen  des  Übersetzers  und 
war  die  erste  (und  letzte)  Freude  der  Mutter  über  sein  schrift- 
stellerisches Bestreben.  Als  ein  anderer  kehrte  er  am  Silvester 
1853  nach  Hause  zurück,  und  die  Mutter  schrieb  voll  Dank  und 
Freude  an  Vulliemin  von  der  ,,morahschen  und  religiösen  Ver- 
änderung", die  mit  ihm  vorgegangen  war.  Bald  hernach  verfiel 
die  Mutter  in  Schwermut  und  musste  schHesslich  nach  Prefargier 
gebracht  werden,  wo  sie  am  27.  September  1856  Kühlung  und 
Tod  in  den  Fluten  der  Zihl  gefunden  hat.  Den  erschütternden 
Eindruck,  welchen  die  Katastrophe  auf  das  der  Mutter  ver- 
wandte Gemüt  Conrad  Ferdinand  Meyers  machte,  schildern  seine 
Verse : 

Trüb  verglomm  der  schwüle  Sommertag, 
Dumpf  und  traurig  tönt  mein  Ruderschlag  — 
Sterne,  Sterne  —  Abend  ist  es  ja  — 
Sterne,  warum  seid  ihr  noch  nicht  da  ? 

Bleich  das  Leben!    Bleich  der  Felsenhang! 
Schilf,  was  flüsterst  du  so  frech  und  bang  ? 
Fern  der  Himmel  und  die  Tiefe  nah  — 
Sterne,  warum  seid  ihr  nicht  mehr  da  ? 

Eine  liebe,  liebe  Stimme  ruft 
Mich  beständig  aus  der  Wassergruft  — 
Weg,   Gespenst,  das  oft  ich  winken  sah! 
Sterne,  Sterne,  seid  ihr  noch  nicht  da? 

Endlich,  endlich  durch  das  Dunkel  bricht  — 
Es  war  Zeit!  —  ein  schwaches  FUmmerlicht  — 
Denn  ich  wusste  nicht,  wie  mir  geschah. 
Sterne,  Sterne,  bleibt  mir  immer  nah! 


o  XL.  KAPITEL:   CONRAD  FERDINAND  MEYER  307 

Nach  dem  Tode  der  Mutter  war  Conrad  Ferdinand  Meyer  öko- 
nomisch vollständig  unabhängig  gestellt.  Er  behielt  vorerst  mit  der 
Schwester  den  mütterlichen  Wohnsitz  in  der  Meyerschen  Liegen- 
schaft in  Stadelliofen  bei,  wohin  die  FamiHe  1845  umgezogen  war. 
Das  Haus  Ecke  Stadelhoferstrasse-St.Urbangasse  bewohnte  des 
Dichters  Onkel,  Wilhelm  Meyer-Ott,  den  unsere  Leser  aus  seinen 
kostbaren  Aufzeichnungen  über  die  Straussenrevolution  kennen. 
An  dieses  Haus  grenzte  am  St.  Urbangässchen  ein  längliches  Ge- 
bäude, genannt  die  ,, Reisekiste",  wo  Frau  Meyer  mit  Sohn  und 
Tochter  wohnte,  und  das  dritte  und  unterste  Me3^ersche  Ge- 
bäude, mit  Front  gegen  den  See,  war  das  jetzt  verschwundene 
Lochmannsche  Haus.  Conrad  Ferdinand  Meyer  war  beim  Tode 
der  Mutter  schon  über  dreissig  Jahre  alt,  ohne  noch  etwas  ge- 
worden zu  sein  und  sich  als  nützliches  GHed  der  menschlichen 
Gesellschaft  erwiesen  zu  haben,  und  das  fanden  seine  werten 
Mitbürger  auch  sonderbar  und  auffällig.  Sie  gaben  es  ihm  ge- 
legentlich zu  fühlen,  dass  er  ihnen  nicht  als  vollwertig  galt,  und  die 
Demütigungen  und  Zurücksetzungen,  die  er  zu  kosten  bekam, 
erfüllten  ihn  nach  und  nach  mit  einer  wahren  Bitterkeit,  die  sich 
noch  öfters  in  den  Briefen  aus  der  Fremde  an  die  Schwester  Betsy 
Luft  machte.  Doch  fand  er  selber  wieder  entschuldigende  Worte 
für  die  Haltung  seiner  Mitbürger,  die  im  Grunde  nicht  eigen- 
nütziger und  unzarter  seien  als  die  Leute  allenthalben  sind,  ,, son- 
dern sich  nur  sagen :  warum  sollen  wir  einem  Menschen,  der  krank 
gewesen  ist,  dessen  Mutter  auch  krank  gewesen,  der  überdies 
nichts  Rechtes,  d.  h.  nichts  Praktisches  kann,  das  Geringste  an- 
vertrauen?" Und  durch  alle  Misstimmung  brach  wieder  die 
Heimathebe  des  Zürchers  sich  Bahn:  ,,Du  glaubst  aber  nicht," 
schrieb  er  an  Betsy  aus  Paris,  ,,wie  heb  man  in  der  Fremde  die 
Heimat  bekommt.  Der  Begriff  Heimat  ist  ein  so  natürlicher,  dass 
man  hier  im  Getümmel  von  Paris  ein  Gefühl  der  Sicherheit  und 
des  Friedens  hat,  wenn  man  seine  Strassen  betritt."  C.  F.  Meyer 
war  1857  nach  Paris  und  im  gleichen  Jahre  noch  nach  München  ge- 
gangen, 1858  hatte  er  mit  der  Schwester  Rom  und  Florenz  besucht 
und  reiche  Eindrücke  gesammelt,  ohne  aber  über  das  Gefühl  des 
,, quälenden  Unvermögens  einer  seinem  Talent  auch  nur  annähernd 
entsprechenden  Hervorbringung"  hinwegzukommen.  So  hielt  er 
es  in  Zürich  wieder  nicht  lange  aus  und  flüchtete  zum  drittenmal 


3o8  XI,.  KAPITEL:   CONRAD  FERDINAND  MEYER  o 

nach  Lausanne.  Endlich,  1864,  als  er  beinahe  vierzig  Jahre  alt 
geworden  war,  gelang  der  erste  Schritt  in  die  Öf fenthchkeit :  er 
gab  ohne  seinen  Namen  die  ,, Zwanzig  Balladen"  heraus,  die  im 
Kreis  seiner  Zürcher  Freunde  und  Verwandten  für  ihn  geradezu 
eine  Auferstehung  bedeuteten  und  deren  bescheidener  Erfolg 
seinen  Mut  und  sein  Selbstvertrauen  hob.  Ein  gutes  Zeichen  war 
es  auch,  dass  ein  anderer  Dichter  Conrad  Meyer  (geb.  3.  September 
1824  in  Winkel  bei  Bülach),  dessen  Name  ebenfalls  in  den  Kon- 
versationslexiken zu  finden  ist,  Besorgnisse  wegen  künftiger  Ver- 
wechslungen hegte.  Die  beiden  Namensvettern  trafen  ein  Ab- 
kommen, wonach  der  Stadtzürcher  sich  den  Namen  seines  Vaters 
beilegen  sollte,  imd  der  Stadtrat  erteilte  ihm  denn  auch  die  Er- 
laubnis, künftig  den  Namen  „Conrad  Ferdinand"  bürgerhch  zu 
füliren. 

In  jenen  Jahren  siedelte  Meyer  mit  seiner  Schwester  in  den 
,, Seehof"  nach  Küsnacht  und  später  nach  Meilen  über  und  trat 
hier  u.  a.  in  lebhaften  Verkehr  mit  Dr.  Frangois  Wille  in  Maria- 
feld bei  Meilen.  Wille,  eine  Kraftnatur  von  körperlicher  und 
geistiger  Gesundlieit  und  hohem  idealem  Flug,  zog  Conrad  Ferdi- 
nand Meyer  völHg  in  seinen  Bann  und  beeinflusste  nachhaltig  sein 
Denken  und  Schaffen.  Die  Heimat  Willes  war  La  Sagne  im  Kanton 
Neuenburg ;  von  dort  war  sein  Vater  nach  Hamburg  ausgewandert 
und  hatte  seinen  Namen  Vuille  verdeutscht.  Heinrich  Heine  hat 
seinerzeit  das  von  Schmissen  gezierte  Gesicht  des  flotten  Studenten 
Fran9ois  Wille  besungen,  und  Bismarck,  der  mit  ihm  studierte 
und  ,, paukte",  stellte  ihn  1863  seiner  Frau  vor  mit  den  Worten: 
,, Liebe  Johanna,  als  ich  vor  dreissig  Jahren  diesen  Herrn  zuletzt 
sah,  hatte  er  sich  fünf  Stiche  in  den  Bauch  geben  lassen."  Frangois 
Wille  war  einige  Zeit  in  Hamburg  journahstisch  tätig  gewesen 
und  dann  nach  Meilen  gezogen,  wo  er  mit  seiner  geistvollen,  schrift- 
stellerisch begabten  Frau  Eliza,  der  Tochter  des  Hamburger 
Grosskaufmanns  Slomann,  ein  überaus  gastfreies  Haus  fülirte. 
Was  in  Zürich  auf  Geist  und  Bildung,  auf  Hterarisches  und  poH- 
tisches  Interesse  Anspruch  erhob,  gab  sich  in  Mariafeld  Rendez- 
vous, und  eine  Tafelrunde  wie  Frangois  Wille  hat  nicht  mancher 
gekrönte  Mäzen  um  sich  versammelt.  Es  gehörten  dazu,  um  nur 
einige  Namen  zu  nennen,  Richard  Wagner  und  Franz  Liszt, 
Herwegh,  die  Professoren  Mommsen,   Köchly,  Ludwig  und  Mole- 


o  XI,.  KAPITEI,:  CONRAD  FERDINAND  MEYER  309 

Schott,  dann  die  drei  Gottfriede  Semper,  Kinkel  und  Keller,  der 
polnische  Graf  Wladislaus  Plater  und  seine  lebhafte  Frau,  die 
frühere  Schauspielerin  Caroline  Bauer.  In  diesem  geistreichen 
und  anregenden  Kreise  bedeutender  Menschen  verhielt  sich 
C.  F.  Meyer  mehr  empfangend  und  beobachtend;  dem  Ehepaar 
Wille  aber  bewahrte  er  für  seine  verständnisvolle  Teilnahme  und 
vielfache  Förderung  zeitlebens  tiefe  Dankbarkeit. 

Die  erste  unter  seinem  Namen  erschienene  PubHkation 
Meyers  waren  die  ,, Romanzen  und  Bilder"  (Dezember  1869),  die 
aber  fast  unbeachtet  bUeben.  Wille  ärgerte  sich  über  das  stumpfe 
Schweigen  der  literarischen  Miteidgenossen  und  schrieb  im  Früh- 
jahr 1871  in  seiner  resoluten  Art  in  einem  öffentlichen  Blatte: 
,, Während  in  unsern  zahlreichen,  heimische  Talente  immer  pa- 
triotisch feiernden  Blättern  auch  die  unbedeutendste  Gedicht- 
sammlung nicht  der  freundüchen,  von  rührender  Genügsamkeit 
zeugenden  Empfehlungen  entbehrt,  habe  ich  diese  Gedichte  eines 
Zürichers  noch  niemals  in  unserer  Presse  erwähnt  gefunden." 
Wille  machte  nachdrückhch  aufmerksam  auf  die  günstigen  Be- 
sprechungen dieser  Gedichte  Meyers  durch  Männer  wie  VulHemin 
in  der  französischen  Schweiz  und  Rudolf  Gottschall  in  Deutsch- 
land und  hob  den  hohen  poetischen  und  geistigen  Gehalt  der 
,, Romanzen  und  Bilder"  hervor.  Den  tiefsten  Eindruck  machte 
auf  Conrad  Ferdinand  Meyer  der  deutsch-französische  Krieg  und 
der  Aufschwung  des  Deutschen  Reiches.  Glaubte  er  doch  sogar, 
nunmehr  das  ,, französische  Wesen"  bei  sich  ganz  ,, abtun"  und 
sich  mit  aller  Entschiedenheit  zu  der  deutschen  Stammeszugehörig- 
keit bekennen  zu  müssen.  Meyer  geriet  in  einen  solchen  deutschen 
Eifer,  dass  er  an  Gottfried  Kinkel  die  Zumutung  richtete,  sich 
durch  ein  patriotisches  Gedicht  mit  Deutschland  zu  versöhnen 
und  in  das  neuerstandene  Reich  zurückzukehren,  was  Kinkel 
gründhch  dahin  missverstand,  dass  Meyer  nach  seiner  Professur 
am  Polytechnikum  trachte  und  ihn  deshalb  von  Zürich  weg- 
wünsche! Seiner  Begeisterung  für  deutsche  Grösse,  deutsche  Art 
und  deutsches  Wesen  gab  Meyer  sodann  Ausdruck  in  der  gross- 
artigen epischen  Dichtung  ,,Huttens  letzte  Tage",  die  seinen  dich- 
terischen Ruhm  begründen  sollte.  Meyer  hat  dieses  Werk,  das  zu- 
erst von  Johannes  Scherr  voll  Freude  und  Begeisterung  am  6.  Ok- 
tober  1871   in  der   ,, Zürcherischen  Freitagszeitung"   besprochen 


310  X:^.  KAPITEL:   CONRAD  FERDINAND  MEYER  o 

wurde,  Frangois  und  Eliza  Wille  gewidmet,  die  an  seinem  Ent- 
stehen so  lebhaften  Anteil  genommen  hatten.  ,, Während  von 
persönlichem  Einfluss  irgend  eines  Mitlebenden  auf  seine  späteren 
Schöpfungen  keine  Rede  sein  kann,"  sagt  der  kompetenteste 
Kenner  rmd  Beurteiler  Meyers,  Adolf  Frey,  ,  ,hat  unstreitig,  als  der 
Hütten  auf  dem  Amboss  lag,  Willes  Geist  und  lebhafter  Rat- 
schlag sein  Gutes  getan,  vom  Dichter  um  so  dankbarer  empfunden, 
als  diese  Dichttmg  im  eigentlichen  Sinne  sein  Schicksalsbuch  ist, 
das  ihm  auf  einen  Schlag  die  seit  einem  Vierteljahrhundert  er- 
sehnten Güter  verschaffte:  die  ungehemmte  innere  Entfaltung 
imd  den  äusseren  Erfolg."  Es  folgten  darauf  1872  das  Epos 
,, Engelberg",  1873  die  erste  historische  Novelle  ,,Das  Amulet", 
1875/76  der  gewaltige  historische  Roman  ,,Jürg  Jenatsch",  der 
nun  erst  Conrad  Ferdinand  Me^^er  auch  in  seinem  Vaterland  zum 
berülimten  und  populären  Dichter  machte. 

Unterdessen  hatte  sich  —  am  5.  Oktober  1875  —  Conrad  Fer- 
dinand Mej^er  verheiratet  mit  Luise  Ziegler,  der  Tochter  des 
Obersten  und  früheren  Stadtpräsidenten  Ziegler  von  Zürich,  der 
dem  neuvermählten  Ehepaar  auch  behilfHch  war  beim  Ankauf 
und  der  Einrichtung  seines  Heimwesens  in  Kilchberg  (1877). 
Durch  diese  Verbindung  hatte  C.  F.  Me3^er  wieder  völHg  Wurzel 
gefasst  in  den  Kreisen,  denen  er  entstammte,  und  charakteristisch 
dafür  ist  der  Glückw'unsch  von  Professor  J.  R.  Rahn  zur  Ver- 
lobung: ,, Gratuliere  zur  Wahl  Deiner  künftigen  Lebensgefährtin, 
die  passender  nach  unser  aller  Überzeugung  nicht  hätte  getroffen 
werden  können.  Hier  zeigt  sich  denn  doch  wieder  der  Zürcher, 
und  zwar  der  Zürcher  von  altem  Schrot  und  Korn,  der  unbeirrt 
von  fremdem  Tand  und  Geklemper  den  Sinn  für  das  Echte,  Gute 
und  Treue  bewahrt  hat."  1879  wurde  dem  Dichter  die  einzige 
Tochter  Camilla  geboren;  die  Gattin  überlebte  ihn  um  fast  17  Jahre 
(t  12.  Mai  1915).  In  Kilchberg  brachte  Conrad  Ferdinand  Me3^er 
seine  ,, grosse  Ernte"  ein;  rasch  nacheinander  entstanden  dort 
seine  bedeutendsten  Werke:  nach  der  Humoreske  ,,Der  Schuss  von 
der  Kanzel"  der  ,, Heilige",  der  ilim  1880  die  Ernennung  zum 
Ehrendoktor  der  Universität  Zürich  eintrug,  ,,Plautus  im  Nonnen- 
kloster", ,, Gustav  Adolfs  Page",  ,, Leiden  eines  Knaben",  ,,Die 
Hochzeit  des  Mönchs",  ,,Das  Amulett",  ,,Die  Richterin",  ,, Ver- 
suchung des  Pescara"  und  das  letzte  ,, Angela  Borgia",  das  er  teil- 


o  XL.  KAPITEL:  CONRAD  FERDINAND  MEYER  311 

weise  wiederum  seiner  Schwester  bei  einem  Aufenthalt  auf  Schloss 
Steinegg  im  Thurgau  diktierte.  Nebenher  ging  die  Entstehung 
seiner  Gedichte ;  sie  wurden  auch  von  Gottfried  Keller  immer  sehr 
hochgeschätzt,  der  an  Meyers  Prosawerken  allerlei  auszusetzen 
hatte.  Welche  Plastik  und  Klarheit  des  Ausdrucks,  um  ein  einziges 
Beispiel  anzuführen,  bewundern  wir  im  ,, Römischen  Brunnen": 

Aufsteigt  der  Strahl  und  fallend  giesst 
Er  voll  der  Marmorschale  Rund, 
Die,  sich  verschleiernd,  überfliesst 
In  einer  zweiten  Schale  Grund; 
Die  zweite  gibt,  sie  wird  zu  reich, 
Der  dritten  wallend  ihre  Flut, 
Und  jede  nimmt  und  gibt  zugleich 
Und  strömt  und  ruht. 

Zu  den  letzten  kleinen  Arbeiten  Meyers  gehört  ein  poetischer 
Gruss  zum  Jubiläum  des  Tondichters  und  Musikdirektors  Dr.  Fried- 
rich Hegar  im  Herbst  1890,  ein  Gedicht  zur  Fahnenweihe  des 
Sängervereins  ,, Harmonie"  im  Mai  1891  und  der  Prolog  zur  Ein- 
weihung des  Zürcher  Stadttheaters  am  30.  September  1891. 
Conrad  Ferdinand  Meyer  arbeitete  schwer.  Von  Natur  floss  ihm 
die  dichterische  Ader  nicht  so  sprudelnd  wie  einem  Jeremias  Gott- 
helf  und  Gottfried  Keller;  vielmehr  musste  er  wie  lycssing  mit 
Druck  und  Pumpe  arbeiten :  er  gewann  seine  Kunstwerke  einfach 
durch  Arbeit.  Er  selber  sagte:  ,,Ich  übergehe  die  Arbeit  immer 
von  neuem,  um  die  charakteristischen  Züge  Schritt  für  Schritt 
tiefer  zu  legen  und  zu  verstärken".  Zu  seinem  vertrauten  Freunde 
und  von  ihm  selbst  bestimmten  Biographen  Adolf  Frey  äusserte 
er  einmal,  er  kämpfe  mit  seinem  Stoff  wie  Jakob  mit  dem  Engel: 
,,Ich  ringe  mit  dir  und  lasse  dich  nicht,  du  segnest  mich  denn!" 
Der  Segen  lag  darin,  dass  seine  Entwürfe  aus  jeder  Umarbeitung 
schöner  und  eigener  hervorgingen.  AusserordentHch  freuten  und 
stärkten  ihn  Lob  und  Anerkennung ;  andern  eher  lästig  und  wider- 
wärtig —  wie  hat  Gottfried  Keller  auf  das  ,, vertrackte  Gerühmsei" 
geschimpft !  —  waren  sie  für  ihn  wie  Honigseim,  und  nicht  umsonst 
sagt  sein  Hütten:  ,, Süsseres  gibt  es  auf  Erden  nicht  als  ersten 
Rulimes  zartes  MorgenHcht".  Schelte  man  ihn  nicht  darum; 
seine  Naturanlage  und  geistige  Konstitution  bedurfte  der  An- 
erkennung zu  ihrem  Gedeihen  und  Fortkommen.  Adolf  Frey  gibt 
dazu  die  Erklärung:  ,,Man  hat  ihm  vorgeworfen,  dass  er  es  liebte, 


312  XL.  KAPITEL:   CONRAD  FERDINAND  MEYER  o 

sich  in  seinem  Erfolge  zu  spiegeln  und  den  Ruhm  ein  wenig  vor 
sich  her  zu  tragen,  ohne  dass  man  dabei  erwog,  dass  er  fast  drei 
Jahrzehnte  in  banger  und  ungewisser  Dunkelheit  seufzte,  bevor 
es  ihm  glückte,  ins  Licht  zu  gelangen,  so  dass  er  in  Wahrheit 
sagen  durfte:  Ich  habe  mir  die  Hände  blutig  geklettert,  ehe  ich 
oben  war."  So  vermochte  ihn  auch  Gottfried  Keller  nicht  immer 
bilHg  und  gerecht  zu  beurteilen.  Da  er  sein  Junggesellentum  und 
die  sorgenschweren  Jahrzehnte  niemals  völlig  verwand,  blickte  er 
bitter  auf  die  unabhängige  Lage  und  den  beglückten  Hausstand 
Meyers,  ohne  zu  fragen,  wieviel  Herbes  diesem  Glück  vorauf- 
gegangen, ohne  zu  ahnen,  wie  er  durch  eine  zarte  Gesundlieit  be- 
droht war.  An  Theodor  Storm  schrieb  Keller  einmal:  ,,Es  ist 
ewig  schade,  dass  er  (Meyer)  mir  für  den  persönHchen  Umgang 
verloren  ist;  allein  ich  bin  in  diesem  Punkte  starr  und  untraitabel. 
Sobald  ich  an  einem  Menschen  dieses  unnötige  Wesen  und  Sich- 
mausig-machen  bemerke,  so  lasse  ich  ihn  laufen."  Meyer  tat  diese 
ihm  wohlbekannte  Abneigung  Kellers  leid;  aber  auch  er  hatte 
vielleicht  für  Kellers  Art  nicht  immer  das  richtige  Verständnis, 
doch  urteilte  er  milde  darüber  und  schrieb  nach  Kellers  Tod: 
,, Besonders  jetzt,  da  er  tot  ist,  reinigt  sich  sein  Bild  für  mich 
völHg  von  dem  Gemeinen,  das  dem  Lebenden  anklebte  und  das 
durchaus  nicht  in  seinem  Wesen  lag,  sondern  aus  der  Wirtshaus- 
umgebung und  Weinatmosphäre,  zu  der  er  durch  den  Zölibat  ver- 
dammt war,  herstammte.  . .  .  Aus  seinen  sehr  edeln  patriotischen 
und  sittHch  tüchtigen  Seiten  haben  die  Schweizer  zu  lernen." 
Von  Keller  trennte  ihn  auch  sein  entschieden  ,, positives"  Christen- 
tum, das  im  Gegensatz  zu  Kellers  zwar  tiefer  und  natürlicher, 
aber  mehr  in  sich  verschlossener  Religiosität  sich  auch  im  münd- 
lichen und  schriftlichen  Verkehr  häufig  kundgab.  Den  sprechend- 
sten Ausdruck  fand  Meyers  Christenglaube  wohl  in  dem  kleinen 
Gedicht  ,,In  Harmesnächten" : 

Die  Rechte  streckt'  ich  schmerzlich  oft 

In  Harmesnächten 
Und  fühlt'  gedrückt  sie  unverhofft 

Von  einer  Rechten  — 
Was  Gott  ist,  wird  in  Ewigkeit 

Kein  Mensch  ergründen, 
Doch  will  er  treu  sich  allezeit 

Mit  uns  verbünden. 


o  XL.  KAPITEL:  CONRAD  FERDINAND  MEYER  313 

Mit  dem  Jahre  1891  begann  für  Conrad  Ferdinand  Meyer 
eine  neue  Passionszeit.  Geistige  Überanstrengung  in  Verbindung 
mit  der  angeborenen  leicht  psychopathischen  Veranlagung  brach- 
ten ein  Seelenleiden  zum  Ausbruch.  Wahnideen  stellten  sich  ein, 
und  in  einer  dunkeln  Stunde  zerriss  er  die  umfangreichen  Ent- 
würfe zum  „Dynasten"  und  drang  darauf,  dass  alle  Papierschnitzel 
des  wertvollen  Torsos  vor  seinen  Augen  durch  die  Magd  dem 
Feuer  übergeben  wurden,  trotz  der  Einsprache  der  treuen  Gattin. 
Als  die  Fortschritte  der  Krankheit  die  Pflege  zu  Hause  unmögHch 
machten,  willigte  er  ein,  in  die  Anstalt  Königsfelden  bei  Brugg 
zu  gehen,  wo  er  —  von  Adolf  Frey  wiederholt  besucht  —  vom 
7.  Juli  1892  bis  27.  September  1893  weilte.  Die  Wiedergenesung 
stellte  sich  langsam  ein,  aber  die  frühere  geistige  Höhe  und 
Arbeitskraft  kehrte  nicht  mehr  zurück.  Immerhin  zeugt  ein  von 
ihm  selbst  für  die  ,, Freitagszeitung"  bestimmtes  Gedicht  von  der 
wiedererlangten  Klarheit  und  Schönheit  seiner  edelgeformten  Ge- 
danken. Den  70.  Geburtstag  Conrad  Ferdinand  Meyers  am 
II.  Oktober  1895  feierte  der  Dramatische  Verein  Zürich,  der  am 
Werden  und  Wachsen  des  Dichters  von  Anfang  an  den  verständnis- 
vollsten Anteil  genommen,  mit  einer  Rede  von  Dr.  jur.  Friedrich 
Meyer-Schinz,  dem  Vetter  des  Dichters,  der  jahrelang  dessen  Sekre- 
tär gewesen  war  und  ihm  mit  seinem  umfangreichen  historischen 
Wissen  und  guten  Gedächtnis  treffliche  Dienste  geleistet  hatte. 
Noch  imposanter  war  die  am  folgenden  Tag  vom  Lesezirkel  Hot- 
tingen veranstaltete  Feier,  an  welcher  Adolf  Frey  die  Festrede 
hielt.  Auch  in  Berlin  wurde  Meyers  70.  Geburtstag  gefeiert,  und 
es  sprachen  dort  u.  a.  Julius  Rodenberg,  der  treue  Freund  und 
Förderer  der  Schweizer  Dichter  Keller  und  Meyer,  und  Meyers 
Verleger  Haessel.  Die  philosophische  Fakultät  der  Hochschule 
Zürich  gratuherte  ihrem  Ehrendoktor  mit  einer  kunstvoll  aus- 
geführten Adresse,  in  der  es  hiess:  ,,An  unsern  Blicken  zieht  heute 
der  edle  Zug  Ihrer  Gestalten  vorüber  und  mahnt  uns  zum  be- 
wtmdernden  Danke.  Möge  das  ,, grosse  stille  Leuchten",  das  rein 
wie  das  Firnenlicht  unserer  Heimat  aus  Ihren  Schöpfungen  geht, 
auch  die  kommenden  Geschlechter  für  und  für  beglücken!" 

Nach  einem  friedvollen  stillen  Feierabend  entschlief  Conrad 
Ferdinand  Meyer  sanft  und  schmerzlos  am  28.  November  1898, 
und  ein  Leichenzug,  nicht  viel  anders  und  grösser  als  er  sonst 


314  XL.  KAPITEL:   CONRAD  FERDINAND  MEYER  o 

aiif  dem  Lande  etwa  zu  sehen  ist,  geleitete  ilin  am  i.  Dezember 
zum  Grabe  an  der  trautesten  Stelle  des  kleinen  Kirchhofs  von 
Kilchberg,  das  heute  ein  schlanker  Obelisk  aus  schwarzem  Granit 
mit  der  Inschrift  „Ich  lebe  und  ihr  sollt  auch  leben"  den  Be- 
suchern kenntlich  macht.  Als  an  jenem  Abend  das  Läuten  der 
Glocken  am  See  anhob,  klangen  in  den  Herzen  der  Leidtragenden 
die  Worte  aus  des  Dichters  schlichtem  ,, Requiem": 

Bei  der  Abendsonne  Wandern, 
Wann  ein  Dorf  den  Strahl  verlor, 
Klagt  sein  Dunkeln  es  den  andern 
Mit  vertrauten  Tönen  vor. 

Noch  ein  Glöcklein  hat  geschwiegen 
Auf  der  Höhe  bis  zuletzt. 
Nun  beginnt  es  sich  zu  wiegen. 
Horch,  mein  Kilchberg  läutet  jetzt! 


!▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼  ▼▼▼▼▼▼▼^  ▼▼▼▼W  WWW  ▼▼▼▼▼▼  ▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼▼ 


EINUNDVIERZIGSTES  KAPITEL 


ZÜRICH  III  SOZIALISTISCH 

Im  August  1891  schrieb  der  „Deutsche  Sozialdemokrat":  „Aus 
der  Schweiz  kommt  die  auch  für  uns  erfreuliche  Nachricht,  dass 
Zürich,  die  Hochburg  der  Bourgeoisie,  endlich  in  den  Händen  un- 
serer Partei  liegt.  Es  wurde  nämlich  vom  Volk  des  Kantons  Zürich 
die  zwangsweise  Vereinigung  der  störrischen  und  zöpfischen  Alt- 
stadt mit  dem  weit  bevölkerteren  Aussersihl  beschlossen."  Diese 
Meldung  eilte  der  Wirklichkeit  so  weit  voraus,  dass  sie  von  ihr 
bis  jetzt  nicht  eingeholt  werden  konnte.  Wohl  aber  gelang  es  im 
Jahre  1902  der  sozialdemokratischen  Partei,  im  volksreichsten 
Stadtkreise  Zürich  III  die  Mehrheit  und  damit  die  ausschliessliche 
politische  Macht  an  sich  zu  reissen.  Diesen  für  viele  überraschen- 
den Sieg  verdankte  die  Partei  zum  Teil  ihrer  ungemein  rührigen 
Agitation.  Man  war  versucht,  an  das  Rezept  Plechanows  zu  den- 
ken, der  im  Juni  1899  im  ,, Pfauen"  einen  Vortrag  über  die  russische 
Sozialdemokratie  hielt.  ,,Wir  waren  anfangs  wenige,"  erzählte  er, 
,,doch  wir  machten  einen  Lärm,  als  ob  wir  viele  wären,  und  jetzt 
sind  wir  viele."  Aber  damit  ist  noch  wenig  gesagt.  Ohne  die  durch 
die  Stadtvereinigung  geschaffenen  günstigen  Bedingungen  wäre 
die  sozialdemokratische  Agitation  kaum  so  erfolgreich  gewesen. 
Die  Grosstadt  mit  ihren  Arbeitermassen  gab  erst  den  richtigen 
Nährboden  ab  für  eine  zukunftsfrohe  Sozialdemokratie,  so  sehr, 
dass  schon  bei  der  Wahl  Vogelsangers  in  den  Nationalrat  am 
23.  November  1890  die  ,,N.  Z.  Z."  sich  resigniert  damit  abfand, 
dass  mit  der  Zeit  der  ganze  erste  eidgenössische  Wahlkreis  den 
Sozialdemokraten  verfallen  sein  werde. 

Die  nachhaltigste  Förderung  erfuhr  die  Sozialdemokratie  durch 
den  Einfluss  geistig  hervorragender  und  persönlich  ehrenhafter 
Führer  und  durch  eine  wachsame,  schlagfertige  Presse,  deren  Nütz- 
lichkeit für  die  Gesunderhaltung  des  öffentHchen  Lebens  bei  all 
ihrer  Leidenschaftlichkeit  und  klassenkämpferischen  Einseitigkeit 
sich  auch  ihren  Gegnern  aufdrängte.    So  hat  zum  Aufstieg  der 


3i6  XU.  KAPITEI.:  ZÜRICH  III  SOZIAUSTISCH  o 

sozialdemokratischen  Partei  in  Zürich  u.  a.  der  nunmehrige  Ober- 
gerichtspräsident Otto  Lang  wesenthch  beigetragen.  Er  ist  der 
Sohn  eines  Schaff  hauser  Arztes,  geb.  1863,  und  hat  in  Zürich  und 
Berhn  jus  studiert.  In  Berhn  trat  er  in  Verbindung  mit  den  her- 
vorragendsten deutschen  sozialdemokratischen  Parteiführern  und 
kehrte  als  begeisterter  Anhänger  ihrer  Lehren  nach  Zürich  zurück. 
Hier  wurde  er  im  April  1888  vom  Volk  zum  dritten  Statthalter- 
amts-Adjunkten  (Untersuchungsrichter,  Bezirksanwalt)  gewählt. 
Dass  er  auch  in  dieser  Stellung  sich  als  sozialdemokratischer  Streik- 
und  Agitationsredner  vielfach  hervortat,  erregte  das  Missfallen  des 
Kantonsrates,  der  ihm  hiefür  bei  Beratung  des  Rechenschafts- 
berichtes am  18.  Februar  i8go  mit  104  liberalen  gegen  85  demo- 
kratische Stimmen  einen  Tadel  aussprach.  Ein  paar  Monate  später 
sass  Otto  Lang  selber  im  Kantonsrat.   Er  wurde  am  26.  Oktober 

1890  in  Örlikon  gewählt  und  nahm  bei  seinem  Eintritt  in  den  Rat 
am  17.  November  neben  Karl  Bürkli  Platz,  der  dem  jungen  Ge- 
nossen mit  schmunzelndem  Behagen  die  nötige  Personalkenntnis 
über  die  Ratskollegen  beibrachte.  Die  Ablegung  des  religiösen 
Amtsgelübdes  hatte  Otto  Lang  schriftlich  verweigert.  Er  machte 
damit  Schule ;  die  Gelübdeverweigerung  wurde  bei  der  sozialdemo- 
kratischen Fraktion  Regel,  und  schHesslich  hat  der  Kantonsrat 
selbst,  bei  Erlass  seines  neuen  Geschäftsreglements  im  Mai  1909, 
sowohl  das  Eröffnungsgebet  wie  die  rehgiöse  Form  des  Gelübdes 
abgeschafft.  Die  Wiederw^ahl  Längs  als  Bezirksanwalt  am  12.  April 

1891  wurde  von  den  Liberalen  erfolglos  bekämpft;  aber  schon  Ende 

1892  trat  er  zurück,  um  mit  seinem  Bruder  Dr.  Richard  Lang  ein 
Advokaturbureau  in  Zürich  zu  eröffnen.  Am  22.  Dezember  1895 
wählte  ihn  das  Volk  zum  Bezirksrichter,  und  schon  bald  darauf 
war  er  Vizepräsident  dieses  Gerichtshofes.  Die  Wahl  zum  Mitglied 
des  Obergerichtes  durch  den  Kantonsrat  am  20.  November  1900 
begleiteten  in  der  bürgerlichen  Presse  allerlei  Mahnungen  zu  künf- 
tigem pohtischem  Wohlverhalten,  aber  selbstverständlich  liess  sich 
Otto  Lang  durch  seine  Wahl  so  wenig  politisch  kalt  stellen  wie  an- 
dere Oberrichter,  die  in  bürgerüchen  Parteien  eine  führende  Rolle 
spielen.  Seit  dem  2.  April  1912  bekleidet  Otto  Lang  das  Präsidium 
des  Obergerichtes. 

Mit  einem  Antrittsgedicht  hat  am  23.   April   1890   Robert 
Seidel  die  Redaktion  der  ,, Arbeiterstimme"  übernommen,  die  er 


o  XU.  KAPITEL:  ZÜRICH  III  SOZIALISTISCH  317 

bis  1898  führte,  um  dann  an  das  täglich  erscheinende  ., Volksrecht" 
überzugehen.  Seidel  war  von  1890  bis  1898  zugleich  leitender 
Sekretär  und  Präsident  der  Arbeiterunion,  von  1893 — 1896  und 
wieder  seit  1899  MitgHed  des  Kantonsrates,  seit  1898  MitgHed  und 
1908  Präsident  des  Grossen  Stadtrates,  seit  1911  Mitglied  des 
Nationalrates.  Auf  das  Drängen  Seidels  waren  1897  die  Vorberei- 
tungen getroffen  worden  für  die  Herausgabe  des  ,, Volksrechts", 
dessen  Probenummer  unter  der  Redaktion  von  Paul  Brandt  und 
Seidel  am  19.  März  1898  erschien.  Schon  auf  Ende  1898  trat  der 
erste  Redaktionswechsel  ein;  Brandt  wurde  Generalsekretär  der 
Eisenbahner,  Seidel  kehrte  in  den  Schuldienst  zurück  und  wirkt 
seit  1905  an  der  Eidgen.  Technischen  Hochschule,  seit  1908  auch 
an  der  Universität  als  Privatdozent  für  Pädagogik  und  Sozial- 
pädagogik. In  die  Redaktion  des  ,, Volksrecht"  trat  sodann  der 
Badenser  Emil  Hauth,  der  jedoch  1906  unser  Land  verlassen  musste, 
worauf  Johann  Sigg  am  15.  Juni  1907  die  Redaktion  übernahm. 
Im  Mai  1912  kehrte  Hauth  als  zweiter  Redaktor  neben  Sigg  ins 
,, Volksrecht"  zurück.  Ein  sozialdemokratisches  Witzblatt,  der 
,,Neue  Postillon"  erscheint  seit  1895  in  Zürich.  Die  j  ournaUstische 
Bekämpfung  der  Sozialdemokraten  betrieb  längere  Jahre  als 
Spezialist  Major  Eduard  Attenhofer  (geb.  1842,  f  26.  März  1912), 
zuerst  als  Redaktor  der  ,,Limmat",  dann  des  von  ihm  1885  gegrün- 
deten, 1902  eingegangenen  ,, Stadtboten".  Der  Bürgen'erband 
erkor  (i.  Januar  1906)  zu  seinem  Organ  das  ehemals  demokratische 
,, Zürcher  Volksblatt"  in  Aussersihl,  das  1907  in  die  ,, Schweize- 
rische Bürgerzeitung"  (Redaktion  Dr.  Rudolf  Lüdi)  und  1913  in 
die  ,, Zürcher  Morgenzeitung"  umgetauft  wurde.  Den  Druck  über- 
nahm die  Offizin  Jean  Frey. 

Die  Stadtvereinigung  von  1892  besass  ihre  eifrigsten  Förderer 
in  den  demokratischen  Parteihäuptern  von  Aussersihl  und  Wiedi- 
kon.  Dass  diese  damit  in  pohtischer  Hinsicht  die  Geschäfte  anderer 
Leute  besorgten,  sich  selber  aber  das  Grab  schaufelten,  bedachte 
und  glaubte  damals  keiner  von  ihnen.  In  den  Grüthvereinen  sassen 
die  führenden  Demokraten,  und  an  den  demokratischen  Wahlver- 
sammlungen nahmen  auch  die  Arbeitervertreter  teil.  Nirgends  so 
schroff  wie  von  den  Demokraten  im  III.  Kreise  wurde  das  Ansinnen 
der  Liberalen,  eine  freisinnig-demokratische  Mittelpartei  unter  Ab- 
stossung  der  äussersten  Rechten  und  Linken  zu  bilden,  zurück- 


3i8  XLI.  KAPITEI.:   ZÜRICH  III  SOZIAUSTISCH  o 

gewiesen.  Die  Sozialisten  lohnten  das  demokratische  Zutrauen 
damit,  dass  sie  bei  nächster  Gelegenheit  dem  demokratischen  Natio- 
nalratskandidaten Dr.  Amsler  einen  eigenen  Kandidaten  in  Otto 
Lang  gegenüberstellten.  Bei  den  ersten  Wahlen  in  den  Grossen 
Stadtrat  im  III.  Kreis  (1892)  gingen  Demokraten  und  Sozialisten 
zusammen  und  es  wurden  gewählt  8  Freisinnige,  15  Demokraten, 
8  Sozialisten.  Die  erste  Kantonsratswahl  seit  der  Vereinigung 
(23.  April  1896)  brachte  im  III.  Kreis  Schwarber,  Biber  und  Seidel 
in  den  Rat.  1896  wurde  Seidel  wieder  von  den  Demokraten  ge- 
sprengt, und  es  war  damit  erwiesen,  dass  im  III.  Kreis  noch  jetzt 
kein  Sozialdemokrat  ohne  die  demokratischen  Stimmen  durch- 
zudringen vermochte.  Das  genannte  Jahr  war  überhaupt  für  die 
Sozialdemokraten  ungünstig.  Zum  erstenmal  trat  die  Motion 
Walder  in  Wirksamkeit,  nach  welcher  die  Ausländer  bei  Fest- 
setzung der  Wahlzahl  ausser  Betracht  fielen  (Volksabstimmung 
vom  12.  August  1894).  Dadurch  wurde  die  Vertretung  von  Ausser- 
sihl  von  16  auf  12  reduziert,  von  denen  die  Freisinnigen  3,  die 
Demokraten  7,  die  Sozialisten  2  erhielten.  Schon  drei  Jahre  darauf 
trat  der  Umschwung  ein  und  das  ,, Volksrecht"  jubelte:  ,,Der 
III.  Kreis  ist  unser!"  Am  3.  April  1899  wurden  die  letzten  Frei- 
sinnigen und  drei  Demokraten  weggewählt;  der  III.  Kreis  sandte 
8  Sozialisten  und  4  Demokraten  in  den  Kantonsrat.  1900  kam  die 
Volkszählung  und  damit  eine  starke  Vermehrung  der  Mitglieder- 
zahl des  Kantonsrates.  Man  versuchte  diese  zwar  durch  ein  Ge- 
setz auf  ein  vernünftiges  Mass  zu  reduzieren,  was  aber  hauptsäch- 
lich die  Demokraten  zu  hintertreiben  wussten.  So  bekam  der 
III.  Kreis  fortan  27  Vertreter,  und  im  ersten  Anlauf  —  am  27.  April 
1902  —  eroberten  die  Sozialdemokraten  alle  27  Mandate. 

Umsonst  hatten  die  Bürgerlichen  die  äussersten  Anstreng- 
ungen gemacht,  sich  noch  auf  einem  Winkel  des  Schlachtfeldes  zu 
behaupten.  Die  ,, Schlacht  bei  St.  Jakob  an  der  Sihl",  zu  welcher 
der  Herold  ihrer  ,, Wahlzeitung"  alle  guten  Eidgenossen  aufgerufen, 
ging  verloren.  Die  Bestürzung  darob  war  so  gross,  dass  die  Ver- 
mutung ausgesprochen  wurde,  es  sei  den  Sozialdemokraten  der 
Sieg  nur  ,, durch  einen  im  Grossen  verübten  Wahlbetrug"  möglich 
geworden.  Es  wurde  Material  gesammelt  zu  einem  Rekurs,  und  in 
der  konstituierenden  Sitzung  des  Kantonsrates  am  20.  Mai,  in 
welcher  die  27  Abgeordneten  von  Aussersihl,  verstärkt  durch  drei 


o  XU.  KAPITEL:  ZÜRICH  III  SOZIALISTISCH  319 

Genossen  aus  Unterstrass  und  8 — 9  aus  andern  Wahlkreisen,  sich 
ohne  Respekt  für  die  in  Jahrzehnten  ersessenen  Platzrechte  älterer 
demokratischer  Ratskollegen  in  den  Bänken  zur  Linken  breit 
machten,  wurde  der  Aussersihler  Vertretung  das  Gelübde  nicht 
abgenommen  und  der  eingegangene  Rekurs  an  die  Wahlakten- 
prüfungskommission gewiesen.  Eine  hochnotpeinliche  Untersuch- 
ung hob  an.  Sie  brachte  mit  Mühe  und  Not  heraus,  dass  bei  aller- 
strengster  Interpretation  des  Wahlgesetzes  die  drei  letzten  Sozial- 
demokraten möghcherweise  nicht  gewählt  sein  könnten.  Ernst- 
hafte ,, Unregelmässigkeiten"  konnten  nicht  nachgewiesen  werden; 
der  sowohl  von  den  Bürgerlichen,  wie  von  den  Sozialdemokraten 
betriebene  ,, Stimmzettelfang"  war  rechtlich  nicht  zu  fassen.  Denn- 
noch  genügte  das  dürftige  Material  der  Kommission  und  dem  Rate, 
um  sämtliche  27  Wahlen  zu  kassieren.  Scharf  und  klar  hatte  Otto 
Lang  als  ,, Kommissionsminderheit"  einen  Kassationsbeschluss 
auf  so  windiger  Grundlage  bekämpft.  Was  wussten  die  sonst  so 
beredten  Juristen  der  Rechten  darauf  zu  erwidern?  ,,Sie  haben 
geschwiegen  in  sieben  Sprachen  und  noch  mehr  Zungen",  rief 
Pfarrer  Pflüger  an  der  Protestversammlung  auf  der  Rotwandwiese 
am  Abend  des  26.  August,  wo  beim  lodernden  Fackelschein  eine 
flammende  Resolution  gegen  den  vom  Kantonsrat  begangenen 
„Rechtsbruch"  beschlossen  wurde. 

Am  Sonntag  darauf,  den  31.  August,  brachten  die  Sozial- 
demokraten noch  1000  Mann  mehr  als  das  erste  Mal  an  die  Urnen 
und  die  27 ,, kassierten"  Genossen  wurden  aufs  glänzendste  bestätigt. 
An  diesem  Volksentscheid  war  nichts  mehr  zu  interpretieren,  für 
die  Bürgerlichen  in  Aussersihl  nichts  mehr  zu  hoffen.  Die  Sozial- 
demokraten zogen  nur  die  Konsequenz  aus  dem  ,,Majorz"-System, 
als  sie  1907  auch  alle  49  Mandate  des  III.  Kreises  für  den  Grossen 
Stadtrat  in  Beschlag  nahmen,  während  sich  die  bürgerhchen  Ele- 
mente, Freisinnige  und  Demokraten,  unter  dem  Zwang  der  Not 
zu  einer  einheitHchen  ,, Bürgerlichen  Partei  Zürich  III"  zusammen- 
schlössen (Konstituierung  12.  Februar  1908).  Der  erste  sozial- 
demokratische Präsident  des  Grossen  Stadtrates  von  Zürich,  Her- 
man  Greulich,  ist  dieser  Ehre  am  22.  Oktober  1904  teilhaftig  ge- 
worden, und  zehn  Jahre  später,  1914,  öffnete  sich  ihm  mit  der 
Wahl  zum  2.  Vizepräsidenten  des  Kantonsrates  auch  die  Aus- 
sicht  auf   die   höchste   parlamentarische   Auszeichnung,    die   der 


320  XLI.  KAPITEL:  ZÜRICH  III  SOZIALISTISCH 


Ol 


Kanton  Zürich  zu  vergeben  hat:  das  Präsidium  des  Kantonsrates. 
Greulich,  der  Veteran  der  zürcherischen  sozialdemokratischen: 
Partei,  wird  als  schlagfertiger  Debatter,  dem  alle  Register  eines 
Volks-  und  Parlamentsredners,  von  den  einschmeichelnden  Tönen 
treuherziger  Biederkeit  bis  zum  Donnern  des  grollenden  Jupiter, 
zur  Verfügung  stehen,  von  keinem  Jüngern  MitgHed  des  Rates, 
übertroffen.  Die  AnhängHchkeit  seiner  Partei  für  ihn  ist  an  seinem 
70.  Geburtstag,  den  9.  April  1912,  zum  Ausdruck  gekommen,  und 
es  hat  damals  Otto  Lang  ihn  mit  den  Worten  charkterisiert :  ,,Um 
Sozialdemokrat  zu  sein  und  zu  bleiben,  hat  er  nie  die  Wirkhchkeit 
verkennen  und  vergessen  müssen:  Er  ist  immer  auf  der  Erde  ge- 
standen und  hat  von  diesem  Boden  aus  den  Weg  zum  Soziahsmus 
gefunden.  Darum  besitzt  er  mehr  als  irgend  einer  von  uns  die 
Gabe,  uns  das  sozialistische  Problem  nahe  zu  bringen,  als  Ergeb- 
nis menschhcher  Tätigkeit,  als  et^^'as  Grosses  und  Schönes,  das 
wohl  der  Zukunft  angehört,  aber  dennoch  durch  breite  Brücken 
mit  der  nüchternen  Wirkhchkeit  verbunden  ist." 

Da  die  sozialdemokratische  Partei  die  ausgesprochene  Ver- 
treterin der  Klasseninteressen  der  lohnarbeitenden  Bevölkerung 
ist  und  sein  will,  ist  sie  mehr  als  irgend  eine  andere  Partei  mit 
den  wirtschaftHchen  Kämpfen  verknüpft.  Ihre  MitgHeder,  die 
,, Genossen",  gehören  in  der  grossen  Mehrzahl  auch  den  Gewerk- 
schaften an  und  führen  dort  im  Verein  mit  den  ausländischen  Ge- 
nossen, die  als  solche  nur  gewerkschaftlich  und  nicht  auch  poHtisch 
organisiert  sind,  den  Kampf  um  bessere  Arbeitsbedingungen  (mehr 
Lohn,  kürzere  Arbeitszeit,  Anerkennung  der  Organisation  usw.). 
Sache  der  schweizerischen  Genossen  ist  es  sodann,  durch  ihre  Ver- 
treter in  den  Räten  die  soziale  Gesetzgebung  und  die  Arbeiter- 
schutzverordnungen zu  fördern  und  zu  beeinflussen,  andererseits 
Massnahmen,  welche  die  Kampfbedingungen  für  die  Arbeiter  er- 
schweren könnten,  nach  MögHchkeit  zu  verhindern.  Die  Stellung 
der  kantonalen  und  städtischen  Exekutive  in  diesen  wirtschaft- 
lichen Kämpfen  ist  ebenso  schwierig  als  undankbar.  Sie  hat  darüber 
zu  wachen,  dass  die  meist  mit  Leidenschaftlichkeit  verfolgten 
Kampfesziele  und  die  Mittel  zu  ihrer  Erreichung  nicht  allzu  sehr 
die  Rechte  anderer  und  die  Interessen  der  Allgemeinheit  beein- 
trächtigen. Selten  wird  ihr  von  der  einen  oder  andern  der  im  Kampf 
stehenden  Parteien  oder  von  beiden  der  Vorwurf  erspart,  dass  sie 


o  XIvI.  KAPITEL:   ZÜRICH  III  SOZIAUSTISCH  321 

mit  ihren  Massnahmen  oder  aber  mit  untätigem  Zuschauen  die 
Gegenpartei  begünstige.  Am  schärfsten  umstritten  ist  jeweilen 
das  Mihtärauf gebot  bei  grösseren  Streikunruhen.  Nach  der  in 
den  Gewerkschaften  herrschenden  Auffassung  ist  das  MiHtärauf- 
gebot  in  jedem  Falle  der  Beweis  krasser  Parteinahme  der  Behör- 
den für  die  Arbeitgeber.  Was  die  Gewerkschaften  unter  „Koa- 
litionsfreiheit" verstehen,  ist  nichts  anderes  als  die  Anerkennung 
einer  temporären  Diktatur  der  Streikenden.  ,,Der  sonst  bestehende 
Rechtszustand  erscheint  ihnen  durch  die  Proklamierung  des 
Kampfes  gewissermassen  suspendiert,  und  man  klagt  schon  über 
Beeinträchtigung  der  Koalitionsfreiheit,  wenn  sich  der  Staat  dieser 
Anschauung  nicht  anbequemt  und  der  Freiheit  der  Streikenden, 
in  beliebiger  Weise  auf  die  ArbeitswilHgen  einzuwirken,  mit  Hilfe 
der  bew^affneten  Macht  bestimmte  Grenzen  zieht"  (Herkner). 
Das  Bestreben  der  Behörden  geht  naturgemäss  vor  allem  auf  Eini- 
gung und  Vermittlung,  wozu  sie  sobald  als  möglich  ihre  guten 
Dienste  anbieten.  Gegen  diese  Vermittlung  haben  dann  oft  wieder 
die  Arbeitgeber  eine  instinktive  Abneigung,  weil  sie  wissen,  dass 
Einigung  ohne  Opfer  und  Konzessionen  nicht  möglich  ist,  und 
zugleich  befürchten,  die  als  Schiedsrichter  amtenden  Vertreter 
der  Behörden,  denen  eben  doch  der  Einblick  in  die  wirklichen  Ver- 
hältnisse und  in  das,  was  das  Gewerbe  zu  ertragen  vermöge,  fehle, 
möchten  auf  einen  Friedensschluss  auf  ihre  Kosten  drängen. 

Die  Streike  wiederholen  sich  im  Laufe  der  Jahre  mit  einer 
gewissen  Regelmässigkeit  und  damit  —  in  grösserem  oder  kleine- 
rem Umfang  —  auch  ihre  Begleiterscheinungen.  Von  besonderer 
Bedeutung  für  das  Gemeinwesen  waren  die  Vorgänge  der  Jahre 
1897,  1905,  1906  und  1912.  Das  Jahr  1897  brachte  den  Nordost- 
bahnstreik. Er  drohte  schon  das  Jahr  zuvor  auszubrechen,  als 
das  Personal  sämtlicher  Hauptbahnen  in  einer  Lohnbewegung 
stand  und  die  grosse  Eisenbahnerlandsgemeinde  in  Aarau  am 
Sonntag  den  16.  Februar  1896  ihre  kategorischen  Forderungen 
aufstellte.  Damals  stand  Theodor  Sourbeck,  der  ,, Eisenbahner- 
general", der  meteorgleich  am  Himmel  der  schweizerischen  Ar- 
beiterbewegung aufgetaucht  war,  um  nach  kurzem  Glänze  wieder 
zu  verschwinden,  im  Zenith  seiner  Popularität.  Da  die  Nordost- 
bahn sich  bei  der  Einigungskonferenz  der  Eisenbahngesellschaften 
mit  Bundesrat  Zemp  in  Bern  am  29.  Februar  1896  abseits  ge- 

21 


322  XLI.  KAPITEL:   ZÜRICH  III  SOZIALISTISCH  o 

halten  und  die  Abmachungen  nicht  unterzeichnet  hatte,  wurde 
ihr  von  Sourbeck  auf  den  2.  März  der  Streik  angesagt.  Durch  Ver- 
mittlung Zemps  kam  aber  am  i.  März  der  „Friede  von  Zürich" 
zustande,  der  den  Konflikt  mit  der  Erfüllung  der  Arbeiterforde- 
rimgen  beilegte.  Sourbeck  wurde  am  25.  Oktober  1896  von  den 
Berner  Freisinnigen  in  den  Nationalrat  gewählt  (1899  wieder  fallen 
gelassen) . 

Im  Frühjahr  1897  wurde  der  Streit  bei  der  Nordostbahn  plötz- 
lich wieder  akut.  Es  hiess,  die  Direktion  habe  ihre  VerpfHchtungen 
nicht  innegehalten,  das  verpfändete  Wort  gebrochen.  Eine  Dele- 
giertenversammlung der  Nordostbahnangestellten  am  28.  Februar 
fasste  in  Anwesenheit  Sourbecks  einstimmig  Kampfbeschlüsse.  In 
ihrem  Namen  ersuchte  Sourbeck  am  2.  März  den  Verwaltungs- 
rat der  Nordostbahn,  ,,er  möge  dafür  besorgt  sein,  dass  die  Direk- 
tion ihr  am  i.  März  1896  gegebenes  Wort  einlöse."  Das  Zentral- 
komitee der  Eisenbahner  sei  bereit  zu  Unterhandlungen  vor  dem 
Eisenbahndepartement.  Die  Antwort  wurde  erbeten  bis  10.  März, 
vormittags  10  Uhr.  Folgenden  Tages,  den  3.  März,  beschloss  der 
Verwaltungsrat  die  Einsetzung  einer  Kommission  zur  Prüfung 
der  Postulate  der  Eisenbahner  und  Antragstellung  darüber;  die 
Mehrheit  der  Kommissionsmitgheder  war  den  Arbeiterforderungen 
unbedingt  günstig  gesinnt.  Sonntag  vormittag  den  7.  März  ver- 
sammelten sich  im  alten  Schützenhaus  400  Nordostbahnange- 
stellte. Es  wurde  der  Antrag  auf  sofortige  Organisation  des  Streiks 
gestellt;  Arbeitersekretär  Greulich  beantragte  dagegen,  vorerst 
die  Ergebnisse  der  Untersuchungskommission  abzuwarten,  was 
auch  beschlossen  wurde.  Der  Friede  schien  gesichert,  aber  am 
Montag  vormittag  den  8.  März  übermittelte  Sourbeck  aus  Bern 
dem  Verwaltungspräsidenten  Guyer-Zeller  ein  telegraphisches 
Ultimatum:  ,,Bis  zum  10.  März  vormittags  10  Uhr  ja  oder  nein." 
Guyer-Zeller  telegraphierte  am  Mittwoch  vormittag  den  10.  März 
an  Bundesrat  Zemp,  die  Antwort  auf  das  Ultimatum  Sourbecks 
liege  in  dem  Beschluss  des  Verwaltungsrates  vom  3.  März.  Punkt 
10  Uhr  erscliien  Sourbeck  bei  Bundesrat  Zemp,  um  die  Note 
Guyer-Zellers  einzusehen.  Er  erklärte  sie  für  ,, unbefriedigend" 
und  den  Streik  für  unvermeidlich.  Auf  das  Zureden  Zemps  er- 
widerte er,  das  Personal  habe  nun  einmal  beschlossen,  die  Arbeit 
niederzulegen,  um  auf  diese  Weise  die  missliebige  Direktion,  von 


o  XLI.  KAPITEI.:  ZÜRICH  III  SOZIAUSTISCH  323 

der  es  nichts  Gutes  mehr  erwarte,  auf  die  Seite  zu  schieben.  Immer- 
hin bequemte  sich  Sourbeck  noch  zu  einer  letzten  Konzession: 
Einberufung  der  Kommission  des  Verwaltungsrates  auf  Donnerstag 
vormittag  zu  einem  sofortigen  und  endgiltigen  Entscheid  (wozu 
diese  Kommission  gar  keine  Kompetenz  besass).  Alsbald  nach 
der  Audienz  reiste  Sourbeck  mit  seinem  Gefolge  nach  Zürich. 
Abends  hob  eine  zweite  Delegiertenversammlung  der  Eisenbahner 
die  Beschlüsse  vom  Sonntag  auf  und  erklärte  in  einem  Bulletin 
die  Lage  für  ,,sehr  ernst". 

Donnerstag  vormittag  den  11.  März  begab  sich  Regierungsrat 
Locher,  ein  Mitglied  der  vom  Verwaltungsrat  bestellten  Kom- 
mission, in  den  ,, Schützengarten",  das  Hauptquartier  des  Zentral- 
komitees. Er  fand  bereits  eine  abgeschlossene  Sachlage,  die  Eisen- 
bahner zum  Streik  entschlossen  und  die  Proklamation  des  Komitees 
erlassen  und  versandt.  Sie  war  sogar  schon  in  den  ,,Aargauer  Nach- 
richten" erschienen.  Bald  prangte  die  Streikproklamation  auch 
an  den  Mauern  von  Zürich:  ,,Wir  wälzen  feierlich  die  Verantwort- 
lichkeit für  die  gegenwärtige  Sachlage  von  uns  ab  auf  die  wirklich 
Schuldigen:  die  Direktion  der  Nor  dostbahn" ,  hiess  es  darin. 
Abends  8  ^  Uhr  war  Eisenbahnerversammlung  im  alten  Schützen- 
haus. Sie  beschloss  mit  allen  gegen  4  Stimmen  den  sofortigen 
Streik.  Die  Eisenbahner  waren  überzeugt,  dass  der  Bund  unver- 
weilt  eingreifen  und  den  Betrieb  übernehmen  werde;  hatte  man 
doch  im  letzten  Jahr  in  der  Bundesversammlung,  als  der  Streik 
drohte,  von  Seiten  des  Bundesrates  gehört,  dass  der  Streik  keine 
Stunde  gedauert  und  der  Bund  sofort  eingegriffen  hätte.  Nun 
aber,  da  der  Ernstfall  eintrat,  zeigte  sich,  dass  die  Rechts-  und 
konstitutionellen  Grundlagen  für  einen  sofortigen  Bundesbetrieb 
fehlten.  Von  nachts  12 Uhr  an,  11./12.  März,  Freitags,  bis  Samstag 
nachmittag  5  Uhr,  41  Stunden  lang,  ruhte  der  Verkehr  der  Nord- 
ostbahn vollständig.  In  der  Bahnhofhalle  war  es  kirchenstill. 
Es  war  für  Zürich  eine  arge  Kalamität,  besonders  am  Freitag 
(Wochenmarkt).  Nur  die  wenigen,  vom  Streik  nicht  betroffenen 
Züge  der  Vereinigten  Schweizerbahnen  fuhren  ein  und  aus,  aber 
die  höheren  Bahnhofbeamten  mussten  selbst  die  Weichen  stellen 
und  alle  Dienste  verrichten.  Von  Stunde  zu  Stunde  harrte  man 
auf  ein  erlösendes  Wort  aus  Bern.  Es  kam  nicht.  Die  Meinung 
verbreitete    sich,    Bundesrat   Zemp   wolle    absichtlich   nicht  ein- 


324  XLI.  KAPITEL:  ZÜRICH  III  SOZIAUSTISCH  o 

greifen,  um  die  Nordostbahn  für  den  Rückkauf  mürbe  zu  machen, 
an  dessen  Vorbereitung  er  gerade  arbeitete;  auch  Curti  sagt  in 
seiner  Geschichte  der  Schweiz  im  19.  Jahrhundert,  dass  der  Nordost- 
bahnstreik wohl  am  meisten  zur  Annahme  der  Eisenbahnverstaat- 
lichungsvorlage am  20.  Februar  1898  mitgewirkt  habe.  Allgemein 
hatte  man  die  Überzeugung,  dass  ein  solcher  Skandal  wie  der 
Nordostbahnstreik  nur  unter  der  Privatwirtschaft  vorkommen 
könne  und  bei  der  Staatsbahn  ausgeschlossen  wäre.  Dieser  An- 
sicht schien  auch  Bundesrat  Zemp  zu  huldigen;  wenigstens  wurde 
seine  Antwort  auf  die  Interpellation  von  Oberst  Meister  über  den 
Nordostbahnstreik  im  Nationalrat  am  18.  März  1897  so  aufgefasst. 
Die  seitherige  Entwicklung  der  Klassenkampftheorie  ist  nun  aber 
auf  dem  Standpunkt  angelangt,  dass  den  Staats-  und  Gemeinde- 
arbeitern, den  Arbeitern  an  den  öffentlichen  Betrieben,  nicht  nur 
für  sich  selbst  jederzeit  ein  Streikrecht,  sondern  auch  im  Falle 
eines  Massenstreiks,  Generalstreiks  oder  S^^mpathiestreiks  zur 
Unterstützung  anderer  Arbeiterkategorien,  eine  Streikpflicht  zu- 
komme. Sind  ihre  eigenen  Lohn-  und  Anstellungsverhältnisse  be- 
friedigend, so  ist  das  kein  Grund,  sie  vom  vStreik  zu  dispensieren; 
sie  haben  im  Gegenteil,  so  wird  gesagt,  nur  um  so  mehr  Pflicht, 
mitzumachen  und  damit  auch  ihren  Genossen  zu  ähnHch  gün- 
stigen Arbeitsbedingungen  zu  verhelfen.  Den  Vertretern  dieser 
Theorie  schien  jedoch,  zu  entgehen,  dass  dadurch  der  in  Stadt 
und  Kanton  Zürich  schon  in  reichem  Masse  ausgestaltete  Staats- 
und Gemeindesozialismus  auf  das  unheilvollste  kompromittiert 
werden  musste;  denn  wer  konnte  sich  für  ihn  noch  begeistern, 
wenn  die  öffentHchen  Betriebe  keinen  Augenblick  mehr  davor 
sicher  sein  sollten,  wegen  irgendeines  Streiks  in  einem  Privat- 
betrieb aus  lauter  ,, Sympathie"  von  ihren  eigenen  Arbeitern  und 
Angestellten  ebenfalls  stillgelegt  zu  werden  ? 

Freitag  Mittag  liiess  es,  eine  bundesrätliche  Delegation  werde 
nach  Zürich  kommen,  für  deren  Reise  Sourbeck  die  Abfertigung 
und  Bedienung  eines  Extrazuges  bewilligt  habe.  Um  2  Uhr  30 
trafen  die  Herren  ein :  Die  Bundesräte  Zemp  und  Müller,  Bundes- 
anwalt Scherb,  Departementssekretär  Mürset  und  einige  Beamte 
der  Oberpostdirektion.  Auf  dem  Perron  warteten  einige  MitgHeder 
des  Regierungsrates,  und  Eisenbahner  und  Volk  empfingen  die 
Aussteigenden  mit  brausendem  Hoch.    Aber  es  wurde  Abend  und 


o  XLI.  KAPITEI.:  ZÜRICH  III  SOZIALISTISCH  325 

wieder  Morgen,  und  immer  noch  fuhren  keine  Züge  von  Zürich  ab. 
Erst  Samstag  gegen  Mittag  einigte  man  sich  auf  die  Übertragung 
des  Schiedsgerichtes  an  Bundesrat  Zemp,  der  die  pekuniären 
Forderungen  der  Arbeiter  ohne  weiteres  bewilUgte,  aber  die  Ent- 
fernung der  Direktoren  wegen  der  ungünstigen  Rückwirkung  auf 
die  Eisenbahnverstaathchung  abwies.  Samstag  nachmittags  5  Uhr 
40  Min.  wurde  der  Betrieb  wieder  aufgenommen,  nachdem  das 
Zentralkomitee  folgende  Depesche  versandt  hatte:  ,,An  alle  Sta- 
tionen der  Nordostbahn.  Einigung  durch  bundesrätUchen  Schieds- 
spruch erfolgt.  Zentralkomitee  weist  Personal  an,  sich  sofort  in 
Dienst  zu  begeben  zur  Betriebsübernahme.  Sour- Greulich -beck" 
(das  verabredete  Stichwort). 

1905  ist  das  Geburtsjahr  des  Bürgerverbandes.  Ein  Maurer- 
und Handlangerstreik  mit  den  übhchen  Erscheinungen  hatte  die 
Einberufung  einer  2000  Mann  starken  bürgerlichen  Versammlung 
in  den  Börsensaal  auf  den  18.  April  veranlasst,  die  gegen  die  Aus- 
schreitungen beim  Streik  und  die  ,, Schlappheit"  der  Behörden 
protestierte.  Eine  Gegendemonstration  (mit  anschliessendem  Zug 
zur  Börse)  veranstalteten  die  Sozialdemokraten  am  19.  abends 
auf  der  Rotwandwiese.  Im  Auftrag  der  bürgerlichen  Versammlung 
erliess  deren  Komitee  am  29.  April  einen  Aufruf  zur  Bildung  eines 
,, mächtigen  Bürgen^erbandes" .  Die  Konstituierung  erfolgte  am 
31.  Mai  1905.  Der  Bürgerverband  war  gedacht  als  wirtschaftHche 
Gruppe  der  selbständig  Erwerbenden,  unabhängig  von  den  politi- 
schen Parteien.  Seinen  Mitgliedern  sollte  vollständig  frei  stehen, 
je  nach  ihrer  individuellen  politischen  Überzeugung  sich  der  frei- 
sinnigen oder  demokratischen  Partei  anzuschHessen,  resp.  darin 
zu  verbleiben.  In  der  Praxis  Hess  sich  jedoch  dieser  Grundsatz 
nicht  durchführen.  Sowohl  das  freisinnige  wie  das  demokratische 
Parteiprogramm  machten  den  sozialpolitischen  Forderungen  der 
Neuzeit  weitgehende  Konzessionen.  Der  Bürgen^erband  aber  war 
ein  natürHcher  Gegner  mancher  dieser  Forderungen,  die  er  als 
ungebührliche  Schädigung  der  Interessen  der  selbständig  Erwer- 
benden betrachtete.  Er  musste  daher  früher  oder  später  notwen- 
digerweise mit  den  bestehenden  pohtischen  Parteien  in  KonfHkt 
kommen,  und  das  um  so  eher,  als  er  schon  frühzeitig  begann, 
eine  selbständige  Wahl-  und  AbstimmungspoHtik  zu  betreiben, 
also  sich  in  vollem  Umfang  auch  politisch  zu  betätigen  und  damit 


326  XLI.  KAPITEL:   ZÜRICH  III  SOZIAUSTISCH  o 

gelegentlich  die  Politik  der  übrigen  Parteien  zti  durclikreuzen. 
Nachdem  er  1907  den  demokratischen  Stadtrat  Nägeli  bei  der 
Wiederwahl  bekämpft  und  dadurch  den  Sozialisten  die  Sprengung 
des  Freisinnigen  Welti  erleichtert  hatte,  und  1908  bei  den  Natio- 
nalratswahlen dank  der  Fronde  des  Bürgerverbandes  gegen  die 
Kandidatur  Wettstein  Greulich  gewählt  worden  war,  beschloss 
am  4.  Dezember  1908  die  demokratische  Partei  des  ersten  eidge- 
nössischen Wahlkreises  einstimmig  die  Unvereinbarkeit  der  Mit- 
ghedschaft  in  der  demokratischen  Partei  und  im  Bürgerver- 
band. Den  gleichen  Beschluss  fasste  —  aus  ähnlichen  Gründen  — 
am  9.  Januar  1911  der  freisinnige  Stadtverein  mit  131  gegen 
100  Stimmen  bei  70  Enthaltungen.  Die  Stärke  des  Bürgerver- 
bandes bestand  in  seinem  Rückhalt  an  der  durch  die  unauf- 
hörHchen  Streikunruhen  gelangweilten  und  erbitterten  öffentlichen 
Meinung.  Sie  ermöglichte  ihm  auch,  in  der  Form  einer  Streik- 
initiative vom  Jahre  1906  eine  bedeutende  Verschärfung  des 
Strafgesetzbuches  bezüglich  der  Streikvergehen  herbeizuführen. 
Es  kamen  für  diese  Streikinitiative,  die  in  erster  Linie  als  das 
Werk  des  juristischen  Beraters  und  Führers  des  Bürgerverbandes, 
alt  Oberrichter  Dr.  Albert  Rosenberger,  zu  betrachten  ist,  18,637 
gültige  Unterschriften  zusammen.  Das  Volk  stimmte  der  vom 
Kantonsrat  etwas  abgeschwächten  Vorlage  am  26.  April  1908  mit 
grossem  Mehr  zu.  Als  Folge  des  Generalstreiks  von  1912  ist  eine 
zweite,  noch  schärfere  Streikinitiative  zu  betrachten,  für  welche 
im  Jahr  1913  der  Staatskanzlei  12,000  Unterschriften  eingereicht 
wurden.    Der  Erfolg  dieses  Volksbegehrens  steht  noch  dahin. 

Ein  Generalstreik  der  städtischen  Arbeiter  drohte  im  Jahre 
1905  im  Zusammenhange  mit  Vorgängen  im  städtischen  Gaswerk 
Schlieren,  wo  ein  Maschinist  B.  entlassen  worden  war.  Eine  Ver- 
sammlung der  Gasarbeiter  am  6.  April  beschloss,  ,,sicli  mit  dem 
Kollegen  B.  solidarisch  zu  erklären  und  dem  Stadtrat  Zürich  ein 
Ultimatum  zu  stellen,  nach  w^elchem  die  sofortige  Wiederanstellung 
des  Maschinisten  B.  verlangt  wird.  Es  wird  dem  Stadtrat  eine 
Frist  bis  zum  10.  April  vormittags  10  Uhr  angesetzt,  innert  welcher 
er  sich  zu  erklären  hat,  ob  er  dem  Begehren  der  Arbeiter  zu  ent- 
sprechen gedenke  oder  nicht".  Mit  chargiertem  Brief  vom  14.  April 
wurde  dann  diese  Frist  noch  verlängert  bis  zum  15.  April,  abends 
7  Uhr.    An  diesem  Tage  beschloss  der  Stadtrat,  unter  gewissen 


o  XLI.  KAPITEI.:  ZÜRICH  III  SOZIALISTISCH  327 

Bedingungen  der  Kündigung  des  B.  keine  weitere  Folge  zu  geben. 
Da  aber  der  Betreffende  die  gestellten  Bedingungen  nicht  erfüllte, 
erfolgte  am  17.  Mai  die  definitive  Entlassung.  Nachdem  noch  ein 
weiterer  Arbeiter  C.  entlassen  worden  war,  beschloss  eine  Ver- 
sammlung städtischer  Arbeiter  aller  Betriebe  am  14.  Juli  1905, 
in  welcher  Greulich  vor  Unbesonnenheiten  warnte  und  den  In- 
stanzenweg empfahl:  ,,dem  Vorstande  Vollmacht  zu  erteilen,  in 
Verbindung  mit  den  Betriebsvertrauensleuten  den  Zeitpunkt  des 
allgemeinen  Ausstandes  der  städtischen  Arbeiter  zu  bestimmen 
und  der  Generalversammlung  einen  entsprechenden  Antrag  zur 
Beschlussfassung  zu  unterbreiten."  Der  Stadtrat  nahm  daraufhin 
Veranlassung,  im  städtischen  Amtsblatt  vom  19.  Juli  eine  War- 
nung an  die  städtischen  Arbeiter  zu  erlassen. 

Das  Streikjahr  1906  wurde  eingeleitet  durch  einen  Ausstand 
der  Bauarbeiter.  Am  15.  Juni  folgte  ihm  der  Streik  in  der  Auto- 
mobilfabrik Arbenz  &  Co.  in  Albisrieden  bei  Zürich,  dessen  Verlauf 
am  2.  Juli  die  Pikettstellung,  am  19.  Juli  das  Aufgebot  von  Regi- 
ment 22  (Oberstleutnant  Merkli)  und  Schwadron  17  nötig  machte. 
Es  gab  mehrere  Zusammenstösse  ungefährlicher  Art.  Wegen  Ver- 
breitung eines  antinüUtaristischen  Flugblattes  in  religiösem  Ge- 
wand (die  ,,Eriedens-Glocke")  unter  den  Soldaten  wurden  Kantons- 
rat Joh.  Sigg,  Verfasser  desselben,  und  einige  andere  verhaftet 
und  unter  der  Anklage  der  Aufreizung  von  Soldaten  ,,im  aktiven 
Dienst"  zum  Ungehorsam  vor  das  Militärgericht  der  6.  Division 
(Grossrichter  Oberrichter  Gottfried  Müller)  gestellt.  Sigg  erhielt 
8  Monate  Gefängnis,  die  übrigen  wurden  freigesprochen.  Stark  war 
während  dieser  Vorgänge  wiederum  vom  Generalstreik  die  Rede, 
der  aber  hauptsächlich  dank  den  Bemühungen  Greulichs  in  einer 
Arbeiterunionsversammlung  am  20.  Juli  abgelehnt  wurde.  Eine 
Reihe  von  Versammlungen  in  der  ,, Eintracht"  im  Frühjahr  1909 
diskutierte  neuerdings  die  Generalstreikfrage  und  empfahl  nach 
einem  Referat  Greulichs  und  Korreferat  des  Arztes  Fritz  Brup- 
bacher  im  Sinne  des  letztern  eine  Resolution,  welche  u.  a.  empfahl: 
,, Demonstrationen  auf  der  Strasse,  welche  die  Arbeiter  gewöhnen, 
ihren  Mut  zu  entv/ickeln  in  Zusammenstössen  mit  der  Staatsgewalt 
und  sie  darauf  zu  lenken,  durch  Bildung  von  sogen.  Arbeiter- 
Garden  ein  Mittel  zu  entwickeln,  das  dazu  dient,  die  staatliche 
und  private  Gewaltanwendung  abzuwenden." 


328  XLI.  KAPITEL:  ZÜRICH  III  SOZIALISTISCH  o 

Eine  gefährliche  Höhe  erreichten  die  wirtschaftlichen  Kämpfe 
wiederum  im  Jahre  1912.  Die  Feindseligkeiten  wurden  eröffnet 
mit  dem  Streik  der  sozialdemokratischen  Malergewerkschaft  am 
18.  März.  Mit  besonderem  Hass  verfolgten  die  Streikenden  ihre 
„christhchen"  (katholischen)  Kollegen,  welche  bei  ihren  nicht 
dem  Meister\'erband  angehörenden  und  an  dem  Konflikt  nicht 
beteiligten  Arbeitgebern  ruhig  weiter  arbeiteten.  Am  15.  April 
schoss  in  den  Gebäuden  der  Zentralmolkerei  am  Sihlquai  ein  christ- 
licher Malergeselle,  der  schon  vorher  schwer  misshandelt  worden 
war,  einen  ihn  hartnäckig  verfolgenden  Streiker  mit  dem  Revolver 
nieder.  Das  am  24.  April  stattfindende  Begräbnis  des  Getöteten 
(f  21.  April  im  Krankenhaus  Neumünster)  gab  den  Sozialdemokraten 
Anlass  zu  einem  gewaltigen  ,, Demonstrationsleichenzug",  und  der 
Freispruch  des  christUchen  Malers  durch  das  Schwurgericht  in 
Pfäffikon  (24.  Mai)  wurde  am  30.  Mai  von  einer  Protestversamm- 
lung auf  der  Rotwandwiese  als  ,, Klassenurteil"  erklärt.  Die  Streik- 
exzesse mehrten  sich  in  bedenkhchem  Grade,  seitdem  (am  i.  April) 
auch  die  Bauschlosser  in  den  Kampf  getreten  waren.  Die  geschä- 
digten Meister  suchten  sich  zum  Teil  mit  ,, Streikbrechern"  zu  be- 
helfen,  die  aus  Deutschland  importiert  worden  waren  und  unter 
denen  sich  auch  fragv^'ürdige  Elemente  befanden.  Wiederholt  ge- 
langten die  Meistervereine  an  den  Regierungsrat  mit  dem  Gesuch, 
angesichts  der  Unzulänglichkeit  der  StadtpoHzei  seinerseits  einzu- 
schreiten zum  Schutz  der  Arbeitswilligen.  Die  Justiz-  und  Polizei- 
direktion antwortete  am  3.  Mai,  dass  vorderhand  von  ausserordent- 
lichen Massnahmen  gegenüber  dem  Streik  Umgang  genommen 
worden  sei,  dass  aber  der  Regierungsrat  eine  Delegation  zwecks 
Beilegung  der  schwebenden  Streiks  ernannt  habe.  Hierauf  richte- 
ten 35  Meisterverbände  am  13.  Mai  eine  Eingabe  an  den  Kantons- 
rat, in  welcher  sie  erklärten,  dass  sie  von  der  Regierung  nicht  Ver- 
mittlung, sondern  Schutz  der  Arbeitswilligen  verlangt  hätten  und 
nun  den  Kantonsrat  um  geeignete  Massnahmen  ersuchten.  Nach 
dreitägiger  Debatte  lud  der  Kantonsrat  am  17.  Juni  den  Regie- 
rungsrat ein,  ,,von  allen  Machtmitteln  des  Staates  zum  Schutze 
der  Rechtsordnung  Gebrauch  zu  machen".  Eine  Beruliigung  wurde 
dadurch  allerdings  nicht  herbeigeführt,  vielmehr  sah  sich  der 
Regierungsrat  veranlasst,  am  5.  Juli  an  den  Stadtrat  von  Zürich 
die   Aufforderung  zu  richten,   zum   Schutze   der  Arbeitswilligen 


o  XIvI.  KAPITEL:  ZÜRICH  IH  SOZIALISTISCH  329 

ernstere  Vorkehren  zu  treffen,  worauf  der  Stadtrat  am  6.  Juli 
die  Aufstellung  von  Streikposten  innerhalb  eines  gev/issen  Um- 
kreises um  die  beiden  meistbedrohten  Werkstätten  und  die  Be- 
setzung der  übrigen  Streikposten  mit  mehr  als  zwei  Mann  verbot. 

Noch  am  gleichen  Tage  gelangte  der  Metallarbeiterverband, 
Sektion  Zürich,  an  den  Vorstand  der  Arbeiterunion  Zürich  mit 
dem  Antrag,  im  Sinne  des  Beschlusses  der  Metallarbeiterversamm- 
lung vom  2.  JuH  ,, sofort  eine  Gesamtaktion  der  Arbeiterschaft 
Zürichs  einzuleiten' ' .  Es  beschloss  darauf  der  Vorstand  der  Arbeiter- 
union am  Montag  den  8.  Juli  mit  8  gegen  4  Stimmen,  der  Dele- 
giertenversammlung der  Arbeiterunion  die  Proklamierung  des 
Generalstreiks  zu  beantragen.  Die  erste  Delegiertenversammlung 
fand  am  Dienstag  den  9.  JuH  statt  und  beschloss  prinzipielle  Zu- 
stimmung zu  einem  24stündigen  Generalstreik  als  Protest  gegen 
das  Streikpostenverbot  des  Stadtrates ;  doch  sollte  dieser  Beschluss 
noch  einer  Urabstimmung  in  den  Gewerkschaften  unterbreitet 
werden.  Mittwoch  den  10.  Juli  behandelte  der  Grosse  Stadtrat 
eine  Interpellation  Gschwend  über  das  partielle  Streikposten- 
verbot des  Stadtrates.  Sie  wurde  von  PoHzeivorstand  Vogel- 
sanger beantwortet,  der  sich  auf  die  Mahnung  der  Regierung  be- 
rief, die  Übertreibungen  bezüghch  der  ,,  Streikbrecher"  richtig 
stellte  und  erklärte,  dass  die  letzteren  den  Schutz  der  Nieder- 
lassungsverträge geniessen,  wie  jeder  andere,  dessen  Papiere  in 
Ordnung  sind  und  der  sich  nicht  gegen  unsere  Gesetze  vergeht. 
Abends  fiel  in  den  gesonderten  Versammlungen  der  zur  Arbeiter- 
union gehörenden  Gewerkschaften  und  Vereine  der  Entscheid 
für  den  Generalstreik  mit  total  6200  gegen  800  Stimmen.  So  be- 
schloss u.  a.  das  Kartell  der  städtischen  Beamten,  Angestellten 
und  Arbeiter  in  der  Stadthalle  mit  229  gegen  181  Stimmen  bei 
200  Enthaltungen  Beteiligung  am  Generalstreik.  Gegen  den 
Generalstreik  nahm  (mit  243  gegen  11  Stimmen)  die  mächtige 
Gewerkschaft  der  Typographen  Stellung ;  ferner  stimmten  dagegen 
(am  II.  Juh)  die  Versammlung  der  christhch-sozialen  Gewerk- 
schaften am  Wolfbach,  der  Verein  der  städtischen  Beamten  und 
Angestellten  und  der  Verein  der  Gasarbeiter. 

In  seiner  ausserordentHchen  Sitzung  am  Donnerstag  den 
II.  Juli,  nachmittags  2  Uhr,  erHess  der  Stadtrat  an  die  städtischen 
Arbeiter  und .  Angestellten  eine  ernstHche  Warnung  vor  der  Be- 


330  XU.  KAPITEL:  ZÜRICH  III  SOZIALISTISCH  o 

teiligung  am  Generalstreik.  Gleichzeitig  wurde  der  Justiz-  und 
Polizeidirektion  von  der  Möglichkeit  des  Ausbruches  eines  General- 
streiks Kenntnis  gegeben.  Abends  8  Uhr  versammelten  sich  im 
\^olkshaus  die  Vorstände  und  Delegierten  der  Arbeiterunion. 
Gegen  ii  Uhr  wurde  bekannt,  dass  mit  293  gegen  170  Stimmen 
der  24stündige  Generalstreik  für  Freitag  den  12.  Juli  beschlossen 
worden  sei.  Alsbald  begann  auch  die  Verteilung  der  bereits  ge- 
druckten roten  Flugblätter  („Arbeiter  heraus!"),  welche  ,,zum 
Protest  gegen  die  Parteinahme  der  Behörden,  zum  Protest  gegen 
die  Einfuhr  berufsmässiger  Streikbrecher"  den  Generalstreik  pro- 
klamierten. Die  Arbeiter  wurden  aufgefordert,  den  Alkohol  zu 
meiden,  jede  Sonderaktion  vor  den  bestreikten  Werkstätten  zu 
unterlassen  und  um  9  Uhr  vormittags  sich  zu  einer  Protestver- 
sammlung auf  der  Rotwandwiese  beim  Volkshaus  einzufinden. 

Unter  den  ersten,  die  in  der  Frühe  des  Freitag  Morgen,  12.  Juli 
1912,  den  Generalstreik  verspürten,  waren  Fremde,  die  mit  ihrem 
Gepäck  ungeduldig  an  den  Tramschienen  warteten,  um  zum  Bahn- 
hof zu  fahren.  Es  kam  aber  kein  Wagen.  Grosse  Streikeraufgebote 
hatten  bereits  die  Tramdepots  umlagert  und  die  Ausfahrt  der 
Wagen  verhindert.  Wie  die  nachherigen  Berichte  des  Stadtrates 
und  des  Regierungsrates  hervorhoben,  hatte  es  die  Streikleitung, 
um  die  Aktion  wirksam  zu  machen,  vor  allem  auf  Lahmlegung 
der  öffentHchen  Betriebe  abgesehen,  was  ihr  denn  auch  beim 
Tram  sofort  gelang.  Zwar  wurden  bei  vier  Depots  Versuche  zum 
Ausfahren  gemacht,  aber  angesichts  der  drohenden  Haltung  der 
Menge  bald  aufgegeben,  und  um  grösseres  Unheil  zu  verhüten, 
beschloss  der  Stadtrat  im  Laufe  des  Vormittags  Einstellung  des 
Trambetriebs  für  den  ganzen  Tag.  Auf  Veranlassung  einer  Streiker- 
delegation musste  auch  die  Strassenbahn  nach  Örlikon  den  Betrieb 
auf  der  Strecke  Milchbuck-Zürich  einstellen,  und  die  Drahtseil- 
bahn zum  Pol^^technikum  folgte  diesem  Beispiel.  Bei  den  Stal- 
lungen des  Abfuhrwesens  im  Hardhof  fand  sich  schon  um  ^44  Uhr 
früh  eine  Rotte  von  50  Streikern  ein,  um  das  um  4  Uhr  beginnende 
Ausfahren  der  Fuhrwerke  zu  verhindern.  Ein  im  Automobil 
eintreffender  Streikleiter  gab  den  strikten  Auftrag,  keine  Wagen 
herauszulassen.  Man  musste  sich  bald  überzeugen,  dass  es  ohne 
starken  polizeilichen  vSchutz,  der  an  dieser  Stelle  fehlte,  nicht 
möglich  war,   durclizukommen,   und  es  konnten  auch  nur  ganz 


o  XLI.  KAPITEL:  ZÜRICH  III  SOZIALISTISCH  331 

wenige  Fuhren  von  einigen  in  Vertragsverhältnis  mit  der  Stadt 
stehenden  Privatfuhrleuten  ausgeführt  werden,  von  denen  aber 
auch  einige  unterwegs  die  Pferde  ausspannen  und  die  Wagen  stehen 
lassen  mussten. 

Die  Streikleitung  hatte  während  der  Nacht  beschlossen,  vom 
Generalstreik  zu  dispensieren:  Post,  Telegraph  und  Telephon, 
Sanitäts-  und  Krankenpersonal,  Eisenbahnbetriebspersonal,  das 
Personal  der  Zeitungen  ,, Volksrecht"  und  ,,Grütlianer",  Lehrer, 
Milchführer,  Transportarbeiter  für  Brot  und  Früchte  des  Lebens- 
mittelvereins  bis  vormittags  9  Uhr,  die  Bäckerei  des  Lebensmittel- 
vereins  für  die  Nachtschicht.  Alle  andern  Leute  hatten  nach  der 
Auffassung  der  Streikleitung,  deren  Generalquartier  sich  im  Volks- 
haus befand,  die  moralische  Verpflichtung  zum  Mitmachen,  und 
wo  sich  Gelegenheit  dazu  bot,  wurden  sie  auch  ungeniert  zum  Mit- 
feiern gezvv'ungen.  Für  einzelne  dringende  Fahrten  konnten  aus 
besonderer  Gunst  von  der  Streikleitung  Erlaubnisscheine  erwirkt 
werden,  die  vom  Präsidenten  der  Arbeiterunion  unterzeichnet  waren. 
Ein  solcher  Zettel  lautete:  ,,Sie  erhalten  hiermit  die  Erlaubnis,  mit 
einem  Automobil  zwischen  11  und  12  Uhr  vormittags  und  6  und 
7  Uhr  nachmittags  am  Bahnhof  Milch  und  Fische  abzuholen. 
Dieser  Ausweis  gilt  nur  für  die  genannten  Fahrten."  Nachdem 
man  einmal  ein  paar  Fuhrv%'erke  angehalten  und  ausgespannt, 
Gemüsehändler  vom  See,  die  zu  Markt  fahren  wollten,  zum  Um- 
kehren gezwungen  hatte  und  auch  Droschkeninsassen  mit  mehr 
oder  weniger  höflicher  Bestimmtheit  zum  Aussteigen  eingeladen 
worden  waren,  ruhte  —  da  auch  die  Chauffeure  streikten  —  der 
Fuhrwerkverkehr  in  den  meisten  Strassen  fast  vollständig  und  die 
Abwesenheit  jedes  Tramlärms  erzeugte  eine  ganz  ungewohnte 
Stille.  Im  III.  Kreise  hatte  die  Streikleitung  Tagwacht  schlagen 
lassen;  die  Trommler  durchzogen  die  Strassen,  um  die  Feiernden 
zu  sammeln.  Tafeln  mit  der  Aufforderung  zur  Arbeitsniederlegung 
wurden  herumgetragen  und  massenhaft  das  rote  Flugblatt  verteilt. 
Allmähhg  mehrte  sich  das  Heer  des  Generalstreiks.  Das  Amts- 
haus des  Bauwesens  II  am  Beatenplatz  war  von  Streikern  um- 
stellt; Arbeiter  und  Angestellte,  die  zur  gewohnten  Arbeitszeit 
sich  einfanden,  hatten  Schwierigkeiten,  ins  Haus  zu  kommen. 
Camionneure  von  der  Bahn  wurden  ebenfalls  nicht  eingelassen 
und  die  Kisten,  die  sie  abgeben  sollten,  unter  dem  Gelächter  der 


332  XLI.  KAPITEI.:  ZÜRICH  III  SOZIALISTISCH  o 

Menge  von  d